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Amazonasfahrt

Artur Heye: Amazonasfahrt - Kapitel 13
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleAmazonasfahrt
publisherBüchergilde Gutenberg Zürich
year1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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12

Es war nix mit dem Totsein, wie ich ein Weilchen darauf feststellte, nur ganz flüchtig und nebenbei bemerkt: mit einem Gefühl schmerzlichen Bedauerns. – Denn weder im Himmel noch in der Hölle wird man schwerlich mit einer Pulle Whisky in der Hand ankommen. Und die Pulle Whisky hatte ich noch immer in der Hand, und wie ich allmählich weiter wahrnahm, befand ich mich noch immer in der Kajüte von Old Murphys Boot und draußen donnerte und blitzte und goß es noch immer, was vom Himmel herunter wollte. Der einzige Unterschied bestand darin, daß der Boden unter mir nicht mehr so wütend schwankte und schüttelte, sondern sich nur noch leise wiegte, und daß mir der Schädel teuflisch brannte und pochte und an der Tischkante über mir ein paar blutige Haare klebten. Also hatte es auch nur der Zufall gewollt, daß in dem Moment, da ich zusammenbrach, in unmittelbarer Nähe ein Blitz eingeschlagen hatte.

Noch halb benommen betastete ich vorsichtig den Schmiß an meinem Schädel und sah dann nachdenklich meine blutigen Finger an. Auf einmal wurde mir brechübel, und auf einmal besann ich mich, was in der Pulle war, die ich noch immer krampfhaft beim Halse hielt, setzte, mochte meine Galle dazu sagen, was sie wollte, an und tat einen gewaltigen Zug. Und mitten in den Zug hinein fiel ein Schatten aus der Türöffnung, unter einem wasserüberperlten Südwester schob sich ein langer weißer Prophetenbart herein, sah mich, mit der Pulle vorm Mund, auf dem Boden sitzen und brach in ein dröhnendes Wiehern aus.

»Now, can you beat it! Ich rufe und johle mir seit einer Viertelstunde die Kehle nach diesem Kaffeeapostel heiser, daß er mir beim Festmachen des Bootes helfen soll, und hier sitzt er und sauft ›Black and White‹! Und das direkt aus ... Hallo!« unterbrach er sich plötzlich in verändertem Tone, bog sich zu mir herab und faßte mich unter den Achseln. »Mann, was ist mit Ihnen? Sie sehen ja aus wie eine Wasserleiche! Haben Sie wieder einen Anfall gehabt?«

»Nein, einen Anschlag sozusagen«, murmelte ich, zeigte auf die Tischkante und erstattete einen konfusen Bericht von dem, was mir passiert war.

Worauf der Priester höchst unpriesterlich über meine Idiotie, statt ans Festhalten nur an die Schnapsflasche zu denken, zu fluchen begann, mich dabei aber trotz meines Protestes wie ein Baby auf die Arme nahm, mich auf die Ledercouch bettete und mit der Geschicklichkeit eines Arztes meine Schädelwunde zu untersuchen begann. Er erklärte sie für ungefährlich, säuberte und verband sie dann kunstgerecht. Als ich seine Frage nach meinem Befinden mit einem: »Ganz leidlich, außer ein bißchen Kopfweh und komischerweise kalten Füßen«, beantwortete, knurrte er: »Also doch eine kleine Gehirnerschütterung!«, applizierte mir daraufhin eine kalte Kompresse auf die Stirn, zog mir trotz heftigstem Widerstreben die Schuhe herunter und begann mir mit seinen Schmiedefäusten die Füße zu frottieren, bis sie brannten, als hätte ich sie in Schnee getaucht.

Draußen tobte das Gewitter mit unverminderter Heftigkeit weiter, die grau herabrauschenden Wasserschwälle vor den runden Ausschnitten der Bullaugen glühten unaufhörlich im roten Gefunkel der Blitze auf, und wie ein Trommelfeuer schwerer Geschütze knallte und krachte und rollte der Donner durch die Luft. Murphy hatte sich eine Pfeife und ich mir versuchsweise eine Zigarette angezündet, und tröstlicherweise schmeckte sie mir sogar einigermaßen.

Immer wieder von den schweren Schlägen des Donners unterbrochen, berichtete mein Gastgeber vorerst in Kürze, daß er vorhin, gerade noch im letzten Moment, einen riesigen Treibstamm dicht vor dem Boot erspäht, und deswegen das Ruder so hart backbord gerissen hätte. Und gerade in diesem Augenblick wäre ein Blitzstrahl niedergefahren und hätte, soviel er erkennen konnte, in den schwimmenden Stamm eingeschlagen. Einige Minuten darauf wäre durch die Schleier des Regens die dunkle Urwaldwand der Flußmündung vor ihm sichtbar geworden, auf die er ständig zugehalten hatte: Vorsichtig wäre er ein Stück in den kleinen Wasserlauf eingefahren, und hätte mir, unter dem Wurzelgeflecht eines gigantischen »Pao d'arco-Baumes« angelangt, dann an Deck zugerufen, herauszukommen und das Fahrzeug zu vertäuen. Als ich durchaus nicht hören wollte, hätte er die Sache eben alleine bewerkstelligt. »Nun, hier haben wir's ja ganz behaglich und können ruhig abwarten, bis das Theater draußen aufhört, was vermutlich bald der Fall sein wird. Die Witterungsverhältnisse dieses Jahres sind nicht ganz normal, denn sonst sind hier Gewitter, so lange nach der eigentlichen Regenzeit, ziemlich selten. Bis dahin werden Sie wohl auch wieder völlig vernehmungsfähig und auf dem Damm sein«, schloß er, nahm noch einen aus der Pulle und hockte dann, die hellblauen Augen in irgendwelche Fernen fixiert, schweigend und paffend neben mir.

