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An der Engelsbucht

Konrad Telmann: An der Engelsbucht - Kapitel 6
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typefiction
authorKonrad Telmann
titleAn der Engelsbucht
publisherFrauenverlag
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VI.

Man war beim Dessert angelangt, und Harro war in eine sehr vertrauensselige Stimmung geraten. Der Champagner war gut gewesen. Ein Unsinn, daß Arno Meyburg ihn hatte kommen lassen, ein Unsinn überhaupt dies ganze Déjeuner dinatoire im Grand Hôtel, zu dem er sie gepreßt hatte, kaum daß er ihrer ansichtig geworden; wie er es angefangen, sie gleich bei ihrer Ankunft in Monte Carlo ausfindig zu machen, genau so, wie er's vorhergesagt, blieb Harro ohnehin ein Rätsel; er mußte geradezu bei jedem Zug auf der Lauer stehen. Ein Unsinn all dieser Tafelluxus; ein einfacher Imbiß in einer der kleinen Speisewirtschaften von Condamine hätte es auch getan, wenn er sie bewirten, ihnen, wie er sagte, »die Honneurs machen« mußte. Aber exquisit war alles, was einem hier vorgesetzt wurde, das mußte wahr bleiben. Und der Champagner – einen besseren Champagner konnte man nicht trinken. Harro hatte vielleicht ein bißchen zuviel davon getrunken. Er löste ihm die Zunge. Margot mochte ihm noch so viel mahnende Blicke zuwerfen, er mußte jetzt sprechen. Und als das Dessert vorüber war, wußte Arno Meyburg richtig alles: daß er Eugenia Caraffa liebte und warum er die Meyburgsche Erbschaft haben mußte, um sie sich zu erobern. Alles plauderte er aus.

Schließlich, warum auch nicht? Dieser Arno war und blieb ein famoser Mensch. Was man auch gegen ihn sagen mochte: einen besseren Gesellschafter als ihn gab es nicht, konnte es nicht geben. Und man mußte ihm gut sein, ob man wollte oder nicht. Harro gefiel er, und das andere kümmerte ihn weiter nicht. Warum hätte er ihm also nicht reinen Wein einschenken sollen? Es war doch keine Schande, Eugenia Caraffa zu lieben – wahrhaftig! Und Arno war einer von den gar nicht so häufig anzutreffenden Menschen, die zuzuhören verstanden. Am letzten Ende trug ihm Harro sogar die Brüderschaft an.

»Eigentlich wäre es ja an Ihnen, sie mir anzubieten«, sagte er, seinen Champagnerkelch erhebend, »denn Sie sind der Ältere. Aber Sie könnten glauben, wegen all der alten Geschichten dürften Sie nicht und so weiter. Deshalb komme ich Ihnen zuvor. Wir sind doch nun mal von einem Stamm, und Sie gefallen mir, und wir sitzen hier so gemütlich beisammen, und – na kurz und gut: wollen Sie – willst du, lieber Arno Meyburg?«

»Von Herzen gern.«

Margot konnte eines gewissen Unbehagens nicht Herr werden. Nicht nur, daß die übrigen Gäste, die an den kleinen Tischen in dem eleganten Speisesaal saßen, neugierig herüberblickten und daß sie in Arno von Meyburg immer und immer den sehen mußte, der ihr das reine Bild Erich Holdheims geflissentlich zu zerstören bemüht war: sie fürchtete, man werde nun auch von ihr selber verlangen, daß sie diesen »nahen Verwandten« mit »Du« anreden solle. Und doch hätte sie dies »Du« nicht von den Lippen gebracht; es widerstrebte ihr im Innersten. Richtig: da blinzelte Harro in seiner Champagnerlaune auch schon pfiffig zu ihr hinüber, machte allerlei aufmunternde Gesten und erhob sein Glas. Sie wußte kaum mehr, wohin sie blicken sollte, um ihm auszuweichen.

Da war es Arno, der plötzlich sagte: »Ich denke, wir nehmen den Kaffee draußen im Gang – wenn es Fräulein Margot recht ist. Es wird allmählich schwül hier.«

Margot warf dem Sprecher einen dankbaren Blick zu und erhob sich sofort. Auch Harro, der nur noch murmelte: »Schade!«, stand etwas schwerfällig auf. Sie traten in den langen, halboffenen Gang hinaus, der zur Linken auf einen wohlgepflegten Garten blickte, während zur Rechten allerlei elegante Läden sich mit luxuriös geschmückten Schaufenstern eingenistet hatten. Hier wurde an den runden Marmortischen auf indischen Bastsesseln geraucht und Kaffee getrunken.

