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Amazonasfahrt

Artur Heye: Amazonasfahrt - Kapitel 7
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleAmazonasfahrt
publisherBüchergilde Gutenberg Zürich
year1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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6

Der darauffolgende Montag begann zu unserer maßlosen Enttäuschung nicht mit den ersten Aufnahmen draußen in der Wildnis, sondern mit einem höchst deprimierenden und widerlichen Krach daheim. Ich stellte in seinem Verlaufe mit Besorgnis fest, daß es mir bei diesen jähen und gereizten Ausbrüchen unseres Operateurs mit der Zeit immer schwerer fiel, die Ruhe zu bewahren, um so mehr, als die Anlässe zu diesen Szenen immer lächerlicher wurden.

So wußte ich kaum, was ich sagen sollte, als er auf einmal auf den Frühstückstisch hieb und mich erbittert fragte, wieso ich und meine Frau eigentlich eine Vorzugsbehandlung durch die Köchin genössen. Seine Frau hätte der Schwarzen gestern ausdrücklich gesagt, daß sie ebenfalls Hafergrütze zum Frühstück wünschten, aber »das bockbeinige alte Luder« hätte wiederum nur für uns beide eine Schüssel voll gekocht! – »Denkt sie, daß wir ihr nichts anzuschaffen haben, weil sie nur von Ihnen engagiert worden ist, oder was soll das sonst heißen?« brüllte er los, stieß seinen Stuhl zurück und warf die Tür hinter sich ins Schloß.

Mir war es einfach zu dumm, ihn mit der Erklärung zu unterbrechen, daß ich auch lieber Röstkartoffeln mit Speck, Eier, Wurst und Käse essen würde wie er, und daß sich Ruth lediglich meiner Lebensweise angepaßt hatte. So stand ich schweigend auf und fragte Lucy in ihrer Küche, warum sie Frau Bittners Wünschen nicht Rechnung getragen hätte. Sie antwortete, daß von der Büchse Quaker Oaks heute früh eben nur noch genug für zwei Portionen »Porridge« vorhanden gewesen wäre, und daß sie gestern keinen neuen Vorrat hätte kaufen können, weil Sonntag war.

Ich muß gestehen, daß ich niederträchtig genug war, der verdattert dreinschauenden schwarzen Seele daraufhin die Anweisung zu geben, künftighin Bittners nicht nur allmorgendlich einen gewaltigen Napf Hafergrütze, sondern auch bei den andern Mahlzeiten von allen meinen, so trostlos ledern schmeckenden Diätspeisen eine reichliche Portion vorzusetzen. Welche Order von Lucy mit einem pfiffigen Schmunzeln ihres dicklippigen Kußmundes beantwortet wurde.

Mit Sepp aber ging bei dieser Gelegenheit einmal sein bayrisches Temperament durch, denn als ich mich wieder niederließ, um den Rest meines mißgönnten Habermuses zu vertilgen, hörte ich auf einmal die Stimme unseres Juniors in Bittners Zimmer in einem wahren Löwengebrüll losröhren. Gegen diese Töne kam sogar das schrille Gekreisch von Frau Paula nicht auf. Ich konnte kaum glauben, daß es wirklich der sanfte Joseph war, der diese urchigen Laute von sich gab.

Schließlich riß er die Türe auf, schrie noch einmal zurück: »Nein, sage ich Ihnen, nein! Ich hab Ihnen schon zehnmal erklärt, daß es an Dreck damit zu tun hat, daß sie meine Kusine ist! Mich interessiert nur, daß die Sache, in die ich mein Geld gesteckt habe, net durch solchene saublöden Stänkereien in die Brüche geht! – Jetzt ist's nun aus und gar bei mir, Himmikreizsakrament!«

Den aufgeregten Bericht, den er mir darauf geben wollte, schnitt ich mit den Worten ab: »Ich weiß Bescheid. Was mich betrifft, so fahre ich jetzt, mit oder ohne Bittner, nach Utinga hinaus und fange mit unserer Arbeit an. Ich werde als erstes einen Versuch mit den neuen Farbplatten machen. Wenn Sie mitkommen wollen ...?«

Er zögerte und kam zuletzt zu dem Entschluß, lieber daheim zu bleiben, um, wenn irgend möglich, zu verhindern, daß Adalbert auf diesen Ärger hin eine neue Pintenfahrt antrat.

