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Amazonasfahrt

Artur Heye: Amazonasfahrt - Kapitel 4
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleAmazonasfahrt
publisherBüchergilde Gutenberg Zürich
year1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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3

Am nächsten Morgen waren unter den Teilhabern der »Jungfilm G. m. b. H.«, wie unser Firmenname lautete, die Rollen insofern vertauscht, als der am wenigsten Gesunde von uns dreien, nämlich ich selbst, sich eines Wohlbefindens erfreute, das auf die andern geradezu aufreizend wirkte. Am schlimmsten war Sepp daran, er sah aus wie eine Wasserleiche und seine sonst so wohlgepflegte schwarze Skalplocke hing ihm tief in die gefurchte Stirn hinein. Er stöhnte in einem fort vor sich hin wie eine kranke Kuh, bis ihn Bittner, dessen Teint heute ins Grünliche spielte, schließlich gereizt anfuhr: »Entweder hören Sie jetzt mit Ihrem Gewimmer auf oder gehen Sie in Gottes Namen wieder hinauf ins Nest und leisten Sie meiner Frau Gesellschaft! Können Sie sich nicht ein bißchen zusammenreißen? Mir ist auch kotzübel, und Frau Heye anscheinend auch, und trotzdem jammern wir uns nicht gegenseitig die Ohren voll! – also, wie gesagt, das Nächste ist ...!« Sepp war dunkel angelaufen; mit einem: »Ich verbitte mir ...!« fuhr er auf, doch da fiel sein Blick auf Ruth, die in ihre vorgehaltene Serviette hineinkicherte, und auf einmal begriff auch er, warum, und brach in sein gewohntes versöhnend-frisches Jungenlachen aus.

»Ich verstehe nicht, was es hier zu feixen gibt«, knurrte ihn Bittner erbost an, und erst, als er sah, daß auch ich still in mich hineinschmunzelte, wurde ihm allmählich die Mißdeutbarkeit seiner Äußerung mit dem »Gesellschaftleisten« klar. Eine Sekunde lang wußte er nicht, ob er sich wieder einmal ärgern oder aber mitlachen sollte, und als er sich schließlich für das Lachen entschied, war der kritische Punkt dieses Tagesanfangs überwunden, und wir viere gingen danach einträchtig an unsere erste Aufgabe heran. Sie bestand in der Suche nach einem Hause.

Wie mir Bittner gleich nach unserem Bekanntwerden in Berlin erläutert hatte, konnten wir mit dem vorgesehenen, verhältnismäßig kleinen Kapital nur dann auskommen, wenn wir erstens in Parà ein Haus mieteten, um unser Standquartier darin aufzuschlagen, und zweitens beide unsere Frauen mit dahin nahmen. Was er zur Begründung anführte, hatte mir ohne weiteres eingeleuchtet. Das Hauptthema unseres Filmes sollte die Kleintierwelt im Amazonasgebiet bilden, die der Vögel, der Reptilien, Amphibien, Fische und Insekten. Selbstverständlich würden die Aufnahmen soweit als irgend möglich in der natürlichen Umwelt dieser Lebewesen, in den Dickichten, Sümpfen und Gewässern der Urwälder gemacht werden. Da sich aber gerade die interessantesten Vorgänge im Tierreiche in Heimlichkeit und Abgeschlossenheit zu vollziehen pflegen, man also nicht damit rechnen kann, mit der Kamera zufällig bei der Hand zu sein, wenn sich etwa eine Anakonda ihrer Eier oder ihrer alten Haut entledigt, wenn eine Giftschlange einen Frosch packt und hinunterwürgt, der dreimal so dick wie sie selbst ist, wenn junge Kaimane oder Leguane aus dem Ei heraus- und sozusagen gleich in einem Schuß auf die nächste Fliege zufahren, wenn Raubameisen aus ihren Leibern eine lebendige Brücke über einen Wasserlauf bauen oder Saùvas ihre noch unglaublicheren Pilzgärten anlegen und ähnliches mehr, so muß man »dieses Viehzeug«, wie sich der Operateur ausdrückte, »eben draußen einfangen, es daheim in Käfigen und Terrarien halten und sich mit der Kamera davor auf die Lauer legen. Und bei den Fischen ist es natürlich noch viel notwendiger. Ich gedenke zum Beispiel, Pyranhas dabei zu filmen, wie sie in Nullkommanichts einen Hasen skelettieren. Da sich das natürlich unter Wasser abspielt, müssen die Aufnahmen eben durch die Glasscheiben eines Aquariums hindurch gemacht werden. – Sie verstehen, nicht wahr? Das ist also der Hauptgrund, warum wir ein eigenes Haus haben und unsere Frauen mit hinübernehmen müssen. Denn es muß natürlich jemand da sein, der alle die Biester beaufsichtigt und füttert und dabei absolut zuverlässig ist. Angestellte, so billig sie dortzulande sind, sind für diese Aufgabe ungefähr so geeignet, wie eine Bande frisch eingefangener Affen. Was wir in dieser Hinsicht damals bei meiner ersten Expedition mit diesen verdammten »Caboclos« erlebt haben, geht auf keine Kuhhaut! – Außerdem werden wir in dem Haus eine Dunkelkammer, und zwar eine mit allen Schikanen, einrichten, denn ich gedenke meine Filme selber zu entwickeln. Erstens, weil ich dann gleich an Ort und Stelle weiß, woran ich mit meinen Aufnahmen bin und nötigenfalls dieselbe Sache noch einmal drehen kann, und zweitens, weil das Entwickeln und Kopieren, wenn man es in einer Filmbude machen läßt, eine gehörige Stange Geld kostet. Und weiter kommt noch hinzu, daß man mit einem eigenen Haushalt auf die Dauer natürlich viel billiger leben kann als im Hotel und dabei nicht den Schlangenfraß runterwürgen muß, den sie einem dort vorsetzen. Selbstverständlich mute ich den Frauen nicht etwa zu, daß sie sich selbst an den Kochherd oder an die Waschwanne stellen oder mit Besen und Scheuerlappen herumfuhrwerken. Dazu stellen wir ein halb Dutzend Leute an. Sie sind, wie gesagt, billig genug, und im Umgang ausgesprochen angenehm, immer willig, höflich und freundlich. Aber sie müssen eben ein bißchen in Schwung gehalten werden, und man muß ihnen scharf auf die Finger gucken. Nun, das kennen Sie ja schon von Afrika her.«

