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An der Engelsbucht

Konrad Telmann: An der Engelsbucht - Kapitel 14
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typefiction
authorKonrad Telmann
titleAn der Engelsbucht
publisherFrauenverlag
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XIV.

Eine halbe Stunde später war schon die Gesellschaft aus dem Hotel Beaurivage da, um die Geschwister abzuholen. Margot hatte inzwischen kaum Zeit gehabt, sich an den Tisch zu setzen und ein paar Bissen zu sich zu nehmen – eigentlich nur zum Schein und um bei den Leuten kein Aufsehen zu erregen, denn sie spürte nichts von Hunger und alles Essen widerstand ihr. Wenn nur diese Nacht erst vorüber wäre! dachte sie, wenn nur alles erst vorüber wäre! Und morgen war Aschermittwoch. Dann war diese ganze schale Posse zu Ende und der graue Alltag begann wieder. Sie schüttelte sich. Es war ihr immer, als ob sie etwas von sich abwerfen müsse, etwas Widerliches, etwas, das sie befleckte und schändete. Sie schämte sich vor sich selber und vor den anderen. Lasen sie ihr denn nicht alle die Schmach von der Stirne ab, daß sie die Braut eines solchen Mannes war? Und wenn heute nicht Schlag auf Schlag die Entdeckungen gekommen wären – sie wagte gar nicht daran zu denken. Abwaschen – wenn man das doch alles von sich abwaschen könnte! Und da stürmten die andern schon lachend und schwatzend ins Haus, um sie zum Korso, zum Maskenball abzuholen. Ja, freilich; noch war ja Karneval. Die letzte Faschingsnacht und deshalb die tollste, die ausgelassenste von allen, in die sich noch einmal alle überschäumende Lust dieser Tage zusammendrängte. Lustig sein! Lustig sein! Morgen ist's an der Zeit, sich Asche aufs Haupt zu streuen, zu büßen und zu bereuen – morgen!–Die Herrschaften aus dem Hotel Beaurivage waren sehr aufgeregt. Zum ersten Male, daß der Major von Jorell nicht der Table d'hote präsidiert hatte. Kein Mensch wußte, wo er steckte. Nun mußte man hören, daß auch Harro von Detten nicht zur Stelle war. Diese Fahrlässigkeit! Als ob es etwas Wichtigeres in der Welt hätte geben können, als am letzten Karnevalsabend pünktlich auf dem Posten zu sein. Statt dessen verlangte Margot, daß man ihren Bräutigam erwarten sollte, der bestimmt versprochen hatte, sie rechtzeitig abzuholen. An dessen Begleitung lag den anderen nun am wenigsten; seit Arno Meyburg verlobt war, hatte er für niemand außer Margot mehr Auge und Ohr. Man wurde ungeduldig. Schließlich hatte sich Margot schon halb und halb entschlossen mitzugehen und für Arno eine Botschaft zurückzulassen, als stürmisch die Klingel draußen gezogen wurde und Arno atemlos hereinhastete. Nun konnte man endlich aufbrechen. Arno entschuldigte sich beim Fortgehen vor Margot damit, daß er um jeden Preis erst habe die Geldangelegenheit ordnen wollen, was mitten in dem Karnevalstrubel schwierig und zeitraubend gewesen sei; nun sei aber auch alles in Ordnung; seinetwegen könne Harro noch heute nacht nach Monte Carlo hinüberfahren, um dem Fürsten Caraffa den Pack Banknoten zu überbringen, den der Credit Lyonais ihm, Arno, jetzt auf die Erbschaft hin ausbezahlt habe und den er bei sich trage. Auch für die Reise habe er Geld eingewechselt. Denn man werde doch wohl reisen? Er habe im Bureau der Messageries maritimes den Bescheid erhalten, daß morgen Abend um neun Uhr in Marseille einer der besten Steamer dieser Linie fällig sei, der am Morgen darauf die Weiterreise antreten werde. Der »Eclair« von Nizza nach Marseille ging um drei Uhr zwanzig Minuten. Es stimmte alles vortrefflich, man hätte Zeit zum Packen genug. Beinahe hätte er die Schiffskarten gleich mitgebracht. Was Margot dazu gesagt haben würde?

Er sprach so hastig und aufgeregt, daß Margot außerstande gewesen sein würde, eine Frage oder einen Ausruf dazwischen zu tun, selbst wenn sie gewollt hätte. Aber sie wollte gar nicht. Sie hing an seinem Arm und ließ sich willenlos von ihm führen. Ihr Blick war starr, und ihre Bewegungen waren mechanisch. Durfte sie ihn so ahnungslos lassen? Hätte sie ihm nicht zurufen, ihn mahnen sollen: Bekenne, bekenne alles, und verringere durch dein Geständnis deine Schuld! Den Preis deiner Vergehen wirst du doch nicht mehr erlangen. Statt dessen noch einmal seine Frage: »Werden wir morgen reisen, Margot? Werden wir?« Und er drückte ihren Arm heftiger in dem seinen, seine Augen flackerten in irrem Glühen dicht vor den ihren.

