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Amazonasfahrt

Artur Heye: Amazonasfahrt - Kapitel 22
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleAmazonasfahrt
publisherBüchergilde Gutenberg Zürich
year1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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21

»Art, verstehen Sie etwas von Jaguarfang? Ich meine lebendigen, unbeschädigten Fang in Kastenfallen?« fragte mich Penna an einem der folgenden Tage.

»No, Doc. Ich habe nie Raubtiere auf diese Art gefangen und einen Jaguar in Freiheit überhaupt noch nie zu sehen gekriegt. Haben Sie einen gesehen, den Sie fangen wollen?«

»Ich nicht, aber meine Leute. Es handelt sich um den, der letzthin in der Gegend östlich vom Arari-See das Kalb geschlagen und uns auf diese Weise zu einem guten Mahl verholfen hat. Der Räuber ist, wie die Vaqueiros sagen, ein weibliches, und zwar ein auffallend dunkelgefärbtes und schönes Tier. Und, was die Hauptsache ist, es hat Junge, die wir dann auch einheimsen könnten, nachdem wir die Alte erwischt haben. – Well, Antonio hat vor grauen Zeiten auch einmal beim Fang von Jaguaren und Pumas mitgeholfen, vielleicht weiß er noch Bescheid darüber. Ich werde ihn einmal ausfragen. Würden Sie mitmachen, Art? – Wir müßten allerdings sehr bald an die Sache herangehen, denn das Biest ist ein wahrer Schrecken für das Vieh in der dortigen Gegend, und auch die Vaqueiros scheinen einen heiligen Respekt vor ihm zu haben.«

»Selbstverständlich mache ich mit, Doc! Ob allerdings Ruths kranker Fuß auch schon sobald mitmachen kann, bezweifle ich. Gestern abend sah er noch bös aus«, antwortete ich und ging sogleich, um mit der Patientin zu reden. Sie hatte schon beim Aufbruch zum Kaimansee über einen niederträchtigen Sandfloh in ihren Zehen gejammert, bei der Heimkehr dann die Möglichkeit angedeutet, daß es sogar zwei sein könnten, und als ich den Fuß daheim untersuchte, stellte ich das Vorhandensein von vier vollentwickelten »Funzas« fest, und einer davon eiterte bereits unter dem Nagel hervor!

Wie ich mich überzeugte, sah der Fuß auch heute nicht aus, wie wenn er demnächst auf Jaguarfang gehen würde. Nach eigenen schmerzvollen Erfahrungen in Afrika zu schließen, würde er auch noch mindestens eine weitere Woche nicht so aussehen.

Sie war natürlich tiefbetrübt, an solch aufregendem Abenteuer nicht teilnehmen zu können, und ich habe mich später oft gefragt, wie das ganz ungeahnt aufregende Abenteuer, das daraus entstehen sollte, wohl ausgelaufen wäre, wenn es auch sie mitbetroffen hätte. Besser ausgelaufen oder noch schlimmer ...?

Der weise alte Antonio versicherte seinem Herrn, daß er mit drei Leuten eine gut funktionierende Jaguarfalle aus Baumstämmen innerhalb von zwei Tagen herstellen könne, und Penna gab ihm daraufhin Auftrag, sofort ans Werk zu gehen. Am übernächsten Morgen ritten wir beide dann selber hinüber. Wir gedachten uns dort die Örtlichkeit und besonders das den Vaqueiros bekannte Versteck mit den jungen Jaguaren anzusehen, die Falle fangfertig zu machen und dann einen Mann dort zu belassen, der Nachricht bringen sollte, wenn uns das Tier auf den Leim gegangen war. Wir selbst wollten spätestens am folgenden Abend zurück sein. Was mich betrifft, so wollte es das Schicksal anders – ich habe Jilva nie wiedergesehen.

»Nach dem, was Sie sagen, handelt es sich um die Gegend, die an die Ländereien jenes unfreundlichen Nachbarn angrenzt, den Sie seinerzeit einmal erwähnten, nicht wahr, Doc? Wie heißt der Mann eigentlich?« fragte ich unterwegs.