Arno war hier ganz wie zu Hause. Er grüßte bald hierhin, bald dorthin, hatte gleich einen Tisch zur Verfügung, obgleich der Andrang groß war, und bot Harro nun eine mit Stanniolpapier umwickelte Zigarre an, die er für »ganz rauchbar« erklärte, und von der Harro sich im stillen berechnete, daß sie unter zwei Franken an dieser Stelle schwerlich zu haben sein werde.

Aber daß man in Monte Carlo, wo an den Spieltischen im Zeitraum von wenigen Stunden oft kleine Vermögen gewonnen und verloren wurden, wo jeder im Gewinn zum Verschwender wurde, im Verlust sich mit der Hoffnung auf baldigen Gewinn tröstete, überhaupt den Begriff vom Werte des Geldes allmählich verlor, hatte er längst erfahren und wunderte sich daher auch hierüber nicht mehr. Wieder ein ausgezeichneter Gedanke von Arno, hier Platz zu nehmen! Die frische Luft und der starke schwarze Kaffee taten ihm gut.

»Bist du eigentlich auch sicher darüber, lieber Harro«, fragte Arno plötzlich, »daß der Fürst Caraffa von dir das Geld nehmen wird, um seine Gläubiger damit zu befriedigen? Es könnte seinem Stolz widerstreben und dein hochherziges Opfer also umsonst sein.«

Harro machte ein betroffenes Gesicht. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht«, murmelte er. »Es ist wahr. Ich muß mit Eugenia reden. Aber ich darf glauben, daß der Fürst kein loyales Mittel verschmähen wird, um seine drückende Gewissensschuld von sich abzuwälzen. Höchstens, daß er sich von da an als mein Schuldner betrachten wird.«

»Weißt du, wie hoch sich die Meyburgsche Erbschaft beläuft?« fragte Arno leichthin.

»Ich habe noch gar nicht danach gefragt. Wir Künstler sind nun einmal keine Zahlenmenschen. Aber sie muß beträchtlich sein.«

»Mein Anwalt schrieb mir, daß sie mit allen Liegenschaften kaum unter einer halben Million Mark zu schätzen sei.«

»Alle Wetter! Das ist respektabel für einen hungernden Fiedler. Du, da könnten wir ja eigentlich den Raub teilen und hätten dann jeder doch noch genug und brauchten überhaupt keine Erbschaftsregulierung, bei der ja doch nur das Gericht und die Advokaten fett werden.«

Arno lachte. »Ich meinesteils müßte mich für solch Geschenk bedanken«, sagte er, »dafür steckt doch noch zuviel Offiziers- und Edelmannsehre in unsereinem – meinetwegen nenn's Bettelstolz! Wenn dir das Gericht die Erbschaft zuspricht, soll sie dir bis zum letzten Groschen gehören.«

Es war im Scherz gesprochen, aber ein ernster Ton zitterte dennoch darin und machte Harro betroffen. Er imponierte ihm. Und er konnte sich zugleich seinerseits eine Lehre daraus ziehen. »Vorläufig«, sagte er lachend, »erregt es noch nicht den Eindruck, als ob du's nötig hättest!« Aber Arno schien nicht geneigt, auf den Scherz einzugehen, sondern blickte ernst vor sich hin. Seine Zigarre war ihm ausgegangen. So hielt es Harro an der Zeit, aufzubrechen. Er erhob sich und gab Margot einen Wink. »Wir gehen, dem Fürsten unsere Aufwartung zu machen«, sagte er, »ich habe uns angemeldet. Margot und Eugenia sollen sich kennenlernen. Du mußt uns jetzt entschuldigen, Arno. Wir sehen uns nachher im Kasino wieder, denk' ich. Also, auf bald! Dein Dejeuner war gut – eigentlich zu gut – hab' Dank! Auf Wiedersehen!«

