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An der Engelsbucht

Konrad Telmann: An der Engelsbucht - Kapitel 5
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typefiction
authorKonrad Telmann
titleAn der Engelsbucht
publisherFrauenverlag
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V.

Das Frühstück war in freundlicher Stimmung verlaufen, gegen das Ende der Mahlzeit hin aber war Erich Holdheim wieder schweigsam geworden. Sein Lächeln hatte etwas Zerstreutes und Schwermütiges angenommen, und ein herber Ernst lagerte auf seinen Zügen; er schien immer auf etwas anderes draußen, weit in der Ferne, hinauszuhorchen.

Von dem gemeinsamen Spaziergang, den Harro vorgeschlagen, hätte er sich ersichtlich gern frei gemacht, aber er vermochte keinen Vorwand zu finden, und so schlug man nach dem Frühstück die Route forestière ein, die Margot unter allen Promenaden Nizzas am meisten liebte.

Mitten in der Unterhaltung, deren Kosten jetzt fast ausschließlich von dem jungen Musiker bestritten wurden, fiel von seinen Lippen zufällig der Name Arno von Meyburg, und Margot gewahrte deutlich, daß es bei der Nennung dieses Namens sekundenlang in Erichs Augen auffunkelte. Aber er sagte kein Wort. Auch als Harro ihm die Geschichte von der zufälligen Auffindung dieses einzigen Verwandten erzählte, den man für verschollen gehalten, verriet er mit keiner Silbe, daß er den kenne, von dem die Rede war. Nur als sie oben auf der Straße standen, wo der Blick auf Meer und Küste frei wurde, sagte er plötzlich, während Harro abseits nach einem blühenden Erikabusch gestiegen war, rasch und hart: »Ich warne Sie vor diesem Baron von Meyburg, Fräulein von Detten!«

Margot war sehr erstaunt. War ihr erster Instinkt also doch der richtige gewesen? Sie hatte Erich so noch nie sprechen hören, und ein so schroffes Verdammungsurteil über einen Menschen zu fällen sah ihm so wenig ähnlich.

»Darf ich fragen warum, Herr Holdheim?«

»Ich möchte Ihnen die Antwort schuldig bleiben und mich der Hoffnung hingeben, daß Sie auch so auf mein Wort einiges Gewicht legen werden, Fräulein von Detten.« Seine Stimme klang wie vorhin.

»Ich glaube allerdings«, sagte Margot, »daß er schon mancherlei getan hat, was ein häßliches Licht auf seinen Charakter wirft, sonst würde ihn unser alter Freund Weilheim uns nicht so ungünstig geschildert haben, aber ich möchte doch glauben, daß er trotzdem noch –.« Er unterbrach sie, weil er Harro mit dem blühenden Erikabusch in der Hand herankommen sah.

»Ich wiederhole Ihnen, Fräulein von Detten«, eine unterdrückte Leidenschaftlichkeit zitterte in seinen Worten, »seien Sie auf Ihrer Hut vor diesem Manne.« Dann wandte er sich ab.

Für das Landschaftsbild, das sich unter ihnen im Schimmer der sinkenden Sonne ausbreitete, für die blaue Meeresweite, die sich unabsehbar dehnte, schien Erich Holdheim heute keinen Blick zu haben. Man trat den Heimweg an. Harro plauderte vom bevorstehenden Karneval, von den Blumenschlachten, die auf großen, bunten Affichen an allen Straßenecken angekündigt worden waren. »Wir werden Ihren Garten dazu plündern«, versicherte er lachend.

»Betrachten Sie sich als Herr darüber, Herr von Detten«, erwiderte Erich. »Es ist ohnehin schade, daß an all den Blumen in Villa La Paix so wenig Menschen Freude haben! Wenn mir Ihr Fräulein Schwester erlauben will, ihr täglich ein paar Hände voll Blumen hinüberzuschicken, so werde ich ihr sehr dankbar dafür sein.«

Während Margot errötend nickte, sagte Harro: »Sie wissen Ihre liebenswürdigen Aufmerksamkeiten doch immer so einzukleiden, als ob man Ihnen eine Gunst erwiese, Herr Holdheim!«

Als man die stille Seitenstraße betrat, in welcher die Villa Erminia lag, sahen sie einen Herrn vor der Eingangspforte derselben hin und her gehen. »Onkel Arno!« rief Harro mit hellem Lachen. Erich war leicht zusammengezuckt. Er blieb stehen und zog seinen Hut. »Sie erlauben, daß ich mich hier von Ihnen mit meinem allerherzlichsten Dank verabschiede, Herr von Detten – gnädiges Fräulein.«

»Sie nehmen nicht mehr den Tee bei uns?« fragte Harro höflich.