Das Gesagte klang einleuchtend genug, ich hatte zugestimmt und meine Frau war, als sie hörte, daß sie mit zum Amazonenstrom gehen sollte, vor Freude ein paar Tage lang einfach nicht ganz zurechnungsfähig gewesen, und eben darum ich selber wohl auch nicht. Als wir späterhin allerdings Frau Bittner kennenlernten, waren wir mit einem Schlage wieder nüchtern geworden und hatten einander ein bißchen betroffen angeschaut.

Unser Kurbelmann kannte von seinem damaligen Aufenthalte her allerhand Leute in Parà, zum allergrößten Teile waren es Deutsche. Zu ihnen schleppte er uns an diesem Tage der Reihe nach hin, stellte uns vor und bat um ihre Mithilfe beim Ausfindigmachen einer geeigneten Behausung für uns. Der erste war ein Photograph, der schon seit dreißig Jahren hier ortsansässig und, wie Bittner sagte, ein ausnehmend gefälliger und hilfsbereiter Mann war. »Allerdings auch ein sehr schnurriger«, setzte er hinzu.

Als schnurrig konnte man Herrn Landsberger in der Tat bezeichnen, denn er war von abnorm langer und dünner Körperbeschaffenheit und von ebensolcher Schweigsamkeit. Er nickte und lächelte freundlich, holte unaufhörlich neue Erfrischungen, Zigarren und immer noch bequemere Sessel herbei, nickte und lächelte weiter und sagte, soviel ich feststellen konnte, bei unserem halbstündigen Besuche einmal »Sehr angenehm«, zweimal »Gewiß, gern« und einige Male »Hm«. Das war alles. Aber gerade er war derjenige, der uns schon tags darauf zu sehr günstigen Bedingungen ein Haus verschaffte.

Frau Landsberger, die nicht viel mehr als halb so groß war wie ihr Mann und eher zur Rundlichkeit und zum Gegenteil von Schweigsamkeit neigte, schien ein sehr warm- und dabei auch offenherziger Mensch zu sein. Sie schoß sofort auf Ruth zu, entschied, daß sie »das Gind« hier unter ihre Obhut nehmen würde und verwarnte sie zur Einleitung sogleich, sich jemals wieder und noch dazu allein in jene »Schaffehrgneibbe« am Opernplatz zu setzen. Welchen Verstoß gegen die Landessitten sie gestern nachmittag beobachtet hätte. »Wenn man hier läbn will, muß man leider egal uff die andern Rigsichd nähm. Sie globn garnich, was das alles fir eengebildete Affen sind!« erläuterte sie zu meiner stillen Rührung in den melodischen Lauten unserer gemeinsamen engeren Heimat. – Wir beide lernten Frau Landsberger bald sehr schätzen, und so waren wir tief erschüttert, als wir, nur wenige Monate darauf, plötzlich an ihr Totenbett gerufen wurden.

Die andern fünf oder sechs Familien, die wir im Laufe dieses Tages noch heimsuchten, gehörten sicherlich zu Frau Landsbergers »eingebildeten Affen«. Es waren Vertreter beziehungsweise Buchhalter, Kassierer und Ingenieure von europäischen Firmen, brave Leute, die daheim ihren Platz im Leben schlecht und recht und unauffällig ausgefüllt hätten, hier aber von dem Herren- und Edelmenschenkoller gepackt worden waren, der in allen tropischen Ländern der Erde grassiert. In Afrika nannten wir diese weitverbreitete Sippe »Bwana Makuba«, die großen Herren. Sie waren in erster Linie daran kenntlich, daß sie außerhalb ihres Bettes niemals und nirgends ohne den lose in der Hand baumelnden »Kiboko«, die Peitsche aus Nilpferdhaut, anzutreffen waren. Solches wurde von ihnen, wegen des Prestiges der weißen Rasse den Negerlein gegenüber, für unbedingt erforderlich erachtet. Hier in Brasilien, dessen Bevölkerung zu neunundneunzig Prozent eine innige Mischung von Europäer-, Indianer-, Neger- und neuerdings auch Mongolenblut darstellt, kam der Kiboko als Abzeichen des weißen Herrenmenschen allerdings nicht in Frage. Vor allem, weil solche Gepflogenheit für die erwähnten Herrenmenschen viel zu gefährlich sein würde, denn der brasilianische »Caboclo« – welches Wort ursprünglich nur »Dorfbewohner« bedeutet hat – ist bei aller angeborenen Friedfertigkeit und Liebenswürdigkeit durchaus kein sklavisch gesinnter Neger! So mußte der eingebildete himmelhohe Abstand zwischen diesem Mischling und dem reinblütigen Weißen durch vornehme Zurückhaltung und Unnahbarkeit, durch eiserne Regeln über das, was man tun oder nicht tun, mit wem man verkehren darf und mit wem nicht, und besonders durch möglichst sichtbaren Aufwand in der ganzen Lebenshaltung unterstrichen werden.

