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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

Die Feinde flohen nun, wie Jeder konnte, und die Griechen behaupteten den Gipfel. Die Armee des Tissaphernes 108 und Ariäus schlug einen andern Weg ein; Chirisophus aber zog mit seinen Truppen in die Ebene hinab und schlug das Lager in einem Dorfe auf, wo man einen Ueberfluß an Lebensmitteln fand. Auch noch andere Dörfer, mit Gütern mancherlei Art gesegnet, lagen in dieser Ebene am Tigris. Abends ließen sich auf einmal die Feinde im Felde sehen, und mehrere von den Griechen, die sich auf der Ebene der Plünderung wegen zerstreut hatten und viele Heerden erbeuteten, die über den Fluß getrieben waren, wurden niedergehauen. Die nächste Handlung des Tissaphernes und seiner Truppen war, die Dörfer in Brand zu stecken; der Gedanke, daß unter diesen Umständen keine Lebensmittel mehr zu bekommen sein würden, machte manche Griechen muthlos. Xenophon war nun in die Ebene herabgezogen, und da das Corps, das unter Chirisophus Anführung jenen bedrängten Griechen zu Hilfe gekommen war, jetzt eben zurückkehrte, ritt er zu ihm hinan und sagte: »Da seht ihr, Griechen, daß die Feinde diese Landschaft schon als die eurige betrachten, denn beim Abschluß des Bündnisses machten sie zur Bedingung, daß wir auf königlichem Gebiete nicht sengen und brennen sollten, und jetzt thun sie es selbst, als stünden sie auf fremdem Boden. Doch, lassen sie irgendwo noch Lebensmittel für sich übrig, so sollen sie sehen, daß wir den Weg dahin zu finden wissen. Ich rathe, Chirisophus, den Mordbrennern Einhalt zu thun, da es unser Eigenthum gilt.« – »Nicht so,« erwiederte dieser, »laßt uns vielmehr auch Feuer anlegen, desto eher werden Jene aufhören.«

Als sie im Lager angekommen waren, beschäftigten sich die andern Griechen mit den Lebensmitteln, die Heerführer und Hauptleute aber versammelten sich. Die damalige Lage war sehr schwierig: auf der einen Seite waren Berge von der äußersten Höhe, auf der andern war der Fluß von einer Tiefe, daß man ihn mit Lanzen nicht ergründen konnte. Während der Berathschlagung über diese 109 Verlegenheit kam ein Rhodier und sagte: »Griechen, ich verspreche euch, immer viertausend Hopliten auf einmal überzusetzen, wenn ihr mir das Nöthige darreicht und ein Talent zur Belohnung gebt.« Auf die Frage, was er dazu bedürfe, erwiederte er: »Zweitausend Schläuche; wenn wir nun einer Menge von Schafen, Ziegen, Ochsen und Eseln, deren ich hier so viele sehe, die Häute abziehen und sie aufblähen, so können wir damit die Ueberfahrt leicht bewerkstelligen. Auch bedarf ich hierzu Stricke, wie ihr sie bei dem Zugvieh gebraucht: mit diesen binde ich die Schläuche zusammen, daß einer an den andern paßt, befestige Steine daran, die statt der Anker dienen, dann führe ich die Schläuche über das Wasser, befestigte sie an beiden Ufern und bedecke sie mit Reisholz und Erde. Ihr werdet bald sehen, daß sie nicht sinken, denn ein Schlauch wird doch, ohne unterzugehen, zwei Mann tragen, und vor dem Wanken schützt uns das Reisholz und die Erde.« Die Heerführer fanden diese Erfindung ganz sinnig, nur in dem jetzigen Falle nicht anwendbar, denn jenseit des Flusses stand eine zahlreiche Reiterei, die gleich die ersten Versuche zu diesem Werke würde vereitelt haben.

Am folgenden Tage marschirte das Heer auf einem Wege, der sich von der babylonischen Straße ablenkte, zurück, auf unversehrte Dörfer zu, nachdem sie diejenigen, die sie verließen, in Brand gesteckt hatten. Daher kamen die Feinde nicht nahe, sondern sahen blos zu, und schienen mit Verwunderung zu erwarten, wohin sich die Griechen wenden würden und was sie beabsichtigten. Während die Soldaten sich in den Dörfern mit den Lebensmitteln beschäftigten, kamen die Heerführer und Hauptleute wieder zusammen, ließen die Gefangenen herbeiführen und erkundigten sich bei ihnen nach allen Gegenden, die rings umher lagen. Ihre Antwort war: der Weg gegen Süden führe nach Babylon und Medien, woher die Griechen kämen; der gegen Osten nach Susa und Ekbatana, – wo sich der 110 König, der Erzählung nach, den Frühling und den Sommer über aufzuhalten pflegt, – jenseits des Flusses gegen Westen käme man nach Lydien und Ionien, gegen Mitternacht über das Gebirge zu den Karduchen. »Dieses Volk,« sagten sie, »bewohnt das Gebirge, ist kriegerisch und unterwirft sich dem Könige nicht. Einmal griff eine königliche Armee von hundertzwanzigtausend Mann sie an, von dieser kam, wegen der schlimmen Gegend, nicht ein Mann zurück.« »Wenn sie,« fuhren sie fort, »mit den Satrapen des flachen Landes im Vertrage stünden, finde unter beiden Nationen ein wechselseitiger Verkehr statt.« Auf diese Nachricht hin stellten die Heerführer diejenigen, die alle diese Gegenden zu kennen versicherten, besonders, ohne sich merken zu lassen, wohin der Marsch gehen sollte. Sie hielten es aber für nothwendig, über die Berge ins Karduchische Gebiet einzurücken, denn hinter diesem Lande käme man, sagten die Gefangenen, nach Armenien, einem großen gesegneten Lande, wo Orontes herrsche, und von da aus, versicherten sie, könne man ohne Schwierigkeit überall hinkommen, wohin man wolle. Hierauf opferten sie, um, so bald es Zeit wäre, aufbrechen zu können, denn man besorgte, der Feind möchte die Berghöhen besetzen. Den Soldaten wurde angekündigt, nach der Mahlzeit einzupacken und sich zur Ruhe zu begeben, um dann, sobald das Zeichen gegeben würde, den Marsch antreten zu können.

 


 

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