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An der Engelsbucht

Konrad Telmann: An der Engelsbucht - Kapitel 2
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typefiction
authorKonrad Telmann
titleAn der Engelsbucht
publisherFrauenverlag
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II.

Doktor Leuthold trat mit Margot zugleich durch die Glastür des Salons ins Freie und stieg die Marmorstufen in den Garten hinunter. Von dort blickte er auf die kleine Villa zurück, die im vollen Goldglanz der vormittägigen Wintersonne da lag, und strich sich durch den wohlgepflegten Vollbart. »Sehr gut gewählt«, sagte er mit einer leicht schweizerischen Aussprache, »ich bin zufrieden, Fräulein von Detten. Ich denke, es wird das Rechte sein für den Herrn Bruder. Das Hotel war zu geräuschvoll für sein erschüttertes Nervensystem. Und hier haben Sie ja eigentlich alles hübsch beisammen, was Nizza bietet; dort vorn schimmert ein Stück Meer herüber; da links der Weg, auf dem man in wenigen Minuten mitten in unser Saisongetriebe gelangt; rechts drüben Beaurivage, wo Ihre lustige Hotelgesellschaft wohnt – und dabei doch diese Ruhe hier! Man kann seinen stillen Frieden haben und doch jeden Augenblick unter Menschen kommen. Vortrefflich! Gerade wie für unseren Patienten ausgesucht. Haben Sie in diesen Tagen nicht schon einen wohltätigen Einfluß des neuen Heims auf ihn gespürt, gnädiges Fräulein?«

»Sie wissen, Doktor«, sagte Margot ausweichend, »daß Harro in seiner Stimmung sehr veränderlich ist. Ein verwöhnter Künstler wie er – und soll nun feiern, wo er eben eine so glänzende Ruhmeslaufbahn zu beginnen schien.«

»Ich habe ihm ja erlaubt, mit Maß zu spielen«, fiel der alte Herr gutmütig ein.

Margot lächelte trübe. »Mit Maß! O ja, aber darin liegt eben der Zwang für eine leidenschaftliche Künstlernatur. Die muß sich ausströmen können, ohne daran zu denken, ob es auch erlaubt ist. Und dann braucht so einer Anerkennung, glaub' ich, gerade so nötig wie die Luft zum Atmen. Es kommt da so vielerlei zusammen, um seine Genesung aufzuhalten.« Ein schmerzlicher Zug trat um ihre Mundwinkel. »Sagen Sie mir ganz offen, Doktor: Sie glauben doch wirklich, daß er wieder genesen wird?« Ihre Augen hingen mit angstvoller Erwartung an dem Gesicht des alten Herrn.

»Ganz gewiß glaube ich daran. Dies Nervenleiden ist durchaus heilbar, und das Herz ist bei Herrn von Detten ja nur in zweiter Linie in Mitleidenschaft gezogen, ohne wirklich organisch erkrankt zu sein. Wir haben also die besten Chancen, und die Heilfaktoren hier sind so günstig wie möglich. Nur« – er schlug mit seinem Stock durch die Luft, wie nach einem unbekannten Feind – »diese Nervenleiden! Da läßt uns all unsere Wissenschaft nur zu leicht im Stich, und auf einen Erfolg können wir uns gewöhnlich erst dann Hoffnung machen, wenn wir nicht nur über ihre Symptome, sondern auch über ihre Ursachen völlig im klaren sind.«

»Sie glauben also, Doktor, daß es für Harros Krankheit noch andere Ursachen geben müsse als die Überanstrengung in seinem Beruf? Halten Sie es denn für möglich, daß auch erbliche Anlage im Spiel sei? Mein Vater, der ebenfalls Künstler war, muß nach allem, was wir von ihm wissen, auch wohl ein krankhaft nervöser Mann gewesen sein. Und deshalb –«

»Nein, nein«, meinte der Doktor, »auch das erklärt noch nicht alles. Hinter diesem jähen Wechsel zwischen Niedergeschlagenheit und Hoffnungsseligkeit muß doch wohl noch etwas anderes stecken. Ich glaube, daß es für einen baldigen Erfolg meiner ärztlichen Bemühungen von großem Nutzen sein würde, wenn Sie mir einen Fingerzeig geben könnten, wie ich mit meiner Behandlung einzusetzen habe.«

Schwermütig schüttelte Margot den Kopf.

