Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jack London >

An der weißen Grenze

Jack London: An der weißen Grenze - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleAn der weißen Grenze
publisherBüchergilde Gutenberg
year1933
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150703
projectid3a16c9a2
Schließen

Navigation:

 

Gregory St. Vincent wurde rasch ein wichtiger Faktor im gesellschaftlichen Leben der Stadt Dawson. Er war tatsächlich ein großer Entdeckungsreisender. Eigentlich hatte er überall auf der Erdoberfläche Leben und Kampf beobachtet. Dabei, wenn auf seine Erlebnisse und Kämpfe die Rede kam – wie zurückhaltend und bescheiden!

Überall traf er alte Bekannte, Jacob Welse war ihm im Herbst 1888 in St. Michael begegnet, bevor Gregory den Marsch über das Eis der Beringstraße antrat. Einen Monat später hatte ihn Pater Barnum einige hundert Meilen nördlich von St. Michael getroffen, wo der Missionar die Leitung des ersten Hospitals übernahm. Polizeihauptmann Alexander kannte Gregory von einem Abend der Britischen Gesandtschaft in Peking her.

Besonders bei den Frauen wurde er beliebt. Niemand verstand es wie er, das Programm für einen vergnügten Abend zu entwerfen; es gab keine Gesellschaft ohne ihn. Im Theater hatte er ganz selbstverständlich die Leitung übernommen, er wurde Regisseur und Hauptdarsteller, so daß er Fronas Partner werden mußte.

Corliss kam einmal zu einer Probe; er war müde von einer Schlittenreise und blieb nicht lange. Vielleicht ärgerte es ihn auch, zu sehen, wie ihre Rollen die beiden zwangen, sich immer wieder zu umarmen. Die betreffende Szene war so schwierig, daß Gregory sie ein halbes dutzendmal wiederholen ließ. Jedenfalls kam Corliss nie wieder zu einer Probe.

Corliss hatte sehr viel Arbeit. Wenn er Geselligkeit suchte, tat er sich jetzt mit Jacob Welse und Oberst Trethaway zusammen. Er lernte ununterbrochen, auf seinen Schlitten reisend und im Gespräch mit den bewährten Pionieren, denn er hatte herausgefunden, daß sein ganzes Wissen bisher Theorie war. Seine große Gründung, an der Jacob Welse sich auch mit einigen Millionen beteiligte, bedingte praktische Grundlagen. Corliss wunderte sich selbst, daß es in London Leute gab, die ihm eine so verantwortliche Aufgabe und große Kapitalien anvertraut hatten, ehe er noch eine Ahnung gehabt, um was es sich eigentlich handelte.

»Sie haben Protektion, mein Junge!« lachte Trethaway. »Protektion ist ganz gut für den Anfang. Aber jetzt sollen die Kerls auch merken, daß Sie wirklich was leisten.«

Del Bishops Aufgabe bestand darin, nach den Anordnungen seines Chefs die verschiedenen Flüsse zu bereisen, wozu ihm die beste Ausrüstung und ein prachtvolles Hundegespann zur Verfügung standen. Er war ein hervorragender Kundschafter, aber vor allem vergaß er über den Interessen der Gesellschaft nicht, für sich privat Ausschau nach neuen Fundstellen zu halten. Sein Wissen sollte ihm zustatten kommen, wenn er im Sommer wieder auf eigene Faust auf die Goldsuche ging.

Frona hörte über Corliss nur das Beste. Daß er ein tüchtiger Arbeitgeber, ein unermüdliches Vorbild für seine Leute war, daß man in seinem Dienst entweder kräftiger und männlicher wurde oder ihn schimpfend verließ. Sie freute sich darüber, aber ihre ganze Zeit nahm Gregory St. Vincent allmählich in Anspruch. Anfangs hatte sie manchmal an seiner Wahrheitsliebe gezweifelt, aber jeder, der selbst von der Welt etwas gesehen hatte, mußte zugeben, daß seine wunderbaren Berichte den Tatsachen entsprachen. Es gab Leute, die sich deutlich erinnerten, mit welch ungeheurem Aufsehen die zivilisierte Welt Gregory begrüßt hatte, als er der Gefangenschaft der Hirschmenschen entflohen war.

Daß Corliss Fronas neuen Freund ablehnte, war offensichtlich. Es gab noch ein paar andere Herren, die nichts von ihm wissen wollten. Aber von der Massenprügelei im Wirtshaus, bei der sie Mißtrauen gegen den Welterforscher gefaßt hatten, wurde nie gesprochen, und so erfuhr Frona nicht, was man gegen Gregory hatte. Einmal aber, als Corliss mit anhören mußte, wie Gregory als ein zweiter Achill gepriesen wurde, wurde er so gereizt, daß ihm ein Wort über den Boxabend entfuhr. Es tat ihm sofort leid, sein Temperament war mit ihm durchgegangen, aber Frona schien gar nicht überrascht.

»Ich weiß«, sagte sie, »Herr Dr. St. Vincent hat mir davon erzählt. Sie und Oberst Trethaway, Sie sind ihm sehr tapfer zur Seite getreten. Ich kann sagen, daß er Ihnen dankbar ist.«

Corliss machte eine abwehrende Bewegung.

»Nein, nein, Vance, nach dem, was er sagte, müssen Sie sich fabelhaft benommen haben. Ich bin stolz auf Sie. Schade, daß ich kein Mann bin, da wäre ich gern dabei gewesen!«

Fronas Augen funkelten: »Und er selbst, Vincent? Hat er sich gut geschlagen?«

»Ach, ich glaube, sehr ehrenvoll ... Eigentlich hatte ich zuviel mit mir zu tun, um auf die anderen zu achten.«

»Er ist so bescheiden, er erzählt nie von der Rolle, die er selbst gespielt hat. Aber man kann sich das ja alles vorstellen«, schloß Frona das Gespräch.

