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Amazonasfahrt

Artur Heye: Amazonasfahrt - Kapitel 17
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleAmazonasfahrt
publisherBüchergilde Gutenberg Zürich
year1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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16

Ein leichter Wind blähte unser Segel, als wir in den offenen Strom hinauskamen, weit größer aber war die ziehende Kraft seiner ungehemmt ozeanwärts strömenden Wasser. Jetzt, bei Ebbe, schimmerte die einsam wogende Unendlichkeit in einer trübgelben Tönung, hätten wir unsere Reise aber sechs Stunden später angetreten, so wäre das Wasser blaugrün gefärbt, die Stromrichtung umgekehrt und ihre Gewalt noch viel stärker fühlbar gewesen. Beim Höchststand der Flut ist diese Veränderung in der Strömung noch in dem fünfzehnhundert Kilometer weit flußaufwärts gelegenen Manaos bemerkbar, also auf eine Entfernung, die der von Kopenhagen nach Mailand entspricht – wie alles am Amazonas sind auch diese Kräfte und Größen von fast unvorstellbaren Ausmaßen.

Wie wir von Penna hörten, gedachte er die Bootsreise von Soura aus noch so weit auf einem Flusse landeinwärts fortzusetzen, wie es der Wasserstand erlaubte. Als Grund gab er bedachtsamerweise an, daß es für Frau Ruth, die in ihrem Leben ja noch niemals auf dem Rücken eines Pferdes gesessen hatte, kaum möglich sein würde, die sechs Reitstunden direkt von Soura bis Jilva auszuhalten.

Gegen Abend kamen wir in dem Hafennest an. Mit seinen insgesamt dreißig bis vierzig Häusern stellt es die Hauptstadt von Marajò vor. So verschlafen es aber an jenem Abend aussah, so lebendig wird es an jedem Wochenende, denn Tag und Nacht weht hier ein Wind vom Atlantik herein, und dieser Wind ist eine Köstlichkeit, die es sonst im ganzen ungeheuren Amazonasbecken nirgends gibt. So entflieht, wer es sich von den Paràensern irgend leisten kann, jeden Samstagmittag der stickigen Atmosphäre der Stadt, fährt mit Weib und Kind und einem Bündel von Hängematten unterm Arm für ein paar Milreis mit dem Dampfer herüber, spannt zwischen zwei Bäumen am Strande seine Matte auf, legt sich hinein und rührt kein Glied mehr, bis am Sonntagabend die Pfeife des Dampfers zur Heimfahrt ruft.

So frisch war dieser Seewind, daß wir, wie es uns Penna schon prophezeit hatte, sehr bald und mit klappernden Zähnen aus unsern an Deck aufgehängten Lagerstätten wieder herauskletterten und sie nun doch in der schwülen Hitze der kleinen Kabine installierten. Über diese »unglaubliche Eiseskälte« jammernd, konnte Ruth doch nicht umhin, nach unserer Umsiedlung das Reisethermometer hervorzusuchen und damit die Temperatur des Luftstroms draußen zu messen. Das Resultat war derart, daß sie mich noch einmal am Einschlafen stören mußte, um es mir zu zeigen: Der »eisige« Wind wies eine Wärme von einundzwanzig Grad Celsius auf!

»Ich kann dir hierzu nur die Binsenwahrheit servieren, daß alles relativ ist. Wenn dir tagsüber die Sonne mit sechs- bis achtundvierzig Graden aufs Dach brennt, so wird eben bei einem nächtlichen Zephir von einundzwanzig deine nicht vorhandene Nasenspitze blau anlaufen. Da du mich nun einmal geweckt hast, will ich dich weiterhin informieren, daß ich Gegenden kennengelernt habe, wo der Unterschied zwischen Tag und Nacht gegen sechzig Grad – sechzig! – betrug ...«

»Ach, hör auf! – Gemeinheit, mir hier zu mitternächtlicher Stunde wieder einmal meine Stumpfnase vorzuwerfen! – Himmlischer Vater, ist das eine Bullenhitze hier drin!« winselte sie, warf sich in ihre Matte und versetzte dabei der meinen noch schnell einen rachsüchtigen Tritt.

