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Amazonasfahrt

Artur Heye: Amazonasfahrt - Kapitel 20
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleAmazonasfahrt
publisherBüchergilde Gutenberg Zürich
year1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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19

Eine ägyptische Redensart lautet: »Hätte Mohammed in seinem Leben jemals Nilwasser getrunken, dieses köstlichste Getränk der Welt, so hätte er Allah gebeten, es im Paradiese in alle Ewigkeit trinken zu dürfen.« Nun, jeder, der einmal am Amazonenstrom gelebt hat, wird bestätigen, daß die dortigen Menschen eine ähnliche Redensart von ihrem »Assahi« geprägt haben könnten, denn auch das ist ein köstliches und unvergeßliches Labsal, und es ist nur im Amazonasgebiet zu haben.

Assahi ist der Name einer Palmenart und zugleich der ihrer Früchte und des aus ihnen bereiteten Gerichtes. Der Baum kommt nur in den Urwäldern des Amazonas vor, als Standort bevorzugt er weniger dichte Stellen des Waldes und vor allem die Ufersäume der Gewässer; hier stößt man häufig auf ganze Gruppen der schlanken, mittelhohen Palmen, unter deren zartgefiederten Wedeln die erbsengroßen, heidelbeerfarbenen Früchte in meterlangen Trauben herabhängen. Zerstampft und durchgeseiht, mit ein wenig Zucker vermischt und eine Weile kühl gestellt, bietet der Saft mit seinem feinen, blumigen Aroma einen Gaumengenuß, dessen man nie überdrüssig wird und der zum Unterschiede von vielen andern einheimischen Fruchtarten keinerlei Beschwerden verursacht. Da die Zubereitung immerhin ziemlich mühevoll und schwierig und in kleinen Mengen kaum lohnend ist, und er auch konsumiert werden muß, bevor er in Gärung übergeht, hat sich der Gebrauch eingebürgert, daß ein Haushalt, der frischen Assahi gemacht hat, ein mit dem violetten Saft gefärbtes Fähnchen zum Fenster hinaushängt und daraufhin die Nachbarn kommen und sich um ein paar Milreis einen Topf voll holen.

Auch ohne jede Zutat genossen, sättigt Assahi in erstaunlichem Grade; meistens wird er jedoch als Sauce zu »Farinha« verwendet, und Farinha spielt im tropischen Brasilien ungefähr die Rolle, die Reis in Ostasien, Polenta und Makkaroni in Italien und das Brot und die Kartoffel in unsern Breitengraden spielt. Über die eigentümliche Bewandtnis, die es mit Farinha hat, ist in Günthers bereits mehrfach zitiertem Werk zu lesen:

»Wie der Italiener sich über seine Gerichte geriebenen Parmesankäse streut, so hat der Brasilianer dazu sein ›Faringa‹, das ist Maniokmehl. Mit diesem Mehl überschüttet man die Feijoada (ein Bohnengericht), so daß der schwarze Brei trocken und weiß wird. Dieses Mehl, das auf keinem brasilianischen Tisch fehlt, entstammt einer der wichtigsten Pflanzen der Erde, dem Maniok. Der Maniok ist eine brasilianische Pflanze; seit uralten Zeiten haben die Indianer ihren Nutzen entdeckt, und noch heute erzählen sie in hübschen Sagen, wie ihre Ahnen sie fanden. Und in der Tat, es ist wie ein Wunder, daß jene Naturvölker herausbekamen, daß die Knollen, die am Grunde des Stengels in einer Länge von 30-45 Zentimeter sitzen, eßbar sein könnten, denn so wie man sie findet, sind sie giftig, da ihr Milchsaft Blausäure enthält, gehört doch der Maniok zu den Wolfsmilchgewächsen oder Euphorbien, und wir haben ja schon mehrfach giftige Pflanzen aus dieser Familie kennengelernt, so daß man keiner Art, aus der die weiße Milch quillt, recht trauen möchte. Die Indianer aber haben gelernt, die Knollen zu rösten, wobei die Blausäure entweicht, und auch bei der weißen Landbevölkerung findet man besonders im Innenlande überall Röstöfen uralter Form unter einem Dach im Freien stehen, denn im Sertao und noch mehr in der Amazonaswildnis, sind Fleisch und Maniok fast die einzige Nahrung der Bewohner.