»Ich glaube, vernehmungsfähig bin ich jetzt schon wieder vollständig«, lächelte ich. »Aber auf dem Damme werde ich dann ebensowenig sein wie jemals wieder. Dazu laboriere ich schon ein bißchen zulange mit dieser gottverdammten Bauchgeschichte herum – x-mal Malaria – zweimal tropische Dysenterie – zuletzt eine schwere Blutvergiftung – und außerdem zwanzig Lebensjahre, die fast ausschließlich nur aus tollen Strapazen bestanden haben – well, das Resultat kann kein anderes sein. Im Gegenteil, ich wundere mich immer aufs neue, daß ich überhaupt noch diesen Planeten ziere«, murmelte ich, mehr als Selbst- denn als Zwiegespräch vor mich hin. Ich fühlte mich sehr müde, und das nicht nur körperlich, und wiederum wallte die tiefe Traurigkeit in mir hoch, daß es vorhin nicht doch der Blitz, und damit endlich das Ende von allem gewesen war.

»Well, well –« sagte der alte Mann beruhigend und wiegte langsam den Kopf, und mir schien, daß auch aus dem verlorenen Blick seiner blauen Augen plötzlich eine unendliche Lebensmüdigkeit sprach. »Glauben Sie bloß nicht, daß ich Ihnen mit billigen Sprüchen komme, wie ›Never give up! – Gib niemals auf!‹ und so weiter. Nicht einmal mit frommen Sprüchen, trotzdem die Anglikanische Hochkirche meinen Namen erstaunlicherweise noch immer in der Liste ihrer Geistlichen führt. So nebenbei bemerkt, ist es natürlich nur eine Frage der Zeit, wie lange noch. – Ich verstehe Sie vollkommen, denn niemand kann besser wissen wie satt, wie verdammt satt man alles kriegen kann, als ich selber. – Sehen Sie, Old Boy, ich saufe, ich lebe seit Jahren mit einer Konkubine zusammen, ich krakeele und prügle mich dauernd mit so ziemlich allen meinen Zeitgenossen herum, ich glaube, daß man gar nicht tiefer absacken kann als ich, und so bin ich bei den weißen Herrschaften einfach geächtet und bei den farbigen schwer verhaßt. Im allgemeinen schere ich mich auch den Teufel darum. Aber dann und wann überkommt's mich doch, daß ich wieder mal zu einem Menschen reden möchte, und weil ich Sie für einen solchen halte und weil Sie mir hier ohnehin nicht entwischen können, möchte ich Ihnen gegenüber mir ein paar Worte von der Leber reden.«

Ich nickte ihm nur schweigend zu, schloß die Augen und wartete. Doch ich mußte lange warten, bis aus den Rauchwolken, in die er sich einhüllte, endlich Worte hervordrangen. Erst kamen sie in abgerissenen, selbstironisierenden, mit derben Ausdrücken durchwirkten Sätzen, doch allmählich formten sie sich zum wuchtig-eindrucksvollen Bilde eines Lebens, eines Bildes, das, je näher es der Vollendung kam, immer düsterere Farben annahm. Es war das Leben eines Idealisten, eines Menschen, der sich bei aller ungewöhnlichen Inbrunst und Kraft des Wollens Ziele von unerreichbarer Höhe gesteckt hatte und auf dem Wege an der Trägheit der menschlichen Herzen und wohl auch an einer glücklosen Verkettung von Umständen gescheitert war. Vor allem allerdings gescheitert, wie er jetzt, als alter Mann, erkannte, an den dunkeln, ungestümen, zerstörerischen Gegenkräften seines eigenen Wesens.

Schon sein erster, mit rücksichtsloser jugendlicher Leidenschaft geführter Kampf war einer gegen zwei Fronten gewesen. Die eine bestand aus den selbstsüchtig-brutalen Ausbeuterinstinkten der Grund- und Industrieherren seiner irischen Heimat, die andere aus der schnapserzeugten Dumpfheit, Schmutzigkeit und Roheit der Ausgebeuteten. Mit seiner jungen, schönen und vom gleichen Geist und Temperament beseelten Frau war er dann, vor fünfunddreißig Jahren, hierher nach Brasilien gegangen und hatte zuerst das Pfarramt bei der englischen Kolonie von Recife zugeteilt bekommen. Doch schon nach kurzer Zeit befand er sich in derselben Situation wie daheim, bei seinen eigenen Gemeindemitgliedern hatte er sich durch sein wildes Angehen gegen Nationaldünkel und Rassenvorurteile ebenso unbeliebt gemacht wie bei der einheimischen Bevölkerung wegen seines rabiaten und manchmal sogar gewaltsamen Kampfes gegen ihre geistige und körperliche Trägheit, gegen ihren Aberglauben und die Fühllosigkeit den Werken und Geschöpfen der Natur gegenüber.

