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Amazonasfahrt

Artur Heye: Amazonasfahrt - Kapitel 16
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleAmazonasfahrt
publisherBüchergilde Gutenberg Zürich
year1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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15

Die Auflösung meiner Beziehungen zu unserm Unternehmen vollzog sich ganz so, wie ich es mir schon immer vorgestellt hatte. Nämlich höchst unerfreulich. Ich will darüber nur noch sagen, daß ich tags darauf meinen Austritt aus der Firma schriftlich erklärte und Vetter Sepp um eine Unterredung zur Regelung einiger finanzieller Angelegenheiten bat. Aber gerade an dieser Regelung – sie betraf vor allem meine seinerzeit in Berlin ausgelegten dreitausendfünfhundert Reichsmark für die Occasionskameras – lag Vetter Sepp ganz und gar nichts. So befolgte er einfach die altbewährte Wanzentaktik, vermied peinlichst jedes Zusammentreffen mit mir, reagierte auf eine direkte schriftliche Anfrage hin sauer, und auf eine mündliche, die Landsberger freundschaftlicherweise übernahm, mit ausweichenden und spürbar verlegenen Redensarten. In mir erwuchs daraufhin allmählich eine dumpfe Wut, denn im Zusammenhang mit den früher geschilderten paràensischen Postverhältnissen hatte ich noch immer kein Geld von meinem Verleger erhalten, und als wir an jenem Abend so plötzlich heimatlos wurden, befanden wir uns beide zusammen noch im Besitze von baren sechzehn Milreis, also nicht ganz zehn Franken.

Wir blieben dennoch nicht auf der Straße liegen, denn als ich tags darauf mit der Bitte zu Landsberger kam, mir ein Darlehen zur Bezahlung meiner Hotelrechnung zu gewähren, war sein erstes Wort die Aufforderung an uns, noch in dieser Stunde in sein Haus zu übersiedeln und uns auf beliebige Zeit als seine Gäste zu betrachten. Natürlich ließen wir uns nicht lange nötigen; ich pumpte ihn aber dennoch an, ließ von dem Erhaltenen erstens einen telegraphischen Notschrei an meinen Verleger los, und zweitens in strafbarem, aber unumgänglichem Leichtsinn im Grand Hôtel eine Flasche französischen Sekt anfahren. Wir mußten die Erlösung von einem lastenden Druck feiern, dessen ganze Schwere uns erst jetzt zum Bewußtsein kam, nachdem wir davon befreit waren. –

An einem der nächsten Abende nach seiner erfolglosen Mission bei Joseph Jungblut teilte uns Landsberger mit, daß der junge Mann heute vormittag bei ihm im Geschäft erschienen wäre und das überraschende Angebot gemacht hätte, für Ruth und mich zwei Rückpassagen zweiter Klasse nach Europa zu bezahlen. Jedoch nur unter der Bedingung, daß wir einen Dampfer benutzten, der schon morgen in See gehen sollte!

Wir beide schauten einander daraufhin nur sprachlos an, aber über das müde, traurige Gesicht unseres Gastgebers glitt ein flüchtiges Lächeln, und gedankenvoll auf den Tisch klopfend, bemerkte er, daß dieses erstaunliche Ansinnen ihm insofern ganz erklärlich schiene, als meine bisherigen Partner befürchteten, ich könnte hier noch einen Film auf eigene Faust drehen, respektive den von ihm, Landsberger, früher gedrehten erwerben und ihnen erstens damit Konkurrenz machen, und zweitens noch vielmehr dadurch, daß ich mich gar der Expedition der »Filmag« anschlösse, deren baldiges Eintreffen am Amazonas letzthin von Rio aus gemeldet worden wäre.

Die »Filmag« war jene Firma, für die Bittner vor sechs Jahren tätig gewesen war; sie hatte wahrscheinlich von seiner jetzigen Unternehmung gehört und darum ihrerseits schleunigst eine neue Filmexpedition herübergeschickt.

»Solch ein Dreckspatz!« platzte ich nach einer Weile starren Staunens heraus und schüttelte in stummer Verwunderung den Kopf.

