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Amazonasfahrt

Artur Heye: Amazonasfahrt - Kapitel 21
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleAmazonasfahrt
publisherBüchergilde Gutenberg Zürich
year1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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20

Die trockne Jahreszeit neigte sich ihrem Ende zu. Fast allnächtlich leuchtete in irgendeiner Himmelsgegend die rote Glut von Grasbränden in der Pampa auf, wälzten sich tagsüber schwere graugelbe Rauchmassen über die Ebene und machten die heiße Luft dieser Tage, die nur noch selten von einem schwachen Wind bewegt wurde, noch drückender und unatembarer. Was von den Gräsern nicht bis auf die Wurzeln abgeweidet war, lag zertreten, bleich und dürr und mit dicken Schichten von Staub und Dung bedeckt, auf dem von handbreiten Rissen durchklafften Boden. Die vereinzelten Büsche und Bäume, die die Monotonie der weiten Ebenen unterbrachen, es waren Arten, die sich durch furchtbare Dornen oder giftige Säfte vor dem Abgefressenwerden schützten, hatten auch ihre letzten Blätter abgeworfen und reckten, wie verzweifelte Menschen ihre Arme, wildverrenktes Geäst zum bleigrauen, heißen Himmel auf. Die zahlreichen kleinen Seen und Lachen, die von der letztjährigen Überschwemmung des Stromes in den Bodensenken zurückgeblieben waren, schrumpften mit jedem Tag mehr zusammen, und damit wurde die Gefahr für das tränkende Vieh, die in allen diesen Gewässern lauerte, stetig größer – die Gefahr der Kaimane.

Ich hatte in letzter Zeit öfters des Doktors Walter-Repetierflinte ausgeliehen, einesteils, um damit einmal eine Ente oder ein paar Wildtauben für unsern Tisch zu schießen, andernteils auch zu dem Versuche, Bälge der reichen hiesigen Vogelwelt zu erlegen, um sie dann daheim der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, ein Versuch, den ich allerdings aus Mangel an präparatorischen Kenntnissen bald wieder aufgegeben hatte. Und hätte ich geahnt, was aus der Benutzung von Pennas Gewehr resultierte, so hätte ich den Teufel getan, aber es nicht von ihm ausgeliehen, denn als ich eines Tages von einer ergebnislosen Streife zurückkehrte und die Waffe an den bestimmten Haken in des Doktors Zimmer hängen wollte, sah ich verblüfft, daß seine eigene ja dort hing und die ich mitgenommen hatte, wohl genau dasselbe Modell, aber eine nagelneue war!

»Ist das nun ein Sonnenstich oder Delirium tremens von zu vielem Kaffeetrinken?« grunzte ich vor mich hin. »Ich hab doch heute früh den Schießprügel da von der Wand genommen, und jetzt hab ich hier einen andern und neuen in der Hand! Und wo kommt der her –?«

Ein dumpfrumpelndes Lachen ertönte hinter mir, der Doktor war mir leise nachgeschlichen, er freute sich wie ein Junge über einen gelungenen Streich, und schmunzelnd bestätigte er, was mir plötzlich klar geworden war: Die von Parà besorgte neue Walter-Flinte war ein Geschenk von ihm; er hatte sie heute morgen gegen die seine, die ich schon neben der Tür zum Frühstückszimmer bereitgestellt hatte, heimlich ausgetauscht.

Ich hatte, rot vor Freude und Verlegenheit, dagestanden, die kostbare Waffe in den Händen herumgedreht und, da ich absolut nichts anderes besaß, dem Geber schließlich ein kleines Gegengeschenk mit einem meiner deutschen Bücher gemacht – was er gar nicht lesen konnte!

