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An der Engelsbucht

Konrad Telmann: An der Engelsbucht - Kapitel 18
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authorKonrad Telmann
titleAn der Engelsbucht
publisherFrauenverlag
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XVIII.

Die Baumgänge des Schloßberges waren mit lichtem Frühlingsgrün geschmückt und von hundert Vogelstimmen durchjubelt, als Erich Holdheim sie langsamen Schrittes durchwandelte, um von dort aus dem nahen Friedhofe zuzustreben.

Es war ganz still hier oben um die frühe Nachmittagsstunde. Die Sonne lag über den weißen Marmormonumenten und durchschillerte die Baumwipfel, die ihre Zweige bis zu ihnen herabhängen ließen, mit bunten Lichtern.

Drunten dehnte sich die Stadt mit ihren roten Dächern. Von der Zerstörung, die sie heimgesucht; gewahrte man hier oben nichts, man konnte glauben, daß sie glückliche Menschen berge wie sonst.

In bläulichem Dunst reckten sich die Bergketten auf, man spürte bis hier herauf den Blütenduft aus den Villengärten, vornehmlich aber die süßen Wohlgerüche aus den Orangenpflanzungen, welche die weiche Luft durchschwammen. Und in leuchtendem Azur, von Silberfünkchen schillernd übertanzt, in langen, weißkämmigen Wogen majestätisch gegen das herrlich geschwungene Ufer heranrollend, flutete das Meer.

Erich Holdheim stand, die Augen mit der Hand überschattend, eine geraume Weile an die Friedhofsmauer gelehnt und schaute auf das schimmernde Bild hinaus, das allen Glanz und alle Freudigkeit der Schöpfung im Lichte des jungen Frühlings spiegelte.

»Hier wird man rasch vergessen und verwinden«, dachte er.

»Diese Sonne duldet kein langes Trauern und Klagen. Sie streut ihr Gold über die Trümmer, und Blütenfülle verdeckt die Gräber. Aus Schutt und Ruinen werden neue Wohnstätten arbeitsfroher Menschen erstehen, denen ein leichtes Blut durch die Adern rollt, für die es keine Vergangenheit und Zukunft gibt, sondern nur ein Heut', das sie nützen wollen, einen sonnenfrohen Tag, der ihnen gehört, und über den hinaus sie nicht denken. Und wenn der Herbst kommt, wird die alte Sonnensehnsucht der Menschheit neue Scharen aus den Nebeln des Nordens über die schneebedeckten Alpen an diesen Strand locken. Und Nizza wird ganz wie sonst die Winterstadt der Lust und des behaglichen Müßiggangs, des Rausches und des eleganten Lasters sein. Vom Erdbeben wird man sprechen wie von einer pikanten Reminiszenz, bei der einen ein leises Frösteln ankommt. So ist das Leben, und wie gut, daß es so ist!«

Ein wehmütiges Empfinden durchschauerte ihn. Ihm selber würde es nicht so gut werden, wie dieser Stadt und diesen Menschen dort unten. Die Wunde, die ihm hier geschlagen worden, würde er mit sich hinausnehmen in ein neues, in sein einsames Leben.

Mit Abschiedsaugen blickte er auf die sonnenumglänzte Stadt hin, die sich an den Busen der schimmernden Engelsbucht schmiegte und von den ehernen Mauern der Berge schirmen ließ. Dann wandte er sich dem hinten gelegenen Teile des Friedhofes zu, wo die frisch aufgeworfenen Grabhügel sich wölbten oder neue Marmorplatten die Ruhestätten stiller Schläfer bedeckten.

Erst wenige Kreuze und Leichensteine befanden sich hier, die meisten Gräber waren nur mit einer Nummer auf einem Holzpflock bezeichnet. Hier ruhten die Opfer des Erdbebens.

Ihre Namen las man nirgends, aber auf allen Gräbern lagen frische Kränze, die der üppig sprossende Frühling des Südens auch dem Ärmsten heute zuwarf.

