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Amiele

Stendhal: Amiele - Kapitel 15
Quellenangabe
typefragment
titleAmiele
authorStendhal
publisherDiogenes
year1921-24
firstpub1889
volumeBand10
translatorArthur Schurig
seriesStendhal Werkausgabe
senderwww.gaga.net
created20050903
projectiddc3e56ca
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Vierzehntes Kapitel

Amielens Lektüre

Dieser Zug angeblicher Bescheidenheit trug Amielen das einstimmige Lob des gesamten Dorfes ein. Die mordsgarstige Haube auf einem Kopfe, der die hübschesten Hüte getragen, ließ den Neid zu Atem kommen. Alle Welt lächelte ihr zu, wenn sie in ihren Holzschuhen und in ihrem schlichten Bäuerinnenrock durch das Dorf ging.

Wie sie über den Platz schritt und nicht umkehrte, lief ihr Onkel hinter ihr her.

»Wohin willst du?« rief er ihr aufgeregt nach.

»Mich auslaufen!« erwiderte sie lachend. »Im Schloß war ich eine Gefangene.«

Und in der Tat wanderte sie ins Freie hinaus.

»Warte doch eine Stunde, bis meine Schule aus ist! Dann begleite ich dich.«

»Beim Teufel!« wehrte sie ab. (Das war eins der gewöhnlichen Wörter, die im Schlosse streng verpönt waren.) »Beim Teufel! Wenn Strolche kommen, werde ich mir die Kerle schon vom Leibe halten!«

Sie stiefelte weiter in ihren Holzschuhen, um jeglichen weiteren Einwand abzuschneiden.

Mehr als zwei Stunden war sie unterwegs. Mit jeder alten Freundin, die ihr begegnete, blieb sie stehen. Es war bereits stockdunkel, als sie endlich heimkam.

Schon wollte der Schulmeister eine wohldisponierte Strafrede loslassen, ob der Ungehörigkeit für ein junges Mädchen ihres Alters, in der Nacht außer dem Hause zu sein, aber seine bessere Hälfte ließ ihn nicht zu Worte kommen. Es drängte sie, ihrem Erstaunen, ihrer Bewunderung, ihrem Neid Luft zu machen, die ihr die Wäsche und die seidenen Kleider verursacht hatten, die in Paketen aus dem Schlosse gebracht worden waren.

»Ist's die Möglichkeit, daß alles das dir gehört?« rief sie, ebenso entzückt wie verstimmt.

Nach allerlei Fragen über die einzelnen Gegenstände, die Amielen reichlich genug dünkten, versuchte Frau Hautemare einen vertraulichen Ton anzuschlagen, den jedoch der Klang ihrer Stimme Lügen strafte.

Sie sagte:

»Ich habe dich abgepuddelt, als du ein kleines Kind warst, und da darf ich wohl hoffen, du gestattest mir, wenigstens an den Sonn- und Feiertagen, die schlechtesten deiner Kleider zu tragen?«

Amiele war sprachlos.

Eine solche Redeweise wäre im Schlosse unmöglich gewesen!

Fräulein Anselma und die übrigen Frauenzimmer hatten ziemlich niedrige Gefühle, aber sie verstanden es, sie in anderer Weise zu äußern. Beim Anblick der Kleider hätte Fräulein Anselma Amielen am Arm gefaßt, sie mit Liebkosungen und Glückwünschen überschüttet und sie schließlich lachend gebeten, ihr eines der Kleider zu leihen, es mit seiner Farbe bezeichnend. Über Frau Hautemares Bitte um ein Kleid war das junge Mädchen starr. Eine Flut peinlicher Gedanken überfiel sie.

So hatte sie niemanden, den sie lieben konnte! Selbst die Menschen, von denen sie vermeint, sie wären vollkommen, wenigstens in Dingen des Gemüts, die waren ebenso gemein wie alle anderen!