 

Stellen Sie sich jetzt einmal so ein dickes, blutiges, ganz scharf gebratenes Beefsteak vor, natürlich in Butter gebraten, mit Zwiebeln und ganz fein geschnittenen Kartoffeln, Herr Corliss«, träumte Bishop im Zelt, das nach Petroleum und Speck stank. »Dazu – na, sagen wir, eine Flasche Porter und eine Flasche Ale, in einem Humpen zusammengemischt. Im Hintergrund – natürlich müssen Sie sich dann auch einen Speisesaal mit roten Plüschmöbeln denken –, im Hintergrund eine richtige Musik mit Schlagzeug und Blechinstrumenten. Und dann so was Weiches, Duftiges in Ihrer Nähe, so, was man ein richtiges Weib nennt ... mit dicken Beinen, aber nicht zu dick, – also stellen Sie sich das vor. – Der Busen etwa so ...«

»Und jetzt denken Sie, daß ich gar nicht weit von all dem bin. Nächsten Herbst spätestens will ich mir das in San Franzisko zu Gemüte führen, aber nicht einmal, sondern vier Wochen lang jeden Abend, meinetwegen auch in New York. Dann gehen wir zusammen ins Theater, und was dann kommt, das können Sie sich ruhig auch vorstellen. Und was es kostet, danach frag' ich den Teufel.«

»Dann wird das Geld bald zu Ende sein, und Sie können wieder Gold suchen.«

»Das werden Sie nicht erleben!« grunzte Bishop. »Vorher hab' ich mir natürlich meine Obstfarm in Südkalifornien gekauft und damit das Kapital in Sicherheit gebracht. Eine Prachtfarm habe ich schon lange auf dem Kieker. So an 40 000 Dollars werde ich wohl reinstecken müssen. Mit diesen beiden Händchen wird hienieden keine Arbeit mehr angefaßt, das kann ich Ihnen schwören. Dazu hab' ich meinen Verwalter und meine zwei Dutzend Knechte ..., ich bin der Herr Chef, und wenn's mal nicht ordentlich geht, dann können die Lümmels was erleben. Im Stall hab' ich ein paar Gäule stehen, aber was für Gäule! Aus Stahl, und die Haut so zart wie Kinderpopos. Wenn mich die Unruhe packt, das Goldfieber soll ja nie ganz aufhören in einem Menschen, der einmal gegraben hat, dann werfe ich ihnen Sattel und Gepäck auf, und heidi, geht's los!«

»Und wie denken Sie sich das Zuhause?«

»Das Gutshaus steht schon auf meiner Farm. Wicken und Kresse an den Mauern und davor ein Gemüsegärtchen, man kann schon sagen ein Gemüsepark. Da habe ich vorhin was vergessen, wie wir vom Beefsteak sprachen, na, das können wir ja nachholen. Also, denken Sie sich auch noch Spinat, Tomaten, Spargel, Karotten, Gurken, wissen Sie, auch alles in Butter und mit so ganz hellen Farben, das Rot, das Gelb, das Grün ... das kommt gleich nach dem Gebratenen. Wie schmeckt der Speck, Herr Corliss? Das Gewisse, das Weiche und Runde, wissen Sie – das in San Franzisko –, das hab' ich natürlich dort gelassen. In meinem Haus ist auch so was, nicht ganz so parfümiert und überhaupt mehr solid. Bei mir zu Hause muß es ordentlich zugehn, die Frau muß auch zugreifen, wissen Sie. Aber nachts ist es dann doch ganz schön mit ihr. Das muß der Mensch für die Dauer haben – und außerdem was zum Vergnügen.«

Während sie ihr Blechgeschirr mit Schneewasser reinigten und das Zelt mit Pfeifenrauch füllten, wurde Del Bishop wieder sachlicher.

»Das ist doch merkwürdig, Herr Corliss, Sie haben soviel mit Minen zu tun, aber das Goldfieber existiert gar nicht für Sie? Passen Sie nur auf, daß es Sie nicht eines Tages auch packt. Das ist schlimmer als Whisky, Pferde und Karten. Sogar die Weiber sind gar nichts dagegen. Am besten schützt man sich, wenn man vorher heiratet. Wenn man eine Frau hat, kann die Phantasie nicht mehr so draufloswuchern. Weiber machen dabei nicht mit, sie haben den richtigen Schwung nicht, und dann bleibt man auch selbst eher in seinen Grenzen. Ich hätte vor Jahren heiraten sollen, dann wäre vielleicht etwas aus mir geworden. Nehmen Sie mich zum warnenden Beispiel, Corliss!«

Corliss lachte traurig.

»Es ist mein heiliger Ernst! Ich bin zwar Ihr Angestellter, aber ich bin älter als Sie und weiß, was ich rede. Da ist so ein gewisses Fräulein in Dawson, mit der möchte ich Sie gerne zusammen sehen. Könnte eine ganz gute Mischung geben.«

Auf Schlittenreisen, wenn man immer in einem Raum haust und dieselben Decken benutzt, werden Männer entweder Feinde oder Brüder. Corliss dachte gar nicht daran, Bishops Anspielung als eine Unverschämtheit zu betrachten. Er wurde nur nachdenklich.

»Warum gehen Sie nicht drauflos und kapern sich das Mädel? Wollen Sie mir erzählen, daß Sie nicht verliebt in sie sind? Das hat mir mein kleiner Finger zugejuckt, wie ich Sie zum erstenmal in meinem Leben gesehen hab'! Damals, in Happy Camp. Da sind Sie aus Ihrer Hütte herausgetreten und haben ausgesehen wie einer, der aus den Wolken fällt. Aber jetzt ist der Augenblick da, und der kommt nicht wieder. Stellen Sie sich vor, da war mal eine gewisse Annie. Das war ein Mädel, was Besseres kann ich mir nicht vorstellen, für mich nämlich. Alle zehn Finger leck' ich mir heute noch ab, wenn ich an sie denke. Von früh bis spät auf den Beinen, blitzsauber. Aber ich hab' die Zeit verstreichen lassen, immer mit dem verfluchten Gold vor den Augen. Kommt da eines Tages so ein großer schwarzer Kanadier an, ein Holzhändler, macht Männchen über Männchen und verdreht ihr ein bißchen den Kopf. Macht nichts, denke ich mir, noch einmal geh' ich auf die Goldsuche, und dann komme ich als Millionär zurück. Schnecken, Herr Pfarrer! Ich bin ohne die Million zurückgekommen ... und sie war schon längst seine Frau. Da ist jetzt das Stinktier bei Ihrem Mädel, der Kerl, dem ich damals einen Nasenstüber gegeben habe. Schwänzelt um sie herum und verdreht seine Glubschaugen. Was tun Sie? Laufen durch die Welt und halten sich nicht an die Sache. Mein lieber Corliss, an einem schönen Frosttag werden wir zusammen in Dawson einhinken, und da werden Sie ein wunderschönes Pärchen vorfinden, Ihr Fräulein Braut und das Stinktier als Ehegemahl. Und was haben Sie dann? Einen Dreck und eine Photographie.«

Corliss drehte sich um und sagte: »Wunderschön wäre es, wenn Sie jetzt endgültig das Maul hielten, Bishop.«

»Wer? Ich?«

»Nein, Sie!«

Bishop war gekränkt, aber dann hörte er Corliss lachen und dachte gar nicht mehr daran, zu schweigen.

