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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.

Ariäus und das griechische Heer, die sich nahe neben einander gelagert hatten, warteten auf den Tissaphernes über zwanzig Tage. Während dieser Zeit erhielt Ariäus einen Besuch von seinen Brüdern und anderen Verwandten und zu seinen Truppen kam eine Anzahl Perser, die ihnen theils gute Hoffnung machten, theils sogar im Namen 64 des Königs die Versicherung gaben, daß er weder ihren mit dem Cyrus unternommenen Kriegszug, noch irgend einen andern ihrer früher begangenen Fehler strafen würde. Nach diesem Vorfalle äußerte sich bei Ariäus und seinem Heere eine sichtbare Kälte gegen die Griechen. Mehreren unter diesen fiel es auf; sie kamen deshalb zum Klearch und sagten zu ihm und den übrigen Anführern:

»Worauf warten wir noch? Ist es uns etwa unbekannt, daß der König nichts lieber sehen würde, als unser Verderben, um auch die andern Griechen von Kriegszügen gegen ihn abzuschrecken? Er hält uns jetzt absichtlich hier auf, weil seine Truppen zerstreut sind; sobald er diese wieder zusammengezogen hat, was sollte ihn dann abhalten, uns anzugreifen? Vielleicht zieht er auch irgendwo Gräben oder wirft Schanzen auf, um uns den Rückzug abzuschneiden. Denn gutwillig wird er uns wol nicht nach Griechenland die Nachricht bringen lassen, daß wir, solch ein Häuflein, die Heeresmacht des Königs in der Nähe seiner Hauptstadt besiegten und dann lachend abzogen.«

Klearch erwiederte: »So sehr ich einerseits euren Gedanken meinen Beifall nicht versagen kann, so sehe ich doch auch andrerseits, daß wir uns, wenn wir jetzt fortziehen, dem scheinbaren Vorwurfe aussetzen, den Vertrag gebrochen und die Feindseligkeiten erneuert zu haben. Ferner, wer würde uns einen Marktplatz anweisen, oder Lebensmittel nehmen lassen? Wer würde unsern Marsch leiten? Sobald wir diesen Schritt thun, fällt Ariäus sogleich von uns ab, und dann haben wir nicht nur unsre Freunde verloren, sondern sie uns auch zu Feinden gemacht. Oh wir, außer dem Euphrat, noch über andere Flüsse zu setzen haben, weiß ich nicht; daß aber der Uebergang über jenen Fluß, wenn ihn der Feind streitig macht, unmöglich wird, ist bekannt. Auch haben wir, wenn es zur Schlacht käme, keine Reiterei zur Unterstützung, die des Feindes hingegen ist sehr zahlreich und trefflich. Welchen Verlust würden 65 wir da dem Feinde zufügen, gesetzt auch, wir erhielten den Sieg; im andern Falle aber käme von uns nicht ein Mann davon. Warum sollte also der König, dem so viele Hilfsmittel zu Gebote stehen, wenn er unser Verderben wollte, erst für nöthig befunden haben, seine Versicherung zu beschwören, die Götter durch einen Meineid zu erzürnen und das den Griechen und Barbaren gegebene Versprechen zurückzunehmen?«

Diese und ähnliche Einwendungen machte Klearch. Indessen kam Tissaphernes, um, wie es schien, in die Provinz abzugehen und Orontes,Statthalter in Armenien. jeder mit seinem Corps. Letzterer führte auch die Tochter des Königs, die ihm vermählt war, mit sich. Die Armee zog nun, unter der Leitung des Tissaphernes, der auch die Besorgung der Lebensmittel übernahm, weiter. Ariäus, der des Cyrus Barbarenheer befehligte, marschirte in Verbindung mit dem Tissaphernes und Orontes, und schlug auch sein Lager bei ihnen auf. Die Griechen aber, die ihnen nicht recht trauten, marschirten, von eignen Wegweisern geführt, besonders und lagerten sich auch immer in einer Entfernung von ihnen, die eine Parasange oder etwas weniger betrug. Jeder Theil glaubte in dem andern einen Feind zu erblicken, und das machte sie argwöhnisch. Wenn mitunter die Soldaten, die nach Holz oder Futter ausgingen, an einem Orte zusammentrafen, so entstanden Schlägereien, die zu der feindseligen Stimmung das Ihrige beitrugen. Nach drei Tagen kamen sie zur medischen Mauer und setzten nun jenseits derselben ihren Marsch fort. Diese, in der Nähe Babylons, ist von Backsteinen, die mit Erdharz verkittet sind, erbaut, zwanzig Fuß breit und hundert Fuß hoch, ihre Länge beträgt, den Angaben nach, zwanzig Parasangen. – Hierauf marschirten sie in zwei Tagen acht Parasangen und gingen über zwei Kanäle, über den einen 66 auf einer Brücke, über den andern auf sieben Fahrzeugen, die ein Ufer mit dem andern verbanden. Die Kanäle sind aus dem Tigris abgeleitet, und aus ihnen ziehen sich Gräben über das Land, Anfangs große, dann kleinere, und endlich ganz kleine, wie man sie in Griechenland auf Buchweizenfeldern sieht. Nun kam man zum Tigris, wo Sitace, eine große und volkreiche Stadt, fünfzehn Stadien abwärts vom Flusse liegt. Hier lagerten sich die Griechen in der Nähe eines schönen, großen, mit Bäumen aller Art dicht bewachsenen Gartens. Die Barbaren aber, die über den Tigris gingen, konnte man nach ihrem Uebergange nicht mehr sehen.

