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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 42
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.

Sie brachten also diesen Tag hier auf dem Ufer am Hafen zu. Dieser Ort, der Hafen von Kalpe benannt, liegt in dem asiatischen Thrazien. Dieses Thrazien erstreckt sich von der Mündung des Pontus, wenn man von derselben rechts hinsegelt, bis nach Heraklea. Eine mit 198 Rudern getriebene Trireme hat von Byzanz bis Heraklea sehr gut einen ganzen Tag zu segeln. In der Mitte zwischen beiden trifft man keine andere, weder gegen die Griechen freundschaftlich gesinnte, noch griechische Stadt an, sondern nur bithynische Thrazier, die, wie man sagt, alle Griechen, die ihnen durch Schiffbruch oder auf eine andere Art in die Hände fallen, auf eine grausame Art behandeln. Der Hafen von Kalpe liegt gerade mitten zwischen Heraklea und Byzanz. Es ist eine in die See hervorragende Landschaft, deren Meerseite aus einem schroffen, und wo er am niedrigsten ist, wenigstens zwanzig Klafter hohen Felsen besteht; der mit dem festen Lande zusammenhängende Theil dieser Erdzunge ist höchstens vier Plethren breit, der Raum aber des ganzen Landstrichs könnte eine Bevölkerung von zehntausend Menschen fassen. Der Hafen, dessen Ufer gegen Westen sieht, ist dicht am Felsen. Eine Quelle von süßem und reichlich fließendem Wasser, die noch zu diesem Gebiete gehört, entspringt nahe an der See. Holz wächst hier auf der Küste in Menge und von mehreren Arten, besonders aber sehr vieles und schönes Schiffsbauholz. Der Berg am Hafen erstreckt sich beinahe zwanzig Stadien ins Land und ist auf dieser Seite erdig und steinlos, auf der Seeseite aber ist er über zwanzig Stadien weit mit einem Walde von mancherlei und großen Holzarten dicht bewachsen. Die übrige Gegend ist schön, weitläufig und enthält viele sehr volkreiche Dörfer. Denn der Boden trägt Gerste, Weizen, alle Arten von Hülsenfrüchten, Buchweizen, Sesamkraut, Feigen in Menge, viele Weinstöcke, die einen lieblichen Wein liefern, kurz Alles, nur nicht Oelbäume. So war das Land beschaffen. Die Griechen hatten sich auf der Küste ans Meer gelagert: denn sie wollten durch ihr Lager keine Veranlassung zur Erbauung einer Stadt geben; ja sie argwöhnten sogar, man habe sie, weil Einige eine Stadt zu erbauen wünschten, planmäßig deswegen hierhergeführt. Denn die meisten Soldaten waren 199 nicht aus Mangel an Lebensmitteln hinüber geschifft, um für diesen Kriegszug in Sold zu treten, sondern gelockt durch den Ruf von Cyrus' Heldencharakter brachten Manche noch Vermögen mit, das sie dabei zusetzten; eine andere der vorigen sehr unähnliche Classe bestand aus solchen Leuten, die theils ihren Eltern entlaufen waren, theils ihre Kinder verlassen hatten, um einiges Vermögen für sie zu erwerben und dann wiederzukommen; denn sie hatten gehört, daß auch die andern in Cyrus' Diensten angestellten Personen sich sehr gut stünden. Von diesen Beweggründen früher geleitet, wünschten sie sich jetzt natürlich nach Griechenland zurück.