Es war noch tiefe Nacht, als ich draußen Pennas Stimme, der Freunde in der Stadt besucht hatte, vernahm und gleich darauf die Mannschaft das Boot zur Weiterreise klar machen hörte. Mit dem letzten abströmenden Ebbwasser hievten sie Anker, segelten noch ein Stück südwärts an der Küste entlang und liefen dann beim ersten Tagesgrauen mit der einsetzenden Flut in einen waldbesäumten Flußlauf ein.

Ich stand leise auf und trat hinaus. Von opalenen Nebeln überwallt, versank die Grenzenlosigkeit des Stromes hinter uns, eine goldrote Lichtwoge glitt über die höchsten Kuppeln des Waldgewölbes, wie ein Feuervogel schwebte ein mächtiger Geier ins Lichtblau des Morgenhimmels empor, vor der Kabinentür stand ein weißgedeckter, silberblitzender Frühstückstisch bereit und von der Küchenecke her wehte ein würziger Mokkageruch und mischte sich mit den tausend aromatischen Düften des erwachenden Tropenwaldes.

Penna hockte im Gespräch mit einem der Leute an Deck; auf mein lautes »Hallo, Doktor! How d'you do this morning!« hin fuhr er herum, griff hastig nach seinen neben ihm stehenden Lackstiefeln und spähte unter der übergehaltenen Hand nach der Kabinentür.

Mit einem beruhigenden »Frau Ruth schläft noch« trat ich zu ihm hin; nichtsdestoweniger zog er, eine wehmütige Grimasse schneidend, rasch die Trittlinge an die Füße und murmelte dabei erklärend: »Die Sache ist die, Mister Heye, daß ich nicht an Schuhe gewöhnt bin. Daheim trage ich nur Bastpantoffeln und außerhalb des Hauses überhaupt kein Schuhwerk. Denn hierzulande tut man ja keinen Schritt zu Fuß, sondern alles im Sattel, und wie Sie wissen werden, kann man in unsere brasilianischen Steigbügel nur mit einem Zeh hineinschlüpfen! Wie ich aber gleich hinzusetzen möchte, gedachte ich, Ihnen und Ihrer Gattin nicht zuzumuten, ebenfalls barfuß zu reiten, und so habe ich in Parà englische Steigbügel für Sie besorgt.«

»Um Gotteswillen –!« sagte ich erschüttert. »Doktor, wollen Sie mir einen Gefallen tun?«

»Selbstverständlich!« lächelte er unter seinem dicken Schnauz hervor.

»So bitte ich Sie, unverzüglich diese unsinnigen Treter wieder auszuziehen, sie im Koffer zu versorgen und sie nie wieder hervorzuholen. Wenigstens nicht unsertwegen. Wir zwei mögen irgend etwas sein, nur Snobs sind wir nicht!«

»Sie werden wirklich nicht ...? Allright!« sagte er, bückte sich, riß die Dinger von den Füßen und warf sie ohne weiteres in weitem Schwunge über Bord. Der eine flog einem alten Nimmersatt, der fischend auf einem Baumstrunk stand, dicht vor dem Klaffschnabel vorbei, und der Gierschlund konnte nicht anders als blitzschnell zuzufahren. Er fuhr allerdings sogleich wieder zurück, sah unser Boot darauf erst mit dem linken und dann mit dem rechten Auge mißbilligend an, sagte: »Kroak!«, wandte sich verachtungsvoll ab und stelzte unter unserm schallenden Gelächter bedächtig aufs Ufer hinauf.

Das Lachen hatte Ruth geweckt; verschlafen die Augen reibend, erschien sie auf einmal in ihrem schweißfeuchten Pyjama in der Kajütentür, aber Penna hätte gar nicht hinter den Tisch zu treten brauchen, um seine bestrumpften Füße zu verbergen, denn sie sah nichts als das unbeschreibliche Bild, das dieser golddurchflutete Urwaldfluß darbot, trat mit einem träumenden Lächeln und ungeachtet ihrer dürftigen Toilette vor den Mast, und ich mußte ihr schließlich selber einen Morgenrock überwerfen und sie am Handgelenk an den Frühstückstisch ziehen.

