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Amiele

Stendhal: Amiele - Kapitel 23
Quellenangabe
typefragment
titleAmiele
authorStendhal
publisherDiogenes
year1921-24
firstpub1889
volumeBand10
translatorArthur Schurig
seriesStendhal Werkausgabe
senderwww.gaga.net
created20050903
projectiddc3e56ca
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der Pistolenschuss

Neerwinden war ein Epigone jener jungen Grandseigneurs, deren letzte Exemplare unter Karl X. an Altersschwäche ausstarben; sie staken bis an den Hals in traditionellen Anmaßungen und schwatzten von erbarmungslosen Grundsätzen, die auszuführen sie glücklicherweise zu schwächlich waren. Er war kein sorgloser, heiterer, jugendlicher Herrenmensch, aber er war ein liebenswürdiger, vornehmer, unbedachtsamer und lustiger junger Mann.

Amiele hatte zu wenig Menschenkenntnis, um diesen Unterschied wahrzunehmen. Sie hatte eine edle Seele und viel Verstand, aber keine Anlage zur vergleichenden Psychologie. Sie war weit davon entfernt, sich selber und die anderen scharf zu beurteilen.

In ihrer Ecke hockend, in innerlich bewegtes Schweigen versunken, stellte sie immer wieder Neerwinden neben Fedor von Miossens, wobei sie sich diesem lieben jungen Manne gegenüber ziemlich ungerecht erwies. Es war seine natürliche Art, seine gänzliche Phantasielosigkeit, seine schlichte Rede selbst bei entscheidenden Dingen, kurzum, es war seine Unfehlbarkeit, die ihm bei seiner ehemaligen Verehrerin eine schlechte Beurteilung eintrug. Diese echte Biederkeit und Natürlichkeit nannte sie Zaghaftigkeit und übertriebene Vorsicht, während sie in Neerwindens pointierter Art das Kennzeichen des kraftvollen Charakters zu sehen vermeinte. Sie wähnte, er stürze sich mit ritterlicher Kühnheit in die Zufälle der Welt. Am anderen Tage spähte der Graf hinter seiner halb offenen Tür nach Amiele aus, und als sie nach ihrem Zimmer ging, wagte er sie anzusprechen. Sie antwortete voll Gelassenheit auf das, was er sagte, offenbar von seinem Unterfangen nicht im geringsten unangenehm berührt. Ihr gerader Charakter stand ihr auf der Stirn geschrieben.

›Sie ist mein!‹ frohlockte Neerwinden. ›Wie aber bringe ich es fertig, sie anständig anzuziehen? Sie besitzt keine Garderobe. Weiß der Teufel, was in ihren beiden großen Koffern stecken mag, die ich in ihr Zimmer habe tragen sehen! Ich mache ihr doch nicht den Hof, um mit ihr ein Liebesidyll innerhalb von vier Pfählen zu erleben wie ein Student mit seiner filia hospitalis! Ich vergeude meine Kräfte nicht im Dunkeln. Wenn ich ein Juwel begehre, will ich es aller Welt zeigen. In der Oper, im Boulogner Wald. Weil sie etwas Neues ist. Weil ich ihre Geschichte mit pikanten Zutaten erzählen kann. Sie wird mich mindestens 4ooo Franken kosten, ehe sie würdig ist, an meinem Arm zu erscheinen. Schönes Fräulein, Ihre Tugend sehnt sich nach einer Entgleisung! Aber dies Vergnügen sollen Sie nicht eher haben, als ich die 4000 Franken beschafft! Am Tage nach Ihrer Niederlage sollen die Geschenke nur so hageln! Sie sollen mich für einen Nabob halten! Wie vor zwei Jahren will ich das Geld mit vollen Händen verschwenden!‹

Während sich Neerwinden solchen klugen Überlegungen widmete (derlei war seine Passion!), hatte Amiele ihre Freude an ihm; sie hielt ihn für den tollsten und natürlichsten jungen Mann.

›Er ist kein langweiliger kleiner Kato wie der Fedor, nicht ewig derselbe!‹ sagte sie sich. Immer, wenn er in das Hôtel zurückkam, gab Neerwinden genau acht auf sich selbst, denn er war sich gewiß, daß Amiele im Zimmer von Frau Legrand weilte, das im Erdgeschoß lag und ein schönes Fenster nach den Arkaden der Rue Rivoli hatte, dazu ein Guckfensterchen nach der Treppe. Zwanzig Schritt vor der Hôteltür beschleunigte er seinen Gang. Indessen ward seine Berechnung durch die Ereignisse überrannt.

Es war ihm geglückt, für die Equipierung seiner künftigen Geliebten etwa 2000 Franken aufzutreiben, und er beschäftigte sich bereits mit der Wahl des Namens, unter dem er sie in seinen Umgangskreis einführen wollte. Ihr Debut sollte im Bois de Boulogne stattfinden. Amielens frischer samtiger Teint bestimmte ihn, sie zum ersten Male in zartem Freilicht erscheinen zu lassen, nicht im groben Lampenschimmer des Opernhauses. Für den Renntag von Chantilly hoffte er auf einen Kredit von 2000 Franken in den Modegeschäften. Unglücklicherweise fiel ihm diese Notwendigkeit erst acht Tage vorher ein.