»Miguel da Costa«, antwortete er kurz. »Von dort, wo wir hingehen, bis zur Grenzlinie sind es allerdings immerhin noch gute zehn Kilometer.« Und nach einer Pause setzte er hinzu: »Ich glaube, ich sagte Ihnen schon damals, daß es eine alte Feindschaft ist, die zwischen uns besteht. Ich will aber nicht verschweigen, Art, daß die Schuld daran wahrscheinlich auf unserer Seite liegt. Die Familie da Costa behauptet heute noch, daß mein Großvater Magallaes Penna einst, vor ungefähr sechzig Jahren, einen da Costa im Streit über ein Kartenspiel erschossen hat. Mein Großvater wurde zwar damals freigesprochen, doch nach dem, was von seinem Charakter und seinem Leben erzählt wird, mag er doch schuldig gewesen sein. Ich selbst habe mich allezeit bemüht, zu einer Aussöhnung mit der Familie da Costa zu kommen. Bis jetzt allerdings vergeblich, denn Miguel da Costa, der jetzige Herr der Besitzung, hat leider ein ganz ähnliches Temperament wie mein Großvater. – Nun, das alles braucht Sie ja nicht zu berühren, Art.« Damit schloß er, und wir kamen nicht wieder auf dieses Thema zu sprechen.

Der Tag war trotz eines stoßweise wehenden Windes wieder drückend heiß, im Nordwesten, jenseits des Stromes, standen schwere Gewitterwolken am Himmel, die Regenzeit rückte heran. Ich war froh, als mein Begleiter gegen Mittag auf einen dunkeln Streifen deutete, der immer wieder von aufgewirbelten Staubwolken verhüllt wurde und ihn als unser vorläufiges Ziel bezeichnete.

Es war ein Waldstreifen, der den Rand einer ausgedehnten sumpfigen Niederung begleitete; irgendwo in dem mit vereinzelten Buschinseln durchsetzten Gewirr von schilfbestandenen Wasserläufen, Tümpeln und Sumpflöchern sollte sich nach der Beschreibung der Vaqueiros das Lager der Jaguarmutter befinden. Wir ritten ein Stück am Waldsaum dahin, bis wir schließlich die als Wegmal verabredete Rauchsäule erblickten. Am Feuer fanden wir jedoch nur den alten Antonio vor; er war dabei, auf Stäbe gesteckte Fleischstückchen zu braten, mit würdevoller Gebärde lud er uns ein, an seinem Mahle teilzunehmen. Der Alte war der einzige von Pennas Leuten, der vor seinem Herrn nicht aufzustehen brauchte und mit ihm im Sitzen sprechen durfte.

Aus Höflichkeit bemühte ich mich, ein paar Bissen von dem zähen, wie angekohltes Leder schmeckenden Zeuge hinunterzuwürgen; meine beiden Tischgenossen tauchten die Stücke vorher in eine Kürbisflasche mit Sauce ein, die der Alte, wie die meisten Vaqueiros, ständig mit sich führte. Doch von dieser, aus rotem Pfeffer und verschiedenen andern diabolisch scharfen Gewürzen bereiteten Sauce – von der Ruth behauptete, sie würde aus Höllenstein und Schwefelsäure gemacht, und daß auch die Caboclos jedesmal erst drei Vaterunser beteten, bevor sie sich an das Zeug heranwagten – hatte ich ein einziges Mal eine Kostprobe genommen, und die genügte mir bis an mein Lebensende.

Wie Antonio dem Doktor berichtete, war die Falle an einem vielbenutzten Wechsel der Raubtiere drüben auf der andern Seite des Sumpfes aufgestellt und mit einer lebenden Ziege beködert worden. Seine drei Gehilfen wären heute morgen hinübergeritten, um sie nachzusehen, bis jetzt aber unerklärlicherweise nicht zurückgekommen. Wir warteten nach der Mahlzeit noch ungefähr eine Stunde auf sie, und als auch dann noch nichts von ihnen sichtbar wurde, halfen wir dem Greis in den Sattel und ritten unter seiner Führung in weitem Bogen um die Niederung herum bis zu der Stelle, wo der Wechsel in den für Pferde ungangbaren Morast hineinführte und wo wir zumindest die Reittiere der drei hätten vorfinden müssen.

