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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 28
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6.

Acht Tage nachher übergab Xenophon dem Chirisophus den Schulzen als Wegweiser, die Hausgenossen desselben ließ er zurück, einen Sohn ausgenommen, der eben in die Jünglingsjahre trat. Diesen gab er dem Episthenes aus Amphipolis in Verwahrung, damit der Vater, wenn er seine Pflicht als Wegweiser gehörig erfüllt hätte, ihn wieder mit zurücknehmen könnte. Das Haus wurde ihm, so sehr es möglich war, angefüllt, und dann erfolgte der Abmarsch. Der Schulze zog, ohne gefesselt zu sein, durch den Schnee voran. Man war schon auf dem dritten Marsche, als Chirisophus wider ihn aufgebracht wurde, weil er die Armee nicht in Dörfer führte. Auf die Entschuldigung, es gäbe hier keine, schlug ihn Chirisophus, ohne ihn darauf fesseln zu lassen, und in der Nacht lief der Mann fort und ließ seinen Sohn zurück. Dies war der einzige Fall, wo sich Xenophon mit dem Chirisophus entzweite, weil dieser den Wegweiser mißhandelte, ohne jedoch auf ihn gehörig Acht zu geben. Den Sohn gewann Episthenes sehr lieb und nahm ihn mit sich nach Hause, wo er an ihm die anhänglichste Treue fand. Hierauf machten sie sieben Märsche, fünf Parasangen des Tages bis zu dem Phasis, der ein Plethrum breit war. Nachdem sie von hier aus in zwei Märschen zehn Parasangen zurückgelegt hatten, stellten sich ihnen auf einem Bergrücken, über den der Weg auf die jenseitige Ebene führte, Chalyben, Tarchen und Phasianen entgegen. Bei dem Anblick der Feinde auf der Höhe machte Chirisophus in einer Entfernung von ungefähr dreißig Stadien Halt, um sich den Feinden nicht in der jetzigen Stellung der Armee, die in langem Zuge marschirte, zu nähern; er befahl daher den andern Anführern, die Compagnien ausmarschiren zu lassen, damit die Armee gegen den Feind Front machte. Als der Nachzug heranrückte, ließ er die Heerführer und Hauptleute 135 zusammenkommen und sprach zu ihnen: »Die Feinde haben, wie ihr seht, die Höhe des Berges besetzt; es ist also Zeit, zu berathschlagen, wie wir sie aufs Vortheilhafteste bekämpfen. Ich stimme dafür, die Truppen das Frühstück nehmen zu lassen, unsererseits aber zu überlegen, ob es heute oder morgen rathsam ist, über den Berg zu ziehen.« »Meinerseits,« sprach Kleanor, »rathe ich, sogleich das Frühstück zu nehmen und dann mit Schnelligkeit auf den Feind loszugehen. Denn wenn wir heute noch zögern, so wird den Feinden, die uns jetzt sehen, der Muth wachsen, und in diesem Falle wird sich natürlich auch ihre Anzahl vergrößern.«