»Morgen – laß mir Zeit bis morgen!« stammelte sie. Und nun hatten sie die Rue St. François und Paul erreicht, in welcher bei den schmetternden Klängen der draußen auf dem kleinen palmenbepflanzten Square postierten Musikkapelle der »weiße Korso« sich auf und nieder bewegte. Die an den Straßeneingängen Wache haltenden Sicherheitsmannschaften ließen keinerlei Masken und Gefährte passieren, die nicht vorschriftsmäßig weiß erschienen. Alles war weiß: die Dominos, die Kopfbedeckungen und das Schuhwerk. Die Wagen waren mit weißen Blumengirlanden geschmückt, die Pferde in weiße Leinentücher gehüllt; aus den Fenstern der Häuser hingen weiße Decken und Draperien nieder, und man ließ kleine Sträußchen von weißen Levkoyen, Nelken und Rosen, dazu einen Regen von Papierschnitzeln und Wattebäuschchen auf die Vorbeiziehenden herabrieseln. Weißes elektrisches Licht überhellte geisterhaft die bleiche Kavalkade, die trotz der hüpfenden Tanzrhythmen des Orchesters etwas Gespenstisches hatte. Seltsamerweise wollte auch dabei eine eigentliche Lustigkeit nicht aufkommen. Man war enttäuscht, man hatte sich von dieser neuen Erfindung des Karnevalkomitees etwas anderes versprochen und fühlte sich von diesem weißen Zuge nun angeschauert wie von etwas Kaltem und Totem.

»Das ist ja gerade wie der Leichenzug des Karnevals«, meinte Adele Lindenthal, die sich trotz des Mangels an jedem Entgegenkommen an Arno von Meyburgs linken Arm gehängt hatte. Auch die übrige Gesellschaft stimmte dafür, weiterzugehen.

Man folgte dem am Meeresufer auftauchenden Fackelzuge, der blutrote Farbenflecke auf die mit breiten Schaumwogen heranrollende See hinauswarf, und ließ sich von dem bunten, lärmenden Maskenschwarm, der ihn umtanzte und umsang, bis zum Place de la Mairie mit fortreißen, wo eben das Feuerwerk begann, als man eintraf. Der Platz war gedrängt voller Menschen. Die Feuerräder prasselten und die Raketen stiegen zischend zum dunkelblauen Nachthimmel empor. Zwei Musikkorps ließen von den Estraden ihre elektrisierenden Weisen erschallen, und die Menge in den bunten Flitterkostümen drunten jauchzte und schrie. Und nun hatten die Feuerrohre sich alle gegen den hoch auf seinem Sessel thronenden »Bonhomme«, den Prinzen Karneval, in seinem chinesischen Kostüm gerichtet, der die Mitte des Platzes einnahm und bisher nur von den Raketen umschwirrt und von den elektrischen Sonnen überstrahlt worden war.

Sie sandten ihm ihre flammende Ladung gerade ins Herz. Ein dünner Rauchstrahl stieg vor ihm auf, seine Gewänder begannen zu schwelen, sein Haar fing Feuer. Wie eine flammende Schlange ringelte sich sein Zopf an ihm hinauf. Dann schlugen die Funken in sich verbreiternden Garben aus seinen Augen heraus, und nun stand die riesige Puppe in lichten Flammen, und eine einzige breite, hohe Feuersäule schlug zum Himmel empor und überleuchtete mit heißem Schein diese Tausende von singenden, johlenden, beifallklatschenden Menschen in ihren bunten Narrengewändern, die trotz der quetschenden Enge einen ausgelassenen Tanz um die lebende Riesenfackel her zu tanzen begannen, welche weit hinaus bis aufs Meer ihren roten Widerglanz zittern ließ – der Kehraus des Nizzaer Karnevals.

Mitten unter der jauchzenden Menge, die ihrer verbrausenden Faschingslaune noch einmal einen bacchantischen Ausdruck gab, stand Margot an Arnos Arm und sah das alles mit an wie einen wirren Spuk. Daß die alle tanzen konnten! Und da drunten gähnte der Vulkan, der sie jeden Augenblick verschlingen konnte. – Alle, wie sie da waren!

Sie strich sich über die Stirn hin. Was das für tolle Visionen waren! Die hier hatten ja alle keinen Grund, ihrer Lust zu entsagen, die genossen die Feststunden des Lebens und klammerten sich daran, bis die Glocken den grauen Aschermittwoch einläuteten. Was kümmerte es die, daß sie hier in Qual und Scham schier zu vergehen meinte und dies jubelnde Getöse ihr in den Ohren und in der Seele nachhallte wie der bittere Hohnschrei, der durch die ganze Schöpfung gellt. Arno hatte schon mehrfach durch zuckende Armbewegungen seine Unruhe kundgegeben. Jetzt sagte er: »Ich denke, wir gehen nun. Harro finden wir nur im Kasino. Hier im Gewühl ist's unmöglich. Auch uns könnt' es wieder so gehen wie heute nachmittag, wo ich meinen Monte Carloer Freunden einen Augenblick nachging und dich dann ganz aus den Augen verlor. Du bist doch wieder ganz wohl, Margot?«

