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Amazonasfahrt

Artur Heye: Amazonasfahrt - Kapitel 8
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleAmazonasfahrt
publisherBüchergilde Gutenberg Zürich
year1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180104
projectid4c6e3be8
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7

Im Verlaufe dieses Nachmittags wurde mir einigermaßen klar, was es heißt, Filmaufnahmen im Urwald zu machen. Daß das Arbeiten mit der optischen Linse draußen in der freien Natur überhaupt nicht gerade zu den leichtesten und einfachsten Betätigungen gehört, wußte ich schon, denn in den Jahren 1912/14 und dann wieder von 1925/26 war ich fast ununterbrochen auf Kamerajagd in den Tierparadiesen Ostafrikas unterwegs gewesen. In der ersten Periode ganz allein auf mich gestellt und nur mit Einzelbildkamera ausgerüstet, bei meinem zweiten Aufenthalte dort dann auch mit dem Kurbelkasten und in Zusammenarbeit mit einem Partner. Im Verlaufe dieser langen Zeit hatte es bei meiner Bilderjagd wahrhaftig genug tückische Zufälle und Hindernisse gegeben, hatte ich hier und da auch recht kitzlige Situationen, zahllose bittere Enttäuschungen und über allem andern nimmerendende, schwere Anstrengungen und Strapazen auf mich nehmen müssen. Doch darauf war ich von vornherein gefaßt gewesen; es ist bei solchen Unternehmungen selbstverständlich, und bis zu einem gewissen Grade bildet es auch ihren Hauptreiz. Aber in den weiten lichten Räumen der afrikanischen Wildsteppen waren immerhin die hauptsächlichsten Voraussetzungen für eine derartige Aufgabe, nämlich Bewegungsmöglichkeit, Platz und Licht, vorhanden gewesen. Hier in Utinga jedoch gab es das alles nicht, hier mußten diese Voraussetzungen erst geschaffen werden.

Unendlich behutsam, wie Indianer auf dem Kriegspfade, nur zollweise vorrückend, waren wir auf die Niststelle zugeschlichen, hatten, in die tiefsten Schatten gedrückt wohl eine Viertelstunde reglos dagestanden und gewartet, bis das fliegende Juwel von Vögelchen endlich, in der grünen Dämmerung angeschwirrt kam, dann ein paar Sekunden lang, wie an einem unsichtbaren Faden in der Luft aufgehängt, an der gleichen Stelle schwebend irgendeine unerkennbare Atzung in noch weniger erkennbare winzige Schnäbelchen gestopft hatte und, aufblitzend wie ein Brillant, jählings wieder im Waldesdunkel verschwunden war.

Bis dahin schien Bittner immer noch nicht überzeugt gewesen zu sein, daß das Nest wirklich bewohnt war, beziehungsweise noch von der über die Maßen scheuen Kolibrimutter aufgesucht wurde, denn daß sie unsere Anwesenheit trotz unseres versteckten und lautlosen Verhaltens bemerkt hatte, stand für ihn fest. Als sie weg war, trat er mit einem tiefen erleichterten Atemzug vor, schlug mich in stummer Anerkennung erst einmal freudestrahlend auf die Schulter und schlich dann zusammen mit Sepp auf den Fußspitzen näher, um sich die winzige Behausung in der Zweiggabel eingehender zu betrachten. Als aber unser Junior sein dickes rotes Ohr lauschend daran legen wollte, versetzte ihm der Operateur einen solch empörten Rippenstoß, daß er gleich einen Meter weit wegflog.

»Mensch, sind Sie verrückt!« zischte er ihn wütend an. »Die Alte merkt doch sofort, daß das Nest berührt worden ist und kommt dann nie wieder! Halten Sie sich bloß im Hintergrund und vermasseln Sie mir nicht diese einzigartige Gelegenheit! Sie haben ja gar keine Ahnung, was wir für einen Dusel entwickelt haben, daß Heye das Nest gefunden hat. Wir haben damals mit einem halben Dutzend Caboclos zusammen drei Wochen lang gesucht, bis wir eins aufgespürt hatten, das Junge enthielt und an einer zugänglichen Stelle war!«

»Ja, aber deswegen brauchen Sie nicht gleich handgreiflich zu werden! Ich verbitte mir das ein für allemal! In letzter Zeit haben Sie überhaupt ...«

