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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.

Nachdem die Armee in den Dörfern einen Tag gerastet hatte, brach sie am folgenden Tage sehr früh auf, denn sie hatte einen Hohlweg zu passiren, wo bei dem Durchgange ein feindlicher Angriff zu besorgen war.

Die Griechen hatten den Paß schon im Rücken, als Mithridates wieder an der Spitze von tausend Reitern und viertausend Bogenschützen und Schleuderern erschien. Er hatte dies Corps, auf sein Ansuchen, von Tissaphernes erhalten, die Truppenzahl selbst bestimmt und versichert, damit die Griechen zur Unterwerfung zu zwingen; er machte sich nämlich von diesen schon einen geringschätzigen Begriff, weil er bei seinem ersten Anfall, wo er nur ein kleines Corps commandirte, dem Feinde, ohne selbst etwas einzubüßen, viel Abbruch gethan zu haben glaubte. Die Griechen hatten schon acht Stadien von dem Hohlwege an zurückgelegt, als ihn Mithridates passirte. Es wurde eine Abtheilung von Peltasten und Hopliten zum Nachsetzen bestimmt und der Reiterei angezeigt, sie solle nur unerschrocken angreifen, eine hinlängliche Macht würde sie unterstützen. Als nun der Feind so nahe war, daß man sich mit Schleudern und Bogen erreichen konnte, drangen, auf das mit der Trompete gegebene Zeichen, die dazu beorderten Truppen, nebst der Reiterei auf einmal schnell gegen ihn vor; er wartete aber ihren Angriff nicht ab, sondern floh nach dem Hohlweg zurück. Auf dieser Flucht verloren die Perser viel Fußvolk, und in dem Hohlwege wurden 101 achtzehn ihrer Reiter gefangen genommen. Die Griechen verstümmelten die Gebliebenen aus eigenem Antriebe auf gräßliche Art, um den Persern ein recht furchtbares Schauspiel zu hinterlassen. Nach diesem Verluste zog sich der Feind zurück; die Griechen aber marschirten nun ruhig den Tag über fort und kamen bei dem Tigris an. Hier war eine öde große Stadt, Namens Larissa; vor alten Zeiten hatten sie Meder bewohnt. Die Breite ihrer Mauer betrug fünfundzwanzig Fuß, die Höhe hundert Fuß, ihr Umkreis zwei Parasangen, sie war von Ziegeln erbaut und hatte einen zwanzig Fuß hohen steinernen Grund. Zu der Zeit, als die Perser den Medern die Oberherrschaft entrissen, belagerte der Monarch der ersteren diese Stadt und konnte sie, trotz aller Versuche, nicht eher einnehmen, bis die Einwohner, als eine verhüllende Wolke die Sonne unsichtbar machte, den Muth verloren. Bei dieser Stadt stand eine steinerne Pyramide, ein Plethrum breit und zwei Plethren hoch; auf diese hatten sich viele Einwohner der umliegenden Dörfer geflüchtet. Von hier aus machten die Griechen einen Marsch von sechs Parasangen bis zu einem großen wüsten Schlosse in der Nachbarschaft einer Stadt. Die Stadt hieß Mespila und hatte ehemals medische Bewohner gehabt. Der Grund der Stadtmauer bestand aus polirtem Marmor (der versteinerte Konchylien in sich schloß), und in Breite wie Höhe betrug er fünfzig Fuß. Auf dieser Steinmasse stand die Mauer selbst, so breit wie jene und hundert Fuß hoch; ihr Umkreis betrug sechs Parasangen. Hierher floh, nach der Erzählung, als die Perser die medische Herrschaft stürzten, die Gemahlin des medischen Königs. Der Perserkönig 102 belagerte die Stadt, ohne sie aber weder durch Blokade noch Sturm einnehmen zu können; doch kam ein Schrecken vom Zeus über die Einwohner,Heftiges Gewitter. und da wurde sie erobert.

