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An der Engelsbucht

Konrad Telmann: An der Engelsbucht - Kapitel 7
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typefiction
authorKonrad Telmann
titleAn der Engelsbucht
publisherFrauenverlag
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VII.

Sie hatten kaum am Café de Paris vorüber in den Garten eingelenkt, als rasche Schritte hinter ihnen laut wurden.

»Natürlich wieder er!« dachte Margot, als sie sich umwandte. Und wirklich stand Arno von Meyburg, seinen Zylinder lüftend, vor ihnen.

»Verzeihen Sie, daß ich schon wieder da bin, Fräulein Margot«, sagte er, als ob er ihre Gedanken erriete. »Ich wollte Harro fragen, ob er denn nicht zum Taubenschießen gehen will.«

»Oh, ich hätte schon Lust«, erwiderte der junge Musiker lebhaft. »Aber ich fürchte, das ist nichts für Margot.«

»Wenn Fräulein Margot mir gestatten würde, ihr bis zu deiner Rückkehr Gesellschaft zu leisten, würde sie mir damit eine große Freude bereiten. Wir könnten uns ja zur Abfahrtszeit des Nizzaer Zuges auf dem Bahnhofe treffen.«

Rede und Gegenrede waren einander so schnell gefolgt, daß Margot nicht Zeit gefunden hatte, durch irgendein höfliches Wort zu verhindern, was sie gleich beim Auftauchen Arnos fast instinktiv gefürchtet hatte. Und jetzt war es, wenn sie nicht gerade unhöflich sein wollte, zu spät, sich gegen seinen artig klingenden Vorschlag zu sträuben, um so mehr, als Harro demselben sogleich mit großem Eifer zustimmte. Kaum zwei Minuten später hatte er sich bereits von seiner Schwester und dem Baron verabschiedet.

Margot war im innersten Herzen empört über die Zudringlichkeit Arnos. Konnte sie ihm denn wirklich nicht entgehen? Es war ihr, als ob er seine Kreise allmählich immer enger und enger um sie ziehe und als ob es eines Tages kein Entrinnen mehr für sie geben werde. Das war gewiß töricht, eine Furcht, über die sie hätte siegen müssen; aber seit dieser Mann ihr mit so unerbittlich-grimmigem Haß von dem geredet, den sie liebte, ängstigte sie sich vor einem Alleinsein mit ihm. Sie war auch fest entschlossen, ihm ins Wort zu fallen, sobald er noch einmal auf Erich Holdheim zurückkam. Er sollte keinen leisesten Anhalt haben zu glauben, daß sie gern mit ihm zusammen wäre. Weshalb drängte er sich überhaupt so auffällig in ihre Nähe?

Arno hatte ihr Muße gelassen, Klarheit in ihre Empfindungen zu bringen, denn er stand eine geraume Weile schweigend neben ihr, anscheinend in den Anblick des Publikums vertieft, das die Terrassenbrüstung belagerte. Dann wandte er sich, ohne in seinen Blicken einen Triumph zu verraten – »er ist zu klug dazu!« mußte sie denken –, nach ihr um und fragte: »Wohin befehlen Sie, Fräulein von Detten? Es wird Ihnen hier auf die Dauer kaum behagen.« Darin mußte sie ihm Recht geben, denn das Schauspiel, das sich ihnen darbot, war sehr wenig nach dem Geschmack des feinfühligen Mädchens.

Hier standen zahllose Menschen an die Balustrade gedrängt, um drunten auf dem grünen Rasenplatz die kleinen Käfige der Tauben aufspringen und die geängstigt emporflatternden Tiere durch kunstgerechte Schüsse, die in kurzen Pausen hintereinander knallten, niedergestreckt zu sehen. Von dem ganzen bunten Treiben, das sich dort unten in den Ständen entfaltete, gewahrte man nichts von hier; nur die kleinen grauen Rauchwölkchen flatterten unablässig über den Platz, und man sah die Tauben mit zuckenden Flügeln im Grase liegen, bis die gut dressierten Hunde sie apportierten.

