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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 37
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7.

Die Soldaten erfuhren es wieder, was man im Werke hatte, und Neo sagte ihnen: Xenophon habe die andern Heerführer auf seine Seite gebracht und gehe damit um, die Armee zu täuschen und sie wieder zum Phasis zu führen. Die Soldaten nahmen dies sehr übel auf, hielten Zusammenkünfte und traten truppweise zusammen, und es war sehr zu besorgen, sie möchten eine ähnliche That begehen, wie sie an den kolchischen Herolden und an den Marktaufsehern verübt hatten, von denen Alle, die sich nicht aufs Meer flüchteten, waren gesteinigt worden. Als Xenophon dies wahrnahm, beschloß er, sie aufs Eiligste zusammen kommen zu lassen und keine eigenmächtigen Versammlungen zu gestatten. Er ließ durch den Herold zur Versammlung rufen. Da sie den Herold vernahmen, liefen sie sehr begierig zusammen. Jetzt sprach Xenophon, ohne die Heerführer anzuklagen, daß sie zu ihm gekommen waren, folgendermaßen:

»Ich höre, Soldaten, daß Jemand mir nachredet, ich wollte euch betrügerischer Weise zum Phasis führen. Bei 175 den Göttern, hört mich also. Und wenn ich schuldig befunden werde, so müsse ich diesen Platz nicht eher verlassen, bis ich gebührend bestraft worden bin; sind es aber meine Verleumder, welche die Schuld trifft, so handelt mit ihnen nach Verdienst. Es ist euch doch wol sicher bekannt, wo die Sonne auf- und wo sie untergeht, daß derjenige, der nach Griechenland kommen will, gegen Abend und umgekehrt, wer in die barbarischen Länder gelangen will, gegen Morgen zu reisen muß. Würde euch also wol irgend Jemand überreden können, daß die Sonne da untergehe, wo sie aufgeht, oder da aufgehe, wo sie untergeht? Ferner wißt ihr doch auch wol, daß der Nordwind aus dem Pontus nach Griechenland fährt, der Südwind aber zum Phasis; daher pflegt ihr auch, wenn der Nordwind weht, zu sagen, er sei günstig zur Fahrt nach Griechenland: wäre es also möglich, euch so zu täuschen, daß ihr bei Südwinde zu Schiffe gingt? Doch vielleicht werde ich euch einschiffen, wenn wir Windstille haben: wohl, ich fahre doch dann nur auf einem Schiffe, und ihr wenigstens auf hundert: wie könnte ich euch also mit Gewalt oder Täuschung bewegen, mit mir zu fahren? Ich will aber den Fall setzen, ihr kämt, von mir hintergangen und bezaubert, an den Phasis, ihr stiegt auch sogar ans Land, so würdet ihr doch gewahr werden, daß ihr nicht in Griechenland wäret; ich, euer Betrüger, stände dann einzeln gegen beinahe zehntausend wehrhafte Betrogene. Wie könnte sich ein einziger Mann zuverlässigerer Ahndung aussetzen, als wenn er so gegen sich selbst und gegen euch verführe? Doch, das ist Geschwätz einfältiger Menschen, die mir eure Hochachtung nicht gönnen. Wiewol, sie haben keine gerechte Veranlassung, mich zu beneiden; denn welchen von ihnen halte ich ab, entweder zu reden, wenn er einen heilsamen Rath für euch weiß, oder wenn er will, für euch und für sich selbst zu kämpfen, oder sorgfältig für eure Sicherheit zu wachen? Wie betrage ich mich ferner, wenn ihr eure Anführer wählt? 176 Verdränge ich etwa da irgend Jemanden? nein, ich mache ihm Platz, er kann meinetwegen das Commando übernehmen, wenn er es nur zu euerm Besten führt. Doch dies sei genug über diesen Gegenstand. Glaubt aber Jemand von euch, daß er sich entweder durch eigenen Irrthum oder durch fremde Ueberredung in seiner guten Meinung von mir geirrt habe, der beweise dies öffentlich. Wenn ihr nun in diesen Rücksichten befriedigt seid, so trennt euch nicht eher, bis ihr gehört habt, welches Verfahren ich in der Armee aufkommen sehe. Wenn dies in der Art, wie wir schon ein Beispiel haben, fortgesetzt wird und sich weiter verbreitet, so ist es hohe Zeit, uns selbst zu berathen, daß wir uns nicht vor Göttern und Menschen, vor Freunden und Feinden als die schlechtesten und unwürdigsten Leute der Verachtung aussetzen.« – Die Soldaten in gespannter Erwartung, was das wäre, forderten ihn auf, es zu sagen. Er fuhr also fort:

»Ihr wißt doch, daß es auf dem Gebirge der Barbaren einige Ortschaften gab, die mit den Cerasuntiern im Bündnisse standen, und aus denen manche Einwohner herabkamen und uns Opfervieh und andere Waaren, die sie hatten, zum Verkaufe brachten. Wie mich dünkt, gingen auch Einige von euch in das nächste Städtchen dieser Leute, kauften etwas und kamen wieder zurück. Der Hauptmann Klearatus, der es bemerkt hatte, daß der Ort klein, und weil die Einwohner mit uns in Frieden zu stehen glaubten, unbewacht war, zog bei Nachtzeit, ohne Jemandem von uns etwas zu sagen, gegen diese Menschen aus, um sie zu plündern. Er hatte den Plan entworfen, nach der Einnahme des Platzes nicht mehr zur Armee zurückzukehren, sondern das Fahrzeug zu besteigen, worin seine Zeltkameraden gerade die Küste befuhren, die etwaige Beute darauf zu packen, und so aus dem Pontus hinwegzusegeln. Dies war, wie ich jetzt einsehe, zwischen ihm und seinen Zeltgenossen in dem Fahrzeuge so verabredet. Er zog also so 177 viele Mannschaft, als er dazu bereden konnte, zusammen und führte sie auf den Ort los. Indessen überraschte ihn noch auf dem Marsche der Tag und die Einwohner, welche zusammengelaufen waren, warfen und schossen nun von ihren Anhöhen herab und erlegten den Klearatus und viele von den Uebrigen. Einige aber retteten sich nach Cerasus. Eben an dem Tage, als dies vorfiel, hatten wir uns hierher in Marsch gesetzt; von denen aber, welche zu Schiffe reisten, waren Einige noch nicht abgesegelt, sondern hielten sich noch in Cerasus auf. Hierauf kamen nach Aussage der Cerasuntier drei der älteren Männer aus dem Städtchen, um zu uns in die Versammlung zu gehen. Als sie uns aber nicht mehr antrafen, wendeten sie sich an die Cerasuntier und äußerten gegen diese ihre Verwunderung, was uns doch möchte bewogen haben, sie anzugreifen. Auf die Versicherung Jener, die That sei nicht Folge eines öffentlichen Auftrags, waren sie froh und wollten uns nachsegeln, um uns den Vorfall anzuzeigen und zu erklären, diejenigen, die sich dafür interessirten, möchten die Gebliebenen abholen, um sie zu begraben. Nun waren gerade Einige von den Griechen, die sich durch die Flucht gerettet hatten, noch in Cerasus. Als diese erfuhren, wohin die Barbaren wollten, unterfingen sie sich, sie mit Steinen zu werfen, und auch die Andern dazu aufzumuntern, und so mußten diese Menschen, drei Abgeordnete, mit Steinen bedeckt, ihr Leben einbüßen. Hierauf kamen die Cerasuntier zu uns und erzählten den Vorfall. Wir Heerführer waren darüber äußerst unwillig und berathschlagten mit den Cerasuntiern, wie es anzufangen wäre, um die gebliebenen Griechen zur Erde zu bestatten. Wir saßen hierbei außerhalb des Lagers, auf einmal hörten wir ein vielfaches Geschrei: »Schlagt zu! schlagt zu! wirf, wirf!« und sogleich sahen wir eine große Menge mit Steinen in den Händen oder im Aufheben begriffen, heranlaufen. Die Cerasuntier, Augenzeugen der That, die bei ihnen verübt worden 178 war, zogen sich aus Furcht zu ihren Schiffen zurück. Bei den Göttern! auch Einige von uns waren für sich besorgt. Ich indessen ging auf sie zu und fragte sie um die Veranlassung des Auflaufs. Einige von ihnen wußten sie selbst nicht, obwol sie Steine in den Händen hatten; als ich aber an Einen kam, dem sie bekannt war, so sagte mir dieser: »Die Marktaufseher behandeln die Armee äußerst unbillig.