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Amazonasfahrt

Artur Heye: Amazonasfahrt - Kapitel 23
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleAmazonasfahrt
publisherBüchergilde Gutenberg Zürich
year1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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22

Drei Tage darauf, kurz vor dem Dunkelwerden und im letzten Schauer eines abziehenden Gewitters, erblickte ich zum erstenmal wieder einen Menschen. Mit einem schweren Netz auf dem nackten Rücken ging er langsam und gebückt vor mir dahin. Es konnte vierzig, vielleicht auch fünfzig oder sechzig Kilometer östlich der Stelle sein, wo ich den Wald betreten hatte, und ich war nunmehr in einer Verfassung, daß ich unter einem lauten »Hallo!« bedenkenlos auf den Mann zustolperte.

Es war ein alter, grausträhniger Indianer; er zuckte unter meinem Anruf zusammen, doch der Ausdruck seines faltigen, bartlosen Gesichtes war ausgesprochen gutmütig. Er schien sich sogleich im klaren zu sein, wer ich war, denn er erwähnte mehrmals den Namen »da Costa«. Da ich sonst kaum ein Wort von dem verstand, was er sagte, ergriff er mich an der Hand und führte mich am Ufer des kleinen Flusses bis zur der Stelle hin, wo er seinen Einbaum an Land gezogen hatte. Auf dem Bug niedersinkend, sah ich am Boden des Fahrzeuges ein paar geröstete Maiskolben liegen; auf das freundliche Kopfnicken des Alten hin ergriff ich einen und begann ihn sofort gierig zu benagen.

Am ersten Tage meiner Irrfahrt durch Wälder und Sümpfe hatte ich gar nichts zu essen gefunden, am zweiten durch einen glücklichen Schuß einen kleinen Affen zur Strecke gebracht; das bißchen Fleisch, das er lieferte, nach flüchtigem Anrösten auf einen Sitz aufgegessen und dann wieder nichts mehr gehabt bis gestern abend, wo ich in einer Lagune unterhalb einer verlassenen Hütte eine Fischreuse entdeckt und darin einen gefangenen Wels vorgefunden hatte. Da meine Zündhölzer in den unaufhörlichen Gewittern und Regengüssen, die seit zwei Tagen niedergingen, verweicht waren, hatte ich den Fisch Stückchen für Stückchen roh hinunterwürgen müssen.

Meine Kleider waren zerfetzt und von Schlamm durchtränkt, meine Füße in den nassen Schuhen wund und voller Blasen, meine Hände und mein bartstoppliges Gesicht von Insektenstichen verschwollen; seit zwei Tagen litt ich überdies an einem vehementen Durchfall, und da ich den Umständen gemäß auch nur wenig Schlaf gefunden hatte, fühlte ich mich jetzt bedenklich schwach und elend. Den Fluß zu kreuzen, um dann auf gut Glück durch die Pampa zu wandern, hatte ich nicht gewagt, denn wo immer ich versuchsweise Insekten ins Wasser geworfen hatte, waren sie sofort von Pyranhas weggeschnappt worden. Da mir somit der Weg nach Westen endgültig versperrt war, hatte ich mich in der vagen Hoffnung, vielleicht die Ostgrenze von da Costas Land zu erreichen, schließlich nach dieser Richtung gewandt, mich am Ufer jenes Nebenflusses und dann durch das anschließende Sumpfgebiet langsam vorwärts gearbeitet. Heute mittag war ich an eine Stelle gekommen, wo ich feststellte, daß nunmehr auch die Gewässer eine träge, aber doch wahrnehmbare Strömung nach Westen aufwiesen, es war die Wasserscheide der Insel Marajò, die ich dort in der Sumpfwildnis überschritten hatte.

Es schien für den Alten selbstverständlich zu sein, daß ich mit ihm kam. Als ich ihm im Kanu gegenübersaß, suchte ich vor allem herauszubekommen, ob wir uns hier noch auf da Costas Grund und Boden befanden, doch ich wurde aus seiner Antwort nicht ganz klar, möglicherweise er aber auch schon aus meiner Frage nicht. Ich verstand aber, daß er anschließend von einem jungen Sohne redete, der »amanha«, also morgen, nach Hause kommen und mir helfen würde, zurück nach Jilva zu gelangen.

Es war nicht viel weiter als eine halbe Stunde Bootsfahrt bis zu der Behausung des Alten, dennoch schlief ich schon unterwegs ein, taumelte, ohne recht wach zu werden, dann die paar Schritte zu seiner Hütte hinauf und nahm in dem nur von einem Feuer erhellten Räume das Raubvogelgesicht einer alten Frau wahr, die mir sogleich etwas zu trinken anbot. Ich schlürfte dankend ein paar Schluck aus dem Mate-Gefäß, lehnte mich, auf einen Holzschemel hockend, gegen die Wand zurück und schlief sofort wieder ein.