Arno geleitete die Geschwister bis vor das Hotel hinaus, wo sie sich mit Händedrücken von ihm trennten, um den Weg nach Condamine hinab einzuschlagen. Fürst Caraffa hatte mit seiner Tochter dort in einer billigen Pension Quartier genommen, die in dem Ruf stand, abgebrannten Spielern Kredit zu gewähren, in der Annahme, daß sie über kurz oder lang wieder Glück haben würden, in welchem Falle dann freilich das Doppelte des schuldig gebliebenen üblichen Pensionspreises gezahlt werden mußte; auch reichte der Kredit niemals über einen Monat hinaus, nach dessen Ablauf der säumige Zahler als »hoffnungslos« vor die Tür gesetzt wurde, unter Einbehaltung seines Gepäcks. Bei solcher Hausordnung war der Andrang zu der Pension stets groß, und ein buntes Gemisch abenteuerlicher Existenzen bevölkerte sie. Die meisten der Insassen waren Leute, die heute über ein Vermögen verfügten und morgen nicht wußten, woher sie den Louisdor nehmen sollten, um weiter spielen zu können. Harro hatte zum erstenmal eine peinliche Empfindung, als er mitten unter all diesen zweifelhaften Erscheinungen, die vor dem weißen, sauberen Hause und in der Vorhalle schreibend, rauchend, plaudernd oder eifrig in ihre Berechnungen vertieft sich umhertrieben, nun die aufsuchte, die er als Weib in das eigene Heim zu führen begehrte. Die Blicke, die man Margot zuwarf, taten ihm weh. Er dachte an die, die hier täglich so Spießruten laufen mußte. Wie traurig war es, daß das herrliche Mädchen die Giftatmosphäre solcher Häuser um sich hatte.

Auch Margot mußte von ähnlichen Gedanken heimgesucht werden, denn sie sagte, während sie die Treppe neben ihm hinaufstieg: »Es wird Zeit, daß man sie erlöst.« Der ganze Jammer dieser Mädchenexistenz schien ihr mit einem Schlage klar zu werden. Und Harro nickte.

Sie fanden Vater und Tochter oben in einem mit schäbiger Durchschnittseleganz eingerichteten Gasthofzimmer, dem Eugenia durch ein paar frische Blumensträuße in billigen Glasvasen ein freundliches Aussehen zu geben versucht hatte. Der Fürst, eine typische Erscheinung des alten italienischen Hochadels, mit seiner hohen, vornehmen Gestalt und dem scharfgeschnittenen, schmalen, feinen Kopf, den ein grauer Henriquatre unter einer stark geschwungenen Nase zierte, saß bei ihrem Eintritt am Sofatisch über eine Anzahl von Papieren gebeugt, in denen er mit einem Bleistift, leise die Lippen bewegend, hier und da Zahlen eintrug.

Er war so in Anspruch genommen von dieser Beschäftigung, daß er das Klopfen an der Tür überhört haben mußte und wie geistesabwesend aufblickte, als die Geschwister eintraten. Er schien Harro nicht einmal zu erkennen. Dagegen hatte sich Eugenia, die lesend am Fenster gesessen, sofort erhoben und war ihnen mit ausgestreckten Händen entgegengegangen. Ein liebenswürdiges Lächeln milderte den schwermütigen Ernst ihrer Züge, der durch die dunkle und auffallend schlichte Kleidung noch erhöht wurde. Die ganze Erscheinung machte den Eindruck einer lebendig gewordenen griechischen Statue; Margot mußte denken, daß sie sich so immer die »Antigone« vorgestellt habe.

»Herzlich willkommen!« sagte Eugenia, die das Deutsche mit leichtem österreichischen Akzent und nicht fehlerfrei, aber ungemein weich und reizvoll mit ihrem dunklen Organ sprach. »Wie ich mich freue!« Sie führte Margot an der Hand ihrem Vater zu. »Papa, da ist Harro Dettens Schwester – du weißt ja –«

Der alte Herr am Tische erhob sich und zwinkerte Margot ziemlich verständnislos an. Offenbar weilten seine Gedanken ganz anderswo und er wurde ungern daraus aufgeschreckt. Margot sah erst jetzt die wächserne Farbe seines Gesichts und die glanzlose Starrheit seiner Augen. Sie erschrak bei seinem Anblick. »Wir stören«, sagte sie schüchtern.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, es ist fertig«, erwiderte er in einem harten, aber fließenden Deutsch und schien an ihr vorüber ins Leere zu blicken. »Sie müssen nämlich wissen, mein Fräulein, man hat es nie öfter als neunzehnmal hintereinander erlebt, daß die Roulettekugel auf eine und dieselbe Farbe, respektive Zahl fiel – bei der Farbe kommt es natürlich wieder achtzig Prozent öfter vor als bei der Zahl; die Zwanzig sind noch nie erreicht worden. Man muß also annehmen –«

