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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2.

Da die Lebensmittel nicht mehr so in der Nähe zu erhalten waren, daß die Soldaten noch am nämlichen Tage zur Armee hätten zurückkehren können, so nahm Xenophon Wegweiser von den Trapezuntiern und führte die Hälfte des Heeres gegen die Driler, die andre aber ließ er zur Bewachung des Lagers zurück. Denn die Kolchier hatten sich, da sie aus ihren Wohnungen vertrieben waren, in großer Anzahl zusammengezogen und lauerten auf den Bergen. In die Gegenden aber, aus denen man sich leichter mit Lebensmitteln hätte versorgen können, wollten die Trapezuntier nicht hinführen, weil sie mit den Einwohnern in Freundschaft lebten. Zu den Drilern hingegen, der kriegerischen Völkerschaft am Pontus, die eine bergige und unwegsame Gegend bewohnte, zeigten sie sehr gern den Weg, weil sie von ihnen feindlich behandelt wurden. Als nun die Griechen dieses Bergland erstiegen hatten, steckten die Driler alle Plätze, die sie nicht für haltbar hielten, in Brand und zogen davon: man fand daher hier nichts als 152 Schweine und Ochsen und einiges andre Vieh, was dem Feuer entflohen war.

In einem Platz aber, der ihre Hauptstadt hieß, hatten sich Alle zusammengezogen. Er war mit einem sehr tiefen Hohlwege umgeben, und die Zugänge waren schwierig. Die Peltasten, die den Hopliten um fünf oder sechs Stadien vorgeeilt waren, gingen über den Hohlweg, und da sie viele Schafe und andere Gegenstände von Werth erblickten, so griffen sie den Ort an. Auch folgten ihnen viele Lanzenträger, die auf Proviant ausgingen, sodaß über zweitausend Mann den Hohlweg passirten. Da ihr Angriff aber nicht hinreichte, den Platz zu erobern, – denn er war mit einem breiten Graben und einem mit Pallisaden und vielen hölzernen Thürmen besetzten Walle umzogen – so schickten sie sich schon zum Abzuge an, als der Feind sie im Rücken angriff. Bei der Unmöglichkeit also, sich zurückzuziehen, indem man von hier aus in den Hohlweg nur einzeln herabsteigen konnte, schickten sie zum Xenophon, der die Hopliten anführte. Der Abgeordnete meldete: der Platz, vor dem sie ständen, sei mit vielen Gütern angefüllt, allein sie könnten ihn, weil er fest sei, nicht einnehmen; eben so wenig aber könnten sie sich zurückziehen, denn der Feind beunruhige den an und für sich schon schwierigen Rückzug durch Ausfälle.

Aus diese Nachricht rückte Xenophon an den Hohlweg, ließ die Hopliten halten und ging mit den Hauptleuten hinüber, um zu sehen, ob es rathsamer sei, die vorgerückten Truppen wieder herüber zu führen, oder, im Vertrauen auf die Eroberung, auch die Hopliten nachrücken zu lassen. Der Rückzug schien nicht ohne großen Verlust bewerkstelligt werden zu können; die Einnahme des Orts hingegen hielten die Hauptleute für möglich, und Xenophon stimmte ihnen in Vertrauen auf die Opfer, bei: denn die Opferpriester hatten ein Gefecht angekündigt, das einen glücklichen Ausgang nehmen würde. Er schickte also die 153 Hauptleute ab, um die Hopliten herüber zu holen, ließ die Peltasten sich zurückziehen und untersagte ihnen, auf den Feind zu werfen oder zu schießen. Als die Hopliten ankamen, forderte Xenophon die Hauptleute auf, jeder von ihnen möchte seine Compagnie in eine Fassung setzen, bei der er sich von ihrer Bravour das Meiste verspräche: denn die Hauptleute, welche die ganze Zeit über um den Preis der Tapferkeit wetteiferten, standen einander nahe. Es geschah. Hierauf gab er Befehl, die Peltasten sollten sämmtlich die Hand am Riemen des Wurfspießes vorrücken, um auf das gegebene Zeichen sogleich abzuwerfen; die Bogenschützen sollten den Pfeil auf die Sehne legen, um aufs Commando zum Schusse fertig zu sein; die Gymneten sollten ihre Taschen mit Steinen gefüllt haben, und zugleich schickte er taugliche Personen ab, um diese Befehle bekannt zu machen. Nachdem nun Alles angeordnet war, die Hauptleute, die Unterhauptleute, und die sich ihnen gleich schätzten, sich wegen der Beschaffenheit des Orts, die nur eine einförmige Stellung zuließ, neben einander geordnet hatten, so daß einer den andern beobachten konnte, so wurde der Päan angestimmt, die Trompete erklang, zugleich riefen die Soldaten zum Kriegsgott ihr Alala, die Hopliten drangen im vollen Laufe vorwärts, und mit einander flogen Pfeile, Wurfspieße und Steine, theils mit den Schleudern, größtentheils auch mit bloßen Händen geworfen; ja Manche eilten auch mit Feuer heran. Vor der Menge der Geschosse zog sich der Feind aus den Verschanzungen und Thürmen hinaus. Der Stymphalier Agasias und Philoxenus von Pelene legten deshalb die Waffen ab und stiegen in der bloßen Kleidung hinan, Einer half dem Andern hinauf, und Mancher war schon oben, so daß der Platz dem Ansehn nach erobert war. Auch die Peltasten und leichten Truppen drangen hinein und plünderten Jeder aufs beste. Xenophon aber stellte sich ans Thor und hinderte so viel als möglich das Eindringen 154 der Hopliten; denn auf einigen befestigten Anhöhen ließen sich andre Feinde sehen. Nach einer kleinen Weile entstand innen ein Geschrei, Manche flohen mit dem, was sie erbeutet hatten, Andre aber auch mit Wunden zurück, und das Gedränge in dem Thore war groß. Man vernahm von den Herausstürzenden, inwendig sei eine Burg, der Feind habe in zahlreicher Menge einen Ausfall gethan und schlage die Truppen in der Stadt.

