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An der Engelsbucht

Konrad Telmann: An der Engelsbucht - Kapitel 8
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typefiction
authorKonrad Telmann
titleAn der Engelsbucht
publisherFrauenverlag
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VIII.

Tag auf Tag verging und Margot hatte Arno von Meyburg noch immer nicht wiedergesehen. Eine seltsame, zwiespältige Empfindung war es, die sie bei dem Gedanken an ihn erfüllte. Sie fürchtete sich davor, ihm wieder gegenüberzutreten, da er ja erklärt hatte, daß ihre nächste Begegnung ihm die Entscheidung bringen müsse auf seine inhaltsschwere Frage, und doch hätte sie ihm diese Entscheidung lieber heute als morgen kundgegeben, um endlich Ruhe zu haben.

Sie fühlte Mitleid mit ihm, ja; denn alles das, was er ihr gesagt, hatte geklungen wie aus einer ehrlich bereuenden Seele heraus, die lange in der Irre gewandert war und nun nach Ruhe und Frieden Begehr trug. Sie verdammte ihn auch nicht. Was sie ihm gesagt hatte, war alles aufrichtig gesprochen gewesen. Daß er ihr die geheime Schuld, die auf ihm lastete und deren ihn doch kein Lebender zeihen konnte, freimütig gebeichtet hatte, rechnete sie ihm hoch an. Aber was er von ihr verlangte, wäre unmöglich gewesen, selbst wenn er als der beste und edelste der Menschen vor ihr dagestanden hätte.

Denn sie liebte ihn ja nicht. Nimmermehr hätte sie es über sich vermocht, ihre Hand einem Manne zu reichen, den sie nicht liebte – für ihr reines Empfinden konnte es auf Erden kaum eine abscheulichere Lüge geben als diese! – –

Und nun hatte ohnedies ihr Herz schon lange für einen anderen entschieden! Und wenn der sie nicht liebte oder doch nie die Hand nach ihr ausstrecken durfte, weil sich ein blutiger Schatten zwischen ihn und ein friedliches Glück drängte – was hatte das mit ihrer eigenen Liebe zu schaffen? Die konnte um deswillen nicht aus ihrem Herzen gerissen werden und konnte doch nicht sterben, nie.

Sie glaubte ja an ihn und sie fühlte ihr Schicksal durch ein unsichtbares, aber unzerreißbares Band mit dem seinen verkettet.

Nach einer Reihe von Regentagen wölbte sich heute wieder ein tiefblauer Himmel über der in Duft und Farben prangenden Riviera. In den Herzen der Geschwister aber sah es nicht so sonnig aus.

Die Nachrichten vom Justizrat Weilheim lauteten immer ungünstiger. Eine Heiratsurkunde des Dettenschen Ehepaares war nicht aufzutreiben. Und jedenfalls war ohne dies Dokument an ein erfolgreiches Geltendmachen der Dettenschen Erbansprüche kaum zu denken. Auf der anderen Seite hatte der Fürst Caraffa in den letzten Tagen am Spieltische so ziemlich alles wieder verloren, was er gewonnen gehabt hatte, war dadurch an seinem »System« irre geworden und hatte sich in die fixe Idee hineingebohrt, ein neues, diesmal unfehlbares zu ersinnen, so daß er die ganzen Nächte über seinen Berechnungen wach saß, und Eugenia ernstlich sich um seine Gesundheit sorgte. Wenn hier nicht bald Hilfe kam, konnte man auf das Schlimmste gefaßt sein, und einen schwerkranken Vater würde Eugenia am allerwenigsten verlassen wollen.

Alle diese Nachrichten hatten Harro aufgeregt und sein Nervenleiden wieder verschlimmert. Gestern Abend war einer seiner Anfälle aufgetreten, die man schon für immer besiegt geglaubt hatte, und Doktor Leuthold, den Margot sofort hatte rufen lassen, war ungewöhnlich besorgt gewesen. Der Anfall war ziemlich rasch wieder vorübergegangen und heute morgen hätte man Harro, trotzdem er etwas bleich aussah, wieder für einen vollkommen gesunden Mann halten können; aber Doktor Leuthold, der wieder dagewesen war, um sich nach ihm umzusehen, und den Margot dann bis vor die Tür hinaus begleitete, erschien ihr trotzdem nicht ganz beruhigt.