»Ganz wohl, weshalb fragst du?«

»Du siehst blaß aus und bist auch so still.«

Seine Frage hatte besorgt geklungen, und seine Augen ruhten mit angstvoller Zärtlichkeit auf ihr. Margot antwortete nicht. »Er liebt mich wirklich!« dachte sie, »trotz allem!« Und dann, während er sie sacht aus dem Gewühle zog und eine stille Seitenstraße mit ihr aufsuchte, kam es ihr plötzlich wie ein Verrat vor, den sie eben jetzt an ihm und an seiner Liebe zu ihr begehen wollte, daß sie ihn ahnungslos auf diesen Maskenball im Kasino gehen ließ, wie in einen Hinterhalt, den man ihm gelegt. War das ehrlich gehandelt und ihrer würdig? Weshalb verschmähte sie nicht alle diese krummen Wege und alle Heimlichkeiten, die doch ihrer innersten Natur zuwider waren, und trat vor ihn hin, um ihn Auge in Auge zu fragen, was er begangen, um dieser Lucile Birkner, die so stürmisch ihre Ansprüche an ihn geltend machte, Gewalt über sich einzuräumen?

Weil sie fürchten mußte, daß er sie dann aufs neue belügen, daß er dann doch wieder Komödie vor ihr spielen und die Wahrheit auf solche Art niemals an den Tag kommen werde, wonach doch alles in ihr schrie? Aber wenn dieser Mann allen Glauben bei ihr verloren hatte und er keine Macht mehr besaß, um seine Worte bei ihr Eingang finden zu lassen, warum rief sie ihm dann nicht zu: »Geh' von mir! Unsere Wege sind für immer geschieden!« Warum dann noch während der Dauer einer Minute auch nur dies elende Gaukelspiel weiter fortsetzen?

»Arno«, sagte sie mitten aus diesen wühlenden Gedanken heraus mit fast versagender Stimme, »ich bitte dich: laß uns nicht ins Kasino gehen. Wir müssen miteinander reden. Und dort – gerade dort –«

»Aber Margot«, fiel er sichtlich erschrocken ein, »was ist das nun plötzlich wieder für eine Laune? Ich kenne dich heute gar nicht wieder. Du mußt wirklich krank sein. Ich muß ins Kasino. Ich habe auch anderen Freunden bestimmt versprochen, dort zu sein. Und Harro!«

»Wenn dir diese Rücksichten vorgehen –«

Er hatte keine Zeit mehr, auf diese bitteren Tones gegebene Gegenrede zu antworten, denn ein Schwärm von eleganten Masken hatte die beiden jetzt umringt und riß sie, mit verstellten Fistelstimmen auf sie einredend, mit sich fort. Ohnehin befanden sie sich jetzt dicht beim Kasino, und Arno, der auf die gewagten Maskenscherze der anderen schlagfertig eingegangen war, zeigte auch keine Lust, den Besuch desselben aufzugeben. Mit einer ganzen Woge von schwärmenden Masken zugleich traten sie ein.

Ein tosendes Gelärme empfing sie. Der mit prächtigen Blattpflanzen gezierte Wintergarten nebst den ihn umgebenden Arkaden, der ausgeräumte Theatersaal, der Bühnenraum und sämtliche Logen waren von Masken gefüllt, und alles schwirrte bunt durcheinander. Die Flut von schillernden Farben, oft in den schreiendsten Kontrasten durcheinander gemengt, war schier sinnverwirrend. Dazu die Musik, das Stimmengetöse, das Klirren der Gläser von den Büfetts, das Klingeln der Schellen an den roten Zipfelkappen, das Rasseln der Tamburins, die von lieblichen Tänzerinnen geschwungen wurden – man konnte in den ersten Minuten glauben, sich in ein riesiges Tollhaus versetzt zu sehen. Margot fühlte wiederum eine Schwächeanwandlung, aber sie bezwang sie. Sie mußte ja stark sein diese Nacht noch – und dann war alles zu Ende. Armer Harro! Auch sein Glückstraum war damit zu Ende geträumt.

Es schien anfänglich undenkbar, in diesem Chaos eine bestimmte Person zu entdecken. Das Gewühl war unübersehbar. Als man jedoch angefangen hatte zu tanzen und alles in den Theatersaal drängte, um sich zu beteiligen oder zuzusehen, wurde es im Wintergarten fast leer, und man konnte den einzelnen Gestalten, die vorüberkamen, Aufmerksamkeit schenken. Margot, der Arno einen Stuhl unweit vom Eingang und einige Erfrischungen verschafft hatte, spähte in wachsender Erregung nach Harro aus. Hier konnte er ihr nicht entgehen. Und es war ihr, als müsse sie jetzt zu ihm flüchten, bei ihm Schutz und Rettung suchen. Aber er kam nicht. Statt dessen glaubte sie einmal Bruno von Saldern vorübergehen zu sehen, der eine Dame am Arme führte.

Beide waren maskiert und der junge Offizier schien sie nicht zu gewahren, drehte wenigstens nicht das Gesicht zu ihr. Wohl aber bemerkte Margot, daß auch Arno, der jetzt wieder von Adele Lindenthal und anderen Mitgliedern der Beaurivage-Gesellschaft in Anspruch genommen wurde, dem Paare seine Aufmerksamkeit schenkte und sogar Miene machte, ihm zu folgen, um sich dann wieder eines anderen zu besinnen. Von da an aber war er in zitternder, nervöser Erregung, zupfte an seinem Schnurrbart, gab zerstreute Antworten und blickte mit unstetem Flackern seiner Augen und an der Unterlippe nagend in die auf und nieder flutende Menge.

