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Amiele

Stendhal: Amiele - Kapitel 25
Quellenangabe
typefragment
titleAmiele
authorStendhal
publisherDiogenes
year1921-24
firstpub1889
volumeBand10
translatorArthur Schurig
seriesStendhal Werkausgabe
senderwww.gaga.net
created20050903
projectiddc3e56ca
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Getrennte Schlafzimmer

Unter allen den Genossinnen ihrer Vergnügungen bevorzugte Amiele eine junge Schauspielerin aus den »Variétés«, eine geistreiche, gottlos geistreiche Person, ein Fräulein Caillot.

Bei einem Picknick im Meudoner Walde erging sie sich mit ihr, und im Laufe eines langen Gesprächs, das Amielen sehr ernst stimmte, gestand ihr Fräulein Caillot, sie sei durchaus nicht geistreich, sondern sie verstehe sich lediglich darauf, neue, nette, sie selber überraschende Einfälle, die ihr von ungefähr in den Sinn kämen, ausgiebig zu verwenden.

»Zuweilen sind Sie unverständlich«, sagte sie. »Wenn Sie etwas sagen wollen, gebrauchen Sie vielzuviel Worte, lediglich, um ja nicht in die normannische Ausdrucksweise zu verfallen!«

Amiele dankte ihr voller Bewunderung. Sie liebte die Schauspielerin.

»Sie sind tausendmal mehr wert als ich!« wehrte diese das aufrichtige Lob Amielens ab. »Vermeiden Sie nur eine Klippe! Die Heiterkeitsausbrüche, die ich zuweilen verursache, führen Sie irre. Ahmen Sie mir nicht nach! Wenn Ihr Herz sich nicht sträubt, so wagen Sie getrost das Gegenteil von dem, wie Sie mich sehen!«

Neerwinden nahm voll innerster und heimlichster Befriedigung wahr, daß er seit dem Auftauchen von Frau de Saint-Serve eine größere Rolle spielte. Das Ansehen, das er unter den jungen Lebemännern genoß, war beträchtlich vermehrt.

Jener Sommer war heiß, und ländliche Feste kamen in Mode. Sie hatten den Reiz des Neuen, weil in den Jahren vordem Kälte und Regen vorherrschend gewesen waren. Die reichsten seiner Bekannten veranstalteten zu Ehren von Frau de Saint-Serve Feste in der Umgebung der Stadt. Diese Picknicks wurden in Maisons, Meudon, Poissy, ja sogar in Roche-Guyon abgehalten.

Amiele, die ihre persönlichen Neigungen durchzusetzen verstand, war der Anlaß, daß man zu jeder Uraufführung ging. Sie wollte die Urteile ihres Literaturlehrers prüfen. Sie hatte eine Unmenge Lehrer, und sie selbst war fleißig wie ein Schuljunge. Sogar mit Mathematik gab sie sich ab. Nach den Landausflügen kam man um 9 Uhr in das Theater. Amielens Erscheinen verfehlte nie seine Wirkung. Aber der Graf war jedesmal ungehalten darüber, daß sie so geräuschlos wie möglich in ihre Loge trat.

»Willst du ewig den Eindruck einer Zofe machen, die in einem Kleid ihrer Herrin deren Loge benützen darf?«

Amielens scharmante Art, die sie im Paris von 183* zu einer ungewöhnlichen Erscheinung machte und sie in den Salons der Lebedamen vom ersten Tage ihres Auftretens in den Vordergrund gestellt hatte, fand in den Augen des Grafen von Neerwinden keine Gnade; sie mißfiel ihm sogar. Ihr graziöses pikantes Wesen wirkte aus zwei Gründen; einmal war es etwas Neues, und zweitens verriet es bei aller Natürlichkeit doch, daß sie in einem Salon der großen Welt geschult war. Sie war mit den Sitten der aristokratischen Gesellschaft vertraut; sie folgte getreulich ihren Vorschriften. Aber doch hatte sie erkannt, daß im Zeitalter Karls X. und Ludwigs XVIII. jede Übertreibung der Geschmacklosigkeit gleichkam. Ihr schwebte immer der Salon der Herzogin von Miossens vor, in dem sie sich geradezu krank gelangweilt hatte. Dieser überstandenen Qual verdankte sie ihren verführerischen Reiz. Ihre lebhafte, beinahe südländische Natur hätte ihr das Gemessene und Abgezirkelte, das in den dreißiger Jahren den Kern des Benehmens in der Gesellschaft des Faubourg Saint-Germain ausmachte, sehr erschwert. Aber man sah deutlich, daß sie im Notfalle sofort imstande war, ihre ungewöhnliche Natürlichkeit dem tadellosesten »bon ton« weichen zu lassen. Ihr freimütiges Wesen hatte etwas ungemein Herzliches, Vertrauenerweckendes. Neerwindens Furcht, für nicht voll angesehen zu werden, machte ihn für Amielens Anmut unempfänglich. Gerade bei den jetzt tagtäglichen ländlichen Veranstaltungen kam ihre Art zur Geltung. Aber alle diese Genußmenschen, in deren Mitte sie lebte, waren zu wenig Beobachter und Psychologen, als daß sie den Reiz dieser Frau, den sie köstlich fanden, ergründet hätten.