»Ich begreife den Mann nicht«, seufzte er und sah mich, schon wieder weich geworden, hilflos an. »Gestern nachmittag bin ich mit ihm noch eine Maß Bier trinken gegangen, dabei war er ganz friedlich und vernünftig, und hat Sie sogar noch für Ihr Schaffen gelobt. Er hat mir dabei auch angedeutet, daß ihn seine Frau alleweil aufzuhetzen sucht, weil sie halt die Ruth nicht ausstehen kann! Natürlich hat auch diesmal das bösartige Frauenmensch dahintergesteckt. Heute nacht ist er nämlich wieder mal spät und wohl auch nicht ganz nüchtern heimgekommen, und um sie zu beschwichtigen, hat er sich beim Frühstück für sie ins Zeug gelegt. So wird die Sach zusammenhängen. – Jessesmaria, was wollen wir bloß machen, Herr Heye!?«

Mir war schon lange klar, was hier einzig zu machen war, nämlich eine von den beiden Frauen heim- oder sonst wohin zu schicken. Auf jeden Fall aber aus unserer Mitte weg. Doch das traute ich mich einfach nicht, ihm vorzuschlagen. Denn wenn nun nicht nur Bittner, sondern auch er dafür stimmte, daß es Ruth war, die gehen sollte! Denn darüber, was bei Vetter Sepp verwandtschaftliche oder freundschaftliche Gefühle wogen, wenn sein gutes Geld auf dem Spiele stand, machte ich mir keine Illusionen.

Auch Ruth hatte natürlich längst erkannt, was die Wurzel alles Übels und was die einzige Abhilfe war. Nach einigen entsprechenden Erfahrungen auf der Überfahrt hatten wir schon in Rio einmal dieses betrübliche Thema miteinander erörtert, und nach einem wenig ermunternden Gedankenaustausch, wie sich das Verhältnis zwischen ihr und Frau Bittner erst gestalten würde, wenn wir später in Parà einen gemeinsamen Haushalt führten, war sie bereits entschlossen gewesen, lieber allein dort zu bleiben, bis unsere Arbeit im Norden vollendet war und vielleicht dann erst für eine kurze Zeit hinaufzukommen und darauf mit mir zusammen die Heimreise anzutreten.

Es waren zwei Gründe, die mich bewogen, sie von diesem Entschluß wieder abzubringen. Einmal der, daß mir überhaupt nicht genug Geld zur Verfügung stand, um ihren Lebensunterhalt in Rio auf so lange Zeit selbst zu bestreiten, so billig er sich auch, gemessen an europäischen Verhältnissen, dort stellte. Der andere war eine wütende Auflehnung gegen den Gedanken, daß mein kleiner Kamerad mit seiner unbändigen Abenteuerlust und seiner rührenden Liebe zu allem, was da grünt und blüht und kreucht und fleucht, auf das Erlebnis der Tropen verzichten sollte wegen eines so absolut wertlosen Stückes Mensch wie jene Frau es in meinen Augen war! – Mit einem: »Nein, auf keinen Fall!« war ich damals plötzlich hochgefahren. »Du gehst mit hinauf zum Amazonas, mag kommen was will! Und wenn die ganze Filmgeschichte und damit auch der Mammon zum Teufel geht, den ich dabei zu scheffeln gedachte, und wir eines Tages auf unsern Koffern dort am Strande sitzen und ins Wasser spucken und nicht wissen, wovon wir uns zwei Bananen als Abendessen kaufen sollen! Ich hab in meinem verrückten Leben schon manchmal so dagesessen und, wie du siehst, lebe ich heute noch und kann sogar noch meine Frau anbrüllen wie der Stier von Uri!«

»Das hättest du gar nicht brauchen. Ich wäre nämlich, offen gestanden, auch mitgegangen, wenn du's ganz leise gesagt hättest!« antwortete sie, scheinbar kühl wie eine Essiggurke, dann aber konnte sie nicht anders, als in einer explosiven Aufwallung von Freude mir einen ganzen Büschel meiner in Ehren ergrauten Haare auszureißen.

Immerhin ging mir die immer unerquicklichere Entwicklung, die unsere Angelegenheiten nahmen, derart im Kopf herum, daß ich äußerst einsilbig Standkamera und Farbplatten zusammenpackte und auf der ganzen Fahrt bis Utinga kaum einen Laut gab. Ich fand mich erst wieder zurecht, als mein Kamerad draußen am Urwaldsaum plötzlich stehen blieb und mich fragte, ob ich mir die Sache mit dem »Mag kommen, was will« jetzt vielleicht anders überlegt hätte.