»Nach dieser aufschlußreichen Äußerung scheinen Sie also nicht gewillt zu sein, von dem – ähem – merkwürdigen Angebot Ihres ehemaligen Partners Gebrauch zu machen, Herr Heye«, sagte mein Gastgeber mit besinnlichem Kopfnicken. »Ich hätte Ihnen übrigens auch geraten, es zumindest nicht vor morgen früh zu tun, denn ich erwarte Nimeandajù heute abend zum Essen, und wie er andeutete, als ich ihm von Ihren gegenwärtigen Problemen sprach, möchte er Sie vorher auf eine bestimmte Möglichkeit aufmerksam machen.«

»So!? – Was für eine Möglichkeit? Wissen Sie etwas darüber?« fragte Ruth eifrig und riß schon unternehmungslustig die Augen auf.

Doch Papa Landsberger schüttelte lächelnd den Kopf und antwortete unter erneutem bedächtigem Tischklopfen: »Ich weiß es, aber mein Freund Nimeandajù würde es als eine Taktlosigkeit betrachten, wenn ich es Ihnen sagte, Frau Ruth. Er ist gewiß ein Mensch von hervorragenden und seltenen Eigenschaften; zu diesen gehört jedoch auch eine manchmal übertriebene Zurückhaltung und ein Zug von Geheimniskrämerei, auch mit banalen Dingen. – Man muß ihn nehmen wie er ist; sein Wesen hat natürlich von seinem langen Zusammensein mit Völkerschaften der allerprimitivsten Art nicht unberührt bleiben können. – Er wird gleich kommen, ich will Ihnen nur schon soviel verraten, daß ich die betreffende Sache nicht nur für eine Möglichkeit, sondern für eine ziemliche Gewißheit halte, und wie ich Sie beide kenne, werden Sie es als einen märchenhaften Glücksfall ansehen.«

Auch der Ausdruck »märchenhaft« schien uns noch zu schwach zu sein, als wir eine Stunde darauf von Nimeandajù erfuhren, worum es sich handelte. Er war bei der Begrüßung und während des Essens noch einsilbiger und versunkener gewesen als bei unserm ersten Zusammentreffen. Ein zweites war trotz seiner damaligen Einladung bisher nicht zustande gekommen, denn als ich vor ein paar Wochen einmal zu ihm hinausgepilgert war, hatte ich ihn nicht angetroffen und von seiner alten indianischen Dienerin erfahren, daß er auf eine Reise gegangen wäre und noch einige Zeit wegbleiben würde.

Auch nach der Mahlzeit saß er noch eine ganze Weile schweigend da und sah dem Rauch seiner Zigarre mit einem Blick nach, der zehntausend Meilen entfernt war. – Ruth sagte mir dann beim Schlafengehen, daß sie vor ungeduldiger Neugier fast verplatzt wäre und den Stockfisch am liebsten beim Halse gepackt und aufgerüttelt hätte. Sie nahm mir aber das Wort aus dem Munde, als sie hinzusetzte, daß sie noch nie eine so namenlose Schwermut in einem Paar Menschenaugen gesehen hätte, wie in den seinen.

»Sie wollten Heyes eine Mitteilung machen, Nimeandajù!« erinnerte ihn Landsberger schließlich.

»O ja! – Ich bitte um Entschuldigung! Sie werden begreiflicherweise gespannt sein«, fuhr er auf. »Es ist dies: An einem der nächsten Tage erwarte ich den Besuch von Doktor Penna. Ist Ihnen der Name bekannt, Herr Heye? – Nicht? – Nun, er ist der größte Grundbesitzer auf Marajò und wahrscheinlich der reichste Mann des Amazonasgebietes. Außerdem ist er einer der gastfreiesten und großzügigsten weißen Menschen, die ich kenne. Ich meine »weiß« seiner Bildung und Wesensart nach. – Über Marajò und die Möglichkeiten, die sich dort für Sie bieten, sind Sie ja wohl unterrichtet. Wäre Ihnen gedient, wenn ich Sie mit Doktor Penna bekannt machte?« sagte und fragte er in seiner knappen schlichten Art.

»Vielen Dank, Herr Nimeandajù. Es wird mich auf alle Fälle interessieren, ihn kennenzulernen. Selbst wenn die Einladung, die Sie anscheinend erwarten, nicht erfolgen sollte.«

»Daß sie erfolgt, ist sicher – ich bin mit Doktor Penna gut befreundet. Unsicher ist nur, ob er noch herüberkommt, bevor ich wieder von Parà weggehe. Da ich mit Ihnen, Herr Heye, überhaupt gern einmal in meinem Hause über dies und das sprechen möchte, bitte ich Sie, mich am Freitagnachmittag, falls Penna bis dahin nicht eingetroffen ist, zu besuchen. Ich kann Ihnen vielleicht einiges Material für ihr geplantes Buch über unser Verhalten gegenüber den farbigen Rassen geben. Sind Sie am Freitag frei?«

»Frei, wie der Vogel in der Luft – leider, möchte ich fast hinzufügen«, antwortete ich grinsend.