An Erich Holdheims Wanderung konnte man erkennen, wie gut er hier oben in dem stillen Bezirk Bescheid wußte.

Er hob den Kopf kaum auf und verfolgte doch ein bestimmtes Ziel.

Nur einmal blieb er kurz vor einer Marmorplatte stehen, auf der ein Kranz aus blauen Syringen lag. Er hatte früher nie einen darauf liegen sehen, und er wußte, wer hier in der engen Grabkammer schlummerte. Als er gelebt, hatte er ihm schweres Leid angetan. Aber der Tod versöhnt, der Tod löscht aus.

»Schlafe wohl!« murmelte Erich leise und schritt weiter.

Kaum ein paar Fuß breit von jenem Grabe geschieden, stieß er auf die gitterumhegte Gruft des Fürsten Caraffa.

Eugenia hatte ihren Vater hier begraben lassen. In Nizza war sein Geschlecht einst angesehen und begütert gewesen; hier auf der freien Höhe, angesichts des Meeres und der Felsen war gut schlafen für ihn, der seines Geschlechtes Letzter gewesen.

Und heute hing an seinem Grabgitter ebensolch ein Kranz wie drüben auf der Marmorplatte, unter der ein friedloses, unstetes Leben endlich für immer Ruhe gefunden hatte.

Erich wurde seltsam davon berührt.

»Der Tod macht alles gleich«, dachte er.

Wer aber mochte gerade die nordischen Syringen zum Gräberschmuck gewählt haben?

Noch lebhafter beschäftigte ihn diese Frage, als er nun zum Grabe seiner Mutter kam und über dem dort aufgerichteten Marmorsockel mit der Inschrift »Juana« gleichfalls einen Syringenkranz fand, der die gestern von ihm aufgehängten Lorbeer- und Oleanderkränze verdeckte.

Eine Zeitlang stand er in tiefes Sinnen verloren.

Nein, er wollte nicht feig und schwach sein; er konnte arbeiten, Gutes tun, anderen helfen und nützen; sein Leben würde nicht zwecklos sein.

»Hilf mir, Mutter!« sagte er leise und lehnte seine heiße Stirn gegen das Gitter.

Dann ging er.

Als er ein paar Schritte abseits auf dem noch freien Friedhofsterrain gemacht hatte, sah er unweit eine weibliche Gestalt auf einer natürlichen Rasenbank sitzen.

Sie hatte das Gesicht ihm abgekehrt und auf die lichtgrünen Laubmassen des Schloßberges hinübergerichtet.

Aber doch glaubte Erich sie zu erkennen, und sein Herz schlug rasch und laut.

Nur ein paar Sekunden hindurch zögerte er, ob er nähertreten oder heimlich sich davonschleichen solle, dann dachte er der Syringenkränze und richtete seine Schritte gerade auf den Platz zu, wo die Einsame saß.

Er trat absichtlich auf dem hier steinigen Boden fester auf, um ihr sein Nahen zu verraten, aber erst als er schon ganz dicht vor ihr stand, blickte sie aus ihrer Versunkenheit auf, und nun überhauchte heiße Glut ihre Wangen.

»Fräulein von Detten«, sagte Erich mit ehrerbietigem Ausdruck, »Sie hier?«

Er stand mit abgezogenem Hute vor ihr, aber er bot ihr seine Hand nicht.

Sie neigte zum Gruße leicht ihr Haupt.

»Es ist das erstemal, daß ich hier bin«, erwiderte sie mit tiefem Atemzuge.

»Und Sie sind allein?«

»Harro und Eugenia erwarten mich drüben auf dem Aussichtsplateau des Schloßberges. Ich wollte allein sein.«

Einen Augenblick schwieg Erich. Dann sagte er: »Ich sehe zu meiner Freude, daß Sie wieder genesen sind. Die Luft von Monte Carlo hat Ihnen gut getan.«

Sie nickte, immer ohne ihn anzusehen.

»Ja, ich bin nun wieder hergestellt. Und nun erst komme ich dazu, meinem Retter zu danken. Von hier aus sollte unser Weg zu Ihnen führen.«

Er machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung.

