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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 24
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2.

Schon war es Abend geworden, und die Truppen erhielten Befehl, mit dem Essen zu eilen und dann sogleich aufzubrechen. Zugleich überlieferte man ihnen den Wegweiser gebunden und verabredete mit ihnen: sie sollten den Gipfel nach seiner Einnahme die Nacht hindurch besetzt halten, gleich bei Tagesanbruch aber mit der Trompete ein Zeichen geben und die feindliche Mannschaft, die den diesseitigen Zugang bewachte, angreifen. Die übrigen Truppen würden dann mit der möglichsten Geschwindigkeit gegen die Höhe anrücken und ihnen zu Hilfe kommen. Nach dieser Verabredung marschirte das Corps, zweitausend Mann stark, unter heftigem Regen ab. Xenophon aber führte den Nachtrab gegen den diesseitigen Gebirgsweg an, um die Aufmerksamkeit des Feindes, die er auf sich lenkte, von dem Marsche jener Truppen gänzlich abzuziehen. Als der Nachtrab bei dem Hohlwege, den man erst passiren mußte, um den Weg selbst besteigen zu können, anlangte, da wälzten die Feinde Felsenstücke, groß genug, um einen Lastwagen zu füllen und große und kleine Steine herunter, die, wenn sie im Sturze an die Felsen schlugen, mit einer Heftigkeit abprallten, als wenn sie geschleudert würden. Man konnte sich daher dem Gebirgswege durchaus nicht nähern. Als es auf diesem Wege nicht möglich war, da versuchten einige Hauptleute an andern Stellen vorzudringen, und diese Versuche setzten sie fort, bis die Finsterniß anbrach. Als sie nun glaubten, bei dem Abmarsch vom Feinde nicht mehr bemerkt werden zu können, zogen 116 sie sich zurück, um ihre Abendmahlzeit zu halten, denn manche Soldaten vom Nachzuge hatten den Tag über noch gar nichts gegessen. Die Feinde wälzten, wie man aus dem Getöse schließen konnte, die ganze Nacht hindurch unaufhörlich Steine herunter. Jene Truppen, die unter der Leitung des Wegweisers den Berg umgingen, stießen auf einen feindlichen Posten, der am Feuer saß, sie machten einige davon nieder, den Rest schlugen sie in die Flucht und postirten sich dann selbst an dem Orte, in der Meinung, den Gipfel inne zu haben. Sie irrten sich aber, die Bergspitze war noch über ihnen, und an ihr zog sich der enge Weg hin, den der feindliche Posten besetzt hatte, doch fand man von hier aus freie Bahn gegen die Feinde, die jenen offenen Gebirgsweg bewachten. Die Nacht über hielten sie sich daselbst ruhig. Mit Anbruch des Tages aber rückten sie stillschweigend in Schlachtordnung gegen den Feind und näherten sich ihm, da eben ein Nebel fiel, ohne bemerkt zu werden. Nun wurden sie einander ansichtig, die Trompete erklang, und mit Geschrei drangen die Griechen auf die Feinde los. Diese aber warteten ihren Angriff nicht ab, sondern verließen den Weg und flohen, doch, weil sie leicht zu Fuße waren, nur mit geringem Verluste. Als die Truppen des Chirisophus den Trompetenschall hörten, rückten sie sogleich gegen den vorderen Gebirgsweg an, andere Heerführer drangen mit den Ihrigen, wo jeder gerade stand, auf ungebahnten Wegen vorwärts, man stieg, so gut es anging, den Berg hinan und half einander mit den Lanzen in die Höhe. Diese vereinigten sich zuerst mit dem Corps, das schon oben stand. Xenophon aber schlug mit der Hälfte des Nachzugs den Weg ein, auf dem das letztere marschirt war, – denn dieser war für die Lastthiere der gangbarste, – die andere Hälfte seiner Mannschaft postirte er hinter das Zugvieh. Im Fortrücken stießen sie auf eine Anhöhe, die den Weg beherrschte und mit Feinden besetzt war, die sie, um nicht 117 von dem übrigen Theile des Heeres abgeschnitten zu werden, heruntertreiben mußten. Sie hätten zwar den Marsch der anderen Griechen einschlagen können, aber nur auf diesem einzigen Wege, der vor ihnen lag, konnte das Vieh fortkommen. Sie sprachen also einander Muth ein und griffen den Hügel in Colonnen an, doch nicht auf allen Seiten, um dem Feinde, falls er fliehen wollte, einen Ausweg zu lassen. Anfänglich schoß und warf der Feind auf die Griechen, die nach bestem Vermögen hinanklimmten; bei ihrer Annäherung aber verließ er den Platz und floh. Nach dieser besiegten Schwierigkeit erblickten die Griechen eine neue Anhöhe vor sich, die der Feind besetzt hatte, und sie beschlossen, auch diese einzunehmen. Die Besorgniß, der Feind möchte den verlassenen Hügel, wenn man ihn gänzlich entblößte, wieder einnehmen, und dann über den vorüberziehenden Troß, der wegen der Enge des Weges einen langen Zug bildete, herfallen, bewog den Xenophon, die Hauptleute Cephisodorus, des Cephisiphon, und Amphikrates, des Amphidemus Sohn, beide aus Athen, nebst dem Archagoras, einem vertriebenen Argiver, mit ihrer Mannschaft auf dem Hügel zurückzulassen. Er selbst ging mit den übrigen Truppen auf die zweite Anhöhe los und nahm sie auf dieselbe Art ein. Noch hatten sie aber eine dritte Bergspitze, und zwar bei weitem die steilste vor sich, eben die, unter welcher jenes griechische Corps in der Nacht den feindlichen Posten überrascht hatte. Bei der Annäherung der Griechen aber verließen die Feinde, zur allgemeinen Verwunderung, den Hügel ohne Kampf. Man vermuthete, die Furcht, eingeschlossen zu werden, habe sie dazu bewogen, allein sie zogen Alle auf den griechischen Nachtrab los, weil sie von der Höhe herab gesehen hatten, was bei demselben vorging.