Mit diesem Gewehre nun schoß ich eines Nachmittags, als ich Ruth zu Pedros Grab geleitet hatte, auf einen Schwärm buntgefiederter Tauben – sie ähnelten unsern afrikanischen Papageitauben – die sich droben an den Assahitrauben gütlich taten. Zwei oder drei fielen tödlich getroffen am Fuße der Palme nieder, eine aber flatterte noch über das Ufer des Flüßchens hinaus, dessen Lauf jetzt nur noch aus einzelnen unzusammenhängenden Lachen bestand, und der Vogel hatte kaum die Oberfläche berührt, als mit einem Schlage der ganze Tümpel lebendig zu werden schien. Alle die scheinbaren Wurzelknollen, Baumstämme und Schlammbänke, die aus der trüben Flut aufragten, verwandelten sich plötzlich in ein wild durcheinanderfahrendes Getümmel von Kaimanen. Die Taube war im Nu verschwunden, doch die aufgestörten Reptilien schossen in wilder Gier übereinander her, richteten sich aneinander empor, peitschten mit gezackten Schwänzen die schlammige Flut, schnappten mit weitgeöffneten Rachen blindlings um sich, packten einander an Beinen und Schwänzen und rissen sich gegenseitig große Stücke von Fleisch aus den Leibern.

Innerhalb weniger Sekunden färbte sich das Wasser des Pfuhles blutrot, und der Anblick, den dieser Knäuel von kämpfenden Reptilien bot, war so scheußlich, daß ich, so sinnlos es war, alle Patronen im Magazin auf sie abfeuerte – Vogelschrotpatronen auf Panzerechsen!

»Großer Gott, das ist ja grauenhaft!« sagte Ruth, die auf die Schüsse hin herzugelaufen kam, und wich schaudernd zurück. Der Doktor aber zuckte nur lächelnd die Achseln, als ich ihm dann daheim die Szene schilderte, und in seinen Bombaystuhl zurückgelehnt, sagte er: »Nach der Wirkung, die schon das auf Sie gehabt hat, Frau Ruth, möchte ich Sie lieber erst gar nicht auffordern, einmal mitzukommen und sich das anzusehen, was wir hier »Evacuar«, also »Ausräumen« nennen. Es ist die systematische Vernichtung der Kaimane, eine Maßnahme, die sich jedes Jahr um diese Zeit notwendig macht, um einer endlosen Vermehrung der Reptilien vorzubeugen. Es liegt ja auf der Hand, daß mit der Abnahme des Wasserstandes und damit auch der Fische in den Seen und Teichen während der heißen Zeit auch Platz und Nahrung für die Bestien immer knapper werden, und jedes Stück Vieh, das sein Maul zu einem Trunk ins Wasser steckt, Gefahr läuft, sofort gepackt zu werden. – Ich glaube, ich erwähnte früher schon einmal, daß wir hier alljährlich Hunderte, wenn nicht Tausende von Tieren durch die Kaimane verlieren. Anfang nächster Woche beginnt das »Ausräumen«, und ich denke, wir sollten ein paar hundert Meter Film davon drehen, Art. Besonders wohltuend und ästhetisch werden die Bilder ja wohl nicht sein, die dabei herauskommen, aber für die Bewohner zivilisierter Gegenden doch sehr interessant.«

»Ich bin nicht an den Amazonas gekommen, um nur das Ästhetische und Liebliche zu genießen! Ich komme unbedingt mit! – Aber ich werde mir eine Pulle Cajas einstecken für den Fall, daß mir übel wird!« erklärte Ruth entschlossen.

»Nun, Sie sind selbstverständlich willkommen, aber ich glaube, Sie werden dabei wirklich einen stärkenden Schluck brauchen!« sagte Penna mit ungewöhnlichem Ernst. »Was Sie da sehen werden, wird Ihnen wie eine Szene aus Dantes Inferno vorkommen.«

