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Amiele

Stendhal: Amiele - Kapitel 21
Quellenangabe
typefragment
titleAmiele
authorStendhal
publisherDiogenes
year1921-24
firstpub1889
volumeBand10
translatorArthur Schurig
seriesStendhal Werkausgabe
senderwww.gaga.net
created20050903
projectiddc3e56ca
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Zwanzigstes Kapitel

Paris

Es wäre schwer, das überschwengliche Glück zu schildern, das Amiele in dem Augenblicke empfand, als sich die Postkutsche nach Paris in Bewegung setzte. In eine Ecke gehuschelt, die Wange tüchtig grün, lachte und zappelte sie vor Freude, wenn sie sich die Bestürzung des Herzogs vorstellte, der bei seiner Rückkehr ins Hotel weder Geliebte noch Geld noch Gepäck vorfand. In den ersten Stunden fürchtete sie ein wenig, ihn auf einem Postgaul im Galopp nachkommen zu sehen. Sie hatte sich bereits ausgedacht, wie sie sich verhalten wollte: ihn einfach gar nicht kennen. Übrigens hatte sie im Gasthofe deutlich genug durchblicken lassen, daß sie mit der Post nach Bayeux zu fahren gedächte; und in der Tat, der arme Fedor verfolgte sie auf jener Straße.

Diese Reisenacht, in der sie einer überaus rücksichtsvollen und zärtlichen Liebe entrann, war, alles in allem, das schönste Erlebnis ihres bisherigen Daseins. Nur vor den Pariser Gaunern bangte ihr ein wenig.

Als sie aus dem Postwagen stieg, hatte sie den unseligen Einfall, zu tun als kenne sie Paris. Sie fragte nach einem großen Hotel, dessen Namen sie angeblich vergessen hatte. Die Folge war, daß sie im ***er Hof in der Rue de Rivoli landete, in einem Zimmer des dritten Stockes, das 5oo Franken den Monat kostete.

Einigermaßen erstaunt über die Unmenge Bedienter und den Prunk im Hause, wandte sie sich an die Besitzerin des Hotels und bat sie im Vertrauen um die Adresse eines guten Arztes. Auf diesen Gedanken brachte sie eine kleine Geschichte, die ihr Fedor einmal erzählt hatte.

Am nächsten Tage suchte Amiele die Wirtin abermals auf.

»Madame,« sagte sie zu ihr, »ich bin zum ersten Male in Paris. Da ich keine Kammerjungfer habe, befürchte ich vor allem, man belästigt mich. Ich möchte wie ein Bürgermädchen angezogen gehen. Wollen Sie die Güte haben, mich beim Einkaufe der dazu nötigen Kleidungsstücke zu begleiten?«

Frau Legrand die junge Dame an, die auf das kostbarste gekleidet war und sich in eine kleine Bürgersfrau zu verwandeln begehrte. Ein zweiter Umstand erhöhte ihre Verwunderung. Als Amiele in ihr Zimmer trat, nahm sie ihr Taschentuch, weil es ihr heiß war, und wischte beinahe die ganze grüne Farbe weg, die ihre Wange verunzierte.

Die neugierige Frau Legrand war auf das höchste gespannt. Sie studierte den Paß der jungen Dame und behandelte sie mit so viel Güte, daß Amiele ihr am nächsten Tage gestand, sie habe sich aus Mißmut über die Nachstellungen der Mitreisenden, insbesondere der Commis voyageurs, auf den Rat hin eines anderen Reisenden, eines Apothekers, die Wange mit Stechpalmenpulver geschminkt.

Binnen zweier Tage war das gesamte Hotel voll Bewunderung über das schöne große Fräulein mit dem allerdings ein wenig exaltierten Benehmen und der sonderbaren Schminke.

Frau Legrand erwies ihr den Dienst, einen Brief an Herrn von Miossens in Rouen auf der Post zu Saint- Quentin aufgeben zu lassen.