»Bitte, erlassen Sie uns beiden das, Fräulein von Detten! Was ich für Sie getan habe, hätte jeder in einer Stunde schwerer Gefahr für Sie gewagt. Ich bin glücklich, daß Sie wieder gesund sind. Und diese überraschende zufällige Begegnung hier erlaubt mir zugleich, von Ihnen Abschied zu nehmen.«

In seiner Sprechweise war etwas, das ihm sonst nicht eigen gewesen war.

Das Förmliche in seinem Wesen ihr gegenüber tat ihr weh.

Nach solchen Erlebnissen endlich dies Wiedersehen!

Sie hätte am liebsten in ein krampfhaftes Weinen darüber ausbrechen mögen. Aber sie schämte sich dessen.

»Abschied?« wiederholte sie endlich gedehnt. »Wir gehen doch nicht fort. Harros Gesundheit – und auch ich – wir können uns von jetzt an öfter –«

Er schüttelte den Kopf.

»Aber ich gehe fort, Fräulein von Detten«, sagte er.

»Sie? Sie verlassen Nizza? Die Villa La Paix?«

»Ja. Und für immer. Der letzte Verwundete ist heute aus meinem Spital dort entlassen worden. Meine Mutter, um derentwillen ich seinerzeit hierher kam, ist nicht mehr. Was sollte ich noch hier? Frohe Erinnerungen sind es nicht, die sich für mich an Nizza knüpfen. Ich biete die Besitzung zum Verkauf aus und kehre nach Deutschland zurück, um auf der eigenen Scholle weiterzuarbeiten. Man wird mich ja jetzt wohl die fremde Schuld nicht mehr dort büßen lassen.«

Hart klangen seine Worte in die Sonnenfülle des Frühlingsnachmittags hinaus. Margot atmete ein paarmal tief auf, dann sagte sie leise, zögernd:

»Ihr herrliches Besitztum verkaufen – das Sie aus einer Wildnis geschaffen haben durch Ihrer eigenen Hände Arbeit! Das muß Ihnen schwer werden!«

»Ja«, erwiderte er in seiner schlichten Ruhe, »es wird mir schwer. Und ich hätte den Besitz gern in befreundete Hände übergehen sehen. Es hat aber nicht sein sollen!«

Dann trat wieder Schweigen ein. Erich Holdheim sagte sich, daß er nun gehen könne, daß nun alles zu Ende sei. Aber er ging nicht. Es war ihm, als könne er seine Füße nicht von der Stelle bewegen.

Und in Margot kämpfte und rang etwas. Ihre Brust hob und senkte sich unter immer stürmischeren Atemzügen, die Farbe auf ihren Wangen kam und ging. Und plötzlich schien sie den Widerstand, der in ihr gärte, überwunden zu haben. Eine flackernde Angst trat in ihre Augen, und sie sagte rasch und tonlos:

»Ich begreife, daß Sie mir zürnen, Herr Holdheim. Sie haben ein Recht dazu.«

»Ich?«

Er schüttelte den Kopf, ein traurig entsagender Zug war in seinem Antlitz.

»Warum? Ich wüßte nicht –«

»Doch«, fiel sie ein, und ihre Stimme gewann allmählich an Klarheit und Kraft. »Sie haben ein Recht dazu. Ich bin aus Ihrem Hause fortgegangen, wo Sie der Schwerleidenden, die Sie mit eigener Lebensgefahr gerettet, Obdach und Pflege gewährt hatten – sobald ich nur transportfähig war –, ohne Ihnen ein einziges Wort des Dankes vorher zu sagen, ohne Sie überhaupt gesehen zu haben. Ich drängte fort.«

»Ja, ja«, sagte Erich nickend, »ich verstand das. Sie wollten mir keinen weiteren Dank schuldig werden, es drückte Sie, unter meinem Dache zu weilen.«

Jetzt schlug Margot zum ersten Male ihre Augen groß und voll zu ihm auf. »Sie haben recht: ich schämte mich vor Ihnen, Herr Holdheim.«

Auch er blickte sie an, aber mit einem fassungslosen Ausdruck in seinen Zügen.