Draußen war ein neuerliches Gewitter im Gange, als ich unter dem Rütteln und Rufen meines Wirtes endlich erwachte. Er zeigte auf eine dampfende Schale, die vor mir auf einer Binsenmatte stand; sie enthielt ein würzig duftendes Schildkrötenragout. Ich schlang es hinunter wie ein Wolf, vertilgte auch noch eine zweite Schale voll, und genoß darauf mit derselben hungrigen Gier die erste Zigarette seit zwei Tagen. Aber schon bei den letzten Zügen sank mir wieder der Kopf herunter, wie ein Betrunkener taumelte ich auf meine Matte zu, die die Frau in einer Ecke aufgehängt hatte, und muß wiederum sofort weg gewesen sein, denn ich merkte erst am andern Morgen, daß mir das vorsorgliche alte Paar die durchweichten Schuhe und Gamaschen von den Füßen gezogen hatte.

Auch den nächsten und übernächsten Tag verbrachte ich überwiegend mit Essen, Trinken und Schlafen; als ich dann am Abend einmal nach dem angekündigten Sohne fragte, sagte der Alte wiederum unerschütterlich »Amanha, Senhor!«, und am darauffolgenden Tage kam er schließlich auch wirklich an. Er war ein junger, kräftig gebauter, allerdings ein bißchen mundfauler und indolenter Bursche von ungefähr achtzehn Jahren. Wie er sagte, kam er aus dem Militärdienst zurück, und dort war ihm neben seinem Marajòanisch zum Glück auch ein wenig allgemeinverständliches Portugiesisch beigebracht worden. So konnte ich mich mit ihm, soweit es meine eigene kümmerliche Kenntnis der Landessprache erlaubte, immerhin notdürftig verständigen.

Was ich von ihm über die Aussichten erfuhr, von hier nach Jilva zurückzukommen, war geradezu niederschmetternd. Den Weg in direkt nordwestlicher Richtung zu machen, sei ausgeschlossen, denn der Sumpf wäre jetzt, nach den Regengüssen, völlig unpassierbar, und der Umweg nach Südosten über die Pampa da Costas wegen für mich ja verschlossen. Die einzige Möglichkeit bestünde darin, daß er mich per Boot diesen Fluß hinab, dann durch einen großen See und darauf wiederum einen Fluß hinunterbrächte bis zu dessen Einmündung in den Rio Anajas. Die Strecke bis dahin erfordere zwei bis drei Tage. Dort habe sein Vater ein Ruderboot liegen, das den Padres der Mission Gethsemane gehöre, und er habe den Eigentümern vor längerer Zeit versprochen, es bei Gelegenheit zurückzubringen. Mit diesem Boot könne ich dann allein ganz gut in zwei Tagestouren den Rio Anajas bis Gethsemane hinabfahren. Von der Mission bis zu der Hafenstadt Afra wären es nochmals zwei oder drei Tage, von Afra nach Parà knapp zwei, und über das letzte Stück Weg von Parà bis Soura und Jilva wisse ich ja Bescheid.

»Großer Brahma!« murmelte ich auf diese Eröffnung hin in meinen Vollbart, und zählte an den Fingern alle die Reisetage zusammen. Es waren zehn bis zwölf – das heißt, wenn alles gut ging! Nach meiner Schätzung betrug die Entfernung zwischen hier und Jilva hundert bis höchstens hundertfünfzig Kilometer; der phantastische Umweg aber, den ich zu machen hatte, mußte vier- bis fünfhundert Kilometer lang sein – »Großer Brahma!«

An jenem Abend saß ich noch lange allein wach und starrte brütend ins Feuer. Draußen rauschte schwerer Regen nieder, er trommelte auf das schadhafte Dach der kleinen Hütte und fiel in einzelnen zischenden Tropfen in die Flammen. Heute war es eine Woche her, daß ich von Jilva aufgebrochen war, einen Tag darauf hatte Ruth wahrscheinlich durch Penna von meinem Verschwinden erfahren, seitdem hatte sie nichts mehr von mir gehört, und nach dem, was der Bursche sagte, würde sie mindestens noch weitere zwei Wochen lang nichts hören. Wie mochte ihr zumute sein!