»Fangt um Gotteswillen nicht schon wieder einen Stunk an, sondern geht an die Arbeit!« fuhr ich dazwischen. »Kommen Sie, Sepp, helfen Sie ein paar von den Ranken wegschneiden. Aber ganz vorsichtig, daß Sie dabei nicht das Nest berühren!«

Mit einem leise gemurmelten »Saukerl, ausgeschamter«, zog er sein Taschenmesser heraus und säbelte ab, was ich ihm bezeichnete, und der »Saukerl« gab Manuelo währenddem flüsternde Anweisungen, was von den umstehenden Bäumen und Stauden gefällt werden mußte, um Licht zu schaffen. Nach ungefähr zehn Minuten verdrückten wir uns wieder im Dickicht, denn wie Bittner aus Erfahrung wußte, kehrte die Kolibrimutter in längstens einer Viertelstunde regelmäßig zu ihrem Nest zurück. Nach ihrem nächsten Besuche begann er zu meinem Erstaunen eiligst die Kamera aufzubauen.

»Nanu, haben Sie eine Erfindung gemacht, wie man im Finstern filmen kann?« fragte ich.

»Hä, wenn ich die gemacht hätte, brauchte ich mich nicht mehr hier in diesem alten Moderloch von Urwald rumzuschinden und rumzuärgern!« grinste er. »Legen Sie doch schnell mal ein Stück Holz da unter das Stativbein, daß es nicht einsinkt! So, jetzt steht's! – Was Ihre Frage anbetrifft, so will ich jetzt natürlich nicht filmen, sondern nur kurbeln. Verstehen Sie nicht, worum es sich hierbei handelt? Nun, wir müssen unsern Star doch natürlich erst allmählich an das Summen der Kurbel in der Nähe seines Nestes gewöhnen! Sie werden gleich sehen, daß er sofort wieder abhaut, wenn er das nächstemal mit Futter herbeikommt und das fremdartige Geräusch hört. Wollen bloß hoffen, daß es ihn nicht für immer vergrämt, wie es mir damals mit meiner ersten Kolibrimutter gegangen ist. – Alle diese Tricks habe ich erst aus bitteren Erfahrungen herausdestillieren müssen. Als wir dann endlich ein zweites Nest aufgestöbert hatten – es war da drüben hinter der Lagune, – habe ich Tage und Tage nahebei unter einer wilden Banane gehockt und jedesmal losgedreht, wenn das kleine Ding angeschwirrt kam, und immer wieder ist es förmlich zurückgeprallt und davongeschossen, und am ersten Tage ist es gleich stundenlang nicht wiedergekommen, und ich war ständig voller Angst, daß ich es überhaupt nicht mehr zu sehen kriegen oder daß die Brut in dem Nest unterdessen verhungern würde. Ich bin immer wieder mal hingeschlichen und habe gelauscht, ob sich darin noch was regte.

Aber das Tierchen wagte sich zuletzt doch immer wieder heran und fütterte seine Kleinen – 's ist wirklich was Großartiges um die Mutterliebe! Als ich es schließlich soweit hatte, daß es sich nicht mehr um das Summen des Mechanismus kümmerte, hab ich noch einen vollen Tag damit verbracht, nach und nach vier Aufheller ringsherum zu installieren, und jedesmal Zustände gekriegt, wenn die Alte zurückkam und wiederum ein neues von den großen glänzenden Dingern in der Nachbarschaft entdeckte und angstvoll über ihrem Nest, das in immer schärferes Licht getaucht war, herumschwirrte. Um völlig sicher zu gehen, habe ich Manuelo noch den ganzen nächsten Tag draußen im Leerlauf drehen und sich selber ein bißchen vor der Niststelle hin- und herbewegen lassen. Wie er am Abend sagte, hätte sich das kleine Ding zuletzt von alledem gar nicht mehr stören lassen. – Tja, und als alles so weit war und ich am andern Morgen draußen den Film eingesetzt hatte und mit den Aufnahmen beginnen wollte, sah ich im Sucher, daß das Licht noch besser sein würde, wenn ich einen einzigen kleinen Zweig, hoch darüber, abschneiden könnte. So kletterte ich ganz, ganz vorsichtig, um das Nest ja nicht anzurühren, am Stamm hoch, und als ich droben die Hand mit dem Messer ausstreckte, gab es auf einmal ein verdächtiges Knirschen und Knacken unter mir und ehe ich noch recht kapiert hatte, was los war, krachte ich zusammen mit dem ganzen Baum und dem Kolibrinest in die Lagune hinunter! Er war vollständig kernfaul gewesen –! Jaja, Heye, so kann's gehen – . An jenem Abend habe ich mich besoffen wie ein Schwein und, unter uns gesagt, dann droben in meiner Bude vor lauter Jammer geflennt wie ein Schulmädel. – Sie, Sepp, gehen Sie jetzt von dort weg, sie wird gleich wieder ankommen. Wollen mal sehen, was sie tut, wenn sie das Summen hört!«