»Du wartest auf jemand?« fragte Margot ihn plötzlich und sah ihn fest an.

Er versuchte zu lächeln. »Ja, ja – ich sagte dir's ja, glaub' ich, schon – auf den Vicomte de Levoyeau. Was du übrigens für eine gute Beobachterin bist?« Seine Heiterkeit hatte etwas sehr Gezwungenes.

In diesem Augenblick näherte sich ihnen dieselbe Maske, die Margot vorhin für Bruno von Saldern gehalten hatte. Er war jetzt allein, hielt kurz Umschau und trat dann entschlossen auf Arno zu. »Der Vicomte de Levoyeau sucht Sie überall, Baron«, raunte er ihm zu, »er scheint es sehr dringend zu haben, wollte mir aber nur sagen, man erwarte Sie; falls ich Sie fände, möchte ich Ihnen das melden. Ich weiß nicht, ob es sich nur um einen Maskenscherz handelt –«

»Nein, nein«, fiel Arno hastig ein. »Ich habe in der Tat eine Verabredung mit ihm. Wo ist er?«

»Wenn Sie seine Maske kennen, können Sie ihn kaum verfehlen. Er patroulliert da hinten rechts vor dem Orchester auf und ab.«

»Besten Dank! Und – ich habe doch die Ehre, Herrn von Saldern –?«

»Erraten. Aber ich bitte Sie, mein Inkognito nicht vor diesen Herrschaften dort zu lüften. Ich möchte heute abend den indiskreten Fragen Fräulein Lindenthals nicht gern mich exponieren.«

»Ich wollte Sie gerade um den Dienst bitten, bei meiner Braut eine halbe Stunde lang den Kavalier zu spielen, Herr von Saldern. Sie erwartet ihren Bruder.«

»Das ist etwas anderes. Für Fräulein von Detten stehe ich selbstverständlich jederzeit zur Verfügung. Nur die anderen brauchen nicht zu wissen –«

»Gut, gut. Bitte, kommen Sie! – Margot, auf ein Wort.« Er raunte ihr etwas zu, während Herr von Saldern sich stumm vor ihr verneigte. »Auf Wiedersehen, an dieser Stelle«, fügte er dann rasch hinzu. »Bis dahin wird auch Harro hier sein. Und ich denke, wir gehen dann. Die Gesellschaft hier ist doch etwas gemischt.«

Er wollte sich mit einem flüchtigen Handwinken entfernen, als Margot plötzlich verzweiflungsvoll ihm nachrief: »Arno, bleib, ich beschwöre dich!«

Er wechselte die Farbe, als er sich mit erzwungenem Lächeln zu ihr zurückdrehte. »Was ist denn? Ich verstehe dich nicht. Der Vicomte – unsere Verabredung –«

»Ich wiederhole dir: bleib!« flüsterte sie.

Er schien sekundenlang zu schwanken. Offenbar wußte er nicht, was er aus ihren Bitten machen sollte. Dann schüttelte er den Kopf. »Du bist heute wunderlich«, sagte er leise, »à tantôt!« Und er ging rasch gegen den Theatersaal zu.

Margot war schweratmend stehengeblieben. Ihre Augen gingen ihm nach, ein Zittern durchrann sie. Bruno von Saldern hatte bisher kein Wort gesprochen. Jetzt trat er dicht an ihre Seite, legte ihren Arm in den seinen und sagte: »Befehlen Sie, wohin ich Sie führen soll, gnädiges Fräulein!«

Sie sah ihn in scheuer Verwunderung an und murmelte: »Ich dachte, Sie wollen mich – ich sollte die beiden – diese Lucile Birkner und ihn zusammen –«

»Ich wußte nicht, ob Sie es noch wünschen, Fräulein von Detten. Wenn Sie es wünschen – es ist alles vorbereitet.« Da sie immer noch zu zögern schien, setzte er in dem gleichen ernstgehaltenen Ton, nur noch leiser hinzu: »Ich begreife, daß es Ihnen wie eine Schmach erscheint – aber in solchem Falle, wo das Glück und die Ehre zugleich auf dem Spiel stehen – wo es kein anderes Mittel gibt, die Wahrheit zu erfahren –«

»Sie haben recht, es muß sein. Bitte, führen Sie mich! Aber rasch, rasch, daß wir zu Ende kommen.« Sie hing schwer an seinem Arm, als er sie ohne weitere Entgegnung durch das Maskengewühl des Wintergartens auf den Bühnenraum zu führte und von dort auf einer Treppe in das Foyer des ersten Ranges hinaufgeleitete. Er hatte diesen Weg gewählt, um möglichst unbemerkt in die kleine Loge zu gelangen, die sich der Bühne zunächst befand und deren Tür ihm der Schließer sofort bei seinem Erscheinen öffnete, ohne eine dahingehende Weisung abzuwarten. Margot sah ihren Begleiter, der seine Maske vom Gesicht genommen hatte, einen Augenblick fragend an, trat dann aber ohne weiteres Zaudern ein, und die Tür wurde leise hinter ihnen ins Schloß gedrückt. Herr von Saldern zog die roten Seidengardinen, die den Ausblick der Loge vorn umrahmten, noch etwas näher zusammen, während Margot erschöpft in einen der roten Plüschsessel gesunken war. Sie wollte eben eine Frage tun, als sie unmittelbar neben sich Arnos Stimme hörte: »Und ich will, daß der Vicomte bleibt.«