»Es ist zu spät, um mich krank stellen zu können«, sagte er sich mißlaunig, indem er sich an die Stirn schlug. »Es sind mir bereits zu viele andere zuvorgekommen. Diese Quellen sind nun versiegt.«

Er verlor sich in Grübeleien.

Zu Amiele sagte er:

»Ich bete Sie an – und Sie lassen mich verzweifeln!«

Am Morgen des Tages, an dem er diese Äußerung tat, hatte Frau Legrand Amielen auf Neerwindens Trübseligkeit aufmerksam gemacht.

Neerwindens Worte blieben ohne jedwede Wirkung; sie trieften von Langerweile. Derlei hatte ihr der Herzog hundertmal schöner gesagt. Hätte sie es damals verstanden, in ihrem eigenen Herzen zu lesen, so hätte sie dem Grafen geantwortet:

»Sie gefallen mir nur, wenn Sie niemals in der Sprache der Empfindsamkeit reden!«

Neerwinden litt, wenn er an Chantilly dachte. Noch war er gänzlich unschlüssig, als eines Abends, im Jockeiklub, von einem Bekannten die Rede war, der angeblich krank war, natürlich, um sich von den Renntagen zu drücken.

›Auf den Chimborasso kommt man nicht gleich!‹ sagte, er sich. ›Zum Teufel mit dieser Landpomeranze! Man munkelt sowieso allerlei über meine Finanzen. Ich bin erledigt, wenn man mich, den Pferdejokel, in Chantilly vermissen wird.‹

Am Vorabend des großen Tages sagte er zu Amiele:

»Ich werde mir Mühe geben, das Genick zu brechen. Ihre Grausamkeit verleidet mir das Leben.«

Amielen ärgerten diese Worte.

›Wieso bin ich grausam?‹ fragte sie sich lachend. ›Bin ich je in die Lage versetzt worden, ihm etwas Ernstes abzuschlagen?‹

Die Sachlage war die:

Den Grafen langweilte jegliche weibliche Gesellschaft. Amiele, für ihn immer noch ein anständiges junges Mädchen, langweilte ihn um so mehr. Er machte ihr den Hof mit schönen Redensarten. Allein mit ihr war er noch keine fünf Minuten gewesen. Sein Bemühen gipfelte darin, sie zum Glauben zu bringen, er sterbe vor Sehnsucht nach ihrer Gegenwart und es sei Grausamkeit ihrerseits, die ihm dieses Glück nicht gewähre. Amiele, gänzlich gleichgültig vor der sogenannten Liebe und ihren Freuden, sagte sich:

›Wenn ich mich mit Neerwinden einlasse, führt er in die Welt. Meine 1550 Franken sind stark zusammengeschmolzen. Aber er kann mir auch kein Geld geben; er hat selber nichts.‹

Zu Frau Legrand sagte sie:

»In meinem Elternhause ist alles beim alten. Die Wahlen sind verschoben. Herr de Tourte ist zweifellos mächtiger denn je. Und der liberale Zeitungsmensch, Herr M*** vom ›Commerce‹, der im fünften Stock wohnt, hat mir erzählt, die Kongregation kehre zurück. Was beginne ich, um mir den Lebensunterhalt zu verdienen? Ich besitze nur noch 800 Franken.«

Amiele las den lieben langen Tag Bücher aus der Leihbibliothek. Allein auszugehen oder im Omnibus zu fahren, wagte sie kaum mehr. Die grünen Flecken auf ihren Wangen verfehlten die rechte Wirkung. Sie war so gut gewachsen, ihr Auge sprühte dermaßen von Geist, daß sie fast täglich Anträge abzulehnen hatte, die meist recht deutlich waren.

Zu sprechen gestattete sie sich lediglich mit Frau Legrand und Herrn T***, ihrem Tanzlehrer, einem hübschen jungen Manne, der anständig aber beschränkt war und nicht umhin gekonnt hatte, sich in seine Schülerin zu verlieben. Frau Legrand vertraute ihm das Märchen vom Unterpräfekten, von Herrn de Tourte usw. an.

Dieses Dasein dünkte Amielen nicht besonders amüsant. Die Unmöglichkeit, spazierenzugehen, schädigte ihre Gesundheit. Daß sie Oper und Theater nicht besuchen konnte, vervollständigte ihre Langeweile.

Neerwinden hätte den Gipfel seines Dandytums erreicht, wenn er Amielen mehr Gelegenheit geboten hätte, sich auszusprechen. Sie war so wenig eitel, daß sie ihm in ihrer Ungeduld ihr Herz sofort offenbart hätte.

Unter solchen Umständen kam der Tag von Chantilly heran. Neerwinden ging hin und verlor 17000 Franken in unbaren Wetten. Damit war sein Ruin besiegelt. Er nutzte den letzten Kredit, den er hatte, und zahlte, wie sich dies gehört, die Summe noch vor Ablauf der Woche. Im Kern war er ungemein vorsichtig und berechnend wie ein Geizkragen.