Obgleich er es unerwähnt ließ, schien er jedoch nicht nur geeifert, sondern auch positiv geholfen zu haben, denn neben seiner allgemeinen Stellung in der Öffentlichkeit hatte er dieser unlösbaren Aufgabe auch nach und nach sein ganzes persönliches Vermögen und seine Frau ihren gleicherweise fruchtlosen sozialen Bemühungen mit den Jahren ihre Gesundheit geopfert. Dann verprügelte er eines Tages einen Händler in mörderischer Weise, weil er Milch von einer schwerkranken Kuh verkauft hatte, bekam daraufhin einen Prozeß wegen Körperverletzung angehängt, und während der noch schwebte, schlug er einen Landsmann zum Krüppel, den er dabei erwischte, wie er in der Trunkenheit ein Attentat auf seine eigene illegitime Tochter verübte. Damit war er in Recife endgültig unmöglich geworden. Es gelang ihm nochmals, ein anderes Pfarramt zu erhalten, das, welches er jetzt noch formell innehatte, hier in Parà. Mit seiner schon schwerkranken Frau war er vor fünfundzwanzig Jahren am Amazonas angekommen. Doch er hatte aus seinen bisherigen Erfahrungen nichts gelernt; mit der alten Unbekümmertheit ging er auch in seinem neuen Domizil gegen alles los, was ihm an seinen Zeitgenossen nicht paßte, und das war gerade hier vielerlei. So dauerte es nicht lange, bis er auch in Parà mit aller Welt verfeindet und völlig einsam geworden war. Nach außen gab er nicht nach, doch innerlich spürte er bereits zu jener Zeit, daß er brüchig geworden war und es bei dem hiesigen, gleichzeitig erschlaffend und aufreizend wirkenden Klima immer mehr wurde. Seine dahinsiechende Frau weigerte sich beharrlich, nach Europa zurückzukehren, so mußte er sie schließlich in Spitalpflege geben und, allein zu Hause, und abgeschnitten von jedem menschlichen Umgang, nahm er schließlich selber jene Zuflucht, die er früher bei andern als so billig verhöhnt und verdammt hatte, die bei der Whiskyflasche.

»Well, es fällt mir altem Kerl nicht leicht, auch davon noch zu reden, aber wenn ich schon einmal rede, so soll es wenigstens die Wahrheit sein: Elsy, meine Frau – Gott hab sie selig, sie war ein feiner, tapferer Kerl, und sie hätte etwas Besseres verdient als ein jahrelanges qualvolles Sterben – hatte mir natürlich schon lange nicht mehr Frau sein können. Und ich war erst vierzig Jahre alt und ein Büffel an Vitalität! Halb verzweifelt an allem und dauernd mehr als halb von Whisky benebelt, verlor ich auch auf jenem andern Gebiet allmählich die Selbstbeherrschung. Und die schmalhüftigen, heißen Frauengeschöpfe dieses Landes haben es mir wirklich nicht schwer gemacht. Ich brauchte ihnen nicht nachzulaufen, sie liefen mir nach. – Anfangs sprang ich dabei immer wieder gegen mich selber an wie ein Jaguar. Doch dann starb Elsy – ich glaube, es war das letzte ehrlich gemeinte Gebet, das ich an ihrem Totenbett zu meinem Gott richtete, ein Dankgebet für ihre Erlösung – und damit war auch das zitternde schwache Licht des letzten Sternes über meinem Kurs verloschen. Da gab ich das Steuern völlig auf und ließ das Schiff treiben. So treibt es heute noch – im allgemeinen ebenso ruhig und stetig wie die schwimmenden Inseln dieses Stromes, aber – derselben Bestimmung entgegen ...«

Er hatte immer leiser und leiser gesprochen, und hier brach er ab. Das Kinn mit dem weißlockigen Bart auf die Brust gesenkt, die erkaltete Pfeife zwischen den Zähnen, starrte er eine Weile vor sich hin. Dann setzte er, noch leiser, und mehr zu sich selber als zu mir redend, hinzu: »Und doch kommt manchmal eine Stunde, wo alles wieder lebendig wird und aus einem heraus will. Ich weiß nicht, wieso und warum. Bei meinem sogenannten Berufe ist es wohl erklärlich, daß es immer in ein paar Worten aus dem alten Buche lebendig wird, Worte, die mir wie die Stimme des Donners da draußen klingen. ›Das ist das Feuer, das nie verlöscht, und der Wurm, der nie stirbt ... ‹«

Er schwieg, doch die Stimme des Donners draußen erfüllte weiter den Raum und rastlos lohten und zuckten die Feuer des Himmels.