»Ich selbst tappe völlig im Dunklen. Von der Erbschaft, auf deren Zuerkennung er von Tag zu Tag ungeduldig wartet, hat Ihnen Harro wohl selbst gesprochen. Gewiß trägt die Umständlichkeit des gerichtlichen Verfahrens und die dadurch bedingte Ungewißheit einen Teil der Schuld an seiner krankhaften Erregung. Aber wenn ich daran denke, wie wenig gerade er sonst nach dem Geld fragte, stehe ich auch hier vor einem Rätsel. Wir sind ja ohne Vermögen, und es ist sicher, daß Harro durch den reichen Nachlaß unseres Großvaters viel mehr künstlerische Unabhängigkeit erlangen würde. Ich könnte es begreifen, wenn er von der Erbschaft als von einer angenehmen Aussicht spräche. Daß er aber mit Leib und Seele im Bann dieser fieberhaften Erwartung steht – nein, dafür habe ich keine Erklärung.«

»Nun, ich hoffe, mein liebes Fräulein, daß es Ihnen doch noch gelingt, für alles Unverständliche die rechte Erklärung zu finden. Frauen sind ja so klug, die bringen alles heraus, was sie wollen. Und darauf, daß ich mich nach Kräften bemühen werde, Ihnen den Bruder wieder gesund zu machen, darauf können Sie sich schon verlassen.«

Er wollte sich verabschieden, aber Margot sagte: »Ich begleite Sie bis zur Pforte, Herr Doktor.«

Als sie gingen, warf der alte Herr noch einen zerstreuten Blick auf den Nachbargarten hinüber. »Sieh, sieh!« sagte er dann. »Sie sind ja die unmittelbaren Nachbarn des geheimnisvollen Fremden und seiner verzauberten Dornröschen-Burg hier – das wußte ich gar nicht. Was da drüben schon für eine Fülle von Blumen zur Blüte gekommen sein muß! Heliotrop, Parmaveilchen, Tazetten – und wahrhaftig auch schon Rosen! Ja, ein Blumenfeind ist dieser Menschenfeind jedenfalls nicht. Und ob der wirklich ein schlechtes Gewissen haben kann, der sich so liebevoll mit der Blumenzucht beschäftigt, ist mir psychologisch höchst zweifelhaft.«

»Behauptet man denn das?« fragte Margot.

»Jawohl. Wer sich von den Menschen fernhält, kommt immer in den Verdacht, besondere kompromittierende Gründe dafür zu haben. Und nun gar hier, wo so viel abenteuerliche Existenzen ihr Wesen treiben!«

Er küßte Margot die Hand und eilte mit raschen Schritten die sonnige Straße hinab.

Margot trat ins Haus zurück. Im Gartensalon hörte sie von nebenan her das Geigenspiel ihres Bruders, dazwischen hin und wieder ein leises Anschlagen der Klaviertasten, dann eine tiefe Stille, die nur von einem hastigen Federrascheln unterbrochen wurde, und endlich das Geräusch von verlorenen Schritten über dem Zimmerteppich, worauf die Geige endlich abermals zu tönen anfing. Sie wußte, daß Harro jetzt komponierte. Da durfte er nicht gestört werden, und um ihn her mußte alles so ruhig sein, als ob sich niemand außer ihm im Hause oder in dessen Umgebung befände.

Sie schlich sich auf den Zehen wieder hinaus, um dem Gärtner zu sagen, daß er in der Nähe des Hauses die Kieswege jetzt nicht harken dürfe, wie er das sonst um diese Zeit zu tun pflegte.

Die Geschwister hatten die kleine Villa Erminia von einer französischen Familie übernommen, die für die zweite Hälfte des Winters nach Algier hinübergegangen war und ihnen mit der gesamten Hauseinrichtung auch die gutgeschulten Dienstboten – ein älteres Ehepaar, von dem der Mann als Gärtner und Diener, die Frau als Köchin und Stubenmädchen fungierte – zurückgelassen hatte.

