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Amiele

Stendhal: Amiele - Kapitel 9
Quellenangabe
typefragment
titleAmiele
authorStendhal
publisherDiogenes
year1921-24
firstpub1889
volumeBand10
translatorArthur Schurig
seriesStendhal Werkausgabe
senderwww.gaga.net
created20050903
projectiddc3e56ca
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Achtes Kapitel

Das Fest im Turm

Die Herzogin kam nicht zur Ruhe. Sansfin brachte dies leicht zuwege, indem er Amiele bestimmte, nicht in das Schloß zurückkehren zu wollen.

Frau von Miossens kaufte einen Garten, der an das Hautemaresche Häuschen anstieß. Auf diesem Grundstück ließ sie einen viereckigen fünfstöckigen Turm erbauen; jeder Stock enthielt ein geräumiges Zimmer nebst einem Kabinett. Die Veranlassung zu diesem kostspieligen Gebäude war vor allem der Wunsch, den allzu sozialistischen Einwohnern von Carville ein Wahrzeichen der Feudalzeit vor die Augen zu setzen, um sie daran zu erinnern, was die Herren von Miossens seit uralters her waren. Der Turm war ein genaues Nachbild eines halbverfallenen alten Turmes im Parke des Schlosses.

Etliche Anwandlungen von Geiz während des Rauens beschwichtigte der Doktor. So wollte sie die Hausteine des alten Turmes wieder verwenden lassen. Als der Neubau vollendet war, stellte Sansfin fest, daß die ländlichen Scharwerker nicht sorgfältig gearbeitet hatten. Er ließ Steinmetzen aus Paris kommen und den Turm mit Spitzbogenreliefs umkleiden, im maurischen Stil, von denen man in Spanien so schöne Reste sieht. Jetzt erregte das Bauwerk in der ganzen Gegend das größte Aufsehen.

»Das Ding ist zugleich nützlich und angenehm!« erklärte der Marquis von Fernozière. »Rei einem Jakobineraufstand kann man sich in so einem schönen Turm zurückziehen und sich vierzehn Tage halten, bis militärische Hilfe kommt. Und in ruhigen Zeiten ärgert man damit seinen neidischen Nachbar.«

Sansfin bewirkte es, daß dieser Gedanke im Laufe der nächsten vierzehn Tage an die zwanzigmal wiederholt ward. Sie befand sich auf dem Gipfel des Glücks. Der ausbleibende Erfolg in den Schlössern der Umgegend hatte sie maßlos unglücklich gemacht, und Amielens Krankheit machte ihr das Leben noch wehmütiger. Jedesmal, wenn sie auf einer Ausfahrt eines der Nachbargüter zu Gesicht bekam, seufzte sie vor tiefem Schmerz laut auf. Selbstverständlich hatte sich Sansfin die Ursache dieser Schmerzenslaute beichten lassen, nachdem er ärztliche Bedenken geäußert hatte.

Voll Befriedigung beobachtete er, wie die Herzogin wochenlang in Entzücken schwelgte, weil ihr neuer Turm allgemeines Aufsehen erregte. Dies benutzte er, um ihrem Geiz, mit dem er dauernd im Kampfe lag, einen ordentlichen Streich zu spielen. Eines Tages sagte er in eindringlichem Tone:

»Gestehen Sie mir, gnädige Frau, Sie sind glücklich 1 Der Turm kostet Sie allerhöchstens 55 ooo Franken, aber der Genuß, den Sie daran haben, ist unbezahlbar. Die Krautjunker ringsum bewundern Sie. Man erkennt Ihre Superiorität. Geruhen Sie, diese ganze Gesellschaft zu einem Einzugsschmaus in den Marschall-d'Albrets- Turm einzuladen!«

So war der Bau zu Ehren des Marschalls getauft worden.

Seit Monaten war es das Bemühen des Doktors, den Adel des Umkreises mit dem Sonderlingstum der Herzogin auszusöhnen. Er ließ verbreiten, ihr Hochmut, der ihre Nachbarn abgestoßen hatte, sei in Wirklichkeit nichts als üble Pariser Blasiertheit, deren Lächerlichkeit Frau von Miossens selber einzusehen beginne.

Das Gastmahl zur Einweihung des Turmes war glänzend. Sansfin ließ in jedem der fünf Stockwerke eine Tafel decken. Ein paar Schritte vor dem Turm war eine Holzbaracke errichtet worden, die Küche. Auf der Wiese nebenan standen Tische und Bänke für die Eltern der Hautemareschen Schule.

