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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6.

So wurden die Feldherren gefangen genommen und zum Könige abgeführt, wo man ihnen den Kopf abschlug. Unter ihnen zeichnete sich Klearchos nach dem einstimmigen Zeugnisse Aller, die ihn näher kannten, als ein sehr erfahrener und leidenschaftlicher Kriegsmann aus. So lange die Lacedämonier den Krieg gegen Athen fortsetzten, blieb er bei ihnen; nach dem Friedensschlusse aber stellte er seinen Mitbürgern die Beeinträchtigungen vor, welche die Griechen von den Thraciern litten, und nachdem er mit allen möglichen Beweggründen seine Absicht bei den Ephoren durchgesetzt hatte, segelte er ab, um die Thracier, die Perinth und den Chersones bewohnen, zu bekriegen. 76 Nachdem die Flotte schon ausgelaufen war, änderten die Ephoren ihren Entschluß und schickten ihm bis an den Isthmus den Befehl nach, wieder umzukehren. Klearch aber, ohne darauf zu achten, setzte seine Fahrt in den Hellespont fort. Die Regierung von Sparta verurtheilte ihn nun als widerspenstigen Bürger zum Tode. Aus seinem Vaterlande verwiesen, wendete er sich an Cyrus, und wir haben oben gesehen, wie er sich diesen zum Freunde machte. Die zehntausend Dareiken, die er vom Cyrus empfing, verwendete er nicht zu seinem Vergnügen, sondern zog dafür ein Heer zusammen und bekriegte die Thracier. Er besiegte sie, plünderte ihr Land aus und setzte den Krieg gegen sie fort, bis Cyrus seiner Truppen bedurfte; dann zog er ab, um sich mit diesem zu einem neuen Kriege zu vereinen. Diese Thatsachen beweisen seinen kriegerischen Charakter; denn da er den Krieg und die damit verbundenen Beschwerlichkeiten und Kosten einem Frieden, den er ohne Abbruch seiner Ehre genießen konnte, einer sorgenfreien Muße und dem gefahrlosen Besitz seines Vermögens vorzog; da er mit einer solchen Neigung dafür Aufopferungen machte, als wenn sein Gegenstand eine Liebschaft oder sonst ein sinnlicher Genuß wäre, so sieht man, wie leidenschaftlich er für den Krieg entflammt war. Allein er liebte den Krieg nicht blos, er besaß auch kriegerische Talente: der Gefahr ging er muthvoll entgegen, griff den Feind bei Tag und Nacht an und wußte sich, nach dem einstimmigen Zeugnisse Aller, die um ihn waren, aus schwierigen Lagen mit Klugheit herauszuziehen. Hiermit verband er, diesem Charakter gemäß, die Eigenschaften eines Heerführers in vorzüglichem Grade, denn nichts übertraf seine Sorgfalt für die Proviantirung der Truppen, noch seine Geschicklichkeit diese zu beschaffen, und er verstand die Kunst, seinen Soldaten den Gehorsam gegen ihn geläufig zu machen. Dies war Folge seines rauhen Charakters: denn sein Blick war finster und seine Stimme barsch; immer strafte er mit 77 Strenge und bisweilen im Zorn, so daß es ihn auch manchmal gereute; doch strafte er immer nach Grundsätzen, weil er ein Heer ohne Mannszucht für unbrauchbar hielt.

Er pflegte, wie man erzählt, zu sagen: »Wenn der Soldat seinen Posten gehörig bewachen, die Freunde mit Schonung behandeln und ohne Widerrede gegen den Feind marschiren soll, so muß er sich vor dem Feldherrn mehr als vor dem Feinde fürchten.« In mißlichen Lagen hörten daher die Soldaten begierig, ohne einen Andern zu fragen, nur auf seinen Rath. Das Finstere in seiner Miene klärte sich dann, ihrem Geständnisse nach auf, und in seiner Rauhheit fanden sie nur Aufforderung zum Muth gegen die Feinde und Rettung aus der Gefahr. Sobald sie aber nichts mehr zu befürchten hatten und sich unter eine andre Fahne begeben durften, verließen ihn doch Viele: denn in seinem Betragen war nichts Anziehendes, sondern geradezu Abstoßendes; daher war auch seinen Soldaten vor ihm so bange, wie Schulknaben vor ihrem Lehrer. Keiner nahm aus Zuneigung und Liebe unter ihm Dienste; diejenigen aber, die auf Befehl ihres Vaterlandes, oder weil sie seiner Unterstützung bedurften, oder anderer dringender Umstände wegen unter seinem Commando standen, wußte er sehr gut in Unterwürfigkeit zu erhalten. Der Sieg, den sie unter ihm lernten, gab ihm sehr wirksame Mittel in die Hände, sie zu braven Soldaten zu bilden, denn unter ihm fühlten sie Muth und Entschlossenheit, und die Furcht vor seiner Strafe hielt sie in Ordnung. So wußte er zu herrschen, obgleich er selbst, wie man sagt, eben nicht biegsam war, wenn er gehorchen sollte. Er starb als Mann von ungefähr fünfzig Jahren.