Schnell schießt der Maniok in die Höhe, so daß er selbst schon das Unkraut erstickt und man die Stecklinge sogar auf eine ungepflügte Wiese pflanzen kann. So sieht man die buschartigen Felder immer in der Umgebung der buschbesetzten Hütten der Feldarbeiter stehen, zwischen den großen Plantagen von Zuckerrohr und anderem eingebaut, und die zierlich gefingerten Maniokblätter wirken dabei recht hübsch.«

Grieß von Farinha, in Öl oder Butter leicht angeröstet und mit Assahisaft übergossen, hatte schon in Parà oft unsere ausschließliche Abendmahlzeit gebildet, und wir beide entwickelten nach und nach eine solche Leidenschaft für diese nahrhafte und bekömmliche und nach des Tages Hitze so wunderbar erfrischende Speise, daß wir trotz aller ausgesuchten Delikatessen von Pennas Tafel uns schließlich einmal zaghaft erkundigten, ob es auf Marajò ebenfalls Assahipalmen gäbe. Worauf unser Wirt mit aufleuchtendem Blick und vielsagendem Eifer erklärte, daß sie auch hier an allen Flußläufen anzutreffen wären, und daß er sich übrigens das »Armeleutegericht« Assahi mit Farinha manchmal acht Tage hintereinander bei seinem Koch bestelle. Natürlich nur, wenn er keine fremden Gäste im Hause hätte.

»Ja, beim Barte des Propheten, Doc, warum haben Sie nicht, wenn sich die Sache so verhält, schon längst einmal Assahi zur Sprache, und dann unverzüglich auf den Tisch gebracht! Um keine weitere Zeit zu verlieren, frage ich: Wie wäre es, wenn wir diese zauberische Mondnacht nicht zum Schlafen benutzten, denn das können wir noch die ganze Ewigkeit hindurch, nachdem wir gestorben sind, sondern hinzureiten und gewaltige Mengen von Assahi herbeizuholen, so daß wir diese Speise der Götter morgen abend genießen könnten?« rief ich begeistert.

»A great idea!« sagte er. »Was meinen Sie dazu, Frau ...?« Doch sie war schon mit einem durchdringenden schrillen Schrei, den sie den Vaqueiros abgelauscht hatte, aufgesprungen und erteilte ihrem Pagen, der bereits wie ein Igel zusammengerollt in seiner Hängematte auf der Veranda schlief, den Auftrag, sogleich unsere Pferde und ein Packtier mit zwei großen Körben herbeizubringen.

Kaum eine halbe Stunde darauf jagten wir, gefolgt von dem Knaben, der verschlafen auf seinem Rappen hockte, über die von milchigen Nebeln überwallten Flächen der Pampa hin. Die Nacht war wirklich herrlich, fast windstill und dennoch kühl und von ungewöhnlicher Helligkeit und Klarheit, und wir alle drei waren in besonders heiterer, ja übermütiger Stimmung, neckten einander unaufhörlich und erzählten tolle Spässe.

Die Palmen, zu denen uns Penna hinführte, standen umwuchert von mannshohen Staudengewächsen am Ufer eines kleinen verschlammten Flüßchens. Wie er nebenbei bemerkte, wären am Ende der Trockenzeit meistens mehr Kaimane darin zu finden als Wasser, eine Behauptung, die mir damals noch ein bißchen kühn vorkam.

Ganze Schwärme von Fledermäusen lösten sich bei unserm Näherkommen unhörbaren Fluges aus den dunklen Kronen von zweien der Bäume; wie eine Prozession von Gespenstern schwebten sie an der großen leuchtenden Scheibe des Mondes vorüber.