»Sie haben sich wohl bei dem ollen Trappisten, dem Landsberger, angesteckt? Was haben Sie denn gegen die Leute?« fragte Bittner, als ich bei jeder unserer Antrittsvisiten immer merklicher verstummte.

»Nein, diese Ansteckung habe ich mir wirklich nicht erst bei Landsberger geholt. Möglich, daß ich voreingenommen bin. Ich sollte es mir natürlich nicht anmerken lassen, aber ich kann mir nicht helfen; bei diesem Getue fühle ich mich immer wie ein alter Kater, den man gegen den Strich streichelt. – Das ist mir schon immer so gegangen. Aber lassen wir das Thema. Könnt Ihr zu den übrigen nicht allein hingehen und mich wegen einer Gallenkolik oder meinethalben eines Sonnenstichs entschuldigen? Ich will da drüben, in dem Mokkaausschank, gern auf Euch warten«, fragte ich hoffnungsvoll.

»Neenee, Verehrtester, nischt zu machen! Kommen Sie nur mit! Die Wölfe hier nehmen es übel, wenn man nicht mitheult oder sich mindestens mal von ihnen beschnüffeln läßt. Außerdem steht nur noch einer mehr auf der Liste, und der Kerl ist ein solches Unikum, daß Sie wahrscheinlich Ihre helle Freude an ihm haben werden. Er ist das gerade Gegenteil von diesen stinkvornehmen Herrschaften, und im übrigen glaube ich nicht, daß es hierherum irgendeine Art von Viehzeug oder Pflanze gibt, die dieses gelehrte Haus nicht kennt und von der er gleich zwei Stunden lang erzählen könnte. Das heißt, wenn er jemals solange nüchtern wäre«, meckerte Bittner und drängte uns in ein Tram hinein.

Alle Plätze auf den Querbänken des zu beiden Seiten offenen Wagens waren besetzt, überwiegend von Damen. Wie unser Mentor erklärte, war das um diese Spätnachmittagsstunde stets der Fall. Da sich Zufußgehen wegen der Hitze von selbst verbietet und es außerdem für Damen nicht als schicklich gilt, fährt, wer die Zeit dazu hat, nachmittags zwischen vier und sechs unaufhörlich mit dem Tram von einem Ende der Stadt zum andern, um Kühlung zu finden.

Da eine Dame mit uns war, sprangen einige der mitfahrenden Herren sofort höflich auf und boten uns ihre Sitze an. Ruth wollte lieber draußen auf dem Perron stehen, doch auch das wurde, laut Bittner, als unschicklich erachtet, und so zwängten wir uns in eine Bankreihe hinein, obgleich wir bis zu unserm Ziel, dem Botanischen Garten, nur drei Haltestellen weit zu fahren hatten.

»Diese Strecke werden wir von nächster Woche an jeden Tag ein paarmal bis zum Ende durchfahren. Die Endstation ist nämlich der Urwald. Ganz buchstäblich, denn die Geleise enden drei Schritte vor den ersten Bäumen. Ungefähr eine Wegstunde in den Wald hinein erstreckt sich noch das Areal des städtischen Wasserwerkes, auf dem wir in den ersten Wochen ausschließlich arbeiten werden, und dahinter aber, ich weiß nicht, auf wie viele tausend Kilometer nach Nord und Süd und West, gibt es nichts mehr als Urwälder. Eine phantastische Vorstellung, wenn man bedenkt ... Donnerwetter, hier müssen wir ja raus! Schnell!« unterbrach er sich.

»Dies Tor hier führt in die kümmerliche Angelegenheit hinein, die die Paràenser ihren Botanischen Garten nennen. Übrigens, Heye«, fuhr er mit gesenkter Stimme fort »ich glaube wahrhaftig, ich muß schon wieder mal ... Verflucht nochmal, und wie dringend –! Gehen Sie langsam voraus, den Weg da entlang!« Damit machte er eine abrupte Wendung und schoß mit flatterndem Trenchcoat auf eine deckungbietende Gruppe von Bäumen zu, und ehe ich Ruth und Sepp noch recht Bescheid sagen konnte, waren auch sie mit ein paar verlegen hingemurmelten Worten plötzlich rechts und links in bergenden Dickichten verschwunden. – Ohne an ihre labilen Bäuche zu denken, hatten sie alle drei von dem importierten Münchner Bier getrunken – die Flasche kostete hierzulande die Kleinigkeit von ungefähr vier Franken! – das uns bei einem unserer Besuche angeboten worden war. –

Ich ließ mich derweil auf einem morschen Pflanzenkübel, der am Wege lag, nieder, drehte die Daumen umeinander und freute mich über das Wunder, daß mein eigener Bauch schon seit zwei Tagen keine seiner üblichen Revolutionen mehr gemacht hatte, als auf einmal eine hohe dünne Stimme aus der Krone einer Palme gegenüber etwas auf Portugiesisch herabrief. Ich schaute auf, sah nur ein paar nackte stöckrige Beine da oben herunterhängen und schüttelte den Kopf.

