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Amiele

Stendhal: Amiele - Kapitel 26
Quellenangabe
typefragment
titleAmiele
authorStendhal
publisherDiogenes
year1921-24
firstpub1889
volumeBand10
translatorArthur Schurig
seriesStendhal Werkausgabe
senderwww.gaga.net
created20050903
projectiddc3e56ca
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Der Abbé Clement

Wie Amiele die Rue de Bourgogne entlang fuhr, erblickte sie an der Ludwigsbrücke einen schmutzbespritzten jungen Mann. Ihr Herz begann heftig zu schlagen. Der junge Mensch trug ein nicht besonders gut geplättetes Vorhemd, einen schwarzen Schlips, der einem Strick ähnelte, und ein grobes Leinwandhemd, das er nicht den ersten Tag auf dem Leibe hatte.

Es war der Abbé Clement.

Amiele läßt halten. Der Diener steigt vom Bock, umständlich und langsam, um seine schönen weißen Strümpfe zu schonen.

»So beeilen Sie sich doch!« ruft Amiele, die sich sonst nie über ihre Leute aufregt, voller Ungeduld.

»Sagen Sie dem Herrn dort im schwarzen Rocke, eine Dame wolle ihn sprechen. Bitten Sie ihn her!«

Der Diener war so gut gekleidet, daß der schlichte Abbé eine Verbeugung nach der anderen machte. Jener mochte sagen, was er wollte, der Abbé gab immer wieder zur Antwort:

»Ja, was wünschen Sie denn, mein Herr?«

Endlich erkannte er Amielen. Diese vornehme Dame! Er ward rot bis unter die Haarwurzeln, und der Lakai wiederholte ihm zum dritten Male, die gnädige Frau wünsche ihn zu sprechen. Noch immer zögerte der arme Abbé, zum Wagen zu folgen. Beinahe hätte ihn ein Wagen überfahren, der zwischen ihm und Amielens Halbchaise in starkem Trabe dahinraste.

Der Diener nahm ihn am Arme und schleppte ihn zu seiner Herrin, die zu ihm sagte:

»Steigen Sie doch ein! Schämen Sie sich, in Ihrem Priesterrocke neben mir zu sitzen? Dann fahren wir in eine einsame Gegend... Nach dem Luxembourg!« rief sie dem Kutscher zu. »Wie freue ich mich, daß ich Sie wiedersehe!«

Der arme Abbé erinnerte sich, daß er Amielen so mancherlei vorzuwerfen hatte, aber der leichte feine Duft, der ihren Kleidern entströmte, berauschte ihn. Er verstand nichts von eleganten Dingen, aber er hatte, wie alle kunstempfänglichen Herzen, Sinn dafür, und so ward er nicht müde, Amielens scheinbar so schlichtes Äußere zu betrachten. Was für ein entzückend manierliches Menschenkind war aus dem kleinen Bauernmädel geworden! Was für einen himmlischsüßen Blick sie hatte!

»Mir scheint, meine Toilette verursacht Ihnen Bedenken«, sagte sie zu ihm, und da der Wagen gerade in die Rue du Dragon einbog, befahl sie vor einem Modewarengeschäft zu halten. Sie kaufte sich einen ganz einfachen Hut.

Am Tor des Luxembourg-Gartens stiegen sie aus. Sie legte ihren bisherigen Hut in den Wagen und gebot dem Kutscher, nach Haus zu fahren.

Der biedere Abbé, noch immer im Banne des Erlebnisses, erging sich in höflichen Redensarten, als Einleitung seiner Strafpredigt.

»Gestatten Sie mir, verehrter lieber Gönner,« unterbrach ihn Amiele, »daß ich Ihnen meine ganze Geschichte erzähle, von dem Augenblick an, wo die Herzogin ihre arme Vorleserin entließ ...«

Sie lachte. Dann fuhr sie fort:

»Ja, ich will Ihnen alles beichten. Versprechen Sie mir, das Beichtgeheimnis zu wahren? Vor der Herzogin, vor dem Herzog?«

»Selbstverständlich!« erwiderte der Abbé in salbungsvollem Tone, innerlich tief erregt.