Es war wohl begreiflich, daß es mich drängte, diesen Weg, da er nun einmal unvermeidlich war, sobald als möglich in Angriff zu nehmen, ebenso begreiflich aber, daß bei dem kaum nach Hause zurückgekehrten Jüngling das gerade Gegenteil der Fall war. Trotz allen meinen Bitten und Versprechungen vergingen fünf volle Tage, bis er endlich erklären konnte, daß wir am folgenden Morgen die Reise antreten würden, und aus dem Morgen wurde noch der Nachmittag, bis wir sie wirklich antraten. An Ausrüstung stand uns der Einbaum mit zwei Paddeln, ein Kochtopf, zwei Buschmesser und seine und meine Hängematte zur Verfügung; an Waffen da Costas Revolver mit insgesamt sechzehn Schuß Munition und an Proviant ein Stück getrocknetes, aber schon muffig riechendes Fleisch, ein Säckchen mit Farinha, eine halbe Traube Bananen und als größte Kostbarkeit in meinen Augen außerdem ein paar Hände voll roher Kaffeebohnen, die mir der gute alte Indio noch zum Abschied ins Boot reichte. Da sich ja noch da Costas Etui mit allerdings nur noch fünf Zigaretten in meiner Tasche befand, hatte ich dem Alten als vorläufiges Zeichen der Erkenntlichkeit mein eigenes silbernes Etui geschenkt. An barer Münze trug ich wie gewöhnlich keinen Milreis bei mir, da ja auf Jilva keine Möglichkeit bestand, Geld auszugeben.

Die Kanufahrt, die dann begann, war die längste, die ich je ausgeführt habe; es dauerte nicht, wie José gesagt hatte, zwei bis drei, sondern fast vier volle Tage, bis wir in den Rio Anajas einfuhren. Wie an allen Flußläufen dieses Landes begleitete uns zu beiden Seiten ständig dichter Wald; wie die Landschaft um den offenen See herum aussah, den wir am zweiten Tage passierten, kann ich nicht sagen, denn auf der ganzen Fahrt gingen, Tag wie Nacht, fast ohne Unterbrechung sintflutartige Regen nieder. Sie waren derartig, daß fast immer nur einer paddeln konnte und der andere dauernd Wasser ausschöpfen mußte, daß es uns nur dreimal gelang, ein Feuerchen anzuzünden und für kurze Zeit in Gang zu halten, daß gar nicht daran zu denken war, meinen Kaffee zu rösten und ich die schimmlig gewordenen Bohnen zuletzt mit dem Reste unserer ebenfalls verdorbenen Farinha über Bord werfen mußte.

Dennoch litten wir nicht eigentlich Hunger, denn am dritten Tage erspähte José im Uferdickicht das Gelege eines Leguans mit acht Eiern, die auch in rohem Zustande ganz gut schmeckten, und tags darauf trafen wir auf ein flußaufwärtsfahrendes großes Boot, dessen Insassen uns bereitwillig ein tüchtiges Stück gebratenen Fleisches, einen Haufen gerösteter Süßkartoffeln und ein Dutzend reifer Mangos abgaben. Die Leute hatten es eilig, weiterzukommen, bevor der Fluß noch mehr anschwoll; es waren die letzten Menschen, die ich auf eine weitere Woche zu Gesicht bekommen sollte.

Am Nachmittag erreichten wir den etwa zweihundert Meter breiten Rio Anajas. In einer versumpften Einbuchtung dicht neben der Einmündung unseres Flusses lag das Boot versteckt, in dem ich nunmehr allein meine Reise fortsetzen sollte, aber bei seinem Anblick sank mir der letzte Mut fast bis in die zerfetzten Hosen hinab. Es war ein gut geschnittenes Plankenboot mit zwei Paar Rudern, aber anscheinend war es europäischen oder nordamerikanischen Ursprungs und nicht aus tropensicherem Holz gebaut. Es waren keine Termiten, sondern irgendwelche Bohrwürmer, die alles Holz, auch das der Ruder, in Arbeit genommen hatten. Einzelne Planken erwiesen sich als so morsch, daß beim Zuwasserlassen große Stücke herausbrachen und ich beim Hineintreten darauf gefaßt war, mit dem Fuß gleich durch den ganzen lebkuchenartigen Boden hindurchzufahren.

Angesichts des rapid steigenden Flusses ging mein Gefährte unverzüglich daran, sein Kanu für die Rückfahrt zu rüsten; als ich ihn auf die Beschaffenheit des Ruderbootes aufmerksam machte, zuckte er nur die Achseln und ließ sich nicht dabei stören, hastig einen Riß in seinem Fahrzeug zu verstopfen. Während er dann seine Hängematte ergriff, in die er die Hälfte des verbliebenen Proviantes eingewickelt hatte, schlug er mir so nebenbei vor, doch einfach mit ihm wieder in die Hütte seiner Eltern zurückzukommen und dort das Ende der Regenzeit abzuwarten. Bis dahin würde da Costa mich für längst tot halten und seinen Zorn vergessen haben; er, José, würde mir mittlerweile ein Pferd besorgen und ich könnte sodann ohne Mühe und Gefahr über die Pampa nach Jilva zurückkehren.