Der Brief lautete:

»Lieber Freund, oder vielmehr, verehrter Herzog!

Ich habe Ihr tadelloses Benehmen bewundert. Ihre grenzenlose Güte raubt mir beinahe den Mut, Ihnen etwas zu bekennen, was Sie mir gewiß übelnehmen; selbst mich dünkt es grausam, aber unbedingt nötig für Ihr Glück und Ihre Ruhe. Sie sind tadellos, aber Ihre Aufmerksamkeiten langweilen mich. Ein schlichter Bauer, der nicht immerdar daran denkt, mir erlesene Dinge zu sagen und mir gefallen zu wollen, ist mir lieber: ein freimütiger, vor allem nicht überhöflicher Mann. Ich habe Ihre Koffer und 1550 Franken unterwegs in Cherbourg gelassen.

Amiele.«

Daraufhin trabte Fedor die Straße nach Cherbourg ab. Unterwegs studierte er alle Gesichter. Trotz Amielens Brief gab er den törichten Gedanken, der ihn seit ihrer Flucht beherrschte, nicht auf, sie wiederzufinden. In Rouen, als er sich ohne Geld, ohne die Geliebte und ohne Wäsche sah, hätte er sich beinahe eine Kugel durch den Kopf gejagt. Er war in der allergrößten Verwirrung. Amiele hatte richtig vorausgesehen.

Sie hätte ihn gänzlich vergessen, ihn, dessen Liebkosungen ihre Liebe erstickt hatten, wenn er ihr nicht bei der Beurteilung anderer Männer als Maßstab gedient hätte.

Amiele war im Wesen derart natürlich und im Verkehr dermaßen unbefangen, daß sie Frau Legrands Zuneigung gewann. Ohne das junge Mädchen langweilte sie sich in ihrem Zimmer. Die Warnungen ihres Mannes, der Fremden gegenüber vorsichtiger zu sein, fruchteten nichts. Frau Legrand ließ ihn reden und schloß sich immer mehr an Amiele an.

Im Hotel hausten verschiedene junge Herren, die etwas drauf gehen ließen. Sie machten der Besitzerin den Hof, was sie sich nicht ungern gefallen ließ. Zu ihrer Freude nahm sie wahr, und ihr Gatte machte die gleiche Beobachtung, daß Amiele in Gegenwart dieser jungen Leute stumm wie ein Fisch blieb. Offenbar wollte sie möglichst unbemerkt bleiben.

Amielens einzige Passion war damals ihr Wissensdrang. Sie stellte in einem fort Fragen. Vielleicht war dies auch die Ursache ihrer Freundschaft mit Frau Legrand, der es den größten Spaß bereitete, alles zu beantworten und zu erklären. Übrigens hatte Amiele begriffen, daß man in Paris auf der Hut sein muß. Nie ging sie abends aus. Daß sie die Theater nicht besuchen konnte, war ihr schmerzlich; aber die Erinnerung an die reisenden Kaufleute genügte, vorsichtig zu bleiben.

Sie sagte sich, es sei angebracht, Frau Legrand etwas von ihrer Vergangenheit zu berichten; indes mußte sie sich erst das Nötige zurechtlegen. Amiele mißtraute ihrer eigenen Unbesonnenheit. Sie war keine geborene Lügnerin, weil sie ihre Lügen gleich wieder vergaß. Also schrieb sie ihre angebliche Lebensgeschichte auf, und um sie in der Schublade liegen lassen zu können, wählte sie die Form einer brieflichen Rechtfertigung, gerichtet an einen Onkel, einen Herrn de Bonia.

