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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 35
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

Dieses Land, sowol den feindlichen als verbündeten Theil, durchzogen die Griechen in acht Märschen und kamen zu den Chalyben. Diese kleine, den Mosynöken unterwürfige Völkerschaft lebt meistens von der Arbeit in den Eisenbergwerken. Von ihr kamen sie zu den Tibarenen. Das Land derselben war viel flacher, und ihre Schlösser, die am Meere lagen, waren minder befestigt. Die Heerführer wollten diese angreifen, um der Armee einige Vortheile zu verschaffen: sie nahmen daher die Gastgeschenke, die ihnen die Tibarenen schickten, nicht an, sondern hießen sie bis nach beendigter Berathschlagung warten und opferten dann. Nach vielen Opfern thaten endlich alle Seher den Ausspruch: »den Göttern mißfiele der Krieg gänzlich.« Jetzt nahmen sie die Geschenke an, und nach einem zweitägigen Marsche durch dies Land, wo sie sich friedlich 164 betrugen, erreichten sie Kotyora, eine griechische Stadt und Colonie von Sinope, die im tibarenischen Gebiete liegt. Bis hierher hatte die Armee einen Weg zu Fuße gemacht, der in hundertzweiundzwanzig Märschen sechshundertzwanzig Parasangen oder achtzehntausendsechshundert Stadien betrug und in acht Monaten geendigt wurde. Die Griechen blieben hier fünfundvierzig Tage. Während derselben opferten sie zuvörderst den Göttern, dann stellten sie, nach ihren einzelnen Völkerschaften geordnet, Triumphaufzüge und gymnische Spiele an. Die Lebensmittel nahmen sie theils aus Paphlagonien, theils aus dem Gebiet von Kotyora; denn die hiesigen Einwohner brachten keine Lebensmittel zum Verkauf und wollten auch die Kranken nicht in die Stadt aufnehmen.

Unterdessen kamen Abgeordnete von Sinope, woselbst man für die Stadt Kotyora, die von jener abhing und ihr Tribut lieferte, und für ihr Gebiet, dessen Plünderung man erfahren hatte, besorgt war. Nach ihrer Ankunft im Lager hielt Hekatonymus, der für einen starken Redner galt, an der Spitze der Gesandtschaft folgenden Vortrag: »Kriegsmänner! Die Stadt Sinope hat uns abgesendet, um euch ihren Beifall zu bezeugen, daß ihr, geborene Griechen, Barbaren besiegt habt, und um euch ihre Theilnahme zu versichern, daß ihr aus so vielen, und, wie wir gehört haben, gefahrvollen Unternehmungen wohlbehalten bis hierher gekommen seid. Selbst geborne Griechen glauben wir nun, von euch Griechen vielmehr freundschaftliche als feindselige Behandlung erwarten zu dürfen, besonders, da wir euch nie eine Beleidigung zufügten. Dieses Kotyora nun ist unsere Pflanzstadt und wir haben ihr diese Landschaft, die wir den Barbaren abnahmen, übergeben; weshalb sie uns auch, wie Cerasus und Trapezunt, bestimmte Abgaben entrichtet. Jede Feindseligkeit also, die ihr gegen diese verüben möchtet, nimmt der Staat von Sinope so auf, als wäre sie ihm selbst widerfahren. Gleichwol haben wir 165 vernommen, daß ihr mit Gewalt in die Stadt gedrungen seid, um für einen Theil eurer Leute Quartier zu nehmen, und daß ihr ohne gütliche Uebereinkunft von dem Lande alle eure Bedürfnisse bezieht. Dies halten wir für unbillig: und wenn ihr dies Betragen fortsetzt, so sind wir genöthigt, uns mit Korylas und den Paphlagoniern, und mit wem wir sonst nur können, zu verbinden.«

