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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 36
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6.

Am folgenden Tage versammelten die Feldherrn das Heer und beschlossen, über den rückständigen Theil der Heimreise mit Zuziehung der Sinopeser zu berathschlagen. Denn bestimmte man die Reise zu Lande, so schien es vortheilhaft, Wegweiser von Sinope zu haben, da ihnen Paphlagonien bekannt war; bestimmte man die Reise zur See, so hielt man die Hilfe der Sinopeser für nothwendig, weil sie allein im Stande wären, die Armee mit einer hinlänglichen Anzahl Fahrzeuge zu versorgen. Die Gesandten wurden also zur Versammlung berufen und ersucht, sie möchten die gute Aufnahme ihrer griechischen Landsleute damit beginnen, daß sie ihnen ihr Wohlwollen schenkten und sie mit ihrem besten Rathe unterstützten. Hekatonymus stand nun auf und entschuldigte zuerst das, was er über eine mögliche Vereinigung mit dem paphlagonischen Fürsten gesagt hatte, womit er nicht habe sagen wollen, daß sie die Griechen bekriegen würden, sondern daß sie ungeachtet der Gelegenheit, sich mit den Barbaren zu verbinden, die Freundschaft der Griechen vorzögen. Dann, als man ihn aufforderte, seine Meinung zu sagen, begann er nach einem vorangeschickten Gebete:

»Wenn ich euch so rathe, wie es nach meiner Ueberzeugung am besten ist, so fordere ich die Götter zum Segen für mich, wo nicht, zur Strafe gegen mich auf; denn wir sind hier versammelt, um gemeinschaftlich Rath zu 168 halten, also in einer Angelegenheit, die allgemein für etwas Ehrwürdiges erkannt wird. Dann habe ich auch jetzt, je nachdem meine Vorschläge für nützlich oder schädlich erkannt werden, von Vielen unter euch entweder Beifall oder Verwünschung zu erwarten. Es ist mir freilich bekannt, daß die Schwierigkeiten für uns viel größer sind, wenn ihr die Reise zur See macht; denn wir werden dazu die Schiffe liefern müssen; daß hingegen die Landreise euch in Verlegenheit setzt, indem sie euch zu fechten zwingt. Gleichwol will ich nach meiner Ueberzeugung sprechen, denn ich kenne das Land der Paphlagonier und ihre Macht. In jenem findet man beides, die schönsten Ebenen und die höchsten Berge. Zuvörderst kenne ich den Ort, wo ihr euren Einmarsch bewerkstelligen müßt, nämlich nur da, wo sich die Straße zwischen zwei hohen Spitzen des Gebirges hinzieht. Hat man diese eingenommen, so kann man sie auch mit sehr weniger Mannschaft behaupten; sind sie aber schon besetzt, so würden alle Menschen mit einander nicht im Stande sein, durchzukommen. Davon kann ich euch durch den Augenschein überzeugen, wenn ihr Jemanden mit mir dahin abschicken wollt. Dann kenne ich auch ihre Ebenen, und ihre Reitermacht, die von den Barbaren selbst der ganzen Reiterei des Königs vorgezogen wird. Erst ganz kürzlich haben sie dem Befehle des Königs, der sie zu sich berief, nicht Folge geleistet, und ihr Fürst selbst ist noch stolzeren Sinnes. Wenn ich auch nun den Fall annehme, daß ihr den Gebirgspaß unvermerkt einnehmt oder ihnen in der Besetzung zuvorkommt, daß ihr auch auf der Ebene ihre Macht zu Pferde und zu Fuß, das heißt, mehr als hundertzwanzigtausend Mann, besiegt, so kommt ihr dann zu den Flüssen. Zuerst nämlich zu dem drei Plethren breiten Thermodon, wo der Uebergang sehr schwierig sein dürfte, zumal wenn ein zahlreicher Feind vor der Fronte und im Rücken steht; zweitens zum Iris, dessen Breite auch drei Plethren beträgt; drittens zum 169 Halys, nicht weniger als zwei Stadien breit, über welchen zu setzen also ohne Fahrzeuge nicht leicht möglich ist; wer aber wird euch diese verschaffen? Eben so ist der Pharthenius, zu dem ihr hinter dem Halys kommt, nicht zu passiren. Ich glaube daher, daß die Reise zu Lande für euch nicht nur schwierig, sondern schlechterdings unmöglich ist. Geht ihr aber zu Schiffe, so könnt ihr von hier nach Sinope und von Sinope nach Heraklea fahren, von Heraklea aus hat die Reise sowol zu Lande als zur See – denn es gibt in Heraklea Schiffe genug – keine weitere Schwierigkeit.« Diese Rede erregte bei Einigen den Argwohn, daß er nur aus Freundschaft für Korylas, dessen Gastfreund er war, so spräche, bei Andern sogar, daß er sich für diesen Rath schon würde bezahlen lassen; bei noch Anderen, er suche nur zu verhindern, daß durch die Landreise das Gebiet von Sinope nicht mitgenommen würde. Dem ungeachtet entschieden die Griechen durch Stimmenmehrheit für die Seereise. Hierauf sagte Xenophon: »Die Armee hat eurem Rathe gemäß gewählt, doch nur unter der Bedingung, wenn Fahrzeuge in hinreichender Anzahl vorhanden sind, daß auch nicht Einer zurückbleiben darf; sonst aber, wenn ein Theil sich einschiffen, der andere aber zurückbleiben sollte, besteigen wir kein Schiff. Denn wir sehen ein, daß wir da, wo wir der stärkere Theil sind, für Sicherheit und Unterhalt nicht besorgt sein dürfen; da aber, wo der Feind uns überlegen ist, natürlich so gut wie Sklaven zu betrachten wären.« Die Abgeordneten verlangten hierauf, man möchte Gesandte schicken. Es wurden daher Kallimachus aus Arkadien, Ariston ans Athen, und Samolas aus Achaja in dieser Eigenschaft abgesendet.