»Ich will Ihnen in aller Freundschaft sagen, was Sie zu tun haben: sobald wir zurück sind, waschen Sie sich die Hände, binden sich einen sauberen Kragen um, gehen zu Ihrem Mädel, machen für jede Stunde und für jeden Tag etwas anderes mit ihr aus und legen so viel Beschlag auf ihre Zeit, daß das Stinktier einfach in einer Versenkung verschwindet. Wenn Sie die Sache dann so weit getrieben haben, daß man Sie anlächelt, wenn Sie kommen, und ein Maul zieht, wenn Sie gehen, dann greifen Sie gefälligst mit ihren beiden Vorderflossen zu, nehmen die Kleine mit einem Arm oben rum und mit einem Arm so um die Mitte und ziehen die ganze Geschichte so fest an sich, daß keine Briefmarke mehr dazwischen Platz hat. Dann wird Ihnen noch allerlei von selber einfallen, was dazugehört, und dann sagen Sie: Morgen spreche ich mit deinem Vater. Wie es dann weiter ausgeht, das kann ich Ihnen allerdings auch nicht sagen. Manchmal wird so was mit der Zeit immer schöner, man hat auch von Fällen gehört, die weniger erfreulich verliefen. Aber heiraten müssen Sie auf jeden Fall. Das soll eine Geschichte zum Totlachen sein, die muß jeder mal versucht haben. Am besten, ehe einer zu alt dazu ist und schließlich nichts leistet, wenn es drauf ankommt.«

Er trank, dampfte und dachte nach. Dann schloß er: »Dem Stinktier, falls es sich mausig machen sollte, kleben Sie eine in den Bauch oder an die Stelle, wo ich damals aus Versehen hingekommen bin mit meinem Händchen. Dann merkt er gleich, daß er Ihnen nicht sehr sympathisch ist, denn für dergleichen hat er ein ungeheuer zartes Empfinden, und zieht sich zurück. Sie haben's ganz bestimmt nicht erst nötig, ihm den Schädel einzuschlagen.«

Damit stand Bishop auf, kratzte sich, wo es ihn juckte, das heißt überall, und ging nach geraumer Zeit hinaus, um die Hunde zu füttern.

 

Wieder einmal war Fronas Empfangszimmer voll von Menschen gewesen, darunter ein Franzose, Baron Courbertin, den St. Vincent eingeführt hatte. Die beiden standen auf Neckfuß miteinander. Sie kannten sich aus langvergangenen Tagen, hatten in Yokohama das Kirschblütenfest gefeiert, wußten viel von Geishas und dem Fudschijama zu berichten. Eine Zeitlang hatte Courbertin das Wort geführt, aber dann spürte er Gregorys Mißbehagen, und als ein ritterlicher Freund zog er ihn auf, wie man eine Spieluhr aufzieht.

»Jetz abbe Sie sick lang in Réserve geallten! Vincent, ick kennen Sie nickt wieder! Wo ist die Elan? Die alte Elan? Ick sprecken und sprecken – Sie macke silence, allons donc, sprecke Sie!«

Es war nicht schwer, den Geographen zum Reden zu bringen. Er ließ eine Kanugeschichte vom Stapel, bei der sich allen Zuhörern die Haare sträubten. Er war mit einem feigen Kameraden den Kanonstrom hinuntergereist. Vor den Weißroß-Schnellen war der Bursche ausgestiegen und hatte es ihm allein überlassen, sich durch die Strudel zu kämpfen. Seine Nußschale von Boot war über die Schnellen getanzt, schwere Brecher waren über die Reling geschlagen und hatten das Boot fast zum Kentern gebracht. Auf Haaresbreite war er an tödlichen Riffen vorbeigeschifft, um endlich nach einer Todesfahrt von nur wenigen Minuten, die für ihn eine Ewigkeit voll von Schrecknissen bedeutete, ans sichere Ufer zu treten. Dann hatte er viele Stunden warten müssen, bis sein Kamerad ihn zu Fuß einholte.

»Eine feige Bestie!« rief einer aus der Gesellschaft.

»Sagen Sie das nicht«, belehrte ihn St. Vincent. »Persönlicher Mut ist nichts anderes als Nervensache. Man hat ihn, oder man hat ihn nicht, manche Menschen versagen in der Lebensgefahr und finden danach den Mut, sich beispielsweise selbst umzubringen. Ist es nicht merkwürdig, daß jemand um sein Leben zittert und doch stark genug ist, es von sich zu werfen?«

»Aber Sie! Aber Sie!« rief Frau Sheffield. »Wieviel tausend Mal haben Sie dem Tod ins Auge gesehen, und man hört es aus jedem Ihrer Worte, daß Sie nicht mit der Wimper gezuckt haben!«

Frau Sheffield lud St. Vincent und den Baron zum Abendessen ein, der Zufall brachte es mit sich, daß Frona und Corliss zusammen den Heimweg antraten. In schweigender Übereinkunft bogen sie zu einem großen Rundweg um Dawson aus, überkreuzten zahllose Fußwege und Schlittenpfade und kamen in die tiefe, schweigende Einsamkeit eines Winterabends in Alaska. Die Sonne hatte an diesem Tag kaum eine Stunde lang ein ärmliches, blasses Licht gespendet, schon um drei Uhr nachmittags war der Himmel voll von Sternen gewesen, und jetzt zeigten sich am Horizont die phantastischen Feuer des Nordlichts, ein zitterndes, flammendes, funkelndes Licht, erregend und dennoch kalt wie der Weltraum selbst.

Sie schritten in dieser magischen Beleuchtung hin, der Schnee knirschte unter ihren warmen Mokassins, ihr Atem kräuselte sich in weißen Dunstwolken. Zu ihren Füßen lag unter der großen Himmelswölbung ein dunkler Fleck inmitten der grenzenlosen weißen Einsamkeit: die Goldstadt Dawson, wie ein schwacher menschlicher Protest gegen die Unendlichkeit. Keiner von ihnen mochte sprechen, so wundervoll war alles, so unbeschreiblich gut tat es, die Lungen mit jedem Atemzug dieser eisgekühlten, würzigen Luft neu zu beglücken.