Ich drückte ihm stumm die Hand, und erst nach einer langen Pause gab ich ihm so etwas wie eine Antwort mit der Bemerkung: »Ich kann Ihnen nichts als danken für das Vertrauen, das Sie mir mit Ihrer Erzählung bewiesen haben. Leider ist es so, daß ich, je älter ich geworden bin, desto tiefer einsehen gelernt habe, daß wir Menschen nichts wissen, daß wir alle ganz allein sind, und daß bei dem, worauf es ankommt, keiner dem andern mit mehr helfen kann als durch ein bißchen mitfühlendes Verständnis. Aber das glaube ich klar zu erkennen, daß der dreißigjährige Krieg, den Sie gegen die Lebensauffassungen und die Lebensgewohnheiten der hiesigen Menschen führen – denn Sie führen ihn heute noch wie Sie vorhin zeigten, als wir dem Mann im Kanu begegneten! – einfach ein Unsinn ist. Bleiben wir bei dem Beispiel mit den Paranüssen: Sie erbosen sich, daß jener Kerl aus dieser Fülle heraus nicht mehr als drei Hüte voll schöpfte und zufrieden ist, wenn er von dem Erlös eine Woche lang Faringha essen, Zigaretten rauchen und sich in seiner Hängematte lümmeln kann. Anstatt die Gelegenheit wahrzunehmen und soviel Nüsse auf den Markt zu bringen, daß er sich einmal sauber und anständig einkleiden und sich eine menschliche Behausung verschaffen kann, die er wahrscheinlich ja auch nicht besitzt. Sogar ein Paar Schuhe, so verrückt teuer sie auch sind, für seine sandflohzerfressenen Füße könnte er sich leisten. Aber er tut es eben nicht, und zwar einfach darum, weil ihm das alles nicht den Gegenwert für tage- oder wochenlanges angestrengtes Arbeiten bedeutet. Er hat bis jetzt ohne alles das, was für uns Selbstverständlichkeiten sind, gelebt und sich wohl dabei befunden, und wird auch so weiterleben können. Das ist das Entscheidende, und von seinem Standpunkt aus hat er auch vollkommen recht damit. Er kann hier in seiner Heimat in diesem Stil leben; wir in der unsrigen könnten es nicht. Wir müssen viel mehr arbeiten und uns umtun und zusehen, daß wir Geld verdienen. Und mit unserm notwendigen Sichbetätigen sind unsere Bedürfnisse gewachsen. Wir könnten sie gar nicht auf das Niveau der hiesigen Menschen zurückschrauben, selbst wenn wir wollten. Den Eingeborenen dieses Landes und auch aller andern Tropenländer wird es auch niemals einfallen, von uns zu verlangen, daß wir ihre Lebensführung annehmen. Wieso verlangen wir also von ihnen, daß sie die unsere übernehmen? Daß sie ruhelos schuften und werken und ans »Vorwärtskommen« denken sollen wie wir, statt sich an der Sonne und am Duft der Blumen zu erfreuen und dem Treiben der Vögel und der Schmetterlinge zuzuschauen? Und wenn sie dabei dauernd von Läusen und Sandflöhen und anderem Ungeziefer und von tausenderlei Krankheiten bedroht und angefallen und schließlich ausgehöhlt werden, so ist das immer noch ihre eigene Angelegenheit und verdammt nicht die unsere! Sie bitten uns ja nicht um unsere Weisheit und unsere Hilfe, sie nehmen das Leben leichter als wir, sie nehmen allerdings auch ihr Schicksal und den Tod leichter.

Ihnen tut es um die ungezählten Tonnen von Nüssen leid, die da in den Ozean hinausgeschwemmt werden – nun, mir auch! Aber wie ich die hiesige Bevölkerung kenne, würde sie absolut nichts dagegen haben, wenn wir Weiße uns die Nüsse, die wir haben wollten, selber auffischten. Doch da liegt der Hund begraben: Wir erwarten immer, daß die Eingeborenen alles das für uns tun, was mit Mühe und Schweiß und Schmutz verbunden ist! Und tun sie es nicht, so reden wir von Faulheit und Verkommenheit und »Zucht-in-die-Bande-bringen« und so weiter, und sie können noch von Glück reden, wenn wir ihnen nicht mit Kriegsschiffen und Landungskorps eine andere Lebensauffassung beizubringen versuchen, sondern nur mit Strafpredigten und geschwungenen Fäusten, so wie Sie es getan haben, old man!«

Ich hatte mich zuletzt in einen eifernden Zorn hineingeredet und war ganz verblüfft, als der alte Priester daraufhin langsam aufstand, seine knochige Rechte auf die meine legte und ruhig sagte: »Sie haben recht, verdammt recht sogar! Das Unbegreifliche ist nur, daß ich mir alles das schon selber hundertmal gesagt habe. Und es doch immer wieder vergessen habe, wenn ich sah, wie so viele Menschen hierzulande, und besonders so viele hilflose kleine Kinder, nur so aus Unwissenheit und Nachlässigkeit elend zugrunde gingen. Ich habe den Blödsinn nicht lassen können, immer wieder die Leute zu ihrem Glück zwingen zu wollen. Nur eins kann ich Ihnen versichern: Es ist mir dabei nie um meinen eigenen Vorteil gegangen. Oder gar um den der Rasse, der ich angehöre und von der ich glaube, daß sie längst verworfen ist vom Angesicht Gottes. Verworfener als jede andere, noch so tiefstehende. Denn die wissen nicht, was sie tun. Wir aber wissen es!

Schließen wir damit diese Beicht- und Philosophierstunde ab. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie gut es mir getan hat, wieder mal mit jemand zusammengekommen zu sein, der zuhören und sich bei dem Gehörten etwas denken kann. Wenn es nicht zuviel verlangt ist, so bitte ich Sie, sich doch dann und wann einmal bei mir daheim sehen zu lassen, ja? – Allright! Und wie fühlen Sie sich jetzt?«

»Noch ein bißchen schlapp in den Knochen und noch erheblich dümmer im Schädel als gewöhnlich, aber sonst ganz ordentlich. Mir scheint übrigens, daß der Spektakel draußen jetzt im Abflauen ist. Wollen mal frische Luft hereinlassen, denn die hier drin ist kaum noch zu atmen.«

Vor wenigen Minuten hatten durch das trommelnde, dröhnende Rauschen des Regens noch ein paar so wuchtige und nahe Einschläge geknallt, daß ich zusammengefahren war, aber als der Alte jetzt die Kajütentür aufstieß, öffnete es sich gegenüber plötzlich wie ein Vorhang, in grellem Blau leuchtete ein Stück Himmel auf, und als hätte eine mächtige Hand das Ventil geschlossen, brach die herniederstürzende Flut plötzlich ab, ein Aufbrausen ging durch den Wald und ein unbeschreiblich erquickender kühler Luftzug drang in den stickigen Raum herein.

Da hielt es mich nicht länger darin. Ein wenig unsicher und taumelig noch stand ich auf und trat hinaus, und im nächsten Augenblick brach die Sonne durch, ließ die Tropennatur um und über unserm Boot in funkelnder, märchenhafter Schönheit erstrahlen und wölbte die farbigleuchtende Brücke eines Regenbogens aus den auf glitzernden Weiten des Stromes zu den schieferblauen Wolkenbänken des abziehenden Gewitters hinauf.