Da befahl Xenophon dem Herold Tolmides auszurufen: »Jeder, der Beute zu machen wünsche, könne hineingehen.« Nun eilte eine große Menge in die Stadt, riß die Fliehenden mit sich fort, und der Feind wurde wieder auf seine Festung beschränkt. Außerhalb derselben machten die Griechen in allen übrigen Theilen des Orts Beute und brachten sie heraus. Die Hopliten aber stellten sich theils auf dem Walle, theils auf der Straße, die auf die Burg führte, in Schlachtordnung. Xenophon aber untersuchte mit den Hauptleuten, ob es möglich wäre, die Burg zu erobern; denn dann war der Rückzug gesichert, sonst aber äußerst schwierig: allein bei näherer Besichtigung fanden sie, daß der Platz schlechterdings unbezwinglich war. Sie machten sich nun zum Abzuge fertig, rissen die jedem zunächst stehenden Pallisaden nieder und schickten die zum Troß gehörigen Leute mit dem größten Theile der Hopliten auf Plünderung aus; diejenigen Soldaten aber, auf welche ihre Hauptleute das meiste Zutrauen setzten, wurden zurückbehalten.

Als nun der Rückzug begann, machte der Feind, bewaffnet mit Flechtschilden, Lanzen, Beinschienen und paphlagonischen Helmen in zahlreicher Menge einen Ausfall auf sie: andre stiegen auf die Häuser, die auf beiden Seiten der auf die Burg führenden Straße standen. Es war daher auch gefährlich, sie zu den auf die Burg führenden Thoren zu verfolgen: denn sie wälzten große Balken herunter, wodurch man auf jeden Fall, man mochte bleiben 155 oder gehen, in eine üble Lage kam, die durch die anrückende Nacht noch verschlimmert wurde. In der Verlegenheit dieses Kampfes gab ihnen eine Gottheit ein Rettungsmittel in die Hand. Auf einmal nämlich loderte rechts, von irgend Jemandem angezündet, ein Haus auf; und als es einstürzte, flohen die Feinde von den rechts liegenden Häusern. Xenophon durch diesen Zufall belehrt, gab sogleich Befehl, auch die Häuser zur linken Seite in Brand zu stecken. Da sie, von Holz erbaut, schnell in Flammen geriethen, so flüchteten sich die Feinde auch hier. Die Griechen hatten also nur noch mit denen zu thun, die ihnen gegenüber standen, und der Augenschein lehrte, daß diese ihnen auf dem Rückzuge aus der Stadt und über den Hohlweg in den Rücken fallen würden. Xenophon ließ daher die Soldaten, die außer dem Schusse standen, auf den Platz, der sie von dem Feinde trennte, Holz zusammentragen, und als genug beisammen war, anzünden. Auch wurden, um die Feinde aufzuhalten, die zunächst an dem Walle stehenden Häuser in Brand gesteckt. Und so gelang es ihnen denn endlich mit Mühe, durch das dem Feinde entgegengestellte Hinderniß des Feuers, sich von diesem Platz zurückzuziehen. Die ganze Stadt mit ihren Häusern, Thürmen und der Brustwehr, kurz Alles, nur die Burg ausgenommen, brannte nieder.

Am folgenden Tage traten die Griechen, mit Lebensmitteln versehen, ihren Rückmarsch an. Der Weg nach Trapezunt hinab flößte den Griechen, weil er jäh und schmal war, Besorgniß ein: sie suchten daher durch einen scheinbaren Hinterhalt den Feind zu täuschen. Ein gewisser Mysius nämlich, aus Mysien auch gebürtig, nahm vier oder fünf Kreter zu sich, blieb in einem Gehölze zurück und gab sich das Ansehn, als suchte er sich vor dem Feinde verborgen zu halten: allein ihre ehernen Schilde leuchteten hier und da durchs Gebüsch, und die Feinde, die den Schimmer wahrnahmen, befürchteten einen Hinterhalt. 156 Unterdessen zog die Armee hinab, und als Mysius sie schon weit genug entfernt glaubte, gab er das Zeichen zur schleunigsten Flucht, die er nun mit den Seinigen ergriff. Die Kreter, aus Furcht, eingeholt und gefangen zu werden, flüchteten sich seitwärts vom Wege in den Wald, rollten sich an den Berglehnen hinunter und kamen glücklich davon. Mysius floh auf dem Wege fort und schrie nach Hilfe: man eilte herbei und nahm ihn verwundet auf. Seine Helfer zogen sich, da auf sie geschossen ward, nebst einigen Kretern, welche die Pfeilschüsse des Feindes erwiederten, zurück. So kamen sie Alle lebendig im Lager an.

 

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