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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 25
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3.

An diesem Tage blieben die Griechen in den Dörfern der Ebene, die am Centrites, einem Flusse, der zwei Plethren breit ist, und das Land der Karduchen von Armenien scheidet, sich hinzieht und ruheten aus. Von dem karduchischen Gebirge bis zum Flusse hatte man noch sechs oder sieben Stadien. Mit Lebensmitteln versorgt genossen sie hier, bei der lebhaften Erinnerung an die üherstandenen Mühseligkeiten, die angenehmste Erholung. Denn da sie 120 alle sieben Tage hindurch, so lange ihr Marsch durch das Karduchische dauerte, hatten kämpfen müssen, und zwar mit einem Verluste, der beträchtlicher war als alle der Schaden, den ihnen der König und Tissaphernes zufügten, so überließen sie sich jetzt, in der Hoffnung, diese Leiden überstanden zu haben, der süßesten Ruhe.

Allein mit Tagesanbruch erblickten sie jenseits des Flusses gerüstete Reiterei, welche Miene machte, ihnen den Uebergang zu verwehren und oberhalb dieser auf den Anhöhen stand geordnetes Fußvolk, um sich dem Einmarsche in Armenien zu widersetzen. Es waren Soldtruppen des Orontas und Artuchas, Armenier, Mygdonier und Chaldäer. Diese Letzteren, der Erzählung nach ein unabhängiges und streitbares Volk, trugen längliche geflochtene Schilde und Lanzen. Die Höhen, auf welchen diese Truppen standen, waren drei bis vier Plethren von dem Flusse entfernt. Einen einzigen Weg sah man, der, wie von Menschenhänden gebahnt, aufwärts führte. Diesem gegenüber versuchten die Griechen den Durchgang. Allein das Wasser ging ihnen bis über die Brust, große und glatte Steine machten den Grund unsicher, im Wasser konnte man des reißenden Stromes wegen die Waffen nicht halten, und wer sie auf dem Kopfe trug, gab sich den Pfeilen und anderem Geschosse bloß. Sie zogen sich also zurück und schlugen daselbst am Flusse das Lager auf. In der Gegend des Gebirges, wo sie die vorige Nacht zubrachten, erblickten sie nun eine Menge Karduchen, die sich daselbst bewaffnet zusammengezogen hatten. Die Griechen wurden bei diesem Anblick sehr kleinmüthig, denn vor sich sahen sie die mißliche Passage des Flusses und den zur Verhinderung des Ueberganges fertig stehenden Feind, und hinter sich erblickten sie die Karduchen in Bereitschaft, ihnen beim Uebersetzen in den Rücken zu fallen. Sie blieben also diesen Tag und die Nacht über in großer Verlegenheit hier stehen. Da hatte Xenophon einen Traum: es kam ihm vor, als 121 wenn er mit Ketten gebunden wäre; diese aber brächen von selbst entzwei, und entfesselt ginge er nun nach Belieben davon. In der Morgendämmerung ging er zum Chirisophus, äußerte seine Hoffnung, daß Alles gut gehen würde und erzählte ihm seinen Traum. Chirisophus freute sich und alle anwesenden Feldherrn opferten sogleich, während der Tag anbrach. Die Opfer versprachen gleich Anfangs einen glücklichen Erfolg, und die Heerführer und Hauptleute gaben unmittelbar darauf der Armee den Befehl zur Morgenmahlzeit. Xenophon hielt eben diese, als eilfertig zwei Jünglinge zu ihm kamen: denn es war Allen bekannt, daß er sich zu jeder Zeit, er mochte die Vormittags- oder Nachmittagsmahlzeit halten oder schlafen, sprechen ließ, wenn man ihm etwas in Bezug auf den Krieg zu sagen hatte. Diese erzählten Folgendes: »wir waren eben beschäftigt, Reisholz zum Feuer zusammenzulesen, als wir zwischen den Felsen, die an das jenseitige Ufer stoßen, einen alten Mann und eine Frau mit Dienstmädchen bemerkten, die eine Art von Mantelsäcken mit Kleidungsstücken in eine Felsenhöhle legten. Bei diesem Anblick geriethen wir auf die Vermuthung, daß man vielleicht hier sicher über den Fluß setzen könnte; denn der feindlichen Reiterei ist der Ort unzugänglich. Wir zogen uns also aus und gingen, zum Schwimmen gefaßt, mit dem Seitengewehr hinein: aber wir kamen hinüber, ohne uns die Schamtheile zu benetzen. Wir nahmen also die Kleidungsstücke zu uns und kamen wieder zurück.«