»Ich habe Ihre Güte schon zu lange mißbraucht. – Sie haben gesehen, ein wie schlechter Gesellschafter ich bin, Herr von Detten. Auf Wiedersehen. Guten Abend.«

Er ging mit raschen Schritten davon, scheinbar ohne von Arno Notiz zu nehmen, er streifte ihn nicht einmal mit einem Blick, obgleich er ganz nahe an ihm vorüber mußte. Arno seinerseits sah sehr blaß aus, als er die Geschwister begrüßte, und war kaum damit fertig, als er auch schon mit einer halben Kopfwendung nach dem Davonschreitenden zwischen den Zähnen hervorstieß: »Sie sind da durch Zufall in eine sehr üble Nachbarschaft geraten, lieber Detten.«

»Oh, bitte«, warf Harro ein, während sie die Villa betraten, »nichts gegen Herrn Holdheim – nichts von diesen dunklen Gerüchten! Das ist ja alles schon genug breitgetreten. Und dann müssen Sie wissen, daß Margot auf Tod und Leben für den Herrn Partei nimmt. Wenn Sie's nicht für immer bei ihr verderben wollen, behalten Sie Ihr Urteil nur lieber ganz für sich!«

Es war in scherzendem Ton gesprochen und klang wie eine Neckerei für Margot. Arno biß sich auf die Lippen. »Es ist das ein Zeichen eines großen Herzens«, sagte er nach einer kleinen Pause mit erzwungener Ruhe, »einen allgemein Verurteilten in Schutz zu nehmen. Selbst wo solche Großherzigkeit übel angebracht ist, erscheint sie mir bewundernswert.« Er machte eine leichte Verneigung gegen Margot, um dann in verändertem Tone fortzufahren: »Sie begreifen, daß es mich drängte, Sie aufzusuchen, lieber Detten, nachdem Sie Monte Carlo ganz untreu geworden zu sein scheinen.«

Harro lachte. »Margot, müssen Sie wissen, ist eine rigorose Krankenpflegerin und will die Luft in den Spielsälen durchaus nicht als heilkräftig für mich ansehen. Übrigens, morgen gehen wir wieder, nicht, Margot?«

Arno von Meyburg war anscheinend in sehr ernste Gedanken versunken. Er blickte vor sich nieder und nickte ein paarmal mit dem Kopfe. »Ja, ja«, sagte er halblaut, »man sollte sich losreißen – man sollte!« Er sah zu Margot hinüber, die noch kaum ein Wort gesprochen hatte. »Sie haben es leicht. Wer so einsam in der Welt dasteht – wessen Leben so zwecklos geworden ist – man greift eben instinktiv nach etwas, was uns dann über die ungeheure Leere forttäuscht, gleichviel, was es ist – und wenn es selbst das Spiel wäre!«

»Sie sind ja heute verzweifelt elegisch gestimmt«, warf Harro überrascht ein, »das paßt gar nicht zu Ihnen.«

»Meinen Sie?« Arno lächelte trübe. »Wer gibt sich denn immer so, wie er ist? Kann man das überhaupt in der Welt? Und nun gleich im Anfange einer Bekanntschaft – ehe man noch Fühlung gewonnen hat! Die Menschen wollen ja auch im Grunde nur unsere Oberfläche sehen und freuen sich, wenn sie möglichst heiter und glänzend ist. Wir werden ja gezwungen, eine Maske zu tragen. Wie selten, daß wir Menschen in unser Innerstes blicken lassen – wie selten, daß Menschen danach Verlangen tragen!«

Seine Stimme hatte zuletzt leise gezittert. Margot hatte betroffen aufgeblickt. Was war das? Das klang ja wie ein echter, warmer Herzenston. War das Pose – geschickte Verstellung – Schauspielerei? Wollte er etwas damit erreichen, daß er so ihr Mitleid erweckte, sich als einen Verkannten hinstellte? Aber das alles machte ganz den Eindruck der Wahrheit. Sie hatte sich also doch wohl über ihn getäuscht, ihr erster Eindruck von ihm war doch nicht der richtige gewesen. Nur, daß Erich Holdheim sie vor diesem Mann hatte warnen können, er, der nicht leicht über einen Menschen den Stab brach, machte sie bedenklich. Welche Gründe mochten ihn dazu getrieben haben? Diese beiden Männer schienen Todfeinde zu sein? Wie seltsam und wie traurig zugleich!