Die sonderbare Verteilung der guten Gesellschaft auf fünf Tafeln erregte allgemeines Ergötzen; es wurde erhöht durch die Liebenswürdigkeit, mit der die Herzogin die schmeichelhaften Höflichkeiten entgegennahm, die ihr zum ersten Male in ihrem Leben dargebracht wurden. Diese Wandlung war ein großer Erfolg des Doktors.

Er hatte für Musikanten gesorgt, die gerade im Augenblick eintrafen, als es zu dunkeln begann und sämtliche jungen Frauen an den fünf Tafeln ihr Bedauern äußerten, daß der so reizende Tag nicht mit einem Tanze schlösse. Da verkündete Sansfin, die Hausherrin habe eben eine durchziehende Musikerbande, die auf dem Wege nach Bayeux wäre, aufhalten lassen.

Wie durch Zufall flammten Lampions in den Bäumen auf der Wiese auf, und der ländliche Tanz begann. Der oberste Stock des Turmes ward zum Ankleidezimmer für die Damen gemacht, und während der halben Stunde, die das Zurechtmachen dauerte, erzählte der Doktor den Herren, daß der Albrets-Turm, ohne daß dies eigentlich beabsichtigt gewesen, eine schwer einnehmbare Festung geworden sei.

»Ihre Vorfahren, meine Herren,« sagte er zu den Landedelleuten, »verstanden sich auf das Kriegswesen, und da die Bauleute den Turm genau nach dem Vorbild des alten Turms im Park errichtet haben, so haben sie ahnungslos eine Zwingburg gebaut, die dem Adel zum Stützpunkt dienen wird, falls die Jakobiner jemals wieder die Schlösser stürmen.«

Diese tröstliche Aussicht erhöhte die festliche Stimmung. Die Damen tanzten von 8 Uhr abends bis Mitternacht, und ihre Ehemänner dachten in ihrer Begeisterung für den Turm erst spät daran, ihre Kutscher zur Heimfahrt zu beordern. Die Dorfleute tanzten bis in den Morgen. Der Doktor hatte sich auf seinen Gaul gesetzt und hatte Fässer Bier, sogar Wein, auf der Wiese auffahren lassen.

Dieser Tag verwandelte das Verhältnis der Herzogin zu ihren Nachbarn gründlich, und von Stund an übersah sie, daß die Natur ihren lieben Doktor Sansfin so schmählich behandelt hatte.

Amiele schaute dem Treiben durch die verhangenen Fenster des herzoglichen Reisewagens zu, den ihre Gönnerin mitten auf der Wiese hatte aufstellen lassen. Unzählige Male kam die Herzogin zu ihr, um sich zu überzeugen, daß sie vor Feuchtigkeit und Zug geschützt war.

Acht Tage nach diesem gelungenen Turmfeste, von dem im Lande noch lange geredet ward, langte ein riesiger Möbelwagen aus Paris in Bayeux an. Er war voller Möbel und Stoffe, mit denen man ein ganzes Schloß hätte ausstatten können. Die mitgekommenen Handwerker richteten die fünf Stockwerke des Sarazenenturmes ein, alles blendend schön. Die Herzogin hatte ihrem Geiz, der bis dahin in ihr vorherrschenden Leidenschaft, den Laufpaß gegeben. Ihr Herz war leer gewesen; jetzt war es übervoll. Sie verfiel in die Maßlosigkeit der Leidenschaft. Bereits träumte sie von einem zweiten Feste.

Der zweite Stock, der für Amiele bestimmt war, wurde besonders entzückend eingerichtet. Sie erklärte, sie wolle hier wohnen. Kniefällig bat Sansfin, sie möchte bedenken, beide Räume seien noch nicht ausgetrocknet. Das kräftigste würde krank darin, geschweige denn ein so zartes Geschöpf. Vergebens! Amiele blieb dabei. Sie war nicht umsonst seit fünf Monaten seine gelehrige Schülerin gewesen!

Sansfin lenkte ein. Er erkannte das Motiv ihrer Laune.

»Die liebe Eitelkeit!« sagte er sich. »Der Hochmut des Weibes! Ich muß schleunigst nachgiebig werden; sonst lege ich den Keim zu einer Entfremdung, die in der Blütezeit dieser entzückenden Jungfrau zum Ausbruch kommen könnte, gerade dann, wo ihre Eroberung ein holdes Glück für mich Stiefkind der Natur sein wird!«

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