Den Mann fand Margot im hinteren Garten damit beschäftigt, eine Jucca zu versetzen, die schon zu viel Schatten hatte. Sie sah ihm eine Weile bei seiner geschickten Hantierung zu, in der er sich nicht stören ließ. Dann kam ihr plötzlich ein Gedanke, und sie sagte: »Da nebenan in der Villa ›La Paix‹ hat man schon viel Blumen, Jean. Man riecht's bis hierher.«

»Ja«, erwiderte der Mann in seinem schwer verständlichen Nizzarder Patois, das er sich mühte, bald dem Französischen, bald dem Italienischen anzunähern, und sein Spaten warf einige dunkle Erdschollen auf. »Der denkt, der schlimme Geruch, der von dem Hause ausgeht, könnt' dadurch übertäubt werden. Aber das hilft ihm alles nichts.«

»Was ist denn das für ein schlimmer Geruch?« fragte Margot mit leisem Lächeln.

»Blutgeruch«, sagte der Nizzarde und zerschlug einen Erdklumpen, der an den Wurzelfasern hing, während seine Brauen sich finster zusammenzogen.

»Wie denn? Ist der Mann ein Verbrecher?«

»Wissen Sie das noch nicht, Mademoiselle?«

»Woher sollt' ich das wissen?«

»Das weiß doch so ziemlich jeder Mensch hier.« Jean stützte die Arme auf seinen Spatengriff und sah düster nach dem Nachbargarten hinüber »Er hat einen erschlagen«, setzte er dann leiser hinzu.

»Ist das auch sicher?« Margot hatte ein leichtes, ungläubiges Lächeln um die Lippen, konnte sich aber eines leisen Erschauerns nicht ganz erwehren.

Jean zuckte halb verächtlich mit den Schultern.

»Dabei gewesen bin ich freilich nicht, Mademoiselle. Aber wenn es sich nicht so verhielte, hätte der Herr wohl schon längst alle, die ihm so etwas nachreden, vor den Friedensrichter gebracht. Doch er wird sich hüten. Hält er doch die Frau des Erschlagenen gar noch heute als Gefangene bei sich in seiner Burg.«

»Also ein Korsar!« sagte Margot, der diese abenteuerliche Geschichte immer unglaubwürdiger erschien. »Daß da die Polizei nicht einschreitet!«

Der Gärtner warf ihr einen schrägen Blick zu. »Ach, unsere Polizei! Seit wir französisch sind, nun gar! Der kommt alles bloß darauf an, daß ja kein Skandal passiert, damit die Fremden nur nicht etwa wegbleiben! Ja, Mademoiselle, hier bei uns, wo's so schön sonnig und friedlich aussieht, da kommen Dinge vor – Dinge –«, er grub mit einem vielsagenden Kopfschütteln weiter.

»Wie heißt der Besitzer der Villa?« fragte Margot.

»Ich weiß nicht genau. Diese ausländischen Namen sind so schwer zu behalten. Aber ich glaube, daß er sich Holten oder Holtein oder so ähnlich nennt.«

»Doch nicht Holdheim?« forschte Margot. Doch fast in demselben Atem fügte sie mit einem lächelnden Kopfschütteln hinzu: »Aber, wenn es auch so wäre, der Herr, an den ich soeben dachte, ist unser unheimlicher Nachbar sicherlich nicht.«

Die Erinnerung an eine ritterliche Männergestalt war plötzlich in ihrer Seele lebendig geworden und mit ihr zugleich das Bild glücklicher Tage, die sie vor einigen Jahren auf der Märcheninsel Capri hatte verleben dürfen. Ein Kreis liebenswerter Menschen war es gewesen, die sie damals umgaben. Jetzt, da sie ihre Gedanken in die Vergangenheit zurückwandern ließ, stand in ihrer Phantasie auch Erich Holdheims geistvolles Gesicht in voller Deutlichkeit da. Welche Freude es ihr wohl bereitet haben würde, ihn einmal wiederzusehen! Aber daran war kaum zu denken, denn er hauste jetzt ohne Zweifel hoch oben im Norden auf seinem alten holsteinischen Familiensitz, wohin ihn damals zu aller Bedauern ein dringender Brief seiner verwitweten Mutter plötzlich gerufen. Er hatte bei der Abreise versprochen, dem Baronet Hydale, in dessen Familie das Fräulein von Detten zu jener Zeit als Gesellschafterin engagiert war, bald ein Lebenszeichen zu geben; aber Margot hatte nicht erfahren, ob er dies Versprechen gehalten.