»Diese beiden Bäume da haben die reifsten Früchte!« sagte Pedro sachverständig, hing sich einen Korb über den Rücken, nahm sein Messer zwischen die Zähne und stieg mit der gelassenen Selbstverständlichkeit und Behendigkeit eines Affen an dem schlanken Stamm der ersten Palme empor. Ich bin stets ein ziemlich guter Kletterer gewesen, und wie ich feststellte, war ich immerhin noch eitel genug, mich über die erstaunten Ausrufe der beiden zu freuen, als ich mit der gleichen Behendigkeit am Stamm der zweiten hochfuhr. – Aufrichtigerweise will ich jedoch auch nicht verschweigen, daß ich noch viel schneller wieder drunten war, denn als ich droben den Kopf umdrehte, um zu sehen, ob ich schon hoch genug für die untersten Trauben war, leuchtete mir plötzlich direkt vor der Nase ein Paar unheimlich großer fahlschimmernder Augen entgegen, und da war eine Art von Kurzschluß in meinem Gehirn eingetreten. Als ich nämlich einmal im viel erwähnten Afrika, ebenfalls bei Nacht, aber nicht, um meine Kletterkunst zu zeigen, sondern aus bitterer Notwendigkeit, einen Baum erstiegen und, an der Krone angekommen war, hatte ich in die sehr unfreundlich blickenden Augen eines Leoparden geschaut, der auf dem untersten Ast lag.

Hier gab es gar keine Leoparden, und außerdem hätte auch kein Leopard auf einer Assahitraube Platz gehabt; es war natürlich nur eine harmlose große Eule, die auch gleich darauf lautlos abstrich, aber jener afrikanische Schrecken saß mir eben noch zu tief in den Knochen. Doch Geistesgegenwart ist auch etwas wert; so sagte ich bei meiner hurtigen Landung nur so obenhin, daß ich ja vergessen hätte, einen Korb mitzunehmen, stülpte mir den zweiten vorhandenen über und kletterte nochmals hinauf.

»Heh, Boy!« rief mir meine Frau nach und ließ den Deckel ihrer Kamera aufspringen. »Könntest du dich eine Weile so halten, ohne zu wackeln? Dann mache ich eine Zeitaufnahme und verkaufe sie für schweres Geld an die ›Berliner Illustrierte‹ mit der Unterschrift ›Dieser Affe ist kein Affe, sondern der Schriftsteller ... ‹«

»You can go to hell!« schrie ich hinunter, drehte ihr eine lange Nase und verschwand zwischen den Palmwedeln.

Innerhalb einer Viertelstunde hatten wir zwei die Körbe voll von duftenden Assahitrauben; in der gleichen aufgeräumten Stimmung traten wir dann den Heimritt an und fühlten eine Müdigkeit erst aufkommen, als bereits die dunkeln Formen der Häuser und Bäume von Jilva vor dem untergehenden Mond auftauchten.

»Godneß, bin ich auf einmal müde geworden! Ich konnte zuletzt kaum noch die Augen offen halten«, murmelte Ruth, als sie aus dem Sattel glitt. »Und doch war dieser Ritt im Mondschein so herrlich! – Boy, ich glaube, wir müssen doch elend schlechte Hunde sein, daß es uns so gut geht! Aber jetzt schnell ins Nest, sonst schlafe ich im Stehen ein. – Ach so, – du, Pedro, gib mir meine Kamera!«

»Die Kamera, Senhora?« fragte er. »Haben Sie mir Ihre Kamera gegeben?«

»Nicht gegeben, aber ich habe sie in ein paar Blätter eingewickelt und zwischen den Assahi in einen Korb gesteckt. Ich sagte dir noch, du solltest acht geben, daß sie nicht rausfällt!«

Der Junge schüttelte verwundert den Kopf, untersuchte die beiden Körbe, die er dem Tier schon abgenommen hatte, und kam mit der Nachricht zurück, daß er sie nicht finden könne.

»Ich habe auch nichts von einer Kamera gesehen, als ich ihm draußen half, die Körbe aufzuladen. – Wozu hattest du übrigens jetzt bei Nacht das Ding mitgenommen?«

»Oh, ich weiß nicht recht. Ich dachte, vielleicht kämen wir erst bei Tageslicht zurück oder so. Man kann ja nie wissen«, sagte sie schläfrig. – »Demnach muß sie schon draußen aus dem Korb wieder rausgefallen sein. Beim Reiten klapperte sie immer so an mir herum, und als ich sah, daß ich sie unterwegs nicht brauchen würde, habe ich sie eben in den Korb gepackt. – Gott, meine Rolleiflex! – Was machen wir nun?«