»Ich hatte gedacht, wir wären weiter«, sagte er kopfschüttelnd, »aber allem Anschein nach leben wir dauernd auf einem Vulkan, so lange Ihr Herr Bruder nicht aus diesen aufregenden Sorgen und Befürchtungen heraus ist. Trachten Sie nur danach, ihn so viel als möglich zu zerstreuen – das wird nicht allzu schwer sein, denn der Karneval steht ja vor der Tür. – Apropos, der Herr, mit dem ich Sie neulich in Monte Carlo vor dem Maurischen Kiosk im Park stehen sah – war das nicht der Freiherr von Meyburg, der früher einmal eine Zeitlang in Nizza lebte?«

Margot bejahte. Sie fühlte zu ihrem Verdruß, daß sie dabei errötete.

»Baron Meyburg ist ein Verwandter, dem wir ganz zufällig hier begegneten«, fügte sie hinzu. »Sind Sie mit ihm bekannt, Herr Doktor?«

»Nein, nein«, lautete die hastig gegebene Antwort. »Und ich bitte um Entschuldigung, wenn meine Frage Ihnen indiskret vorkam. Auch muß ich mich jetzt empfehlen. Man erwartet mich nebenan in Villa La Paix.«

Margot stieß einen hellen Schreckensruf aus. »Herr Holdheim ist krank?«

Es war etwas in ihrer Stimme, was den alten Herrn erstaunt aufhorchen ließ. »Ich weiß nicht«, erwiderte er und sein prüfender Blick glitt über Margots glühendes Gesicht hin. »Ich bin heute zum erstenmal gerufen worden, bin noch niemals vorher in dies Zauberschloß eingedrungen. Ich muß wohl annehmen, daß es sich um etwas Ernstes handelt, da man sonst wohl nicht gern einem Fremden dort Zutritt gewährt. Adieu, liebes Fräulein. Auf Wiedersehen!«

Er lüftete seinen Hut und ging. Margot stand immer noch auf derselben Stelle und rührte sich nicht, als Doktor Leuthold schon längst in der Villa nebenan verschwunden war. Es war ihr, als müsse sie hier stehen und warten, bis er zurückkomme, und ihn fragen, wie es drinnen stand. Eine herzklopfende Angst war in ihr. Krank! Also deshalb hatte sie ihn so lange nicht mehr gesehen, auch abends sein Klavierspiel nicht mehr gehört – deshalb!

Sie fuhr erschrocken zusammen, als ein Wagen die weiße Landstraße draußen entlang gerollt kam. Errötend, wie auf etwas Unerlaubtem ertappt, wandte sie sich zurück ins Haus. Was wir doch für Sklaven der Konvention sind! dachte sie. Das Natürlichste wäre nun doch, ich folgte der Stimme meines Herzens und liefe selber hinüber und fragte, wie es steht, und wenn er wirklich krank wäre, ginge ich zu ihm und pflegte ihn. Und statt dessen scheue ich mich nun sogar, hier auf Doktor Leuthold zu warten und ihn auszufragen, bloß damit er nicht auf den Verdacht kommen kann, ich interessierte mich wohl allzu lebhaft für Erich Holdheim, denn das wäre unschicklich für ein junges Mädchen. Wenn wir doch den Mut hätten, Menschen zu sein!

Sie hatte sich im Hause zu tun gemacht, aber sie fand keine Ruhe. Zweimal, dreimal lief sie vor die Tür hinaus, ob Doktor Leuthold denn immer noch nicht zurückkam, und doch hätte sie wohl nicht gewagt, ihn nach Erich Holdheim zu fragen. Plötzlich fiel ihr ein, daß sie vom Garten aus ihn vielleicht am ehesten würde sehen können, und sie eilte dorthin.

Eine Zeitlang gewahrte sie drüben kein lebendes Wesen. Dann aber sah Margot plötzlich zwei Männer aus dem Hause treten und langsam im ernsten Gespräch die Steineichenallee hinaufwandeln. Es waren der Doktor und Erich Holdheim. Beider Mienen waren besorgt. Margots Brust hob sich unter einem erleichternden Seufzer. Er war also nicht krank, in keinem Falle ernstlich krank. Gott sei Dank! Sie fühlte jetzt erst ganz, wie sie sich um ihn gesorgt hatte, ihr Herz klopfte noch immer zum Zerspringen. Langsam schritt sie den Gartenweg wieder zurück, damit keiner von den Männern drüben sie erblickte.

Wie traurig doch Erich Holdheims Aussehen gewesen war! Wahrscheinlich hatte der Zustand seiner Mutter sich verschlimmert, und sie wußte, mit welch zärtlicher Liebe er an dieser Kranken hing. Wie sie ihm gern auch diese Sorge hätte tragen helfen! Und doch gab es ja genug davon im eigenen Hause! –

Aus dem Hotel Beau-Rivage war schon am Morgen die Kunde in die Villa Erminia herübergeschickt worden, der Major habe für den Nachmittag einen Ausflug nach St. Jean arrangiert, und man dürfe sich unter keinem Vorwande ausschließen. Harro hatte zugestimmt und Margot war, wie immer, eine zu aufopfernde Schwester gewesen, um ihm zu widersprechen.