Harro hatte sichtlich keine Lust, auf das von Arno eingeschlagene Thema weiter einzugehen. Er ging darüber hinweg, und als Margot, die draußen den Tee besorgt hatte, wieder ins Zimmer zurückkam, war eine Unterhaltung über Paris im Gange. Dennoch konnte sie sich nicht darüber täuschen, daß Arno von Meyburgs Ton düster und verstimmt blieb. Auch fand sie, daß sein Gesicht merkwürdig fahl war. Er kam ihr älter vor als früher, etwas Verfallenes und Verwüstetes lag in seinen Zügen. Und manchmal, wenn seine Augen wieder an ihr hingen, war ein so irres Brennen darin, daß sie davor erschrak. Mitleid und Bangen stritten dann in ihr. Was wollte er nur von ihr? Er sprach von Paris, von Nizza, von Monte Carlo, immer in dem gleichen müden Ton eines blasierten Weltmanns, der all diese Genüsse ausgekostet hat und ihrer satt ist, sie immer nur als Betäubungsmittel hingenommen hat, weil er das Hohe und Echte, wonach er rastlos gesucht, niemals entdeckte oder es ihm gleich immer wieder verlorenging, wenn er einmal die Hand danach ausgestreckt. Etwas wie Sehnsucht zitterte in seinen Worten, und dann strich er sich mit der Hand über die Stirn hin, als ob er etwas verscheuchen wolle, was dahinter wach wurde.

Margot mußte sich sagen, daß die Züge seines feingeschnittenen Kopfes eigentlich schön waren: je mehr sie ihn ansah, desto mehr glaubte sie eine Ähnlichkeit zwischen ihnen und denen ihrer Mutter zu erkennen, die ja äußerlich und innerlich eine echte Meyburg gewesen sein sollte. Und doch mahnte eine Stimme in ihr mit Erich Holdheims Worten, sie solle vor diesem Manne auf ihrer Hut sein, und ihr selber war nicht wohl bei der wunderlichen Anziehungskraft, die er ausübte... Seine Teetasse in der Hand, die Augen zu ihr hinübergerichtet, sagte er jetzt: »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie heimisch mir's hier bei Ihnen zumute wird. Sie müssen bedenken, daß ich so etwas wie Familienleben ja eigentlich nie kannte. Als alternder Junggeselle spürt man erst ganz, um was man dabei verkürzt worden ist. Meine Mutter hab' ich nie gekannt. Mein Vater war ein verbitterter Mann, der an nichts Freude hatte. Er war mit den großen Meyburgschen Ansprüchen aufgewachsen, während die großen Meyburgschen Reichtümer dann doch an den älteren Bruder gefallen waren, und geriet bald genug mit seiner bescheidenen Abfindung in die Klemme. Geld verdienen hatte er nicht gelernt, und das lehrte er auch mich nicht. Wir waren ja Meyburgs. Nun, es war nichts als ein glänzendes Elend, unser Leben. Und was noch schlimmer war, ein Leben auf den Schein hinaus, eins, das zu fortwährender Lüge und Heuchelei zwang. Und natürlich konnte ich nur Offizier werden. Ein Meyburg! Und ein Meyburg in der Uniform kann nicht auftreten wie ein Herr Schulze oder Schmidt – noblesse oblige! Nun, das Weitere begreift sich, nicht wahr? Es kam, wie es kommen mußte. Ich bin weit entfernt davon, mich besser machen zu wollen, als ich bin –, aber ich möchte, daß Sie beide, die Sie doch sicher viel Schlechtes von mir gehört haben, auch begriffen, weshalb das so gekommen ist und daß die Schuld jedenfalls nicht bei mir allein liegt.«

»Ich habe mir das ungefähr so gedacht«, warf Harro ein, während Margot stumm blieb, obgleich sie sich sagte, daß es jetzt eigentlich ihre Pflicht sei, auch ihrerseits ein mildes Wort zu sprechen – hatten seine ehrlichen Darlegungen doch, ohne zu beschönigen, dies milde Wort verdient!

