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Amiele

Stendhal: Amiele - Kapitel 5
Quellenangabe
typefragment
titleAmiele
authorStendhal
publisherDiogenes
year1921-24
firstpub1889
volumeBand10
translatorArthur Schurig
seriesStendhal Werkausgabe
senderwww.gaga.net
created20050903
projectiddc3e56ca
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Viertes Kapitel

Räubergeschichten

Amielens Onkel und Tante hatten es durch fleißiges Sparen dahin gebracht, daß sie im Genuß von 1800 Franken Zinsen im Jahre waren. Das beglückte die beiden, aber ihr hübsches Nichtchen kam dabei vor Schwermut um. In der Normandie sind die Geister frühreif. Mit ihren zwölf Jahren neigte Amiele bereits zu dieser Stimmung. Wenn sie in diesem Alter auftritt und nicht in körperlichem Leiden ihren Anlaß hat, so verrät dies das Vorhandensein von Seele. Frau Hautemare sah die geringste Zerstreuung als Sünde an. Sonntags durfte man nicht nur dem Tanze unter den großen Linden nicht zusehen; man durfte sich sogar nicht einmal vor die Haustür setzen, weil man die Fiedeln hörte, und weil man ein Endchen von dem verruchten Tanze sehen konnte, der den Pfarrer vor Ärger gelb färbte. Amiele weinte voller Trübsal.

Um sie zu beruhigen, gab ihr die liebe Tante Zuckerzeug, und die Kleine, die gern naschte, konnte ihr nicht gram werden. Der Küster seinerseits hielt streng darauf, daß Amiele vormittags und nachmittags je eine Stunde las. Dies erachtete er als seine hochnotpeinliche Pflicht.

»Wenn die Gemeinde mich dafür bezahlt,« pflegte er zu sagen, »daß ich den Kindern das Lesen beibringe, so muß ich zu allererst bei meiner Nichte anfangen; denn nächst dem lieben Gott bin ich die Veranlassung, daß sie in unser Dorf gekommen ist.«

Diese regelmäßigen Lesestunden waren dem Kinde eine Marter. Allerdings, wenn der gutmütige Schulmeister sie weinen sah, schenkte er ihr ein paar Pfennige, um sie zu beruhigen. Aber trotz dieses Geldes, das immer flugs in Pfefferkuchenmännchen umgetauscht ward, haßte Amiele das Lesen.

An einem Sonntage, an dem es der Kleinen nicht geglückt war, zu entwischen, und an dem die Tante ihr verboten hatte, zur offenen Türe hinauszuschauen, aus Besorgnis, irgendwelche weiße Haube könne vorbeiparadieren, entdeckte Amiele auf dem Bücherbrette die »Geschichte von den vier Haimonskindern«. Der Holzschnitt des Titels entzückte Amiele. Da sie sich aber nicht so ganz klar war, was er darstellte, überlas sie flüchtig, mit einem gewissen Widerstreben, die erste Seite des Buches. Der Inhalt machte ihr Spaß. Sie vergaß, daß ihr zu ihrem Leid verboten worden war, dem Tanzen aus der Ferne zuzusehen, und es dauerte nicht lange, so dachte sie nur noch an die vier Haimonskinder.

Dieses Buch, das Hautemare einem schlechten Schüler weggenommen hatte, vollbrachte einen unglaublichen Umsturz in der Seele des kleinen Mädchens. Den ganzen Abend und die ganze Nacht dachte Amiele an nichts anderes als an die Haimonskinder und ihr Roß. So unschuldig sie noch war, so ahnte sie doch, daß es nicht ein und dasselbe war, sittsam neben dem gebrechlichen alten Onkel einherzugehen, oder in den Armen eines der Haimonskinder im Tanz dahinzufliegen.

So kam es, daß Amiele immer mehr Bücher des Schulmeisters voll toller Lust las, wenngleich sie nicht viel davon verstand. Zum Beispiel verschlang sie, der Liebesabenteuer der Dido wegen, eine Übersetzung der Äneide des Virgil. Das war ein in Pergament gebundener alter Schmöker mit der Jahreszahl 1620. Jedwede Erzählung belustigte sie.

Als sie die Bücher ihres Onkels allesamt durchgelesen und in sich aufgenommen zu haben glaubte, suchte sie die ältesten und häßlichsten heraus und schleppte sie zum Krämer im Dorfe. Der gab ihr dafür ein halbes Pfund Traubenrosinen sowie drei Hefte Räubergeschichten.

Man weiß, daß diese Art Literatur durchaus nicht im Sinne unseres tugendreichen Jahrhunderts geschrieben ist. Die Akademie Française hat sich auch noch nicht damit abgegeben; folglich ist dies Genre gewiß nicht langweilig. Kurz und gut, alsbald hatte Amiele nichts mehr im Kopfe als alle die Helden dieser Hefte, deren Lebensende ausnahmslos zwischen Himmel und Erde und angesichts einer Menge Schaulustiger stattfand, was der kleinen Leserin erhaben dünkte. Hatten sie nicht Mut und Tatkraft ohnegleichen?