Von den Tieren war nichts zu sehen, aber die geübten Augen meiner Begleiter entdeckten ihre vor zwei oder drei Stunden gemachten Spuren, die merkwürdigerweise von hier nordwärts direkt in die Pampa hinausführten. »Well, Art«, sagte der Doktor nach einem Meinungsaustausch mit dem Alten und strich sich nachdenklich den Schnauz. »Ich weiß nicht, was den Kerlen dazwischen gekommen sein kann. Auf jeden Fall werde ich einmal mit Antonio den Fährten ein Stück nachreiten. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Sie hier zurückblieben, um den Leuten, falls sie währenddem etwa hier auftauchen, Bescheid zu sagen?«

»Sure, Doc, suits me fine!« grinste ich. »Ich habe nämlich einen kannibalischen Hunger und werde unterdessen ausgiebig in den Proviantkorb steigen. Offen gesagt, war Antonios Spießbraten nicht ganz in meiner Linie.«

»Das habe ich gemerkt!« lachte er. »Good appetite and so long!« Er winkte mit der Hand und galoppierte dem Alten nach.

Ich stieg ab, suchte mir ein schattiges Plätzchen aus, machte ein Feuer und holte eine Feldflasche voll Wasser aus der nächsten Lache. Da es aus dem Kochtopf nicht gerade gut roch, tat ich noch einen Löffel mehr Kaffeepulver hinein und stieg dann, und zwar wirklich ausgiebig, in den Picknickkorb. Nach der Mahlzeit räkelte ich mich langausgestreckt zurecht, rauchte eine Zigarette, lauschte dem Gesumm der Insekten, blinzelte zwischenhinein immer wieder einmal in den heißen schweren Dunst der Pampa hinaus, träumte noch eine Weile mit offenen Augen vor mich hin, schloß dann schläfrig die Lider und machte sie erst wieder auf, als es dicht an meinem Ohr plötzlich »Bwwwrrrr!« sagte.

Es war der Braune, und außerdem war es unbegreiflicherweise schon fast dunkel und dennoch so irrsinnig heiß, daß alles an mir klitschte und troff, und – die Luft war von beizendem Rauch erfüllt!

In augenblicklichem Begreifen sprang ich auf die Füße, dicke grau-gelbe Rauchwolken wälzten sich, vom Nordwestwinde getrieben, über die Pampa und der Glutwind trug mir das Knistern und Prasseln, das Sausen und Fauchen brennenden Grases zu. In weitgeschwungenem Halbkreis raste das Feuer direkt auf mich zu, hinter mir war ein schmaler Streifen Wald, in dem ich aber, wenn er nicht auch noch in Brand geriet, unrettbar im Rauch ersticken mußte, und dahinter lag ein unpassierbarer Sumpf. Nur im Südosten schien noch eine Lücke und eine Möglichkeit des Entkommens zu sein.

Eine Sekunde darauf schoß mein Brauner schon unter mir am Waldrand entlang, ich brauchte den braven alten Kerl nicht anzutreiben, daß er sein Äußerstes hergab, er wußte Bescheid!

Eine vielköpfige Herde donnerte, von Rauch- und Staubwolken umhüllt, unweit von mir ebenfalls auf das Ostende der Senke zu, ein Rudel Wildschweine brach in wilder Flucht quer über meinen Weg und Hals über Kopf durch den Wald und in den Sumpf hinein, Schwärme von geängstigten Vögeln brausten, von dem Glutstrom auf- und niedergewirbelt, über mir dahin.

Anfänglich war mir bange, streckenweise konnte ich vor Rauch kaum hundert Meter weit sehen, doch mit der Zeit wurde die Atmosphäre lichter, das Knattern der Flammen schwächer. Aber sooft ich auch versuchsweise ein Stück nach rechts ausbog, immer wieder traf ich auf den vorwärtsjagenden Wall von Rauch und Feuer, mußte immer weiter nach Südosten zu. Ungefähr zehn Kilometer wären es bis zur Grenze der da Costaschen Besitzung, hatte Penna gesagt, demnach befand ich mich nunmehr schon auf »feindlichem« Gebiet. Und noch immer war zu meiner Rechten kein Ende der brennenden Fläche zu sehen, soweit ich blicken konnte, war alles von Rauch verhüllt, es mußte ein riesiges Gebiet sein, das da in Flammen stand. Penna und Antonio waren direkt dorthin geritten, wo es ausgebrochen war; eine Sekunde lang zog sich mir bei dem Gedanken das Herz zusammen, doch ich beruhigte mich wieder; die beiden waren hier aufgewachsen und mit jeder Gefahr vertraut, ihnen war bestimmt nichts geschehen. Ganz unbestimmt aber war, was auf dieser endlosen Flucht vor dem Feuer mir selbst noch geschehen konnte.