Bis ans Ende der Regenzeit, also mindestens acht Wochen, sollte ich dort in der elenden, von Flöhen und Wanzen wimmelnden Hütte mitten im Sumpfland warten! – Ich schüttelte schweigend den Kopf, und mit einem gleichgültigen »Adeus, Senhor, passe muito bem!« streckte er mir darauf die Hand hin, stieg in sein Kanu und griff nach dem Paddel. Er hatte mir immerhin bis hierher treulich geholfen, so löste ich in raschem Entschluß meine Armbanduhr ab und legte sie auf sein Bündel. Das »Muito obrigado!«, mit dem er sie in Empfang nahm und an seinem Handgelenk befestigte, klang so gleichmütig wie alles, was er sagte, darauf trieb er mit einem wuchtigen Paddelschlag das Kanu aus der Bucht hinaus und verschwand in den Schleiern des erneut einsetzenden Regens.

Dann ergriff auch ich mein Bündel mit Hängematte und Eßvorrat und trat auf mein Boot zu; doch ich blieb noch eine ganze Weile reglos am Ufer stehen. Unter einem Gefühl unendlicher Verlassenheit und Hoffnungslosigkeit kam mir der Gedanke, gar nicht erst den unsinnigen Versuch zu machen, mit jenem Wrack von Fahrzeug diesen angeschwollenen Urwaldstrom gegen hundert Kilometer weit hinabzufahren, sondern ihn endgültig aufzugeben. Einer der Leute, die uns gestern die Lebensmittel schenkten, hatte mehrfach das Wort »Mondongo« erwähnt, und in diesem Augenblick war mir wieder eingefallen, was es bedeutete, und wo ich auch schon einmal den Lauf des Rio Anajas auf einem Kärtchen eingezeichnet gesehen hatte. Es war in dem Bates'schen Werke über den Amazonas gewesen, Mondongo war der Name des größten Urwaldgebietes von Marajò, und von ihm hatte der Verfasser kurz und bündig gesagt, daß es zu den unerforschtesten, undurchdringlichsten und menschenleersten des Amazonasbeckens gehöre, daß es in seinen Tiefen neben den gigantischsten Baum-Mammuten das reichhaltigste Leben an Insekten, Reptilien und Raubtieren berge, und seine sumpfigen Gründe als eine der ungesundesten Gegenden des ganzen Stromgebietes verschrien seien.

Nach einer vorübergehenden Besserung hatte unterwegs die Darmstörung bei mir wieder eingesetzt, mir war sehr übel, und ich spürte eigentlich nur das dringende Verlangen, mich hier, wo ich stand, hinzuwerfen und zu schlafen, am liebsten für immer. Und ich glaube, wenn ich noch allein und ohne menschliche Bindung gewesen wäre wie früher, hätte ich mich dort am Rio Anajas auch wirklich hingelegt, um nicht mehr aufzustehen.

José hatte mir das eine der beiden Buschmesser dagelassen, ich schlug damit einen Arm voll von den harten Wedeln einer Sumpfpalme ab, legte sie zur Schonung der mürben Kielplanken auf den Boden des Fahrzeuges, stieg dann vorsichtig ein und tauchte die Ruder ins Wasser. Doch schon beim ersten Durchziehen brachen die beiden hinteren Dollen glatt aus dem morschen Holz heraus, und dasselbe geschah nach einigen wenigen Schlägen auch mit dem vorderen Paar. So blieb mir nichts übrig, als mich mit einem einzelnen Ruder hinten am Heck vorwärts zu »wriggen«, und damit war die Aussicht, jemals mein Ziel zu erreichen, noch geringer geworden.

Was das reine Vorwärtskommen betraf, brauchte ich mich allerdings nicht zu sorgen. Wie ich gleich erkannte, als ich ins offene Wasser hinauskam, wälzte der Fluß seine rotbraunen, mit Haufen von weggeschwemmter Vegetation bedeckten Fluten im Tempo eines tüchtigen Fußgängers dahin. Daraufhin schöpfte ich wieder Mut; falls mein Fahrzeug wider Erwarten doch beisammen hielt, konnte ich, auch wenn ich nur bei Tageslicht fuhr, die Strecke bis Gethsemane übermorgen abend zurückgelegt haben.