Von hier aus rückten die Griechen bis zur nächsten Lagerstatt vier Parasangen vor. Auf diesem Marsche erschien Tissaphernes an der Spitze einer sehr großen Armee, die aus seiner Reiterei, dem Corps des königlichen Schwiegersohnes Orontes, dem ehemaligen Heere des Cyrus, dem Hilfscorps des königlichen Bruders und noch aus andern Truppen, die ihm der König mitgegeben hatte, bestand. Er hatte sich nun genähert und stellte einige Truppenabtheilungen rückwärts und andere an den Flanken auf; wagte aber doch keinen vollen Angriff, um sich nicht der Gefahr auszusetzen, sondern gab blos Befehl zum Schleudern und Schießen. Als aber die hie und da einzeln aufgestellten Rhodier schleuderten, und die Bogenschützen, auf scythische Art geübt, ihre Pfeile abschossen und keiner seinen Mann verfehlte – denn das war, auch wenn einer gewollt hätte, nicht leicht möglich – so zog sich Tissaphernes sehr schnell aus der Schußweite, und die andern Truppen folgten seinem Beispiele. Nun marschirten die Griechen den übrigen Theil des Tages hindurch weiter, und die Perser folgten ihnen, ohne jedoch, nach dem vorigen Scharmützel, einen neuen Angriff zu unternehmen, denn die Rhodier trafen viel weiter als die Schleuderer und die meisten Schützen der Perser. Auch die persischen Bogen sind groß; daher konnten die Kreter alle feindlichen Pfeile, die sie erbeuteten, brauchen: sie bedienten sich auch beständig derselben und übten sich im Weitschießen, indem sie den Pfeil in die Höhe richteten. In den Dörfern fand man auch eine Menge von Sehnen und Blei, wovon man für die Schleudern Gebrauch machte. Das Gefecht dieses Tages war für die Feinde ungünstig ausgefallen, und sie zogen 103 sich auch, sobald die Griechen bei ihrer Ankunft in den Dörfern Halt machten, zurück. Am folgenden Tage rasteten die Griechen, um sich zu verproviantiren, denn man fand viele Lebensmittel in den Dörfern; dann marschirten sie, unter den Angriffen des Tissaphernes, der ihnen folgte, über die Ebene. Hier machte man die Erfahrung, daß das gleichseitige Viereck in dem Falle, wenn der Feind auf dem Fuße folgt, eine nachtheilige Stellung ist. Denn wenn schmale Wege oder Gebirgsgegenden oder Brücken die Flügel des Vierecks zwingen, sich zusammenzuziehen, so werden nothwendig die Hopliten herausgedrängt, das Zusammendrücken und ihre daher entstehende Verwirrung verhindert sie am Marsche, und in dieser Unordnung sind sie natürlich zum Dienste unbrauchbar. Wenn sich dann die Flügel wieder ausdehnen, so entsteht die nothwendige Folge, daß die herausgedrängten Soldaten getrennt werden, mitten zwischen den Flügeln eine Lücke entsteht, und diejenigen, die dies Schicksal trifft, während der Feind auf dem Fuße folgt, den Muth verlieren. Führte sie nun der Weg über eine Brücke oder durch einen andern Engpaß, so eilte Jeder, dem Andern zuvorzukommen; und dies erleichterte dem Feinde seinen Angriff. Nach dieser Erfahrung errichteten die Heerführer sechs Abtheilungen, von denen jede hundert Mann stark war und einen Hauptmann nebst Unterbefehlshabern, theils über fünfzig, theils über fünfundzwanzig Mann erhielt. Wenn sich nun die Flügel zusammenziehen mußten, so blieben diese Hauptleute, um ihnen Raum zu verschaffen, mit ihrer Mannschaft zurück und marschirten dann hinterher. Breiteten sich aber die Flanken des Vierecks wieder aus, so füllten Jene die Lücken aus, die kleinern nach ganzen, die größern nach halben, die sehr großen nach Viertel-Abtheilungen, und so wurde die Mitte immer vollständig erhalten. War nun irgend ein schmaler Pfad oder eine Brücke zu passiren, so geschah es ohne Verwirrung, und die Hauptleute marschirten hinter 104 einander, und wenn dann irgend wo die Phalanx nicht vollständig war, so waren diese bei der Hand, um sie auszufüllen. Auf diese Art machten sie vier Märsche.