Männerstimmen und Rufe durchbrachen die Stille ganz in ihrer Nähe, dann kam heiseres Bellen, Peitschen knallten, ein beladener Hundeschlitten schwankte heran. Den reifbedeckten Wolfshunden hingen die warmen Zungen rot aus den heiß dunstenden Mäulern. Die beiden wußten nicht, welche Fracht man zu dieser Stunde hier um die Stadt herumführte, und blieben stehen. Auf dem Schlitten stand eine lange schmale Kiste aus ungehobelten Kieferbrettern. Darauf lag ein Kruzifix. Es war ein Leichenbegängnis. Zwei Peitschen schwingende Hundetreiber liefen rechts und links des Schlittens. Dahinter wankte eine fast blind geweinte Frau, ein Geistlicher im schwarzen Ornat gab ihr das Geleit.

»Ein toter Pionier«, brach Frona das Schweigen, als unter Winseln, Rufen und Knallen der Sarg in der Ferne verschwunden war, einer Art von Totenkammer entgegen, die man irgendwo vor der Stadt in das Eis gehauen hatte.

Corliss' Gedanken gingen in gleicher Richtung wie die Fronas.

»Goldsucher«, sagte er, »aber Pioniere, da haben Sie recht. Sie kämpfen wie Soldaten im Krieg gegen Kälte und Hunger, ihre Waffen sind Zähigkeit und die Kraft, zu leiden. Ich kann verstehen, daß alle siegreichen Rassen aus dem Norden gekommen sind, um zu herrschen. Stark im Wagen, stark im Dulden, mit unendlichem Glauben und unendlichem Mut ausgerüstet, mußten sie sich die Welt unterwerfen.«

Ein altes nordisches Lied fiel ihm ein: »Wir schwangen unsere Schwerter im Kampf«, sang er. »Da lohte mein Herz, als läge meine weiße Braut bei mir auf dem Ruhebett. Ich schritt den Gefährten voran mit dem blutigen Stahl; uns folgten die Raben. Feuer fraß die Häuser der Menschen! Wir schliefen im Blute derer, die die Tore bewacht!«

»Fühlen Sie das wirklich?« fragte sie, die Hand in seinem Arm.

»Früher war mir all das nur Schulweisheit, unsere ganze Wiking-Vergangenheit hat mir nie etwas gesagt, Frona! Ich war ein kleiner Student, ich hatte Formeln und Logarithmentafeln im Kopf, und von wem ich abstamme, danach habe ich kaum gefragt. Das heißt, wissen Sie, mein Blut hat nicht danach gefragt, nicht einmal ein Traum hat mir davon erzählt.«

»Und jetzt?«

»Hier oben im Norden ist mir das alles plötzlich bewußt geworden.«

Er sah Frona mit bewundernden Augen an, ihre Silhouette zeichnete sich scharf von der flammenden Luft ab. Der Reif in ihren Brauen und Wimpern schimmerte wie Juwelen. Ihr Gesicht stand ganz in diesen Strahlen. Wie ein Genius der nordischen Rasse erschien sie ihm, bei ihrem Anblick standen längst vergangene Generationen in seiner Seele auf. Er empfand, wie seine Väter in Sturmgetöse und Wogenprall kampftüchtige Schiffe mit scharfem Bug aus diesen Breiten hinunter in den Mittag gesteuert hatten, ringsherum um Europa. Wikinger hatte man sie geheißen, die mit eisernen Muskeln und gewaltigen Brustkästen aus dem Element selbst entstanden waren, um plündernd wie Herrgottsgeißeln über die warmen Südlande hinzufahren. Leidenschaftlich griff er nach Fronas Hand.

»Die weiße Braut auf meinem Ruhebette! Frona! Hier unter den Sternen, im Nordlicht ...«

Er brach ab; der Schwung seines Herzens wollte sich ihm nicht zu Worten gestalten. Das Nordlicht zerflackerte mit einem letzten, unsicheren, blaßgelben Schein. Jetzt glitzerten nur noch die Sterne, und jetzt erst war wirklich Nacht. Ganz von fern hörte man die Hunde des Leichenschlittens klagend heulen.

»Werden Sie meine Braut, Frona!«

Eine Minute lang wurde kein Wort gesprochen. Eine Minute lang beobachtete Corliss, wie aus Fronas Gestalt das Siegesgewisse verschwand, ihre Gestalt klein wurde und zusammensank. Er las auf ihrem Gesicht die bittere Notwendigkeit, ein Wort sprechen zu müssen, das ihm weh tat.

»Ich war ein Narr ... sagen Sie nichts ... Ich weiß meine Antwort ...«

Frona bat: »Lassen Sie uns gehen.«

Erst als sie den Berg hinter sich gelassen, die Ebene durchschritten hatten und bei der Sägemühle am Fluß ankamen, als geschäftige Menschen rings um sie waren, konnten sie ein Gespräch wieder aufnehmen.

»Es tut mir so leid«, stammelte sie. Und dann, unbewußt sich selbst verteidigend, »und es war alles so schön vorher ... so schön ... Aber das hatte ich nicht erwartet ...«

»Sonst hätten Sie meine Frage verhindert?«

»Ja, ich glaube. Ich wollte Ihnen ja nicht wehe tun.«

»So haben Sie es also erwartet?«

»Vielleicht gefürchtet. Aber zugleich hatte ich gehofft ... Sehen Sie, Vance, ich bin nicht nach Klondike gekommen, um mich zu verlieben. Und erst recht nicht, um zu heiraten. Gefallen haben Sie mir vom ersten Augenblick an, eigentlich gefallen Sie mir immer besser. Und nie haben Sie mir besser gefallen als gerade heute. Aber ...«

»Aber meine Frau zu werden, daran haben Sie nie gedacht. Das wollen Sie doch sagen?«

Er sah sie von der Seite an, scharf und forschend, und in diesem Augenblick machte ihn der Gedanke, sie zu verlieren, rasend.

»Ich habe sogar daran gedacht«, antwortete sie. »Ich habe daran gedacht, aber der Gedanke hat keine Gewalt bekommen. Sie haben so viele große Eigenschaften, Vance, so vieles, Herzlichkeit und Güte und Kraft ...«

Er versuchte mit einer Handbewegung, sie zum Schweigen zu bringen, aber jetzt wollte sie sprechen.

»Ein wundervoller Kamerad sind Sie. Das größte, was ein Mensch dem andern geben kann, ist eine Freundschaft, wie Sie sie zu geben haben. Wenn das gekommen wäre, was Sie glauben, ach, ich wäre sehr glücklich gewesen. Ist es meine Schuld, daß es nicht kam?«

Er versuchte es mit einem Scherz, so bitter, daß er ihm selbst weh tat.