Hier auf diesem kaum zwanzig Meter breiten, von turmhohen Mauern schlingpflanzenübersponnener Riesenbäume eingefaßten und gegen den leisesten Lufthauch abgesperrten Wasserlauf gab es kein Segeln mehr; die acht Mann der Besatzung mußten das schwere Fahrzeug rudern und staken, es immer wieder mit unsäglicher Mühe über Schlammbänke schieben, hereingestürzte Stämme und schwimmende Massen von Vegetation aus dem Fahrwasser räumen; wir machten bei alledem keine drei Kilometer in der Stunde, und mit der steigenden Sonne und den Reflexen des Wassers entwickelte sich in dieser grünen Schlucht eine Temperatur, die alles übertraf, was wir bis dahin erlebt hatten; aber dennoch hätte unseretwegen diese Fahrt noch bis zum Abend weitergehen können. Es war ein Wandelpanorama fast der gesamten Flora und Fauna des Amazonenstroms, das da in ewig wechselnder Gestalt, in unsäglicher Pracht von Farbe und Form langsam an uns vorüberzog. Es mußte sehr selten geschehen, daß ein Mensch in die brütende Einsamkeit dieses Urwaldflusses eindrang, die ausgeglichene Harmonie seines Tierlebens störte, denn viele Male glitt die Bordwand des Fahrzeugs nur auf Armeslänge an Gruppen von Wat- und Schwimmvögeln jeglicher Art, an bewegungslos verharrenden Schlangen, Eidechsen, Leguanen und Schildkröten, an schlafenden Kaimanen, leise vor sich hinplärrenden Reihen von Zwergpapageien, gespannt aus dem Gezweig herablugenden weißbärtigen Affen vorüber, einmal auch an einem gewaltigen schwarzen Wildeber, der vor Staunen sogar das Weiterkauen an einer Wurzelknolle vergaß. Zwei herrliche Siebenfarbentangaren ließen sich unbekümmert um uns alle auf dem Kajütendach, und nach ihnen ein ganzer Schwarm von Aràpapageien droben auf der Raa nieder. Selbst die farbenprunkenden Fische, die riesenhaften Frösche und Lurche dieses Gewässers schienen weniger scheu zu sein als überall sonst.

Unser Dom Pedro begnügte sich nicht, wie wir, mit dem bloßen Bewundern und gelegentlichen Photographieren dieses paradiesischen Tierlebens. So oft es eine Stockung in unserer Fahrt gab, verschwand er, Fangnetz, Bogen und Pfeilköcher am Rücken, über Bord, blieb manchmal eine beunruhigend lange Zeit weg und erwartete dann das Boot ein Stück weiter flußaufwärts, und jedesmal, wenn seine wassertriefende Gestalt wieder an Deck erschien, legte er wortlos lächelnd irgendeine Jagdbeute, ein paar Fische, eine Anzahl perlgrauer Wildtauben, eine große bunte Ente vor Ruth hin. Eben als der Koch sein Holzkohlenfeuer für die Bereitung des Mittagessens anfachte, gab es einen Platsch, ein wildes Gespritze und Geraufe vor uns im Wasser; auf einen hellen Ruf des Knaben hin sprangen zwei der Bootsleute über Bord und mit vereinten Kräften hievten sie eine mächtige Schildkröte an Deck. Sie lieferte eine köstlich schmeckende Suppe für uns und einen Kessel voll delikaten weißen Fleisches für die Leute.

Bald nach dem Mittagsmahle trat allgemach eine Veränderung im Landschaftsbild ein, hier und da schien es lichter durch das Blätter- und Blütengerank der Waldkulissen zu schimmern, ein allererster, kaum spürbar schwacher Lufthauch traf unsere glühenden Gesichter, und hinter einem leuchtenden, lodernden Triumphbogen von brennendrotblühenden Lianen, der sich quer über das schmäler gewordene Flußbett von Baum zu Baum spannte, tat sich die erste Lücke im Wald auf, Gras und niederes Buschwerk bedeckte die Lichtung, und dahinter war etwas hierzulande Unerhörtes zu sehen – der Horizont! Was weiterhin noch an Baumwuchs die Ufer begleitete, war nur ein schmaler Streifen, ein ausgesprochener Galeriewald, wie ich ihn von ostafrikanischen Flüssen her so gut kannte.