Aber sie konnte es nicht über die Lippen bringen, und Harro war es, der statt ihrer fortfuhr:

»Wissen Sie, was Sie tun sollten, lieber Meyburg? – Heiraten! Unbedingt heiraten! – Ein Junggeselle, der so von den Freuden des Familienlebens spricht, ist ehereif, da ist es höchste Zeit, Anstalten zu machen.«

Arno lächelte trübe. »Ich fürchte: dazu ist's zu spät.«

»Aha! Sie fürchten! Also möchten Sie doch. Und warum sollte es denn wohl zu spät sein? Hier an der Riviera haben Sie doch wahrlich die Auswahl unter einem internationalen Damenflor, wie sie so leicht einem nicht zum zweiten Male geboten wird.«

»Wer aber mein Leben in all seinen trüben Seiten kennt – und ich würde keine Dame, für die ich mich interessierte, in Unklarheit darüber lassen –, würde sich wohl schwerlich entschließen, mir anzugehören.«

»Hoho!« machte Harro. »Da halt' ich die Frauen denn doch für großherziger. Im Gegenteil habe ich immer gefunden, daß ihnen die Männer, die schon etwas durchgemacht haben, interessanter sind als die untadeligen Tugendhelden. Nicht wahr, Margot? Du sprichst ja kein Wort – du hättest doch eigentlich die Pflicht, dein Geschlecht hier einmal zu verteidigen!«

»Das Schweigen Fräulein Margots ist ja beredt genug«, fiel Arno bitter ein. »Sie gibt mir recht und möchte mich doch nicht dadurch kränken, daß sie es ausspricht.« Margot war wie mit Blut übergossen. Es war ihr längst eine dunkle Empfindung gekommen, daß alles, was er sagte, ihr galt und daß er einen bestimmten Zweck damit verfolgte – einen, vor dem ihr bangte, wenn sie ihn sich auch nicht klar machen konnte. Nur deshalb hatte sie geschwiegen. Aber nun mußte sie ja wohl sprechen. »Sie irren sich«, sagte sie, seinen Augen ausweichend, »ich habe das keineswegs andeuten wollen. Ich denke vielmehr, daß auch Sie eine Frau finden werden, die zu Ihnen paßt und die an Sie glaubt.«

Sie erschrak, als es heraus war; denn er war vom Stuhl aufgesprungen und auf sie zugekommen. Nun ergriff er, ehe sie es hindern konnte, ihre Hand und führte sie an seine Lippen. »Ich danke Ihnen«, flüsterte er, »ich nehme das als ein glückliches Omen.« Dann ging er auf seinen Platz zurück.

Jean, der mit Briefen und Zeitungen eintrat, unterbrach die Unterhaltung hier. Harro griff nach den Briefen, sah nach der Handschrift und sagte dann: »Es könnte etwas Eiliges sein. Sie erlauben wohl, daß ich für ein paar Minuten nebenan mich davon überzeuge, lieber Meyburg. Sie bleiben doch zu Tische bei uns?«

»Diesen Mißbrauch mit Ihrer Liebenswürdigkeit werde ich heute nicht treiben, bester Detten«, erwiderte Arno, »schon aus Klugheit nicht, denn Sie würden mich das nächstemal voraussichtlich nicht wieder so gütig empfangen. Aber ich bleibe noch, bis Sie zurückkehren, schon um zu hören, daß Sie keine unangenehmen Nachrichten erhalten haben.«

»Aber machen Sie doch keine Umstände! Bleiben Sie!«

»Ein andermal.«

»Nun, wie Sie wollen.« Harro ging.

»Wenn er jetzt nur nicht wieder auf das Thema von vorhin zurückkommt!« dachte Margot, deren Herz plötzlich unruhig zu klopfen begann.

Aber Arno sprach eine Zeitlang, als sie beide allein geblieben waren, gar nichts, sondern wanderte mit gesenktem Kopf durchs Zimmer, um endlich an der in den Vorgarten führenden Glastür stehenzubleiben und, die Stirn gegen die Scheiben gedrückt, hinauszustarren. Plötzlich wandte er sich um und sagte:

»Ich fühle, daß ich mich bei Ihnen unbeliebt mache, wenn ich es ausspreche, aber ich kann nicht anders, Fräulein Margot. Sie dürfen mit jenem Mann dort drüben nicht mehr verkehren – verstehen Sie mich wohl? Sie dürfen nicht. Wenn ich es wage, eine solche Sprache gegen Sie zu führen, so werden Sie begreifen, daß mich zwingende Gründe dazu treiben. Dieser Mann ist ein Verbrecher!«

Seine Stimme klang hart und fest, seine Augen glühten.

»Herr von Meyburg!« rief Margot erschreckt.

»Jawohl, ein Verbrecher«, wiederholte Arno, »ein schwerer Verbrecher. Es klebt Blut an seinen Händen.« Er stand vor ihr, und sie sah, wie sein ganzer Körper bebte.