»Ich habe also niemanden, den ich lieben könnte!«

Unbeweglich stand sie da, ernsten Gesichts. Tante Hautemare schloß hieraus, daß ihre liebe Nichte Bedenken hege, ihr eines der Kleider zu lassen. Um sie zu bereden, fing sie an, alle die Wohltaten einzeln aufzuzählen, die sie ihr bis zu ihrer Aufnahme im Schlosse zu verdanken habe.

»Na, und übrigens bist du gar nicht unsere leibliche Nichte«, fügte sie hinzu. »Mein Mann und ich, wir haben dich im Findelhaus geholt.«

Amielen zerriß das Herz.

»Gut! Ich will dir vier Kleider geben!« sagte sie mißmutig.

»Kann ich sie mir aussuchen?« erwiderte die Tante.

»Beim Teufel! Ja!« rief Amiele laut, in sichtlicher Empörung und Verzweiflung.

Die Gemeinheit, der sie im Schlosse entrückt war, drückte sie nieder. Wohl war sie sich klar gewesen, daß der Onkel und die Tante keine geistreichen Leute waren, aber sie hatte das Gefühl der Familienzugehörigkeit gehegt. In ihrem Bedürfnis nach Zärtlichkeit hatte sie der alten Frau ihre Ungebildetheit sogar hoch angerechnet. Jetzt war ihr das alles vernichtet. Mit einem Male kamen ihr die Tränen.

Nun versuchte der Onkel sie über das eben geschehene ungeheure Opfer der vier Kleider zu trösten. Er erklärte ihr, wieviel Anrecht seine Frau auf Amielens Dankbarkeit habe.

Um nicht auch noch ihrer Anhänglichkeit zu ihm verlustig zu werden, folgte sie einer unwillkürlichen Regung und lief davon, nach dem Friedhof.

»Wenn ich den Doktor hier hätte,« sagte sie sich, »würde er mich auslachen wegen meines Herzeleids und der törichten Erwartungen, die es verursacht haben. Er würde mich nicht trösten, aber er würde mir Wahrheiten sagen, die es verhinderten, daß ich je wieder solchem Wahne verfiele.«

Alles Nette und Gemütliche in ihres Onkels armseliger Hütte verschwand mit einem Schlage vor ihren Augen. Es blieb ihr nicht einmal erlaubt, ihr Stübchen im Oberstockwerk zu bewohnen, angeblich, weil sie dort allein wäre und die Klatschbasen des Dorfes nicht verfehlen würden zu behaupten, sie könne nachts einem Liebhaber ihre Tür öffnen. Dieser Gedanke war ihr schauderhaft. In ihrem kleinen Bett war sie vom Eßzimmer nur durch eine dünne Wand getrennt, so daß sie alles hören konnte, was im Hause besprochen ward. Ihr tiefer Abscheu wuchs in den nächsten Tagen immer mehr. Außer dem Gram über das, was sie sah, grollte sie auch noch sich selbst.

»Ich hielt mich für klug,« sagte sie sich, »weil ich zuweilen den Abbé Clement in Verwirrung gebracht habe, ja sogar den schrecklichen Doktor. Und doch bloß, weil ich ein paar hübsche Worte zu sagen verstehe! Im Grunde bin ich doch ein recht unwissendes Ding. Acht Tage dauert es nun schon, daß ich meine tiefe Verwunderung nicht zu überwinden vermag. Ich hielt es für selbstverständlich, daß ich in meines Onkels Haus Bewegungsfreiheit haben und folglich glücklich sein würde. Die Ungebundenheit, die mir auf dem Schlosse so qualvoll gefehlt, die habe ich gefunden. Dafür nimmt mir etwas anderes, dessen Dasein ich nicht geahnt, jede Spur von Glück!«