Auf dem fünften Marsche erblickten sie ein königliches Schloß, umgeben von vielen Dörfern; der Weg dahin führte über hohe Hügel, die von einem Berge ausliefen, an dessen Fuße ein Dorf lag. Da diese Anhöhen nur mit feindlicher Reiterei besetzt waren, so war das für die Griechen natürlich ein angenehmer Anblick. Indessen, als sie von der Ebene aus den ersten Hügel erstiegen hatten und nun herabgingen, um den zweiten zu ersteigen, da griffen die Feinde, durch die Geißel getrieben,Eine bei den Persern beliebte Weise, den Muth der Krieger a posteriori anzufeuern. an und warfen, schleuderten und schossen von oben herab. Sie verwundeten Viele und nöthigten die leichten Truppen, sich durch die Hopliten und den innern Raum der Phalanx zum Troß zurückzuziehen, sodaß also Schleuderer und Bogenschützen für diesen Tag zum Gefecht völlig unbrauchbar waren. Die Griechen, vom Feinde im Rücken gedrängt, unternahmen nun einen Angriff auf ihn. Das abgeschickte Corps, schwerbewaffnet wie es war, erstieg mit Mühe den Hügel; die Feinde aber zogen sich schnell zurück. Da es nun, um zur Hauptarmee zu stoßen, wieder herabstieg, wurde es ebenfalls im Rücken angegriffen. Eben so ging es bei den andern Hügeln. Nun wurde beschlossen, auf der dritten Anhöhe die Truppen unterdessen stehen zu lassen und von dem rechten Flügel des Vierecks die Peltasten auf den Berg zu führen. Als nun diese ihren Standpunkt über dem Feinde erreicht hatten, wagte es dieser nicht mehr, die Griechen, die sich jetzt herunterzogen, anzufallen, aus Furcht, abgeschnitten und von zwei Seiten angegriffen zu werden. Die Griechen setzten nun, so lange der Tag noch währte, theils über die Hügel, theils über den Berg ihren 105 Marsch fort und erreichten die Dörfer, wo sie wegen der vielen Verwundeten acht Wundärzte bestellten.

Hier blieben sie drei Tage, theils aus Sorgfalt für die Verwundeten, theils deshalb, weil sie hier eine Menge von Lebensmitteln, die der Satrap dieser Landschaft zusammengebracht hatte, wie Mehl, Wein und Gerste, die für die Cavalleriepferde aufgeschüttet war, vorfanden. Am vierten Tage zogen sie in die Ebene hinab. Als Tissaphernes sie mit seiner Macht wieder eingeholt hatte, lernten sie, von ihm selbst dazu veranlaßt, die Vorsichtsmaßregel, während eines Gefechts nicht weiter zu marschiren, sondern bei dem ersten Dorfe, das sie erreichten, sich zu lagern, denn eine große Anzahl Soldaten, die Verwundeten, ihre Träger und diejenigen, denen letztere ihre Waffen ausgepackt hatten, konnten bei dem Gefechte nicht gebraucht werden. Sie lagerten sich also, der Feind rückte gegen das Dorf und unternahm einen Angriff, wurde aber ohne Mühe zurückgeschlagen, denn es war ungleich leichter, durch einen Ausfall aus dem Lager den Feind zurückzutreiben, als auf dem Marsche sich gegen ihn zu vertheidigen. Es fing nun schon an Abend zu werden, und das war für die Feinde der Zeitpunkt zum Rückzuge; denn nie lagerten sie sich näher als sechzig Stadien von dem griechischen Heere, aus Furcht vor einem nächtlichen Ueberfalle. Für die Nachtzeit nämlich hat das persische Lager eine üble Einrichtung: die Pferde werden angebunden und größtentheils noch mit Fußschlingen versehen, damit sie nicht fortlaufen. Wenn nun ein Lärm entsteht, so muß der Perser sein Pferd satteln und zäumen, sich den Harnisch anlegen und dann erst kann er aufsitzen. Dies Alles macht bei Nacht, zumal im kriegerischen Getümmel, nicht geringe Schwierigkeit, und deshalb lagerten sie sich so weit von den Griechen.