« In demselben Augenblicke wurde Einer gewahr, daß der Marktmeister Zelarch ans Meer zurückging und schrie auf, nun rannten sie ihm nach, als hätte sich ein Eber oder Hirsch sehen lassen. Die Cerasuntier, die jene auf sich zukommen sahen und glaubten, es sollte ihnen gelten, entflohen eilends und stürzten sich ins Meer, und mit ihnen auch Einige der Unsrigen, und wer nicht schwimmen konnte, ertrank. Was meint ihr wol, wofür diese sich fürchteten? Zu Leide gethan hatten sie uns doch nichts, sie besorgten also, es möchte uns gleich den Hunden eine Art von Wuth befallen haben. Wenn das so fortgeht, so gebt Acht, in welchen Zustand das Heer gerathen wird. Krieg anzufangen oder Frieden zu schließen, wird dann nicht mehr das Werk eurer gemeinschaftlichen Beschlüsse sein, sondern Einer, dem es einfällt, wird die Armee nach eigenem Gutdünken führen, wohin er will. Wenn die Gesandten zu uns kommen, entweder um Frieden zu bitten oder in einer andern Angelegenheit, so werden Leute, denen dies gerade beliebt, durch die Ermordung derselben uns die Gelegenheit rauben, ihre Anträge zu vernehmen. Ferner werden diejenigen Befehlshaber, die ihr durch gemeinschaftliche Beschlüsse wählt, gar kein Ansehen haben. Wer sich aber selbst zum Anführer bestimmt und sich einfallen läßt, schlagt zu! schlagt zu! zu rufen, der wird Macht genug besitzen, nach Willkür sowol einen Befehlshaber als einen Gemeinen unter euch ohne Verhör zu tödten, wenn er sich nur Helfershelfer zu verschaffen weiß, wie wir eben erst gesehen haben. Laßt uns aber einmal sehen, was diese 179 selbstgewählten Anführer auch angerichtet haben. Wenn der Marktaufseher Zelarch auch Unrecht that, so ist er nun abgesegelt, ohne dafür bestraft worden zu sein, ist er aber unschuldig, so entfloh er vom Heere aus Furcht, um nicht ohne Urtheil und Recht sein Leben einzubüßen. Die Steiniger der Gesandten haben es nun dahin gebracht, daß wir allein unter den Griechen nicht mit Sicherheit nach Cerasus gehen können, außer mit bewaffneter Macht. Die Gebliebenen, deren Auslieferung zum Begräbnisse uns von ihren Besiegern selbst vorher angeboten wurde, können wir nun, so viel haben sie bewirkt, auch nicht einmal mehr durch einen Herold ohne Gefahr abholen, denn wer wird als Herold hingehen wollen, wenn er selbst Herolde erschlagen hat? Deshalb haben wir auch die Cerasuntier ersucht, jene zu begraben. Ob dies Alles nun so schicklich und recht ist, darüber erklärt euch jetzt, damit, wenn dies Betragen Sitte werden sollte, Jeder für sich selbst wachen und sich nach einer befestigten Anhöhe für sein Lager umsehen kann. Glaubt ihr aber, daß dies Handlungen wilder Thiere, aber nicht menschlicher Wesen sind, so sucht ihnen ein Ziel zu setzen, wo nicht, beim Zeus! wie wollen wir dann ruchloser Thaten schuldig mit Frohsinn den Göttern opfern? Wie wollen wir mit den Feinden kämpfen, wenn wir selbst einander ermorden? Welche friedliche Stadt wird uns aufnehmen, wenn sie die Zügellosigkeit unter uns wahrnimmt? Wer wird mit Vertrauen uns Lebensmittel zuführen, wenn wir in den Angelegenheiten des Markts öffentlich so auffallende Verbrechen begehen? Und was den Ruhm anbetrifft, welchen Ruhm könnten wir wol besonders erwarten? Wer wird uns solche Menschen wol rühmen? Wir wenigstens, das weiß ich, würden Personen, die sich so betrügen, schlechte Menschen nennen.« Nun standen Alle auf und sagten: die Urheber dieser Verbrechen müßten bestraft werden, Niemand sollte in der Folge so zügellos verfahren, und wer es sich unterfinge, müßte 180 sterben, die Feldherrn sollten die Schuldigen zur Verantwortung ziehen und auch gegen andere Vergehen, die seit Cyrus' Tode möchten begangen worden sein, sollte gerichtlich verfahren werden. Das richterliche Amt übertrugen sie den Hauptleuten. Auch wurde auf Xenophon's Anrathen, dem die Seher beipflichteten, die Entsündigung der Armee beschlossen und ausgeführt.

 

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