»Ja, lassen Sie uns von hier fortgehen!« sagte Margot kühl. »Im übrigen ist es mir vollkommen gleichgültig, wo wir promenieren.«

Er wandte sich, um in die oberen Gärten hinaufzusteigen. Und langsam, immer noch wie in zauderndem Widerstreben, schritt sie neben ihm her.

Sie waren schon eine ganze Strecke gegangen, ehe Arno sagte: »Sie fürchten sich vor dem Alleinsein mit mir, Fräulein Margot.« Es klang nicht wie eine Frage, Trauer und verhaltene Leidenschaft zitterten darin auf. Und ehe sie noch etwas erwidern konnte, setzte er hinzu: »Ich glaube, Sie hassen mich, Fräulein Margot. Und doch könnten Sie sich an niemandes Seite glücklicher fühlen als bei mir. Sie ahnen nichts davon, was Sie mir sind.«

Margot stockte sekundenlang der Atem, sie warf einen hilfesuchenden Blick um sich. Sollte dieser Mann jetzt und hier –? Eine heiße Glut stieg ihr ins Antlitz und ihr Herz hob hastig zu hämmern an. Dann zwang sie sich zur Ruhe. Sie lächelte sogar ein wenig. Sie wollte ihm doch zeigen, daß sie sich nicht fürchtete, daß er von ihr nichts anderes auf seine Beteuerungen zu erwarten hatte als eine gutmütige Ablehnung. »Ich fürchte mich gar nicht«, sagte sie. »Der Mann, vor dem sich eine Dame fürchten müßte, wäre ein recht verächtlicher Gesell, meine ich.«

»Nun? Und Sie verachten mich nicht?«

»Weshalb argwöhnen Sie das?«

»Aus Ihrem ganzen Verhalten gegen mich. Und – Margot, ich will Ihnen meine Schuld beichten, die Schuld meines Lebens, Ihnen allein. – Ich habe einmal Wechsel gefälscht.«

»Gott«, stieß sie unwillkürlich aus.

Arno schwieg eine Weile und blickte nur düster vor sich hin. Dann fuhr er mit langsamer Stimme fort: »Sie mögen aus meinem Schuldbekenntnis ersehen, Margot, daß ich mich mit gebundenen Händen Ihnen ausliefere, um von Ihnen abgeurteilt zu werden. Denn niemand weiß heute mehr um mein Vergehen. Der einzige, der davon erfahren hat, erfahren mußte – mein Onkel –, hat um der Namensehre willen zeitlebens darüber geschwiegen. Alle anderen haben jene Namensunterschriften für echt gehalten, da die Wechsel am Verfalltage richtig eingelöst wurden. Sie mögen danach ermessen, wie meine schmähliche Tat mir all die Zeit hindurch auf der Seele gebrannt hat – und heute noch brennt. Die Strafe, die mir der rastlos nagende Selbstvorwurf bereitete, war wohl härter, als jede irdische Strafe hätte sein können. Mein Onkel – um auf den Namen Meyburg keinen Makel fallen zu lassen – zahlte zähneknirschend die Wechselverbindlichkeiten, ließ sich aber für sein Schweigen über mein Vergehen von mir versprechen, daß ich fortan als ein Verschollener zu gelten hätte. Gleichzeitig vernichtete er das zu meinen Gunsten abgefaßte Testament, da ich der Erbschaft nun nicht mehr würdig war, und ich, der ich daheim nichts mehr zu verlieren hatte, ging nach Amerika.«

Der Sprecher atmete tief auf, wie von einer schweren Bürde befreit. »Nun wissen Sie alles«, setzte er tonlos hinzu, »was keiner sonst weiß. Nun richten Sie! Hab' ich Unsühnbares begangen?« Er sah Margot düster an.

