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Amiele

Stendhal: Amiele - Kapitel 7
Quellenangabe
typefragment
titleAmiele
authorStendhal
publisherDiogenes
year1921-24
firstpub1889
volumeBand10
translatorArthur Schurig
seriesStendhal Werkausgabe
senderwww.gaga.net
created20050903
projectiddc3e56ca
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Sechstes Kapitel

Arzt und Pfarrer

Die angebliche Augenschwäche der Herzogin gab ihr den Vorwand, Amiele dauernd bei sich zu behalten. Das junge Mädchen hatte bei ihr das Vertrauen gewonnen, das bisher ihr eben verstorbener Hund Dash besessen.

Jedem gewöhnlichen Bauernkinde wäre dies neue Leben eine endlose Wonne geworden, Amiele jedoch verlor sehr bald all ihren jugendlichen Frohsinn. Nach ein paar Monaten ward sie ernstlich krank.

Die Sache schien gefährlich, so daß sich die Herzogin darein schickte, den Doktor Sansfin holen zu lassen, der seit Jahren nur zum Neujahrstage im Schlosse erschien. Der Pfarrer Dusaillard hatte dafür gesorgt, daß ihm der Doktor Buirette aus dem nahen Städtchen Mortain vorgezogen wurde. Der Geistliche befürchtete nämlich, Sansfin könne Einfluß auf die Herzogin gewinnen und am Ende gar das angebliche Augenleiden heilen.

Der grenzenlos eitle bucklige Arzt war außer sieb vor Vergnügen, als er nach dem Schlosse gerufen ward. Das war das einzige, was seiner Berühmtheit weit und breit gefehlt hatte. Er nahm sich vor, einen tiefen Eindruck zu machen. Seiner Vermutung nach mußte die Herzogin vor Langerweile umkommen.

Während der ersten Hälfte seines Besuches benahm er sich absichtlich grob und ungeschliffen. Er sprach in den sonderbarsten Ausdrücken mit der Herzogin, wohl wissend, daß die große Dame feine, erwogene Worte gewohnt war.

Die Krankheit des jungen Mädchens verwunderte ihn.

»Es ist Lebensunlust!« sagte er zu sich. »Etwas sehr Seltenes in der Normandie. Die Kleine langweilt sich im schönen Wagen der Herzogin, in den Prachtgemächern des Schlosses, an der lukullischen Tafel! Ein merkwürdiger Fall! Den groben Kauz habe ich nun genug gespielt. Es heißt einlenken, lieber Doktor. Sonst hast du hier ausgespielt! Das Grausamste, was ich dieser großen Dame, die mich in diesem Augenblick geringschätzt, antun könnte, wäre, wenn ich erklärte, daß die Kleine zu ihren Verwandten zurückmüsse.«

Mit einem Male hatte Sansfin sein gewohntes Benehmen wieder. Dies war nicht gerade vornehm, verriet aber einen bedachtsamen Menschen, der seine Sache verstand und zuzugreifen wußte, wenn er auch keine Zeit hatte, das Feuer seines Geistes zu zügeln und seine Worte zu drechseln.

Er nahm eine Leichenbittermiene an.

»Gnädige Frau,« begann er, »zu meinem Bedauern sehe ich mich in der Lage, Ihnen etwas Trauriges eröffnen zu müssen. Die liebe Kleine wird kaum zu retten sein. Es sei denn, wir versuchten als letztes Mittel, die schreckliche Lungenkrankheit aufzuhalten: wir müßten sie in ihre gewohnte Umgebung zurückbringen.«

Die letzten Worte sagte er mit harter Stimme.

Die Herzogin fuhr erzürnt auf:

»Herr Doktor, ich habe Sie nicht rufen lassen, damit Sie die Ordnung in meinem Hause umstoßen, sondern um zu versuchen, falls Sie dies können, ob Sie das Unwohlsein des Kindes zu heilen imstande sind!«

»Gestatten Sie mir, mich untertänigst zu empfehlen«, erwiderte der Doktor mit sardonischer Miene. »Lassen Sie den Herrn Pfarrer holen! Meine Zeit gehört den Kranken, die ich nach meiner Art behandeln darf.«

Damit ging er, ohne auf Fräulein Anselma zu hören, die ihm von der Schloßherrin nachgesandt ward. Es war ihm merkwürdig zumute, daß er einer so vornehmen und herrlichen Dame Leid antat.