Eine knappe Stunde darauf nahm auch dieser Saumwald mit einem besonders gewaltigen Baumgiganten, der von der Wurzel bis zum Wipfel von den blaßblauen Blütenkaskaden eines Schlinggewächses überschüttet war, ein Ende, und vor uns öffnete sich ein grenzenloses, windüberfegtes, wogendes Grasmeer. – Es war das erstemal, daß wir eine Pampa Brasiliens erblickten, und bei aller erhabenen Pracht, aller sinnbetäubenden Lebensfülle des Urwaldes war es uns, als ob sich das Tor eines Gefängnisses hinter uns geschlossen hätte, und unsere Brust den ersten freien Atemzug seit Monaten täte.

Unser Gastgeber schien vom selben Gefühl beherrscht zu sein; die Nüstern in dem dunkeln Gesicht gebläht wie ein witterndes Tier hob er den Kopf, mit einem freudigen Aufleuchten seiner braunen Augen – Ruth pflegte sie mir gegenüber respektlos »Bernhardineraugen« zu nennen – sog er die Luft des offenen Landes in seinen hohen Brustkasten, und seine Zähne blitzten vergnügt unter dem Schnauz hervor, als er sich mit der Frage an Ruth wandte, ob sie lieber Damen- oder Herrensattel reiten wolle. In letztgenanntem Falle bitte er sie, sich nunmehr entsprechend umzukleiden, denn in einer Viertelstunde würden wir am Ende der schiffbaren Strecke ankommen.

»Oh, kann ich hier wirklich Reithosen tragen, Doktor?« fragte sie. »Ich meine – man wird nicht Anstoß nehmen wie in Parà?«

»Anstoß –?« fragte er verständnislos, dann warf er den Kopf zurück und in seinen Augen lag plötzlich gar nichts Bernhardinerhaft-Gutmütiges mehr, als er fortfuhr: »Nein, Madame, bestimmt nicht! Hier auf meinem Lande lebt niemand, der es wagen würde, Anstoß an irgend etwas zu nehmen, was ein Gast meines Hauses tut. Nicht einmal in seinen Gedanken würde es jemand wagen.«

In meinen Gedanken aber formte sich daraufhin ein schmunzelndes »Gut gebrüllt, Löwe!« Hätte nicht gedacht, Doktorchen, daß auch unter deiner sanften schwarzen Haut ein Stück Cäsarenwahnsinn verborgen liegt. Bei dir ist's anscheinend einer, der auf Geldsäcken fundiert ist.

Doch es war nicht das, oder wenigstens nicht ausschließlich das, wie ich auf diesem Inselland noch erkennen sollte.

Am rechten Ufer erschien jetzt ein Reiter, er warf beim Erblicken des Bootes grüßend die Hand empor und stieß einen hellen, indianerhaften Schrei aus. Daraufhin tauchte aus dem hohen Grase noch ein ganzer Trupp von weiteren Berittenen auf, neben jedem trabten noch zwei, drei ledige Pferde her. Penna rief ihnen etwas in einem Dialekt zu, von dem auch Ruth fast kein Wort verstand, die Kavalkade wendete auf den Befehl hin und fegte in rasendem Galopp auf eine einzelne Baumgruppe zu, die soeben weiter oberhalb am Ufer in Sicht trat.

Vor einer wackligen Hütte inmitten jener Bäume legte unser Boot bald darauf an; die Deckplanken waren in der schattenlosen Mittagsglut der letzten Wegstrecke so heiß geworden, daß sie durch die soliden Sohlen meiner Schnürstiefel hindurchbrannten. Ich wunderte mich, wie es Penna, der immer noch in Strümpfen herumlief, aushalten konnte, von den barfüßigen Bootsleuten ganz zu schweigen. Als allererster hastete der Koch, ein Neger mit einem tiefschwarzen, wie frisch lackiert glänzendem Gesicht, an Land. Er trug einen riesigen, mit Flaschen und Büchsenkonserven angefüllten Korb vor sich her, und wie ich sah, befanden sich darunter Dinge, die sich immerhin essen und trinken ließen wie Sekt, Curaçao, Gänseleberpastete, Hummer und Kaviar.

Die zwölf Vaqueiros, die jenen Reitertrupp gebildet hatten, durchwegs sehnige und muskulöse, aber durchwegs auch mit einfach unbeschreiblichen Lumpen behangene Gestalten, lüfteten vor uns Fremden stumm grüßend ihre riesigen Strohhüte, aber – wir hemmten beide unwillkürlich auf eine Sekunde den Schritt bei diesem Anblick – vor ihrem Herrn beugten sie, einer nach dem andern herantretend, das Knie und küßten ihm die Hände. Und einige von ihnen waren alte Männer mit weißem Haar!