Selbstverständlich schüttelte ich daraufhin nur unwirsch den Kopf, aber sie hatte erfaßt, was mich hierbei am meisten bekümmerte, denn bei einer Rast, die wir nach mehrstündigem Arbeiten mit der Kamera auf der Kuppe unseres Saùvabaus machten, bemerkte sie beiläufigerweise: »Es ist übrigens gar nicht gesagt, daß du mit vollständig leeren Händen dastehen würdest, wenn die Sache hier in die Brüche gehen sollte. Vielleicht kannst du in Europa dann doch noch den erforderlichen Mammon zusammenscharren, um in dein vielgeliebtes Afrika zurückgehen zu können. Denn die Unmöglichkeit, nach einem Fiasko mit dem Amazonasfilm deine dahingehenden Pläne auszuführen, ist doch der Wurm, der dir am Herzen frißt. Nicht wahr?«

»Ganz recht«, versetzte der Igel. »Aber wie denkst du dir das Zusammenscharren? Wollen wir hier einen Engroshandel mit Riesenschlangen anfangen oder dem alten Juwelier in der Jao Alfredo mal nachts das Schaufenster ausräumen, oder was sonst? Ich merke doch, du hast eine Idee! Also raus damit!«

»Nicht ich, sondern Papa Landsberger hatte eine. Was den Riesenschlangenhandel betrifft, so könnte man sogar noch einmal darüber reden. Aber den Edelsteinhändler in der Jao Alfredo helfe ich nicht mit ausplündern, er ist ein zu netter alter Herr. – Wenn wir wieder ein bißchen Geld haben, kaufe ich ihm übrigens ein paar Steine ab und verkaufe sie drüben dann wieder um teures Geld. Ich hab mir schon einige angesehen, er will sie mir ganz billig lassen. Du brauchst mich gar nicht so giftig anzuschielen; ich verspreche dir, daß ich dich zu dem Einkauf mitnehme! – Nun hör mal zu.

Als ich vorige Woche bei Frau Landsberger zum Kaffeeklatsch eingeladen war, erwähnte ich so beiläufig, daß du drüben immer die Wintermonate hindurch Vorträge gehalten und damit eigentlich mehr verdient hast, als mit dem Bücherschreiben. Daß es aber noch mehr hätte sein können, wenn du dabei hättest Lichtbilder oder einen Film zeigen können. Es schien die gute Rosmarie über die Maßen zu interessieren, daß du als eine ›Vortragskanone‹ giltst, wie man so schön sagt. Ich merkte gleich, daß sie im Zusammenhang damit ein Projekt wälzte. Sie sagte zwar weiter nichts darüber, aber vorgestern nachmittag huschte ich einmal in das Atelier ihres Mannes hinauf, um ihn mit in die Konditorei zu einer Glacé zu schleppen, da unsereins in diesem verdrehten Lande nun einmal nicht ›unbeschützt‹ in ein Lokal gehen kann. Er kam auch bereitwillig mit und dabei rückte der schnurrige alte Hecht, sozusagen teelöffelweise, wie es seine Art ist, und nur in Andeutungen, damit heraus, daß es mit unserm Adalbert schon damals bei seiner ersten Filmfahrt allerlei alkoholbedingten Krakeel gegeben und sich seine Verbindung mit der »Filmag« eigentlich schon hier in Parà aufgelöst hatte. Im allgemeinen sagte der alte Landsberger von Bittner das, was alle sagen: ›... ein Kerl wie Samt und Seide, bloß schade, daß er suff!‹ – Weil er nun aber einmal ›suff‹, sei allerdings die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, daß es mit seiner jetzigen Expedition gerade so ausgehen würde wie mit der letzten. Wenn aber dieser, für uns beide wohl besonders schwerwiegende Fall eintreten sollte, so brauchte trotzdem für dich nicht alles verloren zu sein, denn Landsberger besäße einen Film vom Unterlauf des Amazonas, den er dir für Vertragszwecke gern überlassen wollte. Über die Bedingungen würdet ihr euch schon einig werden, du solltest auf alle Fälle einmal hinkommen und ihn dir ansehen. Wie er sagte, hat er den Film vor ein paar Jahren zusammen mit einem andern Mann gedreht, und jener andere wäre ein ganz merkwürdiger Kerl. Zu einem Teile sei er Wissenschafter, zum andern staatlicher Eingeborenenagent und zum dritten ein leibhaftiger Indianerhäuptling und deshalb eine wahre Fundgrube für einen Bücherschreiber, wie du einer bist. Landsberger will dich gelegentlich einmal mit ihm bekannt machen.