Diese merkten jetzt an den Rufen der Feinde, daß sie sich zum Abzuge anschickten, und nun gaben auch sie, im 106 Angesicht der Perser, das Zeichen zum Aufbruch. Die Letzteren verzögerten hierauf noch eine Weile ihren Marsch, endlich aber, als es schon spät wurde, zogen sie ab: denn sie hielten es ihrem Vortheile nicht angemessen, in der Nacht zu marschiren und ein Lager aufzuschlagen. Als nun die Griechen ihren wirklichen Abmarsch sahen, brachen auch sie auf und legten ungefähr sechzig Stadien zurück. Dadurch gewannen sie einen solchen Vorsprung, daß am zweiten und dritten Tage kein Feind zu sehen war. Am vierten Tage aber nahmen die Perser, nachdem sie in der Nacht den Griechen einen Marsch abgewonnen hatten, ihre Stellung sehr vortheilhaft auf der Höhe eines Berges, den die Griechen passiren mußten, und über den der Weg in die Ebene führte. Sobald Chirisophus dies bemerkte, ließ er den Xenophon vom Nachzuge herbeirufen, mit dem Befehl, die Peltasten zugleich hervorzuführen. Xenophon, ohne die Peltasten mitzubringen, denn er hatte den Tissaphernes schon mit seiner ganzen Macht erblickt, kam hervorgeritten und fragte nach der Ursache des Abrufs. »Die kannst du sehen,« sagte Chirisophus, »die Anhöhe, die unsern Marsch in die Ebene beherrscht, ist vom Feinde weggenommen, und wir können nicht weiter, ohne ihn zuvor hinunterzutreiben; aber warum bringst du nicht die Peltasten mit?« »Ich hielt es nicht für gut,« erwiederte Xenophon, »den Nachzug zu entblößen, wenn der Feind sich sehen läßt. Doch es ist Zeit, zu berathschlagen, wie man den Feind von der Anhöhe vertreibt.« Da Xenophon jetzt bemerkte, daß gerade über der griechischen Armee der Berg am höchsten emporragte, und daß von dem Gipfel aus ein Weg auf die vom Feinde besetzte Anhöhe führte, so sagte er: »Das beste Mittel, Chirisophus, ist hier, so schnell als möglich die Bergspitze zu ersteigen, denn haben wir diese, so können sie ihre Stellung auf jener Anhöhe nicht behaupten. Bestimme nun selbst, wer von uns Beiden die Ausführung übernehmen und wer bei der Armee bleiben soll.« – »Ich 107 überlasse dir die Wahl,« sagte Chirisophus. »Nun, da ich jünger bin,« erwiederte Xenophon, »so will ich marschiren,« und zugleich verlangte er Mannschaft aus dem Vordertreffen, weil der Weg vom Nachtrabe her zu lang war. Chirisophus gab ihm die Peltasten von der Front und aus der Mitte der Phalanx, nebst dem auserlesenen Corps von dreihundert Mann, welches er selbst bei dem Vortreffen hatte. Nun eilten sie, so schnell sie konnten, hinan. Sobald dies die Feinde auf dem Hügel bemerkten, liefen auch sie, um die Bergspitze noch eher zu erreichen. Das griechische Heer und die Armee des Tissaphernes riefen nun den Ihrigen zu, um sie anzufeuern, und das Geschrei von beiden Seiten war groß. Xenophon rief im Vorüberreiten den Truppen zu: »Jetzt, Waffenbrüder, wetteifert, als wäre Griechenland das Ziel, als winkte euch die Umarmung eurer Weiber und Kinder; bald, nach kurzer Anstrengung werden wir den übrigen Marsch ohne Schwertschlag vollbringen.« Der Soldat Soteridas ans Sicyon sagte hierauf: »Du, Xenophon, hast gut reden: dich trägt dein Pferd, und ich erliege fast unter der Last des Schildes.« Auf diese Aeußerung sprang Xenophon vom Pferde, stieß den Soldaten aus dem Gliede, nahm ihm den Schild und marschirte, so schnell er nur konnte, vorwärts. Obwol ihn überdies noch seine Reiterrüstung drückte, so rief er doch den vordersten Reihen zu, fortzueilen, und den letzten, die kaum folgen konnten, nachzurücken. Die andern Soldaten schlugen, warfen und schimpften den Soteridas so lange, bis er wieder mit dem Schilde marschirte. Xenophon aber führte nun wieder zu Pferde an, so lange es der Weg erlaubte; dann stieg er ab und eilte zu Fuß so schnell hinan, daß die Griechen dem Feinde auf dem Gipfel zuvorkamen.

 

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