Zwei Tage später folgerte Amiele aus ihren trübseligen Empfindungen, die sie nicht einen Augenblick verließen, daß man keinerlei Hoffnung hegen dürfe. Diese Erkenntnis setzte sie beinahe in Verzweiflung. Sie hatte die ganze Welt für schön gehalten. Auf einmal wurden ihre Träume von Glück aufs grausamste Lügen gestraft. Sie hatte durchaus kein zärtliches Herz, wohl aber einen vorzüglichen Geist. Für ihre Seele, die noch nichts von Liebe wußte, war eine unterhaltsame Plauderei das erste Bedürfnis, und jetzt sah sie sich verurteilt, anstatt der kleinen Geschichten aus der vornehmen Welt, die die Herzogin so anschaulich und lebhaft zu erzählen verstand, und anstatt der entzückenden Geistesblitze, die in den Erläuterungen des Abbé Clement aufleuchteten, den lieben langen Tag die niedrigsten Gedanken normannischer Gerissenheit in den derbsten, also gemeinsten Ausdrücken anzuhören.

Ein neuer Kummer kam dazu. Sie wollte den Abbé in seiner Pfarre besuchen. Sie sah ihn im Obstgarten, wie er in seinem Brevier las. Gleich darauf erschien eine dicke Magd und sagte ihr, der Herr Pfarrer könne sie nicht empfangen. Und spöttisch fügte die Dicke hinzu:

»Geh, Kindchen, geh! Bete in der Kirche und denke dran, daß man nicht so mit dem Herrn Pfarrer spricht!«

Amielens Empfindsamkeit war empört. In Tränen aufgelöst kam sie nach Hause.

Am folgenden Tage war sie entschlossen, niemals wieder auch nur im geringsten empfindlich zu sein. Im voraus schauderte sie bei dem Gedanken, Fräulein Anselma zu besuchen, denn sie mußte darauf gefaßt sein, mit Hohn und Spott empfangen zu werden. Was machte sie sich aber schließlich daraus, nachdem sie vom Abbé Clement, den sie für ihren Freund gehalten hatte, so übel empfangen worden war?

Obgleich Amiele in der Normandie geboren war, ging ihr doch die Kunst ab, ihrem Gesichte zu verbieten, der Spiegel ihres Innenlebens zu sein. Übrigens hatte sie gar nicht Gelegenheit gehabt, sich hierin Erfahrungen zu sammeln. Sie war in Herz und Hirn Romantikerin. Sie glaubte an ihr Glück. Durch die Gespräche, die die Herzogin, der Abbé Clement und der Realist Doktor Sansfin mit ihr geführt hatten, war der ihr angeborene Witz geschliffen worden. Allerdings war sie bei ihren Träumereien und in diesen Unterhaltungen niemals den Eindrücken und kleinen Leiden ausgesetzt gewesen, die der rauhe Umgang mit Gleichgestellten mit sich bringt. Bisher hatte sie nichts erfahren als die Unverschämtheit einer Schar neidischer Dienstboten. Sie war sechzehn Jahre alt und wußte von jungen Männern und Liebschaft weniger als das kleinste Bauernmädel. Im Gegensatz zu den Dorfgeschichten der Literatur hat die Liebe auf dem Lande wenig Grazie. Es geht da derb und deutlich zu.

Als Amiele in Anselmas Zimmer trat, verrieten ihre Blicke Furcht und Verzweiflung. Sie hatte den Salon durchschritten, in dem der Abbé Clement, der nun nichts mehr von ihr wissen wollte, so oft Gütiges und Schönes gesagt!

Die alte Kammerfrau hatte sich eine Menge Anzüglichkeiten in höflicher Form zurechtgelegt, die sie Amielen bei der ersten Begegnung sagen wollte. Sie vermochte ihr die sieben seidenen Kleider, die sie von der Herzogin geschenkt bekommen, und auf die sie selber gerechnet hatte, nicht zu verzeihen. Aber als sie das junge Mädchen erblickte, fiel ihr ein, daß niemand in der Nähe war als nebenan ein alter tauber Diener. Infolgedessen benahm sie sich gegen Amiele voll honigsüßer Zuvorkommenheit.