Während dieser Zeit fiel Xenophon bei der Betrachtung der zahlreichen Menge griechischer Hopliten, Peltasten, Bogenschützen, Schleuderer und Reiter, Menschen, mit denen sich wegen ihrer Erfahrung schon was anfangen ließ, auf den seiner Meinung nach guten Gedanken, durch Anlegung 170 einer Stadt im Pontus, wo es nicht wenig würde gekostet haben, eine solche Macht erst aufzustellen, Griechenlands Gebiet und Macht zu vergrößern. Diese Colonie schien ihm, wenn er die Menge Griechen und die benachbarten Bewohner des Pontus in Erwägung zog, in der Folge beträchtlich werden zu können. Dieser Sache wegen ließ er den Ambracioten Silanus, dessen sich Cyrus zum Zeichendeuter bedient hatte, zu sich kommen, und ehe er irgend Jemandem von der Armee seine Gedanken eröffnete, eine Opferbeschauung anstellen. Silanus aber, besorgt, es möchte zur Ausführung kommen und die Armee sich irgendwo niederlassen, verbreitete überall das Gerücht, Xenophon lege es darauf an, die Armee dazubehalten, eine Stadt zu erbauen und sich selbst Ruhm und Macht zu erwerben. Für seine Person nämlich wünschte Silanus so bald als möglich nach Griechenland zu kommen; denn er hatte jene dreitausend Dareiken, die ihm Cyrus, weil seine die zehn Tage betreffende Opferdeutung eingetroffen war, schenkte, noch ganz vollständig aufbewahrt. Einem Theile der Soldaten schien es selbst am vortheilhaftesten, dazubleiben, dem größeren aber nicht.