»Doktor Penna ist seit gestern abend in der Stadt. Er war heute nachmittag bei mir im Geschäft«, warf Landsberger dazwischen und kniff dabei ein wenig das eine Auge zu. Ich hatte schon bemerkt, daß er das immer tat, wenn er etwas in petto hatte.

»Nun, so werden wir uns schon in den nächsten Tagen wieder sehen und wahrscheinlich beide Ende dieser Woche nicht mehr in Parà sein«, lächelte Nimeandajù, und gleich darauf nahmen seine dunkeln Augen wieder einen solch abwesenden Ausdruck an, daß sich Ruth alle Fragen über diesen Doktor Penna, die ihr so offenkundig auf den Lippen brannten, verkniff und nur verstohlen meine Finger packte und sie voll unterdrückter Freude zwischen ihre Hände preßte.

Landsbergers Indio kam leise herein, blieb mit kreuzweise über die Brust gelegten Armen vor Nimeandajù stehen und machte ihm in einer fremden, melodisch klingenden Sprache mit halblauter Stimme eine Meldung. Der Kazike nickte, stand auf und streckte uns mit einem: »Entschuldigen Sie, ich werde draußen erwartet«, die Hände hin.

»Uff!« prustete Ruth, als er gegangen war. »Ich weiß nicht – diesem ollen Indianerhäuptling gegenüber fühle ich mich immer wie das Kaninchen vor der Riesenschlange. – Hast du übrigens zur Notiz genommen, daß er betont sagte: ›Da ich mit Ihnen, Herr Heye, einmal sprechen möchte‹ –? Eine zufällig vorhandene Frau wird also einfach als Luft betrachtet. Auf jeden Fall gehört sie nicht in den Rat der Männer. Ganz, wie sich das für einen richtigen Indianerhäuptling geziemt. – Aber es soll mir Wurst sein, wenn er uns nur wirklich diesen sagenhaften Doktor Penna vermittelt. – Sie kennen ihn demnach auch, Papa Landsberger? – In welchem Teil der Insel liegen seine Besitzungen? Ist er Pflanzer oder Viehzüchter, alt oder jung? Und ist er tatsächlich solch ein Krösus? Da er den Doktortitel hat, spricht er doch sicherlich auch Französisch und Englisch? Waren Sie ... Au! Was knuffst du mich denn!?«

»Du solltest nie mehr als sieben Fragen auf einmal stellen! Und außerdem sieht Herr Landsberger heute abend selbst für eine einzige zu müde aus. Morgen ist auch noch ein Tag.«

»Es ist richtig, daß ich mich ein bißchen abgespannt fühle, aber die Neugier Ihrer Frau ist doch so begreiflich«, antwortete der alte Herr milde. »So will ich vorläufig wenigstens sagen, daß Penna wirklich ein immens reicher und hochgebildeter, dabei aber ein äußerst bescheidener und sympathischer Mann ist. Was seine Gastlichkeit betrifft, so gibt es dafür einfach keine Worte. – Sie werden sie ja kennenlernen. Er ist Fazéndeïro, also Viehzüchter. Wieviel Stück Rinder und Pferde er besitzt, weiß er wohl selber nicht. Mehr als hunderttausend sind es bestimmt. Und dementsprechend ist auch die Ausdehnung seiner Ländereien. – Sie können nicht an einem Tag von einem Ende zum andern reiten! Sein Wohnplatz heißt Jilva und sein Haus steht haargenau auf dem Äquator. Von dort bis zu dem kleinen Marajò-Hafen Soura sind es fünf Reitstunden und von Parà bis Soura fährt man drei Stunden mit Dampfer oder Motorboot.

Ich möchte fast im voraus behaupten, daß Ihnen der Aufenthalt bei Doktor Penna unvergeßlich sein wird. Damit Sie sich aber schon unbekümmert darauf freuen können, liebe Frau Ruth, will ich noch erwähnen, daß ich schon mit ihm über Sie beide gesprochen und es so – ähem – eingerichtet habe, daß er Sie einladen muß. – Nun, gute Nacht, schlafen Sie recht wohl!«

Doch so leicht kam Papa Landsberger auf diese geradezu phantastisch klingenden Eröffnungen hin nicht davon, denn er wurde sichtlich verlegen, als Ruth ihn umarmte und einen dankbaren Kuß auf die graustoppelige Wange drückte.