»Sie haben mir ja noch nicht alles gesagt«, fiel diese wie nach einem Ausweg suchend ein. Arno verfärbte sich. In seine Augen war ein haßglühender Ausdruck getreten. »Wer sagt das?« stieß er zischend aus. »Hat Sie der – Mörder richtig schon gegen mich aufgehetzt? Ist es Ihnen noch nicht genug, daß ich zum Fälscher geworden bin?«

Seine Hände hatten sich geballt, sein Kinn zitterte. Margot war entsetzt über diese jähe Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Alles Demütige, Scheue und Gedrückte war wie mit einem Schlage entschwunden und hatte einer flammenden Empörung Raum gemacht. Er schien sich seiner bisherigen Schwäche sogar zu schämen. Margot winkte ihm begütigend mit der Hand, während ein leises Zittern sie diesem jähen Ausbruch gegenüber befallen hatte. »Nein, nein –, Sie haben mich völlig mißverstanden. Ich wollte nichts sagen, als daß ich ja noch nicht weiß, wie sich Ihr Leben dann weiter gestaltete – wie Sie das Geschehene dann zu sühnen gesucht haben.«

Arno atmete tief. Seine Mienen glätteten sich allmählich wieder, nur ein argwöhnisch lauernder Blick flog kurz über Margots Antlitz hin. Dann sagte er zwischen den Zähnen hindurch: »Ich hätte es ihm auch nicht geraten – dem Mörder.« Und nach einer kurzen Pause wieder in seinen früheren Ton zurückfallend, setzte er hinzu: »Sie haben recht, ich muß noch einiges zufügen. Ich mußte die Strafe, die mein Onkel über mich verhängte – trotzdem ich meiner Meinung nach nur in der Notwehr einen Verzweiflungscoup ausgeführt hatte –, für gerecht, sogar für milde halten. Ich verließ Europa, ich bin seither in der Heimat vergessen worden. Meine Kreuz- und Querzüge durch die Neue Welt will ich Ihnen nicht schildern. Es mag Ihnen genügen, wenn ich Ihnen sage, daß ich durch eine harte Schule der Not dort gegangen bin, daß ich arbeiten gelernt habe wie ein Taglöhner, und es hat Jahre gewährt, bis ich zum ersten Male aufatmen und ausruhen konnte. Ich drang durch, ich kam nach oben, aber meine Gesundheit hatte durch den stetigen, aufreibenden Kampf um meine Existenz schwer gelitten. Eines Tages konnte ich nicht mehr. Ich brach zusammen, als ich gerade soviel erworben hatte, um ohne Angst in die nächste Zukunft blicken zu können. Die Ärzte rieten mir, wenn ich mich erhalten wolle, unverzüglich nach Europa zurückzukehren und dort in einem milden Klima meine Genesung abzuwarten. Dies war der Grund meiner Heimkehr. Ich ging nach Nizza, dann hierher. Körperlich bin ich in der Tat wieder gesund geworden, seelisch freilich – nun, Sie wissen jetzt, wie alles gekommen ist, Margot. Sprechen Sie mir also mein Urteil!«

»Ich habe keinen Grund und kein Recht, Sie zu verdammen«, sagte Margot gepreßt.

»Nicht?« Seine Augen leuchteten auf. Er ergriff eine ihrer Hände, die er, ehe sie es hindern konnte, an seine Lippen preßte und stürmisch küßte. »Dank! Dank! Nehmen Sie tausend Dank!«

»Ich bin nicht Richter über Sie«, wehrte sie ab. »Aber ich glaube, Sie dürfen Ihre Schuld als gebüßt ansehen. Es wird nicht leicht einer den ersten Stein gegen Sie erheben wollen.« Man merkte es Margots Stimme an, wie sie sich zu ihren Worten zwingen mußte. Sie wollte aufstehen, eine unbestimmte Angst vor dem, was nun kommen mußte, wofür alles nur die Einleitung gewesen war, ergriff sie. Sie wollte hinaus.

Aber Arno hielt ihre Hand fest in der seinen. »Margot«, sagte er mit zitternder Stimme, »Sie geben mir das Leben wieder! Sie ahnen ja nicht, wie furchtbar die Vergangenheit auf mich drückte. Und Sie glauben, Margot – Sie glauben, daß eine reine Frau ihre Hand noch in die meine legen könnte, um mich zu retten – um mich vollends frei zu machen, Margot?«

Seine Augen bohrten sich in die ihren, er preßte ihre Finger so fest, daß sie nur mit Mühe einen Wehruf unterdrückte. »Ich – wie soll ich Ihnen das sagen?« erwiderte sie, immer in dem Bestreben, sich loszumachen und den Ausgang zu gewinnen. »Warum sollte aber nicht –? Gewiß, ich glaube daran.«