»Wie mir Mister Landsberger sagte, haben Sie die Gewohnheit, nachmittags eine kleine süße Zwischenmahlzeit zu machen. Darf ich Sie bitten, sie noch einzunehmen, ehe wir aufbrechen!« sagte Penna und deutete in den Schatten der Bäume.

Wie ein wahrhaftiges »Tischleindeckdich« war dort innerhalb der wenigen Minuten seit unserer Landung eine veritable kleine Festtafel mit Damastdecke, Porzellangeschirr und Silberbesteck erschienen, sogar eine Vase mit Orchideen stand darauf, und er hatte kaum der verblüfft dreinschauenden Ruth den von Bord gebrachten Deckstuhl hingeschoben, als der Koch schon mit einer Silberkanne voll Kaffee, einer zweiten voll heiß gemachter verdünnter Kondensmilch und einer Platte voll von dem englischen Kuchen erschien, den ich soeben noch in seiner verlöteten Blechpackung oben auf dem Freßkorb hatte liegen gesehen.

»Jetzt sagen Sie mir bloß, Doktor, wie hat Ihr Koch binnen drei Minuten den Kaffee fertig gekriegt? Das interessiert mich!« fragte ich und hieb, um meine Bewegung über einen solchen Grad von Aufmerksamkeit zu verbergen, in den Kuchen ein.

»Nun, siedendes Wasser hat er natürlich hier schon vorgefunden. Ich hatte den Vaqueiros vom Boot aus zugerufen, es zu bereiten«, antwortete er beiläufig. »Aber etwas anderes wird Sie vielleicht auch interessieren. Wie alt schätzen Sie den Mann, der da an dem Mangobaum lehnt?«

Wir warfen einen raschen Blick hin; der breitbeinig dastehende Alte hielt seinen durchlöcherten Hut in der Hand und paffte behaglich an einer Zigarre, die ihm sein Herr vorhin gegeben hatte. Mit seinem krausen schlohweißen Negerhaar sah er aus, als ob er sich ein Lammfell über den Kopf gestülpt hätte.

»Schwer zu beantworten. Wenn wir in Afrika wären, würde ich sagen: Über sechzig. Da sich die Menschen hier immerhin besser konservieren, gebe ich ihm noch zehn Jahre dazu.«

»Aber höre mal! Der Mann ist doch bestimmt achtzig, wenn nicht noch mehr! Du kannst wahrscheinlich sein Gesicht nicht recht erkennen; es sieht aus wie ein Totenkopf! – Also, wie alt ist er, Doktor?«

»Noch etwas älter, als wir alle drei zusammen, Madame!« lächelte Penna. »Er ist hundertunddrei Jahre alt! Seine Mutter war die Köchin meines Urgroßvaters. In dessen Hause kam Antonio im Jahre 1825 zur Welt. Vor mehr als sechzig Jahren wurde er von meinem Großvater zum Vormann unserer Vaqueiros gemacht. Diesen Posten bekleidet er heute noch, denn obgleich er nicht mehr ohne Stütze gehen und stehen kann, ist er im Sattel noch immer so gut wie der Jüngste meiner Leute.«

Wir hatten keine Veranlassung, die Worte unseres Gastgebers in Zweifel zu ziehen, so unglaublich das Gesagte auch klang, und so begnügten wir uns, dem Naturwunder da unterm Mangobaum gelegentlich einen raschen, forschenden Blick zuzuwerfen. Als es zum Aufbruch ging, sah ich, daß tatsächlich zwei Leute hinzutraten, den Methusalem auflupften und in den Sattel hoben. Sowie seine dürren Beine aber Fühlung mit dem Pferdeleib hatten, richtete er sich bolzgerade auf, und der Blick, mit dem die Augen in seinem mumienhaften Gesicht Menschen und Tiere ringsum überflogen, konnte vor siebzig oder achtzig Jahren kaum schärfer und wacher gewesen sein.