Für sie war er seit den unvergeßlichen Capreser Tagen verschollen, und sie konnte seiner nicht gedenken, ohne daß sich jedesmal etwas wie ein Gefühl leisen Schmerzes in ihrer Seele regte.

An der Unterhaltung mit dem Gärtner hatte sie jedenfalls mit einemmal alles Interesse verloren und langsam wanderte sie den Garten weiter hinauf, bis sie in der Grenzhecke plötzlich eine schmale Lücke gewahrte, deren sie bisher noch nicht gewahr geworden war.

So reizvoll und lockend auch immer die blühende Wildnis nebenan vor ihr dagelegen hatte, so zaubervoll hatte sie sich dies kleine Reich, in dem ein Verbrecher hausen sollte, doch nicht vorgestellt. Hier hatte die Kunst in ihrer höchsten gärtnerischen Ausbildung mit einer freigebigen Natur gewetteifert, um etwas Vollkommenes zu schaffen. Margot konnte sich gar nicht satt sehen an diesen geheimnisvollen Steineichengängen, in deren Schatten weiße Marmorbilder ernst auf ihren Sockeln standen; an diesen Rosenlauben, diesen samtartig geschorenen Rasenplätzen, auf denen die Fontänen ihren schmalen Silberstrahl emporsandten, diesen lauschigen Winkeln, diesen Gruppen herrlicher Zedern, Gummibäume und Araukarien. Tiefste Schatteneinsamkeit wechselte überall mit weiten Blumenfeldern, die in der vollen Sonnenglut ihre betäubenden Wohlgerüche ausströmten. Ein Haus sah man nicht; es mußte von den Baumwipfeln völlig verdeckt werden. Auch keinen Menschen gewahrte man; keinerlei Geräusch störte die tiefe Stille.

Margot konnte der Versuchung nicht länger widerstehen, sich behutsam durch den Heckenspalt hindurchzudrängen – nur ein paar Schritte weit, um alles ein bißchen mehr aus der Nähe betrachten zu können. So lange hatte sie es ja im stillen schon gewollt und sich immer nur ihrer kindischen Neugier geschämt und dagegen angekämpft.

An dem Springbrunnen vorüber schlich Margot längs einer Levkojenrabatte hin und passierte den Eingang zur Steineichenallee, durch deren verzweigtes Dach die Sonnenstrahlen sich nur mühsam Bahn brachen. Dann aber blieb sie plötzlich mit einem Ruck mitten im Wege stehen, denn sie hatte zwischen dem überblühten Rankenwerk der Laube drüben etwas Weißes schimmern sehen und erkannte jetzt zu ihrem Schreck die Gestalt einer Dame, die in einem hellen Wollkleid auf einem indischen Baststuhl hingestreckt lag.

Margot gewahrte ein gelbes Antlitz, aus dem zwei schwarze, seltsam leere Augen starrten. Sie wollte rasch auf dem Wege, den sie gekommen, wieder zurückeilen, jetzt aufs tiefste beschämt und über sich selber zornig, als man sie auch schon in der Laube bemerkt haben mußte, denn ein halb erstickter Angstruf scholl mit einem Male von dorther durch die Ruhe des Gartens, und fast im gleichen Augenblick setzte eine mächtige silbergraue Dogge in großen Sprüngen quer über die Blumenbeete und hatte Margot, die nun keinen Fuß mehr zu rühren wagte, zähnefletschend und knurrend gestellt.