Sogleich spendete Xenophon den Göttern Wein, befahl den Jünglingen, einzuschenken, und die Götter, die Geber des Traumes und der Furt, um ihren ferneren Beistand zu bitten. Nach dem Trankopfer führte er die beiden Soldaten zum Chirisophus, wo sie ihre Erzählung wiederholten. Auch Chirisophus spendete den Göttern Wein. Dann gaben sie Beide Befehl, sich marschfertig zu halten, riefen die Heerführer zusammen und berathschlagten, wie sie 122 den Uebergang am besten bewerkstelligen könnten, um theils den vorwärts stehenden Feind zu besiegen, theils ihren Rücken gegen die Karduchen zu decken. Man vereinigte sich dahin, daß Chirisophus als Oberanführer, mit der einen Hälfte des Heeres hinübermarschiren, Xenophon mit der andern zurückbleiben, das Lastvieh aber mit dem Trosse den Mittelzug bilden sollte.

Nach dieser Anordnung setzten sie sich, unter der Leitung der Jünglinge, den Fluß zur Linken, in Marsch, der bis zur Furt vier Stadien betrug. Am jenseitigen Ufer, den Griechen zur Seite, zogen die feindlichen Schwadronen. Bei der Ankunft an der Furt, den Felsen gegenüber, stellten sich die Griechen in Schlachtordnung, und Chirisophus war der Erste, der sich bekränzte,Nach Spartanersitte, wenn's in die Schlacht ging. zum Uebergange fertig machte und zu den Waffen griff. Nachdem er allgemein ein Gleiches zu thun befohlen hatte, trug er den Hauptleuten auf, ihre Compagnien, ihm theils zur Rechten, theils zur Linken, colonnenweise anzuführen. Die Seher opferten nun und ließen das Blut in den Strom fließen; die Feinde aber schossen und schleuderten, wiewol noch ohne Wirkung. Da das Opfer einen glücklichen Erfolg versprach, so stimmten alle Soldaten den Schlachtgesang an und jauchzten sich den Kriegsruf zu und alle Frauenzimmer – denn es gab eine Menge Buhldirnen im Heere – stimmten mit ein. Chirisophus ging nun mit seinem Corps in den Fluß; Xenophon aber eilte, an der Spitze der leichtesten Truppen vom Nachzuge mit möglichster Schnelligkeit an die Stelle des Ufers zurück, die dem Wege, der aufwärts in die armenischen Berge führte, gegenüber lag, um sich das Ansehn zu geben, als wenn er hier übersetzen und die am Fluß postirte Reiterei abschneiden wollte. Die Feinde, welche bei dem Anblick des leichten Durchzugs der Truppen des Chirisophus und des schnellen Rückmarsches des 123 Xenophontischen Corps abgeschnitten zu werden besorgten, eilten aus allen Kräften dem Wege zu, der von dem Flusse aufwärts führte, und zogen sich, sobald sie ihn erreichten, auf die Höhe. Als Lycius, Anführer des Reitercorps, und Aeschines, Anführer der Peltasten des Chirisophus, ihre beschleunigte Flucht sahen, setzten sie ihnen nach. Diese schrieen den übrigen Soldaten zu, sie würden nicht zurückbleiben, sondern mit ihnen den Berg ersteigen. Chirisophus aber verfolgte, nach bewerkstelligtem Uebergange, die feindliche Reiterei nicht, sondern zog sich sogleich die unmittelbar vom Ufer aufsteigenden Anhöhen hinauf, um die daselbst postirten Feinde anzugreifen. Diese aber verließen bei dem Anblick ihrer fliehenden Reiter und der gegen sie anrückenden Hopliten die Anhöhen am Flusse.