»Lieber Papa«, unterbrach ihn Eugenia hier mit einem bittenden Blick, »Fräulein Margot versteht leider gar nichts vom Spiel. Setze es Harro Detten auseinander, ja? Er interessiert sich dafür sehr.« Sie schob Margots Arm unter den ihren, um sie fortzuziehen.

Der Fürst nickte befriedigt. »Ja, ja – Detten, ich werde es Detten erklären.« Und er sank aufs Sofa zurück und fing an, Harro, der sich neben ihn gesetzt hatte, mit seiner monotonen Stimme einen Vortrag über seine neue Entdeckung zu halten.

Eugenia hatte Margot inzwischen in ihr Schlafzimmer mit fortgezogen und drückte sie dort auf einen Sessel neben dem Bett nieder, während sie selber auf einem Schemelchen zu ihren Füßen Platz nahm. »Aber was machen Sie?« fragte Margot erschrocken.

»Nicht ›Sie‹ – ›Du‹ sagen, ja, bitte!« Und einer plötzlichen Wallung folgend umschlang das schöne Geschöpf Margots beide Knie und legte ihr den Kopf in den Schoß. »Siehst du, danach hab' ich mich so gesehnt – so oft – so oft – seit langer Zeit – einem andern so den Kopf in den Schoß legen zu dürfen und alles vergessen und von der Welt nichts mehr sehen und nichts mehr hören – nur ein paar Augenblicke lang. Das tut gut – oh, wie das gut tut!«

Sie sprach ganz leise, wie ein Kind vor dem Einschlafen. Margot war erschüttert. Sie begriff, daß diese kühle Selbstbeherrschung manchmal unter der Pein ihrer Existenz schier zusammenbrach und daß es keinen Menschen gab, dem sie sich ausklagen konnte. »Arme Eugenia!« sagte sie und streichelte das schwarze, seidige Haar des schönen Mädchens. Sie wußte nichts weiter zu sagen.

Aber es mußte auch wohl das Rechte sein, denn Eugenia blickte mit einem dankbaren Antlitz zu ihr auf, das unter Tränen lächelte. Und dann sagte sie: »Er ist ganz krank von das alles, verstehst du? Er weiß weiter nichts mehr von der Welt. Und gestern hat einer die Bank gesprengt – begreifst du? Dreihunderttausend Franken! In zwei Stunden! Es ist der Sohn eines Millionärs von Berlin. Und gleich ist er fortgereist nach Rom. Das hat meinen Vater so aufgeregt – gar nicht zu sagen. Die halbe Nacht hat er gesessen und immer gerechnet – immer gerechnet.« Sie legte die Hände vors Gesicht, feine, schlanke, durchsichtig weiße Hände. »Wie das schrecklich ist, Margot! Wenn es nicht bald wird anders, mein armer, alter Vater wird werden irr – ganz irr.«

»Es wird aber anders werden«, fiel Margot ein und nahm Eugenia leise die Hände vom Gesicht. »Es wird!«

Eugenia wiegte leise schwermütig den Kopf »Ach, ich glaube bald an nichts mehr. Das Spiel trügt. Wer darauf seine Hoffnungen baut, baut auf Sand.«

»Aber du weißt doch, daß Harro –«

Eugenia legte ihr rasch ihre Hand auf den Mund. »Still! Still! Daß Papa nur nichts davon hört! Sieh' mal: Harro meint es ja gut, und er denkt auch, dann könnten wir beide Frau und Mann werden –«, ein verschämtes Lächeln ging über ihre Züge, »aber Papa – nein, nein, Papa würde ja das Geld nie annehmen von Harro, dazu ist er viel zu stolz – ein Caraffa! Gewonnen, ja, das ist gut, aber geschenkt – nein, auch nicht von seinem Schwiegersohn – kein Soldo, das ist gewiß.«

»So sag' ihm, du hättest es im Spiel gewonnen«, stieß Margot, einer jähen Eingebung folgend, aus.

»Darf man das?« fragte Eugenia sinnend.