Dies reizte Amielen. Brüsk sagte sie zu ihr: »Die gnädige Frau hat befohlen, daß ich Vorleserin bleibe. Ich soll Bücher holen.«

»Nehmen Sie, was Sie wollen!« erwiderte Fräulein Anselma. »Wir wissen ja, daß im Schlosse alles zu Ihrer Verfügung steht!«

Amiele nützte die Erlaubnis aus und trug mehr als zwanzig Bände fort. Damit verließ sie die Bibliothek, kam aber rasch zurück.

»Ich habe etwas vergessen«, sagte sie zu Anselma, die jede ihrer Bewegungen eifersüchtig verfolgte.

Amiele hatte beim ersten Male die Romane der Madame de Genlis, die Bibel, Erast oder der Jugendfreund, Sethos, die Geschichten von Anquetil und anderes mehr geholt, lauter von der Herzogin gebilligte Werke.

»Bin ich töricht!« sagte sie sich. »Ich bin voll Ekel vor dem süßlichen Geschwätz dieses Frauenzimmers, das mich nicht leiden kann. Ich vergesse das Rezept des Doktors: »Immer die Lage beurteilen und die Stimmung des Augenblicks überwinden!« Ich kann mir jetzt alle die Bücher aneignen, die mir die Herzogin strengstens verboten hat!«

Sie nahm die Romane von Voltaire, die Korrespondenz Grimms, den Gil Blas usw.

Anselma wollte die ausgesuchten Bücher in die Liste eintragen. Um dieser verräterischen Kontrolle zu entgehen, hatte Amiele schlauerweise ungebundene Bände genommen. In Rücksicht darauf begnügte sich Anselma, nur die Anzahl der Bände einzutragen.

Amiele schleppte den Stoß Bücher in ihr Zimmer. Sie war tieftraurig und nicht imstande, eine Frage zu beantworten, die sie sich vorlegte und die sie wider sich selbst empörte:

»Warum ärgere ich mich über meines Onkels Derbheit, die doch so voller Güte ist? Warum rege ich mich über Anselmas Heuchelei auf? Ich bin also mit sechzehn Jahren so, wie Doktor Sansfin die Frauen im Alter von fünfzig Jahren schildert? Ich empöre mich über alles und grolle der ganzen Menschheit.«

Es war Amielen gelungen, alle Bände in den Turm einzuschmuggeln, ohne von ihrem Onkel gesehen zu werden, den der Anblick so vieler Bücher unfehlbar in Zorn versetzt hätte. Denn, obgleich er Schulmeister war, wiederholte er unaufhörlich:

»Durch die Bücher ist Frankreich zugrunde gegangen!«

Diesen Ausspruch hatte er vom Pfarrer Dusaillard.

Als Amiele ihre Bücher im Erdgeschoß des Turmes versteckte, blätterte sie im Gil Blas. Sie nahm dies Buch zuerst vor, weil sie bemerkt hatte, daß es Kupferstiche enthielt. Ein paar Stellen gefielen ihr dermaßen, daß sie um 11 Uhr, nachdem ihre Pflegeeltern fest eingeschlafen waren, das Wagnis beging, durch ein Hinterfenster das Haus zu verlassen. Sie hatte den Schlüssel zum Turm, ging hinein und las bis 4 Uhr morgens.

Als sie sich dann wieder in ihr Bett legte, war sie vollkommen glücklich, mit sich selbst völlig im Einklang. Einmal war ihre Phantasie im Banne der im Gil Blas erzählten Abenteuer; sie hatte die Empfindungen vergessen, die sie sich vorgeworfen hatte. Und dann hatte sie vor allem aus dem Buche etwas geschöpft, was alles andere aufwog: Nachsicht gegen sich und die anderen. Sie fand die Begehrlichkeit ihrer Tante beim Anblicke der schönen Kleider nicht mehr durchweg gemein.

In den nächsten acht Tagen gehörte Amiele nur den Büchern an.

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