Du kannst dir denken, daß ich dem alten Papa auf dieses Angebot hin am liebsten um den Hals gefallen wäre! Aber das war noch nicht einmal alles, denn als wir dann auseinandergingen, sagte er mir draußen auf der Straße noch ganz nebenbei, daß er in seiner Dunkelkammer eine verläßliche Hilfe sehr gut gebrauchen könne. Wenn also eine Besserung der allgemeinen Lage damit herbeizuführen wäre, daß Frau Paula von meinem Anblick befreit würde, so offeriere er mir hiermit diese Stellung in seinem Geschäft. Und, ganz unabhängig davon, natürlich jederzeit eine Unterkunft in seinem Hause! Was sagst du dazu? Ist er nicht ein famoser alter Knabe? – Du siehst also, daß die Küste Afrikas auch dann noch nicht gänzlich versunken ist, wenn sich die ›Jungfilm G. m. b. H.‹ hier in Wohlgefallen auflösen oder dich im Interesse des inneren Friedens eines schönen Tages ausbooten sollte. – So, nun erlaube ich dir, mir auch einmal eins von den Pralinés anzubieten und sie nicht alle alleine aufzufressen, und dann wollen wir noch einmal versuchen, von dem alten Baumstamm da eine anständige Aufnahme zu kriegen. Jetzt fallen wirklich ein paar Sonnenstrahlen darauf!«

In den verbleibenden zwei Stunden, bis es Zeit war, zum Mittagessen nach Hause zu gehen, gewann ich zwei verschiedene Erkenntnisse. Die eine, zu der ich eigentlich schon häufig gelangt war, die ich aber, meiner düsteren Gemütsart entsprechend, immer wieder vergessen habe, war die, daß eine Sache nie ganz so schwarz ist, wie sie anfänglich aussieht. Allerdings auch umgekehrt, nie ganz so licht!

Die andere, ganz anders geartete, war die, daß der Kampf ums Licht in den dämmerigen Gründen der Urwälder nicht nur alles Pflanzenleben, sondern auch alles Photographieren beherrscht. Die Orchideen, die mit ihrer Buntheit die am besten geeigneten Objekte für unsere Farbplatten gewesen wären, schieden so gut wie gänzlich aus. Als Schmarotzerpflanzen wachsen sie ja nur an und auf Bäumen und, wie wir betrübt herausfanden, immer gerade an den schattigsten Stellen. Bei jeder einzelnen wäre stundenlange Holzfällerarbeit ringsherum nötig gewesen, um genügend Aufnahmelicht zu schaffen, welche Arbeit, selbst wenn ich sie hätte leisten können, hier in Utinga ja strikte verboten war. Das gleiche traf auf die phantastische Blütenpracht zahlreicher Schlinggewächse zu; immer wieder mußten wir uns nach einem Blick auf die Mattscheibe betrübt von den lockenden Objekten abwenden. Die einzigen Aufnahmen, zu denen wir schließlich gelangten und auf die ich einige Hoffnungen setzte, waren solche von Dingen, die sich uns nahe dem freigeschlagenen Wege boten; neben einigen wenigen blühenden Lianen war es die herrliche Kuppel der Bromelia hinter unserm Rastplätzchen und die am längsten belichtete dritte Aufnahme eines reizenden Fischfamilienidylls.

Ruth hatte sie mit einem Jubelschrei im seichten Uferwasser eines Bächleins entdeckt. Von einem nur sehr schmalen Streifen einfallenden Sonnenlichtes beleuchtet, zog da ein etwa fingerlanger und behäbigdicker Fischpapa in geruhigem Tempo dahin und hinter ihm drein ein wimmelnder Schwärm von kaum stecknadelgroßen Sprößlingen. Gehorsam machte der ganze Haufe jede leise Schwenkung im Kurs des Vaters mit, und diejenigen, die doch einmal, und war es noch so wenig, von der geschlossenen Formation abwichen oder nachbummelten, wurden von der ebenfalls sehr wohlgenährt aussehenden, aber ungemein energischen Mutter durch einen Stupfer mit dem dicken Kopfe oder einem fegenden Schlag der Schwanzflosse wieder in Reih und Glied gebracht. Das Allerentzückendste dabei aber bildete die haarscharf abgesetzte dreifarbige Bänderung des ganzen Familientrosses – er führte die Farben des verflossenen deutschen Kaiserreiches spazieren. Schwarz-Weiß-Rot! Wie mir Manuelo am andern Tage sagte, als ich ihm die entwickelte Platte zeigte, trägt das Fischlein tatsächlich den Namen Bandeira almao, »die deutsche Flagge«.