Ich aber, der ich auch hundsmüde war, kam überhaupt nicht davon. Sie bestand darauf, daß ich ihr noch vorm Zubettgehen etwas über Marajò sage, denn sie wüßte nichts weiter davon, als daß es irgendwo »da drüben« läge. Sonst könne sie einfach nicht schlafen. Meinen Hinweis auf Landsbergers Konversationslexikon beantwortete sie mit einem wütenden: »Da habe ich längst reingeguckt, aber es stehen ja keine drei Zeilen über Marajò drin!«

So hub ich denn gähnend und verdrießlich an: »Was ich darüber weiß, sind höchstens zehn Zeilen! Daß es ein ganz ansehnlicher Brocken Land, ungefähr von der Größe Bayerns, ist, wirst du aus dem Brockhaus immerhin erfahren haben. Übrigens eine verrückte Vorstellung, eine Flußinsel von dieser Ausdehnung! – Das Bemerkenswerteste an diesem Eiland ist, daß es die einzigen, nicht mit Wald, sondern mit Gras bewachsenen Flächen im ganzen Amazonasbecken aufweist. Das heißt in seinem nordwestlichen Teile. Der ganze Süden und Osten ist mit genau so schwerem Urwald bestanden wie alles hier, auf fünftausend Kilometer landeinwärts. Auf den offenen Savannen wird das betrieben, was man hierzulande Viehzucht nennt. Es soll dabei noch mehr aus dem Vollen heraus und noch unbekümmerter und rauhbeiniger zugehen als ehemals auf den Ranchos des Wilden Westens. Über den Viehbestand scheint kein Mensch etwas Genaues zu wissen, nicht einmal die Besitzer selber. Manche schätzen ihn auf fünf und manche auf zehn Millionen Köpfe. Man hat sich eben noch nicht die Mühe genommen, die Tierlein einmal zu zählen. Was bei der Affenhitze hier schließlich begreiflich ist. Unser verflossener Maestro, der ja vor sechs Jahren auch einmal da drüben war, hat mir eines Tages Entsetzliches von dem Betriebe erzählt. Was sich da so bei der Einschiffung von Viehherden und beim Branden, das heißt also Stempeln, der Tiere tut, und was sie draußen auf den überfluteten Savannen – der größte Teil davon steht nämlich alljährlich drei Monate lang ungefähr einen Meter tief unter dem Überschwemmungswasser des Stromes! – mit Kaimanen und Pyranhas erleben, ist nichts für schwache Nerven. – Irgendwo, ich glaube bei Bates, habe ich einmal gelesen, daß es in den Marajò-Urwäldern besonders viele Raubtiere wie Jaguare und Pumas, und an den zahllosen Seen auf den Savannen einen Reichtum von Wasser- und Sumpfvögeln geben soll, der alles auf der Welt überträfe. – So, weiter weiß ich wirklich nichts. Ein bißchen mehr werden wir wohl dort selber noch sehen und erleben. Und jetzt verschwinde ich mit einem Hechtsprung in meine Hängematte. Gute Nacht!«

Wie die Zukunft lehrte, sollte ich da drüben wirklich noch ein bißchen mehr erleben, sogar ein bißchen mehr als mir lieb war.

Ich hatte mich in meinem Seidencocon gerade zum Schlafen eingesponnen, als nebenan aus der Dunkelheit die Frage ertönte: »Du, sag mal, was mag der alte Herr gemeint haben, als er sagte, er hätte es so eingerichtet, daß uns der Doktor Penna einladen müßte

Ich antwortete nur mit einem drohenden Knurren und warf mich auf die andere Seite.

Es war gut, daß der »olle Indianerhäuptling« schon am nächsten Tage Botschaft schickte, ihn am Abend aufzusuchen, um die Bekanntschaft Doktor Pennas zu machen, denn Ruth verfolgte Papa Landsberger vom frühen Morgen an auf Schritt und Tritt und versuchte hartnäckig, den Trick aus ihm herauszubohren, den er wegen der Einladung angewandt hatte, und mir setzte sie mit immer neuen Fragen über marajòanische Verhältnisse zu, von denen ich selber keine Ahnung hatte. – Beim Abendessen brachte sie vor Aufregung kaum einen Bissen hinunter, und sie weinte fast vor Enttäuschung, als uns dann ein Tram gerade vor der Nase wegfuhr, trotzdem in sechs Minuten ja ein anderes kommen mußte – es war nicht mehr zum Aushalten mit ihr.