Nun begriff sie. Wand an Wand befanden sich die beiden, die sie belauschen wollten. Und trotzdem diese ihre Stimmen bis zu einem zischenden Flüstern dämpften, war's, als säße man in dem gleichen Raum mit ihnen. Schmachvoll, hatte Bruno von Saldern gesagt, würd' es ihr vorkommen. Ja, wahrlich: er hatte recht. Und doch blieb sie, doch hätte es seiner Mahnung, die er ihr durch Zeichen zu verstehen gab, stumm zu bleiben, nicht bedurft – sie lauschte.

Arno hatte jenen Ausruf in zornigem Befehlston auf französisch getan, und nun erwiderte ihm eine weibliche Stimme, welche Margot sofort als die der weiblichen Maske in Weiß von heute nachmittag wieder erkannte, in dumpfverhaltenem Groll, in welchen sich sogleich Verachtung mischte, ebenso: »Ah, du fürchtest dich, mein Lieber? Sei nur ganz ruhig! Ich habe kein Fläschchen mit Vitriol bei mir. überhaupt habe ich gar keine Lust, die verlassene Geliebte zu spielen oder dir eine Theaterszene aufzuführen. Ich habe dem Vicomte bereits gesagt, daß er sich weiter keine Mühe zu geben braucht, mir Märchen aufzubinden. Dein Komödienspiel macht dich jetzt nur noch lächerlich bei mir, Arno!« Eine dritte Stimme fiel jetzt näselnd ein: »Ich begreife Sie nicht, Mademoiselle, die Propositionen des Barons sind derart generös –.« Ein schneidendes Auflachen erstickte seine Worte. Dann fügte Arno bei: »Nun, hat er etwa nicht recht? Ich weiß nicht, was du willst. Halb und halb – ehrlicher kann man doch am Ende nicht sein. Wenn es dir aber nicht genügt – ich bin bereit, noch weiter zu gehen. Ich will frei werden von dir – ganz, für immer, ja – ich mache dir kein Hehl mehr daraus. Ich hätte von Anfang an offener gegen dich sein sollen. Ich gebe dir zu, daß ich eine Komödie vor dir aufgeführt habe. Ich wollte dir nicht ins Gesicht sagen, daß –«

»Daß du meiner überdrüssig geworden bist – daß du inzwischen eine andere umgarnt hattest.«

»Lucile!« Seine Stimme vibrierte von wilder Drohung.

»Nun? Eine mehr – das hätte mich nicht wundergenommen. Die Ferien waren zu lang für dich. Aber jetzt willst du mit dieser da Ernst machen. Oder nicht? Mich wolltest du beseitigen – in Geschäften noch einmal nach Deutschland zurückschicken unter tausend Vorwänden – und inzwischen ein fait accompli schaffen, mir als wohlbestallter, solider Ehegatte entgegentreten, an mein Mitleid appellieren und mir mit Geld, mit viel Geld den Mund stopfen. Du bist wieder einmal sehr schlau zu Werke gegangen, mein Lieber. Ich mache dir mein Kompliment. Beinahe wäre die ganze Sache gelungen. Nur daß du mir von vornherein etwas verdächtig vorkamst bei unserem Wiederfinden, ganz verändert gegen damals. Du gabst dir zwar alle Mühe, deine Kälte zu verheimlichen, aber ich wurde damals schon stutzig, als wir auf der Landstraße diesen Leuten begegneten und du mich im Stiche ließest. Das hättest du nicht tun sollen, mein Lieber, das war unvorsichtig. Du hattest überhaupt bei allen deinen Kalkulationen einen Faktor vergessen und deshalb stimmten sie zuletzt doch nicht ganz: die weibliche Eifersucht – den Scharfblick der Liebe –«

»Komm zu Ende«, unterbrach sie Arno rauh. »Was willst du eigentlich? Mach's kurz! Ich möchte endlich deine Bedingungen für meine Freiheit hören. Wie die Dinge stehen, darüber sind wir ja nun im klaren.«

»Noch nicht ganz«, fiel sie leidenschaftlich ein. »Zum wenigsten du nicht. Sonst würdest du wissen, daß all deine Machinationen vergeblich sind. Der Faktor, den du nicht berücksichtigt hast und von dem ich vorher sprach, ist eben gewaltiger als du ahnst. Ich gebe dich überhaupt nicht frei!« Ein kreischender Ton schlug auf die letzten Worte hin an Margots Ohr. Sessel wurden geschoben, ein Angstruf schrillte auf, dann klang die Stimme des Vicomtes: »Aber ruhig doch, um Gottes willen ruhig! Sind Sie denn von Sinnen, Baron?«