Die Umgebung sah aus, als wären wir mitten im Urwald vor Anker gegangen. Vor und hinter unserm Boot verlor sich der schlängelnde Lauf des kleinen Flusses in grüner Waldnacht, an Backbordseite sproß ein wucherndes Dickicht von Riesenpfeilwurz aus dem seichten, träge fließenden Wasser; die herrlichen großen Lilienblüten des Gewächses standen vor dem Waldesdunkel, als wären sie aus weißem Wachs geformt. Von den herabhängenden gelbblühenden Rauten eines Busches wie in einen Goldrahmen eingefaßt, glühten ganze Büschel von seltsam gestalteten Orchideenblüten aus einem moosbepelzten Haufen toten Holzes heraus, darüber wiegten sich auf haushohen Stengeln die zartgrünen Federbüschel einer Bambusgruppe im leisen Winde; mit hellem, feinem Zwitschern schwirrte eine Wolke von harlekinbunten, winzigen Vöglein um die lichtübersprühten Wipfel.

Das unsagbarste Wunder aber war die Krone des Baumes, an dessen blutrotfarbenem Wurzelwerk unser Fahrzeug vertäut lag. Wie der Alte gesagt hatte, war es ein »Pao d'arco«, ein Bogenholzbaum; aus seinem ebenso zähen wie elastischen Holz fertigen die Indianer ihre schweren Jagd- und Kriegsbögen an. Und der Baum stand in voller Blüte, er schien überhaupt nur aus Blüten zu bestehen; wie aus blauviolettem Glas gesponnen, leuchtete seine gewaltige Kuppel aus dem dunkelgrünen Laubmassen des Waldes heraus. Und auf all der Pracht von Farben und Formen ringsum blitzten und funkelten im Glanz der Sonne die Regentropfen wie Myriaden von Brillanten, gaukelten, nach dem Unwetter zu freudetrunkenem Leben erwacht, Scharen von märchenbunten Faltern, zuckten stahlblaue und feuerrote Libellen mit rasendem Flügelschlag über die dunkel strömende Flut.

Versunken in die zauberhafte Schönheit dieses Urwaldwinkelchens, blieb ich reglos stehen. Die weißen Locken zurückwerfend, folgte der Alte meinem Blick zu dem blauen Wunder der Baumkrone da droben, und ich rechnete es ihm hoch an, daß er mit gekreuzten Händen nur stumm hinaufschaute und keine Worte machte.

Aufbrausend wie ein Windstoß stob die zwitschernde bunte Schar an den Bambuswipfeln plötzlich davon; tiefe, träumende Mittagsstille sank über das einsame Fleckchen Erde herab – das ewig durch den Urwald pulsende vibrierende Summen der Insektenheere wird vom Ohr ja schon nach kurzer Zeit überhaupt nicht mehr aufgenommen. Ein großer goldglänzender Käfer kam brummend angesurrt und ließ sich auf meine, am Kajütendach gestützte Hand nieder, und so machtvoll war der Bann, in den ich geschlagen war, daß ich nur leis zusammenzuckte, und die Hand nicht zurückriß, trotzdem mir Käfer doch sonst etwas Fürchterliches sind.

»Fühlen Sie sich gut genug, um noch eine kleine Kanufahrt mitzumachen?« fragte mein Begleiter. »Dort hinter dem Treibholz liegt ein Einbaum. Ich bin hier herum ziemlich gut bekannt, komme öfters her, um zu fischen oder mir ein Stück Wildgeflügel zu schießen. Ein Stückchen flußaufwärts ist ein kleiner See, und dort herum gibt's mehr Vögel, als ich in meinem ganzen Leben irgendwo beieinander gesehen habe.«

Ich fühlte mich eigentlich nichts weniger als gut; sowie ich den Kopf senkte, begann es schmerzhaft in der Beule zu pochen, und mir schien, als ob ich in den Beinen auf einmal Gummiröhren statt Knochen hätte. Aber von diesem verwunschenen Flüßchen noch etwas mehr zu sehen und wenigstens einen Blick auf das Vogelparadies des Alten zu werfen, war allzu verlockend. So biß ich die Zähne zusammen und voller Angst, im nächsten Augenblick kopfüber zu schießen, kletterte ich unendlich langsam und schwerfällig in das schwankende kleine Fahrzeug hinab, das der Alte herbeigeholt hatte. In mich zusammengesunken und mit geschlossenen Augen mußte ich erst eine ganze Weile drin hocken, bis ich wieder bei klaren Sinnen war.

»Können Sie das Ding da ein bißchen niederdrücken, daß wir's nicht kaputtmachen?« fragte die Stimme meines Begleiters plötzlich. Er saß mit dem Paddel in der Hand hinter mir und konnte somit nicht sehen, wie übel mir war.

»Was für ein Ding? Ah so!« schreckte ich auf. Vor dem Kanu spannte sich eine Art von Rechen, aus Bambusstäben gefertigt, quer über den Wasserlauf, und die ganze kleine Lagune, in die er sich dahinter ausweitete, war eine einzige braune Masse von schwimmenden Paranüssen.