Als das regengraue Licht des Spätnachmittags zu schwach wurde, um mit Sicherheit jedes Hindernis im Fahrwasser erkennen zu können, steuerte ich auf die ruhige Stelle hinter einem mächtigen Baume zu, der erst kürzlich vom linken Ufer heruntergebrochen war und mit seiner gewaltigen, von Lianenranken umfluteten Krone eine natürliche Mole im Flußbett bildete. Um ganz sicher zu gehen, vertäute ich den Bug und auch noch die beiden Ruderbänke meines gebrechlichen Vehikels mit je einem Lianentau an der Baumkrone, und zwar so, daß es auf keinen Fall von irgend etwas Dahertreibendem angestoßen werden konnte. Von den Regenfluten fast ersäuft, die jetzt wieder wie aus Kübeln und Kannen herunterstürzten, hackte ich dann in mühevoller Arbeit noch eine Anzahl langer Palmwedel und einen Haufen von riesigen Blättern einer wilden Banane ab und erbaute aus dem Material ein Schutzdach über dem Boot, so daß es auch nicht über Nacht von Regenwasser gefüllt werden und etwa wegsinken konnte.

Außer diesem sicheren Bootshafen bot mir der gefällte Urwaldriese in der Höhlung seines Wurzelstockes, die geräumig genug war, um eine Hütte hineinzubauen, auch noch ein regendichtes Nachtasyl, das erste, seitdem wir von der Hütte im Sumpf aufgebrochen waren. Meine Ruhe wurde zwar mehrere Male durch Obdachsuchende verschiedener Art und Sippe gestört; einmal war es ein ganzes Volk von Wildhühnern, die unter meiner Hängematte plötzlich ein wüstes Gegacker begannen, kurz danach drang, wahrscheinlich von ihrem Geruch angelockt, ein Ozelot ein, der auf meinen Anruf hin mit einem erschrockenen Satze und einem wilden Gefauche wieder entwich, und gegen Morgen patschte eine dunkle massige Gestalt am Eingang herum, entweder ein Tapir oder ein Sumpfschwein, das aber, als es meine Witterung bekam, polternd wieder in der Finsternis verschwand. Immerhin fand ich in der gastlichen Höhlung doch fast zehn Stunden guten Schlafes.

Trotz der Abdeckung war mein Boot am Morgen, einem Morgen, der mit Flecken blauen Himmels und einzelnen Sonnenblicken begann, bis zu den Ruderbänken voll von Regenwasser. Ich schöpfte es, in der halbversunkenen Baumkrone brusthoch im Wasser stehend, mit einer Cujaschale aus, aber die Beschaffenheit des Holzes kam mir heute noch, schwammiger und brüchiger vor als gestern, und als ich den Lianenknoten am Bug herunterstreifte, brach gleich ein ganzes Stück der Spitze mit ab. Unendlich behutsam kroch ich dann hinein und unter ganz schwachen, vorsichtigen Ruderbewegungen und dauerndem, angestrengtem Ausspähen nach jedem triftenden oder im Flußbette festgespießten Stück Holz, das meinem Fahrzeug gefährlich werden konnte, legte ich im Laufe des Vormittags doch noch schätzungsweise zwanzig Kilometer darin zurück.

Die zwischen Wolkenmassen hervorstechende Sonne hatte die Atmosphäre fast zum Kochen gebracht, aus Wasser und Wald stiegen Dampfschwaden auf, kurz vor Mittag aber verdüsterte sich der Himmel ganz rasch, unmittelbar darauf rollte ein Donnerschlag über die Waldwildnis, dann flammte ein erster naher Blitz auf, und in seinem grellen blauen Licht sah ich vor dem linken Ufer sich etwas bewegen und schaute hin. Es war ein Kaiman, er schoß von einer Schlammbank herunter ins Wasser, und es war der größte, den ich je gesehen habe, das Tier muß beinahe fünf Meter lang gewesen sein. Es war kaum eine Sekunde, während der mein Blick vom Fahrwasser abgelenkt und auf ihn gerichtet war, doch diese Sekunde war entscheidend. Ein kurzer Stoß traf plötzlich die Steuerbordseite meines Fahrzeuges, zusammen mit einem armdicken Wasserstrahl drang ein Astzinken mir zwischen die Füße herein, das Boot schwang herum und sank so schnell unter mir weg, daß ich gerade noch die zusammen mit dem Colt in mein Taschentuch eingeknüpften vier Süßkartoffeln, meinen letzten Proviant, und das Buchmesser ergreifen konnte.

Auf derselben Schlammbank, von der soeben der riesenhafte Kaiman in den Fluß gegangen war, kroch ich an Land. Ich muß sagen, daß mich der Schlag nicht sonderlich erschüttert hatte; während ich gleichmütig meine Schuhe ausgoß, wunderte es mich im Gegenteil, daß ich mit diesem elenden Ding von Boot noch so weit gekommen war. Mir war vollständig klar, daß mir keine Hoffnung mehr blieb, durch eigene Kraft noch nennenswert weiter, geschweige denn an mein Ziel zu kommen – durch den Mondongo-Urwald bahnt sich niemand einen Weg von siebzig Kilometer Länge. Am wenigsten jemand mit einem kranken Bauch und einem leeren Magen.