Und gleich danach rief Lucile heiser: »Nun sehe ich, daß du mit Recht einen Zeugen für diese Unterredung verlangtest! Du wolltest dich selber dagegen schützen, ein Verbrechen zu begehen. Du brauchst aber nicht zu denken, daß ich nicht auch darauf vorbereitet gewesen wäre! Bei dir auf alles. Es wäre ja auch wohl nicht dein erstes!«

Arno lachte hohl. »Wenn du eine so vorteilhafte Meinung von mir hast, meine Liebe, weshalb hängst du dich dann an mich, da ich dich doch um jeden höchsten Preis los werden möchte – he?«

»Sie werden brutal, Baron«, sagte der Vicomte in seiner gezierten, etwas lispelnden Sprechweise. »Sie lassen sich fortreißen.«

»Oh«, fiel Lucile ein, »lassen Sie doch! Ich hab' es gern, wenn er sich so ganz ohne Pose zeigt. Und da er seinen Revolver nun doch schon einmal hat sehen lassen, weiß ich ja, wie ich mit ihm daran bin ... hab's übrigens schon längst gewußt. Und deine Frage ist gar nicht einmal so dumm, mein Bester. Es wäre ja viel klüger, dich frei zu geben und dein Geld einzustecken.

Weißt du, eins hindert mich daran, und darüber komme ich einmal nicht fort – trotz deiner Bitten und Drohungen nicht, trotz deiner Brutalität und deines Revolvers nicht: ich liebe dich! Ja, lache mich nur aus, verhöhne mich, verachte mich – hast ja recht. Ich schäme mich schon selber genug darüber – hast gar nicht mehr nötig, mir's ins Gesicht zu schreien, daß ich's müßte. Wie ein Spott ist's, noch zu lieben – jetzt noch. Aber wenn man sich's nur so herausreißen könnte! Vielleicht ist das auch gar keine Liebe mehr, ist schon Haß – ich weiß selber nicht. Nur dich einer anderen lassen – nein, das nicht, mein Lieber, das nicht. Für keine Million – hörst du wohl? Ich bin vielleicht wahnsinnig. Aber dann bist du ganz allein schuld daran. Lach' nur! Was verstehst du denn auch von Liebe! Von so einer Liebe, die einen zwingt, Verbrechen zu begehen – und sich lieber totschießen zu lassen als zu verzichten!«

»Vielleicht mehr als du denkst«, murmelte Arno zwischen den Zähnen. »Und eben deshalb –«

»Das soll heißen: du liebst diese andere so?« fragte sie, plötzlich ins Deutsche übergehend.

»Das soll es heißen!«

»Kannst du denn überhaupt lieben?«

»Ich hab's erfahren müssen, Lucile, laß uns ruhig und ehrlich miteinander reden. Ich handle schlecht an dir, ich weiß es. Ich habe dich betrügen wollen, ich breche dir jetzt mein Wort. Aber ich kann nicht anders. Dies alles ist plötzlich über mich gekommen und hat mich überwältigt. Du hast ganz recht, daran zu zweifeln, daß ich lieben könnte. Ich hab's selber nicht geglaubt, ich hab' ja früher noch nie geliebt. Liebe – das ist etwas ganz anderes, als was ich bisher gekannt habe – etwas Gewaltiges. Und seit ich diese andere gesehen habe, hab' ich's gespürt, dies Gewaltige. Sieh', Lucile« – seine Stimme wurde allmählich ganz weich – »ich bin ja ein schlechter Mensch, ich hab' mehr Sünden auf dem Gewissen, als ein Mensch außer mir weiß, ich bin verdorben im Sumpf, in den ich geraten bin – vielleicht nicht allein durch eigene Schuld. Und ich hab' auch gar kein anderer sein wollen, als ich war. Da ist dies Mädchen gekommen, und es ist alles wieder in mir erwacht, was gut und rein war – plötzlich, wie durch ein Wunder. Ich habe mich mit einem Male danach gesehnt, wieder ein guter Mensch zu werden, worüber ich noch kurz vorher spöttisch gelacht haben würde, und ich habe gewußt: diese da kann mich retten! Die kann alles wieder auslöschen, was ich Gemeines je im Leben gedacht und getan und gewollt habe, die kann mich gut machen und mir Frieden geben und Sonne. Und da hab' ich kein Bedenken mehr gekannt, Lucile, nicht an dich hab' ich gedacht und nicht an die Vergangenheit – das ist alles versunken und vergessen gewesen. Nur ein Wunsch war in mir: wieder gut und glücklich werden – ein neues Leben anfangen, ein neuer Mensch sein. Und das alles könnt' ich, wenn ich das Mädchen besitzen durfte. Und das alles kann ich – heute noch, in dieser Stunde – wenn du mich nicht hinderst. – So! Nun weißt du alles. Wenn du noch den Mut hast – so begreifst du wenigstens, was du tust damit! Ich meinesteils könnte nicht fassen, wie du es übers Herz brächtest. Verloren bin ich dir ja nun doch einmal – so oder so. Das hat das Schicksal so gewollt. Was kann dir also nun daran liegen, daß du mich hindern willst, nach einem Rettungsanker zu greifen? Du bist doch gut, Lucile. Und wenn du mich wirklich liebst – verdient hab' ich's ja nicht um dich –, so beweise mir's und gib mich frei! Vergiß alles, was ich dir angetan hab'! Sieh', du kannst ja auch noch einmal glücklich werden. Und mit mir nie – mit mir hättest du die Hölle auf Erden. Nein, Lucile, ich will dir nicht mehr drohen – aber bitten will ich dich: gib mich frei! Laß mich gut und glücklich werden! Ich habe so ein heißes Verlangen danach – mein ganzes Leben liegt in deiner Hand!«