Die methodische Vertilgung der Kaimane begann nach altem Herkommen in einem See in der entferntesten Südecke der Pennaschen Besitzung. Da es bis dahin gute vier Reitstunden waren, beschlossen wir, schon am vorhergehenden Mittag von Jilva aufzubrechen und dort zu übernachten; und tatsächlich fand das Fläschchen guten französischen Kognaks bei dem, was sich anderntags an jenem abgelegenen Gewässer abspielte, eifrigeren Zuspruch als die andern Üppigkeiten in dem mitgenommenen riesigen Picknickkorbe. Der tödlichen Hitze wegen hatten wir uns für den Weg Zeit genommen und waren außerdem noch durch eine von mir veranstaltete Schweinejagd aufgehalten worden. Ich hatte die Rüsseltiere im Schilf einer sumpfigen Niederung rumoren gehört, war herangeschlichen, und als ich sah, daß es ein Mordsexemplar von Muttersau mit vier oder fünf Ferkeln war, hatte ich der Versuchung nicht widerstehen können, eins der Jungen totzuschießen, vor allem, weil es mich natürlich drängte, einmal mein neues Gewehr auszuprobieren, dann aber auch, weil ich sehr gern gebratenes Ferkel esse.

So langte unser Trupp, der aus uns dreien und fünf Vaqueiros bestand, erst gegen Abend am Ziele an. Es war ein mäßiggroßes, aber vielgestaltiges Gewässer; in zahlreichen Buchten und Armen zog es sich in die Tiefen des gegenüberliegenden versumpften und absterbenden Waldes hinein. Zusammen mit dem Vaqueiro-Patriarchen Antonio kam ich als erster am Ufer an. Von flammenden Wolken umrahmt, sank die Sonne zum Horizont hinab, ihr Glutlicht funkelte durch die schlanken Stämme der Bäume und zog eine blutrote Bahn über das graue reglose Wasser. Geblendet vom farbigen Glanz des Abendhimmels, hielt ich die Hand über die Augen und bemühte mich, herauszufinden, ob die kleinen Erhebungen über dem Wasserspiegel wirklich versunkene Ast- oder Wurzelstöcke oder aber, wie dort am Assahi-Fluß, bewegungslos liegende Kaimane waren.

Der neben mir haltende Antonio begriff. »Si, Senhor Arturo, todo jacaré!« murmelte er und streckte seine mit silberweißen Haaren bedeckte verrunzelte Hand über das Wasser aus. »Todo jacaré! Muito, muito jacaré! – Alles Kaimane! Viele, viele Kaimane!« wiederholte er bekräftigend.

Ein Stück hinter uns wurden Hufschläge und Stimmen hörbar, gleichzeitig aber auch ein plötzliches Prasseln und Rauschen im Uferdickicht; der Alte stieß einen gellenden Warnungsruf aus, mein Pferd prallte beiseite und aus dem Gebüsch schoß ein langer massiver Reptilienleib heraus und in voller Fahrt aufs Wasser zu.

In der Hoffnung, hier vielleicht noch eine Ente zu erwischen, hatte ich beim Heranreiten meine Flinte schußfertig in die Hand genommen, und es war eine reine Reflexhandlung, daß ich sie beim Erblicken des Kaimans an die Backe riß und auf den dicht neben meinem Pferde vorbeischießenden Reptilienschädel abfeuerte. Ich war selber baß verwundert, als der Saurier daraufhin wie eine Uhrfeder hochschnellte, sich in der Luft überschlug, mit einem gewaltigen Klatsch ins Wasser fiel und es mit wilden Schwanzschlägen zu blutigem Gischt peitschte. Erst dann fiel mir ein, daß ich zu der Schweinejagd die gewöhnlichen Vogelschrotpatronen im Magazin mit groben Sauposten vertauscht hatte, und aus drei Meter Entfernung abgefeuert, hatte diese Ladung genügt, um auch den gepanzerten Schädel eines Kaimans zu zersprengen. Noch erstaunter und zugleich erschrocken, sah ich jedoch, wie zwei auf den Schuß hin herbeigaloppierende Vaqueiros, einem Ruf des Alten gehorchend, von ihren Pferden sprangen, ohne weiteres in den von Kaimanen wimmelnden Pfuhl hineinwateten, dem mit dem Tode kämpfenden Reptil Lassos überwarfen und unter schrillen Freudenrufen an Land zogen. Der Doktor, der jetzt neben Ruth herangetrabt kam, schüttelte auf meine Frage, ob das Vorgehen der beiden nicht ein verdammter Blödsinn gewesen wäre, den Kopf. »Keineswegs, Art! Soviel ich weiß, sind ja auch die afrikanischen und asiatischen Krokodilarten nur im tiefen Wasser für den Menschen gefährlich. Wenn dem nicht so wäre, könnten wir ja gar nichts gegen diese Landplage unternehmen. – Ich gratuliere Ihnen übrigens zu Ihrer erstaunlichen Geistesgegenwart! Und für die Leute bedeutet sie außerdem ein sehr willkommenes und geschätztes Abendessen. Respektive der Schwanz Ihrer Jagdbeute bedeutet ein solches. Wollen Sie daran oder doch lieber an Ihrem Spanferkel teilnehmen?«

