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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 44
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6.

Hierauf suchten die Feinde das Ihrige zu retten, und führten ihre Hausgenossen und ihre Güter fort, wohin und so weit sie nur konnten. Die Griechen aber zogen während der Zeit, wo sie Kleander mit den Galeeren und Transportschiffen, auf die sie hofften, erwarteten, täglich mit dem Zugvieh und den Sklaven aus und brachten ohne Furcht Weizen, Gerste, Wein, Hülsenfrüchte, Buchweizengrütze und Feigen zusammen; denn das Land hatte Alles, nur Oel nicht. Wenn die Armee Rasttag hatte, durften Einzelne auf Beute ausgehen, die ihnen dann blieb: wenn aber Jemand auf einem Streifzuge des ganzen Heeres abwärts ging und besonders Beute machte, so war diese, einem Beschlusse gemäß, Eigenthum der Gesammtheit. Jetzt hatte man großen Ueberfluß an Bedürfnissen aller Art: denn von allen Seiten her kamen Lebensmittel aus den griechischen Städten, und die vorbeisegelnden Schiffer legten hier gern an, denn sie hatten gehört, es sollte in dieser Gegend, die mit einem Hafen versehen sei, eine Stadt angelegt werden. Auch die in der Nachbarschaft wohnenden Feinde, bewogen durch das Gericht, Xenophon würde auf dem Platze eine Stadt bauen, ließen ihn durch Abgeordnete fragen: was sie zu thun hätten, um als Freunde angenommen zu werden? Xenophon stellte sie eben den Soldaten vor, als Kleander mit zwei Galeeren, aber ohne Transportschiffe anlangte. Die Armee war gerade auswärts, als er kam, und einige andere Soldaten waren, um zu plündern, auf den Berg gegangen und hatten eine Menge Schafe erbeutet. Aus Besorgniß, man möchte sie ihnen wegnehmen, verabredeten sie mit Dexippus, der von Trapezunt auf einen fünfrudrigen Schiffe entwichen war, er solle die Schafe in Verwahrung nehmen, einen Theil davon für sich behalten und die andern ihnen zurückgeben. Er trieb sogleich die herumstehenden Soldaten von der Gegenpartei, 209 welche das Vieh für Gemeingut erklärten, fort, ging zum Kleander und sagte, die Soldaten wollten ihm die Schafe wegnehmen. Kleander befahl, den Schuldigen vor ihn zu bringen. Dexippus ergriff einen und führte ihn fort, Agastas aber, der eben dazu kam, nahm ihn wieder weg, denn der Mensch stand unter seiner Compagnie. Die andern Soldaten, welche gegenwärtig waren, fingen an auf den Dexippus mit Steinen zu werfen und nannten ihn einen Verräther. Viele von der Schiffsmannschaft erschraken darüber und flohen, und Kleander mit ihnen, ans Meer. Xenophon aber und die andern Heerführer hielten die Soldaten ab und sagten zum Kleander, es wäre so schlimm nicht gemeint, der Vorfall wäre nur eine Folge des Beschlusses, den die Armee gefaßt hätte. Kleander aber, theils von Dexippus aufgehetzt, theils außerdem schon ärgerlich, daß er sich geflüchtet hatte, erklärte, er würde absegeln und durch Herolde bekannt machen lassen, daß jede Stadt sie als Feinde zurückweisen sollte. Damals aber führten die Lacedämonier den Oberbefehl über alle Griechen. Die Sache schien der Armee gefährlich zu sein, und man bat ihn, doch das nicht zu thun. Allein er äußerte, auf keine Weise ließe er sich davon abbringen, als wenn ihm sowol der Eine, der zuerst mit Steinen geworfen, als der Andre, der den Soldaten weggerissen hätte, ausgeliefert würden. Agasias aber war es, dessen Auslieferung er eigentlich wünschte, ein Mann, den Dexippus deshalb besonders verleumdet hatte, weil er ihn als Xenophons beständigen Freund kannte. In dieser Verlegenheit ließen die Feldherrn das Heer zusammenkommen. Zwar Einige von ihnen betrachteten Kleander als eine unwichtige Person, Xenophon aber, der den Vorfall für bedeutend hielt, stand auf und sagte:

»Soldaten, mir scheint die Sache nicht unwichtig, wenn Kleander in dieser Stimmung gegen uns, seiner Drohung gemäß, absegelt: denn wir sind schon nahe an den 210 griechischen Städten; die Lacedämonier aber herrschen in Griechenland, und schon ein Einzelner von ihnen ist im Stande, in den Städten Alles durchzusetzen. Wenn uns dieser also erstlich von Byzanz ausschließt, wenn er ferner auch den Befehlshabern der andern Städte andeuten läßt, uns, als pflichtvergessene und den Lacedämoniern ungehorsame Menschen nicht aufzunehmen, wenn endlich diese Schilderung von uns auch dem Admiral Anaxibius zu Ohren kommt; so wird es uns, da die Lacedämonier in der jetzigen Periode zu Lande und zur See den Oberbefehl führen, in beiden Fällen, wir mögen bleiben oder absegeln wollen, schwer werden, unsern Vorsatz auszuführen. Es ist also unbillig, wenn eines oder zweier Menschen wegen wir Uebrigen alle von Griechenland ausgeschlossen werden sollten: wir müssen daher thun, was sie haben wollen; denn auch die Städte, aus denen wir gebürtig sind, gehorchen ihnen. Da nun Dexippus, wie ich höre, gegen Kleander geäußert hat, Agasias würde das ohne meinen Befehl nicht gethan haben, so will ich euch und Agasias von der Schuld befreien, wenn Agasias selbst mich für die Ursache irgend eines dieser Vorfälle erklärt, und ich bekenne mich der härtesten Strafe schuldig und will sie leiden, wenn ich von dem Steinwerfen oder irgend einer andern gewaltsamen Handlung der Urheber bin. Auch bin ich der Meinung, daß jeder Andere, der den Kleander für schuldig erklärt, sich dem Urtheile desselben unterwerfen müsse; denn so nur wird die Schuld von euch abgewälzt werden. Wie aber jetzt die Sachen stehen, so wäre es traurig, wenn wir, statt Lob und Ehre in Griechenland einzuernten, worauf wir rechneten, nicht einmal den Andern gleichgeschätzt, sondern von den Städten Griechenlands ausgeschlossen würden.«

Jetzt stand Agasias auf und sagte: »Ich schwöre, Soldaten, bei Göttern und Göttinnen aufs Heiligste, daß weder Xenophon, noch irgend ein Anderer von euch mir den Soldaten wegzureißen auftrug, sondern es empörte mich, 211 einen braven Mann von meiner Compagnie vom Dexippus, der euch, wie ihr wißt, im Stiche ließ, fortschleppen zu lassen, und da riß ich ihn weg, das gestehe ich. Ihr braucht mich nicht auszuliefern, ich werde mich selbst, wie Xenophon sagt, dem Kleander stellen, um mich seiner willkürlichen Verfügung zu unterwerfen. Ihr dürft deshalb mit den Lacedämoniern nicht brechen, sondern reiset gefahrlos, wohin Jeder wünscht. Wählt indessen Einige unter euch, um mich zum Kleander zu begleiten, und, falls ich etwas übergehen sollte, für mich zu sprechen und zu handeln.« Die Armee erlaubte ihm, seine Begleiter nach Belieben zu wählen. Er wählte die Heerführer und ging mit diesen und den von ihm weggerissenen Soldaten zum Kleander, welchen Jene auf folgende Art anredeten:

»Die Armee, Kleander, schickt uns zu dir und fordert dich auf, wenn du dich über Alle beklagst, selbst ein Verhör anzustellen und gegen die Schuldigen nach Willkür zu verfahren. Wenn du aber Einen oder Zwei oder Mehrere beschuldigst, so macht sie es diesen zur Pflicht, sich selbst deinem Urtheil zu unterwerfen. Trifft also deine Klage Einen von uns, so stehen wir jetzt vor dir; trifft sie einen Andern, so sage es, denn es wird sich dir keiner entziehen, der uns selbst wird gehorchen wollen.«