›Vier vollstreckbare Urteile, die mich jeden Moment ins Schuldgefängnis bringen können, sind unterwegs. Aber ich muß dies kleine Mädel aus der Provinz haben. Das bin ich mir schuldig. Es handelt sich um einen Abgang in großem Stile!‹

Amiele langweilte sich dermaßen, daß Neerwinden nur zwei Tage brauchte.

»Führen Sie mich heute abend in das Theater?« fragte sie ihn.

»Heute abend«, gab er zur Antwort, »bin ich erledigt. Ich schieße mir eine Kugel vor den Kopf.«

Amiele schrie auf.

Der Graf war ob dieser Wirkung glücklich.

»Sie werden mein letzter Gedanke sein, schöne Amiele! Mein letztes Glück! Wenn Sie vor acht Tagen nicht so grausam zu mir gewesen wären, so hätte ich das Rennen von Chantilly nicht besucht. Ich habe da 17.000 Franken verspielt! Ich habe sie bezahlt, wie es die Ehre gebietet, indem ich alle meine Quellen erschöpfte. Es verbleibt mir kein Tausendfrankenschein. Eine unstandesgemäße Stellung ist unmöglich für einen Neerwinden, den Sohn eines in ganz Frankreich bekannten Helden. Zwar habe ich so etwas wie eine Schwester, eine steinreiche Dame, zwanzig Jahre älter als ich; aber sie ist eine kleine Seele ohne Verständnis für ein Leben, dessen Leitsterne Liebe und Glücksspiel sind. Nebenbei bemerkt, sie hat einen Miossens geheiratet, und ich bin bloß ein Graf von Neerwinden...«

»Einen Miossens?« unterbrach ihn Amiele. »Verwandt mit dem Herzog?«

»Ist ein Großonkel von ihm. Aber sagen Sie, woher kennen Sie diesen Namen?«

Amiele wurde rot.

»Herr de Tourte,« erwiderte sie, »mein Zukünftiger, sprach fortwährend von den Miossens. Der Anwalt dieser Familie stellte ihm vier Stimmen zur Verfügung.«

Amiele hatte das Lügen bereits etwas gelernt, aber sie betonte ihre Legenden noch zu sehr; sie streute sie nicht leicht genug hin. Sie war noch keine Meisterin. Sie log einer Lebensregel zufolge, die ihr Frau Legrand oft wiederholte, seit sie offen zueinander sprachen:

»Sei reich, wenn du kannst; klug, wenn du willst; aber immer bedachtsam, das ist nötig!«

Die Schäferstunden währten einen halben Tag. Schon am Abend fand Amiele den Grafen derart gefühlsarm, daß ihr die Worte in der Kehle steckenblieben.

Was er redete, war äußerst würdevoll, wenngleich ihm dies sehr schwer fiel. Amiele empfand das, aber sie hätte nicht sagen können, was ihre Verstimmung begründete. Er war lediglich das Gegenteil von dem jungen impulsiven Tollkopf, den sie sich vorgestellt und in den sie sich verliebt hatte. Sie hatte sich ein Gegenstück zu Fedor erträumt.

Der Gedanke an die Pistole – alles Außergewöhnliche glaubte sie ohne weiteres! – verscheuchte alsbald ihren Mißmut.

Sie schaute Neerwinden an.

»Ein schönes Gesicht!« sagte sie sich. »Kalt, vornehm. So also sieht ein Mann aus, der in ein paar Stunden in den Tod gehen will! Er tut es völlig kaltblütig!«

Neerwinden packte seine Koffer, sichtlich voll Sorgfalt, nichts von seinen Sachen zu zerdrücken. Er war stolz auf sein Geschick im Kofferpacken. In diesem Moment glich er einem Commis voyageur.

Amiele bemerkte nichts davon. Ihre Seele war vor dem so nahen Pistolenschuß tiefbewegt.

Die Koffer adressierte er an seine Schwester. Er geleitete sie bis an die Post nach Périgueux. Im Postamte beorderte er sie durch ein Botenfuhrwerk nach Versailles.

Am nächsten Morgen bekam Frau Legrand den üblichen Brief:

»Wenn Sie diese Zeilen lesen...«, usw.

Amiele senkte den Kopf, als sie dies las, und begann endlos zu weinen.

Herr Legrand schrie auf:

»1667 Franken büßen wir ein!«

Sodann rechnete er nochmals alles nach, um den tatsächlichen Verlust zu ermitteln. Die Rechnung lautete auf 1667 Franken; der tatsächliche Verlust betrug kaum 900 Franken.

Er jammerte:

»Voriges Jahr haben wir vier Prozent unserer Bruttoeinnahmen eingebüßt. Heuer werden es sechs Prozent. Von den Sesseln und dem Porzellan des Grafen will ich nicht reden. Wer weiß, ob er darüber nicht testamentarisch verfügt hat!«

Diese Erörterung versenkte Amielen in schwermütige Grübelei. Gewiß war es nicht Liebe, die sie für Neerwinden empfand; das Gefühl, das sie quälte, war reine Menschlichkeit.

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