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An der Engelsbucht

Konrad Telmann: An der Engelsbucht - Kapitel 4
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typefiction
authorKonrad Telmann
titleAn der Engelsbucht
publisherFrauenverlag
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IV.

Harro hatte schon zwei Vormittage hintereinander in der Villa La Paix an Erich Holdheims Flügel gesessen und komponiert. Er war entzückt von der Klangfülle des herrlichen Instruments. »Man wiegt sich ordentlich auf diesen Tönen«, sagte er, »das quillt alles ganz wie von selbst.« Er berauschte sich an dem Wohllaut, den er selber hervorzauberte, und seine gute Stimmung wirkte wohltätig auf seinen Gemütszustand ein. Doktor Leutholt hatte sich bei seinem gestrigen Besuche zufriedener geäußert als früher.

Harro empfand es deshalb als ein Bedürfnis, sich Erich Holdheim irgendwie erkenntlich zu zeigen. Bisher hatte er nicht einmal Gelegenheit gehabt, ihm ein Dankwort zu sagen, denn Erich zeigte sich niemals, wenn Harro die Villa betrat, wo man ihn, ganz wie Erich es versprochen, empfing und in das Musikzimmer des Oberstocks führte, um ihn dort allein zu lassen, so lange es ihm beliebte. Es schien sogar, daß Erich dem Besucher geflissentlich aus dem Wege ging, um ihm jede Notwendigkeit einer Dankesäußerung zu ersparen, denn auf Harros Frage nach ihm hatte der alte, deutsche Diener immer erwidert: »Herr Holdheim ist nicht im Hause.«

Am dritten Tage beschloß Harro, Erich endlich einmal aufzusuchen. Er nahm an, daß er ihn bestimmt im Garten finden werde. Er verließ also diesmal die Villa nicht nach der Straßenseite, sondern trat in den Garten hinaus, trotzdem der Diener, der keinen Widerspruch wagte, sichtlich ein betroffenes Gesicht dazu machte. Harro durchwanderte den duftgeschwängerten Garten, von dessen Zauber er entzückt war, nach allen Richtungen hin.

Es war wirklich, als ob man sich hier in dem weltentrückten Hain Armidas befände. Selbst der Seewind, der draußen den weißen Straßenstaub in Wolken an den Mauern entlang jagte, war hier nicht zu spüren. Alles schien in der heißen Mittagssonne zu träumen. Harro vergaß in diesem köstlichen Dahinschlendern, noch von den glücklich gefundenen Melodien umsummt, beinahe den Zweck seiner Wanderung.

Dann sah er plötzlich Erich drüben stehen, ohne daß jener, der ihm den Rücken zuwandte, ihn gesehen hätte. Es mußte die Hecke sein, die Erichs Besitztum von dem Garten der Villa Erminia trennte, neben welcher er stand. Was er dort eigentlich trieb, begriff Harro nicht recht. Er regte sich gar nicht, sondern schien nur unablässig mit gespanntester Aufmerksamkeit nach etwas hinüber zu spähen, ganz in das versunken, was ihn beschäftigte. Leise wollte Harro näher herangehen, um ihn mit einem Scherzwort anzurufen, als er plötzlich aus einer Laube zur Rechten, auf die er weiter nicht geachtet hatte, durchdringende weibliche Schreie vernahm. Es klang, als ob man dort in höchster Seelenangst um Hilfe rief.