Es war kein schöner Anblick, als die Leute dem Tier tatsächlich als erstes den Schwanz abhackten, ihn zum Rösten über ein rasch entfachtes Feuer hingen, dann dem Reptil Leib und Schädel öffneten, ihm Fett und Gehirn herausnahmen – wie sie mir erklärten, wären beide Substanzen ein vorzügliches Haar- und Bartwuchsmittel – und das verstümmelte Geschöpf unfaßlicherweise dabei immer noch lebte und zuckte! Danach war ich es, der als erster nach der Pulle im Picknickkorbe griff.

Nichtsdestoweniger nahm ich dann, wenn auch nur nach einem inneren Anlaufe, das sehr appetitlich riechende und aussehende Stück weißen Fleisches entgegen, das mir einer der Vaqueiros auf der Spitze seines langen Messers darbot, und ich muß sagen, daß es fast wie Kalbfleisch und recht gut schmeckte. Jedenfalls viel besser als mein Spanferkel, das zu meiner Enttäuschung trotz seines zarten Alters einen ganz niederträchtigen dumpfigen Moorgeschmack aufwies.

Während des Essens schlief auch der letzte Windhauch ein, eine dumpfe, drückende Stille sank über das Ufergestade herab, laut- und bewegungslos wie Kerzenflammen lohten die Kochfeuer, und mit der lastenden Schwüle stiegen ganze Wolken von Moskitos aus dem Sumpfe empor und fielen blutgierig über uns her. Wir waren bald in siedende graue Schleier eingehüllt und alle drei ergriffen wir zuletzt, noch vor Beendigung unseres Mahles, die Flucht unter die Netze unserer Hängematten. Selbst die lederhäutigen Vaqueiros hielten es, nachdem sie ihren Kaimanschwanz verspeist hatten, hier nicht mehr aus und verlegten ihr Camp ein Stück vom Wasser weg in die freie Pampa hinaus. Unsere Matten waren zu weit voneinander aufgespannt, um eine Unterhaltung zu ermöglichen, und als die Stimmen der Leute in der Dunkelheit verhallt waren, wurde das Schweigen, das über diesem einsamen Gewässer lastete, noch tiefer und bedrückender.

Dann stieg der Mond über dem Horizont empor, ein riesengroßer, rotgedunsener Mond, und die Nachtlandschaft, die er enthüllte, bot ein seltsames, unwirkliches Bild. In zitternden Kringeln spielte das brandrote Licht auf dem schwerflüssigen Wasser, der klagende, verlorene Ruf eines Vogels drang aus den Tiefen des sterbenden Waldes, ein kaum wahrnehmbarer Lufthauch strich einmal wispernd durch das Röhricht, dann erstarb wieder alles in der großen Stille, der wilden Melancholie, dem ganzen unbestimmbaren Grauen, das über diesem Gewässer lag.