»Sie – schämten sich?« wiederholte er ungläubig.

Dann strich er sich über die Stirn und fügte hastig hinzu:

»Dazu haben Sie wohl keinen Anlaß, Fräulein von Detten. Sie haben auf meine Warnung damals nicht gehört und sind dann zu der Erkenntnis gekommen, daß sie nur allzu berechtigt gewesen. Das war traurig und niederdrückend für Sie, aber zum Beschämtsein gab es keinen Grund. Sie glaubten mir nicht – aber warum hätten Sie mir auch glauben sollen? Wer war ich für Sie? Ich verlangte viel zuviel, als ich meinte, Sie sollten mir blindlings vertrauen und sich an mein Wort halten. Das hätte niemand getan. Und Sie hatten Ihren Kinderglauben an die Menschen, den Sie sich um keinen Preis zerstören lassen wollten. Noch mehr: wenn man liebt, kann man kein Mißtrauen fassen, das hieße übermenschliches verlangen. Ich habe Ihnen nicht gezürnt, und Sie haben keinen Anlaß, beschämt zu sein. Das Leben hat mir recht gegeben, aber das Recht des Herzens erkenne ich darum um nichts weniger an. Sie haben gehandelt wie Sie mußten. Sie dürfen gegen jedermann frei und stolz Ihre Stirn erheben, auch gegen mich. Ich hätte nicht anders gehandelt als Sie.«

Margots Augen hatten sich schon wieder zu Boden gesenkt und mehrmals hatte sie schwermütig in seine tröstenden Worte hinein mit dem Kopfe geschüttelt.

»Das ist alles großsinnig gesprochen«, sagte sie jetzt, »ohne Eigensucht und ohne allen kleinlichen Maßstab. Aber in der Hauptsache irren Sie sich ja doch. Sie hätten nicht anders gehandelt, sagen Sie – wenn Sie geliebt hätten. Sie sprechen immer vom Lieben. Ich aber – habe Arno von Meyburg ja nicht geliebt.«

Wie ein Rütteln ging es durch Erich Holdheims Gestalt hin. Dann stieß er aus: »Sie – haben ihn nicht geliebt?«

»Nein«, erwiderte sie, ohne ihn anzusehen.

»Aber weshalb –? Ich begreife dann nicht –«

»Ich wollte den reichen Erben Arno Meyburg heiraten«, sagte sie mit bitterem Hohn. » Deshalb erhörte ich ihn. Nicht um meinetwillen wollt' ich's, aber um Harros willen. Um seine Braut für ihn frei, um ihn selber gesund zu machen. Eugenias Vater brauchte, um sich von Ehrenverpflichtungen zu lösen, größere Geldsummen, die er vergeblich im Spiel zu erwerben versuchte und ohne die seine Tochter ihre Freiheit nicht erlangen konnte.

Da ich sah, daß für Harro alles hiervon abhing, Arno Meyburg mich mit leidenschaftlichen Bitten bestürmte, beschloß ich, mich seinem Glück, seiner Erhaltung zum Opfer zu bringen.

Ich weiß, daß ich im Begriff stand, eine unsittliche Handlung zu begehen, die sich früher oder später schwer hätte rächen müssen. Und eben deshalb ist mir ja nur recht geschehen. Und Ihr Trost trifft für mich nicht zu.«

Sie atmete schwer. Eine Weile war Schweigen zwischen ihnen.

Dann sagte Erich mit verändertem weichen Ton: »Warum Sie sich wohl so martern, Fräulein von Detten. Es waren ja edle, selbstlose Beweggründe, die Sie veranlaßten, einen Irrweg einzuschlagen. Wer wollte Sie um deswillen verdammen? Es war so echt menschlich, was Sie getan haben. Ich bewundere Sie um so aufrichtiger deshalb. Und sich zu schämen haben Sie auch jetzt wahrlich keine Ursache. Sie glaubten heilige Pflichten zu erfüllen, als Sie sich aufopferten, und taten recht. Nicht recht getan hätten Sie nur dann, wenn Ihr Herz gebunden gewesen wäre. Aber Ihr Herz war ja frei.«

In den letzten Worten lag etwas wie eine bange Frage.