Der hier einheimische Pferdeschlag war unnansehnlich und struppig, zweifellos aber auch äußerst leistungsfähig und, etwa im Vergleich zu texanischen Broncos, überraschend gutartig und willig. Seine Haupteigenschaft schien jedoch eine geradezu märtyrerhafte Fähigkeit zu sein, körperliche Qualen zu ertragen, denn wie ich beobachtete, befand sich unter den Pack- und den Reittieren der Vaqueiros kein einziges, das nicht eine ganze Anzahl bösartig aussehender Wunden und Geschwüre aufwies. Ich mußte sehr an mich halten, um nicht dazwischenzufahren, als ich sah, wie beim Aufladen einer unserer schweren, stählernen Tropenkoffer der Gurt des Packsattels riß, das Ganze herunterrutschte und auf dem Rücken des Tieres ein fingerdicker Strom von Eiter aus einer fast handgroßen Beule hervorquoll. Und ohnmächtige Wut und Grauen schüttelten mich, als der Vaqueiro, der unbegreiflicherweise gerade ein besonders gutmütiges Gesicht hatte, vollkommen fühllos und gleichgültig dem Tier erst die durchlöcherte, dreckstarrende Binsenmatte, darauf das Holzgestell mit den zwei Packkörben und dahinein schließlich zwei zentnerschwere Tropenkoffer wieder aufbürdete. Nach dem, was ich bereits vorher von der Umgangsart der Marajòaner mit ihren tierischen Daseinsgenossen gehört und gelesen hatte, mußte ich mich hier auf allerlei schwer Erträgliches gefaßt machen.

Auch Penna ritt kein anderes Pferd und in keinem andern Sattel als alle seine Leute; das mir zugewiesene war jedoch schon von besserer Art, und der allerdings ein bißchen müd dreinschauende Schimmel, den unser Gastgeber selbst mit einem Ausdruck von Anerkennung heischendem Stolz Ruth zuführte, war sogar ein wunderschönes Tier von edler Abstammung. Ich hatte der Angelegenheit ihres ersten Reitversuches mit einigem Mißtrauen entgegengesehen, war aber schon durch die Haltung beruhigt, die sie ganz von selbst sogleich im Sattel einnahm – es scheint also doch von Vorteil zu sein, wenn man väterlicherseits von einer Ahnenreihe passionierter Reiter und Jäger abstammt.

Für mich trifft dies leider nicht zu, denn ich bin nie ein wirklich guter Reitersmann geworden, trotzdem sich unter meinen zahlreichen früheren Berufen einige befanden, die nur im Sattel ausgeübt wurden. Und dabei hatte ich immerhin richtige Sättel unter meinem eigenen Sitzleder gehabt; diese Erfindung des Teufels jedoch, auf die ich mich hier zu klemmen hatte, war nichts als eine Gemeinheit gegen Reiter und Tier. Welch eine Fülle von Tücken diese unsinnige Apparatur barg, war einfach unglaublich; damit verglichen war ein Kamelsattel der Berber ein Schlafsofa zu nennen. Schon nach einer Stunde hatte ich einen derartigen Wolf zwischen den Schenkeln, daß ich mich verzweiflungsvoll an die Spitze setzen und ständig dort halten mußte, um die andern nicht sehen zu lassen, daß ich Grimassen schnitt wie ein alter Gorilla.

Zu dem Kneifen, Zwacken und Schneiden des infernalischen Holzbockes zwischen meinen Beinen und dem rhythmischen Stoßen und Boxen der beiden Hörner, mit denen er zudem noch vorn und hinten ausgestattet war, kam die Beschaffenheit des Geländes. Der Boden bestand aus einem unheilvoll verfilzten Gewirr von rankigem zähem Gras, von kreuz und quer laufenden, handbreit klaffenden Rissen und Sprüngen und immer wieder unvermutet auftauchenden Gräben, Schlamm- und Wasserlöchern, und wie in allen Steppengegenden der Erde, kam auch hier natürlich überhaupt keine andere Gangart in Frage als Galopp. Um die Richtung nach Hause brauchte ich mich allerdings nicht zu kümmern, die schien mein altgedienter Brauner aus dem Effeff zu kennen.