Es war offenkundig ein kaltes Entsetzen, von dem das Mutterherz in der winzigen Vogelbrust gepackt wurde, als die stahlblauen Schwingen plötzlich über dem Nest aufblinkten. Wie ein elektrischer Funke zuckten sie bei dem anschwellenden Summen der Apparatur in die Schatten des Dickichts zurück, schimmerten in rastlosen Kreisen hier und da im Zwielicht auf, blieben eine Weile gänzlich verschwunden und wurden nach minutenlangem bangem Warten doch wieder in der Nähe der geliebten Brut sichtbar.

»Drehen Sie langsam, Bittner! – noch langsamer!« raunte ich ihm zu, die Augen auf das unruhig hin und her zuckende bunte Federbüschel gerichtet. Das allmähliche Abschwellen des unheimlichen Getönes schien dem geängstigten Tierlein tatsächlich ein klein wenig mehr Mut zu machen. Noch einige Male schoß der lebendige Funke unschlüssig vor dem Gezweige vorbei, doch er kam jedesmal dem Nestchen ein bißchen näher, und schließlich verharrte er unter einem leisen freudigen »Ah!« von uns dreien zwei, drei Sekunden lang mit rasendschnellem Schlag der Schwingen dicht vor seiner winzigen Behausung.

»Ich glaube, damit haben wir die Hauptsache schon erreicht«, sagte ich, nachdem das Vögelchen wieder davon war. Mit glühenden Gesichtern und mühsam nach Luft schnappend, schüttelten wir ganze Schauer von Schweißtropfen von uns ab, als wir aus unserm Versteck krochen; mit erbarmungsloser Glut hatte die Nachmittagssonne auf den Lianenvorhang geprallt, der uns verbarg.

»Ich nehme das auch an, und ich hab so das Gefühl, daß wir mit diesen Aufnahmen Glück haben werden. – Au! Verfluchte Ameisenbiester! Ich glaube, ich habe den ganzen Hosenboden voll, ich muß sie tatsächlich mal runterziehen. Entschuldigen Sie«, sagte Bittner und zeigte grinsend auf Sepp, der, schamhaft hinter den Lianen verborgen, bereits Hemd und Hose herunter hatte und sich mit unterdrücktem Fluchen die festgebissenen Insekten absuchte.

Es war eine schwarzbraune, kleine, aber äußerst bissige Sorte; ich selbst hatte nur vereinzelte aufgelesen, hatte aber auch die Vorsicht geübt, mich nicht hinzusetzen, sondern nur auf den Hacken zu kauern und dauernd meine Stiefel zu beobachten, ob eine daran heraufkroch.

»Verdammt, es ist ja schon halb fünf geworden!« knurrte der Operateur, als er sich wieder anzog. »Würden Sie beide noch bis zum Abend allein hier bleiben und die Sache weiter betreiben? Ich muß ja unbedingt noch den Oberaufseher wegen des Freischlagens sprechen und in der Stadt die Bleche besorgen. Vielleicht kann ich den Caballero dazu kriegen, daß er sich die Geschichte hier noch heute Abend ansieht, so daß wir morgen früh gleich mit dem Fällen anfangen können. Manuelo kann mit mir nach vorn gehen, den Mann dann hierher führen und Ihnen die Apparatur heimtragen helfen.«

Damit hastete er, begleitet von Manuelo, davon. Ich ergriff als nächstes mein Kaffeegerät, gab dem nackten Sepp den Auftrag, nunmehr die Kurbel wieder langsam in Bewegung zu setzen, überließ ihn, ungerührt ob seiner jammernden Einwendungen, der Hitze und den Ameisen hinter den Lianen und zog mich auf eine halbe Stunde nach unserm alten Rastplätzchen unter der Bromelia zurück, um nun endlich zu meinem Nachmittagsmokka zu kommen.