Und nun kamen rasche männliche Schritte den Kiesgang zwischen den beiden Reihen Steineichen herauf. Ein scharfer Pfiff ließ die Dogge unruhig knurrend sich erheben. Margot wagte gar nicht, sich nach der Richtung zu wenden, aus der ihr die Hilfe kam. Was sollte sie diesem Manne denn antworten, wenn er sie fragte, was sie veranlaßt habe, sein doch wahrlich sicher genug umhegtes Eigentum zu betreten? Wie ein beim Naschen ertapptes Schulmädchen würde sie vor ihm dastehen – welch eine unwürdige Rolle!

»Bitte, keine Furcht, Madame!« klang es auf französisch vom Allee-Eingang her jetzt mit einer tiefen, kräftigen Männerstimme zu ihr herüber. »Der Hund wird Sie nicht mehr belästigen.«

Margot drehte ihm ihr Gesicht zu. Ein Wort der Entschuldigung mußte sie denn doch zum wenigsten herausstottern, ehe sie sich zur Flucht wandte, gerade weil er so taktvoll und ritterlich seinerseits Schweigen bewahrte. »Mein Herr, ich weiß wirklich nicht, was ich – ah!« unterbrach sie sich plötzlich und faßte die kraftvolle Männergestalt, die da in bequemer Hauskleidung vor ihr stand, erstaunt und verwirrt näher ins Auge. »Herr Erich Holdheim! Sie sind es also in der Tat!«

Ihr entging nicht, welch ein Zucken über sein sonnenbraunes Gesicht lief. »Fräulein von Detten«, sagte er in sichtlicher Bewegung, nicht minder überrascht als sie selbst.

»Sie kennen mich also noch?«

»Oh!« meinte er mit einem Lächeln, das ihr traurig und vorwurfsvoll zugleich erschien. »Vor einigen Jahren in Capri – Sie sind wieder mit jener Familie – mit Baronet Hydales hier in Nizza?«

»Nein, mit meinem Bruder. Und nicht mehr als Governeß. Wir wohnen hier nebenan in der Villa Erminia – seit acht Tagen ungefähr, nachdem wir bis dahin – aber wie kommen Sie hierher?« Sie starrte ihn in jäh erwachendem Begreifen mit großen, erschrockenen Augen an.

»Ich wohne hier, gnädiges Fräulein.«

»Sie? Sie sind der – Eigentümer dieser Villa ›La Paix‹?«

Wieder zuckte es in seinem verdüsterten Gesicht. Dann bejahte er kurz. »Ich habe mich hier angekauft. Die Heimat war mir verleidet. Auch der Gesundheitszustand meiner Mutter erforderte einen ständigen Aufenthalt im Süden. Sie wissen vielleicht, daß meine Mutter eine Südländerin ist.«

Es kam alles stoßweise und mit sichtlicher Überwindung heraus. Margot hatte sich zu fassen gesucht. Erich Holdheim, der tatenfrohe Mann, mit dem sie so sonnige Erinnerungen verknüpften, identisch mit dem weltscheuen Einsiedler, von dem hier die grausigsten Gerüchte umliefen! War das möglich? Und wenn diese Gerüchte auch logen – und natürlich logen sie, mußten sie ja lügen –, wie traurig verändert war er doch! So verändert, daß es ihr Herz in heißem Erbarmen zuschnürte. Die Heimat sei ihm verleidet worden, sagte er – ihm, der zäh darin wurzelte! Da mußte denn freilich wohl ein trauriges Geheimnis vorwalten, wenn auch wirklich seine kränkelnde Mutter den eigentlichen Anlaß zu einer Übersiedlung in den Süden gegeben haben mochte – diese Mutter, die am Ende gar identisch war mit Jeans »geraubter Frau eines anderen«, die der »Mörder« bei sich in dem unzugänglichen Schlosse »gefangen hielt« und die vorher durch den unbefugten Eindringling offenbar so tödlich erschreckt worden war.