»Dann werde ich Ihnen nichts verheimlichen!«

Und in der Tat berichtete sie ihm alles, mit Ausnahme des Abenteuers mit Hans Berville und der Zuneigung, die sie im Augenblick für den Abbé zu empfinden vermeinte. Und da sie in ihrem Drange, die Beweggründe ihrer Handlungen verständlich zu machen, alle möglichen charakteristischen Einzelheiten hinzufügte, so dauerte ihre Beichte nicht weniger denn anderthalbe Stunde.

Inzwischen gelang es dem Abbé, sich einigermaßen zu fassen. Er äußerte ein paar moralische weise Betrachtungen; dann aber übermannte ihn das Bewußtsein, wie sehr er ihre hübschen Hände bewunderte. Voller Scham fühlte er das glühende Verlangen, sie in die seinen zu nehmen, sie zu drücken, ja, sie zu küssen. Willens, zu gehen, hielt er ihr eine weise, strenge, ausführliche Predigt ob ihrer Fehltritte, und schloß mit den Worten:

»Nur dann kann ich bei Ihnen bleiben und Sie wiedersehen, wenn Sie die feste Absicht kundtun, Ihre Lebensführung zu ändern.«

Es war Amielens sehnlichster Wunsch, einen ergebenen und klugen Freund zu besitzen, mit dem sie sich über alle ihre Erlebnisse aussprechen könnte. Seit ihrem Weggange von Carville hatte sie zu niemandem aufrichtig sein dürfen.

Sie übertrieb ihre seelische Unruhe ein wenig und ließ das Wort »Reue« fallen. Daraufhin vermochte ihr der barmherzige Abbé ein zweites Wiedersehen nicht abzuschlagen. Er fühlte die Gefahr, aber zugleich sagte er sich:

›Wenn irgendwer in Gottes Welt die Hoffnung hegen darf, Sie auf den Weg zum Guten zurückzugeleiten, so bin ich's!‹

Der gute Mann brachte ein großes Opfer, als er ein zweites Stelldichein verabredete, denn ein schrecklicher Gedanke bemächtigte sich unwillkürlich seines frommen Herzens:

›Mit welcher Leichfertigkeit gibt sich dieses entzückende junge Geschöpf hin, sobald einmal ihr Verstand besiegt ist! Offenbar legt sie wenig Wert auf das, was alle Frauen so hoch einschätzen, die das aus Lasterhaftigkeit oder Gewinnsucht tun, was sie infolge des Leichtsinns ihrer seltsamen Natur tut. Bei ihrem Freimut und der Zuneigung, die sie mir zeigt, brauchte ich nur ein Wort zu sagen ...‹

Am Abend drückte dieser Gedanke den wahrhaft frommen Mann Gottes so ungeheuerlich, daß er schon im Begriffe war, nach der Normandie zu reisen. Die ganze Nacht schloß er kein Auge. Frühmorgens war seine Aufregung noch schlimmer.

Er sagte sich:

›Vielleicht ist es Amielen ernst damit, zu ehrbaren Grundsätzen zurückzukehren? Wenn es mir gelänge, sie zu überzeugen: dem Glauben folgen Taten! Wenn ich fortgehe, so ist die Gelegenheit für immer dahin, und ewig müßte ich mir Vorwürfe machen, daß eine trotz ihrer Flecke so schöne und edle Seele verloren ist. Der Kopf hat sie in die Irre geführt, aber ihr Herz ist rein.‹

In seiner Seelennot suchte der junge Abbé den Abbé Germer auf, seinen Beichtvater. Selbiger, von solcher Tugendliebe gerührt, gebot ihm ohne langes Bedenken, in Paris zu verbleiben und Amielens Bekehrung auf sich zu nehmen.

Die zweite Begegnung sollte in einem kleinen Gasthofe von Villejuif stattfinden. Dort hatte Amiele, von plötzlichem Unwohlsein befallen, einmal Zuflucht gefunden. Das ehrliche Gesicht der Wirtin war ihr im Gedächtnis verblieben.

Der Abbé traf Amiele, die sich in einem Zimmer des ersten Stockes häuslich niedergelassen hatte. Im ganzen Hause war alles bei der Arbeit.