»Verstehen Sie Deutsch?« krähte der in der Palme weiter. »Gut, so rate ich Ihnen, sich woanders niederzulassen. Die Ameisenart in dem Kübel da beißt nämlich wie der Teufel!«

»Danke für den Tip«, rief ich zu den Besenstielbeinen empor und fuhr schleunigst von dem Kübel auf; von den ungefähr fünfhundert Sorten von Ameisen, die es in Brasilien gibt, wußte ich bis jetzt immerhin soviel, daß die meisten tatsächlich beißen wie der Teufel.

Dann rutschten mit einer Dolde gelber Palmblüten zwischen den Zähnen auch die übrigen Körperteile des freundlichen Warners aus dem Wipfel herunter. Bis auf eine Art von Schurz, der aus einer abgeschnittenen oder auch abgerotteten Khakihose bestand, waren sie lediglich mit einem dichten Pelz weißblonder Borsten bekleidet. Aus einem Gestrüpp dunklerer Bartstoppeln sah mich ein Paar blauer, leicht wässriger Augen fragend an. »Hentschel!« stellte er sich mit kurzem Kopfnicken vor. »Ich vermute, daß Sie zu mir wollen; wenn ich mich nicht sehr irre, war das doch der Filmmensch, der Bittner, der da soeben mit Ihnen zum Tor hereinkam?« In den Bananen rauschte es und mit dem Rufe: »Hallo, Doktor! Na, wie geht's? Sie haben sich ja in den letzten sechs Jahren nicht eine Spur verändert!« kam der »Filmmensch« heraus und streckte Doktor Hentschel die Hand entgegen. Der ergriff sie zwar mit der Rechten, mit der Linken aber schob er, ehe er noch ein einziges Wort gesprochen hatte, dem erstaunt zurückzuckenden Kurbelmann das eine Augenlid hoch und spähte forschend darunter.

»Scheint mir auf ein bißchen Cholämie zu deuten, werter Maestro. Jaja, dem einen bekommt ein kräftiger Tropfen und dem andern nicht«, krähte er vergnügt. »Guten Tag übrigens. Was hat Sie denn wieder hierher getrieben? Wollen Sie etwa nochmals die hiesigen Gegenden auf Sensationen für ihr blödsinniges Kinopublikum abgrasen?«

Der also Empfangene lachte ein bißchen gezwungen. »Sie sind immer noch derselbe verdrehte Hecht, Doktor! Wir wollen allerdings wieder einen Film drehen, und ich hoffe, daß Sie mir auch diesmal mit wissenschaftlich richtiger Benennung meiner Objekte und sonstigem Rat und Tat unter die Arme greifen. – Da kommen noch zwei weitere meiner Mitarbeiter an, meine eigene Frau – ich besitze seit fünf Jahren eine –! liefere ich Ihnen dieser Tage noch nach!« Er stellte uns vor, und es war ein groteskes Bild, wie dann das haarignackte, klapperdürre Männchen die lange, schlanke Ruth galant am Arm auf sein Haus zu leitete.

Doch bis in das Haus hinein ist Ruth nicht gekommen, denn als erstes wackelte ihr ein splitternacktes, kaffeebraunes Baby entgegen und griff ihr ohne weiteres mit denselben Krählauten wie sein vermutlicher Vater nach der glitzernden Armbanduhr, darauf flog ihr ein Papagei mit dem schallenden Rufe: »Arabà, Cajàs!« auf die Schulter, und was dann droben auf der Veranda an Affen, jungen Wildkatzen, verschiedenen prachtvoll gefiederten Stelzvögeln, einer Schildkröte, einem kleinen Krokodil und immer mehr Papageien durcheinanderhüpfte, kroch und flatterte, veranlaßte sie zu dem Ausrufe: »Mein Gott, das ist ja die wahre Arche Noah! Das muß ich mir alles erst besehen!«

Auf der obersten Stufe saß eine wohlbeleibte Indianerin. Sie sah uns aus stumpfschwarzen Augen gleichgültig an, griff dann nach dem Kinde und nahm es auf den Schoß.

»Ah, Ihre Frau, Herr Doktor?« fragte Ruth.

»Nun, nicht im eigentlichen Sinne, Madame! Sagen wir Haushälterin«, krähte unser Gastgeber unberührt.