Allerdings, die Fischlein sehen war eines, und sie auf die Platte bringen ein anderes gewesen! Noch dazu auf eine von den ersten, lichtfressendsten Farbplatten, die die bekannte deutsche Firma herausgebracht hat! Wenn das Familienoberhaupt seine Prozession nicht immer wieder an den besonnten Uferstreifen zurückgeführt hätte, wäre eine Aufnahme überhaupt nicht möglich gewesen. Hier aber hing ein dichtes Gewebe von Schlingpflanzen über das Ufer hinab, und in dem leisen Luftzuge, der immer einem fliessenden Wasser folgt, schwangen die Ranken dauernd vor dem Objekt hin und her, und verbotnerweise blieb mir zuletzt doch nichts übrig, als sie mit scheuen Blicken und gespitzten Ohren ringsherum abzuschneiden. Doch ich konnte nicht verhindern, daß ein Teil davon ins Wasser fiel und unsere Fischlein daraufhin natürlich blitzschnell davonstoben. Und als sie nach einigen Minuten banger Erwartung vorsichtig wieder aus den tiefen Schatten des andern Ufers zum Vorschein kamen, fuhr der gleiche Schrecken nachträglich mir ins Gebein!

»Du, Johnny, da fällt mir was ein! Das ist doch der Bach, der da vorn in den großen Kanal mündet, und zwar unterhalb des Gitters, nicht wahr? Und da steht immer ein Arbeiter mit einem langen Rechen und fischt alles heraus, was auf dem Bach hineintreibt, und an den Schnittflächen kann der doch sehen, daß die Ranken mit einem Messer gekappt worden sind, und wenn der das dem lackierten Affen, dem Oberaufseher, meldet ...!«

Das letzte rief ich schon unterhalb aus den Büschen zurück, zwängte mich vollends hindurch, patschte in den Wasserlauf hinein und fischte eine Viertelstunde lang und im Mittelpunkt eines blutdürstigen Schwarmes von Moskitos sorgsam jedes Stück Ranke heraus, das da angetrieben kam.

Als ich, die hohen Schnürstiefel bis zu den Knien voll Wasser, die Arme voll kleiner Blutegel, und den Kopf von einem halben Hundert Stichen aufgeschwollen wie ein Gasballon, wieder zurückschlich, hörte ich hinter der Lianendraperie ein warnendes »Pssst« und gleich darauf das leise Klicken des Objektivverschlusses.

»Es war schon die zweite Aufnahme«, flüsterte Ruth, die langausgestreckt auf dem Bauche lag und die schrägabwärtsgeneigte Kamera in ihren weichen Filzhut eingebettet hatte. »Ich mußte zwei Sekunden nehmen, aber ich glaube, es ist nichts geworden, die Kerle sind ja fortwährend in Bewegung! – Weißt du was, fang doch mal nen Wurm und halt ihn hier mit einem Stöckchen ins Wasser. Jetzt wimmeln die Fischlein irgendwo da hinten rum, wenn sie aber noch einmal hier vorbeikommen und sehen den Köder, so fangen die Alten vielleicht an, daran zu knabbern und dabei kann ich sie noch einmal schnappen. Aussehen tun die beiden jedenfalls wie richtige Freßköpfe!«

Ich hielt es für eine Schnapsidee, aber wie mich ein Blick auf die Düsternis der Mattscheibe belehrte, war es ausgeschlossen, daß auch bei zwei Sekunden Belichtung etwas Rechtes auf die Platte gekommen war. So ging ich zum nächsten morschen Baum, riß ein paar Stücke seiner modernden Borke ab und forschte solange in dem reichhaltigen Sortiment von Käferlarven, Spinnen, Asseln, Holzwanzen und Tausendfüßlern, das da zum Vorschein kam, bis ich einen fetten, gelben Engerling erwischte, spaltete dann die Rippe eines Stechpalmenwedels auf, klemmte meinen Fund hinein und trug ihn zu Ruth hin. Doch fand ich sie, die Kamera vor der Nase, bereits wieder bäuchlings auf der Lauer liegen, ihr ausgestrecktes Bein winkte meine Annäherung ungeduldig ab. Ich blieb stehen und äugte neben ihr ins Wasser hinab, da quiekte sie plötzlich auf, schlug sich wütend hinten in die Kniekehle und hielt mir dann in stummem Jammer eine breitgeschlagene große Wespe unter die Nase.