Pünktlich um ein Uhr brach man vom Hotel Beau-Rivage auf. In langem Zuge fuhr die Gesellschaft den Quai du Midi entlang und die Route de Villefranche hinauf. Alles erschien wie getaucht in Glanz und Freudigkeit. Munter flogen in den Wagen die Gespräche hin und her. Nur Margot war schweigsam. Sie mußte unablässig denken: Warum ist er nicht hier, um das alles auch zu genießen? Warum muß er einsam und traurig sein? Es war ihr mit einem Male, als könnte es ohne ihn für sie gar kein Glücksempfinden mehr geben. Wie das töricht war! Und währenddessen mühte sich der Leutnant von Saldern neben ihr unablässig, sie auf die Schönheiten der Fahrt aufmerksam zu machen und ihr allerlei verbindliche Worte dabei zuzuraunen, die spurlos an ihrem Ohr vorübergingen.

Jenseits von Villefranche geriet der Wagenzug plötzlich ins Stocken, und Margot, die in ihre Gedanken vertieft dagesessen hatte, hörte Herrn von Saldern eine Verwünschung zwischen den Zähnen murmeln. »Immer dieser Mensch, den sollte doch –.« Zerstreut blickte sie auf und gewahrte nun, daß ein eleganter Korbwagen, der auf der Straße ihnen entgegengekommen war, neben dem Landauer, der vor dem ihrigen fuhr und in welchem Harro saß, hielt.

Der Herr, der dort an der Seite einer nicht mehr ganz jungen und auffallend schlicht gekleideten Dame vom Sitz aufgesprungen war und den Landauer zum Halten gebracht hatte, war Arno von Meyburg, der sich mit Harro aufs lebhafteste begrüßte und nun auch zu ihr seinen Hut hinüberschwenkte. Sie hörte ihn sagen, daß er auf dem Wege nach Nizza sei und sich bei dieser Gelegenheit auch habe erlauben wollen, endlich einmal wieder in Villa Erminia vorzusprechen.

»Komm' doch mit nach St. Jean!« rief Harro. »Etwas Gescheiteres kannst du nicht tun. Es wird wunderhübsch werden.«

Margot sah, wie Arno sich auf diese Worte hin zu seiner Begleiterin umdrehte, die mit ihren klugen, grauen Augen ruhig beobachtend um sich geschaut hatte. Er sprach leise und dringlich, wie es schien sogar bittend und schmeichelnd, als sie nicht gleich antwortete, auf sie ein. Ihre Züge veränderten sich kaum, während sie ihm zuhörte. Nur kam es Margot vor, als ob etwas Lauerndes und Argwöhnisches allmählich in ihre Augen trete, und unzweifelhaft blickte sie jetzt suchend noch einmal die Wagen entlang, deren Insassen hier und da schon ungeduldig zu werden begannen. Endlich sagte sie ein paar Worte, die sie mit einem Achselzucken begleitete, und auf die er, die Hand beschwörend aufs Herz gepreßt, beinahe demütig zu erwidern schien. Dann reichte er ihr die Hand, grüßte sehr höflich und stieg aus, um in dem Landauer neben Harro Platz zu nehmen, während der Korbwagen mit seiner verlassenen Insassin auf der Straße nach Nizza weiterrollte.

»Wer war denn die Dame, der wir dich da abspenstig gemacht haben?« fragte der junge Musiker, und Arno erwiderte leichthin:

»Eine Landsmännin, die mir von ihren Verwandten empfohlen worden ist und der ich mich eigentlich nur deshalb zum Begleiter angeboten hatte, weil ich die Gelegenheit benutzen wollte, bequem nach Nizza zu kommen.«

Er war augenscheinlich sehr gut gelaunt und wußte auch die anderen mit seiner Fröhlichkeit anzustecken.

So langte man in heiterster Stimmung vor dem kleinen Gasthause im Dorf St. Jean an, von wo nach kurzer Rast eine Wanderung über die felsige, weit ins Meer sich vorlagernde Halbinsel angetreten wurde, die immer neue, überraschende Fernblicke eröffnete.