Er hatte sich jäh erschrocken nach der Richtung gewandt, aus der jene Schreie gekommen waren, und er sah nun im Laubeneingang drüben eine hochaufgereckte fremdartige Frauenerscheinung in weißen Gewändern, mit irr funkelnden Augen in einem gelben, eingefallenen und faltigen Gesicht, das aber immer noch schön in der Ebenmäßigkeit seiner feingeschnittenen Züge erschien. Die grauen, in weichen Wellen herabflutenden Haare erhöhten das Phantastische des Bildes. Die Arme hatte die Frau wie zur Abwehr oder zum Schlag erhoben, ihre Lippen bebten vor Wut. Es sah aus, als ob sie sich im nächsten Augenblick auf irgend etwas stürzen wollte. Harro war betroffen zurückgefahren. Das sah ja gerade aus, als ob ihm diese Wut galt, in die sich gleichzeitig offenbar Angst und Entsetzen bei dieser Frau mischten, vor deren Augen ihm graute. Er hatte aber keine Zeit, darüber nachzudenken, denn schon war Erich neben ihm aufgetaucht, hatte ihm zugeraunt: »Bitte, gehen Sie unter die Steineichen zurück!« und war dann auf die Frau zugegangen, die er liebevoll mit den Armen umschlang und mit sanfter Gewalt in das Innere der Laube zurückzog. Er hatte totenbleich ausgesehen, und Harro, der seiner Weisung sofort gefolgt war, hörte ihn von seinem Sitz im Eichengange aus eine Weile noch halb befehlend, halb begütigend sprechen, ohne von den Worten etwas zu verstehen, in die immer noch die erstickten Angst- und Zornrufe der Frau hineinklangen.

Erst allmählich wurde sie ruhig, und nach einiger Zeit tönten rasche Schritte im Kies und Erich Holdheim kam auf Harro zu. Er war noch auffallend blaß und seine Augen blickten verstört. »Ich muß Sie tausendmal um Verzeihung bitten, Herr von Detten – eine so peinliche Störung – aber Sie müssen Nachsicht haben –.« Er bot ihm schweratmend die Hand, seine Blicke forschten angstvoll in Harros Gesicht.

»Es ist ganz allein an mir, um Verzeihung zu bitten, Herr Holdheim«, entgegnete Harro, dem der Schreck noch in allen Gliedern nachzitterte. »Ich hatte keinerlei Befugnisse, den Garten zu betreten, ich kam eigentlich nur, um Sie zu suchen und Ihnen endlich einmal für Ihre liebenswürdige Gastfreundschaft oben in Ihrem Musikzimmer zu danken. – Sie haben mir bisher jede Gelegenheit geschickt entzogen, diesem Dank Ausdruck zu geben.«

Erich trocknete sich die Stirn. »Oh, ich bitte. Von Dank kann da gar nicht die Rede sein. Ich freue mich schon, wenn Sie den Flügel benutzen können. Ich beklage es nur aufrichtig, daß Sie – meine Mutter – Sie müssen wissen, daß meine Mutter geistig nicht klar ist –«, er sah Harro ängstlich und bittend zugleich an. »Ich sage Ihnen das, weil ich auf Ihre Diskretion rechnen kann, Herr von Detten; niemand weiß sonst etwas davon. Ich darf sie bei mir haben, weil sie eine ungefährliche Irre ist. Da haben Sie die Lösung dieses peinvollen Ereignisses.«

Es war ihm sichtlich sehr schwer geworden, zu sprechen. Wie angstvoll mochte dieser Mann in langen Jahren das traurige Geheimnis gehütet haben, das er einem Fremden hatte preisgeben müssen! Bewegt drückte Harro ihm die Hand. Das also war Erichs Mutter. Da lag aller Wahrscheinlichkeit nach auch zugleich die Erklärung für das Dunkle und Geheimnisvolle, was über diesem Mann und über seinem verzauberten Besitztum hier ruhte.

»Es bedarf keiner Worte, daß Sie auf mein Schweigen zählen dürfen, Herr Holdheim«, sagte Harro, der jetzt seine Fassung vollständig zurückgewonnen hatte und nur warme Teilnahme für diesen so schwer heimgesuchten und sein Unglück mit soviel Festigkeit tragenden Mann empfand.

