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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8.

Von hier aus zogen sie durch das Land der Makronen in drei Märschen zehn Parasangen. Am ersten Tage erreichten sie den Fluß, der zwischen dem Gebiet der Makronen und Scythinen die Grenze bildet. Die höhere Gegend, die ihm rechts lag, war sehr rauh, und links floß ein anderer Strom, in den sich der Grenzfluß, den sie passiren mußten, ergoß. Der letztere war mit Bäumen besetzt, die zwar nicht stark waren, aber sehr dicht standen. Die Griechen hieben sie beim Vorrücken nieder und eilten, so schnell als möglich aus dieser Gegend zu kommen. Die Makronen, die Flechtschilde, Lanzen und härene Kleider trugen, standen gegenüber, am jenseitigen Ufer aufmarschirt, munterten einander durch Zuruf auf und warfen mit Steinen in den Fluß herab, ohne jedoch die Griechen zu erreichen und irgendwie Schaden zu thun. Da trat ein Peltast, der, seiner Aussage nach, in Athen als Sklave gedient hatte, zum Xenophon heran und sagte, er verstehe die Sprache dieser Leute und glaube, hier sei sein Vaterland; wenn man nichts dawider habe, so wolle er mit ihnen sprechen. »Nein,« versetzte Xenophon, »wir haben nichts dawider; sprich mit den Leuten und befrage sie zuerst um ihre Landsmannschaft.« Sie antworteten darauf: »Wir sind Makronen.« Er fragte sie nun, auf Xenophon's Geheiß weiter: »Warum stellt ihr euch uns entgegen und wollt uns feindlich behandeln?« »Weil ihr,« antworteten sie, »in unser Land einbrechen wollt.« Er erwiederte ihnen auf Befehl der Feldherrn: »Wir kommen nicht hierher, euch irgend ein Leid zuzufügen, sondern nach jetzt beendigten Kriegszuge gegen den König kehren wir nach Griechenland heim und wünschen, das Meer zu erreichen.« »Wollt ihr,« fragten jene, »dies eidlich bekräftigen?« »Ja,« 144 erwiederten die Griechen, »wir wünschen eine gegenseitige Versicherung der Freundschaft.« Hierauf reichten die Makronen den Griechen eine ihrer Lanzen hin und empfingen von diesen eine griechische; denn darin bestand bei ihnen, wie sie sagten, die eidliche Bestätigung eines Vertrages. Beide Theile riefen dabei die Götter zu Zeugen.

Nach abgeschlossenem Vertrage halfen die Makronen sogleich den Griechen, unter die sie sich nun zutraulich mischten, Bäume fällen, bahnten den Weg, als wenn sie selbst übersetzen wollten, brachten ihnen auch, so gut sie konnten, Lebensmittel zum Kauf und geleiteten sie endlich drei Tage lang weiter, bis sie mit ihnen aus dem kolchischen Gebirge anlangten. Hier war ein großer aber unzugänglicher Berg, auf welchem die Kolchier gerüstet standen. Anfangs marschirten die Griechen in dichter Schlachtordnung auf, um in dieser Stellung den Berg anzugreifen: nachher aber fanden es die Feldherrn, die zusammen gekommen waren, für gut, über die vortheilhafteste Art des Angriffs zu berathschlagen. Xenophon nahm das Wort: »Ich rathe, die dichtgeschlossene Stellung abzuändern und aus den Compagnien einzelne Colonnen zu bilden. Denn die Phalanx würde sich, da die Pfade über den Berg sicher nicht überall gleich wegsam sind, doch bald trennen müssen: die Wahrnehmung aber, die dichtgeschlossene Stellung, in der sie anrücken sollten, nicht behaupten zu können, würde unter den Truppen sogleich Muthlosigkeit verbreiten. Ferner, stellen wir dem Feinde eine schmale Front entgegen, so überflügelt er uns und kann dann seine Ueberlegenheit zu beliebigen Zwecken brauchen: dehnen wir aber die Fronte aus, so wird natürlich die Phalanx da, wo der Feind vorzüglich stark andringt, durchbrochen werden. Diese Trennung aber, wo sie auch vorfallen möchte, würde auf dem ganzen Phalanx einen schädlichen Einfluß haben. Mein Rath ist also, die Compagnien colonnenweise und durch Zwischenräume getrennt, sich so weit ausbreiten zu lassen, 145 daß die äußersten vor ihnen über die feindlichen Flügel hinausgehen: so werden wir die Phalanx der Feinde überflügeln, die Tapfersten von uns werden mit ihren Colonnen zuerst eindringen, und jede Compagnie wird da marschiren, wo sie am besten fortkommen kann. In die Zwischenräume einzudringen wird der Feind nicht leicht vermögen, da er sich so dem Angriffe der Compagnien von beiden Seiten aussetzen würde, und eine Compagnie, die in der Colonnenstellung aufmarschirt, zu durchbrechen, möchte ihm auch schwer werden. Kommt auch eine Colonne ins Gedränge, so kann ihr die benachbarte beistehen, und bringt es eine einzige Colonne dahin, bis auf die Höhe vorzudringen, dann möchte wol kein Feind mehr Stand halten.« Dieser Vorschlag erhielt Beifall, und die Compagnien wurden säulenförmig aufgestellt. Xenophon, der sich nun vom rechten Flügel auf den linken begab, hielt an die Soldaten folgende Anrede: »Soldaten, jene dort, die ihr seht, sind noch das einzige Hinderniß, das uns von dem Ziele entfernt, wornach wir so lange schon streben: diese müssen wir, wenn es irgend möglich ist, mit Haut und Haar vernichten.«