»Siehst du, wärst du nicht rangekommen, so hätte ich nicht mit dem Bein strampeln brauchen und dann hätte sie mich auch nicht gestochen! Diesmal hätte es mit der Aufnahme geklappt, ich hatte einen dicken Brummer gefangen, und als sie wieder heranschwammen, hab ich ihn aufs Wasser geworfen und sie sind auch gleich drauflosgefahren. – So ein gemeines Wespenvieh! Hast du vielleicht ein Fläschchen mit Salmiak bei dir?«

»Nein, aber ich kann dir ein bißchen Spucke oder einen Batzen feuchter Erde auf den Stich tun. – Das willst du nicht? So geh mal da weg und laß mich an die Kamera ran! – Da, schau! Sie sind ja noch bei deinem Köder!« Der ganze farbenfrohe Schwarm stand tatsächlich fast bewegungslos im sonnenlichtdurchfluteten Wasser, nur der Leichnam der Schmeißfliege glitt sachte zwischen den schnappenden Mäulern der beiden Fischeltern hin und her. Ruth hatte ihren Schmerz sofort vergessen, gepreßt atmend neigte sich ihr Kopf neben dem meinen über den Sucher, rasch adjustierte ich die Kamera, drückte auf den Auslöser, zählte ruhig: »Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig« und ließ den Druckknopf wieder los.

»Fein gegangen! Wenn die Aufnahme gut rauskommt, so nehme ich den Wespenstich und das Schock Ameisenbisse gern in Kauf, die ich hier schon wieder abgekriegt habe. Au! – Herrgott, ich bin ganz voll von den Biestern, das ist ja zum Verrücktwerden hier! Paß mal auf, daß niemand kommt!« winselte sie und begann wieder einmal so ziemlich alles, was sie am Leibe trug, auszuziehen und eingehend zu inspizieren.

Gut war die Aufnahme dennoch nicht zu nennen, wie wir beim Entwickeln am nächsten Tag enttäuscht feststellten, die Fische waren wohl zu erkennen, doch um ihr leuchtendes Farbenkleid voll herauszubringen, hätte es fünf oder sechs Sekunden Belichtung gebraucht. Damit schien mein schöner Traum endgültig zerronnen, meinen Zuhörern farbige Diapositive von lebendem Amazonas-Getier zeigen zu können.

Ruths Wespenstich hatte schon nach einer Viertelstunde eine derartige Beule entwickelt, daß sie sich mühselig humpelnd und betrübten Herzens allein auf den Heimweg machte. Ich strich noch bis gegen Mittag auf der Suche nach lohnenden Farbaufnahmen an den Rändern der Wege und Wasserläufe und an allen sonstigen Stellen herum, wo ein wenig Helligkeit in die Urwaldnacht hereinfiel. Doch es war nirgends auch nur annähernd genug und mir wurde immer unklarer, wie Bittner mit seinem hochempfindlichen Schwarzweißfilm in dieser ägyptischen Finsternis arbeiten wollte, ohne vorher mindestens ein halb Dutzend von den umstehenden Bäumen zu fällen.

Dem schmalen Pfade, den wir gestern mit Manuelo gegangen waren, in umgekehrter Richtung folgend, sah ich auf dem Rückwege bereits die flammende Krone der Bromelia vor mir durchs Dickicht schimmern. Ich war stehengeblieben, um mir wieder einmal den strömenden Schweiß von Brille und Gesicht zu wischen. Der in brüllende Mittagshitze getauchte Wald dröhnte und siedete wie ein Dampfkessel vom myriadenstimmigen Konzert der Zikaden, von Summen und Brummen der geflügelten Heere von Heuschrecken, Käfern, Fliegen und Mücken ringsum, da zuckte es wie ein blaugrüner Blitz durch die goldene Bahn eines einzelnen einfallenden Sonnenstrahles, und gleich darauf ertönte ein hohes, feines Schwirren dicht an meinem Ohr.