Die Gesellschaft hatte sich in zwanglose Gruppen verteilt, und in lustigem Geplauder zog der Schwarm bergauf. Margot war jeden Augenblick darauf gefaßt, daß Arno von Meyburg an ihre Seite treten würde; aber er mußte eine bestimmte Absicht damit verfolgen, sich ihr nicht zu nähern. Sie hörte ihn bald mit diesem, bald mit jenem angeregt sich unterhalten, ohne daß er sie selber scheinbar beachtete. Der junge Leutnant von Saldern wich freilich auch nicht von ihrer Seite, sondern schien entschlossen, diesen Platz heute gegen jedermann zu verteidigen.

Margot hätte sich hierdurch geborgen gefühlt, wenn Herr von Saldern nicht allmählich angefangen hätte, einen schwärmerisch-schmachtenden Ton anzuschlagen, der ihr verdächtig vorkam. Er sprach von den »schalen Amüsements« des Junggesellenstandes, von der erwachenden Sehnsucht nach einem geordneten »Hausfrieden« und von den »wunderbaren Wegen des Zufalls«. Dabei seufzte er manchmal, pflückte wilde Blumen am Wegrand und reichte sie ihr stumm, mit seltsam schwimmenden Augen. Margot fühlte eine gewisse Beklommenheit bei dem allen. Dann faßte sie einen tapferen Entschluß. »Herr von Saldern«, sagte sie plötzlich, »Sie könnten mir einen Gefallen tun.«

Er legte die Hand auf die Brust. »Sie machen mich glücklich durch diese Erlaubnis, gnädiges Fräulein –«

»Sehen Sie – ich weiß nicht, wie das Gerücht aufgekommen ist, ich wäre eine reiche Erbin. Alle Leute scheinen daran zu glauben. Und das ist mir peinlich. Ich mag mich nicht mit einem falschen Nimbus umgeben. Und Sie würden mir einen wirklichen Dienst damit erweisen, wenn Sie dieses Gerücht überall in geeigneter Weise widerriefen. Es ist kein wahres Wort daran.«

Das bestürzte Gesicht des jungen Offiziers auf diese Worte hin entlockte ihr ein Lächeln. Er lächelte etwas blöde, um endlich zu stammeln: »Wenn Sie es wünschen, natürlich. Ich begreife nur nicht – Herr von Jorell ist immer so gut unterrichtet – und die Bestimmtheit, mit welcher das Gerücht –«

»Ja, ja, ich weiß«, fiel Margot ein. »Aber diese Erbschaft schwebt in der Luft. Und im günstigsten Falle würde sie ausschließlich an meinen Bruder kommen. Mein Wort darauf, ich habe gar keine anderen Aussichten als die, wieder Governeß zu werden. Und das ist auch gar kein so tragisches Los, wie man immer denkt!« Herr von Saldern war stumm geworden. Endlich schien er sich ein Herz zu fassen und sagte, während ein Schatten über seinen Augen lag, mit ehrlich naivem Schmerz: »Ich glaube, Sie werden mich verstehen, gnädiges Fräulein, wenn ich Ihnen sage: halten Sie mich nicht für einen erbärmlichen Kerl, der nur einer reichen Mitgift nachjagt. Aber wir jungen, mittellosen Offiziere – Sie wissen: es gibt da ganz besondere Vorschriften – allein unserem Herzen dürfen wir nicht folgen, solange wir die Uniform tragen – und wenn dies Herz selbst darüber brechen wollte –.« Margot blieb stehen und reichte ihm in gutmütiger Wallung die Hand. »So leicht bricht es nicht, Herr von Saldern«, sagte sie warm, »glauben Sie mir! Und wenn Sie mit einer Governeß gute Freundschaft halten wollen – hier schlagen Sie ein! Dazu braucht man ja keine Kaution zu stellen.« Er war sichtlich beschämt, aber in ehrlicher Rührung ergriff er ihre Hand und küßte sie. »Ich möchte mein Leben für Sie hingeben«, murmelte er. Margot wollte gerade wieder mit einem ablenkenden Wort erwidern, als sie Arno von Meyburgs Stimme in ihrer Nähe vernahm. Sie schien ihr schrill und spöttisch. Oder klang sie allein ihr so in den Ohren? In der nächsten Minute stand er vor ihr. »Ich habe heute noch kaum das Vergnügen gehabt, Sie zu begrüßen, Fräulein von Detten! Sie waren immer in so lebhafter Unterhaltung – ich wagte nicht zu stören. Welch ein herrlicher Tag heute nach all dem Regen! Aufregend schön, nicht wahr? Und Sie müssen jetzt endlich zugeben, daß ich ein Glückspilz bin. Diese Begegnung auf der Landstraße –, wär' ich nun mit der Bahn gefahren, wie ich eigentlich vorhatte, hätt' ich Sie in Nizza verfehlt. Statt dessen ist es mir nun vergönnt – aber ich fürchte, Sie sind nicht in ganz freier Stimmung, Fräulein Margot! Sie sehen heute blaß aus. Und Harro – Harro hat entschieden einen krankhaften Zug im Gesicht. Ich bin besorgt um ihn. Es ist doch nichts Schlimmes passiert?«