Nichtsdestoweniger ging ich unverzüglich daran, mich am Ufer entlang vorwärtszuarbeiten, ich war entschlossen, mich gegen den Untergang zu wehren bis zum letzten Atemzuge.

Der Weg, den ich in den folgenden drei oder vier Tagen zurücklegte, war der höllischste, den ich je gegangen bin. An meinem Körper gab es kaum noch eine Stelle, die nicht von Dornen zerrissen, von Insekten oder Nesselgewächsen zerstochen, entzündet und vereitert war; mit den Durchfällen wurde es täglich schlimmer und meine Kräfte nahmen rasch ab. Schuhe und Gamaschen begannen mir von den Füßen zu faulen, Hemd und Hose sich in Fetzen aufzulösen, und eine Jacke besaß ich nicht mehr, sie war mit dem Boot untergegangen.

Am Nachmittage des zweiten Tages sah ich an einem Baum hart am Ufer ein Faultier hängen. Es war ungewiß, ob es nicht ins Wasser fallen würde, doch ich hob den Revolver und schoß danach, und meine Hand zitterte derart, daß das Tier erst mit dem letzten von acht bis zehn Schüssen zusammenzuckte. Dennoch hackte es sich noch ein Stück weiter am Ast hinaus, ließ dann langsam ein Glied nach dem andern los, fiel hinunter und – in den Fluß hinein. Mit einem verzweifelten Auflachen wandte ich mich ab und hackte weiter, doch ein paar Stunden später, gegen Abend, stolperte ich in einem Schwächeanfall in das Schlammwasser eines toten Flußarmes hinein, und als ich mich an einer Baumwurzel wieder hochzog, kam unversehens ein ganz junger, etwa fußlanger Kaiman darunter vorgeschossen. Instinktmäßig packte ich zu, er biß mich empfindlich in die linke Hand, doch ich ließ nicht los, bis ich ihm den Kopf abgedreht hatte. Der alte Indio hatte mir ein verschraubbares Blechbüchschen mit Schwefelhölzern geschenkt; mit den abgestorbenen Wedeln einer Wachspalme, die die Nässe nicht annehmen, machte ich ein Feuer und briet meine Beute daran. Was davon genießbar war, hat mich in den nächsten Tagen vor dem schieren Verhungern bewahrt. Sonst kam mir auf dem ganzen Wege nichts Eßbares vor die Augen, der Urwald Amazoniens ist dem Menschen, und besonders dem unvertrauten und unbewaffneten Menschen, nichts als ein gnadenloser Feind.

Nach einer fast schlaflosen, von wirren Träumen durchgeisterten Nacht spürte ich am Morgen, daß ich fieberte. Dennoch raffte ich mich schließlich auf, schlug mich, alle paar Minuten rastend und dauernd von schwerem Regen überschüttet, noch ein weiteres Stück am Ufer entlang, und plötzlich sah ich es lichter durch die Bäume schimmern und taumelte noch ein paar Schritte auf eine ehemalige Rodung hinaus. Sie war bereits wieder mannshoch überwachsen. Dicht am Ufer war eine Gruppe zusammengesunkener, grünumsponnener Hütten erkennbar, unterhalb derselben ragten die Pfähle eines vermorschten Landungssteges aus dem Wasser. In einer irren Hoffnung stolperte ich noch einige Schritte weiter und – stand am Ufer eines breiten Nebenflusses. Seine hochgeschwollenen Fluten zu kreuzen, gab es keine Möglichkeit für mich, hier war ich am Ende meines Weges angekommen. –

Eins der Gebäude hatte ehemals als Lagerschuppen gedient; da es mit Wellblech gedeckt war, spannte ich meine Matte darunter auf, kroch hinein und verfiel in ein fieberndes Dämmern und Träumen. Wie lange ich so gelegen habe, kann ich nicht sagen, es können zwei, drei oder auch vier Tage gewesen sein. Monoton und endlos rauschte der Regen herab, rauschten die Wasser des Flusses dem Strome zu, vibrierte das Summen der Insekten in der schwülen Luft, sonst war nichts um mich als das Brüten der Einsamkeit. Wirre, zusammenhanglose Vorstellungen und Erinnerungen zogen durch mein glühendes Gehirn und versanken wieder in den Wogen des Fiebers ...

»Wenn ich den Kerl hier hätte, der mir meinen Braunen gestohlen hat! Er war an allem schuld! – Nein, ich selbst war schuld, ich hätte dort nicht schlafen, sondern wachen sollen, dann wäre alles anders gekommen! ... Ob Sepp es fertigbringen wird, auch für mich die fünfzigtausend Mark einzukassieren! Sicher würde er es zustande bringen, und Ruth keinen Heller davon abgeben! – Manchmal wurde mir bewußt, daß ich ihren Namen gerufen ... manchmal war mir, als ob sie mich gerufen hätte. Auffahrend lauschte ich, doch nichts antwortete als das schwere Rauschen des Regens, das dröhnende Summen der Insekten, das zeitlose Brüten der Einsamkeit.