Ich stand stockstill, drehte nur die Augen seitwärts und konnte aus dem Winkel heraus gerade noch etwas Beschwingtes, Buntfunkelndes wahrnehmen, das mit rasendschnellem, sirrendem Flügelschlag ein paar Sekunden lang vor einem Gebüsch am selben Fleck in der Luft verharrte und dann mit einem erneuten farbensprühenden Aufblitzen wieder verschwand.

Daß es ein Kolibri gewesen war, war mir klar, nicht aber, was sein Verweilen an dieser bestimmten Stelle zu bedeuten gehabt hatte. Es hatte nicht ausgesehen, als ob der kaum maikäfergroße Vogelzwerg da irgend etwas Freßbares weggepickt hätte, und doch konnte ich in den tiefen Schatten, die die wie eine Menschenhand geformten, großen Blätter des Busches warfen, lange, lange nichts Besonderes entdecken. Mit einem ärgerlichen Fluche riß ich zuletzt die schon wieder schweißüberfluteten Gläser von der Nase, und nun erspähte ich auf einmal das winzige walnußgroße Gebilde, das da in einer Gabelung des Gezweiges ruhte – das Nest des Kolibris. Ich wagte kaum zu atmen, als ich ganz, ganz behutsam den Kopf näher schob und das Ohr dicht an die korkartige Masse der Nestwand heranbrachte, und das Herz setzte mir aus, als ich wirklich ein kaum noch wahrnehmbares, unendlich feines Gepiepse da drin erlauschte.

Nur einen Augenblick verharrte ich so, trat dann mit einem großen Schritt zurück, nahm den abgestellten Kamerakoffer auf und machte, so rasch und so lautlos als möglich, daß ich auf den großen Weg hinauskam, ehe die Kolibrimutter zurückkehrte und sich vor dem hier stehenden Ungeheuer erschreckte, das da sicherlich ihre Jungen verschlingen wollte.

Der Operateur, der bei meiner Heimkehr steinernen Antlitzes, aber zu meiner Erleichterung unzweifelhaft nüchtern, am Mittagstisch saß, ließ sofort die Rolle der gekränkten Leberwurst fallen, als ich ihn völlig ungezwungenen Tones fragte, ob er nach Tisch mit nach Utinga hinauskommen wolle, um dort ein intaktes Kolibrinest anzusehen. Er hatte schon mehrfach erwähnt, welch verzweifelte Mühe er sich vor sechs Jahren gegeben habe, die Brutpflege dieser winzigen Geschöpfe erstmalig auf ein Filmband zu bringen, wie schwer es gewesen sei, vorerst ein solches Nest, das wirklich Junge barg und sich an zugänglicher Stelle befand, überhaupt aufzuspüren, und wie unbefriedigend die Aufnahmeresultate von wochenlanger Arbeit schließlich gewesen wären.

Ich löffelte noch meine gewohnte Nachtisch-Papayo aus, als er schon marschbereit und ungeduldig von einem Bein aufs andere tretend an der Türe stand. Sepp, der sich in der Stadt verspätet hatte und jetzt erst erschien, war zu unserer Überraschung sogar bereit, sein fehlendes Mittagessen durch um so strammere Haltung zu ersetzen und ebenfalls mitzukommen.

So sehr ich mich selbst über meine glückhafte Entdeckung und die nun endlich in Aussicht stehende ernsthafte Arbeit freute, ließ ich mich durch den plötzlich erwachten Eifer der beiden keineswegs aus der Ruhe bringen, nahm, nachdem mein Wolfshunger gestillt war, ein Schauerbad, zog von Kopf bis zu Füßen frisches Zeug an und ging dann, zu des Kurbelmanns stiller Verzweiflung, um bei Lucy einen handfesten Mokka zu bestellen.

Zu meinem Erstaunen fand ich sie inmitten eines einberufenen Konziliums, das aus ihrer Tochter, der Wäscherin und einer wildfremden alten Indianerin aus der Nachbarschaft bestand, vor Ruth auf dem Boden knien, und alle miteinander gaben, gleichzeitig redend, ihr Gutachten über den Wespenstich ab. Er sah in der Tat bedenklich aus, die Schwellung war jetzt fast faustgroß und von feuriger Röte; als aber Ruth etwas von »Pflasterdraufkleben« sprach, weil sie bei einer so unerhörten Filmaufnahme wie Kolibrinest mit Jungen natürlich dabei sein mußte, erhob die alte Lucy ein derartiges Zetergeschrei, daß ich unter Verzicht auf meinen Mokka entsetzt und treulos und unverzüglich die Flucht ergriff.