Sobald Xenophon die Fortschritte der Griechen jenseits des Flusses bemerkte, kehrte er aufs Eiligste zu den übersetzenden Truppen zurück: denn man sah schon die Karduchen auf die Ebene herabziehen, um dem Nachtrab in den Rücken zu fallen. Chirisophus hielt die Anhöhen besetzt, und Lycius, der mit wenigen Leuten dem Feinde nachsetzte, erbeutete die äußersten Packwagen und auf diesen schöne Kleidungsstücke nebst Trinkgeschirren. Eben passirten die griechischen Packwagen mit dem Trosse den Fluß, als Xenophon sich wendete und den Karduchen entgegen stellte. Er gab den Hauptleuten Befehl, jede Compagnie in vier Züge zu theilen, diese dann links sich schwenken und neben einander Front machen zu lassen. Die Hauptleute und Anführer der Viertelzüge sollten dann auf die Karduchen losgehen, die Anführer des Nachzuges aber sich am Flusse postiren. Als die Karduchen bemerkten, daß die Bedeckung des Trosses sich schwächte und nur noch aus weniger Mannschaft bestand, rückten sie, unter Anstimmung einer Art Lieder mit beschleunigter Geschwindigkeit an. 124 Chirisophus, der mit den Seinigen schon in Sicherheit war, schickte dem Xenophon die Peltasten, Schleuderer und Bogenschützen mit der Anweisung, sich den Anordnungen desselben zu fügen. Als Xenophon sie herabkommen sah, ließ er ihnen den Befehl entgegen bringen, am jenseitigen Ufer stehen zu bleiben: sobald er aber selbst mit seinem Corps zum Uebersetzen sich anschickte, sollten sie ihm an seinen beiden Flanken mit angelegtem Wurfspieß und gespanntem Bogen entgegenkommen, doch ohne völlig über den Fluß zu gehen. Seinen Leuten aber befahl er: »sobald eure Schilde von dem Wurfe der Schleuderer erklingen, so rückt, unter Anstimmung des Päan, schnell und in ununterbrochenem Laufe auf den Feind los. Wenn dieser den Rücken kehrt, und von dem Flusse her die Trompete das Zeichen zum Angriff gibt, so macht rechts um, der Nachtrab wird zum Vordertreffen, und ihr lauft Alle nach Kräften und geht, Jeder in seiner Ordnung, damit ihr einander nicht hindert, über den Fluß. Wer zuerst drüben ist, soll der Bravste sein.«

Da also die Karduchen sahen, daß nur noch ein kleiner Theil von dem Bedeckungscorps diesseits stand, – denn auch Viele von denen, die zu bleiben beordert waren, hatten sich, um theils das Zugvieh, theils das Gepäck, theils ihre Buhldirnen zu besorgen, hinüber gezogen – machten sie mit Schleudern und Bogen einen muthigen Angriff. Die Griechen begannen den Päan und gingen ihnen im Laufe entgegen. Jene erwarteten ihren Anfall nicht; denn als Bergbewohner waren sie zwar recht gut zum Anlaufen und Fliehen, um so viel schlechter aber zum stehenden Kampfe gerüstet. Während dem erklang die Trompete und die Feinde flohen nun noch viel heftiger: die Griechen aber kehrten um und eilten, so schnell sie konnten, über den Fluß. Einige von den Feinden, die es gewahr wurden, liefen wieder gegen den Fluß und verwundeten etliche mit Pfeilschüssen: den größten Theil aber sah 125 man noch fliehen, als die Griechen schon übergesetzt waren. Die Griechen, welche vom jenseitigen Ufer entgegen rückten, ließen sich durch ihren Muth verleiten, weiter vorzudringen, als es gut war: sie gingen daher erst nach dem Uebergange des Xenophontischen Corps wieder über den Fluß, und Einige von ihnen wurden auch verwundet.

 

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