Timasion aus Dardanum und Thorax aus Böotien äußerte gegen einige anwesende Kaufleute ans Heraklea und Sinope: Wenn sie der Armee keinen Sold zahlten, um sich für die Abfahrt mit Lebensmitteln versorgen zu können, so würde diese zahlreiche Menge den Versuch machen, sich in dem Pontus festzusetzen. »Denn Xenophon,« fuhren sie fort, »hat den Plan, zu dessen Ausführung wir ihm behilflich sein sollen, sogleich nach Ankunft der Schiffe der Armee diese Eröffnung zu machen: Soldaten, wir sehen, daß ihr jetzt außer Stande seid, euch für die Seereise mit Lebensmitteln zu versorgen, und bei der Heimkunft den Eurigen etwas mitzubringen, wenn ihr daher in dem Umkreise des Pontus eine Landschaft, die ihr nach Belieben wählen könnt, einnehmen und dann Jedem freistellen wollt, 171 nach Hause zu reisen oder dazubleiben, so habt ihr jetzt Schiffe, um sogleich, wo ihr nur wollt, eine Landung zu unternehmen.«

Die Kaufleute benachrichtigten ihre Städte hiervon, und in ihrer Gesellschaft ließ der Dardanier Timasion seinen Landsmann Erymachus und den Böotier Thorax mitreisen, um dort eben dasselbe vorzutragen. Die Bürger von Sinope und Heraklea ließen hierauf dem Timasion sagen: er solle das Geld in Empfang nehmen und durch sein Ansehn das Heer zum Absegeln vermögen. Mit Vergnügen nahm er diesen Auftrag an und hielt den Soldaten, als sie sich versammelt hatten, folgende Anrede:

»Fern, Soldaten, sei von uns der Gedanke, hier zu bleiben oder irgend Etwas Griechenland vorzuziehen. Und doch höre ich, daß gewisse Personen über diese Angelegenheit, ohne etwas davon gegen euch zu erwähnen, die Opfer zu Rathe ziehen. Ich verspreche euch aber, wenn ihr mit dem Neumonde absegelt, Jedem unter euch einen CyzicenerEine Goldmünze, ungefähr zwanzig Mark an Werth; benannt von der Stadt Cyzikus am Marmorameer. monatlichen Sold. Nach Troas werde ich euch bringen, woraus ich vertrieben wurde; meine Vaterstadt wird euch unterstützen, denn man wird mich mit Vergnügen aufnehmen. Ich selbst will euch in Gegenden führen, wo ihr euch ansehnlich bereichern sollt. Denn ich kenne Aetolien, Phrygien, Troas und das ganze Gebiet des Pharnabazus, jenes, weil es mein Geburtsland ist, dieses, weil ich daselbst mit Klearch und Dercyllidas zu Felde gedient habe.«

Gleich nach ihm stand der Böotier Thorax auf, der wegen des Oberbefehls über die Armee beständig Xenophon's Gegner war und sagte: »Wenn ihr den Pontus verlaßt, so steht euch der Chersones, ein schönes und wohlhabendes Land offen, wo Jeder nach Belieben dableiben oder nach Hause ziehen kann. Es ist ja lächerlich, einen 172 Wohnplatz im Auslande zu suchen, wenn man ihn in Griechenland selbst weitläuftig und äußerst fruchtbar haben kann. Bis ihr dort ankommt, verspreche ich euch, wie Timasion, Löhnung.« Dies Letztere sagte er, weil ihm bekannt war, was die Herakleer und Sinopenser dem Timasion, um die Abfahrt zu bewirken, versprochen hatten. Xenophon schwieg hierzu. Allein nun standen die Achäer Philesius und Lykon auf und sagten: es sei doch arg, daß Xenophon aus eigener Macht zum Dableiben überrede und dieser Sache wegen die Opfer erforsche, ohne der Armee davon eine Anzeige zu machen, noch sich hierüber öffentlich zu erklären. Dadurch fand sich Xenophon genöthigt, aufzustehen und Folgendes zu sagen:

»Soldaten, ich erforsche die Opfer, wie ihr seht, nach meinem Vermögen, für euch und für mich, um so zu reden, zu denken und zu handeln, wie es für euch und mich am ehrenvollsten und vortheilhaftesten ist. Auch jetzt erst habe ich mich durch Opfer eben darüber zu belehren gesucht, ob es besser sei, über meinen Plan mit euch zu sprechen und zu unterhandeln, oder ihn gar nicht erst zu berühren. Der Seher Silanus indessen gab mir die Antwort, daß die Opfer – und das ist doch die Hauptsache, – einen glücklichen Erfolg versprächen: denn es war ihm bekannt, daß ich darin auch nicht unerfahren bin, da ich den Opferungen beständig beiwohne. Noch sagte er, die Opferanzeigen kündigten Hinterlist und Nachstellung gegen mich an, das mußte er nun freilich am besten wissen, da er selbst damit umging, mich bei euch zu verkleinern, denn von ihm kommt das Gerücht her, als wenn ich jenen Gedanken schon auszuführen gedächte, ohne euch erst durch Gründe für ihn gewonnen zu haben. Allerdings würde ich, wenn ich eure Lage schwierig fände, es möglich zu machen suchen, daß ihr euch einer Stadt bemächtigt, dann könnte Jeder nach Belieben entweder bald absegeln oder so lange warten, bis er im Besitz einiges Vermögens im 173 Stande wäre, bei der Heimkunft auch den Seinigen eine Freude zu machen. Da ich aber sehe, daß die Herakleer und Sinopenser euch Schiffe schicken und einige Personen vom Neumonde an Sold versprechen, so halte ich es für sehr gut, an den Ort unserer Bestimmung zu gelangen, und uns die erwünschte Reise noch bezahlen zu lassen. Ich gebe nun jene Gedanken nicht nur selbst auf, sondern kündige auch allen Denen, die deshalb zu mir kamen und seine Ausführung für nöthig hielten, an, daß er aufgegeben werden muß. Denn meine Meinung ist diese: Wenn ihr in zahlreicher Menge, so wie jetzt, bei einander seid, so werdet ihr geachtet sein und den nöthigen Unterhalt haben; denn dem Sieger fällt auch das Eigenthum des Besiegten zu, trennt ihr euch aber, und diese Macht theilt sich in kleine Haufen, so könnt ihr euch weder Lebensmittel verschaffen, noch nach Wunsche fortkommen. Ich halte daher so wie ihr selbst die Abreise nach Griechenland für nothwendig, und bleibt Jemand zurück oder wird über dem Vorhaben, uns zu verlassen, ehe noch die ganze Armee in Sicherheit ist, ergriffen, so müssen wir ihn, meiner Meinung nach, wie einen Verbrecher behandeln. Wer so denkt, wie ich, hebe die Hand auf.«

Dies geschah allgemein. Silanus aber erhob seine Stimme, um laut zu erklären, es wäre billig, die Abreise Jedem freizustellen. Die Soldaten aber ließen ihn nicht fortreden, sondern drohten, es an ihm zu ahnden, wenn sie ihn auf der Flucht ertappten. Als hierauf die Herakleer vernahmen, daß die Abfahrt beschlossen sei, und zwar selbst auf den Antrag, und die Stimmensammlung Xenophon's, so schickten sie zwar die Schiffe, allein in Rücksicht der Löhnungsgelder, die sie dem Timasion und Thorax versprochen hatten, täuschten sie die Erwartung derselben. Hierüber wurden diese, die den Sold schon zugesagt hatten, bestürzt, und da sie sich vor der Armee fürchteten, so vereinigten sie sich mit den andern Heerführern, denen sie ihre vorigen 174 Maßregeln mitgetheilt hatten, – zu diesen gehörten aber Alle, den einzigen Neo von Asine, Untergeneral des noch abwesenden Chirisophus, ausgenommen, – und gingen zum Xenophon mit der Erklärung, sie bereuten ihr Verfahren und hielten es für das Beste, da man jetzt Schiffe hätte, in den Phasis einzulaufen und sich des Gebiets der Phasianer zu bemächtigen. Ueber diese aber herrschte damals des Aeetes Sohn. Xenophon erwiederte: »Ich werde hierüber der Armee keinen Antrag stellen, wollt ihr, so laßt sie zusammenkommen und sagt es ihr selbst.« Der Dardanier Timasion eröffnete hierauf sein Gutachten, man müsse die Armee nicht zusammenrufen, sondern Jeder solle zuvor seine Hauptleute zu gewinnen suchen. Sie schieden nun, um dies auszuführen.

 

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