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Anabasis

Xenophon: Anabasis - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleAnabasis
authorXenophon
translatorMax Oberbreyer
yearca. 1880
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAnabasis
pages264
created20120726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1.

Wie Cyrus, im Begriff seinen Bruder Artaxerxes zu bekriegen, das griechische Heer zusammenzog, die Geschichte des Marsches, die Begebenheiten der Schlacht, der Fall des Cyrus, wie ferner die Griechen, in dem Wahne, der Sieg sei allgemein und Cyrus noch am Leben, nach ihrem Rückmarsch ins Lager ausruhten, dies Alles bildete den Inhalt des vorigen Buches.

Als nun mit Tagesanbruch die Heerführer zusammen kamen, wunderten sie sich, daß Cyrus weder selbst erschien, noch einen Boten mit Verhaltungsbefehlen abschickte. Sie beschlossen daher, sich zu rüsten und mit dem Ueberreste des Gepäcks vorzurücken, um sich mit Cyrus zu vereinigen. Schon waren sie im Aufbruch begriffen, und eben stieg die Sonne empor, als Prokles, Archon von Theutrania,Im westlichen Kleinasien, am Flusse Kalkus. ein Nachkomme des Lacedämoniers Damaratus und Glus, des Tamus Sohn ankamen. Diese brachten die Nachricht: Cyrus sei geblieben und Ariäus habe sich mit seinen Truppen auf den Lagerplatz zurückgezogen, von dem die Armee am Tage vorher abmarschirt war. Zugleich meldeten sie des Ariäus Entschluß, diesen Tag auf sie zu warten, für den Fall, daß sie sich etwa mit ihm vereinigen wollten; am folgenden Tage sei er aber gesonnen, den Rückmarsch nach Ionien anzutreten. Diese Nachricht machte auf die Feldherrn und das ganze Heer den tiefschmerzlichsten 52 Eindruck. Klearch nahm das Wort: »Weh, daß Cyrus nicht mehr lebt! Doch ist er nun todt, dann sagt dem Ariäus, daß wir den König besiegt haben, und daß, wie ihr seht, Niemand mehr gegen uns kämpft, und kamet ihr jetzo nicht, so ging unser Marsch weiter gegen den König. Sagt dem Ariäus, wir wollten ihn, wenn er zu uns stieße, auf den königlichen Thron setzen, denn wer die Schlacht gewann, ist auch zu herrschen berechtigt.« Mit diesem Auftrage entließ er die Gesandten und schickte mit ihnen den Lacedämonier Chirisophus und den Thessalier Menon, der, als Freund und Gastgenosse des Ariäus, selbst mitzugehen wünschte. Sie gingen und Klearch blieb.

Die Truppen beköstigten sich nun, so gut es die Umstände erlaubten, indem sie von dem Zugvieh Ochsen und Esel schlachteten. Zur Feuerung holten sie sich vom Wahlplatze, eine kleine Strecke vor der Front, Pfeile, deren eine große Menge vorhanden war, – die königlichen Ueberläufer hatten die ihrigen, auf Geheiß der Griechen, wegwerfen müssen, – geflochtene Schilde, hölzerne ägyptische Schilde, auch viele Tartschen und Wagen, denen das Vorgespann fehlte; dies Alles benutzten sie, um sich für diesen Tag ihre Speisen dabei zu kochen.