»Ja, ein bißchen ökonomischer ist diese Sammelart immerhin, als die von dem Kerl mit dem Hut!« lachte Murphy auf das beifällige Kopfnicken hin, mit dem ich die Einrichtung betrachtete. »Wenn Sie allerdings glauben, daß die Söhne dieses Landes selber auf den simplen Gedanken gekommen wären, so irren Sie sich. Darauf hat sie erst vor fünfundzwanzig Jahren ein Mann gebracht, der ausgerechnet von Irland hierher kommen mußte. Nämlich ich. Bis ich aber ein paar von den Caboclos schließlich so weit hatte, habe ich mir fast den Mund fusselig reden und dann beim Bau selber noch mit Hand anlegen müssen. Und die Hälfte von den paar Dutzend derartiger Anlagen, die mit Ach und Krach zuletzt hierherum zustande kamen, ist unterdessen schon wieder verschwunden, einfach, weil sie sich nicht von selbst reparierten. Der Mann, dem diese hier gehört, ist noch einer von den rührigsten, aber wie Sie sehen, hat auch er schon so lange nicht eingesammelt, daß die Nüsse bereits über die Sperre wegfluten.«

Immerhin war mir nun klar geworden, auf welche Weise hierzulande überhaupt so viele Paranüsse zusammenkamen, daß jener unglaubliche Exportbetrieb in Rohhautsäcken möglich war.

Durch das schwimmende Feld der harten dreikantigen Früchte pflügend, trieb mein Gefährte das Kanu mit raschen Paddelschlägen weiter. Die Lianendraperien, die von den Uferbäumen herabhingen, verhinderten jeden Einblick in die dahinterliegende wuchernde Wildnis, und so war ich ganz überrascht, als er das Kanu direkt daraufzu lenkte, durch einen kaum meterbreiten Spalt in dem Pflanzengewebe hindurch- und in einen schmalen Kanal hineinschlüpfte. Eingeengt zwischen die knorrigen Wurzelstöcke gewaltiger Bäume fuhren wir eine ganze Strecke weit im tiefen Dämmerlicht des grün überwölbten Tunnels dahin. Die fast unheimliche Stille, die über diesem dunkeln, unterirdisch anmutenden Gewässer lastete, wurde nur dann und wann unterbrochen, wenn bei unserer Annäherung der schwere Körper eines Kaimans aus den Wurzellabyrinthen heraus- und in die aufrauschende tintenschwarze Flut hineinfuhr. Endlich wurde ein hellerer Lichtschimmer vor uns erkennbar, er brach durch die dichte Wand von Schlinggewächsen, die auch das diesseitige Ende des Wasserlaufs abschloß.

»Verhalten Sie sich jetzt möglichst ruhig!« raunte mir der Alte zu, legte das Paddel weg, stemmte die Arme gegen eine Wurzel und schob die Spitze des Fahrzeugs ganz, ganz leise und behutsam durch den grünen Vorhang hindurch, und was ich in der nächsten Minute erblickte, war eins der hinreißendsten Naturbilder, die mir jemals vor die Augen gekommen sind.

Vor uns lag ein kleiner, regelmäßig ovaler See. Auf der rechten Seite setzte er sich in einen mit Schilf und Binsen bestandenen Sumpf fort, aus dem hier und da ein einzelner Riesenbaum emporragte. Das uns gegenüberliegende und das linke Ufer waren einstmals Kulturland gewesen. Von Schlingpflanzen umsponnen, von Büschen und jungen Bäumen durchwuchert, waren noch kleine Haine von Kokospalmen und Bananen, von Orangen-, Guaven-, Mango- und andern Fruchtbäumen zu erkennen, und auf dem Gelände ehemaliger Erdnuß-, Mais- und Hirsefelder kämpften noch immer einzelne Gruppen der Kulturgewächse verzweifelt gegen die übermächtigen Wogen der Wildvegetation um ihr Leben. An den Sumpf angrenzend, erstreckte sich eine verwilderte Zuckerrohrpflanzung tief in eine Lichtung des Urwaldes hinein; aus den zum größten Teile niedergebrochenen blaugrünschimmernden Massen der gärenden Rohrstengel wehte in betäubender Schwere ein Geruch herüber wie aus einer Rumfabrik auf Jamaika. Von einem eingesunkenen Landungssteg führte ein unkrautbewachsener breiter Weg zu der grünumsponnenen Ruine eines großen, etwas höher gelegenen Hauses hinauf.

Und auf den Wassern und an den Ufern des Sees, im Röhricht des Sumpfes, in den Dickichten der verwilderten Felder und in den Tiefen der Baumpflanzungen, deren Kronen noch immer vollhingen von goldenen Früchten, offenbarte sich hier ein Vogelleben, bei dessen Anblick mir der Atem stehen blieb.

Eine Beschreibung davon zu geben ist unmöglich, und eine Aufzählung von Artennamen würde bloß unendlich lang und damit nur unendlich langweilig sein. Die phantastischen Formen dieser Vogelwelt und die unwahrscheinliche Pracht ihrer Gefieder könnte vielleicht ein Maler, den Massenchor von flötenden, trillernden, schnarrenden, kreischenden und krächzenden, wie Hammerschläge, wie Cellosaiten, wie Orgelpfeifen und wie Glocken tönenden Stimmen vielleicht eine Tonfilmapparatur wiedergeben – Worte können es nicht.

In stummem Staunen, unwillens und auch unfähig, ein einziges Wort zu sprechen, hockte ich auf dem Boden unseres Einbaumes und starrte dies Schauspiel der Natur an wie ein Kind die bunten Bilder im neugeschenkten Märchenbuch, und ebenso still und reglos saß hinter mir der alte Mann, der sie doch schon so oft gesehen hatte. Ich schreckte auf und schüttelte nur ungläubig den Kopf, als er mich zuletzt leise an der Schulter rührte und wortlos auf die Sonne deutete, die schon dicht über den dunkeln Wipfeln der Bäume stand.