»Sie brauchen gar nichts zu machen, Ruth, als schlafen zu gehen!« sagte Penna tröstend. »Ich gebe Auftrag, daß einer der Leute bei Tagesanbruch zu dem Platz hinüberreitet und schon auf unsern Spuren nach der Kamera Ausschau hält. Wahrscheinlich wird sie aber dort beim Aufladen zurückgeblieben sein. Wenn Sie aufwachen, ist Ihre Rolleiflex wieder da. Gute Nacht!«

Sie bedankte sich und stolperte auf müden Beinen in ihr Zimmer; ich tat dasselbe und rief Pedro, der nochmals zu den Körben hingegangen war, zu, die Sache sein zu lassen und ebenfalls schlafen zu gehen. Bei dem traurigen Portugiesisch, das ich immer noch sprach, weiß ich nicht, ob er mich verstanden hat, und ich verstand meinerseits auch nicht, was er von drunten antwortete. Und diese unverstanden gebliebenen Worte unseres kleinen Pedro sind die letzten seines Lebens gewesen. –

Trotz des nächtlichen Ausflugs fühlte ich mich, als ich gegen zehn Uhr erwachte, völlig ausgeschlafen und frisch, und da ich auch Penna bereits draußen auf der Pujada sprechen hörte, trat ich mit einem »Good morning, Doc!« zu ihm hinaus.

»Now, that's funny, Art«, hub er sogleich an. »Das ist komisch –! Der Mann da unten kommt soeben mit der Meldung zurück, daß er weder auf dem Wege, noch am Flusse hätte eine Kamera finden können. Daß sie etwa seinem Blick entgangen wäre, ist ganz ausgeschlossen; die Leute haben Augen wie die Adler. Ich weiß nicht; was ich davon halten soll. – Ob Affen sie weggeschleppt haben? Denn daß Kaimane bei all ihrer Gefräßigkeit eine Rolleiflex ... Eh?« fragte er über die Brüstung hinunter.

Ein kurzes Wechselgespräch in dem mir völlig unverständlichen Marajò-Dialekt mit dem Vaqueiro folgte, dann wandte sich der Doktor wieder mir zu. »Der Mann deutete mir eben noch an, daß vielleicht ›der andere‹ die Kamera gefunden haben könnte, und als ich fragte: ›Welcher andere?‹ sagte er, daß auf unsern Fährten von heute nacht eine einzelne und frischere wieder rückwärts bis zu den Palmen geführt hätte. Von dort aus wäre sie dann aber flußaufwärts weitergegangen. – Sollte Dom Pedro nach unserm Heimkommen nochmals losgeritten sein, um die Kamera zu suchen? Aber dann müßte er doch längst zurück sein –!«

Ich schaute um die Pujada-Ecke herum nach der Hängematte des Knaben, die er stets gegenüber von Ruths Zimmertür aufspannte. Die Matte war leer, also war der einzelne Reiter sicherlich er gewesen. Eine Minute stand ich da und überlegte. Wahrscheinlich war der kleine Kerl so hundsmüde gewesen, daß er sich nach der Auffindung der Kamera irgendwo im Schatten der Uferbäume zu einem Schläfchen niedergetan und sich das Schläfchen dann eben ein bißchen länger ausgedehnt hatte, als er wollte. Wenn aber Ruth erwachte und weder ihre Rolleiflex noch Dom Pedro da war, würde sie bekümmert und beunruhigt sein. –

So kleidete ich mich rasch an, schlang rasch ein Frühstück hinunter, ließ meinen Braunen herbeibringen und ritt bereits eine Viertelstunde später ostwärts in die Pampa hinaus. Daß ich die Richtung nicht verfehlen würde, wußte ich sicher, von meinem Wanderobbo-Jagdgenossen in Ostafrika hatte ich leidlich Spurenlesen gelernt. Trotz der unangenehm verschleierten und weißlichen Glut, mit der heute die Sonne brannte, ritt ich überwiegend Galopp und langte schon nach einer Stunde unter den Assahi-Palmen am Flusse an. Wir hatten letzte Nacht hier alles zertreten, so konnte ich nicht herausfinden, ob sich unter den zahlreichen Fährten von Pedros kleinen nackten Füßen auch frisch gemachte befanden, von einer flußaufwärtsführenden Pferdespur aber überhaupt nichts entdecken. Ich stöberte eine ganze Weile unter den Uferbäumen herum, rief dabei immerfort nach allen Richtungen seinen Namen, doch nichts antwortete als das Sausen des heißen Windes in den hohen dürren Pampagräsern und das trockene Rascheln der schwingenden Palmwedel.