Bittner hatte derweilen von Manuelo, der uns gleichfalls begleiten sollte, eine Filmkamera samt den dazugehörigen Geräten zur Tramhaltestelle schaffen lassen. Als ich in der irrsinnigen Hitze dieser Mittagsstunde mit Ruths Rolleiflex und zu des Kurbelmannes verständnislosem Kopfschütteln auch mit meiner kleinen Kaffeemaschine bepackt dort ankam, troff und klitschte schon wieder alles an mir von Schweiß.

»Wollen Sie diese umständliche Apparatur tatsächlich mit hinaus bis an das Kolibrinest schleppen, nur, um noch zu Ihrer Tasse Kaffee zu kommen?« fragte er ungläubig. »Tatsächlich«, grinste ich. »Ich habe eine ähnliche sogar mit bis zur Mayerhöhle auf dem Sattelplateau des Kilimandscharo hinaufgeschleppt, und in fünftausendzweihundert Meter Höhe spielt schon das Gewicht einer Schachtel Streichhölzer eine Rolle! Sie hätten wahrscheinlich eine Flasche Bier hinauftransportiert. Aber wir wollen uns nicht über die Binsenwahrheit verbreiten, daß die Geschmäcker verschieden sind, sondern lieber über die wichtige Frage, wie Sie in der Waldesfinsternis da draußen eigentlich filmen wollen. Ich bin heute von früh an kreuz und quer dort rumgekrochen, habe aber keine einzige Stelle gefunden, wo eine Aufnahme möglich gewesen wäre, ohne vorher wenigstens zwei oder drei Bäume rundum zu fällen.«

»Ja, ohne Ausholzen geht's selbstverständlich nicht. Ich habe Manuelo schon beauftragt, für morgen früh ein halbes Dutzend Kerle mit den nötigen Werkzeugen herbeizuschaffen. Außerdem müssen wir natürlich auch Aufheller haben. Ich haue deswegen draußen beizeiten wieder ab und steige dem alten Trottel von Eisenhändler am Ver-o-peso aufs Dach, warum er mir die bestellten Hochglanzbleche noch nicht geliefert habe. Die Dinger werden in der Nähe des betreffenden Objektes derart aufgestellt, daß sie das einfallende Licht darauf werfen. – Was gucken Sie denn so entgeistert?«

»Ja, Mann Gottes, wieso können Sie mit sechs Mann zum Abholzen da draußen anrücken wollen. Utinga ist doch Naturschutzpark!«

»Sicher!« sagte er mit selbstzufriedenem Lächeln. »Aber Sie wissen doch, daß ich durch meine Verbindungen von früher her die Spezialerlaubnis für uns erwirkt habe, dort einen Film zu drehen, und das geht selbstverständlich nicht ohne Licht. Klar, daß wir nicht mehr fällen dürfen, als unbedingt notwendig ist. Um das zu beurteilen, muß stets der Oberaufseher dabei sein. Wir haben nicht umsonst sechshundert Milreis für den Erlaubnisschein blechen und uns außerdem verpflichten müssen, der Stadtverwaltung eine Kopie aller in Utinga gemachten Aufnahmen gratis und franko zu liefern.

Wir dürfen im Schutzgebiet sogar diejenigen Fische, Amphibien, Reptilien und Insekten fangen, die wir nur daheim hinter Glas filmen können, sind aber gehalten, die Tiere nachdem draußen wieder auszusetzen.

Ich habe allerdings stundenlang die dicksten Töne spucken müssen, welchen Ruhmesglanz bei der kulturellen Bedeutung unserer Firma über die Stadt Parà ausstrahlen würde, wenn unser Utinga-Film einstmals in allen Cinemas der Welt läuft, aber ich habe es geschafft! – Hier steht's schwarz auf weiß! – Nanu, was kommt Ihnen denn bei der Sache so komisch vor?«

»Nichts weiter, als daß ich mir demnach heute früh ein halbes Schock Blutegelbisse und ein ganzes von Moskitostichen und in meinen vollgelaufenen Stiebeln auch noch drei oder vier dicke Wasserblasen an den Zehen ganz unnötigerweise geholt habe«, lachte ich. »Endstation! Raus und nunmehr mit sieben Pferdekräften ans Werk!«

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