Eines Abends beging Amiele eine Unbesonnenheit, jene großen Männer vor ihrem Onkel zu erwähnen. Entsetzt machte er das Zeichen des Kreuzes.

»Merke dir das, Amiele!« rief er aus. »Nur die Heiligen sind große Männer!«

Und Frau Hautemare jammerte: »Woher mag sie so schreckliche Einfälle haben?«

Und während des ganzen Abendessens unterhielten sich die beiden Biederleute in Amielens Gegenwart von nichts anderem als von den wunderlichen Worten ihres Pflegekindes. Beim gemeinsamen Gebet hernach fügte der Schulmeister ein besonderes »Pater« hinzu, indem er den Himmel anflehte, seine Nichte vor den Gedanken an böse Spitzbuben fortan gnädiglich zu bewahren.

Amiele war ein aufgewecktes Kind, voll Witz und Phantasie. Das Gebet hatte sie tief ergriffen.

»Warum will Onkel,« sagte sie bei sich, als sie in ihrem Bette lag, »daß ich diese Männer nicht bewundere?«

Sie vermochte nicht einzuschlafen.

Mit einem Male kam ihr der verbrecherische Gedanke:

»Ob mein Onkel der armen Witwe Renoard, der die Steuereinnehmer die schwarze Kuh aus dem Stalle ziehen wollten und der für sich und ihre sieben Kinder nur noch dreizehn Groschen zum Leben blieben, zehn Taler geschenkt hätte wie der Räuber Kartusch?«

Eine Viertelstunde lang weinte Amiele. Schließlich sagte sie sich:

»Hätte mein Onkel auf dem Blutgerüst die Schläge mit der eisernen Keule ausgehalten, mit der der Henker dem Herrn Mandrin die Knochen kleinschlug, ohne daß der auch nur mit der Wimper zuckte? Bei jedem Steinchen, an das Onkel mit seinem Gichtfuß stößt, stöhnt er kreuzerbärmlich und ohne Ende!«

In dieser Nacht vollzog sich in Amieles Geist eine große Umwälzung. Am anderen Tage trug sie den bilderreichen alten Virgil zum Krämer. Sie wies Feigen und Rosinen zurück und ließ sich dafür eine neue schöne verpönte Räubergeschichte verabreichen.

Der folgende Tag war ein Freitag. Am Abend, als die Tante vom Tisch aufstand, bemerkte sie, daß der Topf, in dem ein Rest Fleischbrühe vom Donnerstag gewesen, leer war. Höchste Verzweiflung ergriff sie. Amiele hatte Fleischbrühe in die Freitagssuppe getan!

»Was ist da weiter dabei?« sagte Amiele leichtfertig. »Wir haben eine gute Suppe gehabt! Vielleicht wäre das bißchen Fleischbrühe gar verdorben!«

Selbstverständlich wurde Amiele wegen dieser gräßlichen Sünde von beiden Alten tüchtig ausgescholten. Die Tante bekam schlechte Laune, und weil sie niemanden anderen hatte, ließ sie ihren Grimm an der Nichte aus. Amiele war bereits viel zu schlau, als daß sie dies der lieben Tante übelgenommen hätte, die ihr immer Zuckerzeug schenkte. Übrigens erkannte sie, daß sie tatsächlich außer sich war, weil sie an einem Freitag Fleischbrühe genossen hatte.

Amiele grübelte wochenlang über diesen Vorfall nach. Da hörte sie zufällig, wie Frau Merlin, die benachbarte Kneipwirtin, zu einem ihrer Kinder sagte:

»Hautemares sind brave Leutchen, nur ein bißchen beschränkt!«

Amiele hegte sowieso eine zärtliche Vorliebe für Frau Merlin, weil sie in ihrer Schenke den ganzen Tag singen und lachen hörte, mitunter sogar Freitags.

»Da haben wir die Geschichte!« rief Amiele mit einem Male wie erleuchtet. »Onkel und Tante sind beschränkt!«

Acht Tage lang redete sie keine zehn Worte. Diese Aufklärung hatte sie jedweder Grübelei enthoben.

»Mir sagt man derlei nicht!« dachte sie bei sich. »Ich bin dazu noch viel zu klein. Das ist wie mit der Liebe, von der ich auch nicht reden darf, obwohl mir niemand sagt, was das ist.«

Seit diesem großen Erlebnis war alles, wovon die Tante predigte, d.h. alles, was Pflicht und Brauch im Dorfe sei, ohne weiteres etwas Lächerliches in Amielens Augen. »Dummes Zeug!« flüsterte sie vor sich hin, wenn Onkel oder Tante irgend etwas sagten. Den Rosenkranz am Abend eines Feiertages nicht abbeten, an einem Fasttage nicht fasten oder in den Wald auf Liebschaften ausgehen, – alles das hatte für Amiele den gleichen Grad der Sünde.

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