Jetzt erst bemerkten wir in dem Dämmerlicht der Veranda, daß über all dem am Boden wimmelnden Getier eine Hängematte aufgespannt war; mit herabhängenden schlanken Beinen lag eine junge Mulattin darin, ihre Linke führte graziös eine Zigarette zu dem tiefrot geschminkten Munde, die Rechte aber hielt einen winzigen kakaofarbigen Säugling umfaßt, der an ihrer braunen Brust sog. Der fragende Blick, mit dem sich Ruth diesmal begnügte, wurde von Doktor Hentschel mit einem gelassenen »Ebenfalls eine Haushälterin« beantwortet, worauf wir drei männlichen Gäste grinsend ins Haus eintraten. Nach alledem hatte Bittner nicht übertrieben, dieser Doktor Hentschel war ein Unikum von Kerl. Darüber hinaus stellte er jedoch zweifellos auch eine Fundgrube an Wissen dar. Er war Botaniker und Zoologe, und auf letztgenanntem Gebiet ein Spezialist für einheimische Insekten. Da deren Sippen und Arten am Amazonas in einer schier unglaublichen und gänzlich unvorstellbaren Fülle vertreten sind, hatte ich gehofft, daß uns unser Gastgeber einen ganzen Sack voll von neuem und nützlichem Wissen mit auf den Heimweg geben würde. Doch damit erlebte ich eine Enttäuschung, denn was er unverzüglich aus einem der Glasschränke in seinem Arbeitszimmer herausholte, war keins von den zahllosen naturwissenschaftlichen Präparaten, sondern eine Mordspulle Cajàs. Es ist eine Art von einheimischem Zuckerrohrschnaps, und zwar eine, die es in sich hat. Womit sich für mich auch das Begrüßungsgeschrei jenes Papageis draußen erklärte.

Da ich, nicht aus Tugend, sondern aus Angst vor meiner bösartigen Galle, auch den kleinsten Schluck hartnäckig ablehnte, war ich für Doktor Hentschel in Kürze erledigt. Er jedenfalls trank Cajàs, und das wie ein Mann oder, richtiger, wie zwei oder drei Männer, und meine beiden Partner tranken aus männlichem und gastlichem Pflichtbewußtsein mit. Um Platz für die Gläser zu schaffen, hatte Hentschel Schreibzeug, Papiere, Zeitschriften, Bücher, Instrumente und Präparate, die den Tisch bedeckten, mit dem nackten Arm einfach auf einen Haufen zusammengeschoben. Er hockte auf einem indianischen, aus einem Block gehauenen Holzschemel, Bittner auf einer Kiste, Sepp auf einem rostzerfressenen Petroleumkanister und ich selbst auf einem Schaukelstuhl, dessen Holzgefüge von Termiten in bedenkenerregender Weise ausgehöhlt war. Die auf dem Tisch liegenden Bücher waren in sechs verschiedenen Sprachen abgefaßt, an einer Wand hing unter Glas und Rahmen ein brasilianisches Diplom »Doctor Honoris Causa Hentschel«. Eine Zeitlang saß ich in stille Betrachtung dieses Arbeitszimmers und der Persönlichkeit seines Besitzers versunken, strich dann noch eine Weile an den Glasvitrinen entlang, bemüht, durch die verfleckten Scheiben etwas von ihrem Inhalt zu erkennen, und als Vetter Sepp schließlich zu jodeln und Bittner die Hymne vom Wirtshaus an der Lahn zu intonieren begann, verließ ich leisen Schrittes und nachdenklichen Gemütes das Lokal. Ich hatte hier und da schon, und meistens war es in den Tropen gewesen, dieselbe, ein bißchen deprimierende Mischung von hoher Begabung und hoffnungsloser Verkommenheit angetroffen.

Auf das Gesicht hin, das ich gleich draußen auf der Veranda machte, hätte mich nach Ruths Versicherung jeder Zirkus vom Fleck weg engagiert. Ich fand sie in einer angeregten französischen Unterhaltung mit der farbigen Schönheit in der Hängematte begriffen, und auf dem Arme hielt sie ein weiteres jauchzendes und strampelndes Menschenwesen, und das war so blond und blauäugig und rosenhäutig, als wäre es direkt von einem schwedischen Bauernhof importiert worden! Und war doch das Erstgeborene der Mulattin mit der tiefdunkeln Haut, den noch dunkleren Augen und dem blauschwarzschimmernden Haar!

In dem sogenannten Botanischen Garten war vor lauter Vernachlässigung und Verwilderung wirklich fast nichts zu sehen, so fuhren wir beide schließlich mit dem Tram in die Stadt zurück und kamen gerade zum Abendessen im Hotel an. Frau Paula, die noch sehr blaß und mitgenommen aussah, saß bereits am Tische. Sie empfing Ruth lediglich mit ihrem gewohnten flüchtigen Kopfnicken und mich mit der scharfen Frage: »Wo ist mein Mann?« Auf meine Auskunft über seinen Verbleib machte sie aus Gründen, die nur ihr allein bekannt waren, ein beleidigtes Gesicht und hüllte sich für den Rest der Tischzeit in eisiges Schweigen.

Meinen beiden Partnern hingen am folgenden Morgen die cajàsgeschwollenen Köpfe fast in die Kaffeetassen hinein. Bittner kriegte seinen Kater, der natürlich, wie alles hierzulande, riesenhafte Ausmaße besaß, anerkennenswerterweise durch bloße Willenskraft unter, der hoffnungsvolle Jüngling jedoch sank immer mehr in sich zusammen und versuchte zuletzt, lautlos wieder hinauf in sein Zimmer zu verschwinden. Doch ich hatte so etwas erwartet und ihn im Auge behalten, und so benutzte ich diese Gelegenheit zu einer längst fällig gewesenen Generalüberholung, zog seine unappetitliche Jammergestalt in eine Ecke und stauchte ihn hier auf eine Art zusammen, wie es ihm wohl noch nie geschehen war. Mit völliger Fühllosigkeit machte ich ihm klar, daß ich von ihm von diesem Augenblick an bis zur Vollendung unserer Aufgabe nicht nur ein vollwertiges Tagewerk, sondern sogar anderthalbes am Tage erwarte. Und weiterhin auch ein Mindestmaß von körperlicher Sauberkeit, wozu in dem hiesigen Klima tägliches Baden und Wechseln von Leibwäsche und Leinenanzug und in seinem speziellen Falle auch die Anschaffung einer anständigen Kopfbedeckung an Stelle seines unsagbaren Leckmichundsoweiter-Käppchens gehöre. Ungeachtet der damit verbundenen sündhaften Geldausgaben!