Aber Margot, die ihr erglühendes Antlitz nur noch tiefer zur Erde herabgebeugt hatte, gab keine Antwort darauf.

»Ihr Herz ist doch frei, Fräulein von Detten?« fuhr er nach einer Weile mit noch weicherer, einschmeichelnder Stimme fort, in der eine tiefe Bewegung nachzitterte.

»Und wenn es frei ist, wenn keine schmerzende Wunde darin zurückblieb – weshalb flohen Sie mich dann? Sie wußten doch, mußten doch wissen, daß das meine nach Ihnen schrie, Margot! Weshalb flohen Sie dann? Haben Sie einem Verschmachtenden keinerlei Hoffnung zu geben – auch jetzt nicht?«

»Ich wußte es nicht«, murmelte sie demütig, »ich wagte es nicht mehr zu hoffen. Und weil ich mich Ihrer nicht mehr würdig fühlte, Erich – deshalb allein floh ich.«

»Margot!« schrie er auf und reichte ihr seine beiden Hände.

»Margot, Sie – du, meiner nicht mehr würdig? Du?«

Er lächelte.

»Knien will ich vor dir, Geliebte, und dich anflehen, dich zu mir herabzuneigen. Weißt du's denn, wie ich dich liebe – immer geliebt habe, Margot? Damals schon – in Kapri, als mich eine verhängnisvolle Botschaft nach Hause rief, ehe ich dir's gestehen konnte, und dann hier, als ich dich wie durch ein Wunder des Himmels wiederfand und dir's doch nicht bekennen durfte, wie leidenschaftlich alles in mir nach dir verlangte – verfemt und ausgestoßen wie ich war, schuldlos verstrickt in die Schuld einer, die ich wie eine Heilige verehrte und für die mir kein Opfer zu groß war!

Wie meine Seele da jauchzte und klagte zu gleicher Zeit, Margot! Nur dem Flügel durfte ich's in stillen Nachtstunden anvertrauen mit der Weise des alten kapresischen Volksliedes, daß ich dich liebte und dir's doch nicht sagen dürfe.

Und an der Gartenhecke habe ich gestanden Tag für Tag – grad' vor der Lücke, durch die du damals hereingeschlüpft warst, und habe nach dir ausgespäht und dich manches Mal unter den Glyzinien drüben mit deinem Buche sitzen sehen, und mein Herz hämmerte wild vor Sehnsucht. Und immer schweigen – immer schweigen zu müssen, Margot!

Das war viel härter noch als der Verdacht, der über meinem Haupte ruhte. Und dann mußte ich es mit ansehen, wie dein Herz sich dem andern zuwandte, diesem Manne, vor dem ich dich vergeblich hatte behüten wollen und von dem alles Leid meines Lebens stammte! Margot, ich habe viel um dich gelitten, ich habe mir dich durch viel Leid verdient.

Und der Tag kam, wo ich dich unter den Trümmern deines stürzenden Hauses fort, auf meinen Armen ins Leben zurücktragen durfte. Bewußtlos lagst du an meiner Brust. Ich aber hatte nur den einen Wunsch, mit dir sterben zu dürfen. Denn ich wollte dich nicht für den andern retten, der deiner nicht würdig war.

Nun aber möcht' ich nicht mehr mit dir sterben, Margot, nun möcht' ich mit dir und für dich leben – leben!«

Er breitete seine Arme aus, zog sie sacht mit beiden Händen empor und an seine Brust.

Eine Weile ruhten sie schweigend so in der Sonnenstille, die den Platz umwebte, Herz an Herzen.

Man hörte aus der Tiefe heraus das Brausen des Meeres, und in den Bäumen fächelte der Wind, als wären die Geisterstimmen aller derer darin wach, die hier zum letzten Schlafe ihre Glieder ausgestreckt hatten.