»Sie hätten gern den unwillkommenen Gast willkommen geheißen?«

»Warum machen Sie mir alles noch schwerer, als es ist, Vance? Warum helfen Sie mir nicht lieber? ›Nein‹ hören müssen ist furchtbar hart, aber ›Nein‹ sagen müssen ist noch viel schrecklicher. Ich habe einen lieben, lieben Freund, den will ich nicht verlieren.«

»Ein Freund geht verloren, wenn er ein Liebender wird, Frona. Ich hätte nie den Mund auftun dürfen. Jetzt ist alles so klar und so furchtbar hoffnungslos. Aber wenn ich geschwiegen hätte, es wäre doch dasselbe gewesen.«

In diesem Augenblick wurde ihm bewußt, daß er wohl vor wenigen Wochen noch auf seine Schicksalsfrage eine ganz andere Antwort bekommen hätte. Das machte bitter.

»Sie sind ein Mädchen wie die meisten. Jeder Tag verwischt den vergangenen. Da erscheinen neue Gedanken und Gesichter, Männer mit wunderbaren Abenteuern, neben denen ein nüchterner kleiner Bergwerksingenieur nichts zu bedeuten hat.«

Jetzt war sein ganzes Herz voll Wut. Er wollte sie in Worten ausschütten und fühlte, wie diese Worte sich zu Unflat in ihm ballten. Die ganze Wahrheit über diesen Burschen St. Vincent sollte sie hören, der ihm mit Lüge und Schaumschlägerei sein herrliches Mädchen gestohlen hatte. Aber sie unterbrach ihn.

»Sprechen Sie nicht, Vance. Was Sie jetzt sagen wollen, will ich nicht hören. Ich verstehe, was Sie fühlen, streiten will ich nicht mit Ihnen, deshalb ist es besser, Sie schweigen.«

»Wenn Sie mich für streitsüchtig halten, will ich Sie lieber verlassen.«

Er blieb plötzlich stehen, und sie stand neben ihm.

»Dort kommt Dave Harney«, sagte er. »Er kann Sie nach Hause begleiten. Es sind ja nur ein paar Schritte.«

»Sie benehmen sich schlecht gegen mich und abscheulich gegen sich selbst.« Sie sprach weiter mit Entschiedenheit, aber aus ihrer Stimme klang es wie ein ganz leises, unterdrücktes Weinen. »Ich lehne es ab, Vance, dies als ein Ende zu betrachten. Wir haben noch keinen Abstand dazu. In diesem Augenblick verstehen wir uns selbst nicht. Aber wenn wir beide ruhig geworden sind, müssen Sie wieder zu mir kommen.«

Als er den Kopf schüttelte, fuhr sie auf: »So lasse ich mich nicht behandeln! Das ist kindisch von Ihnen, das habe ich nicht verdient! Sie sollen mein Freund bleiben! So, wie es bisher war, soll alles bleiben.«

Dave Harney kam herangeschlendert; er rief »Hallo!« und griff an seine Mütze.

»Hab' ich auf Sie eingeredet wie auf einen lahmen Schimmel, Corliss, daß Sie Hunde kaufen sollen, oder nicht? Die Lippen habe ich mir fusselig geschwatzt, aber Sie haben nicht gehört. Gestern sind die Hunde um einen Dollar das Pfund gestiegen, und ich wette meinen Kopf gegen einen alten Hut, daß sie noch weiter in die Höhe gehen, bis ins Aschgraue, sage ich Ihnen! Guten Tag, Fräulein Frona, wollen wir alle drei zusammen weitergehen?«

»Ich habe eine Verabredung, mich müssen Sie schon entschuldigen«, log Corliss und griff an seine Mütze.

»Am Mittwoch! Am Mittwoch nachmittag, Vance!« rief Frona ihm nach, die Stimme voll Angst.

»Ich fürchte, daß ich keine Zeit dazu finde. Leben Sie wohl! Auf Wiedersehen, Herr Harney!«

»Das ist ein Arbeitstier!« bemerkte, ihm nachschauend, Dave. »Mit Kleinigkeiten gibt er sich nicht ab. Und dabei denkt er nur an seine Gesellschaft; der Kerl hat überhaupt keinen Selbsterhaltungstrieb. Kann ein gesunder Mensch so ein Narr sein, bei dieser Konjunktur keine Hunde zu kaufen?«

 

Corliss stürzte sich aufs neue in seine Arbeit, um alles zu vergessen, was er »Privatleben« nannte. Er verhetzte seine Tage auf Schlittenfahrten, marschierte sich müde, daß er abends steif und besinnungslos ins Bett fiel, vermaß und zeichnete, als sollte er das Programm eines Jahres in Wochen erfüllen. Aber nur wenn er wachte, blieb er Herr über seine Gedanken. Wehrlos war er, wenn er schlief. Del Bishop, der fast immer mit ihm zusammen war, sah diese Ratlosigkeit, sah, daß sein Chef wenig aß und unruhig schlief, und härmte sich mit ihm zusammen ab.

Der Goldsucher hatte aus verschiedenen Anzeichen, die den meisten völlig entgangen waren, einen absolut richtigen Schluß gezogen. Wie ein Jagdhund den Schweiß des Wildes, hatte er die Witterung von großen Goldfunden in die Nase bekommen; zum erstenmal in seiner Praxis glaubte er sich mit Sicherheit dem Ziel ganz nahe. Dazu brauchte er einen tüchtigen und tatkräftigen Corliss, der mit ihm am gleichen Strange zog. Er dachte nicht daran, allein reich zu werden. Seine Mannentreue war zu einer Art sentimentaler Liebe geworden. Er wollte, daß auch sein Chef das große Glück von Alaska machte. Wenn »das Stinktier« dabei im Wege war – denn es war ja kein Zweifel, woran Corliss litt, daß ihm das Fleisch von den armen Rippen fiel –, dann mußte er den Kerl aus dem Wege schaffen, und er würde sich nicht lange überlegen, auf welche Art. Vorerst aber durfte selbst seine Rachgier die große Chance nicht vereiteln. Es kam ja nicht nur darauf an, zu wissen, wo Gold lag, sondern man mußte der erste sein, der seine Rechte in die Listen eintragen ließ. Goldsuchen ist eine Art Wettrennen, bei dem es meist nur einen Sieger gibt.