Wie schon beim erstenmal fiel es mir schwer, mich von dem fesselnden Treiben der Saùva in dem großen Bau zu meinen Füßen wieder loszureißen. Als ich mit meinem Kaffeekessel dort ankam, war die gesamte Belegschaft in vollem ordnungsgemäßem Arbeitsbetrieb. Wie eine endlose Kette zogen die wimmelnden Kolonnen, mit Blattausschnitten beladen und von ihren Antreibern und Soldaten eskortiert, zum Bau, hasteten leer oder manchmal auch mit undefinierbaren Abfällen bepackt aus einem andern Loch wieder heraus und im Eilmarsch zu ihrem haushohen Werkplatz in der Baumkrone hinauf. Aber als ich, die Tasse mit dem fertigen Getränk in der Hand, wieder einmal auf die heranziehende Heersäule blickte, geriet sie auf einmal ins Stocken, in Unordnung und wüstes Durcheinander und wenige Sekunden später war das Ganze zum Schauplatz einer mörderischen Vernichtungsschlacht geworden. Anfänglich konnte ich gar nicht erkennen, welcher Art der Gegner eigentlich war, auf den sich die zangenbewehrten Saùvasoldaten, denen, durch einen unerklärlichen Nachrichtendienst alarmiert, fortwährend Verstärkungen aus dem Bau zu Hilfe eilten, plötzlich mit solcher Wildheit warfen. Erst als ich behutsam hinuntertrat und mich auf das Kampfgewimmel hinabbeugte, sah ich, daß es dieselbe dunkelbraune Ameisenart war, die uns vorhin in unserm Versteck angefallen hatte. Staunend nahm ich wahr, wie das feine zischende Geräusch, das die Arbeiter der Saùva-Scharen in der Baumkrone begleitete, plötzlich eine schrillere, aufgeregtere Note annahm, wie die ausziehenden Kolonnen jählings Kehrt machten, die beladen Herankommenden ihre Lasten wegwarfen und sie sich, zusammen mit neuen Tausenden von Kameraden, die aus dem Bau herausquollen, in das Schlachtgewühl stürzten. Und mit noch größerem Staunen sah ich, daß ein Teil von ihnen, wie ein gut trainiertes und diszipliniertes Sanitätskorps, nichts anderes tat, als die Leichen der Erschlagenen vom Schlachtfelde zu tragen.

Die Angreifer waren entschieden in der Überzahl, der fast handbreite Strom, der unter einem Haufen faulender Pflanzenmassen am Wegrande hervorquoll, schien unerschöpflich zu sein, aber die Saùva waren die Größeren und Stärkeren und – sie verteidigten ihre Heimat! Doch auch die Aggressoren schienen wohl organisiert zu sein und genau zu wissen, wann ein Unternehmen als aussichtslos abzubrechen und wie ein »glorreicher« Rückzug einzuleiten war. Was sich nunmehr vor meinen Augen abspielte, waren nur noch aufopferungsfreudige Nachhutgefechte einzelner, totgeweihter Abteilungen; das Gros der braunen Armee stoppte auf einmal seinen Anmarsch, schwenkte scharf um einen alten Baumstrunk herum und verschwand in beschleunigtem Tempo wieder im Dunkel des Unterwuchses. Und es vergingen keine zehn Minuten, bis auch der letzte Verwundete auf dem Schlachtfelde am Saùvabau, gleichgültig ob Freund oder Feind, totgebissen und zusammen mit den Leichen der im Kampf Gefallenen weggeräumt, die Straße zum Werkplatz wieder sorgfältig gesäubert und geebnet war, die Prozession der Arbeiter sich neu formiert und der zischende Sägebetrieb droben in den Laubmassen wieder eingesetzt hatte.

Angesichts dieses Schauspiels aus der Insektenwelt, die der unsern so fern und fremdartig erscheint und ihr in mancher Beziehung doch wieder so unheimlich ähnelt, hatte ich, was mir selten geschieht, meinen Kaffee kalt werden lassen. So braute ich mir rasch einen neuen und dann gleich noch einen weiteren für den unglücklichen Vetter Sepp drüben in seinem Fegefeuer von erstickender Hitze und bissigen Ameisen, pürschte mich dann vorsichtig zu ihm hin und hörte ihn, wie ich erwartet hatte, schon von ferne leise, aber inbrünstig vor sich hin seufzen und fluchen.