Achselzuckend wollte ich bereits wieder hinaustreten zu meinem Braunen, den ich draußen vor dem Waldstreifen angebunden hatte, als ich zwei verwelkte große Pisangblätter dicht neben den Eindrücken des einen Korbes liegen sah. Die Blätter waren scharf geknickt und zeigten auf der Außenseite grünviolette Assahiflecken, bestimmt waren es die, in die Ruth den Kamerakasten eingewickelt hatte, und demnach war der Knabe zweifellos hier gewesen. Wo war er dann aber abgeblieben?!

Kopfschüttelnd stieg ich in den Sattel, trabte auf alle Fälle noch ein Stück flußaufwärts am Waldrande hin und rief immer wieder: »Pedro! – Eh, Pedro!« in den Schatten der Bäume hinein. Nichts! Und auch hier sah ich unter den zahlreichen alten, die die schweifenden Herden getreten hatten, nirgends eine einzelne frische Spur; wenn eine vorhanden gewesen war, so hatte sie der aufgekommene glutheiße Wind nunmehr ausgedörrt und allen andern gleichgemacht. Ermüdet von der lähmenden Hitze dieser Mittagsstunde hielt ich den Braunen schließlich an und schaute blinzelnd in den flimmernden weißen Glast der Pampa hinaus. Doch auch hier war nichts zu sehen als die verschwommene dunkle Masse einer weit entfernt grasenden Herde und rechts davon eine Reihe kreisender schwarzer Punkte. Aber auf einmal fuhr ich zusammen. Kreisende dunkle Punkte –?! Ich hatte zu lange in Wildnissen gelebt, um mich nicht zu erinnern, was solche Punkte zu bedeuten hatten. Hastig rieb ich die rinnenden Schweißtropfen von den Brillengläsern, spähte nochmals hinüber und drückte dem Braunen die Fersen in die Weichen. Und sooft ich mir auch sagte, daß dort ebensogut ein Stück Vieh verendet liegen konnte, wurde mir beim Vorwärtsstieben das Herz schwerer und schwerer.

Mein Herz hatte recht gehabt, es war kein Viehkadaver, über dem sich mit widerwilligem Krächzen ein Getümmel von schwarzen Urubùs bei meinem Herankommen erhob. Ich hatte für einen Moment die Augen vor dem Anblick schließen müssen; als ich sie wieder aufschlug, rissen keine Geier mehr an dem mageren kleinen Knabenkörper herum, aber die Ameisen waren noch da – braunglitzernde wimmelnde Massen von Ameisen, und weitere glitzernde Ströme rannen aus allen Richtungen herbei.

Mir wollte übel werden; mit einem wütenden Ruck mußte ich mich zu einer Aufgabe zwingen, der ich einst in einem wilden erbarmungslosen Buschkriege so oft und oft gegenübergestanden hatte.

Wie schon die unnatürliche Stellung des Kopfes andeutete, hatte Dom Pedro das Genick gebrochen, er war entweder von seinem Pferde abgeworfen worden oder, vielleicht im Schlafe, aus dem Sattel gestürzt. Als ich meine untersuchende Hand zurückzog, die sogleich darin festgebissenen Ameisen ablöste, tat ich's mit einem erleichterten Atemzug – wenigstens war der arme kleine Kerl sofort tot gewesen und damit vor dem grauenvollen Geschick bewahrt geblieben, bei lebendigem Leibe von den Raubameisen aufgefressen zu werden. – Von seinem Tiere war nichts zu sehen und auf dem Schauplatz des Unglücks auch nichts von der Kamera.