»Wie er ihn hassen muß!« dachte sie. Aber sie zwang sich zur Ruhe. »Ein Argwohn«, sagte sie, »eine Verleumdung. Oder es gab Gründe – eine Zwangslage, wo er nicht anders konnte – auch solche furchtbaren Dinge sind ja möglich. Oder es waltete ein grauenhaftes Mißverständnis vor, und er hatte es nicht gewollt – was weiß ich? Ehe ich nicht alles weiß, glaube ich nicht an ein Verbrechen bei ihm.«

»Auch mir nicht?« Seine Züge verzerrten sich so, daß sie nicht mehr begriff, wie sie noch vorhin erst sie hatte schön finden können. Dann, ohne ihre Antwort abzuwarten, mühte er sich, sie wieder zu glätten, und stieß mit einem halben Lächeln hervor: »Wie Sie ihn verteidigen! Nur, daß er es leider nicht verdient. Es ist so gar nichts Romantisches an der Sache. Ein nackter, gemeiner Totschlag. Dieser Mann da drüben hat einen anderen niedergeschossen – nicht im Duell, nicht aus Notwehr, nicht aus irgend welchen edlen, aber ungesetzlichen Motiven – nein, es tut mir leid, auch diesen Nimbus von ihm abreißen zu müssen –, sondern im Jähzorn, aus Wut und Empörung, weil jener andere sich herausgenommen, auf einen dunklen Punkt in der Vergangenheit seiner Eltern hinzuweisen. Ich weiß nicht, ob es Ihnen als ausreichende Veranlassung für ein so furchtbares Verbrechen erscheint; aber wie ich Sie beurteile, erlaube ich mir, daran zu zweifeln. – Und selbst wenn all das Schlechte zuträfe, das man dem unglücklichen Opfer später geflissentlich nachgesagt hat, die ruchlose Tat dieses Holdheim bliebe darum doch immer dieselbe. Auch der schlechteste Mensch ist nicht vogelfrei. – Oder denken Sie anders darüber, Fräulein von Detten?«

Seine Stimme hatte sich erhoben, sie klang scharf und schneidend. Margot, von der seine bohrenden Blicke nicht abließen, mühte sich, ihr rasendes Herzklopfen zu bändigen. Ein furchtbarer Schmerz war in ihr. Sie hätte aufschreien mögen, um sich Luft zu machen. Es sollte also wirklich wahr sein – wahr – wahr? Denn das alles klang nicht wie eine böswillige Erfindung und ein leeres Gerede, das war mehr – viel mehr. Und wie klug Arno ihr jede Lücke zu verstopfen wußte, durch die sich ein milderndes Licht hätte einschleichen können! Sie sollte ihn verdammen müssen – den Totschläger. Nein, nein, nein, sie konnte es nicht, sie wollte es nicht – trotz allem nicht. Und wenn die ganze Welt ihn verdammte, sie glaubte an ihn.

Bis zu dem Augenblick würde sie an ihn glauben, wo er selber ihr sagte: »Ich bin ein Mörder, ich habe getan, wessen man mich zeiht!« Kein Zeugnis, kein Schwur, nichts, nichts sonst konnte, würde sie je an ihm irremachen. Und wenn er schuldig wäre; er hätte seine Hand, an der Menschenblut klebte, nicht in die ihre gelegt, er hätte nicht so schwermütig zu ihr gesprochen. Nein und tausendmal nein, diese Augen logen nicht!

In dem Aufruhr, der sie durchtobte, hatte sie Arno noch immer keine Antwort gegeben. Auf seine letzte Frage bedurfte es auch freilich keiner solchen. Das alles, wenn es sich so verhielt, ließ ja keinen Milderungsgrund zu. Aber wie könnt' es denn wahr sein?

»Sie überlegen noch?« fragte Arno.

»Ich überlege nur, wie es denn zu erklären sei, daß bei einem so klaren Verbrechen der Täter von der irdischen Gerechtigkeit nicht sollte ereilt worden sein.«

Ihre Stimme klang beinahe triumphierend. Nun hatte sie ihm bewiesen, daß er sich verfangen hatte! Aber Arno lächelte geringschätzig.

»Ich will Ihnen auch das erklären, Fräulein Margot! Als man jenen Mann dort drüben als Mörder verhaftete, fand sich ein alter Diener des Hauses, der vor Gericht beschwor, er habe seinen Herrn zur Zeit, da der Schuß gefallen, anderswo als am Tatort gesehen, und er sei erst danach an die Unglücksstelle geeilt.«

»Nun, also – also!« fiel Margot aufatmend ein.