Sowie er mich kommen hörte, brach er mit dem Geschnauf und Geprassel eines Wildebers aus seinem Schlupfwinkel heraus, riß sich den klitschenden Anzug vom Leibe und wies mir jammernd ein paar Dutzend blutrünstiger Stellen, Blasen und Beulen vor. Zwischen immer wieder eingestreuten wütenden Verwünschungen der Hitze, der Ameisen, der Moskitos, diversen Arten von Stechfliegen und einem »Trumm von Hornisse«, von der er behauptete, sie sei so groß wie eine Faust gewesen, berichtete er, daß unser liliputanischer Filmstar zweimal zurückgekommen wäre und nach einigem unruhigen Herumschießen beide Male zuletzt doch vor dem Nest verweilt und seine Jungen versorgt hätte.

Als Trost überließ ich ihm das Fläschchen mit Salmiakgeist, das mir Ruth heute mittag vorsorglich in die Tasche gesteckt hatte, und sagte ihm, daß auf dem Hügelchen unter der Bromelia ein Kaffee für ihn bereit stünde, und daß nunmehr ich das Kurbeln für den Rest des Tages übernehmen würde.

Er entschwand eilfertig. Ich wartete vorerst den nächsten Besuch des Kolibris ab, säuberte, nachdem er wieder abgeschwirrt war, den Boden unseres Versteckes, holte sodann einen Arm voll dürrer Stengel aus einem Bambusgestrüpp herbei, das ich am Wege bemerkt hatte, zündete das Zeug an, bestreute dann den Boden mit der heißen Asche, placierte schließlich den Kamerakoffer in die Mitte, und hatte auf diese Weise einen leidlich bequemen und ameisensicheren Sitz gewonnen.

Die vielgestaltigen geflügelten Plagegeister, von denen die schwüle Urwaldluft nur so summte und brummte, ließen sich freilich auch durch den Qualm der kohlschwarzen Brasilzigarre nicht sonderlich imponieren, die ich verzweifelt paffte. Von Moskitos wurde ich zwar kaum noch behelligt, erwischte aber, trotzdem ich aufpaßte wie ein Heftlimacher, nach und nach doch eine ganze Anzahl sehr schmerzhafter Stiche von Stechfliegen, und wurde zuletzt zu meinem Schrecken ebenfalls von einem wahren Ungeheuer von Hornisse attackiert, das tatsächlich fast so groß war wie eine Faust. Wahrscheinlich war es dieselbe, die schon Vetter Sepp bedroht hatte, und sie leitete ihren Angriff gerade in der Minute ein, als die schillernden Schwingen unserer kleinen Diva wieder vor ihrer Behausung in der Zweiggabel vibrierten.

Ein Auge angstvoll auf das riesige gelbgebänderte Insekt gerichtet, das mit tiefem Brummen um meinen Kopf kreiste, das andere auf den ins Füttern vertieften Vogelzwerg mir gegenüber, drehte ich die Kurbel, und drehte sie, in der Hoffnung, damit das Untier zu verscheuchen, immer schneller und schneller. Aber gerade das schien das bösartige Biest zu reizen, mit giftigem Aufsummen stieß es plötzlich auf meine Hand nieder und blitzschnell schlug meine Linke zu. Es gab einen solchen klirrenden Krach, daß die entsetzte Vogelmutter wie das Aufzucken eines farbigen Lichtstrahles im Waldesdunkel verschwand, das wegprallende Hornissenungeheuer gegen die Metallwand der Kamera klatschte und zu Boden fiel. Ich zertrat es wütend unter dem Fuße und stand dann voller Sorge, daß das Vögelchen für immer verscheucht sein könnte, eine schier endlos lange Zeit stockstill hinter der Kamera, und mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich den beschwingten Edelstein plötzlich doch wieder vor seinem Nistplatz rastlos hin- und herzucken sah.