Von einer rundum sitzenden Schar ärgerlich zischender und krächzender Geier beobachtet, ging ich nach kurzem Überlegen daran, einen Haufen Gras abzureißen. Das grünere zündete ich als Rauchsignal an, mit einer dünnen Schicht von dürrem verbarg ich den schrecklichen Anblick der Leiche. Dann hockte ich mich neben meinen Braunen nieder, steckte mir als Stimulans eine Zigarette an und warf unter immer erneuten Wutausbrüchen mit Erdschollen nach den näherrückenden Geiern. Gegen die Ameisen hätte ich nichts als einen Feuerring machen können, einen gleichen wie der kleine Bursche, der dort lag, damals um sein Sumpfschwein herum gemacht hatte, doch das war mir bei der Dürre der Pampa und dem herrschenden Winde zu gefährlich. Ich mußte hier einfach warten; wenn ich nicht zurückkam, würde schon irgendwer kommen, um nach mir zu suchen, und ich hoffte nur, daß es nicht Ruth war.

Dann hörte ich Stimmen, und zwar als erste gerade die meiner Frau. Mit einem Satze sprang ich auf, lief auf sie zu und fiel ihrem schweißbedeckten Schimmel in die Zügel.

»Was – was ist?« fragte sie mit weißen Lippen.

Noch ehe ich antwortete, ergriff ich sie haltend am Gürtel; sie sah mich an, ließ dann schweigend den Kopf sinken und blieb reglos auf dem Pferde sitzen.

Hinter ihr sprang Penna aus dem Sattel, er ging mit abgezogenem Hut zu dem Grashaufen hinüber und trat dann unter einer fragenden Kopfbewegung zu Ruth hin neben mich.

»Ich kann ihn nicht noch einmal sehen?« fragte sie leise. Auf den schwarzen Kreis der Geier und die kribbelnden braunen Bänder der Ameisen weisend, schüttelte ich wortlos den Kopf. Sie senkte den ihren noch tiefer, wendete stumm ihr Pferd und ritt langsam davon.

Penna sah ihr unsicher nach, doch ich legte ihm mit einem: »That's allright, Doc!« die Hand auf die Schulter.

»Wir wußten, daß etwas passiert war«, sagte er tiefaufatmend. »Denn bald nach ihrem Wegreiten fanden die Leute ein lediges Pferd vor dem Korraltor stehen. Aber es war nicht der Braune, den der Knabe immer geritten hatte; wahrscheinlich war es ihm nach unserer nächtlichen Tour zu müde vorgekommen, und so hat er sich zu seinem Unglück gerade eins der bösartigsten und störrischsten aus dem Korral geholt. Die unbeschädigte Kamera hing, mit dem Tragriemen am Sattelhorn angebunden, an der Seite des Tieres herunter. Ruth sagte kein Wort, als ich ihr die Nachricht brachte, rannte sogleich hinaus, sprang auf ihr Pferd, das ich ihr schon hatte satteln lassen, und stob in solch wahnsinnigem Tempo davon, daß ich alle Mühe hatte, ihr zu folgen. Sie hat Ihr Rauchsignal früher gesehen als ich und wohl gleich Bescheid gewußt. – Poor Kid! – Wir müssen ihn hier begraben, Art, denn ein Transport ist wegen der Ameisen nicht möglich.«

»Könnte man ihn nicht wenigstens bis dort unter die Assahi-Palmen schaffen? Hierherum sieht's gar so öd aus, und Ruth würde doch gern sein Grab ...«

»Allright, ich verstehe! Wenn wir die Leiche in eine Rindshaut hüllen, wird es gehen. Dort kommen endlich meine beiden Kerle an, sie können die Sache übernehmen. Vielleicht ist es besser, wenn Sie Ihrer Frau nachreiten, Art! Ich bleibe hier, gebe dem Buben ein Vaterunser mit und lasse einen Hügel über der Stätte errichten.«

Ich nickte, stieg zu Pferde und ritt Ruth nach. Sie sprach auf dem Nachhauseweg kaum ein Wort, erst in ihrem Zimmer daheim hörte ich sie leise vor sich hinweinen. – Ich saß auf der Pujada, als der Doktor zurückkam; zwischen Wolkenstreifen hindurch warf die untergehende Sonne farbige Lichter in die Kronen der alten Mango auf dem Vorplatz. Nach einer kurzen Frage über Ruths Befinden ging Penna ins Haus, kam gleich darauf mit seinem schweren Coltrevolver in der Hand wieder heraus, trat zu dem kleinen Korral hin, der die Reittiere beherbergte, hob die Waffe und schoß den Grauschimmel nieder, der Dom Pedro in den Tod getragen hatte. –