Früh am Tage nach ihrer Vereinigung erforschte Xenophon die Opfereingeweide eines Streifzuges wegen, den der Mangel an Lebensmitteln nothwendig machte, womit er zugleich die Absicht verband, die Gebliebenen zur Erde bestatten zu lassen. Nach verrichtetem Opfer folgten ihm auch die Arkadier, und sie begruben die meisten Todten auf der Stelle, wo sie gefallen waren – denn sie lagen schon seit fünf Tagen und konnten nicht weiter gebracht werden, – Einige aber, die am Wege lagen, trugen sie zusammen und beerdigten sie, so gut es die jetzigen Umstände erlaubten, aufs Feierlichste; denen aber, die sie fanden, errichteten sie einen großen Grabhügel und einen hohen Scheiterhaufen und legten Kränze darauf. Nach Endigung dieses Geschäfts gingen sie ins Lager zurück, und nach genossener Abendmahlzeit begaben sie sich zur Ruhe. Am folgenden Tage kamen alle Soldaten zusammen, vorzüglich auf den Ruf des Hauptmanns Agasias aus Stymphalus, des Hauptmanns Hironymus aus Elis und anderer arkadischen Veteranen. Es wurde beschlossen, denjenigen mit dem Tode zu bestrafen, der noch einmal den Vorschlag machte, die Armee zu theilen; ferner sollte die letztere ihre vorige Verfassung bekommen und unter ihren vorigen Anführern stehen; endlich wählte man an Chirisophus' Stelle, 200 der, ungeachtet der angewendeten Arzneimittel, schon an einem Fieber gestorben war, Neon von Asine. Jetzt stand Xenophon auf und sagte: »Soldaten, daß wir die Reise zu Lande fortsetzen müssen, liegt, wie mich dünkt, am Tage; denn wir haben keine Schiffe. Es ist aber nothwendig, bald aufzubrechen, denn zu einem längern Aufenthalt fehlen euch die Lebensmittel. Wir also wollen opfern: ihr aber müßt euch, da der Feind Muth bekommen hat, mehr als irgend jemals aufs Schlagen gefaßt machen.« Hierauf opferten die Heerführer in Beisein des Sehers Arexion aus Arkadien. Denn Silanus aus Ambracia hatte sich auf einem gemietheten Schiffe von Heraklea aus geflüchtet. Die Opfer gaben aber für den Abmarsch keine glücklichen Anzeichen. Man setzte also für diesen Tag die Unternehmung aus. Einige nahmen sich die Freiheit, zu sagen: Xenophon habe, in der Absicht hier eine Colonie anzulegen, dem Seher die Aussage, daß die Vorbedeutung des Opfers dem Abmarsch nicht günstig wäre, in den Mund gegeben. Xenophon ließ nun durch den Herold bekannt machen: dem morgenden Opfer könnte Jeder nach Belieben beiwohnen, und wenn sich noch ein Seher im Heere befinde, so möchte er kommen, um die Besichtigung des Opfers mit vorzunehmen. Nun kamen Viele zum Opfer. Dreimal erforschte man wieder die Eingeweide des Abmarsches, ohne glückliche Anzeigen zu finden. Die Soldaten wurden hierüber sehr bestürzt, denn die Lebensmittel, die sie mitgebracht hatten, waren beinah' aufgezehrt, und andere waren hier nirgends zu kaufen. Als sie sich hierauf wieder versammelt hatten, sprach Xenophon: »Soldaten, unserm Marsche sind, wie ihr seht, die Opferanzeigen noch nicht günstig, und doch sehe ich euch Mangel leiden: wir müssen also, glaube ich, fortfahren, hierüber den Willen der Götter zu erforschen.« Da trat Einer auf und sagte: »Natürlich können die Opfer unserer Absicht nicht günstig sein; denn wie ich von einer Person, die gestern zufälliger Weise zu Schiffe hier ankam, 201 gehört habe, so ist ja Kleander, der Statthalter von Byzanz, im Begriff, mit Transportschiffen und Galeeren hierher zu kommen.« Hierauf beschloß man einmüthig, dazubleiben. Allein auf Lebensmittel mußte man nothwendig ausgehen: man schlachtete also aufs Neue drei Opfer für diese Unternehmung, ohne eine Vorbedeutung des glücklichen Erfolges wahrzunehmen. Schon kamen die Soldaten vor Xenophon's Zelt und klagten ihm den Mangel an Proviant: er erklärte ihnen aber seinen Entschluß, sie zu keiner Unternehmung anzuführen, die von den Opfern widerrathen würde.

Am folgenden Tage wurde wieder geopfert: und weil Alle dabei interessirt waren, so schloß beinahe die ganze Armee einen Kreis um das Opfer. Als nun kein Opfervieh mehr vorhanden war, ließen die Anführer das Heer nicht zu einer Unternehmung, sondern zur Berathschlagung zusammenkommen, und Xenophon sprach: »Vielleicht haben sich die Feinde zusammengezogen und wir müssen kämpfen. Wenn wir also das Gepäck auf einem festen Platz zurückließen und in Schlachtordnung vorrückten, so würden uns die Opfer vielleicht günstiger sein.« – Als die Soldaten dies hörten, schrieen sie: es wäre kein fester Ort nöthig, man sollte nur aufs Eiligste opfern. Da man nun keine Schafe mehr hatte, so wurden Zugochsen gekauft und geopfert. Xenophon ersuchte den Arkadier Kleanor, sich mit Eifer zu einer Unternehmung anzuschicken, wenn jetzt etwa die Opfer günstig wären. Allein auch diesmal waren sie es nicht.

Neon, der an Chirisophus' Stelle Feldherr geworden war, suchte bei dem Anblick des drückenden Mangels der Mannschaft, sich ihr gefällig zu bezeigen, und da er mit einer gewissen Person aus Heraklea gesprochen hatte, die ihm versicherte, in der Nähe Dörfer zu kennen, wo man sich mit Proviant versorgen könnte, so ließ er durch den Herold bekannt machen: Alle, welche Lust hätten, möchten 202 nach Lebensmitteln ausziehen, er würde sie anführen. Hierauf machte sich ein Corps von ungefähr zweitausend Mann mit Stangen, Schläuchen, Säcken und andern Geräthschaften versehen, auf den Weg. Als sie nach ihrer Ankunft in den Dörfern sich zerstreuten, um die Lebensmittel einzutreiben, wurden sie von dem Vortrabe eines Cavalleriecorps des Pharnabazus, das den Bithyniern zu Hilfe gekommen war, und mit diesen vereinigt die Griechen wo möglich von einem Einfalle in Phrygien abhalten wollte, überfallen. Diese Reiterei hieb nicht weniger als fünfhundert Griechen nieder; die übrigen entflohen auf einen Berg. Einer von den Flüchtlingen brachte die Nachricht von dieser Begebenheit ins Lager. Xenophon nahm nun, da das heutige Opfer nicht günstig gewesen war, einen Zugochsen – denn anderes Schlachtvieh hatte man nicht – zum Opfer und zog dann mit Allen, die nicht über fünfzig Jahr alt waren, dem geschlagenen Corps zu Hilfe, vereinigte sich mit dem Reste desselben und kehrte ins Lager zurück. Es war schon gegen Sonnenuntergang, und die Griechen hielten in der größten Niedergeschlagenheit ihre Mahlzeit, als auf einmal eine Anzahl Bithynier aus dem Gebüsche hervorbrach, die Vorposten überfiel und sie theils niederhieb, theils bis in das Lager verfolgte. Auf den Lärm, der dadurch entstand, griffen die Griechen allgemein zu den Waffen. Allein es schien nicht rathsam, den Feind zu verfolgen und bei Nachtzeit das Lager abzubrechen, denn die Gegend war waldig: sie stellten daher blos hinreichend starke Vorposten aus und blieben die Nacht über unter dem Gewehr.

 

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