Die letzte Stunde meiner einsamen Wache verlief ohne Störung, in regelmäßigen Abständen kehrte das Vögelchen wieder, die Schatten wurden langsam länger und tiefer und das dröhnende Gesumm der Tagesinsekten ebbte allmählich ab. Versunken in die Stimmung des abendlichen Urwaldes saß ich so reglos auf dem Koffer, daß sich einer der großen blauen Falter, der mit müdem Flügelschlag über die kleine Lichtung geflattert kam, auf meinem unbedeckten Kopf niederließ, und gleich darauf auf meinem linken Fuß eine riesenhafte Kröte. Sie war ebenso lang wie mein Fuß und doppelt so breit, sie glotzte mich aus ihren goldgetupften Quellaugen solange unbeweglich an, bis ich mit dem Wiedererscheinen des Kolibris die Kurbel aufs neue in Bewegung setzte. Daraufhin machte sie sich gemächlich davon.

Der schmale Himmelsausschnitt über mir begann in den tausend Gluten des Sonnenunterganges zu erstrahlen, in feuerfarbenes Licht getaucht, strichen Schwärme von kollernden Tukanen, krächzenden Papageien und kläglich schreienden Ibissen auf der Heimkehr zu ihren Nistplätzen über die Wipfel der Bäume, und auf einmal rollte ein vielstimmiger dumpfdröhnender Ton von fern her durch den dunkelnden Wald, und nach einer Weile verwunderten Lauschens wurde mir klar, daß ich hier zum ersten Male den Abendgesang einer Bande von Brüllaffen vernahm.

Meine Kolibrimutter schien bereits schlafen gegangen zu sein, ich begann, die Kamera abzumontieren und mich dabei zu wundern, daß weder unser Junior noch Manuelo wieder sichtbar geworden waren; da drang ein erneutes fernes Rollen und Rattern durch die Abendstille, und eine Minute später hörte ich eine der kleinen Trolley-Draisinen am Geleiseende stoppen und Menschenstimmen sich nähern. Dann tauchte das braune Gesicht von Manuelo auf dem Pfade auf, hinter seinem Rücken zu meiner Verblüffung das erwartungsvoll gespannte von Ruth und hinter dem ihrigen das verbindlich lächelnde und französische Phrasen drechselnde des Oberaufsehers.

»Ach, nun packst du schon ein!« rief Ruth enttäuscht. »Ich hätte so gern einmal den Kolibri beim Füttern gesehen; es hat mir daheim keine Ruhe gelassen, und nun bin ich doch zu spät gekommen. Schnell, zeig mir wenigstens noch das Nest, ehe es ganz finster wird! – Ich bin gerade in dem Augenblick angekommen, als Manuelo und dieser Süßholzraspler da zu dir rausfahren wollten. – Was, das winzige Kügelchen da ist das Nest!? Und da sind auch noch lebendige Junge drin! Mein Gott, ist denn so was möglich!« sagte sie und senkte unwillkürlich die Stimme, als ich auf das kleine unscheinbare Gebilde in der Zweiggabel wies.

»Wo ist die Mutter?« flüsterte sie.

»Weiß nicht. Sie wird hier irgendwo in der Nähe sitzen, denn da drin kann sie unmöglich noch mit Platz haben. – Komm, tritt von dem Nest zurück, daß sie sich nicht unnötig beunruhigt. – Was macht übrigens dein blessiertes Bein?«

»Na, es tut noch ein bißchen weh beim Gehen, aber es ist schon besser, Lucy hat mir was draufgeschmiert. Morgen früh komme ich auf jeden Fall mit euch hier raus, ich muß das Vögelchen einmal beim Füttern sehen! Zu Fuß hätte ich allerdings den Weg hierher kaum machen können, wie ich merkte, als ich aus dem Tram stieg. So war ich ganz froh, als ich vorn dem Caballero in die Hände lief. Trotzdem er auf dem ganzen Wege unaufhörlich auf mich eingeschwatzt hat. Der Kerl ist fade wie eine warme Himbeerlimonade.«

Offenkundig lag dem Oberaufseher von Utinga das Hofieren der jungen europäischen Dame viel mehr am Herzen als die Erhaltung der ihm anvertrauten Naturwunder, denn als ihm Manuelo die Bäume und Stauden bezeichnete, die niederzuschlagen waren, machte er nur eine ungeduldige, alles von vornherein tolerierende Handbewegung und beeilte sich, der hinkenden Ruth seine ritterliche Unterstützung auf dem Rückweg zur Draisine angedeihen zu lassen.

»Was ist, fährst du nicht mit? In zehn Minuten ist es doch schon Nacht?« fragte sie, als wir die Apparatur auf dem Wägelchen verstaut hatten.