Mittags nun kamen Herolde vom Könige und Tissaphernes, von denen nur einer, Phalynus, ein Grieche war. Dieser hielt sich beim Tissaphernes auf und stand in großem Ansehen, denn er gab sich in Taktik und Waffenkunde für einen Kenner aus. Bei ihrer Annäherung riefen sie die griechischen Heerführer und sagten: Da der König die Schlacht gewonnen und den Cyrus getödtet habe, so ertheile er den Griechen Befehl, die Waffen zu strecken, in sein Hauptquartier zu kommen und sich um seine Gnade zu bewerben. Diesen Antrag der Herolde hörten die Griechen mit Unwillen an; dennoch sagte Klearch nur so viel: Es sei nicht die Sache der Sieger, die Waffen zu strecken. »Indessen,« fügte er hinzu, »mögt ihr Heerführer ihnen 53 antworten, wie es nach eurer Ueberzeugung Ehre und Nutzen erfordert; ich werde bald wieder hier sein.« Es rief ihn nämlich, weil er eben im Opfern begriffen war, einer der Opferdiener zur Beschauung der Eingeweide ab. Hierauf antwortete der Arkadier Kleanor, als der Aelteste: Die Griechen wollten lieber sterben, als die Waffen ausliefern. »Was mich betrifft, Phalynus,« sagte Proxenus aus Theben, »so wünschte ich zu wissen, ob der König die Waffen, als Sieger von Besiegten, oder als Freund von Freunden verlangt. Denn im erstern Falle dürfte er nicht darum bitten, sondern sie abholen; im zweiten aber müßte er den Soldaten sagen, was er ihnen für ihre Gefälligkeit bewilligen wollte.« »Der König,« erwiderte Phalynus, »glaubt Sieger zu sein, weil er den Cyrus getödtet hat, denn wer will ihm jetzt noch die Herrschaft streitig machen? Auch euch glaubt er in seiner Gewalt zu haben, weil ihr mitten in seinen Staaten, diesseits undurchgänglicher Flüsse seid, und weil er euch eine so zahlreiche Macht entgegenstellen kann, daß eure Kräfte erliegen würden, auch wenn er sie eurer Willkür, zur bloßen Niedermetzelung überließe.« Hierauf sprach der Athener Xenophon: »Jetzt, Phalynus, haben wir, wie du siehst, keine anderen Schätze als Waffen und Tapferkeit; im Besitze der ersteren wollen wir auch die letztere nicht verläugnen, denn liefern wir jene aus, so geben wir unser Leben Preis. Erwarte daher nicht, daß wir die einzigen Hilfsmittel, die uns übrig sind, dahin geben werden, mit ihnen wollen wir vielmehr noch um eure Besitzungen kämpfen.« Lächelnd erwiederte Phalynus: »Ei, junger Mann, du scheinst ein Philosoph zu sein, und sprichst nicht übel. Doch glaube nur, es wäre eine Thorheit, zu wähnen, daß eure Tapferkeit die Macht des Königs überwinden könnte.« Einige Andere zeigten, wie es hieß, mehr Nachgibigkeit in ihrer Antwort: sie hätten dem Cyrus treu gedient, und würden auch dem Könige, wenn er ihr Freund werden wollte, entweder in einem Heerzuge 54 gegen Aegypten, oder in irgend einer anderen Unternehmung die wichtigsten Dienste leisten können. Hier kam Klearch dazu und fragte, ob man schon geantwortet hätte. »Die Meinungen,« versetzte Phalynus, »gehen hier sehr auseinander; sag' uns doch die deinige, Klearch.« »Mit Vergnügen, Phalynus,« erwiederte dieser, »sah ich es, daß du kamst, und ich glaube von allen diesen hier dasselbe versichern zu können. Denn du bist ein Grieche, und wir Alle, die du hier siehst, sind es auch. In dieser Lage nun fragen wir dich auch, was ist in der Sache zu thun? Gib du nun, bei den Göttern, gib uns einen Rath, der nach deiner Ueberzeugung der ehrenvollste und beste ist, und der auch in der Folge, wenn man erzählt, daß Phalynus ihn einst den Griechen gab, obgleich er von dem Könige dazu abgeschickt war, um ihnen die Niederlegung der Waffen anzubefehlen, dir noch Ehre bringen kann. Denn natürlich wird man, du weißt es, in Griechenland über den Rath sprechen, den du uns geben wirst.« Klearch nahm diese Wendung, um den Abgesandten des Königs selbst zu dem Vorschlage zu stimmen, die Waffen nicht niederzulegen, damit die Griechen desto mehr Muth fassen möchten. Phalynus aber wich ihm aus und antwortete gegen seine Erwartung: »Habt ihr von tausend Hoffnungen nur noch eine, euch durch die Gewalt der Waffen zu retten, so rathe ich euch, diese nicht niederzulegen; liegt aber euer Schicksal in den Händen des Königs, so rettet euch, wie ihr könnt.« – »Das wäre also dein Rath,« erwiederte Klearch; »von uns indessen nimm die Antwort zurück: wir wären der Meinung, daß es im Falle eines Bündnisses für den König, im Falle des Bruchs aber für uns vortheilhafter sei, wenn wir die Waffen behalten.« – »Diese Nachricht,« sagte Phalynus, »wollen wir dem Könige bringen. Indessen haben wir noch den Auftrag, euch zu eröffnen, daß der König euch, wenn ihr hier bleibt, einen Vertrag anbietet; marschirt ihr aber vorwärts oder zurück, so habt ihr Krieg. 55 Sagt mir also auch hierüber euren Entschluß.« –»Antworte nur darauf,« sprach Klearch, »daß wir mit dem Könige gleicher Meinung wären.« Phalynus: »Welcher Meinung also?« Klearch: »Bündniß, wenn wir bleiben, Krieg, wenn wir marschiren.« Phalynus: »Soll ich nun Bündniß oder Krieg ankündigen?« Klearch aber wiederholte seine Erklärung, ohne seinen Entschluß zu sagen.

 

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