An einer Flußgabel, da, wo der Bonanza sich vom Eldorado abzweigt, verlangte er eines Tages in vollem Marsch, daß sie haltmachten.

»Hab' ich Sie je um etwas gebeten, Corliss? Nein! Heute bitte ich Sie, da können Sie nicht nein sagen. Wissen Sie, daß hier, keine fünf Minuten von dieser Stelle, meine Obstfarm vergraben liegt? Wenn Sie eine Nase hätten wie ich sie habe, könnten Sie die reifen Apfelsinen schon riechen.«

»Dann bleiben Sie eben hier, Bishop, und ich fahre weiter. Sie kommen mir nach, wenn Sie mit Ihrer Privatarbeit fertig sind.«

»Ich will Sie aber auch dabeihaben. Das könnten Sie doch eigentlich begreifen? Schließlich spreche ich ja nicht Indianisch, sondern eine Sprache, die Sie so ziemlich verstehen sollten. Wenn es sich um Chemie und um solches Zeug handelt, was man aus den Büchern lernt, wenn man die Geduld hat, sich die Hosen durchzurutschen, dann sind Sie ein ganzer Kerl. Nein, Sie sind auch sonst ein ganzer Kerl, sonst würde ich nicht so mit Ihnen sprechen. Aber wenn es darauf ankommt, mit den Fingerspitzen zu lesen und mit der Nase zu messen, dann braucht man so einen Kerl, wie ich bin, und schließlich sollte man Gott danken, wenn man ihn hat. Diesmal hören Sie zu, für heute bin ich der beliebte Erzähler.«

Corliss lachte, und Bishop wurde wütend.

»Da gibt's gar nichts zu grinsen! Was ich behaupte, das baut sich auf Ihrer eigenen Lieblingstheorie auf, das mit den Überschwemmungen und veränderten Flußbetten und all diesem Kram. Aber ich habe auch nicht umsonst zwei Jahre lang bei den Mexikanern Gold gesucht. Aus Gesundheitsrücksichten allein bin ich nicht nach Alaska gegangen. Ich kann euch verdammt klugen Mineningenieuren in einer Minute mehr von Eldorado erzählen, als ihr mit all euern Brillen in einem ganzen Monat herausrechnen könnt. Ich würde Sie zum Teufel jagen, wenn ich nicht Ihr ergebenster Diener und Ihr Freund wäre. Aber weil ich das bin, befehle ich Ihnen einfach, hierzubleiben. Heute nacht schlafen Sie hier, und nächstes Jahr können Sie sich eine Obstfarm neben meiner kaufen, und dann sind wir Nachbarn, wenn auch von Ihrem Haus zu meinem zwanzig Meilen Reitweg ist. Der geht aber nur über eigenes Land, Ihres und meines!«

»In Gottes Namen. Dann bleiben wir hier. Ich mache meine Aufzeichnungen, und Sie können herumschnüffeln.«

»Ich will Sie aber dabei haben!«

»Ich bleibe ja. Was wollen Sie noch mehr?«

»Mit der Nase will ich Sie auf den Goldschatz stoßen, das will ich. Sie sollen mit mir zusammen Entdecker sein.«

Jetzt riß Corliss die Geduld.

»Lassen Sie mich mit Ihrer gottverfluchten Obstfarm in Ruh, Sie alter Esel! Ich bin saumüde und verflucht schlechter Laune. Wenn Sie wirklich eine Nase hätten, hätten Sie das längst gemerkt. Treiben Sie Ihren Mumpitz, bis Ihnen der Zinken abfriert, ich bleibe im Lager. Verstanden?«

»Sie undankbarer Hund, der Sie sind, Corliss! Nacht um Nacht liege ich wach und quäle mir das Hirn auseinander mit meinen Theorien und rechne, daß meine zehn Finger kaum ausreichen, und will Sie beteiligen, und was tun Sie? Schnarchen tun Sie und ›Frona!‹ ›Frona!‹ wimmern.«

»Wollen Sie Ihre gottverfluchte Schnauze halten?«

»Den Teufel will ich halten. Wenn ich bei den Goldminen so dreifach vernagelt wäre, wie Sie bei den Weibern ...«

Jetzt fuhr Corliss mit geballten Fäusten auf Del Bishop los, jetzt gab es nichts mehr als die Fäuste. Aber gerade das hatte Bishop bezweckt. Er bückte sich blitzschnell, wich rechts und links aus, und immer stießen Corliss' Fäuste ins Leere.

»Einen Augenblick, junger Herr!« lachte er bei Corliss' drittem wütendem Angriff. »Nur eine Sekunde, um einen Pakt zu schließen. Wenn Sie mich verdreschen, können Sie mich herausschmeißen. Nehmen Sie das an?«

»Ja.«

»Und wenn ich Ihnen das Leder gerbe, wollen Sie dann mit auf den Berg kommen?«

»Ja.«

»Also los!«

Bishop wußte, daß Corliss nicht die geringste Aussicht hatte; zu siegen. Er tanzte um den hilflosen Gegner herum, blockte und fintierte, ließ sich zum Schein treffen, bis Corliss der Atem ausging. Der fühlte, daß seine Muskeln nicht mehr gehorchten; sein Hirn sandte Befehle aus, die sie nicht ausführen wollten; er dampfte von Schweiß in den eisigen Tag hinein ... dann auf einmal wußte er gar nichts mehr.

Eine Minute später bemerkte Corliss, daß er ausgestreckt im Schnee lag, daß Bishop ihn mit Eiswasser abrieb und ihm dazwischen zärtlich die Backen klopfte. Sein Kopf lag auf Dels Knien. Während langsam das Bewußtsein zurückkehrte, fühlte er sich unbeschreiblich wohl.

»Wie haben Sie das nur gemacht?« stotterte er.