»Irgendwelche Erwiderung hierauf ist nur Atemverschwendung, junger Mann«, schloß ich meine Philippika. »Ich spreche für Bittner mit, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß wir nicht in diese Ecke der Welt gekommen sind, um unser Vorhaben durch Ihren Schlendrian und Ihre Schlampigkeit behindert oder gar scheitern zu sehen. Wenn Sie sich den erwähnten Selbstverständlichkeiten nicht anpassen wollen, so können Sie unseretwegen Ihren aufschlußreichen Wäschesack gleich unausgepackt lassen und mit dem nächsten Dampfer wieder heimfahren. Wir würden nämlich in diesem Falle unsern Film auch ohne Ihr Scheckbuch drehen können, indem wir uns auf die mitgebrachten Apparaturen und Materialien hin hier ein paar tausend Milreis für die laufenden Ausgaben pumpten. Und Ihnen die Summe, die Sie bis dahin in das Unternehmen hineingesteckt haben, nach Verkauf des Filmes zurückzahlten. Natürlich unter Abzug der dreitausendfünfhundert Mark, die ich seinerzeit aus meiner Tasche für den Ankauf der beiden Occasions-Kameras ausgelegt habe. – Ruth und Bittner haben Ihnen in Rio schon verschiedentlich angedeutet, sich neben Ihren Privatvergnügungen und Ihrer schäbigen Pfennigfuchserei auch ein bißchen um die Arbeit zu kümmern, die hier geleistet werden muß, und was Ihr Äußeres betrifft, nicht zum Skandale herumzulaufen. Aber wie Figura beweist, sind bei Ihnen kräftigere Töne nötig, und die haben Sie nunmehr gehört, und zwar in endgültiger Form. Ich gebe Ihnen nur Bedenkzeit, bis ich meinen Frühstückskaffee ausgetrunken habe. Dann gehen Sie entweder mit mir stracks ins nächste Geschäft, staffieren sich dort menschlich aus und kommen anschließend mit uns auf die Wohnungssuche, oder wir sind geschiedene Leute!« Das Gesicht, das unser Juniorpartner auf diese so unerwartet gekommene »Abreibung« hin machte, war so fassungslos und zerknirscht, daß es einen Hund hätte jammern können. Wortlos sank er auf einen Stuhl nieder und stützte seinen Brummschädel in die Hand, und Ruth konnte nicht umhin, ihren Jugendgespielen – sie hatte früher ihre Schulferien häufig bei seiner Familie in Bayreuth verbracht – durch gütliches Zureden wieder ein bißchen aufzurichten.

Es ist kaum nötig zu sagen, daß es mir keine Freude macht, andere zu demütigen und zusammenzudonnern. Aber, wie ich schon im Gefühl gehabt hatte, war es hier das Alleinrichtige und Wirksame gewesen – Vetter Sepp glaubte es zwar seiner Ehre schuldig zu sein, die Frist meines Ultimatums bis zur Mittagsstunde zu verlängern, zum Essen aber erschien er tatsächlich in einem nagelneuen Palmbeach-Anzug und dito Rohseidenhemd gekleidet und zum erstenmal, seitdem ich ihn kennengelernt hatte, ohne seine so lieblos apostrophierte Baskenmütze. Eine andere Bedachung hatte er sich aus stillem Protest allerdings nicht zugelegt, und er wurde am Amazonenstrom von Stund an nie anders als barhäuptig gesehen. Auch zum Mitschaffen brauchte er nicht nochmals angehalten zu werden, denn als wir kurze Zeit darauf mit unserer eigentlichen Filmarbeit im Urwald begannen, wurde er bald der unermüdlichste von uns allen. Die Aufgabe, daß dieses geborene Ferkel äußerlich auch in annehmbarer Verfassung blieb, übernahm Ruth, und zwar mit der hier angebrachten, nie erlahmenden Energie.

In Geldsachen jedoch verstand Sepp nach wie vor keinerlei Spaß; auch wenn ihm die Augen darüber zufielen, überprüfte er Abend für Abend unerbittlich das Konto »Ausgaben«, und stieß er auf eine, die ihm auch nur um einen Milreis zu hoch vorkam, so konnte der sonst so pflaumenweiche Jüngling zum brüllenden Löwen und derart tollkühn werden, daß er sogar Frau Paula zur Rechenschaft zog. Was sich in solchen Fällen dann zwischen den beiden entspann, war für uns andere, Paulas Eheherrn inbegriffen, ein stets willkommener Anlaß zu innigem Ergötzen.