»Ah!« seufzte er mit einem triumphierenden Aufleuchten in seinen Blicken. »Das sagen Sie – Sie? Und wenn ich nun Sie fragte, Margot, ob Sie diese Frau sein wollen – Sie müssen ja wissen, begreifen, daß ich bei dem allen nur Sie im Auge hatte – haben konnte – Margot«, fuhr er in heißem, flehendem Flüsterton fort, »ich liebe Sie; von der ersten Minute an, wo ich Sie sah, habe ich Sie geliebt. Wollen Sie mich retten? Margot! Ich bin ein schlechter Mensch gewesen – die Menschen haben mich dazu gemacht – von Hause aus bin ich gut und kann es wieder werden – durch Sie. Sie kostet es ein Wort, Sie können aus mir machen, was Sie wollen. Sehen Sie: ich liege immer noch in schmählichen Banden. Dies hier ist keine gute Luft für mich, keine gesunde Umgebung. Sie begreifen, ich spiele. Irgend etwas muß man ja doch tun, um diese ungeheuere Leere in sich auszufüllen, um sich zu betäuben, um sich über den Schmerz verfehlten Lebens fortzutäuschen. Keinen Menschen zu haben, der einem nahesteht – keinen Zweck, für den man lebt – sehen Sie, Margot, das ist furchtbar. Das raubt alle Kraft zur Arbeit, alle Fähigkeit, gut zu sein. Warum? Wozu denn? fragt man sich immer nur. Und Sie – Sie könnten mich nun mit einem einzigen Schlage aus dem allem herausreißen, mich froh und gesund machen. Retten Sie mich! Retten Sie mich!«

Seine Leidenschaftlichkeit hatte sich mit jedem dieser hastig hervorsprudelnden Sätze gesteigert und es sah aus, als wollte er zum Schluß sich vor ihr niederwerfen. Margot hatte in wachsender Angst und heißem Erschrecken ihn immer wieder zu unterbrechen versucht, ohne daß es ihr gelungen wäre. Jetzt stieß sie aus: »Um Gottes willen – lassen Sie – lassen Sie mich! Ich – ich kann nicht – nicht jetzt, nicht hier –.« Gewaltsam riß sie sich los und trat hinaus. Sie fühlte sich erlöst. Zwar stand er in der nächsten Sekunde draußen neben ihr, am ganzen Leibe bebend, mit zitternden Lippen. Aber hier mußte er sich bezwingen. Hier und dort sah man einen Menschen zwischen den Bosketts auftauchen – sie waren nicht mehr unbeobachtet. Eben jetzt kam von einer der oberhalb gelegenen Villen her ein Herr eiligen Schritts dicht an ihnen vorüber. Er wandte instinktmäßig das Gesicht den beiden zu, und Margot erkannte Doktor Leuthold, der zu einem Patienten berufen sein mochte und nun auf dem Wege zum Bahnhof war, um zurückzufahren. Unwillkürlich wurde sie rot, während er grüßte, um dann nach einem verwundert-prüfenden Blick auf Arno von Meyburg rasch den Weg weiter hinab zu verfolgen.

»Margot«, fing Arno, dicht an ihre Seite tretend, wieder an, »warum antworten Sie mir nicht? Warum sagen Sie mir nicht ein einziges gutes Wort, Margot? War alles nur eitler Wahn, Einbildung, Selbstüberhebung, wenn ich annahm, Sie würden nicht nur groß denken, sondern auch groß handeln wollen? Wollen Sie einem Ertrinkenden nur zurufen, Margot, er könne gerettet werden, ohne ihm auch selber die Hand hinzustrecken, an die er sich klammern kann? Dann, Margot, wär' es ja besser gewesen, Sie hätten ihm zugerufen: ›Geh‹ unter! Für dich ist keine Rettung mehr!«