»Ich kann nur nochmals bedauern, daß ich unabsichtlich durch mein unbefugtes Erscheinen hier die Kranke erschreckt und aufgeregt habe. Hoffentlich hat es keine ernstlichen Folgen für sie.«

»Das ist nicht zu befürchten, nein. Sie haben keinerlei Ursache, sich Vorwürfe zu machen. Ich würde es sehr beklagen, wenn Sie sich durch den Vorfall abhalten ließen, den Garten wieder zu betreten, der Ihnen jederzeit offensteht. Haben Sie ihn schon ganz besichtigt? Darf ich Sie führen?«

Er war sichtlich bemüht, in dem Besucher den häßlichen Eindruck von vorhin wieder zu verwischen. Da Harro diese Rücksicht durchschaute, kam er ihm bereitwillig entgegen. Er sprach sein Entzücken über die geschmackvollen Parkanlagen und die gärtnerische Kunst, über die erstaunliche Blütenfülle aus, während er neben Erich Holdheim die Kieswege durchschlenderte. Als sie dann in die Nähe der Grenzhecke gelangten, sagte er, einen scherzenden Ton anschlagend: »Vor Ihnen muß man auf der Hut sein und darf drüben nichts Unrechtes tun, Sie könnten's beobachten.«

»Wie meinen Sie das?« fragte Erich, der leicht errötet war.

»Nun, wenn man hier auf dem erhöhten Terrain steht, sieht man unzweifelhaft alles, was drüben bei uns im Garten vorgeht. Und mir kam's vorhin beinahe so vor, als ständen Sie auf dem Lauscherposten.« Er drohte harmlos mit dem Finger.

Erich hatte kurz aufgelacht, aber es klang nicht so ganz frei. Er sah auch Harro nicht an, als er mit unsicherer Stimme erwiderte: »Es ist eine Lücke in der Hecke. Ich dachte vorhin, als ich hier stand, daran, ob es nicht besser wäre –«

Harro, der jetzt ganz nahe an die Hecke herangetreten war, ließ ihn den Satz nicht beenden, sondern rief hinüberschauend: »Da sitzt ja Margot!« Und gleich darauf rief er lauter: »Margot, Margot!«

Margot, die drüben auf einer Bank saß und las, blickte erstaunt auf und kam dann, ihr Buch zuklappend, heran. Als sie die beiden Männer nebeneinander hinter der Hecke stehen sah, flog ein freundliches Lächeln über ihr Gesicht. Sie grüßte und winkte mit der Hand, während Erich, jetzt blutrot im Gesicht, den Hut zog. »Das ist eine hübsche Überraschung«, sagte sie und bot Erich über die Hecke fort ihre Hand.

Harro meinte lachend: »Das ist ein gefährlicher Ausguck hier – ganz raffiniert, und ich wette: absichtlich angelegt! Man sieht und wird nicht gesehen!«

»Aber Herr von Detten«, protestierte Erich nicht ohne Verwirrung.

Auch Margot war plötzlich rot geworden. Sie lenkte geschickt ab und fragte nach Harros Fortschritten im Komponieren.

Erich Holdheim war inzwischen an das Spalier getreten und hatte ein paar Rosenranken abgeschnitten, die er nun Margot hinüberreichte.

Margot dankte mit warmen Worten. Dann sah sie Harro an, der ihr lächelnd zunickte, und sagte, eine Rosenranke vorn an ihrem Kleide befestigend: »Vielleicht würde Herr Holdheim mit uns frühstücken – wenn es dir recht ist – ich glaube, Jean kommt eben, um uns zu rufen.«

»Ein ausgezeichneter Gedanke«, fiel Harro ein, »selbst wenn es etwas knapp hergehen sollte. Herr Holdheim, Sie dürfen es uns nicht abschlagen. Bitte!«

Erich schien eine Weile mit sich zu kämpfen. »Ich weiß wirklich nicht, womit ich soviel Liebenswürdigkeit verdient habe, Herr von Detten. – Ich bin so gar nicht gewohnt – habe noch nie eine Einladung hier in Nizza angenommen –«

»Nun, machen Sie kurzen Prozeß!« lachte Harro und griff nach seinem Arm. »Geben Sie sich gefangen! Hier kommen wir doch auch noch durch – was?« Und er schlüpfte durch den Heckenspalt, um Erich, der kaum noch widerstrebte, hinter sich dreinzuziehen.

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