»So ein grober Klotz!« rief die Herzogin in höchster Ungnade. »Er weiß auch gar nicht, was sich schickt! Warum rennt er gleich wieder fort? Man hätte ihm die Zeit ja bezahlt!« Sodann befahl sie: »Der Pfarrer soll kommen!«

Dusaillard war im nächsten Augenblick zur Stelle. Er faßte sich nicht so kurz und bündig wie der Doktor Sansfin. Von seinem Beruf her gewohnt, viel Worte zu machen, brauchte er zu seiner ersten Antwort allein fünf Minuten. Sein Wortschwall würde den Leser entsetzen; die Herzogin fand Gefallen daran. Der Ton sagte ihr zu. Der Geistliche wetterte gegen diesen Menschen, den er vor den Leuten seinen verehrten Freund nannte. Sein Besuch währte nicht weniger als sieben Viertelstunden, und das Ergebnis war, daß die Herzogin einen Eilboten nach Paris schickte, um einen berühmten Arzt zu holen.

Ihr Haupteinwand gegen diesen Vorschlag war der gewesen, daß man im Hause Miossens noch nie einen Pariser Arzt für die Leute berufen hatte.

»Die gnädige Frau könnte den Arzt auch für die eigene Gesundheit berufen ...« wagte der Pfarrer zu sagen.

»Die Dienerschaft würde doch sehen,« wehrte sie hochmütig ab, »daß der Arzt aus Paris wegen Amiele und nicht wegen mir geholt worden ist.«

Der durch einen reitenden Boten gerufene Arzt ließ achtundvierzig Stunden auf sich warten, ehe er zu erscheinen geruhte. Er hieß Doktor Duchâteau und war eine Art Lovelace, noch jung und sehr elegant. Er redete viel und sehr gelehrt, hatte aber etwas so ungemein Gewöhnliches in seinem Benehmen und in seiner Sprache, daß selbst die Kammerfrauen entsetzt waren. Übrigens widmete er bei allem Geschwätz dem Zustand der Kranken keine fünf Minuten. Als man ihm die Symptome der Krankheit erzählen wollte, erklärte er, dies brauche er nicht zu wissen. Was er verordnete, war wertlos. Als er nach dreitägigem Aufenthalt wieder nach Paris fuhr, fühlte sich die Herzogin wie erlöst.

Nun ward der Mortainer Arzt gerufen. Er stand mit einer der Kammerfrauen in brieflicher Beziehung. Als er von der Schwere des Falles vernahm, ließ er sagen, er sei krank und könne nicht kommen.

Schließlich schickte man zum Doktor Dervillers nach Rouen. Der gab das Gegenstück zu seinem Pariser Kollegen ab; er war unheimlich verbindlich und sagte keinen Ton. Vor der Herzogin wollte er sich nicht offen aussprechen, aber zum Pfarrer sagte er, die Kleine habe kein halbes Jahr mehr zu leben.

Das war ein schwerer Schlag für die Herzogin. Sie sah sich ihrer einzigen Zerstreuung beraubt. Ihre Liebhaberei für Amiele stand gerade auf der Höhe. Sie war todunglücklich und wiederholte hundertmal, sie gebe gern hunderttausend Franken, wenn Amiele ihr gerettet würde.

Ihr Kutscher hörte dies und meinte in seiner elsässischen Grobheit:

»Na, gnädige Frau, dann holen Sie nur den Doktor Sansfin wieder her!«

Andern Tags fuhr die Herzogin voller Trübsal von der Messe zurück durchs Dorf, als sie auf der Hauptstraße den buckligen Arzt erblickte. Unwillkürlich rief sie ihn an.

Er hatte sich eine Boshaftigkeit ausgedacht. Mit treuherziger Miene ging er auf den Wagen zu und stieg ohne weiteres ein. Vor der Kranken erklärte er, er fände sie erschrecklich verändert, und verordnete ihr allerlei, was sie noch kränker erscheinen ließ.

Dieser Kunstgriff hatte einen Erfolg, der ihn entzückte. Die Herzogin ward selber krank. Bei all ihrem abscheulichen Egoismus, der im Grunde mehr Hochmut war, hatte sie doch ein gutes Herz. Jetzt machte sie sich Vorwürfe, daß sie Amielens Rückkehr nach Haus nicht gebilligt hatte. Nunmehr fand sie statt, und der bucklige Arzt frohlockte:

»Ich werde ihr Heilmittel sein!«

Er unterhielt die Kranke und flößte ihr Optimismus ein. Dazu wandte er die mannigfachsten Mittel an. Zum Beispiel hielt er ihr die Gerichtszeitung. Alle Morgen las man ihr daraus vor. Die Kriminalfälle interessierten sie. Die Willenskraft, die so mancher Verbrecher beweist, machte Eindruck auf sie. Es dauerte keine vierzehn Tage, und schon sah Amiele nicht mehr so sehr blaß aus.