Nach ihm sprach Xenophon: »Ich schließe so: ist es nothwendig, zu kämpfen, so müssen wir Maßregeln treffen, um uns hierbei aufs beste zu benehmen, wollen wir aber auf die leichteste Art über den Berg kommen, so müssen wir darauf sehen, bei welcher Verfahrungsart wir am wenigsten verwundet werden und die wenigsten Leute verlieren. Der Bergrücken nun, den wir vor uns sehen, erstreckt sich über sechzig Stadien weit, nirgends aber entdecken wir feindliche Truppen, die uns beobachten, als in dieser Richtung. Der Versuch also, ihrer Aufmerksamkeit zu entgehen und einen unbewachten Theil des Berges wo möglich zuvor einzunehmen, ist weit besser, als gegen einen Feind zu kämpfen, der uns in einer festen Stellung erwartet. Denn es ist doch viel leichter, Höhen zu ersteigen, ohne fechten zu müssen, als von Feinden umringt auf der Ebene zu marschiren. Auch sieht man zur Nachtzeit, wenn man nicht schlagen darf, weit besser vor sich, als ohne diese Voraussetzung am Tage, und in dem ersteren Falle marschirt man auch auf rauhem Pfade mit geringerer Beschwerde, als auf einer Ebene, wo es das Leben gilt. Uns aber durchzustehlen, scheint mir nicht unmöglich. Wir können ja des Nachts marschiren, daß sie uns nicht sehen; wir können uns auch so weit hinwegziehen, daß sie uns nicht aufs die Spur kommen. Bringen wir vollends den Feind auf den Gedanken, 136 als wenn wir hier angreifen wollten, so werden wir, glaube ich, den übrigen Theil des Berges um so entblößter antreffen, da der Feind sich in diesem Falle lieber hier zusammendrängen wird. Doch, Chirisophus, warum empfehle ich erst das Durchstehlen? Weil ihr Lacedämonier aus dem wahlfähigen Theile der Bürgerschaft euch, wie ich höre, von zarter Jugend an im Stehlen übt und es nicht nur nicht für eine Schande, sondern vielmehr für Pflicht haltet, insofern das Gesetz nicht ausdrücklich etwas zu stehlen verbietet. Um das Stehlen und die dazu nöthige Vorsicht recht gründlich zu lernen, ist es ja bei euch gesetzlich, denjenigen zu geißeln, der sich über der That ertappen läßt. Jetzt hast du nun eine treffliche Gelegenheit, deiner Erziehung Ehre zu machen, wenn du dich so vorsichtig benimmst, daß wir bei dem Versuch, den Berg wegzukapern, unentdeckt bleiben und uns nicht etwa eine gute Tracht Schläge holen.« »Ich habe aber auch,« erwiderte Chirisophus, »von euch Atheniensern gehört, daß ihr trotz aller Gefahr, die dem Diebe droht, den öffentlichen Schatz gar meisterhaft zu bestehlen wißt, und zwar diejenigen aus der Classe der Edlen, die ihr etwa mit euren Staatswürden beehrt, gerade am Fertigsten. Benutze daher selbst diese Gelegenheit, uns zu beweisen, was du gelernt hast.« »Nun ich,« sagte Xenophon, »erbiete mich, nach eingenommenem Frühstück mit dem Nachzuge zum Marsch, um den Berg zu besetzen. Auch habe ich Wegweiser, denn die Gymneten paßten den Dieben, die uns auf dem Fuße folgten, auf, und nahmen Einige von ihnen gefangen. Durch diese nun hab' ich erfahren, daß der Berg nicht unzugänglich ist, sondern von Ziegen und Rindvieh beweidet wird. Wenn wir also nur einmal die Höhe zum Theil besetzt haben, so wird auch 137 unser Zugvieh daraus fortkommen können. Ich hoffe, der Feind, der es jetzt nicht wagt, sich mit uns auf der Ebene zu messen, wird auch dann nicht Stand halten, wenn er sieht, daß wir mit ihm auf gleicher Höhe sind.« »Wozu aber,« sagte Chirisophus, »ist es denn nöthig, daß du selbst marschirst und den Posten beim Nachzuge verlässest? schicke lieber Andere, wenn sich keine Freiwillige finden.« Nun meldeten sich Aristonymus aus Methydrium mit Hopliten, Aristeas aus Chios, und Nikomachus aus Oeta, beide mit Gymneten, und beschlossen unter sich, ihre Ankunft auf der Höhe einander durch eine Menge Feuer zu erkennen zu geben. Nach dieser Verabredung nahmen sie das Frühstück, und dann rückte Chirisophus mit der ganzen Armee etwa zehn Stadien vorwärts auf den Feind zu, um ihm einen Angriff auf dieser Seite recht wahrscheinlich zu machen.

Nach dem Abendessen, als es finster geworden war, brachen die hierzu commandirten Truppen auf und nahmen die Höhe ein; das übrige Heer rastete unten. Da die Feinde die Einnahme des Berges gewahr wurden, blieben sie wach und unterhielten die Nacht durch viele Feuer. Mit Anbruch des Tages, nach vollendetem Opfer, marschirte Chirisophus auf den besetzten Weg zu, der über den Berg führte, die Griechen aber, welche schon auf der Höhe standen, suchten nun die Gipfel einzunehmen.

Die feindliche Armee blieb größtentheils an dem hohen Wege stehen, ein Theil aber ging den Griechen auf den Gipfeln entgegen. Ehe aber noch die Hauptcorps an einander geriethen, kam es zwischen den Truppen auf den Anhöhen zum Schlagen. Die Griechen siegten und verfolgten den Feind. Während dem gingen auch von der 138 Ebene aus die Peltasten im Laufe auf den ihnen gegenüber stehenden Feind los, und Chirisophus folgte ihnen mit den Hopliten im vollen Schritte. Als die feindliche Armee an dem hohen Wege sah, daß ihre Truppen auf den Höhen geschlagen wurden, nahm sie die Flucht und verlor viele Leute. Die Griechen erbeuteten eine große Menge geflochtener Schilde und machten sie durch Säbelhiebe unbrauchbar. Nachdem der Berg erstiegen war, wurde geopfert und ein Siegeszeichen errichtet, und nun marschirten sie in die Ebene herab, wo sie in Dörfer einrückten, die mit allerlei Lebensmitteln reichlich versehen waren.

 

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