Trotzdem wir mit dem Winde ritten, verminderte unser Tempo ein wenig die Höllenglut, die jetzt, am frühen Nachmittag, über der Pampa lagerte, und trotz aller Schinderei packte mich die Lust am freien Dahinjagen über diese unbegrenzten Weiten, am Einatmen dieser staubigen und sonnendurchglühten, aber doch wenigstens nicht, wie im Urwald, ewig bewegungslosen, stickig schwülen Luft. Und an Leben fehlte es auch diesen flachen Ebenen nicht, denn überall gab es Vieh, bald in kleinen Trupps, bald in hundert- und tausendköpfigen, wimmelnden Herden. Zum größeren Teil bestanden sie aus Rindern, zum kleineren aus Pferden. Beide aber schienen gleicherweise scheu und wild oder, richtiger, verwildert zu sein, denn sobald wir den gehörnten oder bemähnten Scharen näher als etwa einen halben Kilometer kamen, ergriffen sie unter einer aufwirbelnden Staubwolke regelmäßig die Flucht und verschwanden im zitternden Sonnenglast der Ebene. Hier und da brach ein Rudel Schweine aus dem Schilfe eines Sumpfloches hervor und in polterndem Galopp davon; ich konnte nicht feststellen, ob es sich bei den Borstentieren um einheimische wilde, oder gleichfalls nur um eingeführte und verwilderte Schweine handelte. Einmal fegten drei Hirsche – die Art ist kleiner als unsere europäische – eine Strecke weit vor den jagenden Hufen meines Pferdes her; Penna rief mir von hinten etwas über die Tiere zu, doch ich hütete mich, ihm mein schmerzverzerrtes Angesicht zu zeigen und stob achtlos weiter.

Dann aber folgte etwas, das mich doch zum Innehalten zwang, das allein schon uns beide die Insel im Amazonenstrom nie vergessen lassen könnte, ein Naturschauspiel, wie ich es von solcher Großartigkeit nicht einmal in den Tierparadiesen Ostafrikas gesehen habe. Weit vor mir nahm der Sonnenglast einen merkwürdigen silbrigen Schimmer an; es sah aus, als ob im Dunst des Horizontes eine flache hellglänzende Scheibe sich langsam auf und nieder bewegte. Verwundert spähte ich immer wieder voraus, und allgemach wurde aus dem Silbergrau ein leuchtendes strahlendes Weiß, und je näher ich kam, desto unverkennbarer wurde die Erscheinung zu einem riesigen Schneefelde. Da zügelte ich unwillkürlich mein Pferd – ein Schneefeld hier unterm Äquator –!? Eine Sekunde lang glaubte ich im Ernste, ich hätte einen Sonnenstich abbekommen, wäre wahnsinnig geworden.

Ich hörte Ruth und Penna, der ständig neben ihr hergeritten war, näherkommen; ohne den Kopf zu wenden, rief ich ihm, fast angstvoll zu:

»Sagen Sie, Doktor, was ist das Weiße da vorn? Sehen Sie dort auch etwas Weißes?«

»Natürlich sehe ich es«, lachte er. »Es sind Vögel.«

»Vögel –? Alles, was da vorn weiß ist, sind Vögel?«

»Sure!« nickte er mit gespielter Gleichgültigkeit, sah uns prüfend in die fassungslosen Gesichter, und brach wieder einmal in sein fröhliches Jungenlachen aus. »Ich war schon auf dem ganzen Wege gespannt, was Sie hierzu sagen würden. Ich habe das Boot die letzte schwierige Strecke nur deshalb machen lassen, um auf dem Wege nach Jilva hier vorbeizukommen. Wenn wir heute früh, dort wo die vielen Assahipalmen im Walde standen, gelandet wären, hätten wir nämlich einen viel kürzeren Weg nach Hause nehmen können und wären schon längst angekommen. Aber ich glaube, daß Sie für den Anblick des Vogelsees den Umweg gern in Kauf nehmen. – Halten Sie sich mehr rechts!« rief er, sich unterbrechend, mir nach. »Die Senke da bietet etwas Deckung!«

Ich hatte kaum noch zugehört, mich zog es wie an den Haaren vorwärts, meine eigenen Augen mußten mir dieses Unglaubliche erst bestätigen.