Margot hatte sich gefaßt. Sie fühlte sich hier draußen, wo ein frischer Wind durch die Baumgruppen strich, freier als drinnen im Kiosk, wo sie sich wie seine Gefangene vorgekommen war und der Rosenduft ihr die Sinne betäubt hatte. »Sie gehen zu weit!« sagte sie mit ruhiger Milde, »kommen Sie wieder zu sich, Herr von Meyburg! Wir haben von Ihren Lebensschicksalen und von der Möglichkeit gesprochen, daß Sie Frieden und Glück finden. Ich habe diese Möglichkeit in ehrlicher Überzeugung bejaht. Aber ich habe nicht gewußt – Sie nicht glauben lassen, daß ich –«

»Nein, nein«, fiel er ein, »Sie haben recht, Sie brauchen es gar nicht auszusprechen, Margot. Ich habe Ihnen keinen Vorwurf zu machen, gewiß nicht – habe Ihnen im Gegenteil immer wieder zu danken; zu danken für Ihre gütigen, versöhnenden, tröstenden Worte. – Ich liebe Sie eben, Margot – und ich weiß keine Rettung für mich als die durch Sie. Ich fühle mich wieder in das ganze Elend meiner Existenz zurückgestoßen, wenn Sie mir die Hand, die allein mich emporziehen kann, verweigern. Lassen Sie mir eine Aussicht – einen Schimmer von Hoffnung! Ich könnte sonst ja nicht leben. – Nein, bitte, nein, sagen Sie mir jetzt nichts, ich kann es jetzt nicht hören, daß Sie mich zurückstoßen wollen. Lassen Sie mich glauben, daß Sie das nächste Mal eine andere Antwort für mich haben werden. Es ist dann immer noch Zeit, mir das Todesurteil zu sprechen, wenn Sie müssen! – Gehen wir!«

Seine Stimme klang immer noch heiser von leidenschaftlicher Erregung, aber er mühte sich, ruhig zu werden. Margot hatte ihn ein paarmal unterbrechen wollen, aber er ließ sie nicht dazu kommen. Sie hätte es gern in dieser Stunde zu Ende gebracht, wenn es denn doch einmal bis zu diesem Äußersten gekommen war, das sie so gern vermieden gesehen; aber sie begriff, daß er entschlossen war, es nicht dahin kommen zu lassen, um sich an eine törichte, unsinnige Zukunftshoffnung zu klammern. Ohnedies überzeugte sie ein Blick auf ihre Uhr, die sie am Handgelenk trug, daß es hohe Zeit sei, zum Bahnhof zu eilen, wenn man den Zug nach Nizza nicht versäumen wollte. So blieb ihr nichts, als mit all ihren durcheinander wirbelnden Gedanken neben ihm her zu schreiten und durch ihr Schweigen seinen Worten zuzustimmen.

Und während sie den Weg bergab durch die Gärten verfolgten, sagte er mit leiser Stimme neben ihr: »Sie halten alles geheim, was ich Ihnen heute gesagt habe, Margot, nicht wahr? Es war für niemand sonst in der Welt bestimmt als für Sie – auch für Harro nicht. Und es ist mir ein so lieber Gedanke, ein Geheimnis mit Ihnen zu teilen. Ich – Sie begreifen nicht, wie ganz anders, wie über mich hinausgehoben ich mich fühle, seit Sie mir gesagt haben – seit ich glauben darf –.« Er sprach den Satz nicht zu Ende, aber ein leuchtender Blick, den er ihr zuwarf, sagte ihr, was er meinte. Sie hatten den Bahnhof inzwischen erreicht, wo Harro bereits unruhig auf und nieder ging und ihnen nun, als sie herankamen, winkte, sich zu beeilen. Der Zug war schon eingefahren und man hatte nur gerade noch Zeit, das Coupé zu besteigen. Arno von Meyburg stand auch auf dem Wagentritt, um von dort aus Margots Hand zu drücken. »Auf Wiedersehen!« sagte er mit eigenartiger Betonung, ihr fest ins Auge blickend, »auf baldiges Wiedersehen!«

Dann wurden die Türen zugeschlagen und der Zug setzte sich in Bewegung. »Der sieht ja ganz verjüngt aus«, sagte Harro, auf den Zurückbleibenden deutend, »nicht wie einer, den wir um eine Halbe-Million-Erbschaft bringen!« Behaglich lachend lehnte er sich in die Kissen zurück.

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