Er redete so geflissentlich und die Worte überstürzend auf sie ein, daß es den Eindruck machte, als wollte er seine innere Aufgeregtheit dahinter verstecken. Eine Antwort wartete er kaum ab. Und den jungen Offizier ließ er vollends nicht zu Worte kommen. Dieser hatte ihm einen wütenden Blick zugeworfen und sah Margot an, wie wenn er von ihr einen Wink darüber erwarte, ob er den zudringlichen Menschen brüskieren oder dulden solle. Da aber Margot nichts davon wissen zu wollen schien, und er Arno von Meyburg in seiner augenblicklichen Stimmung um keinen Preis ertragen konnte, schlich er sich, als man die auf dem Kamm des Berges errichteten hübschen Gartenanlagen erreicht hatte, unbemerkt von Margots Seite fort, um eine Weile in der Einsamkeit seinen trüben Gedanken nachzuhängen.

Arno unterbrach seinen Wortschwall, kaum daß er verschwunden war. Schweigsam umwandelten sie beide jetzt einen kleinen künstlichen See, der von geschmackvoll angelegten Bosketts umbuscht war. Dann blieb Arno plötzlich neben einer Steingrotte stehen und fragte in völlig verändertem Ton: »Haben Sie mir gar nichts zu sagen, Fräulein Margot?«

Seine Stimme klang weich und schwermütig. Sie schrak leicht zusammen. »Was sollte ich Ihnen zu sagen haben?« fragte sie verwirrt.

»Ich habe Ihnen neulich eine Frage vorgelegt, Margot! Und ich habe Ihnen Bedenkzeit gelassen, bis Sie mir sie beantworten sollten. Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie mich retten können, Margot. – Sie wissen, daß ich keine Phrasen mache, daß es mir heiliger Ernst ist mit dem, was ich sage. Für mich steht hier alles auf dem Spiel. Ich kann ohne Sie nicht mehr leben, und ich möchte auch gar nicht. Von ihnen allein hängt es ab, ob ich wieder ein nützliches und – auch ein glückliches – Glied der menschlichen Gesellschaft werden soll oder ob ich untergehen muß. Sie sind so gut, Margot, Sie können es doch nicht wollen, daß ich versinke, und wissen, daß es Sie ein Wort kostet, um mich emporzuheben. Selbst wenn Sie meine Leidenschaft nicht so voll erwidern, Margot – wie könnt' ich das fordern oder erwarten? – Aus Mitleid, aus Güte strecken Sie Ihre Hand aus, um mich aufzurichten. Sie tun ein gutes Werk. Oder hassen Sie mich, Margot?«

Sie schüttelte den Kopf. »Warum sollte ich Sie hassen?« sagte sie, immer mehr durch seine Worte in die Enge getrieben. »Gewiß nicht. Nur – ich – ich kann doch unmöglich aus Mitleid – Mitleid empfinde ich ja gewiß mit Ihnen – aber auch nicht mehr, und wie sollte Ihnen das genügen? Bitte, dringen Sie doch nicht weiter in mich! Ich kann wirklich nicht – und ich möchte Ihnen so ungern wehe tun. – Lassen Sie uns hier abbrechen, ja?« Sie atmete hastig und warf hilfesuchende Blicke um sich.

Er aber bohrte seine Zähne in seine Unterlippe und sie sah in seinen Augen einen heißen Strahl aufleuchten. »Und wenn es mir doch genügte, Margot? Nein, nein, sehen Sie mich nicht so erschrocken an! Wer so bettelarm ist wie ich, begnügt sich mit der kleinsten, geringfügigen Spende. Halten Sie mich nicht für würdelos, wenn ich immer wieder und wieder flehe und bettle: erhören Sie mich! Es gilt ja mein Leben, Margot! Und lassen Sie mich Ihnen noch mehr sagen – selbst auf die Gefahr hin, daß Sie mich dann erst vollends verwerfen, mich für einen Elenden halten, der einen Druck auf Sie ausüben möchte. Nein, ich will Ihnen nur zeigen, daß es von Ihrer Seite doch nicht ausschließlich ein Opfer wäre, wenn Sie mich erhörten –«