»Oh, Sie werden noch mal ganz gut«, lachte Del Bishop und half ihm auf die Beine. »Sie haben noch keinen Punch, aber den bringe ich Ihnen schon noch bei. Neulich in der Schenke, mit einem ordentlichen Whisky auf der Lampe, haben Sie sich eigentlich besser geschlagen. Aber die Anlage ist nicht schlecht, und wenn wir Zeit haben, bringe ich Ihnen noch so einiges bei, was auch nicht in den Büchern steht. Jetzt wird's aber Zeit, daß wir ein Lager aufschlagen, und dann gehen Sie mit mir in die Berge.«

Als er das Feuer im eisernen Öfchen in Gang gebracht hatte, kicherte er:

»Boxen ist doch ein ganz nützliches Gewerbe, was? Eigentlich haben Sie nie so recht gewußt, wo der ergebenst Unterzeichnete eigentlich war. Wenn Sie mit Ihrem geballten Händchen ankamen, dann war die versoffene Fresse von Del Bishop immer ganz woanders, hihi. Aber denken Sie, wenn Sie erst was gelernt haben, und Sie landen dann mal so richtig in meine Backzähne hinein? Da wird Ihnen das Herzchen lachen?«

Dann kommandierte er streng: »Jetzt nehmen Sie eine Axt und kommen mit!«

Sie bewaffneten sich mit Hacke, Schaufel und der Goldgräberpfanne; Bishop marschierte voraus und bahnte den Weg über die Terrassen. Corliss, dem alle Knochen weh taten, marschierte hinter drein. Er mußte über sich selbst und die ganze Situation lachen. Del Bishop freute sich über den Gehorsam des Mannes, in dessen Brot er stand. Ab und zu wandte er sich um und grinste seinen Chef an:

»Nur Mut, junger Mann! Aus Ihnen mache ich noch was; Sie haben das Zeug dazu!«

Dann kamen sie an die Stelle, die Del Bishop ausforschen wollte. Er warf das Gerät nieder und untersuchte sorgfältig den schneebedeckten Boden.

»Nehmen Sie die Axt, gehen Sie da hinauf, und bringen Sie mir gutes, trocknes Brennholz!«

Als Corliss mit dem Arm voll Brennholz zurückkam, hatte Bishop schon Schnee und Moos fortgekratzt und etwas in den Boden gezeichnet, das wie ein gewaltiges Kreuz aussah.

»Ich will nach beiden Richtungen hineinkratzen«, erklärte er; »entweder liegt die Goldtasche hier oder dort drüben. Aber wenn ich recht habe, dann muß es genau hier sein, wo die beiden Linien sich schneiden. Der Grundfelsen ist oben eingebuchtet. Dort ist es tief und vermutlich reicher als hier, aber das macht soviel Mühe. Hier ist der Terrassenrand. Es kann nur ein paar Fuß sein. Wir brauchen nichts zu tun als die Stelle zu bezeichnen, dann können wir von der Seite anbohren.«

Bei diesen Worten zündete er hier und da auf dem kahlen Flecken kleine Feuer an.

»Jetzt spitzen Sie die Ohren, Corliss. Glauben Sie nicht, daß dies schon etwas ist – nein, das ist noch ganz gewöhnliche Lehrlingsarbeit. Aber« – er richtete sich auf und sprach plötzlich mit tiefem, ehrfürchtigem Ernst: »Goldsuchen ist die höchste Wissenschaft und die größte Kunst auf Erden. Es ist eine so feine Arbeit, daß man nicht um ein Haar breit fehlgreifen darf; Hände und Augen müssen so zuverlässig sein wie Stahlwerkzeuge. Wenn man sich das Gesicht zweimal täglich blauschwarz anbrennen läßt und eine ganze Schaufel voll Kies ausgewaschen hat, ehe man auch nur ein einziges Körnchen reines Gold findet, dann erst hat man gewaschen. Daß Sie es wissen. Heute zum Beispiel wird noch lange nichts gegessen, und wenn Ihnen der Magen noch so sehr knurrt. Einstweilen wird gesucht.«

Er trat eines von den Feuern aus. Da nahm er die Hacke, der Stahl drang in die Erde ein, und dabei gab es einen metallischen Klang, als wäre er auf eine Zementschicht gestoßen.

»Noch keine zwei Zoll tief aufgetaut«, murmelte Bishop, indem er sich bückte und mit den Fingern durch den nassen Schlamm wühlte. Die Grashalme waren abgebrannt, aber er bekam eine Handvoll Wurzeln zu fassen. Er setzte sich breit und bequem in den Schnee und starrte wie verzaubert diese armselige Hand voll schlammiger Graswurzeln an.

»Zum Satan, zum Satan!«

»Was ist los?«

»O heiliger Satan!«

Bishop wiederholte immer wieder ›Heiliger Satan‹ und schlug sich mit den schmutzigen Wurzeln vor die Stirn. Corliss trat zu ihm und beugte sich über die Pfanne.

»Machen Sie die Augen auf!« rief Bishop, nahm einen Klumpen schmutzige, fette Erde zwischen die Finger, rieb sie lange und andächtig. Dann schimmerte es gelb.

»Es fängt bei den Graswurzeln an und geht bis ganz hinunter.«

Mit geschlossenen Augen und zitternden Nasenflügeln stand er endlich auf, atmete tief, schnüffelte in die Luft und sah aus, als hätte er eine Vision.

»Können Sie die Apfelsinen noch immer nicht riechen?«

 

Corliss und Bishop hatten den Boden untersucht, ehe sie ihre Claims absteckten, dann weihten sie ein paar gute Freunde in das Geheimnis ein. Welse, Harney, Trethaway und ein paar alte Kameraden von Del Bishop, mit denen er viel Hunger und Strapazen geteilt hatte, durften sich ein Stück des neuen Goldlandes sichern, solange der ganze Fund noch Geheimnis war.

Es war üblich, daß man als so Bevorzugter dem Entdecker die halben Gewinne abgab. Aber Corliss wollte nichts davon hören. Es widersprach seinem Empfinden, aus der Arbeit anderer Menschen Gewinne zu ziehen, und Bishop lehnte aus anderen Gründen die Beteiligung ab.

»Jetzt kann ich mir eine Obstfarm kaufen, doppelt so groß, wie ich berechnet hatte. Da weiß ich noch, wo mein Geld bleibt. Wenn's noch mehr wird, ist es einfach zuviel. Dann komme ich zu sehr ins Saufen, und zuletzt verludere ich das Ganze. Also behaltet ihr eure paar Kröten für euch selbst und damit basta.«

Es schien Corliss jetzt selbstverständlich, daß er sich einen anderen Gehilfen suchte. Aber als er eines Tages einen Kalifornier mit scharfem, durchdringendem Blick ins Lager brachte, fing Bishop an, wütend zu fluchen.