Xenophon zog sich nun mit der jüngsten Mannschaft auf die Höhe und gab den Uebrigen Befehl, langsam zu marschiren, damit jenes im Rücken postirte Corps sich mit 118 ihnen vereinigen könnte und dann in die Straße herab vorzurücken und auf der Ebene Halt zu machen. Während dem kam der Argiver Archagoras geflohen und brachte die Nachricht, daß sie der Feind vom Hügel vertrieben habe, und daß Cephisodorus, Amphikrates und Andere, die sich nicht durch einen Sprung von dem Felsen gerettet und mit dem Nachzuge vereinigt hätten, geblieben wären. Nach diesem Erfolg besetzten die Feinde die der Bergspitze gegenüber liegende Anhöhe, und Xenophon ließ ihnen durch den Dolmetscher einen Vertrag anbieten und die Todten abfordern. Sie versprachen, sie auszuliefern unter der Bedingung, daß die Dörfer nicht in Brand gesteckt würden, womit Xenophon zufrieden war. Unterdessen, da während dieser Unterredung die übrigen Truppen vorbeimarschirt waren, zogen sich alle Feinde aus dieser Gegend auf jene Anhöhe zusammen. Als nun Xenophon die Bergspitze verließ, um sich mit den andern Truppen, die Halt gemacht hatten, zu vereinigen, eilten die Feinde zahlreich und mit großem Getümmel herbei, besetzten den Gipfel, den Xenophon verlassen hatte, und rollten Felsenstücke herab, die einem Griechen ein Bein zerschmetterten. Xenophon hatte seinen Waffenträger mit dem Schilde nicht bei der Hand, aber Eurylochus, aus Lusi in Arkadien, ein Hoplite, lief herzu und deckte ihn und sich mit dem Schilde, und so kamen sie mit den Andern bei den unter den Waffen stehenden Truppen an. Das griechische Heer war nun völlig vereinigt und kantonirte in vielen sehr schönen Häusern, wo es Lebensmittel im Ueberflusse fand; der Wein z. B. war in solcher Menge vorhanden, daß ihn die Einwohner in ausgetünchten Cisternen aufbewahrten. Xenophon und Chirisophus brachten es dahin, daß ihnen der Feind für die Auslieferung des Wegweisers die Todten verabfolgen ließ. Diese wurden dann, wie es braven Soldaten zukam, mit allen Ehrenbezeugungen, die die Umstände erlaubten, bestattet. Am folgenden Tage marschirten die Griechen 119 ohne Wegweiser. Der Feind aber suchte ihnen bald durch Angriffe, bald durch Besetzung der vorliegenden Pässe den Durchmarsch zu verwehren. So oft er nun das Vordertreffen aufhielt, stieg Xenophon mit dem Nachzuge auf die Berge und eröffnete dadurch, daß er die Höhe über den feindlichen Truppen, die den Marsch hinderten, zu gewinnen suchte, dem Vortrabe den Durchgang. Wurde aber das Hintertreffen angegriffen, so stieg Chirisophus aufwärts, um dem Feinde die Höhe abzugewinnen und machte auf diese Art dem Nachzuge freie Bahn. So standen sie einander gegenseitig und mit der thätigsten Sorgfalt bei. Aber auch den Truppen, welche die Höhe erstiegen hatten, machten die Feinde bei dem Heruntermarschiren bisweilen viel zu schaffen, denn nur mit Bogen und Schleudern bewaffnet waren sie so schnell, daß sie den Griechen ganz nahe kamen und ihnen dennoch wieder entrannen. Dabei waren sie treffliche Bogenschützen, und ihre Bogen waren beinahe drei, sowie ihre Pfeile über zwei Ellen lang. Bei dem Abschießen zogen sie die Sehne, die sie mit dem linken Fuße spannten, bis an den untersten Theil des Bogens. Die Pfeile drangen durch Schild und Harnisch. Diejenigen, die den Griechen in die Hände fielen, wurden von ihnen mit Riemen versehen und als Wurfspieße gebraucht. In diesen Gegenden thaten die Kreter sehr gute Dienste. Ihr Anführer war Stratokles aus Kreta.

 

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