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An der Engelsbucht

Konrad Telmann: An der Engelsbucht - Kapitel 11
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typefiction
authorKonrad Telmann
titleAn der Engelsbucht
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XI.

Als Arno von Meyburg gegen fünf Uhr in der Villa Erminia anlangte, mit allen Zeichen der Hast und Verstörtheit, hatte Margot sich schon lange wieder erholt und saß im Fauteuil am halboffenen Fenster des Gartensalons, zwar noch etwas blaß, aber ganz ruhig, und lächelte über Harros besorgte und vorwurfsvolle Fragen. Sie hatte ihm sogar schon erklärt, daß sie gar nicht daran denke, heute abend dem »Corso blanc« fernzubleiben, vielmehr fest entschlossen sei, weder ihm noch sich noch sonst jemandem irgend eine von den letzten Karnevalsvergnügungen zu verderben. »Ihr braucht mich ja nicht wieder im Stiche zu lassen«, meinte sie scherzend, »ich habe mich allein in dem tollen Trubel ein bißchen geängstigt, das war alles. Jetzt fühle ich mich wieder ganz frisch.«

Harro schüttelte den Kopf dazu. »Du dich ängstigen?« sagte er. »Das wäre ganz etwas Neues, das mach' einem andern weis! Nein, dich hab' ich im Leben immer nur schwach werden sehen, wenn etwas Häßliches und Gemeines an dich herantrat. Das ist das einzige, was deine Natur nicht verträgt. Und da diese Möglichkeit heute doch nicht vorliegen kann, muß ich eben glauben, daß du ernstlich krank bist.«

Margot blieb dabei, seine Angst fortzuscherzen. Sie verlangte auch, daß er Arno gar nichts von dem »dummen Vorfall« berichten sollte. »Ich mag nicht wie ein bleichsüchtiger Backfisch vor ihm dastehen«, sagte sie, »das mußt du ja doch begreifen.«

Arno hatte aber schon draußen von Jean, dem er Domino und Maske in Verwahrung gegeben, gehört, was sich zugetragen hatte. Er sah bleich aus, als er ins Zimmer trat, und ein unstetes, angstvolles Flackern trat in seine Augen.

Er sprudelte über von tausend Entschuldigungen für sein Verschwinden. Das Gewühl sei zu undurchdringlich gewesen, er habe hundertmal graue Dominos angerufen, in der festen Überzeugung, Margot vor sich zu haben, und sei in hellster Verzweiflung zuletzt durch die Straßen geirrt, es sei ein ganz verfehlter Tag gewesen. Zuletzt bat er um ein Glas Wein, er sei todmüde vor Aufregung und Verdruß.

Und dann, als der Wein gekommen war und er mehrere Gläser nacheinander hinuntergestürzt hatte, fing er plötzlich, immer in der gleichen überhasteten Sprechweise, von etwas anderem an. Er habe sich überlegt, daß diese ganze Verlobungszeit eine unnütze Quälerei sei. Warum man nicht lieber gleich heirate. Eher habe er doch keine Ruhe, eher werde er doch an sein festes, sicheres Glück nicht glauben. Wenn Margot es gut mit ihm meine, solle man gleich ohne alle Vorbereitungen Hochzeit machen.

Er hatte schon den ganzen Plan fertig. Hier in Nizza war es unmöglich, rasch zu heiraten; man brauchte zur Beschaffung aller Papiere, für Aufgebot und Fristen mindestens ein halbes Jahr. In Helgoland aber könne man ohne alles Aufgebot und ohne Ausweispapiere in wenigen Stunden Mann und Frau werden, durch eine regelrechte und überall gültige kirchliche Trauung: man brauche nur eidesstattlich zu versichern, daß man nicht etwa schon vermählt sei, nach etwas anderem würde dort nicht gefragt. Und Geld koste es, aber das spiele natürlich keine Rolle. Und warum nicht gleich – warum nicht morgen gehen? Auf wen hatten sie Rücksicht zu nehmen? In acht Tagen konnten sie wieder hier sein als Mann und Frau. So lange behalf sich Harro, dem man die lange Reise nicht zumuten wollte, damit er seine Kur nicht unterbrach, schon allein; in ein paar Monaten konnten er und seine Braut es ihnen beiden ja nachmachen. Übrigens werde man natürlich in Begleitung reisen. Wer mitkommen solle, sei ihm völlig gleichgültig, seinetwegen Fräulein Adele Lindenthal, die ja die Gelegenheit zu einem dankbaren »Stoff« mit beiden Händen ergreifen werde, und auf das Geld komme es ihm ganz und gar nicht an. Margot könne ein so zahlreiches Ehrengeleit sich erwählen wie sie wolle. Man könne von Marseille aus mit einem Dampfer direkt nach Hamburg fahren. Von Hamburg hatte man nur noch wenige Stunden bis zu der kleinen roten Felseninsel in der Nordsee, wo so vernünftige Einrichtungen bestanden. Übrigens könne man auch zu Lande fahren – mit dem Pariser Blitzzug und im Schlafwagen, ihm sei alles recht.