Clement wich erstaunt zurück, als er Amiele erblickte. Sie trug über dem Hut, den sie tags zuvor in der Rue du Dragon gekauft hatte, einen dichten schwarzen Schleier. Als sie ihn aufschlug, schaute er in ein ihm fremdes Gesicht.

Amiele war eine angehende Menschenkennerin. Sie glaubte den Grund zu ahnen, warum der junge Priester gestern gezögert hatte, ihr ein zweites Wiedersehen zuzugestehen. Deshalb hatte sie sich heute mit grüner Schminke häßlich gemacht.

Lachend rief sie dem Abbé entgegen:

»Mir schien es gestern, als vermeinten Sie, Gefallsucht sei die Urwurzel meines schlechten Lebenswandels. Sagen Sie: bin ich gefallsüchtig?«

Und in ernsterem Tone fuhr sie fort:

»Ich habe mich nicht für schlecht gehalten, wenn ich mich jungen Männern hingab, die nicht nach meinem Geschmack waren. Ich wollte nur wissen, ob ich überhaupt lieben kann! Bin ich nicht Herrin meiner selbst? Wen habe ich damit benachteiligt? Welches Gelübde habe ich gebrochen?«

Einmal bei den Leitmotiven angelangt, führte Amiele den Abbé in ganz andere Versuchungen als die, vor denen er sich gestern gefürchtet hatte. Sie offenbarte ihm grauenhaften Unglauben. Die tiefe Wißbegier, die tatsächlich ihre einzige Leidenschaft war (zu der sich eine kunterbunte Selbstbildung gesellte, die mit dem Aufenthalt in Rouen begonnen hatte), veranlaßte sie, Dinge zu äußern, vor denen dem jungen Theologen die Haare zu Berge standen. Mehrfach war er nicht imstande, genügende Antworten zu geben.

Als Amiele seine Verwirrung sah, tat Amiele alles andere, als daß sie ihren ungewollten Sieg ausnutzte. Sie stellte sich vor, in welch herzloser Weise Graf Neerwinden an ihrer Stelle vorgehen würde. Es war ihr eine Freude, höher zu stehen.

Sie sagte:

»Lieber Freund, sollte man nicht meinen, wenn man mich seit einer Stunde lauter neugierige Fragen stellen hört, ich sei die schwärzeste Seele der Welt und hätte meine ersten Wohltäter ganz vergessen? Wie geht es meinem trefflichen Onkel Hautemare und meiner Tante? Verfluchen sie mich?«

Der Abbé, der bei dieser Rückkehr zu den irdischen Dingen aufatmete, setzte ihr lang und breit auseinander, daß sich die Eheleute Hautemare durchaus wie kluge Normannen benommen hätten. Vernünftigerweise hätten sie das Märchen verbreitet, daß ihnen Amiele an die Hand gegeben. Jedermann in Carville glaube, sie lebe in einem Dorfe bei Orléans, um eine hochbetagte Großtante zu pflegen und sich einen guten Platz in deren Testament zu sichern. Jedermann im Dorfe wisse von den 100 Franken, die Hautemares durch die Post bekommen hatten und die ihnen der Herzog zufällig aus Orléans geschickt hatte. Man halte sie für den Teil eines Geschenkes, das Amiele von der alten Verwandten bekommen hatte.

»Gewiß,« meinte Amiele versonnen, »der Herzog war die Güte selbst. Ebenso die Herzogin. Nur war er reichlich langweilig.«

Mit großem Erstaunen vernahm sie, daß der Herzog sehr erregt gewesen war, überzeugt, er sei verliebt in Amiele. Er hatte sie in der ganzen Normandie und Bretagne suchen lassen, getäuscht durch den Brief, den sie aus Saint-Quentin datiert hatte.

Noch immer leiste er seiner Mutter Widerstand. Seine eingebildete Leidenschaft habe ihm Charakter verliehen.

Amiele lachte laut auf, als sei sie noch ein Bauernmädchen.