Mehr als eine Stunde mußte seit meinem Aufbruch vom Sumpf vergangen sein und immer noch hatte ich brennende Pampa zwischen mir und Jilva, und der Tag ging zur Neige. Der Braune wurde müde und wollte in Schritt fallen, doch ich hetzte ihn weiter, augenblicklich hatte sich zwar der Wind gelegt, doch nach Sonnenuntergang würde er sicherlich auffrischen und das Feuer damit wieder schneller auf mich zukommen. Das letzte Viertel des Mondes würde erst spät in der Nacht erscheinen, vielleicht konnte ich bei seinem Licht dann endlich die Richtung nach Hause einschlagen, bis dahin mußte ich soweit als möglich nach Südosten ausweichen.

Eine gewaltige Viehherde wurde rechts von mir sichtbar, sie bewegte sich ebenfalls in höchster Eile nach Süden zu, ein Zeichen, daß auch hinter ihr noch überall die Pampa brannte. Zwischen den dahinstürmenden Tieren tauchten, von Staubschwaden umweht, auf einen kurzen Augenblick zwei Reitergestalten auf. Der eine hatte mich anscheinend gesehen; von der untergehenden Sonne geblendet, legte er die Hand an die Hutkrempe und spähte herüber, ich duckte den Kopf auf den Hals meines Braunen und jagte weiter.

Gleich darauf verlöschte wie auf einen Schlag das Tageslicht, ein schieferfarbenes düsterdrohendes Leuchten glitt über die Einöde, eine mächtige Gewitterwolke hatte sich vor der sinkenden Sonne emporgeschoben. Ich bin sonst von einer lächerlichen Gewitterangst geplagt, doch jetzt, nachdem mich jener Kerl gesehen hatte, sehnte ich den Ausbruch eines Unwetters herbei. Der Regen würde vielleicht das Feuer löschen und mir endlich den Weg freimachen, daß ich auf Pennaschen Grund und Boden zurückkehren konnte. Wahrscheinlich war das unruhige Gefühl, das mich hier auf da Costas Land beherrschte, nichts als schierer Unsinn, denn was hatte schließlich meine wildfremde und unbeträchtliche Person mit der Feindschaft zwischen den beiden Nachbarn zu tun! Und doch wollte das ungute Gefühl in mir nicht weichen.

Dann tauchten ganz unvermittelt, mit dem allerletzten Licht, Bäume und Hüttendächer, in eine flache Senke geduckt, vor mir auf. Zur rechten Hand setzte sich die Niederung in einem Waldstreifen fort, wahrscheinlich war dort ein Wasserlauf, und bei dem Gedanken wurde mir erst bewußt, welch brennenden Durst ich spürte. So riß ich meinem Braunen scharf den Kopf nach rechts, umritt im Schritt und dauernd ringsum in die rasch herabsinkende Finsternis lauschend, ob ich Menschenstimmen hörte, die kleine Siedlung, geriet dabei, wie ich erst an dem gelegentlichen Rupfen des Braunen merkte, in ein sprossendes Maisfeld hinein und landete aufatmend endlich unter den hohen dunkeln, dichtverwachsenen Bäumen. Hier stieg ich ab, faßte das Tier am Zügel und überließ es ihm, in der Stockfinsternis einen Zugang zum Wasser zu finden. Es war nur ein sehr jämmerliches kleines Rinnsal, aus dem wir beide dann nebeneinander schlurften, und es schmeckte schauderhaft.

Ich fühlte mich nach alledem plötzlich furchtbar zerschlagen und führte steifbeinigen Ganges den Braunen noch an den Waldrand hinaus, band ihn lang an, damit er ein wenig grasen konnte, spannte dann meine Matte zwischen den erstbesten zwei Bäumen auf, die ich heraustasten konnte, und packte mich aufseufzend hinein.

Die Luft war schwül und stickig, in der Ferne grollte der Donner, und zusammen mit der glühenden Röte des Steppenbrandes flackerte der fahle Widerschein von Blitzen durch die Schwärze der Nacht. Ich war hungrig, aber der Korb mit all den leckeren Sachen war dort am Sumpf zurückgeblieben; gut, daß ich in der Eile des Aufbruches wenigstens an meine Hängematte und das Gewehr gedacht hatte. So ersetzte ich das fehlende Abendbrot durch eine Zigarette und lauschte hoffnungsvoll dem näherkommenden Grollen des Gewitters. Doch Regen kam nicht und Schlaf für mich auch nicht bis spät in die Nacht.