Arno redete das alles hin, er ließ den Geschwistern gar keine Zeit, einen Widerspruch geltend zu machen, alles schien bei ihm klar und fertig zu sein. Offenbar lag ihm daran, die beiden zu überrumpeln und im Sturm zu siegen. Und bei Harro gelang ihm das überraschend gut. Der junge Künstler neigte zu Extravaganzen. Arnos »verrückte Idee« gefiel ihm. Und natürlich würden Eugenia und er es ebenso machen, wenn auch erst später – etwa im Mai. Arno hatte ganz recht. Wozu warten? Das Leben ist so kurz. Zugreifen – glücklich werden, darauf kam's an.

»Na und du, Margot?« fragte er dann. »Du sagst ja kein Wort? Du bist doch sozusagen auch bei der Sache beteiligt.«

Arnos Augen hatten sich bohrend auf Margots Antlitz geheftet. Er schien immer wieder eine Antwort auf eine in ihm nagende Frage daraus ablesen zu wollen. Und Margot hatte, während er sprach, unablässig denken müssen: warum gerade jetzt, gerade heute diese Eile, zum Ziel zu kommen? Ahnt er etwas von der Begegnung, die ich heute gehabt? Will er jeder Einmischung von dieser Seite, jeder Gefahr durch einen Gewaltstreich zuvorkommen? Stammt seine offenkundige Verstörtheit aus der Witterung dieser Gefahr?

Ihr Herz schlug laut und rasch. »Klarheit! Nur Klarheit!« dachte sie wieder, »wer gibt sie mir?« Sollte sie Arno überhaupt etwas von ihrem heutigen Erlebnis sagen? War es nicht ihre Pflicht, wenn sie doch seine Braut war? Und doch hätte sie kein Wort über die Lippen bringen können. Was würde er ihr denn auch erwidert haben? »Ein Mädchen, das ich einmal geliebt habe«, würde er sagen, »und das mich noch immer liebt und mich dir und dich mir abspenstig machen will.« Sie hörte ihn das förmlich sagen, sie kannte ihn jetzt schon. In Verlegenheit setzte man ihn nie. Und jene Unbekannte im weißen Seidendomino konnte ja wirklich eine sein, die ihn liebte und die ihn sich durch jedes Mittel zurückgewinnen wollte, ohne daß er je Verpflichtungen gegen sie eingegangen zu sein brauchte. Wenn nur dieser fürchterliche Zweifel in ihr nicht gewesen wäre! An Erich Holdheim hatte sie doch geglaubt, glaubte sie noch jetzt, trotz all der erdrückenden Schuldbeweise, die man vor ihr gegen ihn aufgehäuft. Weil sie nicht anders konnte – weil sie ihn liebte. Und Arno gegenüber klang immer in ihrer Seele nach, was einst Erich Holdheim gesagt und was heute die Unbekannte wiederholt hatte, als ihre zornige Leidenschaft sie fortgerissen: »Ein geschickter Komödiant!« Nein, nein – nicht sich mit dem unlösbaren Ja binden, so lange sie den Zweifel an ihm nicht überwinden konnte. Erst Gewißheit – Gewißheit!

Arno mußte ihr die Gedanken von der Stirn ablesen. Denn er sagte plötzlich mit einem bitteren Zucken seiner Mundwinkel: »Margot ist bedenklich, wie ich sehe. Sie wittert allerlei hinter meiner Idee.«

»Ich wundere mich nur, daß du gerade heute – erst heute mit deinem Vorschlag herauskommst«, erwiderte sie und sah ihn fest an.