Nunmehr erzählte sie Frau Legrand, sie sei die zweite Tochter eines Unterpräfekten, den sie mit Namen nicht nennen könne. Selbiger wäre toll ehrgeizig und habe sichere Aussicht, demnächst Präfekt zu werden. Einem begüterten Witwer, der zur Kongregation gehöre und ihm einundzwanzig legitimistische Stimmen versprochen, habe er sich zu jedwedem Gegendienste verpflichtet. Dieser, ein Herr de Tourte, fordere für seine einundzwanzig Stimmen Amiele zur Frau. Sie aber hege einen Abscheu vor seinem gelben Frömmlergesicht.

»Ja, ja,« meinte Frau Legrand, »mein liebes .Fräulein Amiele hat einen hübschen jungen Mann im Kopfe, dessen Hab und Gut im Reiche der schönen Träume liegt.«

»Leider nicht!« rief Amiele. »Dann würde ich mich nicht so schrecklich langweilen, und ich wüßte, worauf ich loslebte. Die Liebe, die für jedermann als höchstes Glück des Lebens gilt, kommt mir unsagbar töricht vor und, wenn ich es gestehen darf, ungeheuer langweilig.«

»Das heißt soviel: ein langweiliger Mensch war verliebt in Sie?«

»Ich verlaufe mich«, sagte sich Amiele. »Ich muß zur Wahrheit zurückkehren!«

»Auch nicht«, erwiderte sie, so schlicht sie nur konnte. »Man hat mich umschwärmt. Mein erster Verehrer hieß Berville. Er liebte nur das Geld. Der zweite war ein Riesenverschwender. Ein Herzog. Und doch war der schönste Tag meines Lebens der, an dem ich ihm unsichtbar wurde. Ein Onkel von mir hatte mir 155o Franken hinterlassen. Ich bat, die schönen Goldfüchse und den Tausendfrankenschein sehen zu dürfen. Es war 8 Uhr abends. Mein Vater ging aus, in der Angelegenheit seiner Wahl. Da habe ich mich auf und davon gemacht, samt drei Koffern, die einen Teil meiner Aussteuer bergen. Wenn die Wahlen vorbei sind und die Liste der neuen Präfekten im »Moniteur« veröffentlicht wird, dann ist mein Vater so glücklich, daß er mir leicht alles verzeiht. Bleibt er aber Unterpräfekt, so ist die Sache nicht so einfach. Denn Herr de Tourte ist ein sehr einflußreicher Mann.«

Am nächsten Abend mußte Amiele ihre Geschichte vor Herrn Legrand nochmals erzählen. Zuvor las sie den Brief an den Onkel wieder. Es fiel ihr ein, daß sie über den Paß keine Aufklärung gegeben hatte. Sie fügte also hinzu: durch einen Verwandten, der zehn Meilen von ihrem Heimatsort entfernt, in der Gegend von Rennes, Bürgermeister sei, hätte sie einen Paß bekommen. Herrn Legrand rührte dieses Märchen zu Tränen. Acht Tage lang sprach man von nichts anderem. Tags darauf gestand Frau Legrand ihrer Schutzbefohlenen, sie liebe sie wie ihre Tochter.

»Sag einmal,« fügte sie hinzu, »du verfügst nur über 1550 Franken und hast eine Wohnung genommen, die 500 Franken im Monat kostet. Ich werde dir ein Zimmer zu 150 Franken anweisen, wo du genau so standesgemäß wohnst. Aber ich will dich unbedingt in deinen schönen Kleidern sehen. Nächsten Dienstag gehen wir zusammen zu Herrn Servieres, in dessen Hause viele vornehme und schwerreiche junge Kavaliere verkehren. Da wird meine kleine Amiele Eroberungen machen, und zwar welche, die mehr wert sind als das Ekel, der Herr de Tourte, mit seinen 21 legitimistischen Stimmen in der Tasche.«

»Ich bin dabei, liebe Freundin!« frohlockte Amiele. »Verschaffen Sie mir einen Tanzlehrer! Ich habe die Empfindung, wenn ich einen Salon betrete, unter den anderen aufzufallen. Und gestatten Sie mir, Sie hin und wieder mit in das Théâtre-Français zu nehmen!«

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