»Nein. Ich muß mich mal umgucken, wo eigentlich Sepp mit meiner Kaffeemaschine abgeblieben ist, und außerdem möchte ich ganz gern einmal allein und geruhsam durch den nächtlichen Urwald pilgern. Fahr du nur los und geh mit Manuelo dann heim!« sagte ich und schritt auf unsern Rastplatz zu. Der Hügel mit der Bromelia, deren blühende Wipfelspitze im letzten brandroten Tageslicht wie eine Fackel loderte, lag verlassen da, auch die Werkscharen der Saùva hatten für heute ihre Fron beendet und sich in die Labyrinthe ihrer unterirdischen Behausung zurückgezogen. Zwischen den Wurzeln des Baumes stand mein Kaffeegerät, daneben lagen Sepps Hut und Jacke, demnach schien er nicht etwa einfach nach Hause gegangen zu sein; dennoch aber war nichts von ihm zu sehen und trotz all meines Rufens auch nichts zu hören. Es dunkelte nunmehr schnell, ich wusch rasch noch die Kaffeemaschine im Wasser des Kanales aus und begann dann noch einmal nach allen Richtungen hin in den Wald zu brüllen, aber als auch weiterhin alles still blieb, nahm ich achselzuckend seine Sachen unter den Arm und trat den Heimweg an. Ich wußte nicht, was ich tun, und wo ich ihn jetzt in der herniedersinkenden Dunkelheit suchen sollte, und für den Fall, daß er sich nur verirrt hatte, konnte ihm ja kaum etwas Schlimmeres blühen als eine sehr angstvolle und ungemütliche Nacht.

In den dunkeln Wassern des Kanales glitzerte der Widerschein der ersten Sterne, seltsam hohltönende Vogelrufe drangen aus den finsteren Gewölben der Baumkronen, um die modernden Leichen von gestürzten Stämmen wob ein gespenstischer phosphoreszierender Schimmer, und Legionen von Leuchtinsekten in unwahrscheinlich hellem, bläulichgrünem Licht erstrahlend, geisterten durch die tiefe Schwärze der Urwaldnacht.

Doch auf einmal rauschte, krachte und patschte es in der brütenden Finsternis, eine helle Tierstimme droben im Laubgewölbe keckerte entsetzt auf, und in dem Gedanken, daß in der nächsten Sekunde hier möglicherweise ein Tapir herausgeschossen kam, machte ich einen erschrockenen Seitensprung. Was aber gleich darauf keuchend und schnaufend durch das Randgebüsch hervorbrach und den gebahnten Weg mit einem gepreßten »Gott sei Dank!« begrüßte, war nicht die massige Gestalt eines Tapirs, sondern die schlamm- und dreckbespritzte, zerfetzte und schweißtriefende meines abhanden gekommenen Partners.

»Hallo, Sepp, haben Sie hier nach dem verschollenen Oberst Fawcett gesucht oder wo kommen Sie sonst her? – Sie sehen ja heiter aus!« rief ich ihn an und beleuchtete ihn mit einem Zündholz.

Mit einem ›Jesses Maria und Joseph! Haben Sie mich erschreckt!‹ fuhr er zusammen, sank dann, anscheinend bis zum letzten Rest ausgepumpt, auf den Geleisen nieder und bat mich als erstes um eine Zigarette. Gierig paffend und sich immer wieder die Schweißbächlein von der Stirn wischend, berichtete er dann, daß er vom Saùvahügel aus auf einem besonders hohen und gar nicht so entfernten Baum ein Faultier erspäht und sogleich den Entschluß gefaßt hatte, das Tier »irgendwie« einzufangen. Er war natürlich noch keine zehn Minuten in dem heillosen Dickicht unterwegs gewesen und hatte schon verschiedene unfreiwillige Moorbäder genommen, als er nicht nur keine Ahnung mehr hatte, wo sich der Faultierbaum, sondern auch, wo er sich selber befand. Dann war er gestürzt und gerade in eine besonders bösartige Nesselart hinein; sie hatte ihm das Gesicht derartig verbrannt, daß ihm die Augen zugeschwollen waren und er sie, eine gute Stunde lang an einem Tümpel hockend, hatte mit Schlamm kühlen müssen. Wobei ihm zuletzt noch irgendein »vermaledeites Viech« in die Wade gestochen hatte, so daß er kaum noch gehen konnte und dabei mit Schrecken sah, daß die Nacht hereinbrach.