»Der Herzog hat Charakter!« rief sie aus. »Da möchte ich ihn einmal sehen!«

»Machen Sie nie den Versuch, ihn zu sehen!« sagte der Abbé erregt. Er mißdeutete Amielens Gefühl hierbei. »Wollen Sie den Kummer der gnädigen Frau vermehren? Ich weiß durch meine Tante, daß sie über den Ungehorsam ihres Sohnes in Verzweiflung ist. Sie will ihn verheiraten, und sie ahnt, daß er ihr, wenn er verheiratet ist, völlig entrückt sein wird.«

Amielens Fragen, was sich alles in der Heimat zugetragen, fanden kein Ende. Das Leben hatte sie genug in die Schule genommen, als daß sie an den harmlosen Erinnerungen an ihr Dorf nicht Freude gehabt hätte.

Sie erfuhr, daß Sansfin nach Paris gegangen war. Er hatte die Kühnheit gehabt, sich auf die Liste der Abgeordneten des Wahlkreises, zu dem Carville gehörte, setzen zu lassen. Diese Anmaßung hatte ihm ein so allgemeines Hohngelächter eingetragen, daß der kleine Bucklige auf ein Verbleiben in seiner Heimat verzichtete. Von seinem Zorn übermannt, hatte er eines Tages im Gehölz dem stellvertretenden Gemeindevorstand, der einen Witz über den buckligen Deputierten gemacht hatte, ein paar Ohrfeigen verabreicht.

Durch ihre häufigen Gespräche mit dem Abbé machte Amielens Geist Riesenfortschritte. Häufig sagte sie ihm Dinge, die seiner Weltanschauung stark zuwiderliefen. Er war nicht fähig, ihre Zweifel auch nur einigermaßen zu beschwichtigen. Daraus zog sie die Folgerung, nicht aus Eigenliebe, sondern in ihrem Vertrauen auf die Ehrlichkeit des Abbé, daß ihre Gedanken der Wahrheit auf der Spur waren.

Der Abbé hatte ihr gesagt:

»Nur den Menschen kennt man, den man alle Tage und lange sieht.«

Am selben Abend erteilte sie dem Marquis de la Vernaye den Abschied und warf dem Baron D*** einen verheißungsvollen Blick zu.

»Ich erhöre Sie,« erklärte sie ihm, »um Neerwinden vor aller Welt zu verspotten und um ihm Gelegenheit zu geben, mir seinen Charakter zu zeigen. Er soll die Wonnen, Hörner zu tragen, erfahren, aber ich kaufe nicht die Katze im Sack. Die Rolle, die ich Ihnen zugedacht, kann ihre Gefahren haben. Sie erhalten Ihren Lohn bei der ersten Torheit aus Eifersucht, die sich mein Herr und Gebieter leistet.«

Sie hatte sich an einen Helden gewandt.

Tags darauf fand ein Diner im Wald von Verrières statt, wobei D*** unglaubliche Narreteien beging, um seine Verliebtheit in Amiele offenkundig zu machen. Neerwinden erkannte den Sinn. Seine schwermütige Natur sah die Sache schlimmer an, als sie war. Seine maßlose Wut hinderte ihn am äußersten.

»Das wäre dieses Normannenmädel nicht wert! Ich würde meine Inferiorität öffentlich beglaubigen, wenn ich mich ihretwegen in ein Duell einließe!«

D*** war toll vor Leidenschaft, seit ihn Amielens Blick Liebe verheißen hatte. Er holte sich bei Montror Rat, der sich Verschwiegenheit ausbat. Neerwinden hatte ihn etliche Male unhöflich behandelt.

Sein Rat lautete:

»Suchen Sie unter den Hutmachern von Paris, bis sie einen finden, der sein Geschäft eben eröffnet. Lassen Sie sich von ihm eine der üblichen Empfehlungskarten geben. Schreiben Sie darunter: ›Absender: Boucaud von Neerwinden in Périgueux.‹ Diese Anzeige schicken Sie Ihrem Rivalen!«

Er fügte hinzu: »Der Vater des alten Grafen war nämlich Hutmacher.«

Um Neerwindens Wut zu genießen, ließ D*** die Empfehlungskarte mitten beim Diner überreichen.

Der Graf ward totenblaß, und nach ein paar Minuten sagte er:

»Mir ist nicht wohl; ich muß frische Luft schöpfen.«

Damit ging er und ward an jenem Abend nicht mehr gesehen.

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