Aus heißen dunkeln Tiefen tauchte ich in kühlgraues Morgenlicht empor, meine Kleider, mein Haar und mein ganzer Körper troffen vor Schweiß, meine Lippen waren aufgesprungen vor brennendem Durst. An allen Gliedern zitternd, wälzte ich mich aus der Matte, fiel schwer auf den Boden nieder und kroch unter die Traufe des Daches hinaus, wo ich immer getrunken hatte. Doch es kam kein Wasser herab, der Regen hatte aufgehört, weißer Morgenrauch zog über die Lichtung, die Wipfel der Bäume erglänzten im Gold der Morgensonne und die Luft war so kühl, daß meine schweißfeuchte Haut erschauerte.

Unendlich langsam kroch ich daraufhin zum Ufer hinab, schöpfte Wasser mit der hohlen Hand, trank und trank. Wie dünne Rauchfahnen trieben Nebelschleier über die dunkle Flut, auf einer Landzunge oberhalb breitete ein Königsfischer seine metallblauen Schwingen aus und schwebte ins Sonnenlicht empor, und – um die Krümmung herum glitt in rascher Fahrt ein hohes, leuchtendrotes Segel! Ich schloß einen Moment die Augen, um das Fieberbild loszuwerden, doch es war auch noch da, als ich sie wieder öffnete; es konnte keine Halluzination sein. Jetzt schoß das Boot schon mir gegenüber vorbei, und mit einem heiseren Schrei stand ich taumelnd auf, breitete flehend die Arme aus und brach erschöpft wieder zusammen.

Es war wiederum im Grauen eines Morgens, da ich zu Bewußtsein und Erinnerung kam. Ich lag auf einem Metallbett in einem weißgekalkten Raum, mein Hals, meine Linke und meine Füße waren in Verbände eingehüllt, und ich steckte in einem flanellenen Pyjama. Neben dem Bett stand ein Kasten mit einer Tischglocke und einem Glas Wasser. Ich trank es aus, und undeutlich, als wäre es ein Menschenalter her, entsann ich mich allmählich auf braune Gesichter, die fragend auf mich eingeredet, auf Fäuste, die mich ergriffen und weggebracht hatten, auf starkriechende Ballen von Rohgummi unter mir und ein windgeblähtes hellrotes Segel über mir, und dann auf einen weißbärtigen Mann, der mir mit einer Laterne ins Gesicht leuchtete.

Ich war noch durstig, ergriff die Glocke und läutete, und darauf erschien derselbe weißbärtige Mann in der Türe. Er trug eine Kutte; mit einer Frage trat er neben mein Bett und fühlte gleichzeitig den Puls an meiner Rechten. »Wasser!« sagte ich auf Deutsch.

»Oh, sind Sie Deutscher? Ich auch! Ich bin Pater Martin. Doch reden Sie jetzt nicht unnötig. Sie sollen nur wissen, daß Sie in der Mission Gethsemane und in Sicherheit sind. Da, schlucken Sie das und schlafen Sie wieder.«

»Ja, aber bitte, geben Sie sogleich Nachricht an Frau Ruth Heye bei Doktor Penna auf Jilva. Bitte, Pater!«

»Oh, sind Sie das! – Ich hörte letzte Woche aus Parà von Ihrem Verschwinden. Aber wie kommen Sie hierher an den Rio Anajas! – Nein, erzählen Sie mir das später! Unser Boot geht gerade nach Parà ab, es kann Ihre Nachricht mitnehmen.«

Es vergingen mehrere Tage, bis ich Pater Martin Bericht geben konnte, wie ich an den Rio Anajas gekommen war. Mit dem Darmkatarrh, den zahllosen eiternden Wunden an meinem Körper und besonders mit jener von dem Kaimanbiß an der linken Hand und einem riesigen Geschwür im Nacken wurde es nur ganz langsam besser, und mit dem Ekzem, das wie ein breiter feuerroter Gürtel meine Taille umgab und zum Wahnsinnigwerden juckte, überhaupt nicht.

Erst nach vollen zwei Wochen konnte ich zum ersten Male aufstehen und die zehn Schritte bis in das gegenüberliegende Wohn- und Studierzimmer des Paters zurücklegen. Er war augenblicklich der einzige, der auf der Mission lebte, seinen letzten Confrater hatte er vor zwei Monaten neben den vorausgegangenen drei andern auf dem kleinen Friedhof am Waldrand gebettet. »Ja, es ist recht ungesund im Mondongo-Urwald«, sagte er schlicht.