Als Proxenus und Xenophon nach dem Abendessen vor dem Lager spazieren gingen, kam ein Unbekannter zu den Vorposten und äußerte den Wunsch, mit Proxenus oder Klearch sprechen zu können. Nach Menon fragte er nicht, obgleich er vom Ariäus, dem Gastfreunde Menons kam. – Auf die Erklärung des Proxenus, er sei, den er suche, sagte der Unbekannte: »Ariäus und Artaozus, des Cyrus ehemalige Anhänger und eure Freunde lassen euch durch mich empfehlen, gegen einen feindlichen Ueberfall in dieser Nacht auf eurer Hut zu sein. Denn in dem benachbarten Thiergarten liegt ein zahlreiches Truppencorps. Sie rathen euch ferner, die Tigerbrücke zu besetzen, weil Tissaphernes Willens ist, sie in dieser Nacht womöglich abzubrechen, damit ihr dann außer Stande, den Fluß zu passiren, auf die Fläche zwischen diesem und dem Kanale eingeschränkt würdet.« Nach dieser Erklärung führten sie ihn zum Klearch, der über diese ihm mitgetheilte Nachricht in nicht geringe Bestürzung gerieth. Ein junger MannWahrscheinlich Xenophon selbst, der sich aus Bescheidenheit nicht nennt. aber unter den anwesenden Personen, der die Sache erwogen hatte, machte die Bemerkung: das Abwerfen der Brücke sei dem Plane, die Griechen zu überfallen, nicht 67 angemessen. »Denn natürlich müssen sie,« fuhr er fort, »bei dem Ueberfalle entweder gewinnen oder verlieren; gewinnen sie, so sehe ich nicht ein, was es ihnen nützen würde, die Brücke abgebrochen zu haben; denn auch bei einer Menge von Brücken würde uns doch kein Ausweg zur Flucht und Rettung offen stehen. Erklärt sich aber der Sieg für uns, so hätten sie sich selbst durch das Abwerfen der Brücke den Weg zur Flucht gesperrt und von den jenseitigen Truppen, wären sie auch noch so zahlreich, würden sie keine Unterstützung erhalten können.« Hierauf befragte Klearch den Boten über die Größe der Landschaft zwischen dem Tigris und dem Kanale. Sie ist weitläufig, erwiederte dieser, und enthält eine Menge von großen Dörfern und Städten. Nun sah man erst ein, daß die ganze Nachricht eine Kriegslist der Barbaren war, welche besorgten, die Griechen möchten jenseits der Brücke auf der Insel bleiben, hier wären sie auf der einen Seite durch den Tigris, auf der andern durch den Kanal gedeckt; die dazwischen liegende weite und fruchtbare Landschaft, der es auch nicht an Leuten fehlte, die sie bebauen würden, könnte ihnen Lebensmittel liefern, und ein etwaiger Feind des Königs möchte dann hierher seine Zuflucht nehmen, um ihn von hier aus zu befehden. Man begab sich nun zur Ruhe, ließ aber dennoch die Brücke bewachen; allein es geschah kein Ueberfall, und keiner von den Feinden hatte sich laut Aussage der Wache ihr genähert. Bei dem Anbruch der Morgenröthe wurde der Uebergang über die Brücke, die aus siebenunddreißig Fahrzeugen zusammengesetzt war, mit möglichster Vorsicht bewerkstelligt, denn Einige der Griechen, die beim Tissaphernes waren, hatten die Nachricht gebracht, daß der Angriff während des Ueberganges erfolgen würde; allein dies war ganz unrichtig. Zwar näherte sich, während des Marsches über die Brücke, Glus mit einigen Begleitern, um zu sehen, ob die Griechen über den Fluß gehen würden; allein er eilte sogleich zurück, als er sich davon überzeugt hatte.

68 Von hier aus legten sie in vier Märschen zwanzig Parasangen zurück und kamen zum Physkus; dieser Fluß war ein Plethrum breit und trug eine Brücke. An ihm liegt Opis, eine große Stadt. Hier begegnete den Griechen der uneheliche Bruder des Cyrus und Artaxerxes, der von Susa und Ekbatana aus dem Könige ein starkes Hilfscorps zuführte. Er ließ seine Truppen Halt machen und sah sich den Vorbeimarsch der Griechen an. Klearch ließ die Armee in einer Colonne, die Compagnie zwei Mann hoch, marschiren und von Zeit zu Zeit halten; so lange nun das Vordertreffen hielt, so lange mußte nothwendig der Stillstand durch das ganze Heer dauern. Dies gab der Armee selbst in den Augen der Griechen das Ansehen einer außerordentlichen Größe und setzte den zuschauenden Perser in Erstaunen. Hierauf setzten sie ihren Zug durch Medien fort und legten in sechs Märschen durch wüste Gegenden dreißig Parasangen zurück bis zu den Dörfern der Parysatis, der Mutter des Cyrus und des Königs. Diese Ortschaften überließ Tissaphernes, um das Andenken des Cyrus zu schmähen, den Griechen zur Plünderung. Sklaven nur durften sie nicht mitnehmen, sonst aber erbeuteten sie hier viel Getreide, Vieh und andere Sachen. Von hier aus zogen sie, den Tigris zur Linken, in fünf Märschen durch Wüsteneien zwanzig Parasangen fort. Auf dem ersten Marsche brachten die Einwohner von Cänä, einer großen und blühenden Stadt jenseit des Flusses, auf ledernen Fahrzeugen Brod, Käse und Wein herüber.

 

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