Der erste Rundgang, den wir an diesem Tage zur Besichtigung vermietbarer oder verkäuflicher Objekte unternahmen, verlief ergebnislos. Die Häuser waren entweder zu klein oder in allzu schlechtem Zustande. Alle aber erstaunlich billig. Ein ganz ordentlich möbliertes Haus mit vier Zimmern, Küche und Zubehör war für ungefähr achtzig, ein leeres, aber sehr geräumiges, für fünfzig Franken im Monat zu haben, und eins, das die für unsere Zwecke benötigten acht Zimmer und außerdem einen ansehnlichen Garten aufwies, hätten wir für knapp zwölfhundert Franken sogar käuflich erwerben können. Freilich auch noch mehrere hundert Franken für Reparaturen hineinstecken müssen.

Als wir kopfschüttelnd aus dem Grundstück heraus auf die Straße traten, wurden wir von einem Tram herab angerufen. Es war der lange Herr Landsberger, der heruntersprang und lächelnd auf uns zukam. Er erkundigte sich nach dem Stand unserer Angelegenheiten, sagte darauf: »Hm«, und dann so lange gar nichts mehr, bis ihn Bittner fragte, ob er sonst noch etwas auf dem Herzen habe. Worauf der Kauz mit der erfreulichen Nachricht herausrückte, daß er erstens ein passendes Haus für uns, und zweitens durch einen Zufall die Entwicklungs- und Wässerungströge wieder aufgefunden habe, die Bittners erste Expedition damals angeschafft und bei ihrer Heimreise dann in Parà zurückgelassen hatte.

Ob der letzterwähnten Botschaft geriet unser Kurbelmann vor Freude fast aus dem Häuschen und Vetter Sepp, als er begriff, daß uns dieser Glücksfall eine solide Stange Geld erspart hatte, natürlich ebenfalls. Der Operateur war schon seit Rio in dauernder Sorge gewesen, ob die dort bestellten irdenen Tröge wirklich in absehbarer Zeit hier in Parà eintreffen würden. Wie in allen südlichen Ländern, ist auch im tropischen Amerika »morgen« eins der meistgebrauchten Worte, aber nur ein grasgrüner Neuling nimmt das buchstäblich und weiß nicht, daß mit diesem Worte keinesfalls der nächste Tag, sondern irgendeiner in den nächsten Wochen oder Monaten gemeint ist.

So beauftragten wir Sepp und Ruth, unverzüglich zur Post zu gehen, die Bestellung auf die Behälter in Rio durch ein Telegramm zu annullieren und bei dieser Gelegenheit die Postsachen für uns alle, die bis jetzt hier eingelaufen waren, mitzubringen. Ich freute mich schon auf den Packen von verschiedenen abonnierten deutschen und englischen Zeitschriften, der sich in den drei Monaten seit unserer Abreise von Europa hier angesammelt haben mußte. Welche Vorfreude allerdings nur beweist, was für ein geradezu blutiger Neuling auch ich noch in bezug auf brasilianische Postverhältnisse war!

Bittner und ich gingen mit Landsberger sofort zu dem Gebäude hin, das die Filmag-Expedition seinerzeit bewohnt und wo der Operateur sich auch damals eine Dunkelkammer eingerichtet hatte. Natürlich war dieses Haus das erste gewesen, nach dem er sich gestern erkundigt hatte, doch wie wir hörten, war es seitdem in andere Hände übergegangen und für uns nicht zu haben. Der neue Besitzer, ein unmenschlich dicker Herr, wälzte sich ächzend, aber mit vollendeter Liebenswürdigkeit aus seiner Hängematte und erklärte uns, daß er, seitdem er vor einigen Jahren diese Liegenschaft übernommen hätte, zwar noch nicht dazu gekommen sei, sich einmal das im Souterrain eingerichtete Laboratorium anzusehen. Was wir ihm angesichts seines Leibesumfangs aufs Wort glaubten. Es bedeute aber nur eine Freude und eine Entlastung für ihn, wenn die hochgeschätzten »Senhores allemaos« die Gegenstände, die für sie noch brauchbar seien, herausschaffen lassen würden. Eine behutsame Andeutung Landsbergers, daß wir natürlich bereit seien, über eine entsprechende Abfindungssumme zu verhandeln, lehnte der Caballero mit einer lässigen Handbewegung ab.

Die Lichtanlage im Souterrain funktionierte nicht mehr, und Schloß und Riegel der Türe waren eingerostet, ihre Holzteile aber derart von Termiten zugerichtet, daß bei meinem Rütteln das ganze Türgewände sofort auseinander- und buchstäblich zu einem Haufen Holzmehl zusammenfiel. In der muffigriechenden Finsternis des Raumes flatterten im Schein eines Zündholzes ein paar Fledermäuse auf, und an Boden und Wänden krabbelte allerlei Gewürm herum. Kakerlaken, die in den Tropen die Größe von Hirschkäfern und, wenn man sie erschlägt, den Gestank von einem ganzen Schock Wanzen entwickeln, Skorpione, Tausendfüßler, Spinnen und Asseln, alle von entsprechenden Größenverhältnissen.

Doch die Hauptsache, die drei Tanks, geräumige, mit Ablaufhähnen versehene Behälter, standen tatsächlich noch ebenso unversehrt hier, wie vor sechs Jahren, und auf einer Mauerrampe außerdem ein paar Dutzend Chemikaliengläser mit eingeschliffenen Verschlüssen, alles Dinge, die hierzulande einen beträchtlichen Geldwert darstellten, und in einer Ecke, mit dicken Spinnweben behangen, auch noch eine mannshohe Trommel zum Trocknen von Filmen. Sie war aus insektensicherem Teakholz gebaut und darum von den Termiten verschont geblieben.