Ein erquickender, feuchtkühler, von süßen Düften geschwängerter Hauch wehte mir ins Gesicht, als ich erwachte. Es mußte Regen in der Nähe gegeben haben, rote Morgensonnenstrahlen spielten im Laube über mir, ein harlekinbunter Vogel starrte mich von einem Ast herunter unverwandt an. Ich wollte gerade aus der Matte steigen, als ich die Schritte eines Menschen hörte, der sich durch das Gebüsch zwängte. Ihm war nicht mehr zu entgehen, so steckte ich mir eine Zigarette an und wartete in gespielter Gelassenheit mit den Beinen schlenkernd, was sich entwickeln würde. Die Entwicklung erfolgte sehr rasch und vehement!

Der Mann, der mir gegenüber aus den Büschen trat, war von kurzer, aber abnorm breitschultriger Statur, über dem gedrungenen Hals schaute mich ein Bulldoggengesicht aus finsteren Augen an und – in der Hand hielt er einen Revolver! »Wer sind Sie, und wie kommen Sie zu dem Pferde da draußen?« fragte er kurz und barsch und grußlos.

Ich verstand; da ich aber friedlich zu bleiben gedachte und mein Portugiesisch zu einer Erklärung nicht ausreichte, antwortete ich Englisch: »Mein Name ist Heye und Sie hätten ihn auch ohne ein gezücktes Schießeisen erfahren, Mister –?«

»Wir sind hier in Brasilien und nicht in Nordamerika! Antworten Sie in der Landessprache! Ich frage zum zweiten- und letztenmal: Wie kommen Sie zu dem Pferd da draußen?«

»Das Pferd, das Sie so merkwürdig interessiert, gehört meinem Gastgeber, Doktor Penna. Und Englisch muß ich Ihnen antworten, weil ich zu meinem ehrlichen Bedauern nicht genügend Portugiesisch spreche, Herr da Costa!«

»Wem gehört das Pferd?« röhrte er los, und zwar jetzt auch auf Englisch, und hielt mir seine Handkanone vor die Nase. »Herr, ich rate Ihnen, mir keine frechen Antworten zu geben! Kommen Sie mit, sofort! Ich will Ihnen zeigen, wem das Tier gehört!«

Mir zuckte es in den Fäusten, doch ich bezwang mich noch einmal und streckte die Hand aus, um meine Matte abzuknüpfen.

»Was machen Sie da? Ich habe Ihnen gesagt, mitzukommen!« schrie er und packte mich dabei mit der Linken an der Schulter. Und das hätte er nicht tun sollen, denn bei einer jähen körperlichen Berührung geht es mir wie einem nervösen Pferd: Es scheut und schlägt aus! So schlug auch ich aus, und zwar mit dem Hinterhuf dem edlen Don gegen das Schienbein und gleichzeitig mit dem rechten vorderen ihm genau zwischen die Augen!

Er fiel um wie ein Sack und sein Schießeisen flog; ihm aus der Hand. Ich ergriff es mit der Rechten, mit der Linken aber und einem bedauernden »Sorry, but you asked for it!« lupfte ich den gefällten Kämpen auf die Füße. Keuchend und schwankend stand er da und schaute mit blutunterlaufenen Augen zu, wie ich mit der Linken die Matte abknüpfte und meine Rechte dabei die Mündung der Handkanone ständig auf ihn gerichtet hielt.

»So, Herr da Costa, nun wollen wir mal gehen und die mysteriöse Sache mit dem Roß aufklären!« sagte ich gemütlich, und machte eine einladende Bewegung mit dem Colt.

Stumm und mit geballten Fäusten hinkte er voraus und auf den Baum zu, an dem ich gestern abend mein Pferd angebunden hatte, aber drei Schritte davor blieb ich mit einem »What to hell –!« und wohl auch mit einem entsprechenden Gesicht stehen und starrte das Phänomen an, das da im Schatten stand und mit den langen Ohren spielte. Es war eine mir völlig fremde und ganz unsagbare Schindmähre, der ein ruppig aussehender Caboclo-Holzsattel auf dem knochigen Rücken saß. Von meinem guten alten Braunen mit dem englischen Sattel und dem darauf festgeschnallten Gewehr war nichts zu sehen.