Er machte eine Pause, sah sich um, als ob er sich überzeugen wollte, daß sie unbelauscht waren, und fing dann mit leiser Stimme an, indes ein immer siegessicherer Zug in sein Gesicht trat und manchmal eigentümlich in der Tiefe seiner Augen aufglühte: »Ich weiß, daß Sie diese Erbschaft, um die wir streiten, für sich selbst nicht brauchen und nicht wollen, Margot! Aber Harro braucht sie – um sich das Mädchen zu erringen, das er liebt. Und nur dann wird er auch wieder gesund werden. Diese Erbschaft könnten wir untereinander teilen – ich könnte sie Harro sogar ganz abtreten, wenn – Sie sehen mich erstaunt und ungläubig an, Margot, als ob Sie sagen wollten: diese Erbschaft, über die Sie schon verfügen zu dürfen glauben, gehört Ihnen ja noch gar nicht, kommt hoffentlich niemals überhaupt an Sie. – Bitte, wozu das leugnen? Es ist ja das Natürliche. Aber ich muß Ihnen sagen: sie ist Ihnen so gut wie sicher verloren, Margot.«

Er sah sie fest an, wie um die Wirkung seiner letzten Worte zu beobachten, aber gerade weil sie das bemerkte, zwang Margot sich zur Ruhe. »Warum glauben Sie das?« fragte sie mit scheinbarem Gleichmut.

»Nach meinen heutigen Nachrichten«, fuhr er fort, ohne die Augen von ihr abzulassen, »ist keine Hoffnung mehr für Sie beide vorhanden. Das Gericht hat sich dahin entschieden, daß die Erbschaft mir, als dem einzigen legitimen Nachkommen des verstorbenen Freiherrn von Meyburg, zufallen müsse, da ein Testament des Erblassers nicht vorhanden sei.«

Margot hatte noch immer nicht verstanden, obgleich er das Wort »legitimen« leicht betont gemacht hatte. »Aber wir sind ja die näheren Verwandten«, fiel sie ein, während ihr Herz laut zu schlagen begann.

»Ja«, erwiderte er mit einem ganz leisen, überlegenen Lächeln, »gewiß! Nur, daß sich dies nicht hat nachweisen lassen. Vor Gericht gelten nur Dokumente, nicht Versicherungen. Mangels jeder beglaubigten Urkunde über die Verheiratung der Tochter des Erblassers mit einem Herrn von Detten hat das Gericht annehmen müssen, daß eine solche Verheiratung niemals stattgefunden hat, also auch legitime Nachkommen aus einer derartigen Ehe nicht vorhanden sein können. Da diese Tochter also tot ist, ohne selbst Erben hinterlassen zu haben – nach der gerichtlichen Auffassung –, sind weitere Erben nicht zu eruieren gewesen und der Nachlaß fällt ungeteilt an mich.«

Margot war bis in die Lippen hinein erblaßt. Sie zitterte, so sehr sie sich auch mühte, ruhig zu erscheinen, am ganzen Leibe. »Aber dann wären ja Harro und ich –.« Sie vollendete den Satz nicht, eine heiße Glutwelle überströmte ihre Wangen. Es war ihr, als bräche rund um sie her alles zusammen.

Arno machte eine besänftigende Handbewegung. »Sie dürfen das nicht tragisch nehmen, Margot. Es ist eine rein formale Entscheidung des Gerichts. Das Andenken Ihrer Eltern wird dadurch in keiner Weise besudelt. Es liegt sogar aller Anlaß vor, zu glauben, die vermißte Trauurkunde, für die ein Duplikat sich nicht hat auftreiben lassen, weil man den Trauort nicht kennt, habe sich im Besitze des alten Freiherrn befunden, dem seine Tochter sie seinerzeit eingesandt, um den Vater davon zu überzeugen, daß sie sich zwar von dem Geliebten habe entführen lassen, doch nur, um seine rechtmäßige Gattin zu werden.«

»Wenn diese Vermutung zuträfe, hätte man die Urkunde im Nachlaß meines Großvaters auffinden müssen.«

Arno zuckte die Achseln.

»Auch das Testament hat sich nicht gefunden, obwohl es ohne jeden Zweifel existiert hat. Vielleicht hat der alte Sonderling eines Tages alles vernichtet. Aber wie es auch immer damit sei, jedenfalls werden Sie schon in den nächsten Tagen die Bestätigung erhalten, daß die Meyburgsche Erbschaft Ihnen und Ihrem Bruder endgültig verloren ist. Ich wollte sie vorbereiten. Ich weiß, daß für Harro dies ein gewaltiger Schlag ist. Er hat mir ja gestanden, was alles für ihn davon abhängt. In diesem Lotteriespiel habe ich das große Los gezogen – das Glück kommt nicht immer an den Würdigsten in diesem wunderlichen Leben.« Margot hatte notdürftig ihre Fassung zurückerobert, nur eine tiefe Niedergeschlagenheit hatte sich ihrer bemächtigt. Es war also alles verloren. Und nun kam dieser da und wollte sie sich erhandeln um den Preis einer Abtretung seiner Erbschaft.