An dem Assahigericht dieses Abends, auf das wir uns alle so gefreut hatten, nahmen nur der Doktor und ich teil. Dom Pedros Herrin brauchte Tage, ehe sie überhaupt wieder an etwas teilnahm. Erst viele Wochen später, an dem Tage, da sie mich im Hafen von Afra am Rio Anajas aus den Händen eines freundlichen Paters und Arztes in Empfang nahm, sah ich sie wieder lachen, freilich zugleich auch weinen.

Nach dem jähen Ende des armen kleinen Buben tauchte der Tod in kurzen Zeitabständen noch mehrere Male neben unserm Pfade auf, und die Fieberträume, die bald nachher auf meinem Höllenwege durch den Mondongo-Urwald durch mein Gehirn gaukelten, ließen nicht ab, jene immer wiederkehrenden Erscheinungen Bruder Heins mit düsteren Vorbedeutungen für mein eigenes Geschick zu verknüpfen. Und doch haben sich diese, von fernen, wilden Urahnen vererbten abergläubischen Regungen wie jedwelcher andere Aberglaube zuletzt doch als sinn- und bedeutungslos erwiesen.

Es war an einem der nächsten Abende nach dem tragischen Vorfall mit Dom Pedro, daß die Eisstafette der Vaqueiros neben anderer Post für uns auch einen Brief von Landsberger in Parà mitbrachte, und das Schreiben enthielt die Nachricht vom Tode gleich zweier Menschen, die wir gekannt hatten.

Die erste betraf meinen früheren Kompagnon, den Operateur Bittner. Landsberger schrieb darüber: »Wie ich Ihnen seinerzeit bereits mitteilte, waren Ihre ehemaligen Partner Anfang vorigen Monats zum Rio Negro gereist, um Filmaufnahmen aus dem Leben einiger dort hausender Indianerstämme zu machen. Auf Bittners Wunsch hin, einen Wunsch, den ich zugegebenerweise nur aus geschäftlichen Gründen erfüllte, hatte ich ihnen einen hier ansässigen und gut empfohlenen Führer verschafft, der die dortige Gegend kannte. Als Dauer der Expedition waren drei Monate in Aussicht genommen. Vor zwei Wochen erschien jedoch der Führer zu meinem Erstaunen plötzlich wieder hier in Parà in meinem Geschäftslokal und erzählte mir, daß er und die übrigen Mitglieder der Reisegesellschaft soeben mit dem Dampfer von Manaos in Parà angekommen wären. Die Expedition war aufgegeben worden, weil Senhor Bittner bereits auf dem Marsche zum ersten Indianerdorfe krank und in der folgenden Zeit noch immer kränker geworden war. Er hätte noch einige Tage hindurch Aufnahmen gemacht, sich aber dann nicht mehr wohl genug zu weiterer Arbeit gefühlt und zuletzt überhaupt nicht mehr aufstehen können. So hätte Senhor Jungblut schließlich Befehl zum Rückmarsch der ganzen Expedition nach Manaos gegeben, Senhor Bittner aber wäre von zwanzig zu diesem Zweck engagierten Indianern, die sich unterwegs dauernd abwechselten, in schnellstem Tempo zum Fluß vorausgetragen und dann nach Manaos gerudert worden, um den nächsten Dampfer nach Parà noch zu erreichen. Das Schiff wäre bei ihrer Ankunft jedoch abgefahren gewesen, so mußte der Kranke im Spital von Manaos auf das nächste warten, und unterdessen wäre er, der Führer, mit dem Rest der Leute ebenfalls dort eingetroffen. Senhor Bittner sei bei der Ankunft des Dampfers hier in Parà sofort ins Spital gebracht worden. Er hätte sehr schlecht ausgesehen und immerfort große Schmerzen gehabt.