Es war eine weite, viele Kilometer lange sumpfige Niederung, nur in der Mitte blinkten hier und da noch Lachen von seichtem Wasser. Ich ritt im Schritt soweit heran, bis die erste Gruppe von Vögeln die Hälse reckte und mir unruhig entgegenspähte. Dann hielt ich an und starrte, stumm und reglos. Die beiden hatten mich eingeholt und ihre Tiere neben mir zum Stehen gebracht. Sie sprachen kein Wort, ich hörte Ruth einen tiefen, tiefen Atemzug tun, dann versank auch sie in schweigendes Schauen.

Der kleine Film, den wir während unseres Aufenthaltes auf Marajò drehten, enthielt auch Aufnahmen des Vogelsees. Ich habe ihn später auf Vortragsreisen in europäischen Ländern viel gezeigt, und wie ich sah, haben die Bilder auch den Zuhörern eine Vorstellung von diesem einzigartigen Schauspiel vermittelt. Eine solche annähernd eindrucksvoll nur durch Worte zu geben, ist unmöglich. Ich muß mich begnügen, zu sagen, daß dort vor uns, soweit der Blick reichte, in den Lachen und Tümpeln, auf den Schlammbänken, den Schilf- und Binseninseln des austrocknenden Sees in der Hauptsache Scharen von Störchen versammelt waren, Störche aller in Amerika vorkommenden Arten. Zahlen nennen zu wollen, wäre sinnlos; auf jeden Fall waren es viele Zehntausende. Und ebenso große andere Scharen bestanden aus Gänsen, Enten, Kranichen, Ibissen, Flamingos und Reihern jeder Art und Färbung.

Wie lange wir bei jenem erstmaligen Erblicken des Vogelsees dort versunken auf unsern Pferden gehalten haben, weiß ich nicht; doch es muß sehr lange gewesen sein, denn Penna fragte zuletzt: »Haben Sie für diesmal genug gesehen? Sie werden ja sicherlich noch oft hierherkommen. Vielleicht gehen wir beim nächsten Mal zusammen und probieren gleich an diesem lohnenden Objekt meine neue Kamera aus, ja? – Nun geben Sie zum Abschluß noch einmal acht!«

Er richtete sich im Sattel auf und winkte unsern, in einiger Entfernung haltenden Dom Pedro herbei, der hinter all dem Kleinkram, den wir ihm aufgehalst hatten, auf seinem Tier fast unsichtbar war. Selbst in den ausdruckslosen Indianeraugen des Knaben spiegelte sich bares Staunen über diese niegesehene Anhäufung von Vögeln wider; Penna mußte ihn zweimal auffordern, ihm seine Repetier-Schrotflinte zuzureichen, ehe er sich bewegte. Mich aber durchzuckte ein Schrecken bei dem Gedanken, daß der Doktor etwa den heiligen Frieden dieses Naturbildes durch stures Beutemachen schänden wollte, ich leistete ihm zwar innerlich Abbitte, als er den Lauf hoch in die Luft richtete, aber trotzdem hätte ich ihn gebeten, das Schießen überhaupt zu lassen, wenn er nicht sogleich drei, vier Schüsse in rascher Folge abgefeuert hätte.

Was darauf geschah, war allerdings die Störung wert: Es war, als ob sich über der weiten Niederung ein jäher Sturmwind erhöbe, eine dunkelgeballte Gewitterwolke plötzlich die Sonne verdeckte; die Luft war erfüllt vom Geräusche Zehntausender von Fittichen, von ohrenbetäubendem kreischendem Geschrei. In ungeheuren Bögen kreisten die Scharen über der Sumpflandschaft, um zuletzt langsam und zögernd weiter draußen niederzufallen wie stiebende Schwaden von Schnee.

Mit einem Ausdruck stolzer Glückseligkeit über das, was er uns hier in seinem Reiche zeigen konnte, sah uns Penna an, und erfüllt von dem überwältigenden Anblick schüttelte ich ihm in stummem Dank die Hand. Mein Kamerad aber war nicht einmal dazu fähig. Mit weitgeöffneten Augen schaute sie über die purpurnglitzernden Flächen der Gewässer, die leuchtendgrünen der Sumpfgewächse, die strahlendweißen und rosagetönten der ungezählten Vogelscharen, hinaus in die unendliche, von goldfarbenen Staubwolken überwehte Ebene, in den zum Untergang sinkenden glutroten Ball der Sonne, und rührte sich nicht.

Als ich sie schließlich, zum Weiterreiten mahnend, anrief, sah ich, daß ihr Tränen in den Augen standen.

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