Ich konnte nicht einschlafen und steckte mir aus Langeweile eine Zigarette an, und als ich darauf wieder reglos lag, nahm ich nun doch einzelne schwache Laute in der Totenstille wahr. Sie kamen aus dem Wasser, ein leises Glucksen und Plätschern, das allgemach lauter wurde, sich zuletzt zu tobendem Spritzen und Klatschen steigerte. Der ganze Pfuhl war zu unsichtbarem, aber weithin hörbarem Leben erwacht, und welcher Art von Leben es war, wurde an dem dumpfquarrenden Gebrüll, dem hallenden Klappen mächtiger Kiefer und den klatschenden Schlägen schuppenbewehrter Schweife sehr bald erkennbar: die hier eingeschlossenen Reptile – dem Tumult nach mußten es Hunderte sein, – fielen vom Hunger gepeinigt übereinander her.

Halb aufgerichtet, lauschte ich hinaus, hob trotz der singenden Schwärme von Moskitos das Netz auf und spähte über das Ufer hinab. Gischtende Strudel und stoßende kurze Wellen liefen jetzt über den Wasserspiegel, und über die Kämme der Wogen hinweg huschten trübrote Reflexe vom Licht dieses gespenstigen Mondes.

Gebannt vom Grauen dieses Nachtmahrs hockte ich in meiner Hängematte, starrte in die düstere Landschaft hinaus und rührte mich nicht. Mir war, als wäre ich zwanzig Millionen Jahre zurück in die Urwelt versetzt – so mögen die Nächte am Gestade des Jurameeres gewesen sein, wenn die Kämpfe der Ichthyosaurier im Dunst der Kohlensäurewolken tobten und in rotem Glanz das Feuerlicht des noch nicht erkalteten Mondes darüber schimmerte.

Dann begann es auch, sich am Ufer zu regen, unsichere kratzende Tritte, das Schlurfen schwerer Bäuche wurde unterscheidbar. Unempfindlich gegen die Stiche der Moskitos, die sich mir zu Dutzenden auf Händen und Gesicht niederließen, schlug ich das Netz vollends zurück und spähte hinüber nach der Stelle, wo die Reste des Kaimankadavers lagen. Langgestreckte, verschwommene Formen bewegten sich dort im Helldunkel, rissen mit heftigen Rucken an den Überresten herum, schnappten mit neidischem Quarren gegeneinander, schleuderten einander mit wuchtigfegenden Schwanzschlägen von dem Fraße hinweg. Dann hörte ich den Ruf meiner Frau durch das tumultuöse Gerauf schallen, und die Stimme Pennas von weiter drüben in beruhigendem Tone antworten, aber mir selbst war in der Nachbarschaft dieses urweltlichen Kampfgetümmels nicht mehr ganz geheuer.

So sprang ich mit einem Satz aus meiner Lagerstatt heraus, lief zu dem verglimmenden Feuer hin, wo unsere Sachen lagen, ergriff das Gewehr und eröffnete ein wütendes Schnellfeuer auf die streitenden Bestien. Die Schrotschüsse hatten in solcher Entfernung natürlich keinerlei Wirkung auf die Panzerhaut der Kannibalen, das bloße Knallen trieb sie jedoch alle miteinander sofort ins Wasser zurück. Was wir nachdem von ihrem erlegten Genossen noch auf der Walstatt fanden, hätte in einem Hut Platz gehabt.

Ruth drängte darauf, daß auch wir unser Lager von diesem unheimlichen Gewässer weg und in die offene Pampa verlegten, auch wenn wir dort in Ermangelung von Bäumen unsere Matten nicht aufspannen konnten und am Boden schlafen mußten. Der Doktor und ich stimmten sogleich und eingestandenermaßen recht gern zu; die zwei Vaqueiros, die auf die Schüsse hin, wohl in der Hoffnung auf einen weiteren Kaimanschwanz, herbeigekommen waren, mußten uns beim Umzug helfen. Doch Schlaf fanden wir alle drei auch draußen auf der Ebene in dieser Nacht kaum noch, trotzdem sich ein erquickender Wind erhoben und die Moskitos vertrieben hatte. Auf die Szenen am Kaimanssumpf hin fühlten wir gemeinsam das Bedürfnis nach einem stärkenden Kaffee, und als wir ihn getrunken hatten, konnten wir natürlich erst recht nicht schlafen, saßen endlos rauchend und schwatzend ums Feuer herum, und der Doktor stieg von Zeit zu Zeit in seinen unerschöpflichen Picknickkorb und brachte immer wieder eine neue Schlemmerei daraus zum Vorschein.