»Hm«, Arno kniff die Augen ein. »Es versteht sich, daß auf dieses beeidete Zeugnis eines unbescholtenen Mannes hin das Gericht den Verhafteten wieder freilassen mußte und daß eine Anklage wegen mangelnder Beweise nunmehr nicht erhoben werden konnte. Nur ein einziger peinlicher Umstand trat dann ein. Als nämlich das Gericht über die näheren Umstände, unter welchen die Tat geschehen, und über die Gründe weitere Erhebungen anstellte, wobei man zu dem Ergebnis kam, daß eigentlich nur Herr Erich Holdheim ein Interesse an der Beseitigung des Erschossenen gehabt haben konnte, und als man daraufhin jenen Zeugen noch einmal verhören wollte, ergab sich's, daß dieser Zeuge plötzlich verschwunden war – daß er unmittelbar nach jener ersten Zeugnisabgabe nach Amerika ausgewandert war. Was denken Sie darüber, Fräulein Margot?«

»Das ist in der Tat seltsam«, gab Margot beklommen zu.

»Nicht wahr? Noch seltsamer aber wird es dadurch, daß es sich um einen alten, langjährigen Diener des Holdheimschen Hauses handelte, einen, der auf dem Holdheimschen Gute geboren und nie von dort fortgekommen war. Den hatte nun plötzlich auf seine alten Tage das unwiderstehliche Verlangen angewandelt, Amerika zu sehen, und zwar sofort, nachdem er jenes seinen Herrn entlastende Zeugnis abgegeben. Es war ein wunderliches Zusammentreffen, um so wunderlicher, als kein Mensch – auch Herr Erich Holdheim nicht – eine Ahnung davon hatte, wohin jener alte Diener sich eigentlich begeben hatte. – Amerika ist groß, wissen Sie. Der alte Mann blieb vielmehr trotz aller Nachforschungen verschollen – bis auf den heutigen Tag.«

Arno von Meyburg machte wiederum einen Gang durch das Zimmer, als ob er Margot Zeit lassen wollte, sich zu sammeln. Ihre Stimme klang aber jetzt zu seiner Verwunderung ganz ruhig, als sie fragte: »Was geschah dann von Gerichts wegen?«

Arno zuckte die Achseln. »Was sollte geschehen? Niemand konnte nach dem Vorgefallenen zweifeln, daß jener Flüchtige damals einen Meineid geschworen – aus übergroßer Anhänglichkeit, oder vielleicht auch, weil er dafür bezahlt worden war. Die Holdheims sind reich und sie können sich's schon etwas kosten lassen, wenn solche Dinge auf dem Spiele stehen. Ein Beweis dafür aber ließ sich nicht erbringen und das Gericht hielt sich an jenes Zeugnis. Wie aber die Stimme des Volkes, die nach unserem alten Wahrwort ›Gottes Stimme‹ ist, über die Tat und den Täter urteilte, das mögen Sie am besten daraus ersehen, daß Herr Holdheim das alte Familiengut in fremde Hände übergehen ließ und ins Ausland übersiedelte, um dort in stiller Zurückgezogenheit zu leben. Wie es heißt, hat das hiesige Konsulat sogar die Weisung, ihn im geheimen zu überwachen. Der Mörder ist trotz aller Nachforschungen des Gerichts bis zu dieser Stunde noch nicht entdeckt worden.«

Wieder trat eine Pause ein. Arno warf sich in seinen Stuhl Margot gegenüber und sah sie an. Sie erschien ihm auffallend ruhig. Denn glauben mußte sie ihm nun doch wohl und treffen mußte sie das alles nun doch wohl – treffen bis ins Innerste. Wie schön sie wieder aussah in ihrer erzwungenen Starrheit! Ein griechisches Götterbildnis, aber durchpulst von warmem Leben, das nur des erweckenden Kusses bedurfte, um berauschend hervorzuströmen.

»Woher wissen Sie das alles, was Sie mir erzählt haben, Baron Meyburg?« klang es plötzlich zu ihm hinüber.

In Arnos Augen flammte es auf. »Weil jener Ermordete mein Freund war, Fräulein Margot«, sagte er mit zitternder Stimme. »Begreifen Sie nun?« Er strich sich ein paarmal mit der feinen, beringten Hand über die Stirn hin. »Ich weiß«, fuhr er dann fort, »daß ich ein gewagtes Spiel gespielt habe, Fräulein Margot. Wer selbst in üblem Leumund steht wie ich, der sollte am allerwenigsten einen anderen verdächtigen – zumal nicht einer Dame gegenüber, die für denselben Sympathien hegt und die überhaupt von allen Menschen immer gern das Beste glauben möchte. Er erweist sich dadurch einen schlechten Dienst und kommt in den Verdacht des Neides. Und dennoch habe ich – auf die Gefahr hin, daß Sie mich nun erst recht verdammen und daß Sie mich hassen, Fräulein Margot –, dennoch habe ich Ihnen Klarheit schaffen wollen, um Ihrer selbst willen. Sie mußten wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Und nun mögen Sie sich selber entscheiden, wie Sie handeln wollen. Als Verleumder werden Sie mich jedenfalls nicht brandmarken können wie die anderen, denn ich habe Ihnen nur Tatsachen gegeben, deren Richtigkeit Ihnen die amtlichen Protokolle bescheinigen können. Und damit bin ich zu Ende.«