Eines Tages meinte Larduel, einer der Spaßmacher des Kreises, entzückt von Amielen, in seiner Begeisterung:

»Sie könnte Hofdame sein!«

»Dazu wäre sie zu gut«, erwiderte der alte Baron de Prévan, der Diktator jener jungen Männer. »Mit ihrem Genie würde sie sich am Hofe zu Tode langweilen. Mit ihrem süßen heiteren Wesen ist sie der leibhafte Frohsinn. Sie besitzt den Mut, den mehr männlichen als weiblichen, eurer Geringschätzung Trotz zu bieten. Darin ist sie unvergleichlich! Schaut sie euch genau an, meine Herren! Sollte eine Laune sie euch entführen, eine zweite Amiele werdet ihr nicht finden!«

Noch eine andere Eigenart erhielt sie auf unberechenbarer Höhe. Inmitten der Gelage, die mehr und mehr zu Orgien ausarteten, saß sie mit ihrem entzückenden Gesicht da, sichtlich ohne Verständnis für das, was den Reiz dieser Art Vergnügen ausmachen soll. Man sah ihr an, daß sie an der Zügellosigkeit, die man in der lebemännischen Gesellschaft und sonstwo »Vergnügen« nennt, keinen Gefallen fand. So unglaublich es klingt: keine der Damen haßte Amiele. Gewiß, ihr ungewöhnlicher Erfolg wirkte abkühlend; aber einmal galt ihr das sogenannte Vergnügen nichts, und dann verkehrte sie mit ihren guten Bekannten in so unsagbar feiner, heiterer Urbanität, daß sie alle bezwang. Ihr, der geistig Überlegenen, die sonst (zum Ärger des Grafen!) so vieles lächerlich fand, und die ihrerseits so jugendlich und unwiderstehlich schön war, fiel es niemals ein, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft durch irgendwelche Bemerkung über Schönheits- oder Charakterfehler anderer Damen auf sich zu lenken. Die üblichen Epigramme kannte ihr Mund grundsätzlich nicht. Nie glitt von ihren Lippen auch nur ein Wort über das reichlich skandalöse Vorleben ihrer Freundinnen. Der Grund war sehr einfach. Amiele war sich nichts weniger denn klar darüber, ob diese Frauen zu ihrem Lebenswandel nicht im Grunde berechtigt waren. Sie studierte, sie zweifelte, sie wußte nicht, an was sie sich zuvörderst halten solle. Die Wißbegier war allezeit ihre sie verzehrende Hauptleidenschaft.

Das Leben, das sie der Hochmut Neerwindens zu führen veranlaßte, hatte in ihren Augen nur einen Vorteil. Aus den Reden der anderen schloß sie, daß man sie allgemein um dieses Leben beneidete. Es war physisch angenehm. Tafelfreuden, Wagen und Pferde, kostbar ausgestattete eigene Logen im Opernhause und in der Komödie. Amiele leugnete den Wert dieser herrlichen Dinge nicht, deren Entbehren sie bedrückt, vielleicht (sicher ist das nicht!) sogar unglücklich gemacht hätte, deren Genuß jedoch nicht genügte, sie glücklich zu machen.

Insgeheim quälte sie das alte Problem noch immer wie einst in Carville: ›Ist die Liebe, von der die jungen Leute so schwärmen, tatsächlich für sie die Königin aller Freuden, und bin ich liebesunfähig?‹

»Ja, meine Herren,« sagte der Graf eines Tages zu seinen Freunden, die sein Glück rühmten, »was Sie blendet, berückt mich durchaus nicht. Mag es der Vorzug oder der Nachteil des festen Charakters sein, den mir der Himmel verliehen, diese schöne Frau von Saint-Serve, die ihr mit euren Schmeicheleien verwöhnt, macht mich nicht zum Narren! Ich habe unfehlbare Mittel, ihren Stolz zu zügeln. Seit acht Wochen, das heißt, solange wir in Paris sind, schlafen wir nicht im gleichen Zimmer!«

Die eitle Prahlerei wandelte mit einem Schlage alle Freunde des Grafen. Sie hatten geglaubt, Amiele berausche sich an den Vergnügungen der Welt; sie genieße diese ländlichen Feste voller Lebenslust. Sie hatten sie für die glücklichste aller Frauen gehalten. Der üblichen Anschauung gemäß hielten sie den Sinnengenuß für einen notwendigen Bestandteil des Glückes. Bei zwei Schlafzimmern konnte von völliger Befriedigung somit keine Rede sein.