»Heiliger Satan! Nie in meinem Leben habe ich so was von Gemeinheit gehört!«

»Aber Sie sind doch jetzt reich!« gab Corliss zur Antwort. »Sie haben's doch nicht mehr nötig.«

»Zum Teufel mit meinem Reichsein – was geht Sie das an? Kontrakt ist Kontrakt! Ich bleibe in meiner Stellung, so lange Sie keinen Grund haben, mich rauszuschmeißen. Verstanden?«

Anfang der Weihnachtswoche ging der Sturm auf »Vances Hügel«, wie Bishop das neue Land getauft hatte, los. Die ersten Claims waren kaum eingetragen, als die Neuigkeit schon über das Land flog, und binnen einer Viertelstunde waren die ersten Wettläufer unterwegs. Eine halbe Stunde später machte sich in der ganzen Stadt auf die Beine, was laufen und kriechen konnte. Auch Corliss und Bishop durften keine Zeit ungenützt verstreichen lassen. Jetzt handelte es sich darum, ihre ehrlich erworbenen Rechte zu verteidigen. Verrücken von Pfählen, Abreißen von Plakaten, Übergriffe in fremde Claims ... das gehörte zu den ältesten Kniffen der Goldgräber, und wenn das Unheil einmal geschehen war, war es trotz aller Beglaubigungen und Stempel furchtbar mühselig, die Eindringlinge wieder aus dem Nest zu werfen.

In einem dichten Strom von Menschen wanderten die beiden zur Stadt hinaus, als Del Bishop zufällig Gregory St. Vincent erspähte, der, das übliche Goldgräbergerät auf dem Rücken, in höchster Eile voranmarschierte.

»Klabastern Sie drauflos wie der Satan!« kommandierte Bishop. »Fragen Sie nicht viel, es handelt sich wieder um etwas mit der Nase.«

Die Leute kannten Corliss und Bishop. Sie wußten, daß diese beiden nicht im Wettrennen waren, sondern ihre Claims längst abgesteckt hatten. So ließen sie sich kampflos überholen. Über die ganze Strecke hätte ja doch kein Mensch ein so mörderisches Tempo ausgehalten.

Sie erreichten eine scharfe Biegung des Weges; vor ihnen war kein Mensch zu sehen; an ihren Fersen, mit einem Abstand von kaum hundert Schritten, ging nur der unglückliche St. Vincent.

»So, jetzt sprechen Sie kein Wort mit mir«, flüsterte Bishop und schlug seinen Kragen hoch, daß sein Gesicht nicht mehr zu erkennen war. »Tun Sie jetzt, als ob Sie mich nicht kennen. Da drüben ist ein Wasserloch. Dort gehen Sie hin, werfen sich auf den Bauch, als ob Sie vor Durst nicht weiterkönnten. Dann tippeln Sie, in einer Viertelstunde ungefähr, allein weiter nach den Claims. Ich habe andere Geschäfte zu besorgen. Auf keinen Fall sprechen Sie ein Wort zu dem Stinktier, das darf Ihr Gesicht nicht sehen.«

Corliss war jetzt schon an Gehorsam gewöhnt. Er trat von der gebahnten Straße ab in den Schnee, legte sich nieder und tauchte eine leere Blechdose ins Wasser.

Bishop ließ sich auf ein Knie fallen und machte sich an seinen Mokassins zu schaffen. Er hatte gerade den Knoten gebunden, als St. Vincent ihn erreichte. In diesem Augenblick sprang Bishop auf und marschierte mit fieberhafter Eile weiter, wie ein Mann, der mit aller Gewalt die verlorene Zeit wieder einholen will.

»He, Sie, Mann, warten Sie eine Minute!« rief der Geograph ihm nach.

Del Bishop warf einen hastigen Blick zurück und spurtete noch schärfer. St. Vincent setzte sich in Laufschritt, bis er Seite an Seite mit ihm kam.

»Ist das der Weg ...?«

»Nach den Terrassen von Vances Hügel?« knurrte Bishop gereizt. »Darauf können Sie Gift nehmen, das ist nämlich mein Weg. Auf Wiedersehen!«

Er tobte immer schärfer drauflos, der Geograph konnte nur im Laufschritt die Geschwindigkeit einhalten; an Überholen war nicht zu denken. Corliss verstand noch immer nichts von der ganzen Geschichte. Er setzte seinen Feldstecher an und folgte den beiden mit den Blicken. Da sah er, wie der Goldgräber plötzlich im rechten Winkel von seiner Straße abbog Und den Weg nach dem Adamstümpel einschlug. Jetzt ging ihm ein Licht auf ...

Spät abends erreichte Bishop das gemeinsame Lager, erschöpft, aber in glückseliger Laune.

»Nicht ein Härchen habe ich ihm gekrümmt!« rief er, ehe er noch im Zelt war. »Geben Sie mir was zu essen.«

Er griff nach der Teekanne und goß sich das heiße Getränk in den Leib. »Heut fress' ich Rattenfett, Schmieröl, geröstete Mokassins, Kerzenstümpfe mit Mayonnaise, was Sie haben!«

Dann warf er sich auf die Decke und begann, mit tiefem Lachen seine Beinmuskeln zu massieren, während Corliss Speck briet und Bohnen auf die Pfanne schüttete.

»Das war ein Spaß!« erzählte Bishop. »Der kommt nicht sobald zu Vances Hügel. Da können Sie Gift drauf nehmen.«

Er ahmte mit Talent St. Vincents Ton nach, der anfangs herablassend klang, aber bei ewiger Wiederholung derselben Worte immer zahmer und schwächlicher wurde.

»Wie weit ist es, alter Freund?«

»Wie weit ist es jetzt, alter Freund?«

Zuletzt klang die Stimme ganz verheult und greisenhaft zittrig: »Wie weit ...? Ich flehe Sie an, wie weit ...?«

Der Goldgräber schlug sich auf die Knie vor Entzücken und lachte, daß eine halbe Tasse Tee, die er noch nicht ganz heruntergeschluckt hatte, im Sprühregen aus seiner Nase wieder herauskam.

»An der Wasserscheide vom Indianerstrom hab' ich ihn schließlich liegen gelassen. Er war so ausgepumpt, daß er keinen Schritt mehr gehen konnte, vollkommen erledigt. Vielleicht hat er noch Kraft genug, sich ins nächste Lager zu schleppen. So, jetzt geh' ich aber schlafen. Keine Angst, Sie brauchen mich nicht erst einzusingen. Sechzig Meilen hab' ich heut gemacht, nur um das arme Stinktierchen ein bißchen zu ärgern. Gute Nacht. Bitte wecken Sie mich übermorgen früh wieder auf.«

Im Einschlafen murmelte er in seinem feinsten Diskant: »Wie weit ist es, Freundchen? Sagen Sie mir, wie weit es ist!«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.