Eines Tages sprach sich die Herzogin hierüber aus. Stolz erwiderte Sansfin:

»Sehen Sie, gnädige Frau, es ist nicht immer das Richtige, einen Pariser Arzt holen zu lassen, wenn man in der nächsten Nähe einen Doktor Sansfin hat! Und ein Pfarrer mag noch so gerissen sein: wenn der Neid seinen Verstand trübt, schlägt er in Dummheit über. Der Sansfin sieht unentwegt die Wahrheit; aber ich muß gestehen, daß die wissenschaftlichen Studien, die ich zu meiner Vervollkommnung treibe, mir keine Minute Zeit lassen. Deshalb poltere ich mitunter die Wahrheit allzu klar und deutlich heraus, und in vornehmen Häusern – das weiß ich sehr wohl – entsetzt man sich ob der ungeschminkten Redeweise eines Mannes, der seinen Kram versteht und es nicht nötig hat, honigsüße Worte zu machen. Aus Eigenliebe wollte sich die gnädige Frau nicht von einer Kammerjungfer trennen und sie nicht nach Hause lassen. Damit gefährdeten Sie ihr Leben. Es ist nicht mein Beruf, Ihnen zu sagen, welch Urteil die Religion über solch Unterfangen fällt. Wenn der Herr Pfarrer Dusaillard vor einer Dame von Ihrem Range seine Pflicht ordentlich zu erfüllen wagte, so müßte er sich viel schärferer Worte bedienen als ich. Doch, was gilt ihm der Untergang einer Seele? Den seelischen Tod sieht man ja nicht so wie den leiblichen! Sein Handwerk ist bequemer als das meinige. Die beiden Schafsköpfe aus Paris und Rouen haben die Kleine mit ihren Medizinen beinahe ins Grab gebracht. Strafen Sie mich Lügen, wenn ich nicht recht habe! Ich liebe die Menschen und meinen. Beruf dermaßen, daß ich wer weiß was unternommen hätte, um die Kleine heimlich zu behandeln; aber es war mir unmöglich. Sie opferten sie Ihrem Widerwillen vor der kraftvollen Sprache der Wahrheit. Jeden Augenblick konnte ein Blutsturz eintreten, und wenn Amiele in ihrem letzten Stündlein die Wahrheit hätte erkennen können, hätte sie Ihnen zugerufen: ›Herzogin, Sie haben mich gemordet!‹«

Die Herzogin war wie niedergeschmettert. Sie wähnte die Stimme eines Sehers zu vernehmen. Sie hatte ihr Leben so ungeschickt eingerichtet, daß sich kein Mensch mehr Mühe gab, beredt zu sein, um ihr die Langeweile zu vertreiben. Und es war lange her, daß ihre Schönheit und die werbenden Worte anderer ihren Salon belebt hatten.

Sansfin spielte mit dem seelischen Leid der Herzogin. Er steigerte es ins Wahnsinnige. Täglich zwang er sie eine Stunde lang auf die Folterbank seiner eindringlichen Worte. Bald war sie nicht mehr imstande, Amiele, wie gewohnt, zweimal am Tage im Hautemareschen Hause zu besuchen. Das Verfahren des Doktors, der sie von ihrer Blasiertheit heilen wollte, brachte die Kraftlose schließlich zu dem tollen Entschluß, ihr Schloß zu verlassen und auf einige Tage in eine kleine Hütte überzusiedeln, die dem Hautemareschen Hause benachbart war. Sansfin ließ sie schleunigst räumen und herrichten.

Des Doktors Eifer wurde durch die Wut des Pfarrers angespornt, der seine ganze Erfindungskraft aufwandte, um den buckligen Arzt aus dem Felde zu schlagen. Sansfin wußte sich auf einfache Weise zu verteidigen. Vor dem Pfarrer hatte jedermann im Dorfe Angst. Der Doktor verbreitete, Dusaillard sei eifersüchtig, weil der Doktor der kleinen Amiele das Leben gerettet habe, während der Pfarrer den Pariser Arzt zu rufen geraten habe. Danach war aller Welt Dusaillards Erregung erklärlich. Man freute sich allgemein, daß dem gefürchteten Pfaffen einmal etwas am Zeug geflickt wurde. Besonders freuten sich seine Amtsbrüder in den anderen Dörfern.

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