Als nun nach Aufstellung der Colonnen Alle auf ihren Posten standen, zählte man achtzig Compagnien Hopliten, und jede zu hundert Mann. Die Peltasten und Bogenschützen bildeten drei Abtheilungen, jede beinah zu sechshundert Mann, wovon eine außerhalb des linken, die andere außerhalb des rechten Flügels und die dritte im Mittelpunkte Stand nahm. Hierauf ermahnten die Feldherrn das Heer zur Ablegung der Gelübde: dies geschah, und unter Anstimmung des Päan begann der Marsch. Chirisophus und Xenophon rückten an der Spitze der Peltasten außerhalb der feindlichen Flügel vorwärts. Als die Feinde bemerkten, daß durch den überflügelnden Marsch dieser Truppen ihre Flanken bedroht wurden, da zogen sie ihre beiden Flügel weiter auseinander, wodurch in ihrem Centrum eine große Lücke entstand. Als die arkadischen 146 Peltasten, unter dem Commando des Arkarnaniers Aeschines, diese Trennung bemerkten, glaubten sie, der Feind nähme die Flucht, und gingen mit Hitze auf ihn los. Sie erstiegen zuerst den Berg und ihnen zunächst folgten die arkadischen Hopliten unter der Anführung des Kleanor aus Orchomenus. Als die Feinde ihren Anlauf wahrnahmen, hielten sie nicht mehr Stand, sondern flohen, einer dahin, der andre dorthin. Die Griechen erreichten die Höhe und nahmen in einer Menge von Dörfern, die mit Lebensmitteln reichlich versehen waren, Quartier. Die Gegend enthielt für sie weiter keine Merkwürdigkeit, als diese: es gab hier viele Bienenstöcke, und alle Soldaten, welche von den Honigwaben aßen, verloren ihre Besinnung, bekamen Erbrechen und Durchfall, und keiner konnte aufrecht stehen. Diejenigen, welche wenig gegessen hatten, glichen den stark Betrunknen; Andere, die viel genossen, wurden entweder wahnsinnig oder schienen sterben zu wollen. Es lagen so Viele da, als wäre hier eine Niederlage vorgefallen, und die Muthlosigkeit darüber war groß. Doch am folgenden Morgen war Keiner gestorben, sondern fast zu derselben Stunde erhielten sie den Gebrauch ihres Verstandes wieder; am dritten und vierten Tage standen sie auf, als wenn sie sich von einer Vergiftung erholt hätten.

Hieraus legten sie in zwei Märschen sieben Parasangen zurück und kamen an das Meer nach Trapezunt; diese griechische Stadt liegt am Pontus Euxinus, im kolchischen Gebiete und ist eine Colonie von Sinope. Sie rasteten hier auf kolchischem Boden an dreißig Tage und plünderten von da aus in dem Gebiete der Kolchier. Die Einwohner von Trapezunt brachten in das Lager Lebensmittel zum Verkauf, bewirtheten die Griechen bei sich und gaben ihnen Gastgeschenke, Ochsen, Mehl und Wein. Sie verwendeten sich auch bei ihnen für die benachbarten Kolchier, die meistentheils auf dem platten Lande wohnten, und auch von diesen kamen Gastgeschenke an, die dem größten Theile 147 nach in Ochsen bestanden. Hierauf bereiteten sie das angelobte Opfer. Ochsen erhielten sie in hinlänglicher Anzahl, um dem Erretter Zeus und dem Herkules für gnädige Führung Dankopfer zu bringen und auch den andern Göttern ihre Gelübde zu bezahlen. Auch stellten sie auf dem Berge, wo sie im Lager standen, gymnische Spiele an und wählten den Spartaner Drakontius, – der noch als Knabe von Hause entflohen war, weil er einen andern Knaben durch einen Säbelhieb unvorsätzlich getödtet hatte, – um ihm die Bezeichnung der Laufbahn und die Aufsicht über den Kampf zu übertragen. Nach beendigter Opferfeierlichkeit übergaben sie ihm die Häute und verlangten, zu der ihm bezeichneten Laufbahn geführt zu werden. Er zeigte da, wo sie eben standen, auf einen Hügel und sagte: diese Höhe eignet sich von jedem Standpunkte aus zum Wettlauf am besten. »Wie aber,« erwiederten sie, »werden die Leute hier, wo der Boden so rauh und strauchig ist, ringen können?« »Desto besser,« sagte er, »wird es der fühlen, welcher fällt.« Im Stadium nun liefen die meisten gefangenen Knaben; den Dolithos aber liefen mehr als sechzig Kretenser. Andre zeigten sich im Ringen, im Faustkampf und im Pankratium.

Es war ein angenehmes Schauspiel: denn es kamen Viele auf den Kampfplatz, und da ihre Freunde Zuschauer waren, so stieg der gegenseitige Wetteifer sehr hoch. Auch hielt man ein Wettrennen zu Pferde: hier mußten die Renner bergab bis ans Meer jagen und dann wieder bergauf, bis zum Altare, zurückkehren. Abwärts ging es so schnell, daß sehr Viele herunterkugelten: aufwärts aber gingen die Pferde, da es sehr steil war, nur in sachtem Schritte. Das gab denn zu vielem Geschrei, Gelächter und Zuruf Veranlassung. 148

 


 

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