Nach dem Bericht des Mannes rief ich sogleich im Spital an und erfuhr, daß bei Bittner ein Leberabszeß festgestellt worden war, und daß er noch vor Abend operiert werden würde. Wie ich am andern Morgen hörte, war die Operation zufriedenstellend verlaufen, doch das Befinden wäre weiterhin sehr ernst. Ich habe ihm dennoch an einem der folgenden Tage einmal einen kurzen Besuch abgestattet, ich bitte jedoch, mir eine nähere Beschreibung des Zustandes, in dem ich ihn antraf, zu erlassen. Ich möchte nur erwähnen, daß sich die Operationswunde, wie es in bestimmten Fällen bei den hiesigen klimatischen Verhältnissen häufig geschieht, nicht mehr schließen wollte, daß dem unglücklichen Menschen die Leber sozusagen in Stücken aus dem Leibe herausgefault ist, und daß es wegen des entsetzlichen Geruches, der sich bei dem Prozeß entwickelte, zuletzt sogar die barmherzigen Schwestern nicht mehr bei dem Kranken aushielten. Am neunten Tage nach der Operation hat ihn Gott endlich von seinen Qualen erlöst.

Der Zufall wollte es, daß Bittner seine letzte Ruhestätte eine Reihe weiter oberhalb, aber genau hinter der meiner lieben Frau, gefunden hat. Er ist letzten Samstag, nachts um drei, gestorben, Sonntag früh um neun wurde er beerdigt. Auf dem Heimwege fragte ich Herrn Jungblut nach seinen weiteren Plänen und bot ihm meine Hilfe an. Er antwortete, daß er als nächstes nach Rio de Janeiro fahren, die hunderttausend Milreis, mit denen Bittners Leben versichert war, einkassieren und dann versuchen würde, einen andern Operateur aufzutreiben, um mit ihm zusammen seinen Film zu vollenden. Er erteilte mir noch den Auftrag, die am Rio Negro gemachten Aufnahmen für ihn zu entwickeln und außerdem Frau Bittner, die demnächst nach Europa zurückkehren will, bei der Auflösung des Hausstandes in Parà behilflich zu sein. Den ersten Teil dieses Auftrages habe ich angenommen, den zweiten jedoch abgelehnt.

Ich begleitete Herrn Jungblut am Montagvormittag noch an Bord des ›Generalissimo Teodoro‹, der um zehn Uhr in See gehen sollte, und denken Sie sich, lieber Herr und Frau Heye, als wir am Ver-o-peso aus dem Taxi stiegen, sah ich einen aufgeregten Menschenhaufen vor dem am Kai vertäuten Motorboot Ihres Bekannten, Reverend Murphy, versammelt und an Bord Polizisten und Sanitätsmannschaften herumgehen. Wie ich dann erfuhr, hatten heute bei Tagesanbruch Fischer draußen im Strom das Boot steuerlos treibend und den alten Priester selbst, entseelt in der Kajüte liegend, gefunden. Der anwesende Arzt stellte als Todesursache Herzschlag fest. So bin ich am selben Nachmittag, obgleich ich den alten Herrn nur flüchtig gekannt hatte, nochmals zu einem Begräbnis mitgegangen. Sie werden, wenn Sie einmal nach Parà zurückkehren, Herr Heye, das Grab Ihres alten Freundes leicht finden, er liegt Seite an Seite mit Ihrem ehemaligen Partner Bittner!«

Meine Hand ließ den Brief sinken, das gelbe abgehetzte, von seinem häuslichen Ungemach verquälte und verbitterte Gesicht des Kameramannes tauchte vor mir auf. »Armer Hund –!« sagte ich leise vor mich hin. »Und jetzt hat er Old Murphy zum Nachbarn –!« Sein von weißen Locken umwalltes Gesicht und sein vorahnender Vergleich mit den ozeanwärtstreibenden Strominseln wurde mir lebendig – auch er war ja nichts als ein armer Hund gewesen! Und in schwermütigem Sinnen gedachte ich immer weiter und weiter zurück träumend in die Vergangenheit, der vielen Menschen, die ich nach einem Stück gemeinsamer Wanderung hatte am Wege niedersinken gesehen – die Reihe war schon endlos lang.

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