Jetzt begannen die Herren Hoffnung zu fassen und Pläne zu schmieden. Sechs Wochen nach jenem unklugen Geständnis hatten bereits alle Intimi des Grafen ihr Glück bei Amiele versucht, und alle waren sie in schlichter Weise, ohne Appell an die hohe Weibestugend, abgewiesen worden.

»Wer weiß, vielleicht später! Jetzt nicht!«

Da, eines Abends, als man aus dem Walde von Saint-Germain herabging, um bei Maisons in das Dampfboot zu steigen, bemerkte Amiele, daß die Augen des Fräuleins Caillot vor Glück schimmerten. Die fröhliche Stimmung der Gesellschaft hatte ihre Natürlichkeit verloren. Man kitzelte sich, um einander zum Lachen zu bringen. Amiele kam es vor, als sei der Geist seit einer Viertelstunde davongegangen. Dies benützte sie.

»Welcher von allen den Herren – selbstverständlich Ihren Freund ausgenommen – ist der Geistreichste?« fragte sie die Caillot.

»Larduel!«

»Wen müßte ich mir als Tröster wählen,« fuhr sie fort, »um Neerwinden, dessen Fadheit heute unausstehlich ist, gründlichst zu ärgern?«

»Den Marquis de la Vernaye!«

»Ach, diesen kalten Menschen!«

»Reden Sie drei Worte mit ihm, und Sie werden sehen, ob er zu Ihnen kalt ist. Er betet Sie an! Allerdings, es wäre grand amour, ernst, salbungsvoll, langweilig!«

Amiele näherte sich dem Marquis und sprach ihn lächelnd an:

»Sie langweilen sich heute abend?«

Anfangs kühl und unnahbar, erinnerte er dadurch Amielen an Neerwindens Mißmut. Er sagte ihr gedrechselte Artigkeiten, so daß sie sich nach Larduel umschaute. Er ging hundert Schritte vor ihnen, plaudernd mit Fräulein Duverny, von der Oper.

»Wieso habe ich Glück?«

»Sie haben heute Glück!« sagte Amiele zu La Vernaye.

»Weil ich keine Lust habe, auf Ihre Komplimente im Stile der Madame de Sévigné einzugehen. Seien Sie ein natürlicher Mensch, und etwas amüsanter als mein Herr und Gebieter, der Graf von Neerwinden, wenn Sie sich meine hohe Gunst und Gnade verdienen wollen.«

Bei diesen Worten versiegte der Quell der herkömmlichen Redensarten beim Marquis de la Vernaye. Er vergaß alles Angelernte und, indem er in seinen eigenen Reichtum griff, begann er zu reden, was ihm gerade in den Sinn kam, ohne sich Sorgen zu machen, ob seine Einfälle stilistisch einwandfrei seien.

Diese erste Untreue brachte Amielen weder Glück noch rechten Genuß. Sobald der Marquis wieder kalten Blutes war, kehrte er zur Sévignéschen Beredsamkeit zurück, zu dem: »Mir tut Ihr Herz weh!« – wie Amiele spottete.

»Wissen Sie, was Sie nicht zur Geltung kommen läßt?« fragte sie den Marquis. »Zweierlei: erstens, daß die Episteln der Madame de Sévigné vor etwa 120 Jahren gedruckt worden sind, und zweitens: Ihre Waschfrau stärkt Ihre Oberhemden zu stark. Das macht Sie steif! Seien Sie ein bißchen mehr Kindskopf!«

Am Vormittag wollte der Marquis sie zum dritten Male besuchen. Er kam im Galopp aus dem Bois de Boulogne, wo er den Grafen allein gelassen hatte.

Als sie Neerwindens Dogcart in den Hof einfahren hörte, lief sie eiligst hinunter.

»Schnell, schnell!« rief sie dem Kutscher zu und sprang auf, ohne abzuwarten, daß ihr der Diener half. »Retten Sie mich! Ich will für einen Freund, den ich mir bestellt habe, nicht zu Haus sein!«

»Wohin, gnädige Frau?«

»Ans Höllentor!«

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