»Allerdings«, antwortete ich lächelnd, doch das Lächeln erstarb mir auf den Lippen und machte einem ungläubigen entsetzten Staunen Platz. Mein Blick war in den kleinen Spiegel über dem Waschtisch des Paters gefallen, und was mich daraus angrinste, war ein bärtiger Totenschädel.

Am späten Abend des übernächsten Tages, dem siebzehnten seit meiner Ankunft hier, hörte ich draußen im Garten Menschenstimmen, und darunter eine, bei deren Klang ich hochfuhr, zweifelnd lauschte, sie dann nochmals unverkennbar hörte, darauf rasch aus dem Bett aufstand und zur Tür ging. In der Dunkelheit der Pujada schlang sich ein Paar Arme um meinen verbundenen Hals und ein tränennasses Gesicht legte sich aufschluchzend an meine Brust. Dahinter, neben der kleinen schwarzen Gestalt des Paters Martin, stand eine hohe breitschultrige, weißgekleidete, die stumm meine Hand ergriff und zwischen ihren beiden zusammenpreßte.

Als vor drei Tagen die Nachricht endlich auf Jilva eingetroffen war, waren sie beide noch in der Nacht aufgebrochen, um den am folgenden Morgen von Soura abgehenden Dampfer nach Parà zu erreichen, und hier hatte Penna kurz entschlossen das zum Verkauf stehende Motorboot Old Murphys erstanden, und sie hatten sich nur Zeit genommen, genügend Benzin zu laden, ehe sie los- und in einem Zuge bis Afra und dann den Rio Anajas herauf bis hierher gefahren waren.

Zwei Tage später drückten wir in der mir so gut bekannten Bordkajüte dem alten Pater Martin in Dank und Abschied die Hand und landeten spät in der Nacht am Ver-o-peso von Parà.

Der Arzt, den Penna am andern Morgen ins Grand Hôtel holte, sagte nach einer eingehenden Untersuchung: »Das Beste, was ich Ihnen raten könnte, wäre ein möglichst baldiger und radikaler Klimawechsel. Benutzen Sie die nächste Gelegenheit, die sich bietet, nach Nordamerika oder Europa zu gehen, Senhor!«

Es war ein Rat, der uns allen einleuchtete. Penna setzte sich sofort telephonisch mit allen Schiffahrtsagenturen in Verbindung, aber die Auskünfte, die er erhielt, stellten uns vor eine schmerzliche Entscheidung: Schon tags darauf sollte ein kleines deutsches Schiff von hier nach Hamburg in See gehen, doch es hatte nur noch einen einzigen Kabinenplatz frei, und dasselbe traf auch auf den schnellen englischen Passagierdampfer zu, der übermorgen in Parà eintreffen und am folgenden Tage nach Liverpool weitergehen sollte. Mit dem deutschen Frachter dauerte die Überfahrt nach Europa mindestens drei Wochen, der Engländer aber brauchte nur zehn Tage bis Liverpool, und er hatte einen Arzt an Bord.

Die Vernunft gebot, daß Ruth das deutsche, ich aber das englische Schiff nahm, und so feierten wir am selben Abend, nach nur viertägigem Beisammensein, bereits wieder Abschied. Ruth mußte schon früh um vier an Bord gehen, ich durfte wegen eines Fieberrückfalles nicht das Bett verlassen, und so gaben ihr nur der Doktor und der alte Landsberger das Geleit.

Penna wich in den drei Tagen, die mir noch blieben, kaum von meiner Seite, und auch Landsberger, der selbst recht krank und verfallen aussah und noch weniger sprach als früher, kam immer wieder, um nach mir zu sehen. Von Nimeandajù hatte er seit fünf Monaten nichts gehört; auf meine Bitte hin fragte er bei verschiedenen Regierungsstellen an, doch auch da waren keine Nachrichten von ihm eingelaufen.

Ich fühlte mich schlechter, als ich den beiden und dem Arzt gegenüber zugab, zu matt und elend sogar, um einmal dem Grabe von Old Murphy einen Abschiedsbesuch abzustatten. – Auch ich wurde am letzten Tage von unsern beiden treuen Freunden aufs Schiff gebracht, sie gingen erst in der letzten Minute nach wortkargem, aber bewegtem Lebewohl von Bord.

Es wurde Abend, bis wir aus dem Strom endlich in die offene See hinausdampften. In Plaids eingepackt, sah ich, in einem Langstuhl auf Deck liegend, den dunkeln Streifen der Küste von Marajò hinter uns versinken, doch die Wasser ringsum, auf denen die roten Reflexe der Abendsonne blinkten, waren noch immer die Wasser des großen Amazonas.

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