Aufbrausend wie ein Sturmwind, stoben rosarote Wolken von Flamingos, Schwärme von schneeweißen und blutroten Reihern, von schwergeflügelten Pelikanen und Nimmersatten, von metallisch schillernden Enten und Wasserhühnern, von schwarzen und weißen Störchen vor seinem Paddelschlag empor, und aufgeschreckt von ihrer Flucht, brach ein auge- und ohrbetäubender Tumult auch unter den gefiederten Scharen zu Lande aus. Wir schwammen schon lange auf einem, vom Nordende des Sees ausgehenden Wasserarm dahin, als hinter uns immer noch das Chaos aufgeregter Vogelstimmen in den Tiefen des Waldes widerhallte.

»Die Voliere, die Sie eben dahinten gesehen haben, ist nicht ganz zufällig entstanden«, bemerkte mir Murphy unterwegs. »Auf dem Areal hatte sich vor ungefähr fünfzehn Jahren ein sonderbarer Heiliger angesiedelt, ein alter Yankee, namens Mason. Er war ein Vogelkenner und ein Vogelnarr, wie mir noch keiner begegnet ist. Was sich an geflügeltem Getier auf seinem Land nicht freiwillig ansässig machte und die Frucht wegfraß, die er ausschließlich zu diesem Zweck anbauen ließ, brachte ihm dann die Bevölkerung mit der Zeit noch in eingefangenen Exemplaren an. Manchmal samt ihren Nestern und Eiern. Der alte Mason zahlte gut; wenn es sich um irgendein seltenes Federvieh handelte, sah er Geld nicht an; in den zwölf Jahren, die er hier hauste, muß er für sein Steckenpferd in die hunderttausend Dollar ausgegeben haben. Vögel waren das einzige, was ihn auf der ganzen Welt interessierte; von früh bis abends war er mit ihrer Pflege und Beobachtung, mit der Anlage immer neuer Nist- und Futterplätze beschäftigt. Er kam fast nie in die Stadt und hatte keinerlei Verkehr, außer gelegentlich einmal mit dem und jenem Ornithologen, der zum Amazonas hergereist kam, um Old Masons Vogelparadies anzusehen. Er besaß auch keinerlei Familienanhang; mit einem alten Nigger, den er schon aus den Staaten mitgebracht hatte, einer einheimischen Köchin und einem Hausmädchen, und natürlich immer mit ein paar Schock von Vögeln aller Arten, jungen, kranken oder aus irgendeinem Grund in Haft gesetzten, bewohnte er das große Haus allein. Seine Feldarbeiter und sonstigen Hilfskräfte – es war eine ganze Anzahl – hatte er jenseits eines Waldstreifens in einer neuangelegten Siedlung einquartiert, damit seine geliebten Vögel ja so wenig Störung wie möglich erfuhren.

Well, am kommenden Weihnachtstag werden es drei Jahre, daß sein Aufseher, als er frühmorgens ins Haus kam, die Köchin, das Mädchen, den Nigger und den alten Mason selbst mit durchschnittenen Kehlen kalt und mausetot auffand. Kein Laut war während der Nacht in der Arbeitersiedlung gehört worden, nichts fehlte im Hause, keine Spur von einem Tumult und auch keine von einem Täter war zu entdecken. – Eine Zeitlang dachte man, die Behörden hätten ihn in der Person eines Mulatten erwischt. Er war ein ziemlich finsterer Zeitgenosse, Mason hatte ihn schon verschiedene Male auf seinem Lande bei der Jagd auf Edelreiher betroffen, und ihm schließlich gedroht, er würde ihn beim nächsten Mal einfach niederschießen. Der Mulatte hatte es später in der Besoffenheit selber weiter erzählt und gleichzeitig etwas dahergeredet, er würde es dem lausigen »Americano« schon einmal besorgen. – Aber es war ihm nichts nachzuweisen, sie mußten ihn zuletzt wieder laufen lassen, denn seine Familie, die drüben auf Marajo lebt, und ein paar ihrer nächsten Nachbarn bekundeten einhellig, daß der Kerl in der fraglichen Nacht daheim gewesen wäre.

So ist das blutige Rätsel jener Christnacht bis auf den heutigen Tag nicht gelöst worden. Der Platz aber wird seitdem von den Einheimischen ängstlich gemieden, denn eine ganze Reihe von Caboclos schwört, daß sie den alten Americano, umgeben von einer flatternden Vogelschar, wie gewöhnlich, aber mit durchschnittener Kehle, immer noch sein Revier hätten abgehen sehen. – So, das ist die Geschichte jenes Platzes.«

Mein Begleiter hatte sie mit wenigen und einfachen Worten wiedergegeben, aber noch unter dem tiefen Eindruck, den jener Erdenfleck in seiner melancholischen Verlassenheit und gleichzeitigen überwältigenden Lebensfülle auf mich gemacht hatte, sah ich die Sankt-Franziskusgestalt jenes alten Ornithologen wie mit leiblichen Augen vor mir, und Murphy hielt abrupt mit dem Paddeln inne und starrte mich entgeistert an, als ich aus meiner Versunkenheit heraus ihn fragte, ob Mason ein schlanker, zierlich gebauter Mann mit faltigem, bartlosem Gesicht und lang herabfallendem grauem Haar gewesen sei.

»Well, I'll be tared and feathered –!« stammelte er. »Ah so, Sie hatten wohl schon früher einmal irgendwo sein Bild gesehen oder etwas über ihn gehört oder gelesen?«

Ich schüttelte den Kopf und sank aufs neue in mein stilles Grübeln zurück, und mit einem unverständlichen Gemurmel tauchte schließlich Old Murphy sein Paddel wieder ein.