Tat sie ihm unrecht? Wollte er ihr nur klarmachen, wie gut und glücklich alles sich gestalten mußte, wenn sie ihn erhörte? Rief nur seine Leidenschaft ihr Mitleid und ihre Schwesterliebe als Bundesgenossen an, damit sie Siegerin blieb? Arno hatte sich unterbrochen, weil sie ihm einen halb fragenden, halb anklagenden Blick zugeworfen hatte. »Jetzt verdammen Sie mich doch, Margot«, sagte er, und wieder klang der Ton seiner Stimme anders als früher, so daß sie denken mußte, welch eine Wandlungsfähigkeit in diesem Manne herrschte, »ich hatt' es kommen sehen. Aber seien Sie gerecht! Wenn ich mich bereit erkläre – auch im Falle Sie meine Hand ausschlagen –, Ihnen oder Harro die mir zugesprochene Erbschaft zu überlassen oder sie mit Ihnen zu teilen – würden Sie – würde Harro das dann annehmen? Ich bin gewiß: nein. Sie beide sind zu stolz, um sich diese Erbschaft schenken zu lassen, zumal von mir! Was gibt es denn also für ein anderes Mittel, wenn ich doch helfen möchte? Was mein ist, gehört auch Ihnen, Margot, wenn Sie mich erhören, und wir brauchen beide für uns selber diesen Mammon nicht, wir werden beide glücklich sein, ihn zu gutem Zweck zu verwenden und uns unser Leben aus eigener Arbeit zu gestalten. Was Sie jetzt als eine Gnade in Ihrem Stolz von der Hand weisen würden, wird dann eine gemeinsame freie Liebestat sein, die auch für Harro nichts Beschämendes mehr hat. Von dem abgewiesenen Freier seiner Schwester würde er den Erbschaftsverzicht nicht annehmen – die helfende Hand des Schwagers und Bruders würde er dankbar ergreifen. Sie dürfen mich also nicht verkennen, Margot! Ich mühe mich nicht, Sie in eine Zwangslage zu versetzen – ich selber befinde mich in einer solchen. Ich möchte hoffen und sehe nur einen einzigen Weg dazu. Und ich liebe Sie leidenschaftlich, Margot, und möchte gerettet werden. Mit Geld ist mir nicht geholfen. Ich brauche eine führende, leitende, mich emporhebende Liebe. Bin ich Ihnen denn so verhaßt, Margot, daß Sie mich erbarmungslos können untergehen sehen – Sie, die Sie sonst so ganz Güte und Mitleid sind, Sie, die Sie nur die Hand auszustrecken brauchen, um mich hinaufzuziehen? Oder«, seine Stimme sank zu einem Geflüster herab, »steht mir ein anderer im Wege, Margot?«

Sie wollte etwas erwidern, ein stolzes, hochfahrendes Wort, aber er winkte ihr, halb flehend, halb gebieterisch, mit der Hand.

»Sagen Sie mir jetzt nichts, Margot – es ist noch nicht klar in Ihnen. Lassen Sie zum wenigsten eine Nacht zwischen den heutigen Eröffnungen und Ihrer Entscheidung liegen – ich bitte Sie darum. Wir sind ohnehin hier nicht mehr allein – ich höre Stimmen. Bitte, lassen Sie uns gehen!«

Er drängte fort. Sie hatten kaum ein paar Schritte gegen den Weg zu gemacht, der am westlichen Hange des Vorgebirges auf den die höchste Kuppe krönenden Semaphor zuführte, als sie von Harro, der mit Adele Lindenthal und dem Reiherschen Ehepaar in lachender Unterhaltung daherkam, angerufen wurden. Bald waren sie von den Ankömmlingen umringt, und Margot hatte wieder einmal Gelegenheit, die Wandlungsfähigkeit Arnos zu bestaunen, der jetzt nach dem erregenden Gespräch, das er mit ihr geführt, sofort lächelnd auf den scherzenden Ton einging, mit dem man ihn anredete. Kein Zittern seiner Stimme, keine Miene verriet, was eben zwischen ihr und ihm vorgegangen. Es war Margot beinahe unheimlich.