Sekundenlang ging ein seltsames Glimmern durch seine Augen hin, seine Zähne nagten an der Unterlippe. Dann lachte er kurz auf. »Wer fällt denn gleich mit der Tür ins Haus! Mein Herzenswunsch war's immer. Ich bin kein Mann der Regel und Ordnung. Und ich habe auch nicht warten gelernt. Ich denke immer, es könnte im letzten Augenblick doch noch etwas dazwischen kommen. Ich hab' zuviel Unglück im Leben gehabt, ich trau' jetzt dem Glück noch nicht recht. Und ernstliche Einwände kannst du doch kaum haben, Margot. Was du in sechs Wochen oder sechs Monaten willst, wirst du in sechs Tagen doch auch wollen. Oder –?«

Harro war lachend aufgesprungen. »Nun, ich sehe schon, ein kleiner bräutlicher Zwist, der besser unter vier Augen beigelegt wird. Ich lasse euch allein – hab' ohnehin ein paar wichtige Briefe zu schreiben. Bis nachher, Arno.«

Arno hielt seine Hand fest. »Nein, ich muß auch fort. Hab' auf der Bank zu tun und noch einige Geschäfte sonst zu erledigen – für den Fall, daß wir morgen oder übermorgen doch etwa reisen sollten –«, er sah Margot fest dabei an, »es könnte ja doch sein. Margot mag in der Stille überlegen. Was ich hier zur Unterstützung meiner Bitte zu sagen hatte, hab' ich ihr gesagt. Ich werde abwarten müssen, ob meine Liebe mehr über sie vermag als andere Rücksichten. Adieu. Ich hole euch zum Korso rechtzeitig ab. Auf Wiedersehen.« Er küßte Margots Hand, die eiskalt in der seinen lag, und ging.

»Er will nicht mit mir allein sein«, dachte Margot, als auch Harro – dieser mit einer Neckerei auf den Lippen – gegangen war, »er fürchtet sich vor dem Alleinsein mit mir.«

Als Arno aus dem Hause trat, ging eben raschen Schrittes ein Mann an ihm vorüber auf die Villa La Paix zu. Er war hochbejahrt und ging gebückt. Das bartlose, faltige Gesicht drückte tiefen Gram aus, die Augen unter den weißen buschigen Brauen waren fast erloschen. Die braunen, schwieligen Hände stützten sich fest auf einen derben Krückstock, die Kleidung des Mannes war schlicht und abgetragen. Er hatte Arno nicht gewahrt oder sich doch nicht um ihn gekümmert. Dieser aber war stehengeblieben und hatte ihm nachgeblickt, bis er unter dem Eingang der Villa verschwand. Arno rückte sich den Hut aus der Stirn, strich sich ein paarmal darüber hin. Wo hatte er denn den schon gesehen? War das nicht? – Aber das war ja unmöglich. Weshalb sollte denn der hier sein? Und jener da in der Villa La Paix sollte gewagt haben? – Warum? Und gerade jetzt? Gab es da irgend einen Zusammenhang? Bestand da irgend eine Gefahr? Arno machte mit seinem Spazierstock beim Weitergehen ein paar Hiebe durch die Luft. Warum nicht gar! Das war ja abgetan – der da stand ihm nicht im Wege. Selbst wenn er sich jetzt reinzuwaschen vermochte, nicht mehr. Aber Lucile? Wenn man die nicht still machte –. So oder so, jetzt galt's. Hinhalten und inzwischen fliehen, das blieb das Einfachste und Sicherste. Alles kam darauf an, Margot zu überreden. Nur sie keinen Argwohn schöpfen lassen! Noch waren die Fäden, die sie an ihn ketteten, nicht stark genug dazu, noch konnten sie reißen. Klug sein! Wenn je in seinem Leben alles für ihn davon abgehangen hatte – jetzt gewiß, jetzt mußte es sich ausweisen.

Während Arno von Meyburg mit solchen Erwägungen eilends der Avenue de la Gare zuschritt, war Margot allein geblieben. Sie legte eine Zeitlang ihr Gesicht in die beiden Hände, mit dem halben Oberleib sich über den Tisch werfend. Sie weinte nicht – sie wollte nur nichts sehen von der Welt um sich her. Nichts sehen und am liebsten auch nichts denken. Wenn man nur das hätte können: nichts denken!