Nimeandajù bewohnte ein kleines, in einem dunkelwuchernden Garten verstecktes Haus. Die Einrichtung seines Wohnzimmers war außer einer Wand voll Bücher, einem Schreibtisch und zwei Sesseln rein indianisch und über die Maßen einfach, und doch höchst interessant. Aber auch ich hatte vorläufig kaum einen Blick für die buntbefederten Waffen, Trommeln, Tanzmasken und Gewebe, die, den Raum schmückten, wir faßten beide nur den in schneeiges Weiß gekleideten Fremden ins Auge, der sich bei unserm Eintritt erhob und mit einem freundlichen warmen Lächeln auf den vollen Lippen stumm verbeugte.

Er war für einen Brasilianer von ganz ungewöhnlicher Körpergröße und von sehr dunkler Hautfarbe, seine Oberlippe zierte ein kohlschwarzer, dicker Schnurrbart. Zu unserer Befriedigung sprach er Französisch und Englisch, respektive Amerikanisch, ebenso fließend wie seine Muttersprache, und seine ganze Art war so gänzlich ungezwungen und unmillionärhaft, daß er uns beiden vom ersten Augenblick an gefiel. Auch wir schienen einen leidlichen Eindruck auf ihn zu machen, denn wir hatten uns noch nicht lange unterhalten, als er aufstand, ein Paket herbeiholte und eine nagelneue Federwerk-Kinokamera daraus auspackte.

»Stimmt es, Mister Heye, daß Sie sich auf die Handhabung von solchen Apparaten verstehen? Mister Landsberger, bei dem ich sie gestern kaufte, hat mir den Mechanismus zwar mehrere Male erklärt, aber als ich es nach wie vor nicht verstand, meinte er, daß Sie sicherlich so freundlich sein würden, mir zu zeigen, wie man damit Filmbilder macht«, sagte er, strich sich mit einer fast verlegenen Gebärde den dicken Schnauzer und fuhr fort: »Landsberger erwähnte auch, daß Sie augenblicklich keine festen Pläne hätten; darf ich fragen, ob das ebenfalls richtig ist?«

›Aha!‹ dachte ich, ›die schwierige Kamera war der Köder, den dir der alte Junge vor die Nase gehängt hat!‹ und setzte laut hinzu: »Well, beides stimmt einigermaßen, Doktor« – und begegnete dabei Ruths ebenfalls verständnisvoll aufleuchtendem Blick.

»Just fine!« sagte Penna erfreut. »So möchte ich Ihnen und Ihrer Gattin vorschlagen, doch auf einige Zeit mit hinüber auf meine Fazénda zu kommen. Ich lebe dort ziemlich einsam und bin immer froh, wenn ich einmal jemand zur Gesellschaft habe, und wenn Sie mich noch dazu ein wenig im Filmen und überhaupt im Photographieren unterrichten würden, wäre ich Ihnen aufrichtig dankbar. Vielleicht fänden Sie auf Marajò auch dies und jenes für Ihre Zwecke Geeignete vor, und ich brauche wohl nicht zu erwähnen, daß Ihnen dieses Ding da und auch meine zwei Standkameras daheim völlig zur Verfügung ständen. – Wissen Sie auch ein bißchen mit Entwickeln, Kopieren, Vergrößern und solchen Dingen Bescheid? – Yes! – Oh, formidable! Landsberger hat mir nämlich drüben eine kleine Dunkelkammer eingerichtet, aber trotz aller Bemühungen habe ich dauernd alles verpatzt, anscheinend fehlt mir jede Begabung auf diesem Gebiet. – Sie wollen wirklich mit hinüberkommen?«

Mit strahlenden Augen und einem seltsam dumpfen weichen Lachen schüttelte er uns die Hände, machte ein paar vergnügte Twostep-Schritte, packte aber gleich darauf mit einer schmerzvollen Grimasse die Spitzen seiner Lackschuhe und sah uns mit einem verlegenen Lächeln an. Trotz seines ansehnlichen Schnauzers und seiner nicht weniger ansehnlichen Millionen kam mir der Mann immer mehr wie ein großer Junge vor.

»Oh, Sie haben wohl auch ›Funzas‹ in den Zehen, Doktor?« fragte Ruth bedauernd. »Ich hatte vor vierzehn Tagen meinen ersten, und ich weiß, wie das tut!«

»Wie meinen Sie, Madame? Ob ich was habe?« fragte Penna und versteckte beschämt die Füße unterm Stuhl.