Seine Stimme war in eine Art von Schluchzen ausgeklungen, und eine Zeitlang hörte man nichts als dieses und ein ungeduldiges Räuspern des Vicomte. Dann sagte Lucile mit sonderbar harter, metalloser Stimme: »So weit wären wir also! Eine neue Tonart. Und du pfeifst sie meisterlich, Arno! Aber es hilft dir nichts! Zu spät! Viel zu spät!«

»Was willst du damit sagen?« fuhr er auf.

»Daß dies alles hätte eher kommen müssen, wenn es noch helfen sollte. Jetzt kann ich dich nicht mehr freigeben.«

»Weil du mir's nicht gönnst, gerettet zu werden – glücklich zu sein!«

»Vielleicht! Ein gut Teil Selbstlosigkeit gehört schon dazu – Selbstlosigkeit und Gutsein. Mehr als ich besitze. Dich in die Sonne gehen lassen und mich selber im Schatten niederkauern – während ich dich doch liebe, während doch alles in mir nach dir schreit, hätte mich ein Stück meines Lebens gekostet. Und bezahlen hätt' ich mich schon gewiß nicht dafür lassen, verstehst du? Dafür ist in mir selber die Gier zu heiß, glücklich zu werden – zu leben. Bisher hab' ich ja noch nicht gelebt. Und doch wär's möglich gewesen – früher. Jetzt ist's unmöglich. Jetzt fesselt uns eine Kette aneinander, die nichts mehr zerreißen kann, Arno. Wir sind zwei Sträflinge, die an dasselbe Eisen geschmiedet sind. Da kann keiner mehr los vom anderen. Also, wenn ich auch wollte –«

»Das sind Romanphrasen. Du willst eben nicht!«

»Meinst du? Und das, was ich getan habe – weil du es mir eingegeben hattest, aus Liebe zu dir, um mir dich und unser gemeinsames Glück zu erringen – das hätte nur dazu gedient, mich jetzt von dir großmütig bezahlen zu lassen? Was du für eigentümliche Vorstellungen von dem haben mußt, was man Gewissen nennt! Arno! Du denkst, ich werde das, was geschehen ist, noch lange nicht in die Welt hinausschreien, weil die Folgen mich ja selber am schwersten treffen würden, und damit beruhigst du dich. Und dann gibst du mir ja Geld – das viele Geld!« Sie lachte heiser.

»Nein, mein Freund. So kommen wir nicht zu Ende. Bis zu der Stunde, wo ich dich kennengelernt habe – als Gesellschafterin im Gräflich Dyrenschen Hause in Nizza –, bin ich unbescholten und rein gewesen. Dann bist du gekommen, und ich habe dich geliebt, obgleich ich mich vor dir gefürchtet habe – oder auch gerade deshalb. Du warst ein so wilder, abenteuerlicher Gesell und fuhrst in mein schlichtes, ödes, gleichförmiges Leben plötzlich hinein wie ein Blitz. Ich hab' mich von dir blenden lassen. Wenn du mir gesagt hättest: Geh' hin und morde einen, der mir im Wege ist! – ich glaube, bei Gott, ich hätt's getan. Du hattest mich in deiner Gewalt, ich war dein Werkzeug. Und nun verlangtest du ja weiter nichts, als daß ich die Gesellschafterin eines alten Geizhalses werden und meine Vertrauensstellung bei ihm dazu benutzen sollte, ein paar unangenehme Papiere zu entwenden, wodurch wir gleichzeitig in den Stand gesetzt wurden, uns zu heiraten – eine Bagatelle, und wieviel hing davon ab!« Sie lachte heiseren Tones auf.

»Schweig' doch!« knirschte er. »Das alles bringt uns um keinen Schritt weiter.«

»Vielleicht doch, es sagt dir, daß eine Frau, die das tut, um sich den Mann zu gewinnen, den sie liebt – nachher diesen Mann nicht fahren läßt, nicht an eine andere abtritt – um keinen Preis der Welt! Daß da weder Drohungen noch Bitten noch Versprechungen etwas fruchten können. Daß dieser Mann durch das Geschehene mit unlöslichem Kitt an die Frau geheftet ist, die durch ihn und um seinetwillen zur gemeinen Diebin geworden ist. Das sagt es dir!«