»Herrgott, Heye, diese letzte halbe Stunde war furchtbar! Ich glaub, ich hab keine heile Stelle mehr am Leib. Hier in diesem höllischen Urwald sticht und schneidet und brennt und beißt und zwackt ja nicht nur alles Viehzeug, sondern auch jedes Gewächs, und eines immer gemeiner als das andere! Und wenn ich für jedesmal, wo ich heut abend in den Dreck geflogen bin, bloß a Fünferl hätt, so könnt ich mir eine ganze neue Kluft kaufen, da diese hier komplett zum Teifel gegangen ist. Ich geh ja bald wieder a Faultier fangen! – Sternenelement, ich glaub, ich schau aus wie a Kanalräumer!«

So sah er allerdings aus, Hose und Hemd hingen ihm buchstäblich in Fetzen herunter und sein schwarzer Schopf war von Blut und Schweiß und einem ganzen Herbarium von Ranken, Moos und Blättern verklebt. Ächzend und stöhnend erhob er sich schließlich, doch er war derartig erschöpft, daß ich ihn beim Gehen stützen und unterwegs immer wieder einen Halt einlegen mußte. An einem einmündenden Wasserlauf wusch ich ihm das schmutzverkrustete und wirklich recht bedenklich verschwollene Gesicht ab, und es kostete mich alle Mühe, ihn davon abzuhalten, seinen Durst mit dem bakterienverseuchten Bachwasser zu stillen, und noch größere, ihn wenigstens bis vor das Pumpenhaus zu bringen.

Die Maschinisten der Nachtschicht waren von rührender Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Sie labten den verunglückten Faultierjäger vorerst mit ungeheuren Mengen von Mate-Tee und einer halben Kaffeetasse von Cajas, zogen ihm dann die zerschlissenen Lumpen herunter und eine Anzahl Dornen aus dem Fell, behandelten die am bösartigsten aussehenden Insektenstiche mit einer starkduftenden braunen Schmiere, die sie für einen Indianerbalsam von schlechthin wunderbarer Wirkung erklärten, und liehen ihm schließlich für den Nachhauseweg noch blaue Arbeitskleider. Dann verlud ich meinen nunmehr vollkommen erledigten Kompagnon in ein herbeitelephoniertes Taxi und verstaute ihn schließlich daheim mit Ruths Hilfe in seiner Hängematte.

»Dieses Riesenroß hätte lieber sein eigenes Leben bei Lloyds versichern lassen sollen. Zu unsern Gunsten natürlich!« meckerte Bittner, der auch soeben erst heimgekommen war, bei unserm verspäteten Nachtessen. »Wenn er schon am ersten Tag in ein solches Schlamassel gerät, wird er hierzulande nicht lange blühen. – Hatte gedacht, ihn morgen draußen anzusetzen, um den Kolibri zu bekurbeln, so daß wir beide uns schon ein bißchen mit einem sehr günstig gelegenen Saùvabau beschäftigen könnten, den ich entdeckt habe und den ich auszugraben und bis in jede Einzelheit zu filmen gedenke, aber dieses Reitpferd Gottes sieht mir nach diesem Abenteuer nicht aus, als wenn es in den nächsten acht Tagen zu irgend etwas zu gebrauchen wäre!«

»Das Kolibrikurbeln können wir ruhig meiner Frau anvertrauen, sie wird es mit Begeisterung und absoluter Zuverlässigkeit tun. Ist es der Saùvabau unter der Bromelia am Ende der Feldbahngeleise, den Sie aufs Korn genommen haben?«

»Ja, der! Na, ich bin bloß froh, daß wenigstens Sie ein Mensch sind, der draußen die Augen offen hält und mit dem was anzufangen ist! – Ich glaube, Sie werden Bauklötze staunen, was in dem Saùvabau zutage kommen wird. Diese kleinen Biester sind das Unglaublichste, was mir je von Insekten vor die Augen gekommen ist. Haben Sie schon mal was über sie gehört oder gelesen?«

Ich nickte, ging in mein Zimmer und nahm das betreffende Kapitel in dem vortrefflichen Buche von Professor Günther »Das Antlitz Brasiliens« gleich noch einmal durch.

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