Margot fiel es heiß auf die Seele, daß sie noch kein Wort über dies Eindringen hier zu dem Manne da gesprochen hatte. Während die Farbe auf ihrem Gesicht rasch kam und ging, brachte sie jetzt stotternd hervor: »Ich habe über diesem unvermuteten Wiederfinden noch gar nicht um Verzeihung gebeten, daß ich unberechtigterweise hier eingetreten bin. Wenn Ihrer Frau Mutter meine Keckheit nur nicht geschadet hat, Herr Holdheim! Das wäre eine schwere Verantwortung, die ich da auf mich geladen hätte! Vielleicht überzeugen Sie sich selber, oder ich darf –«

Sie machte eine Bewegung gegen die Rosenlaube zu, aber er fiel ihr hastig erschrocken ins Wort: »Ach nein, bitte, lassen Sie – lassen Sie lieber mich allein, mein' ich – meine Mutter – sie ist etwas menschenscheu, meine Mutter. Sie müssen schon verzeihen. Übrigens ist ihre – Kammerjungfer bei ihr, und ich glaube sicherlich nicht – wenn Sie mir jedoch einen Augenblick erlauben wollen –«

Es kam alles ängstlich und unsicher heraus, während er nun mit großen Schritten auf die Laube zuging, wo Margot ihn mit so liebevoll besorgter und zugleich tröstender Stimme in einer fremden Sprache reden hörte, daß es ihr ans Herz griff. Dieser Mann dort war kein Verbrecher; wenn sie es nicht vorher schon gewußt hätte, jetzt würde sie die Hand dafür ins Feuer gelegt haben. Nur ein Unglücklicher mußte er wohl sein und ihres höchsten Mitleids wert. Erich Holdheim war zurückgekommen, die Dogge hinter sich. »Sie dürfen völlig beruhigt sein«, sagte er. »Meine Mutter hat den kleinen Schreck ohne alle nachteiligen Folgen überstanden. Wenn Sie selbst nur von sich das gleiche sagen können! Sie sehen noch gar nicht danach aus. Darf ich Sie nicht bitten, für einen Augenblick hier Platz zu nehmen?«

Er deutete auf eine kissenbelegte Marmorbank, die da unter den ersten Steineichen des langen Ganges neben einer Statue der Flora stand. Margot nahm das Anerbieten dankbar an. »Das ist ein herrliches Besitztum, das Sie da Ihr eigen nennen«, sagte sie dann, als sie beide nebeneinander Platz genommen hatten. »Ich bin ganz berauscht davon. Das ist ja auch die einzige Entschuldigung für mein Hiersein. Die Versuchung war zu groß. Sie müssen hier viel Freude an all dem Blühen und Grünen haben, das gar nicht enden will.«

»O ja«, sagte er mit seinem schwermütigen Lächeln, »es ist schön, und es ist ja auch das einzige, was ich habe. Das Besitztum befand sich in völlig verwahrlostem Zustande, als ich es vor ein paar Jahren erwarb; ich konnte es daher weit unter seinem Wert haben. Tüchtige Leute und die Gunst des Klimas haben mir geholfen, es in seinen jetzigen Stand zu versetzen.«

»Und Sie leben nun immer hier?«

»Ja.« Er blickte zu Boden, als verfolge er aufmerksam das Spiel, das die Sonnenlichter auf dem Wegkies trieben. Eine Weile schwiegen die beiden Menschen, und ringsum herrschte wiederum die tiefe Stille von vorher, die Margot so bezaubert hatte.

Jetzt empfand sie sie plötzlich als etwas Lähmendes. »Es muß Ihnen schwer geworden sein, die Heimat aufzugeben«, sagte sie. Aber sie bereute die Worte schon wieder, kaum daß sie ihr entfahren waren. Es entging ihr nicht, daß er erblaßt war und ein Schatten über seine hellen Augen fiel. Es war unzart von ihr gewesen, an diese Wunde zu rühren. Aber dies Unausgesprochene, was zwischen ihnen beiden lag, beklemmte sie. Wenn er doch nur geredet, sein Innerstes vor ihr ausgeschüttet, geklagt und angeklagt hätte! Nur nicht dies dumpfe, resignierte Schweigen. Aber wer war sie, wer war sie besonders ihm, daß er ihr gegenüber sich hätte gehen lassen sollen – und gleich in dieser ersten Stunde eines merkwürdigen Zusammentreffens, von dem sie ja gesehen und gefühlt hatte, wie es ihn erschütterte und was es alles in ihm emporwühlte!