»Ich danke Ihnen.«

Es klang kühl und ruhig. Er wurde aus diesem Mädchen nicht klug. Da ging die Tür des Nebenzimmers auf und Harro trat wieder ein. Er sah etwas blaß aus und seine verstörten Blicke flogen zu Margot hinüber. Sie begriff sofort, daß er nebenan alles – oder doch das meiste, das Ausschlaggebende – gehört hatte und daß er entsetzt darüber war. Trotzdem stellte er sich Arno gegenüber ahnungslos und sagte: »Verzeihen Sie, daß ich so lange fortblieb. Es waren keine erfreulichen Nachrichten. Der Trauschein meiner Eltern ist nirgends aufzufinden, kein Mensch weiß überhaupt anzugeben, wo die Trauung stattgefunden hat. In England heißt es. England ist groß. Man weiß nicht, wo man nachforschen soll. Unser Anwalt, der Justizrat Weilheim, ist außer sich. Das Gericht drängt um Vorlegung des Dokuments, das allein unsere Erbberechtigung erweist, und er sieht, trotzdem er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hat, keine Möglichkeit, es rechtzeitig zu beschaffen. An dieser Lappalie kann unsere ganze Erbschaft scheitern, Margot! Was sagst du dazu? An dem Stück Papier, das wohlverwahrt in irgend einem englischen Kirchenregister ruht!« Er wandte sich mit halbem Lächeln gegen Arno. »Verzeihen Sie, daß ich vor Ihnen meinen Gefühlen so unumwunden Luft mache, lieber Meyburg. Eigentlich ist's ja komisch, da es zu Ihrem Besten wäre, wenn dies Blatt Papier für immer verschwunden wäre oder sich doch nicht auffinden ließe. Des einen Leid, des andern Freud'! Darum keine Feindschaft!«

»Gewiß nicht«, fiel Arno ein. »Ich denke: darüber haben wir uns ja schon verständigt. Die Erledigung dieser Dinge geht vollständig unabhängig von unserer persönlichen Einwirkung und unbeschadet unseres persönlichen Verhältnisses vor sich. Übrigens ist es meines Erachtens doch vollkommen ausgeschlossen, daß eine wirklich stattgefundene Trauung« – der Sprecher machte nach diesen unmerklich betonten Worten eine ganz kleine Pause – »sich nicht sollte früher oder später irgendwie nachweisen lassen. Ich glaube also, über diesen Punkt haben Sie sich nicht zu beunruhigen. – Aber ich verlasse Sie jetzt, lieber Detten, mein Zug wartet nicht auf mich und ich habe für heute Abend eine Verabredung in Monte Carlo. Sieht man Sie vielleicht morgen dort? Die nächsten Tage haben wir Taubenschießen – freilich nichts für Damen wie Fräulein Margot. Nun, Sie brauchen sich nicht zu binden. Wenn Sie innerhalb des Fürstentums auftauchen, find' ich Sie schon. Fräulein Margot weiß, daß ich etwas vom Detektiv in mir habe. Guten Abend also und besten Dank für die freundliche Aufnahme! Auf Wiedersehen!«

Arno drückte zuerst Margot und dann Harro die Hand, dann ging er, von Harro bis zur Gittertür geleitet, davon. Als Harro zurückkam, war Margot nicht mehr im Zimmer. Er glaubte sie in der Küche und ging wieder in seine eigene Stube zurück, die er mit unruhigen Schritten durchmaß. Allerlei sorgenvolle Gedanken waren in ihm geweckt worden.

Margot aber war in ihre Schlafkammer geflüchtet. Sie mußte allein sein – nur ein paar Augenblicke allein, und ihren Schmerz ausweinen können, ohne daß einer sie belauschte. Dann wollte sie wieder die »kühle, sanfte Margot« sein, als die Harro und alle Welt sie kannte. Dann sollte niemand mehr sehen können, wie es in ihrem Innern aussah – wie zerrissen, wie verzweifelt. Sie wollte tapfer sein, Harro eine heitere Genossin, eine aufmerksame Pflegerin sein. Nur jetzt – jetzt ein einziges Mal weinen – sich ausweinen dürfen!