Sie hatte in ihrer leidenschaftlichen Erregung die letzten Worte so laut herausgestoßen, daß er ihr in jähem Erschrecken die Hand auf den Mund gelegt haben mußte, denn sie brach plötzlich ab, und gleich hinterher zischelte er: »Bist du toll geworden, Weib? Diese Wände sind dünn wie Papier. Überhaupt eine wahnsinnige Idee, dies Stelldichein hier. Weshalb hast du dich heute nachmittag nirgends finden lassen? Ich habe dich gesucht wie eine Stecknadel und du hast mich genasführt. Ich begreife auch nicht, was du eigentlich willst. Zwingen kannst du mich doch wohl am Ende nicht. Zum Standesamt lasse ich mich nicht schleppen, weißt du. Und wenn du eine Waffe in der Hand zu haben glaubst, um mich von jener anderen zu trennen – gut, sei es darum, befriedige dein Rachegelüst, vernichte mich, wenn du nach allem, was ich dir gesagt, noch das Herz dazu hast! Nur für dich gewinnst du mich deshalb doch niemals. Soviel mußt du in deiner Verblendung ja doch einsehen, daß ich die Frau, die mir das getan hat, nie an meiner Seite dulden könnte – daß du kein Mittel in der Welt besitzest, um mich hierzu zu zwingen! Um deinen Lohn bist du dann erst recht betrogen.«

»Und wenn selbst! – Einer anderen ließe ich dich auch dann nicht. Aber vielleicht zwing' ich dich doch, Arno. Denn du vergißt, mein Lieber, daß ich dich nicht nur jener Nebenbuhlerin entreißen kann, wenn ich spreche, sondern auch dich als den Anstifter eines Verbrechens der Justiz ausliefern würde.«

Er lachte schrill. »Und dich selber –?«

»Mich natürlich auch. Aber was hätte denn ich nach allem noch zu verlieren? Und eins bedenke du: wenn das Verbrechen an den Tag kommt, ist die reiche Erbschaft gleichfalls für dich verloren. Du könntest zwar fliehen, ehe man Gerechtigkeit an dir übt – aber du wärst wieder arm, Arno, bettelarm – und müßtest irgendwo da draußen in der Welt abermals von unten auf anfangen – mit deiner Hände Arbeit dir dein Brot verdienen, ein alternder, einsamer, geächteter Mann, unter fremdem Namen –, während jetzt, wenn du deinem Versprechen treu bleibst – wenn ich schweige –«

Ein Fußstampfen machte sie verstummen. »Lucile«, zischte er, »du machst mich rasend! Ich sage dir: eher, als diese da aufgeben, würde ich dich mit meinen Händen erdrosseln! Und nun geh' und schrei es in alle Welt hinaus, daß du eine Diebin bist und daß ich dich dazu verleitete!« Er wollte wie außer sich davonstürzen, als ein Geräusch wie von heftig zurückgestoßenen Stühlen in der Nebenloge ihn zögern ließ. »Mein Gott, wenn man uns gehört hätte!« murmelte er, aschfahl im Gesicht, zurückweichend.

Dann hörte er nebenan die Logentür aufreißen – eben stimmte unten das Orchester einen rauschenden Galopp an und die Maskenschwärme wirbelten aufjauchzend durcheinander, da – drückte auch er die Tür auf, um hinauszublicken. Was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gerinnen. Totenbleich, die Kapotte ihres Dominos zurückgeschoben, mit wirrem Haar und fieberisch glänzenden Augen wankte Margot von Detten aus der Nebenloge, gestützt auf den Arm des Leutnants von Saldern. Ein paar Herzschläge lang glaubte Arno, eine Vision vor sich zu haben. Dann rang sich ein heiserer Laut von seinen Lippen. Er stürzte vor, seine gespreizten Finger schienen sich um Bruno von Salderns Kehle pressen zu wollen, während ihm die Augen fast aus den Höhlen traten. Er rang nach Luft. Und von drunten schmetterte die Tanzmusik, sang und jubelte das tanzende Maskengewühl.

»Das – das habe ich Ihnen zu verdanken – Herr von Saldern?«

»Mir, Baron Meyburg!«

»Ein gemeiner Spion also – ein hinterlistiger Lump –.« Er riß seinen Revolver heraus.

Da griffen von rückwärts her ein paar Hände ihm um den Arm. Der Vicomte und Lucile waren gleichfalls vor die Loge hinausgetreten und der erstere rief: »Aber besinnen Sie sich doch, Baron!« Arno versuchte sich frei zu machen. »Sie werden mir Rechenschaft geben, Herr von Saldern!« stieß er hervor, während seine Brust keuchte und der Schaum ihm vor den Mund trat.

»Dazu kann ich mich einem gemeinen Verbrecher gegenüber nicht verpflichtet fühlen, Herr Baron Meyburg. Einen solchen zu entlarven, sind alle Mittel loyal. Aber ich will mich Ihnen ohne solche Verpflichtung zur Verfügung stellen – um dieser Dame willen. Sobald ich sie in Sicherheit gebracht habe, sollen Sie mich finden – falls Sie es nicht vorziehen, sich selber in Sicherheit zu bringen oder – falls Sie nicht auf einen anderen, vielleicht noch angemesseneren Ausweg verfallen.« Die halb ohnmächtige Margot mit beiden Armen stützend, ging er die schmale Logentreppe mit ihr hinab, ohne sich noch einmal umzusehen.

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