Erst lange nach Mitternacht streckten wir uns zu einem Nickerchen aus, wurden aber kurz darauf durch die lärmende Ankunft der übrigen Mannschaften wieder geweckt. Wie Penna erklärte, war es üblich, daß an dem alljährlichen »Ausräumen« nicht nur sämtliche Alte und Invalide von Jilva, soweit sie überhaupt noch ein Pferd besteigen konnten, sondern auch eine Anzahl freiwilliger Hilfskräfte aus der Gegend von Soura teilnahmen. Es wäre jedoch nicht nur pure Jagd- und Mordlust, was die Leute hertriebe, sondern auch die Aussicht, mit dem Verkauf des Kaimanfettes, auf dessen haarwuchsfördernde Wirksamkeit jeder Caboclo in Brasilien schwor, ein wenig Geld zu verdienen.

Die Ankömmlinge hatten ein paar Rinderviertel und anscheinend auch erhebliche Mengen von Cajas mitgebracht; sie zündeten sofort eine Reihe gewaltiger Feuer an, brieten das Fleisch daran und hielten dann unter geräuschvollen Reden und Gesängen einen Schmaus ab, der sich bis zum Morgengrauen ausdehnte.

Es war ein windstiller, trüber und verschleierter Morgen, der schon vom ersten Lichtstrahl an eine drückende Hitze mit sich brachte. Die bleierne Flut des Tümpels spiegelte in völliger Reglosigkeit die bleichen Gerippe der toten Uferbäume wider, in ihrem laublosen Geäst war kein Vogel zu sehen, nicht einmal das Gesumm von Insekten zu vernehmen; auch jetzt bei Tageslicht machte dieses Gewässer denselben Eindruck von Öde, Schwermut und dumpfem Grauen wie am Abend zuvor. Ich suchte mir einen günstigen Aufnahmeplatz auf einem Ufervorsprung aus, montierte die Filmkamera auf das Stativ und legte einige Reservekassetten mit Film griffbereit daneben.

Pennas Koch hatte das Frühstück schon bereit, als ich zu unserm Lagerplatz zurückkehrte; Ruth erhob sich nun ebenfalls, steif und unausgeschlafen, von ihrer Decke, den Doktor aber sah ich im Gespräch mit einigen der Neuangekommenen. Während des Frühstücks war er ungewöhnlich ernst und schweigsam. Die Mehrzahl der Leute rumorte schon drüben im Uferholz herum, sie schienen Äste und Stangen abzuschlagen. Dann gingen wir zu unserm Beobachtungsposten hin. Die Mannschaften hatten sich rings um die Ausläufer des Sees verteilt, und sowie die Sonne über die schweren dunkeln Wolkenbänke am Horizont emporgestiegen war, gab Penna durch einen Pfiff das Zeichen zum Beginn, und ich kann nur sagen, daß das Schauspiel, das darauf vor unsern Augen abrollte, eines der scheußlichsten war, das ich je gesehen habe.

Die Leute stiegen, lediglich mit Knüppeln, Stangen und Lassos bewaffnet, in geschlossener Reihe einfach in das seichte Wasser hinein und begannen unter wüstem Gejohle auf alles Lebendige, was sich darin regte, loszudreschen. Und das Lebendige waren ausschließlich Kaimane, Kaimane in einer Massenhaftigkeit, daß ich beim Filmen nur immer wieder fassungslos den Kopf schütteln konnte. In diesem Gewässer müssen die Reptile wie gepackte Bücklinge übereinander gelegen haben, denn nebeneinander hätten diese Massen gar nicht Platz gehabt.