Sie war neben ihrem Bett in die Knie gesunken; sie wühlte ihren Kopf in die Kissen ein und schluchzte. Widerstandslos gab sie sich ihrer Verzweiflung hin – minutenlang! Ein Mörder! Dieser Mann ein Mörder! Hatte sie denn das alles wirklich gehört? War es wirklich mit dieser unerbittlichen Schärfe und Klarheit bewiesen worden? Sie griff sich an die Stirn, sie preßte die beiden Hände gegen die hämmernden Schläfen. Dieser Mann ein Verbrecher? Wer konnte denn wissen, wie er es geworden war? Ob nicht doch alles Lug und Trug war und man ihm nur geschickt ein Netz von Zufälligkeiten über den Kopf geworfen hatte, in das er sich verstrickt? Nein und immer wieder nein, es war nicht – es konnte nicht sein! Sie wollte an ihn glauben, sie mußte – denn sie liebte diesen Mann. Wozu es sich länger noch verhehlen in der Stille ihres Gemaches, wo keiner sie belauschte, keiner ihren Schmerz, ihre Scham, ihr Jauchzen und ihre Verzweiflung belauschte, die in dem selig-unseligen Bekenntnis lagen, daß sie ihn liebte? Fort mit der Selbsttäuschung, mit der Heuchelei! Sie liebte ihn. Ihr Herz schrie es, sie liebte ihn. Sie hatte ihn damals schon geliebt – nur noch nicht verstanden, was er ihr geworden war, der Starke, der Mutige, zu dem sie in schüchterner Bewunderung aufgeblickt. Aber jetzt, wo alle sich von ihm wandten, alle ihn verdammen und verstoßen wollten, fühlte, wußte sie, was sie an ihn kettete. Und jetzt war es an ihr, zu ihm zu halten, an ihn zu glauben in Not und Gefahr. Und wenn sie die Beweise seiner Blutschuld berghoch um sie her anhäuften, sie schrie dennoch über sie alle hinweg ihm zu: Ich glaube an dich! Bis zu der Stunde, wo er selber ihr sagen würde, Auge in Auge, man verurteile ihn mit Recht. Und in dieser Stunde selbst würde sie sich nicht von ihm abkehren, sondern allein zu ihm sprechen: Sühne deine Schuld, ich will sie mit dir sühnen!

Langsam richtete Margot sich wieder auf, unwillig trocknete sie sich die Tränen von den Wimpern. Nein, nein, nicht klagen, nicht weinen – sondern stark sein, seiner würdig sein. Er trug es ja auch – das soviel Schwerere, und keiner half ihm dabei, und er wußte nicht einmal, daß hier ein Herz für ihn schlug und an ihn glaubte. Wenn sie es ihm hätte beweisen können!

Sie strich sich das wirre Haar wieder glatt, sie kühlte sich das brennende Gesicht mit Wasser. »Ruhig sein! Tapfer sein!« rief sie sich selber zu. Sie riß das Fenster auf, um die kühle Abendluft einzuatmen, die über die Bäume des Gartens hinstrich und die Düfte seiner Blumen zu ihr herübertrug. Da schlugen auch wieder die Klänge seines Flügels an ihr Ohr. Die alte Melodie von Kapri! Konnte er darüber nicht hinaus? Mischte sie sich in alles ein, was er den Tasten entlocken wollte, gleichsam wie das Leitmotiv seines Lebens und Seins?

»Ich liebe dich und weiß, es darf nicht sein.« – Verstand sie es jetzt, warum es nicht sein durfte? Lag darin das Bekenntnis seiner Schuld? Aber gleichviel, gleichviel – wenn er sie nur liebte! Was kümmerte sie dann alles andere? »Ich liebe dich!« Das war's, was aus seinen Tönen zu ihr klang, und daneben versank alles andere – die ganze Welt –: »Ich liebe dich!«

Als Margot in Harros Zimmer trat, um ihn zum Essen zu rufen, fand sie ihn im lichtlosen Raum am Fenster sitzen, offenbar in Sinnen verloren. Nun aber stand er auf und trat rasch auf sie zu. Ahnte er, was in ihr vorging? Es war ein weicher, mitleidiger Zug in seinem Gesicht. Er nahm ihren Kopf plötzlich zwischen seine beiden Hände, sah sie eine kleine Weile an und sagte dann weiter nichts als: »Armer Kerl!« So gingen sie hinüber.

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