Die blutgeäderten Augen da Costas streiften mich auf meinen Ausruf hin mit einem schnellen forschenden Blick, doch er humpelte weiter, schlug die zerschlissene Matte hinter dem Sattel zurück und deutete auf das halbverwischte Brandmal auf der Hinterhand des Tieres. »Ist das Pennas Zeichen, Herr?« stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Soviel ich sehen kann, nicht. Aber das interessiert mich auch gar nicht, denn Sie glauben natürlich selber nicht, daß ich auf dieser Himmelsziege aus der Gegend des Arari-Sees hierhergekommen bin. Wo mein Pferd hingekommen ist, weiß ich nicht; vielleicht wissen Sie es, Herr da Costa?!«

»Was wollen Sie damit sagen!« fuhr er auf. » Ich stehle keine Pferde, und wie Sie hierher auf meine Besitzung gekommen sind, werden Sie wohl am besten wissen. Ihren Fährten folgend, bin ich nur auf dieses Tier hier gestoßen, und das gehört mir! Und falls Sie nicht wissen sollten, wie wir hier mit Pferdedieben verfahren, werden Sie es sehr bald kennenlernen!« grollte er und drehte dabei die Augen spähend nach links, der offenen Pampa zu.

Ich folgte seinem Blick, und was ich sah, war äußerst bedrohlich. Auf der Ebene wogte jetzt eine dichtgedrängte Masse von Vieh, wahrscheinlich war es die Herde von gestern, bei der ich die zwei Vaqueiros gesehen hatte, und zwischen den Tieren und dem Waldrand kam eine Gruppe Berittener langsam auf unsern Standort zugetrabt. Der vorderste deutete auf den Boden, wahrscheinlich auf meine und da Costas Spuren.

Mit einem plötzlichen Sprunge packte ich den ahnungslosen Caballero am Halse, stieß ihn in den Schatten zurück und flüsterte ihm, den Revolverlauf an sein Ohr gepreßt, zu: »Keinen Laut, oder ich drücke ab! Sie werden jedenfalls nicht lange genug leben, um Ihren Zorn auf Penna an mir auszulassen, Herr da Costa!«

Er gurgelte unter meinem Griff, schlug und strampelte und trat wild um sich; ich hoffte natürlich immer noch, irgendwie aus dieser Situation herauszukommen, ohne einen Menschen kaltblütig niederzuknallen, und so stieß ich ihm zuletzt mit aller Kraft das Knie in die Weichen. Mit einem ächzenden Laut sank er unter meiner Faust zusammen.

Die Stimmen der Leute waren jetzt ganz nahe; ich sah mich verzweifelt nach einem Ausweg um. Wenn ich meinen Braunen noch gehabt hätte, wäre ich trotz der hindernden Viehherde in die Pampa hinausgeprescht. Sollte ich nun doch noch versuchen, auf diesem elenden Klepper da zu entwischen –? Und erst in diesem Moment fiel mir sonderbarerweise ein, daß ja auch da Costa zu Pferd gekommen sein mußte, und aufblickend sah ich keine fünf Schritte entfernt den Kopf seines Tieres hinter einem Busch hervorlugen und friedlich an den Zweigen knabbern.

Lautlos huschte ich hinüber und drängte hastig, die Augen dabei auf die Näherkommenden gerichtet, das Tier ins Gebüsch zurück. Es war nicht angebunden oder »gehobbelt« und – Gott sei Dank! – europäisch gesattelt! Als ich aufstieg, hörte ich den ersten der Reiter mit einem erschrockenen »Senhor da Costa!« unter dem Baume aus dem Sattel springen.

Das Tier unter mir schien den Fremden zu scheuen und bockte, einen Augenblick schien es, als käme ich nicht mit ihm von hier weg; doch ich brachte es schließlich in Gang und lenkte es auf eine hellschimmernde Lücke im Gehölz zu. Es war ein breit ausgeschlagener Viehweg, der quer durch das Flußbett und den jenseitigen Waldstreifen auf die freie Pampa hinausführte. Als ich drüben davongaloppierte, warf ich einen Blick zurück – bis jetzt war von Verfolgern nichts zu sehen, und der kleine Vorsprung, den ich damit hatte, war wohl der Punkt, der mein Schicksal entschied. Wenn ich da Costa jetzt, nachdem ich ihn zweimal gebodigt und ihm dann auch noch sein Pferd weggenommen hatte, in die Hände gefallen wäre, hätte er mich in seiner Stierenwut zweifellos als gewöhnlichen Pferdedieb am erstbesten Baume aufhängen lassen.