Hierauf trat Agasias hervor und sagte: »Ich bin es, Kleander, der diesen Mann hier Dexippus' Händen entriß und letztern zu schlagen befahl. Denn diesen hier kannte ich als einen braven Mann, vom Dexippus aber war mir bekannt, daß er, von der Armee zum Befehlshaber eines Schiffes von fünfzig Rudern bestimmt, das wir uns von den Trapezuntiern ausgebeten hatten, um damit Fahrzeuge zu unserer Abreise zusammenzubringen, davon segelte, und an der Armee, mit der er glücklich so weit gekommen war, zum Verräther wurde. Durch seine Schuld also haben wir die Trapezuntier um ein Lastschiff von fünfzig Rudern gebracht und sind nun in ihren Augen schlechte Menschen. 212 Seinetwegen hätten wir Alle zu Grunde gehen können, denn er hörte es so gut wie wir, daß es unmöglich war, wenn wir zu Lande fortzogen, über die Flüsse zu setzen und glücklich nach Griechenland zu kommen. Ihm also habe ich diesen braven Mann entrissen. Wurde er von dir oder einem Andern aus deiner Begleitung, nicht aber von einem der Menschen, die uns heimlich verlassen haben, fortgeführt, so sei überzeugt, ich hätte von alledem nichts gethan. Bedenke nun, daß du, wenn ich jetzt sterben muß, eines feigen und schlechten Menschen wegen einem tapfern und rechtschaffenen Manne das Leben nimmst.« Kleander erwiederte: »Dexippus hat meinen Beifall nicht, wenn er so handelte; allein, wenn er der ärgste Bösewicht war, so mußte er doch, meines Erachtens, keine Gewaltthätigkeit leiden, sondern eurem eignen jetzigen Verfahren gemäß erst nach Verhör und Urtheil gestraft werden. Jetzt geht indessen und laßt mir diesen Mann hier. Wenn ichs euch werde sagen lassen, dann kommt zum Verhör. Da dieser es selbst bekennt, den Soldaten weggerissen zu haben, so habe ich nun nichts weder gegen die Armee noch irgend einen Andern.« Hierauf sagte der weggerissene Soldat: »Ungeachtet, Kleander, deiner Meinung von mir, als wenn eine gesetzwidrige Handlung der Grund meiner Verhaftung war, so habe ich doch Niemanden weder geschlagen noch geworfen, sondern ich erklärte blos die Schafe für ein Gemeingut, weil laut des Beschlusses der Armee die Beute, die Jemand für seine Person machte, während das Heer ausmarschirt wäre, Eigenthum der Gesammtheit sein sollte. Dies waren meine Worte, und da ergriff mich dieser Mann und führte mich fort, um dadurch den Andern den Mund zu schließen und von der Beute, die er, der Verordnung zuwider, den Plünderern aufbewahren wollte, seinen Antheil zu nehmen.« – Hierauf erwiederte Kleander: »Nun, da du ein so guter Redner bist, so bleib nur hier, damit wir auch über dich berathschlagen können.« Hierauf hielt 213 Kleander mit seinen Leuten die Vormahlzeit. Xenophon aber versammelte die Armee und schlug vor, Abgeordnete zu Kleander zu schicken und für die Verhafteten bitten zu lassen. Man beschloß nun, die Heerführer, die Hauptleute und den Spartaner Drakontius nebst Andern, die man hierzu für tauglich hielt, abzufertigen, um sich bei Kleandern für die Loslassung der beiden Männer aufs Dringendste zu verwenden. Bei ihrer Ankunft sprach Xenophon: »Die Leute, Kleander, sind in deiner Gewalt; die Armee hatte es dir freigestellt, über diese und über sie Alle nach Willkür zu verfügen. Jetzt verlangen und bitten sie von dir, beiden das Leben und sie der Armee wieder zu schenken; denn sie haben vormals im Dienste derselben Vieles erduldet. Gewährst du ihnen diese Bitte, so versprechen sie gegenseitig, dir, wenn du sie anführen willst und die Götter Gnade verleihen, von ihrer Ordnungsliebe, ihrem Gehorsam gegen den Feldherrn und mit göttlicher Hilfe von ihrer Unerschrockenheit gegen den Feind Beweise zu geben. Auch ersuchen sie dich, wenn du zu ihnen kommst und den Oberbefehl übernimmst, mit Dexippus, mit ihnen selbst und den Andern, in Rücksicht ihres Betragens eine Prüfung vorzunehmen und dann Jeden nach seinem Werthe zu behandeln.« Kleander erwiederte hierauf: »Bei den Dioskuren! hier ist sogleich meine Antwort: die Männer gebe ich euch los, ich selbst werde kommen, und wenn es die Götter zulassen, euch nach Griechenland führen. Diese Anträge sind sehr verschieden von der Schilderung, die man mir von Einigen unter euch machte, nach welcher sie die Armee zum Abfall von den Lacedämoniern zu bewegen suchten.«

Sie nahmen diese Aeußerungen mit Beifall auf und gingen mit den Verhafteten zurück. Kleander, der nun für den Abmarsch Opfer brachte, beobachtete gegen Xenophon ein sehr gefälliges Betragen, und sie wurden Gastfreunde. Als Kleander nun auch die Pünktlichkeit bemerkte, 214 mit der die Soldaten die erhaltenen Befehle vollzogen, so vermehrte dies seine Neigung, das Obercommando zu übernehmen. Als aber die Opfer, die er drei Tage nach einander brachte, keine glückliche Vorbedeutung gewährten, so ließ er die Heerführer zusammen kommen und sagte: »Die Anzeichen der Eingeweide sind meinem Vorsatze, die Armee anzuführen, nicht günstig; doch laßt euch dies nicht anfechten; denn dem Ansehen nach ist es euch beschieden, die Truppen abzuführen. Brecht also auf; wenn ihr nach Griechenland kommt, werden wir euch mit der möglichsten Freundschaft empfangen.« Die Soldaten beschlossen hierauf, ihm die zum Gemeingut gehörigen Schafe zu schenken, er nahm sie an, schenkte sie ihnen aber wieder zurück und segelte nun ab. Die Soldaten aber vertheilten den gesammelten Proviant und die übrige Beute und marschirten nun durch Bithynien. Als sie aber auf dem geraden Wege, den sie eingeschlagen hatten, nichts antrafen, so beschlossen sie, um doch nicht mit leeren Händen in das freundschaftliche Gebiet zu kommen, einen Tag- und Nachtmarsch in das Bithynische zurückzumachen. Dies geschah, sie erbeuteten viele Sklaven und Schafe und erreichten in sechs Tagen Chrysopolis in Chaledonien, wo sie sieben Tage verweilten und ihre Beute verkauften.

 


 

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