Sie hatte das von mir aufgeschnappte Kisuaheliwort für »Sandfloh« gebraucht, und warum es von mir so häufig erwähnt wurde, das kann nur der verstehen, der Funzas kennengelernt hat. Ich bin ständig mit zweien oder dreien in den Zehen, und manchmal mit mehr als einem halben Dutzend, während des ersten Weltkrieges in Ostafrika beiläufig fünftausend Kilometer marschiert, und ich bin heute noch überzeugt, daß ich damit alle Sünden meines Lebens abgebüßt habe.

Auf meine Erklärung hin murmelte Penna etwas von »andern Ursachen« in seinen Schnauz hinein und ging rasch zu dem Thema über, wann wir bereit sein würden, mit ihm die Reise nach Marajò anzutreten. Er selbst hätte Donnerstag oder Freitag ins Auge gefaßt.

»Oh, Doktor Penna, auf eine Fazénda hinauszukommen, wo es Reitpferde gibt und Seen mit Vögeln und Krokodilen, und Wälder mit Pumas und Jaguaren, und wo ich keinen Operateur fragen muß, ob ich auch einmal filmen darf, bin ich für mein Teil in einer halben Stunde bereit!« platzte Ruth heraus, klatschte in die Hände, faßte den schmunzelnden Doktor am Rockknopf und begann ganze Maschinengewehrsalven von Fragen auf ihn abzufeuern.

Offensichtlich froh, einmal jemand gefunden zu haben, für den alle Dinge seines Alltags und seiner Umgebung von brennendem Interesse waren, antwortete Penna mit eingehender Bereitwilligkeit, und ich hatte alle Mühe, die zwei endlich zum Aufbruch zu bewegen, denn ich wußte, daß Nimeandajù, der fast den ganzen Abend still, aber gleichmäßig freundlich dagesessen hatte, früh zu Bett zu gehen pflegte. Auf Pennas Aufforderung hin setzten wir uns darauf noch vors Grand Hôtel, und als auch das um zwei Uhr nachts den Betrieb schloß, mit übereinstimmender Wurstigkeit für das, was in Parà als schicklich galt, vor das kleine Chauffeur-Café am Opernplatz. Ruth fragte und Penna antwortete unentwegt weiter, und ich hörte gespannt zu, und wenn mir dennoch der Kopf einmal vornüber fallen wollte, bestellte ich jedesmal unbemerkt einen neuen Mokka und schlürfte ihn auch unbemerkt aus.

Es muß gegen vier gewesen sein, als wir uns schließlich trennten; mein enthusiastischer kleiner Kamerad schritt, endlich verstummt, aber mit seligen Augen, neben mir her und drückte nur dann und wann schweigend meinen Arm. Aber kurz vor unserm Heim erklärte sie auf einmal gähnend, daß sie – »Uohaaa! – ganz furchtbar – Uohaaaa! – furchtbar ... müde« wäre, stolperte in ein einladend vorfahrendes Taxi hinein und war schon fest eingeschlafen, ehe auch ich Platz genommen hatte. Sie war einfach nicht wieder zu erwecken; der weißhaarige alte Chauffeur und ich mußten sie miteinander buchstäblich ins Haus und in ihre Hängematte hineintragen.

Wie wir noch am Abend verabredet hatten, stattete ich Nimeandajù den geplanten Besuch bereits am folgenden Tage ab. Und wiederum kam ich erst in später Nacht zu Bett.

Noch nie zuvor war mir so deutlich geworden, wie weitgehend dieser Mann in seinem Lebensstil und seiner ganzen Denk- und Empfindungsart seiner ursprünglichen Rasse entfremdet, wie vollständig er zum Indianer geworden war. Es galt auch für sein Äußeres. Ich traf ihn nur mit einer halb schenkellangen Leinenhose bekleidet an; sein muskulöser Oberkörper, seine Arme und Beine wiesen dieselbe lederbraune Färbung auf wie sein Gesicht, er mußte jahrelang gänzlich nackend gegangen sein. Um den Hals trug er eine dreifache schwarze Schnur, von der mir ziemlich klar war, daß sie aus Menschenhaar geflochten war. Vorn hing eine glänzend polierte schwarze Kapsel herab, wahrscheinlich war es ein Amulett. Da er nichts darüber sagte, fragte ich ihn auch nicht. Nur von dem goldenen, grobgeschmiedeten Reifen an seinem linken Oberarm, an dem ein Büschel bunter Kolibrifedern mit Golddraht befestigt war, bemerkte er im Laufe des Gesprächs einmal, daß er das Häuptlingsabzeichen der Cajuende-Indianer sei. Am überraschendsten aber war, daß selbst sein körperlicher Habitus mit dem schmalen, scharfzügigen Kopf, dem straffen tiefschwarzen Haar und den feinen Gelenken von Händen und Füßen schon von Natur aus ganz ausgesprochen indianisch anmutete – ich mußte mir immer wieder in Erinnerung rufen, daß der Mann, der da mir gegenüber mit gekreuzten Beinen auf einem niederen Schemel hockte, an einem Ort zur Welt gekommen war, der nur fünf oder sechs Wegstunden von dem meinigen entfernt lag!