Allein an der Landzunge, auf der wir standen, sind mindestens zweihundert der Tiere vorbeigekommen, und als die Leute die Mitte des Tümpels erreichten, war er zu einem einzigen tosenden Getümmel von Kaimanen geworden. In wildem Entsetzen stoben die gepanzerten Riesen vor den schreienden, stochernden, dreinschlagenden Menschen her, rauschten wie eine Brandungswoge das Ufer hinauf, stürzten sich in schwerfälliger Eile ins Unterholz des Waldes hinein, fuhren mit der wimmelnden Gedrängtheit eines Heringszuges in die oberen Ausläufer des Gewässers hinauf, wurden von da wieder zurückgejagt, und unaufhörlich krachten dabei die Keulenschläge der Vaqueiros auf die gepanzerten Schädel nieder. Nach einer halben Stunde wilden Mordens war schon die ganze Oberfläche des Sees mit treibenden Kadavern bedeckt, in öligglitzernden Reflexen brachen sich die Strahlen der Morgensonne auf den seitwärts gekehrten weißen Bäuchen der Reptile.

Aber auch die wenigen, denen es gelungen war, an Land zu flüchten, entgingen ihrem Schicksal nicht, denn nunmehr teilten sich die Treiber; die eine Hälfte blieb im Wasser stehen, die andere umging den schmalen Gürtel des Waldes, stöberte die unter Büschen und Wurzeln Versteckten auf, schmetterte ihnen die Keulen auf die Schädel und holte Entweichende mit dem fast unfehlbaren Wurf des Lassos zu dem tödlichen Schlage herbei. Was wieder ins Wasser flüchten konnte, verendete unter den Hieben der dort Wartenden. In diesen halbwilden Hirten waren jetzt alle blutigen Urinstinkte erwacht, in einer wahren Raserei schlugen sie auf alles los, was einen Schuppenpanzer trug, schlugen so rücksichts- und hemmungslos um sich, daß mehr als einmal ein Hieb den eigenen Gefährten traf; ich sah einen langbärtigen Kerl mir gegenüber, der mit blutunterlaufenen Augen und schäumendem Munde auf einen Kaiman einhieb, der sich schon längst nicht mehr regte. Und so schädlich diese Riesenechsen in ihrer grenzenlosen Gefräßigkeit auch sind, und so abstoßend in ihrer heimtückischen Art, fühlte ich doch so etwas wie Mitleid mit ihnen, sie erlagen ihren menschlichen Gegnern allzu wehrlos. Zuletzt konnte ich das Gemetzel einfach nicht mehr mit ansehen, ließ meine Kamera stehen und ging Ruth, die schon nach zehn Minuten wortlos die Flucht ergriffen hatte, in Richtung der Kognakflasche nach.

Während wir dort auf unsern Sätteln nebeneinander saßen und uns in Erinnerung an das Geschehene immer wieder schüttelten, wurden unter dem weißglühenden Himmel ganze Schwärme von dunkeln, sich rasch vergrößernden Punkten sichtbar. In weiten Spiralen schwebten sie herab, ließen sich auf die nackten Wipfel der toten Bäume nieder, und immer neue kamen noch hinzu; in langen Reihen saßen die großen schwarzen Gestalten der Aasjäger zuletzt auf jedem Ast und jedem Ufervorsprung um die Schlachtstätte herum.

Dann verebbte endlich das Gebrüll und Gejohle der Leute im Tümpel, sie gingen daran, die Kadaver aus dem Wasser herauszuholen und ihnen die Bäuche aufzuschneiden, um zu dem kostbaren Fett zu gelangen. Wie der herbeikommende Doktor sagte, mochten es dreihundert bis dreihundertzwanzig Stück sein, die erlegt worden waren, ein lebendiger Jacaré aber befände sich bestimmt nicht mehr in diesem Gewässer.