Proxenus aus Böotien strebte schon von seiner frühen Jugend an, sich für das männliche Alter zu großen Thaten zu bilden, und von diesem Wunsche getrieben, ließ er 78 sich für Bezahlung von Gorgias aus Leontium unterrichten. Als er sich nun in dem Umgange mit diesem Manne Kenntnisse genug erworben zu haben glaubte, um über Andere zu gebieten und in dem Umgange mit Männern ersten Ranges ihre Gefälligkeiten erwiedern zu können, nahm er an den bekannten Unternehmungen des Cyrus Antheil, in der Hoffnung, sich dabei einen vorzüglichen Ruhm, einen ausgebreiteten Einfluß und ein beträchtliches Vermögen zu erwerben. Mit diesem Wunsche aber verband er, wie man deutlich ersehen konnte, die Absicht, sich jene Vortheile nicht durch ungerechte Handlungen, sondern schlechterdings nur auf rechtmäßige und rühmliche Art zu verschaffen. Ueber gute und brave Leute verstand er zu gebieten; aber sich bei seinen Soldaten in Achtung und Furcht zu setzen, war seine Sache nicht, und seine Rücksicht gegen sie übertraf die ihrige für ihn. Man ersah deutlich, daß er sich mehr fürchtete, seinen Soldaten verhaßt zu werden, als diese, ihm ungehorsam zu sein. Er hielt es, um Anführer zu sein und dafür zu gelten, schon für hinlänglich, den braven Krieger zu loben und den unwürdigen unbemerkt zu lassen. Daher kam es, daß die guten Soldaten seines Corps ihn liebten, die schlechten aber ihn als einen Mann, der es ihnen ja bequem genug machte, zu hintergehen suchten. Als er sein Leben verlor, war er gegen dreißig Jahre alt.

Einer der hervorstechendsten Charakterzüge des Thessaliers Menon war Habsucht, und nur um diese zu befriedigen, strebte er nach Herrschaft. Auch seinem Ehrgeize lag nur der Wunsch, sich zu bereichern, zu Grunde und in der Freundschaft der Mächtigen suchte er nur Straflosigkeit für seine Verbrechen. Um auf dem kürzesten Wege an seiner Wünsche Ziel zu gelangen, hielt er Meineid, Lüge und 79 Betrug für zweckdienliche Mittel. Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe überließ er den Schwachen. Er liebte, so weit sich bemerken ließ, Niemanden; wenn er aber Jemandes Freund zu sein vorgab, so konnte man sich sicher darauf verlassen, daß er ihm nachstellte.

Nie spottete er über einen Feind: aber mit Allen, die zu seiner Gesellschaft gehörten, sprach er immer in spottendem Tone. An den Besitzungen des Feindes vergriff er sich nicht, denn er hielt es für gewagt, bewachtes Eigenthum anzutreffen: aber die unbeschützte Habe der Freunde hielt er, – und schien sich auf diesen Grundsatz etwas einzubilden – für die leichteste Beute. Gegen alle die Menschen, die er zu Handlungen des Meineids und der Ungerechtigkeit geneigt und also gegen seine Angriffe gut gedeckt fand, wagte er nichts zu unternehmen, aber redliche und rechtschaffene Leute mißhandelte er als Schwächlinge. Wenn ein guter Mensch an Gottesfurcht, Wahrheit und Gerechtigkeit sein Vergnügen findet, fand Menon ein Vergnügen daran, einen Betrug zu spielen, eine Lüge zu erfinden oder einen Freund lächerlich zu machen. Mangel an Arglist galt ihm für Dummheit. Personen, in deren Freundschaft er die erste Stelle zu erhalten wünschte, glaubte er dadurch gewinnen zu müssen, daß er ihnen gerade die Menschen, die im Besitze jenes Vorzuges waren, verdächtig zu machen suchte. Für die Aufrechthaltung des Gehorsams unter seinen Soldaten brauchte er das Mittel, sich mit ihnen zu schlechten Handlungen zu vereinen. Ehrfurcht und Dienstbeflissenheit suchte er sich dadurch zu erzwingen, daß er merken ließ, er habe widrigenfalls die Macht und den Willen zu schaden; wenn aber Jemand von ihm abfiel, so rechnete er es sich zum Verdienst an, ihn, da er mit ihm noch in Beziehungen stand, nicht unglücklich gemacht zu haben. Doch eine Schilderung, die sich nicht auf allgemein bekannte Thatsachen stützt, kann unzuverlässig scheinen: ich will daher jetzt erzählen, was Allen bekannt ist. Bei Aristipp 80 hatte er es in einem Alter, das sich durch seine Blüte empfahl,Das ist eine ganz leise Andeutung des Preises, um welchen Aristipp ihm jene Gunst gewährte, wie sie der schamhafte Xenophon liebt. Der folgende Satz ist, meines Erachtens,. das fremde Einschiebsel eines späteren Erklärers. dahin gebracht, daß er das Commando über die Miethstruppen desselben erhielt. (Dem Ariäus, einen Barbaren, der an schönen Jünglingen viel Gefallen fand, gab er sich in diesen Jugendjahren Preis; er selbst, noch unbärtig, hatte außerdem eine Liebschaft mit dem schon bärtigen Tharypas). Als seine Kameraden wegen des mit Cyrus gegen den König unternommenen Feldzugs den Kopf verloren, wurde er, obgleich mit derselben Schuld behaftet, verschont. Doch nach ihrer Hinrichtung mußte auch er auf Befehl des Königs mit dem Leben büßen.

Er wurde nicht, wie seine Vorgänger, enthauptet, – eine Todesart, die, wie es scheint, die ehrenvollste ist, – sondern, wie man erzählt, als ein Bösewicht ein Jahr lang gemartert, bis er starb. Auch Agias aus Arkadien und Sokrates aus Achaja wurden hingerichtet, Männer, denen man in Hinsicht ihres Betragens sowol im Felde, als im Umgange mit Freunden, alle Gerechtigkeit widerfahren lassen muß. Beide endeten etwa im vierzigsten Lebensjahre.

 


 

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