Auf diese Rede stand Xenophon auf und sprach im Namen des Heeres: »Sinopenser, wir müssen froh sein, daß wir nur mit Erhaltung unsers Leben und unserer Waffen hier angekommen sind: denn viele Beute mitzuführen und zugleich gegen die Feinde zu kämpfen, ließ sich nicht vereinigen. Als wir die griechischen Städte erreichten, bezahlten wir bei Trapezunt, weil man uns daselbst einen Markt anwies, unsre Bedürfnisse baar. Auch für die Achtung, die sie uns durch Absendung von Gastgeschenken an die Armee erzeigten, erwiesen wir ihnen gegenseitige Freundschaft: wir schonten zum Beispiel die Barbaren, mit denen sie in guten Verhältnissen standen und ihren Feinden, gegen die sie uns selbst anführten, thaten wir den möglichsten Abbruch. Fraget sie, wie wir uns gegen sie betrugen: denn es sind Einige hier, die uns die Stadt als Wegweiser mitgab. Kommen wir aber an einen Ort, er sei griechisch oder nicht, wo man uns keine Lebensmittel zuläßt, da nehmen wir sie nicht aus Uebermuth, sondern weil wir müssen. Die Karduchen, Chaldäer und Tarchen, Völker, die, wenn gleich keine Unterthanen des Königs, dennoch furchtbar genug sind, mußten wir uns zu Feinden machen weil uns die Noth zwang, die Lebensmittel, die sie uns nicht zum Verkauf brachten, mit Gewalt zu nehmen. Die Makronen hingegen, die doch auch Barbaren sind, behandelten wir als Freunde und nahmen nichts von dem Ihrigen gewaltsam, weil sie uns Lebensmittel, so gut sie sie hatten, für Bezahlung überließen. Die Kotyoriten aber, die, wie ihr sagt, zu euch gehören, sind selbst Schuld, wenn 166 wir ihnen etwas genommen haben: denn sie haben uns gar nicht als Freunde behandelt, sondern uns durch Zuschließung der Thore die Aufnahme versagt, ohne uns außerhalb einen Markt anzuweisen; was ihrer Versicherung nach auf Befehl eures hiesigen Statthalters geschehen ist. Was den Punkt der gewaltsamen Einquartierung betrifft, so haben wir zuvor gebeten, unsre Kranken unter Dach zu nehmen: als sie aber die Thore nicht öffneten, so drangen wir an der Seite, wo sie uns die Aufnahme verweigerten, in den Ort, ohne weitere Gewaltthätigkeiten vorzunehmen. In den Quartieren zehren die Kranken für ihr Geld, und die Thore haben wir besetzt, um jene nicht in der Gewalt eures Statthalters zu lassen, sondern sie nach Gefallen mit fortnehmen zu können. Wir Andern lagern, wie du siehst, in Ordnung unter freiem Himmel, fertig, denen, die uns wohlwollen, wieder gefällig zu sein, gegen Uebelgesinnte aber uns zu wehren. Was übrigens deine Drohung anbelangt, euch, wenn ihr es für gut befindet, mit Korylas und den Paphlagoniern gegen uns zu verbinden, so wollen wir es nöthigenfalls auch wol mit beiden Theilen aufnehmen; denn wir haben uns schon mit andern weit zahlreichern Feinden, als ihr sein würdet, geschlagen; und gefällt es uns, so können wir uns auch wol selbst den paphlagonischen Fürsten zum Freunde machen, denn, wie wir hören, wünscht er eure Stadt und die Seeplätze zu besitzen; wir wollen also suchen, ihn durch Begünstigung seiner Pläne für uns zu gewinnen.«

Hierauf gaben die übrigen Gesandten ihren Unwillen über die Aeußerungen des Hekatonymus sehr deutlich zu erkennen. Ein Anderer unter ihnen trat hervor und sagte: »Wir sind nicht gekommen, um Krieg zu stiften, sondern euch unserer Freundschaft zu versichern. Wenn ihr nach Sinope kommt, so wird man euch mit gastlichen Geschenken empfangen: unterdessen aber werden wir den hiesigen Einwohnern Befehl geben, euch mit Allem, was in ihrem 167 Vermögen steht, zu unterstützen; denn wir sehen, daß Alles so ist, wie ihr sagt.« Jetzt sendeten die Kotyriten Gastgeschenke, und die griechischen Heerführer bewirtheten die Gesandten von Sinope. Unter vielen andern angelegentlichen Unterredungen, die hierbei vorfielen, zogen die Feldherrn auch über den noch rückständigen Marsch Erkundigung ein und besprachen sich mit den Gesandten über ihr beiderseitiges Interesse. Hiermit beschloß man den Tag.

 

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