Währenddessen zog die Gesellschaft in kleinen Trupps weiter bergan. Fröhliche Stimmen durchhallten die köstliche, meerfrische Bergeinsamkeit. Nur Margot sah von all den schimmernden Landschaftsbildern nichts, die sich vor ihr entrollten, fühlte den kühlenden Atem des Meeres nicht, der vom wellenumschäumten Felsrand zu ihren Füßen aufstieg und die Sonnenluft durchhauchte. Ein banger Druck lag auf ihrer Seele. War es diesem Manne dort wirklich gelungen, die Schlinge enger und enger um sie zuzuziehen, und gab es nun kein Entrinnen mehr für sie? Noch wollte, noch konnte sie es nicht glauben. Sie hätte hier auf dem harten Felsboden, dicht über dem schwindelnden Abgrund, niederknien und zu Gott beten – zu Gott aufschreien mögen, er solle sie bewahren vor dieser furchtbaren Notwendigkeit, sich jenem Manne dort hingeben zu müssen mit der Liebe zu einem anderen im Herzen. Gab es keinen anderen Ausweg mehr? Es kam ihr vor, als hätte Arno von Meyburg schon in jener ersten Stunde, wo er sie in Monte Carlo gesehen, den Plan geschmiedet, sie zu gewinnen; und was dieser Mann sich vorsetzte, das führte er aus, ob auch Himmel und Hölle sich ihm in den Weg stellten. Und nun hatte das Schicksal ihn noch gar in so unerhörter Weise dabei begünstigt. Die Erbschaft verloren – Harros Hoffnungen, sein Glück, seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt, wenn sie nicht sich selbst zum Opfer brachte. – Mußte sie es? Und was denn sonst? Um dieser aussichtslosen Liebe willen zu einem anderen, der sie vielleicht nicht wieder liebte, der selber unter einem schweren Schicksal litt und sich beugte, hätte sie den einzigen Rettungsweg verschmähen sollen, der sich ihr bot und mit dessen Betreten sie zugleich eine gute Tat vollbringen, ein verlorenes Menschenleben wieder aufrichten konnte? Heiliger Gott, war der Weg ihrer Pflicht wirklich so schwer, so dornenvoll? »Tapfer! Tapfer!« rief sie sich selber zu und legte die Hand auf ihr laut klopfendes Herz, als wollte sie sein trotziges Aufbäumen niederzwingen: »Denk' an ihn, wie er das Härtere trägt, das ihm geworden ist!«

Fast war es, als hätten ihre Gedanken den herbeigerufen, mit dem sie sich beschäftigten. Von der Höhe des Weges her kam ein Reiter talab gesprengt, und Margot erkannte Erich Holdheim. Auch er gewahrte sie sofort, schien sein Pferd zügeln zu wollen, sah aber dann die anderen und ritt grüßend in scharfem Trab vorüber. In der nächsten Minute war er um die Bergecke verschwunden.

Margot war einen Augenblick stehengeblieben, weil ihr das Herz plötzlich bis zum Halse hinauf schlug. Da hörte sie mit einem Male Arno von Meyburgs Stimme wieder dicht an ihrem Ohr: »Margot«, es klang leise und voll heißer Leidenschaft, zugleich aber lag etwas Drohendes darin, »ist es vielleicht gar dieser, der mir im Wege steht bei Ihnen?«

Sie gab keine Antwort, und er ging wieder. Sie sah ihn von nun an immer an Harros Seite, auf den er dringlich einredete. Dann hatte man den Platz auf der Höhe erreicht, wo der Major von Jorell alles zum Lagern hatte vorbereiten lassen und wo nun die mitgebrachten Körbe mit Eßwaren und Erfrischungen ausgeleert wurden. An einer geschützten Stelle wurde unter der Oberleitung der kleinen Frau Reiher sogar Tee gekocht. Der Platz war herrlich und die Stimmung der kleinen Gesellschaft äußerst animiert. Nur Harro erschien anfangs ebenso ernst und nachdenklich, wie man es bei seiner Schwester schon immer gewohnt war, und erst allmählich gelang es, ihn wieder gesprächig zu machen. Die Seele des ganze Kreises blieb Arno von Meyburg. Es schien, als ob er allen klar machen wollte, wie gut man daran getan habe, ihn mitzunehmen; er war unerschöpflich in amüsanten Anekdoten und wußte verschiedene bekannte Persönlichkeiten aus Nizza und Monaco in so täuschender, leicht karikierender Weise nachzumachen, wie sie sich am Spieltische benahmen, daß die Gesellschaft aus dem Lachen nicht herauskam. Margot mußte immer wieder staunend denken, ob das derselbe Mann sei, der sie vor kaum einer Stunde noch mit leidenschaftlicher Stimme gefragt hatte, ob sie ihn denn hilflos untergehen lassen wolle, während sie, und nur sie, doch ihn retten könne?

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