Auf einem andern, einsam in tiefer Urwalddämmerung träumenden Wasserwege als jenem, den wir zum Herweg benutzt hatten, trieb er das Kanu wieder in die Lagune mit dem Auffanggitter für die antreibenden Nüsse zurück. Wir erreichten sie an ihrem oberen Ende, zur rechten Hand schien noch ein weiterer kleiner Wasserlauf abzuzweigen, dichte Massen von Pfeilwurz bedeckten seine Ausmündung. Auf einmal unterbrach der Alte den gleichmäßigen Rhythmus seiner Schläge, ein Schwanken ging durch das Dickicht edelgeformter Blätter und Blüten da drüben und leise glitt ein Einbaum heraus.

In der Spitze des Fahrzeugs stand ein riesenhafter Neger, nackt bis auf einen Lendenschurz, einen blitzenden Fischspeer in der Hand, als Ruderer kniete hinten im Heck ein hagerer alter Mulatte. Bei unserm Erscheinen stoppte er seine Fahrt, legte spähend die Hand über die weißbuschigen Brauen, und als er meinen Gefährten erkannte, hob er grüßend das Paddel empor und ein Grinsen glitt über sein verschrumpftes Gesicht.

»Oh damn!« hörte ich Old Murphy hinter mir in seinen weißen Bart murmeln, und während er den Gruß erwiderte, bog er sich zu mir vor und sagte zögernd und mit unterdrückter Stimme: »Well, Heye, damit Sie sich nicht wundern: der alte Kracher da in dem Kahn ist mein ... ähem ... naja, er ist sozusagen mein Schwiegervater! Und der Nigger, hols der Teufel, eben mein Schwager!«

Bei einer Kanufahrt auf einem Urwaldfluß können einem mancherlei Überraschungen zustoßen, auf diese aber war ich nicht gefaßt gewesen. Eine Sekunde lang starrte ich ihn verblüfft an, unsicher, ob er im Ernst gesprochen hatte. Mit nervöser Bewegung in seinem Prophetenbart wühlend, warf er einen schnellen, forschenden Blick auf mich, dann verzog sich auch sein Gesicht zu einem halb verlegenen, halb wurstigen Grinsen, und, so schlecht ich mich auch fühlte, bog ich mich zusammen und meckerte so unaufhaltsam in meine vorgehaltenen Hände hinein, daß das Lachen mir wie Hammerschläge den blessierten Schädel erschütterte.

Die beiden Fahrzeuge glitten längsseits nebeneinander und Murphy machte uns gegenseitig bekannt. Als ich dem Mulatten, der mich mit einem »How d'you« begrüßte und mich dabei aus sehr munteren und intelligenten Augen musterte, die Rechte schüttelte, bemerkte ich, daß ihm drei Finger daran fehlten, und daß auch sein hageres rechtes Bein tiefe vernarbte Löcher in der Wade aufwies.

Von der Unterredung zwischen diesen sonderbaren Verwandten verstand ich fast kein Wort; an einigen kurzen unwilligen Gegenfragen und einem zögernden Bartwühlen meines Gefährten merkte ich jedoch, daß sein »Schwiegervater« ihm irgendein Anliegen unterbreitete, das ihm nicht in den Kram paßte. Mit einem Achselzucken ergriff er schließlich wieder sein Paddel, und während er unser Kanu mit ärgerlich-heftigen Schlägen der Stelle zutrieb, wo das Motorboot ankerte, brummte er mir zu, daß es ihm leider nicht gelungen wäre, den Alten von der Schnapsidee abzubringen, mit uns nach Parà zu fahren, um seine Tochter zu besuchen.

»Strecken Sie sich, sowie wir an Bord kommen, sogleich ein bißchen auf der Couch aus, Sie sehen aus, als ob Sie es nötig hätten. Unser verdammt unwillkommener Passagier wird mir schon helfen, das Boot hinauszubringen. Der alte Knabe ist früher zur See gefahren und spricht übrigens ganz gut Englisch – verkneifen Sie sich also alle schnöden Bemerkungen, so nahe sie hier auch liegen, Old boy!« setzte er mit einem Anflug jenes Grinsens hinzu, das seinem weißbärtigen Gesicht immer so etwas erstaunlich Jungenhaftes gab.

Mir war gar nicht nach schnöden Bemerkungen zumute; die lange Kanufahrt und all das Ungewöhnliche, das ich dabei gesehen und vernommen hatte, war für meinen körperlichen Zustand reichlich viel gewesen. So gab ich nur sehr einsilbige Antworten, als bald darauf der Mulatte zu mir in die Kajüte kam, sich neben die Couch setzte und mich über alles, was mit unserer Filmexpedition zusammenhing, auszufragen begann. Um ihn von dem Thema abzubringen, richtete ich schließlich meinerseits die Frage an ihn, woher die Narben und Verstümmelungen an seiner Hand und Wade stammten.

»Pyranhas, Sir!« sagte er, stellte Glas und Whiskyflasche, die er dauernd in den Händen gehalten hatte, ab, streifte Hemdärmel und Hosenbein herauf und zeigte mir noch eine ganze Anzahl weiterer schrecklicher Narben. Dann begann er von dieser Pest der südamerikanischen Gewässer zu erzählen; es waren Geschichten voll atemraubendem Grauen. Zuletzt wurde ich aber doch von meiner Schwäche überwältigt, ich schlief ein und schlief noch, als wir an der Boje vor dem Ver-o-peso vor Anker gingen. Aber durch meinen Schlaf waren unaufhörlich sonderbar verschlungene Traumbilder gezogen, das letzte, das ich noch mit ins Wachsein herübernahm, war das Bild eines alten grauhaarigen Mannes, der, umgeben von mörderischen, reißenden Raubfischen, langsam in einem Strom von Blut dahintrieb, während über ihm mit klagendem Geschrei Scharen von bunten Vögeln kreisten.

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