Ein Klopfen an der Tür schreckte sie auf. Wenn es die Unbekannte war! Wenn sie wiederkam und ihre Drohung wahr machte und jetzt –? Immerhin! Wenn sie nur Gewißheit brachte, so sollte sie willkommen sein.

Auf ihren Hereinruf trat Doktor Leuthold über die Schwelle. Er sah sehr ernst aus und grüßte sie gemessen. »Ihr Herr Bruder zu Hause, gnädiges Fräulein?«

Margot bejahte und deutete auf das Nebenzimmer. »Ich will ihn rufen.«

»Nein, bitte, lassen Sie. Ich habe ein paar Worte mit ihm allein zu sprechen, und es eilt. Erlauben Sie mir.« Er klopfte. »Es ist nichts Ärztliches«, fügte er hinzu, ehe er eintrat, »Sie haben keinen Grund, sich zu ängstigen.« Dann schloß sich die Tür hinter ihm.

Was bedeutete das? Sie hörte den alten Herrn nebenan rasch und eindringlich sprechen. Um was mochte es sich handeln? Nichts Ärztliches sollt' es sein. Also etwas, das Harro oder sie persönlich betraf. Es handelte sich wohl gar um Arno. Wahrscheinlich – natürlich um Arno. Sollte sie horchen? Nein, pfui, es wäre ihrer unwürdig gewesen. Sie würde es schon erfahren, wenn sie sollte. Wenn ihr nur das Blut nicht so in den Schläfen gefiebert hätte! Oh, ein lustiger, lustiger Karneval!

Die Tür wurde aufgerissen, und Margot hörte Harros Stimme: »Aber natürlich, Doktor. Sofort. Wie könnte da etwas anderes vorgehen!«

Doktor Leuthold wollte mit einem Gruß an ihr vorüber. Da stieß sie instinktmäßig die Frage aus: »Wie steht's in der Villa La Paix, Herr Doktor? Wie geht's Frau Holdheim?«

Der alte Herr hatte die Hand bereits auf dem Drücker. »Es steht schlecht«, sagte er, sich halb zurückwendend, »oder auch gut, wie man will. Es geht zu Ende. Vielleicht in dieser Nacht noch.« Er verneigte sich kurz und ging. Offenbar wollte er nicht weiter gefragt sein.

In dieser Nacht noch! Margot legte die Hand aufs Herz. Und sie sollte auf den Maskenball gehen – tanzen. Und morgen, übermorgen nach Marseille und weiter zu Schiffe – nach Helgoland, zur Trauung mit Arno von Meyburg! Oh, ein lustiges Leben, ein verruchtes Leben. Dies ganze Dasein selber nichts als ein unsinniger Karneval – Kinder und Narren zu amüsieren.

Harro trat jetzt in Hut und Mantel aus seinem Zimmer. »Ich muß gleich in die Villa La Paix hinüber«, sagte er. »Es handelt sich da um einen gerichtlichen Akt, bei dem ich als Zeuge fungieren soll. Ich kann nicht wissen, wann ich zurückkomme, ich fürchte, es wird sich lange hinziehen. Warte jedenfalls nicht mit dem Essen auf mich, und wenn die anderen dich nachher zum Korso abholen, geh' mit – ich stoße dann schon zu euch, sobald ich kann. Adieu.« Er strich ihr leicht über die Wange hin, da er ihre großen, angstvoll fragenden Blicke auf sich gerichtet sah. »Mach' dir keine Sorgen, Kind! Die Sache geht nicht uns an. Allem Anschein nach handelt es sich um Erich Holdheims Rehabilitierung, und das ist ja ein Ereignis, das auf deine vollste Sympathie zählen kann, nicht? Auf Wiedersehen.«

Er hörte beim Hinausgehen den erleichterten Atemzug nicht, unter dem ihre gepreßte Brust sich hob, und sah den dankbaren, nahezu verklärten Blick nicht mehr, den sie zum Himmel richtete! »Also es gibt doch noch etwas Freudiges in der Welt!« schien dieser Blick zu sagen. »Und wieviel Herbes und Trübes kann man um deswillen ertragen!«

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