Wir tranken Mate während unserer langen Zwiesprache; zum ersten Male gewann ich dabei dem vielberühmten Nationalgetränk Südamerikas eine Spur von Geschmack ab, und ich erzählte meinem Wirt ein weniges von den Eingeborenen verschiedener Rassen, mit denen ich auf den mannigfaltigen Wanderungen meiner früheren Jahre zusammengekommen war. Von dem jedoch, was mir Nimeandajù in seiner schlichten, gelassenen Art von seinem Leben und Wirken unter den Indianerstämmen Amazoniens berichtete, kann ich, eingedenk jenes früher erwähnten Versprechens, hier keine Einzelheiten widergeben. Ich will nur sagen, daß es zum Unfaßbarsten, Hinreißendsten und zugleich Erschütterndsten gehörte, was ich je aus dem Munde eines Menschen vernommen habe. Als er geendet hatte, wußte ich, woher die tiefe Schwermut in seinen Augen kam.

Auf meinem einsamen Heimwege durch die blausamtne sternenstrahlende Tropennacht hob ich einmal in einem kurzen Entschluß den Kopf und sah dabei überrascht, daß ich am Ver-o-peso stand, der gar nicht an meinem Wege lag. Es war der nicht ganz leichte Entschluß, Dr. Penna zu bitten, mir auf unbestimmte Zeit eintausend Milreis zu leihen. Auf meine Frage beim Abschiednehmen hin, ob er vielleicht einmal zu uns nach Marajò kommen würde, hatte Nimeandajù entgegnet, daß er das nicht versprechen wolle. Er hätte die Absicht, Ende der Woche auf eine Forschungsreise nach Französisch-Guayana zu gehen, um dort die letzten Reste von zwei bestimmten Indianerstämmen zu besuchen. Es hinge allerdings noch davon ab, daß es ihm bis dahin gelänge, die Reisekosten zusammenzubringen; denn da es sich um ausländisches Gebiet handelte, käme ihm seine amtliche Eigenschaft als kümmerlich und noch dazu unpünktlich bezahlter brasilianischer Eingeborenenkommissar bei diesem Unternehmen ja nicht zugute.

»Und was treibt Sie zu den paar Menschen, die von diesen zwei Stämmen noch übrig sind?« hatte ich gefragt.

Er sah mich aus seinen rätselhaften Indianeraugen an und antwortete langsam und leise: »Das, was mich immer getrieben hat – ihr Gedenken zu retten – wenigstens ihr Gedenken!«

Seine Hand nochmals ergreifend, fragte ich ebenso leise: »Wieviel brauchen Sie dazu?«

»Oh, noch viel!« lächelte er. »An die tausend Milreis!«

Doch die Peinlichkeit, mit solchem Ansinnen an Dr. Penna heranzutreten, eben weil er ein reicher Mann war und sicherlich von aller Welt unaufhörlich angepumpt wurde, blieb mir erspart, denn am andern Tage ließ mir der deutsche Konsul ausrichten, ich möchte ihn doch einmal in seinem Büro aufsuchen, er hätte mir eine Mitteilung zu machen. Vor Amtspersonen überhaupt und Konsuln im besondern habe ich stets und überall einen entsetzten Haken geschlagen, und wenn mir nicht Landsberger versichert hätte, daß unser hiesiger Vertreter ein außerordentlich netter alter Herr sei, wäre ich auch diesmal still im Busch verschwunden. Und hätte damit die Gelegenheit versäumt, erstens einen feinen, liebenswürdigen Menschen kennenzulernen, und zweitens, zu erfahren, daß gestern auf dem Wege über das Konsulat eine telegraphische Anweisung auf tausend Reichsmark von meinem Verleger eingegangen war.