»Ich glaube. – In solchem Fall – eine fromme Lüge –«

Eugenia schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, vielleicht. Aber diese Erbschaft. Harro ist so vertrauensselig. Ich – ich kann bald gar nicht mehr hoffen. Es kommt gewiß auch hier wieder etwas dazwischen. Es war immer so.«

Sie lehnte müde wieder den Kopf gegen Margots Knie und schloß die Augen. Margot strich ihr liebkosend über die Stirn hin. »Es wird alles besser werden«, murmelte sie, sich herabbeugend. »Und glücklich werdet ihr beide werden, sehr glücklich! Glaube nur! Hoffe nur!«

Eine Weile waren sie ganz still. Man vernahm von nebenan die eintönige harte Stimme des Fürsten, der immer noch dem geduldig zuhörenden Harro auseinandersetzte, wodurch gestern der Berliner Millionärssohn die Bank gesprengt hatte, und daß es so hatte kommen müssen. »Es war mein System«, klang es herüber, »mein System. Aber ich kann es noch nicht anwenden, verstehen Sie, Detten? Ich habe noch nicht das nötige Betriebskapital. Man muß fünfzigtausend Franken haben, um nach diesem System pointieren zu können. Und die muß ich mir erst nach einem andern System gewinnen. Das geht langsam. Aber nachher hat man einen sicheren Coup. Jetzt heißt es Geduld haben. Pazienza! Fünf Franken nach fünf Franken. Aber zuletzt sind's fünfzigtausend!«

»Wir wollen hinübergehen«, sagte Eugenia und stand auf.

Es war, als ob sie sich langsam auf sich selber besänne. Ihre Mienen glätteten sich wieder, ihr Gesicht nahm den alten, ernsten, ehernen Ausdruck an. Noch einmal, bevor sie gingen, schlossen die beiden Mädchen sich in die Arme; es war wie ein schweigender Bund auf Tod und Leben.

Der Fürst war schon unruhig geworden, daß Eugenia so lange ausblieb. Es war Zeit, in den Spielsaal zu gehen, und er fühlte sich überhaupt immer wie verloren, wenn seine Tochter nicht um ihn war; ihre Nähe gab ihm allein Sicherheit und Ruhe, und Eugenia wußte das. Der alte Herr legte seine Berechnungen sorgfältig zusammen, steckte einige Blätter davon zu sich und griff dann nach Stock und Hut. »Gehen wir! Gehen wir!« drängte er. Daß er die Besucher damit eigentlich vor die Tür drängte, kam ihm offenbar gar nicht zum Bewußtsein. Eugenia sah Margot, wie für ihren Vater um Verzeihung bittend, an, aber diese schüttelte lächelnd zur Beruhigung den Kopf. So gingen sie.

»Was Sie für eine herrliche Schwester haben, Harro!« sagte Eugenia auf der Treppe, als der Fürst mit Margot vorangegangen war.

»Sie sind rasch zu dieser Erkenntnis gekommen«, erwiderte er mit zufriedenem Lachen. »Aber ich dachte mir's wohl. Margot ist ein liebes Geschöpf.«

»Ich glaube, daß sie noch viel mehr ist«, versetzte Eugenia mit Nachdruck. »Sie hat etwas Heldenhaftes. Ich habe mich sehr an sie gestärkt.«

Harro lächelte. »Als ob Sie das noch nötig hätten, Eugenia! Und die kleine Margot eine Heldin? Da schießen Sie nun doch übers Ziel hinaus. Ich kenn' eine andere, die ist in Wahrheit eine Heldin. Und diese andere lieb' ich – lieb' ich – lieb' ich bis zur Verrücktheit! Kennen Sie diese andere auch, Eugenia?«

Während die beiden ihr verliebtes Geflüster austauschten, schritten Margot und der Fürst nebeneinander die Straße zum Kasino empor. Das Meer lag zu ihrer Rechten wie ein ungeheurer silbergrauer Spiegel, regungslos, von weißen Segeln überschwebt. Das mächtige Kasino ragte mit seiner betürmten Seitenfront vor ihnen auf, und am Fuße der Freitreppe verabschiedeten sich die Geschwister von dem Fürsten und seiner Tochter, da Harro wußte, daß Caraffa von hier an keine andere Begleitung mehr wünschte als die Eugenias.

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