»Und von dem allen hast du gar nichts gewußt, Margot?« fragte Erich plötzlich, »gar nichts davon, daß ich dich liebte?«

»Erich«, flüsterte sie, »ich hörte dich ja das alte Lied spielen – da glaubt' ich's zu wissen. Und mein Herz war ja lange dein und sprach dich von jeder Schuld frei, wo alle Welt dich verdammen wollte. Aber ich dachte, ich müßte mich zum Opfer bringen. Ich habe auch gelitten, Erich. Aber es hat keiner etwas davon erfahren.«

»Wieviel haben wir durch unsere Liebe aneinander gut zu machen, Margot!« sagte er mit tiefer Zärtlichkeit und seine beiden Hände strichen das Haar an ihren Schläfen glatt.

Dann sah er ihr lange in die Augen, ehe er sich herabneigte und sich ihre Lippen suchten und fanden...

Nach Minuten stiller Versunkenheit löste sie sich sanft aus seiner Umschlingung, hing sich an seinen Arm und sagte, mit strahlenden Augen zu ihm aufblickend:

»Daß es solch ein Glücksgefühl überhaupt geben kann im Leben, Erich! Ich hätte es nie gedacht. Und nach all dem Leid! Es ist etwas Wundersames um ein Menschendasein. Als ich vorher hier heraufstieg, um die drei Gräber zu schmücken, war mein Herz noch so voll dunklen Kummers, und nun kann ich die Fülle von Seligkeit kaum fassen, die da auf mich eindringt.«

»Die Syringenkränze hast du heraufgebracht?« fragte Erich, langsam sie gegen die Gruft seiner Mutter geleitend.

Sie nickte.

Schweigend, Arm in Arm geschlungen, schritten sie weiter.

Dann standen sie vor dem Grabe, und Erich sagte bewegt: »Ich weiß, du würdest meinen Bund segnen, Mutter.«

Dann wandte er sich.

»Komm, Geliebte! Nun ins Leben zurück mit dir und in den frohen, hellen Tag!«

Sie wanderten dem Ausgange des Friedhofes zu und zu den lichtgrünen Laubbäumen des Schloßberges hinüber.

Plötzlich sagte Erich: »Jetzt weiß ich, wer fortan in der Villa La Paix wohnen soll: Harro und seine Frau. Von hier aus kann er seine Konzertreisen machen, wenn seine Gesundheit erstarkt und ihn die Lust dazu anwandelt, sonst aber hier in der Stille leben und schaffen.

Der Grund und Boden dort hat ja einst auch den Caraffas gehört – da knüpft sich die Zukunft wieder an die Vergangenheit. Das Meyburgsche Erbe fällt ja nun, da der letzte Meyburg ohne Nachkommen gestorben, ohnehin an Harro. Und selbst wenn das nicht der Fall wäre: ich bin reich genug, um den letzten Wunsch des verstorbenen Fürsten zu erfüllen und Harro wird von mir annehmen, was er von Arno Meyburg angenommen hätte.

Wir beide aber wollen in die nordische Heimat zurückkehren und auf der Scholle meiner Väter, die ich mir zurückerwerben will, arbeiten und wirken. Wird dann einmal die alte Sonnensehnsucht der Nordländer auch in uns wach, so wissen wir ja, wo wir ein freudiges Willkommen am Strand des blauen Mittelmeeres finden werden, nicht wahr? Soll es so werden, Geliebte!«

Er blickte ihr innig in die Augen, und die ihren gaben ihm Antwort:

»Wohin ginge ich nicht mit dir, Erich? Und wo könnte mir das Glück fehlen, wenn du bei mir bist, mein Geliebter?«

Von der Plattform des Schloßberges herab hatten Harro und Eugenia das glückliche Paar schon erspäht und das Geschehene unschwer erraten.

Ihre Tücher winkten den beiden aus der luftigen Höhe herab ihr jubelndes Willkommen.

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