Sie war aufgestanden. Und auch er erhob sich langsam. »Darf ich Ihnen noch den übrigen Garten zeigen?«

Aber Margot lehnte ab. »Ich muß nach Hause«, sagte sie. »Leider. Aber wenn Sie mir nächstens einmal erlauben – wir sind ja Nachbarn, ich hoffe: wir werden gute Nachbarschaft halten.« Und als er sich nur mit seinem trüben Lächeln stumm verneigte, setzte sie hinzu: »Mein Bruder wird natürlich mitkommen, und wir werden ganz nach Sitte und Brauch durch die Hauptpforte eintreten, nicht, wie ich heute, auf verbotenen Schleichpfaden. Ich wünsche sehr, daß Sie meinen Bruder kennenlernen, Herr Holdheim.«

Diesmal verneigte Erich Holdheim sich nicht zum Zeichen der Zustimmung, sondern blieb plötzlich stehen und sagte mit ruhigem Ernst: »Wenn Ihr Herr Bruder diesen Wunsch hegt, gnädiges Fräulein – ja. Aber ich bitte Sie dringend, vorher doch lieber erst Erkundigungen über mich hier einzuziehen.«

Sie war blaß geworden. »Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, daß ich auch hier verfemt bin, gerade so, wie ich es zu Hause war. Und daß ich lieber auf jeden Verkehr Verzicht leiste, als einen erzwungenen – einen aus Mitleid – anzunehmen. So sehr es mich daher freuen würde, Ihren Herrn Bruder kennenzulernen, ich glaube kaum, daß er selber diesen Wunsch noch hegen wird, wenn er erfahren hat –«

»Auch nicht, wenn ich ihm für Sie bürge?« fragte sie mit dem tapferen Versuch eines Lächelns, als er nach seinen zum erstenmal mit heißer Leidenschaftlichkeit herausgestoßenen Worten wiederum stockte. Und sie sah ihm dabei fest ins Auge.

»Sie?« fragte er halb gerührt, halb gutmütig verweisend. »Wie könnten Sie das, mein Fräulein? Weil Sie mich damals in Capri unter lauter anständigen Menschen als Ihresgleichen haben verkehren sehen? Inzwischen – heute ruht ein Makel auf mir, der mich aus der Gesellschaft da draußen ausschließt und gegen den auch Sie nichts vermögen. Aber ich danke Ihnen für Ihren guten Willen, Fräulein von Detten. Wenn an nichts anderem, hieran würde ich Sie gleich wiedererkannt haben. Bitte« – sie hatte ihm ins Wort fallen wollen, aber er fuhr mit einer flehenden Bewegung fort – »versprechen Sie nichts! Wenn wir uns wiedersehen sollten, würde ich das als eine Gunst des Schicksals betrachten. Aber nichts versprechen – sich zu nichts verpflichten, bitte!«

Der Blick aus seinen traurigen Augen tat ihr weh. Sie wußte nichts mehr zu erwidern. Nur als er sie zur Ausgangspforte geleiten wollte, bat sie: »Für diesmal müssen Sie mir schon erlauben, durch meine Diebestür in der Hecke wieder zu verschwinden. Ich möchte nicht, daß man mich von draußen zurückkommen sähe. Mein Bruder würde mit Recht schelten. Sehen Sie dort die Zaunlücke? Die hat Nero wahrscheinlich einmal gerissen, als er einer nachbarlichen Katze nachsetzte. Durch die bin ich hereingeschlüpft. Und nun: Auf Wiedersehen!«

Der leicht scherzende Ton, den sie angeschlagen hatte, kam ihr nicht recht von Herzen, aber das »Auf Wiedersehen!« sprach sie mit überzeugter Wärme und streckte ihm ihre Hand hin.

Er drückte sie. »Auf Wiedersehen!« sagte er leise.

Noch lange, nachdem sie durch die Hecke verschwunden war, stand er wie angewurzelt auf dem gleichen Fleck und blickte ihr nach.

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