Außer allem Fett und Gehirn und etwa einem Dutzend Schwänzen, deren Zubereitung von den älteren der Leute sofort in Angriff genommen wurde, kam von den dreihundert Kadavern nichts zur Verwendung. Die Häute von Kaimanen eignen sich wegen der Dicke ihrer Hornhaut nicht, wie die der nordamerikanischen Alligatoren, zur Lederbereitung.

Ruth war dafür, nunmehr den Heimweg anzutreten, doch ich weigerte mich, mitzukommen. Erstens, weil es heute ein besonders heißer Tag war, und zweitens, weil ich das Werk der Totengräber noch photographieren wollte. Es war bereits im Gange. Sobald die Menschen von einem der Kadaver wegtraten, hüpften die ringsum wartenden Urubùs mit ungeschickten Sprüngen heran und begannen ihr Mahl. Und gerade so wie an jenem unheilvollen Tage drüben am Assahi-Flusse, wand es sich jetzt von allen Seiten wie Leiber von ungeheuer langen, dünnen Schlangen herbei – Heersäulen um Heersäulen, Millionen und aber Millionen von Ameisen. Als wenn sie vom Himmel herabfielen oder aus dem Boden geboren würden, ergossen sich immer neue Ströme aus den Weiten der Pampa, strebten unaufhaltsam und unbeirrbar auf das blutgetränkte Gestade des Sees zu. Ich stieg zuletzt auf mein Pferd, ritt gute drei Kilometer weit hinaus und schlug einen Halbkreis um den See herum, und allüberall stieß ich auf die seewärtswandernden Kolonnen der Ameisen. Welches Sinnenorgan vermittelte diesen Insekten Kenntnis von dem Fraße, der dort an den fernen Ufern jenes Gewässers auf sie wartete?

Und trotz der Milliarden von emsig arbeitenden Ameisenzangen und der vielen Hunderte von rastlos schlingenden Geierschnäbeln war die Geschwindigkeit, mit der die Weichteile der Reptilienleiber verschwanden, schlechthin unfaßbar. Hätte ich die Geduld besessen, und auch die seelische Widerstandskraft, die auf dieser Stätte des Grauens vonnöten waren, so hätte ich, in regelmäßigen Zeitabständen weiterfilmend, im Bilde festhalten können, wie von einem prallen Reptilienkörper nach ungefähr zwei Stunden nichts mehr übriggeblieben war, als ein von faltiger, sauber ausgeschabter Schuppenhaut umhülltes nacktes Gerippe.

Wir beschlossen, den Heimweg erst nach Sonnenuntergang anzutreten, und holten im Laufe des Nachmittags soweit als möglich noch ein paar Stunden Schlaf nach. Das Nachtessen dieses Tages bestand in der Keule eines von einem Jaguar gerissenen Kalbes, das ein Vaqueiro angebracht und Pennas schwarzer Koch sogleich zubereitet hatte. – Ich erwähne diese Einzelheit mit Vorbedacht, denn lächerlicherweise bildete jene Kalbskeule das erste Glied einer Kette von Umständen, die mich auf eine Wanderung führen sollte, die ich nicht noch einmal unternehmen möchte.

Ich hatte mit wenig Appetit gegessen, stand als erster von dem Mahle auf und ritt noch einmal zum Seeufer hinüber, um einen letzten Blick darauf zu werfen.

Wieder, wie gestern abend, schwebte die rauchrotglühende Scheibe des Mondes hinter dem toten Wald empor. In düsterroter Bahn zitterte das Licht des Nachtgestirnes auf dem Wasser des Tümpels, beleuchtete mit schrägen Strahlen die dunklen Haufen der Kadaver. Das Summen ungeheurer Schwärme von Fliegen durchdröhnte die schwüle, von einem widerwärtigen Geruch erfüllte Luft. Ringsum, auf jedem Ast, saßen die reglos schwarzen Formen gesättigter Geier, auf dem verwüsteten Boden aber wanden sich noch immer neu heranmarschierende dunkle Heerzüge von Ameisen wie riesenhafte Schlangen entlang. Wahrlich, es war ein Inferno!

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