Ich brachte sie versuchsweise in Rotation, dabei fielen ein paar undefinierbare Dinge herunter und eins davon mit metallischem Klirren auf meinen Fuß. Mit einem: »Nanu, ich freß doch 'nen Besen, wenn ... Heye, leuchten Sie mal hierher! – Wahrhaftig, also hier habe ich damals im Trubel der Abreise das Ding liegen lassen!«

Er hielt ein Paar alte Gummihandschuhe und ein großes silbernes Zigarrenetui in der Hand. »Wir haben unser drei wie verrückt danach gesucht und es nirgends mehr finden können. Ich war zuletzt überzeugt, daß es mir von unserm Manuelo geklaut worden war, und so hab ich in meiner Wut dem armen Kerl zum Abschied statt eines Trinkgeldes einen Tritt in die Hinterfront verpaßt. Hm, das tut mir jetzt leid. Wenn ich den Jungen noch auffinden kann, so drücke ich ihm heute nach sechs Jahren noch eine Hundertmilreisnote als Wiedergutmachung in die Hand!« brummte er.

Kopfschüttelnd steckte er den Fund ein, beim Hinausgehen dämpfte er allerdings seinen großmütigen Impuls durch den Nachsatz: »Kriegen soll er den Hunderter, aber woher er stammt, ist für den Jungen ja ganz egal – Ich meine, Heye, wir könnten es ruhig auf Geschäftsunkosten verbuchen! Unserm filzigen Seppl sagen wir einfach, daß der Schmerbauch da oben hundertfünfzig als Aufbewahrungsgebühr für den ganzen Kram verlangt hat. Was meinen Sie?«

»Mann, Sie müssen ja ausgeschlagen haben wie ein Maultier, daß Sie dem Burschen jetzt sogar hundertfünfzig zubilligen wollen«, lachte ich.

»I wo, so schlimm war's nicht. Er kriegt hundert, wie ich gesagt habe. Da wir aber durch Herrn Landsbergers Findigkeit mit den Trögen und der Trommel einen glatten Tausender erspart haben, können wir doch die andern fünfzig wirklich dafür verwenden, jetzt mit ihm zusammen einen geruhigen Dämmerschoppen zu heben.«

»Ich trinke nach wie vor kein Bier, verehrter Kompagnon. Auch wenn's auf Geschäftsunkosten geht. Und außerdem bin ich heute abend viel zu sehr auf meine Post gespannt. Aber unserm Finanzminister gegenüber decke ich Sie natürlich«, erwiderte ich und sprang auf das nächste Tram.

Doch die zwei zur Post Abgesandten trafen lange nach mir, und zwar mit völlig leeren Händen und verblüfften Gesichtern, im Hotel ein. Wie sie berichteten, hatten sie trotz wiederholtem Fragen und Vorlegen von Legitimationen immer wieder nur die kurze Antwort »Nada! – Nichts!« und keine einzige Postsache für uns fünf Leute bekommen. Es war mir unbegreiflich, und so ging ich am nächsten Morgen selber noch einmal hin. Aber auch ich erhielt nach etlichem Zögern und einem sonderbar fragenden Blick des Postmenschen keine andere Antwort als »Nada, Senhor!«.

Den landeskundigen Bittner konnte ich über diese unerklärliche Angelegenheit nicht befragen. Anscheinend waren der »Dämmerschoppen«, die man für fünfzig Milreis erhält, allzuviele gewesen, denn er blieb die nächsten zwei Tage im Bett liegen und gab keine andere Erklärung darüber ab, als daß ihm »mies, einfach mies« wäre.

Wir drei waren während dieser Tage zu stark beschäftigt, um noch an die ausgebliebene Post zu denken, und so wurde uns erst Ende der Woche Aufklärung durch Frau Landsberger zuteil. »Na, Menschensginder, das is doch ganz glar!« rief sie aus. »Die Brieder uff der Bost wolln nadierlich erschd ä Dringgeld hamm, ehe sie mit Eiren Briefschafden ausriggen! Da gann man nischd machen, das is hier so ieblich! Ihr mißd äbn bedengen, daß die armen Ludersch von Beamden manchmal ä halbes Jahr lang ihr Gehald nich ausgezahld kriegen, und sie wolln doch ooch läbn!«

Was sie gesagt hatte, stimmte, denn als ich am Montag auf dem Postamt eine Zwanzigernote zusammen mit unsern Visitenkarten durch das Schalterfenster schob, erhielt ich im Handumdrehen einen solchen Haufen von Sendungen auf das Schalterbrett gepackt, daß ich, es ist keine Übertreibung, ein Taxi nehmen mußte, um sie heimzuschaffen. Und von dem Chauffeur, einem Englisch sprechenden Barbados-Insulaner, außerdem den wertvollen Tip, meine von hier abgehende Korrespondenz lieber nicht frankiert in den Kasten zu werfen, sondern sie am Schalter unter meinen Augen abstempeln zu lassen. »Sonst lösen sie nämlich die Marken ab, verkaufen sie nochmals und nehmen Ihre Briefe mit aufs Klosett, diese verdammten Nigger!« schloß er.

»Verdammte Nigger« hatte er sie genannt, und dabei glänzte sein eigenes Gesicht wie ein gewichster Stiefel!

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