Gelegener hätte dieses so lange überfällig gewesene Geldschiff gar nicht einlaufen können. Nunmehr konnte ich jene bedrückende Frage an Penna vermeiden, konnte die Anleihe bei Landsberger tilgen und darüber hinaus noch dies und jenes für Marajò anschaffen. Dazu gehörte vor allem Photomaterial für unsere zwei privaten Kameras; das von uns bisher verwendete hatte natürlich meine verflossene Firma geliefert, da ja vertragsmäßig alle von mir und meiner Frau gemachten Aufnahmen ihr Eigentum waren.

Dom Pedro, der selbstverständlich das Haus in der Rua Ovidor mit uns zusammen verlassen, gleichmütig seine Hängematte in einem Winkel von Landsbergers Veranda aufgespannt, und auf Ruths Eröffnung hin, daß wir demnächst nach Marajò gehen würden, nur ebenso gleichgültig und selbstverständlich mit dem Kopfe genickt hatte, trug sogleich nach meiner Heimkunft vom Konsulat einen Brief zu Nimeandajù hinaus. Außer zwei Fünfhundertmilreisnoten enthielt das Kuvert nur einen Zettel mit einem Gruß und der Bemerkung: »Falls Sie es für notwendig halten, bin ich bereit, mit Ihnen über das Inliegende nach Ihrer Rückkehr von Französisch-Guayana zu sprechen. Vorher jedoch nicht!«

Dann gingen wir einige Abschiedsbesuche machen. Der erste führte uns noch einmal nach dem so vertraut und erinnerungsreich gewordenen Utinga hinaus. Der nächste, Old Murphy zugedachte, schlug allerdings fehl, denn wir fanden meinen lockenumwallten Patriarchen leider – es gibt keinen milderen Ausdruck – stinkbesoffen in seiner Badewanne sitzend und dabei ein Lied singend, das – ich will nur sagen, das Gegenteil von einem Choral war.

Trotz seiner laut geäußerten Proteste zogen wir uns diskret und ein bißchen betroffen zurück, doch unsere Betroffenheit wandelte sich zu krassem Erstaunen, als wir auf dem Heimweg von unserer alten Lucy angerufen und atemlos in Kenntnis gesetzt wurden, daß Mister Bittner sie gestern aufgesucht und gefragt hätte, ob sie, ihr Sohn Manuelo und auch ihr Mann, der geheilt aus dem Spital heimgekommen war, wieder in ihre früheren Dienste treten wollten. Sie hätte zugesagt und heute früh die Arbeit wieder angetreten. Aber ein seltsamer Ausdruck glitt über ihr schwarzes Gesicht, als sie mit unterdrückter Stimme hinzusetzte: »I don't forget nothing, Sir, but it's a good way to get even with him! – Ich vergesse nichts, aber es ist eine gute Art, mit ihm quitt zu werden!«

Ich wußte nicht recht, was ich aus ihrer letzten Bemerkung machen sollte, vermutlich gedachte sie, die Firma bei den Haushaltseinkäufen gehörig übers Ohr zu hauen, Ruth aber lachte plötzlich schallend auf; sie war viel zu sehr von freudiger Erwartung des Kommenden angefüllt, um der ganzen vergangenen Tragikomödie noch sonderliche Beachtung zu schenken.

Unser letzter Gang am folgenden Vormittag war der zu Frau Landsbergers Grab, Ruth nahm einen riesigen Korb voll herrlicher Orchideen mit hinaus, die wir miteinander in Utinga gesammelt hatten. Dann kam noch der Abschied von Papa Landsberger. Er fiel uns beiden schwer, und dasselbe galt wohl auch für ihn; wir sahen den vereinsamten alten Mann aus dem Taxi heraus noch lange vor seinem Gartentor stehen und uns nachschauen. Auf dem Kai aber erwartete mich zu meiner Überraschung neben Dr. Penna auch Nimeandajù, und unter einem stillen warmen Lächeln drückte er mir mein Kuvert wieder mit den Worten in die Hand: »Ich habe von anderer Seite mehr bekommen, als ich brauche. Doch ich werde es Ihnen nicht vergessen!« Auch ihn sahen wir noch lange am Kai stehen, als Pennas großes Segelboot mit dem einsetzenden Ebbwasser aus dem bunten Ver-o-peso hinausglitt, und ich war so froh, daß mein Freund, der Kazike, nun seine Reise antreten konnte, um das Gedenken an ein paar arme Indianer zu retten – wenigstens ihr Gedenken!

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