Schlimm war freilich, daß ich wegen, der Herde da drüben nicht westwärts auf Pennas Land zu flüchten konnte. So hielt ich mich wenigstens soviel als möglich am Rande des Galeriewaldes, der sich bedenklicherweise allerdings immer mehr und mehr nach Südosten zu hinzog. Es war zum Verzweifeln, seit gestern nachmittag war ich ständig gezwungen, diese Himmelsrichtung innezuhalten!

Mein Glück war, daß da Costas Pferd, anscheinend ein englisches Halbblut, sich als ein außergewöhnlich schnelles Tier erwies, niemals zuvor hatte mich ein Pferd in solchem Tempo dahingetragen. Trotzdem trieb ich das edle Tier noch unaufhörlich an, ich mußte ja einmal durch den Fluß zurück, um endlich die Richtung nach Jilva einschlagen zu können, und beim Passieren des Galeriewaldes würde ich Zeit verlieren.

Nach ungefähr einer Stunde wagte ich es, einmal zurückzublicken; von Verfolgern war immer noch nichts zu sehen, so lenkte ich auf den Wald zu. Doch ich überzeugte mich bald, daß ein Durchkommen an dieser Stelle unmöglich war, ein wildverschlungenes Gewirr von federnden Bambuspalmen verwehrte jedes Eindringen. So stob ich weiter, dem Saum des Waldes folgend, aber nunmehr bog er sogar direkt nach Osten ab und damit immer tiefer in da Costas Ländereien hinein!

Ein zweiter Versuch ein Stück weiter oberhalb verlief gleicherweise erfolglos, zudem schien mir der Waldstreifen auch hier wesentlich breiter zu sein, und als ich nochmals eine Strecke weitergejagt war, traf ich zu meinem Schrecken auf einen ebenfalls von Wald und Gebüsch eingefaßten Nebenfluß, und das Schlimmste war, er setzte sich weiter ostwärts in ein ausgedehntes blaugrünschimmerndes Sumpfgebiet fort, von dem überhaupt kein Ende zu erblicken war.

Ich sah ein, daß ich in einer Falle saß, weiterzuhetzen war sinnlos. Da Costas Leute würden längst direkt zum Ostende des Sumpfes hinübergeritten sein und mir den Weg abgeschnitten haben. Das war wohl auch der Grund, warum ich niemals etwas von Verfolgern hinter mir gesehen hatte. Durch Wald und Fluß nach Westen zu konnte ich, wenn überhaupt, zumindest nicht zu Pferde kommen, und ohne Pferd war ich drüben sowieso verloren. Mir schien, daß es aufs Verlorensein hinauslief, daß ich hier am Ende meines letzten Weges angekommen war. –

So stieg ich ab und in einer Aufwallung schlang ich dem fremden Tier, das mich so brav getragen hatte, die Arme um den Hals und lehnte mein Gesicht an sein schweißnasses Fell.

Dann nahm ich ihm den Sattel ab und klatschte ihm mit einem auffordernden »Vamos embora!« auf die Hinterhand. Es spitzte die Ohren und trabte sogleich auf seiner eigenen Fährte zurück. Auf dem Sattel sitzend, schaute ich ihm nach, bis es im hohen Pampagras verschwunden war. Neben einem nagenden Hunger quälte mich jetzt auch ein starker Durst. Etwas Eß- oder Trinkbares, oder wenigstens ein Trinkgefäß fand sich in der Satteltasche nicht vor, wohl aber ein halbes Päckchen Munition für den Colt, ein großes, mit Zigaretten gefülltes Silberetui und ein anderes silbernes Kästchen, das Spiegel, Kamm und Bürste und – eine Flasche Parfüm enthielt!

Zigarettenetui und Patronen verstaute ich in meiner seidenen Hängematte, die ich ständig als Leibbinde um die Taille gewickelt trug, die Parfümflasche aber stellte ich als höhnische Herausforderung oben auf den Sattel.

Dann drang ich geradewegs in den Wald ein. Vor allem, um an den Fluß und zu einem Trunk zu kommen, dann aber auch, weil mich im Walde nicht, wie auf der freien Ebene, ein Lassowurf wehrlos machen konnte, weil ich in dem für Reiter unzugänglichen Gelände die gleichen Chancen hatte wie die, die mir ans Leder wollten.

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