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Amazonasfahrt

Artur Heye: Amazonasfahrt - Kapitel 11
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleAmazonasfahrt
publisherBüchergilde Gutenberg Zürich
year1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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10

Unter den weiteren Objekten, wie dem überraschend komplizierten Leben und Treiben von wilden Bienen, Raubwespen und Baumtermiten, die wir in den folgenden Wochen draußen in Utinga aufs Korn nahmen, befanden sich auch einige, die nicht der Fauna, sondern der Flora des Urwaldes angehörten. Dem Wesen des Filmbildes entsprechend, waren es solche, die auf dem Wege über die Zeitlupe Bewegungserscheinungen der betreffenden Pflanzen vermittelten, und eben weil es Pflanzen waren, einen um so phantastischeren, ja geradezu unheimlichen Eindruck erweckten.

Es waren Lianengewächse, deren vielhundertfache Formen ja vor allen andern dem tropischen Urwald sein besonderes Gepräge geben. Abgesehen von der Tatsache, daß die meisten ein überall vorhandenes und ganz vorzügliches Material zum Verschnüren und Binden darstellten, und ein herausgeschnittenes, etwa meterlanges Stück von irgendeiner der größeren Arten jederzeit ein Glas völlig keimfreies und angenehm säuerlich schmeckendes Trinkwasser hergibt, bildete das schlechthin unvorstellbare Gewirr ihrer Schlingen und Luftwurzeln bei der Art unserer Tätigkeit nur ein schweres und oft verwünschtes Hindernis. Und eine spezielle Art, die Jacytàra, auch eines der gefährlichsten.

Diese Schlingpflanze ist eigentlich eine Palmenart, die sich, ebenso wie Familienangehörige der Farne, der Rosen und sogar der Bambus- und gewöhnlichen Gräser, zur Liane umgewandelt hat. Ihr indianischer Name bedeutet »Die Schreckliche«, und sie führt ihn wahrlich mit Recht. Die Fiederblätter dieses furchtbaren Gewächses tragen an der Unterseite, längs der Mittelrippe, Stacheln, und zwar Stacheln, die an der Spitze wie Harpunenhaken zurückgebogen sind, und die Ranken selbst besitzen dazu die Elastizität von Uhrfederstahl; sie schnellen sich sofort um jedes Ding und jedes Lebewesen herum, das diese satanischen Geißelschnüre berührt. Da die Enterhaken die Festigkeit und Zähigkeit von Horn besitzen – selbst ich mit meinen außergewöhnlich kräftigen Händen war nicht imstande, sie zu biegen, geschweige denn zu brechen – kann man sich das Schicksal eines Menschen oder Tieres vorstellen, das unbedacht, wie etwa auf eiliger Flucht, in das Blättergewirr einer Jacytàra gerät. Da die Blätter auf der Oberseite völlig harmlos aussehen, kann das sehr leicht geschehen. Wenn der Betreffende nur Fetzen von Kleidern, Haut und Fleisch an den Harpunen hängen läßt, kann er noch von Glück reden – fast jedes Jacytàragestrüpp birgt modernde Skelette von Tieren und manch eins auch solche von Menschen.

Auf eine andere Lianenspezies, die sogenannte Katzenkralle, und ihre filmischen Möglichkeiten wurde ich durch das schon früher erwähnte Günthersche Werk aufmerksam gemacht. Der Verfasser schreibt darüber: »Dieses Schlinggewächs ist von so merkwürdiger Art, daß man ihm fast ein selbständiges Handeln nach Art der Tiere zuschreiben möchte. Da finden wir eine solche Liane, wie sie in üppigem Wuchern einen Baum umsponnen hat; viele Wurzeln, die aus ihren schlanken Stämmen herausgewachsen sind, halten sie fest. Aber nun kommt eine Zeit, wo schon aller Platz aufgebraucht ist, und die Liane, um ihrem weitern Wachstumsdrang folgen zu können, einen neuen Stützpunkt suchen muß. Ein grüner zarter Trieb wächst vor, wird länger und länger und schaukelt in der Luft. Aber was ist denn da aus ihm hervorgewachsen? Wie die Krallen einer Katze oder, besser noch, eines Raubvogels langt es, sich spreizend, in die Luft; nach allen Seiten wachsen diese Greiforgane, die aus umgewandelten Blättchen entstehen, während die eigentlichen Blätter an diesen Stellen in ihrer Ausbildung zurückbleiben. Länger und länger werden die Triebe, der Wind ergreift und schaukelt sie. Noch ist kein anderer Stamm erreichbar, die Krallen ziehen sich wieder ein und die Blätter wachsen vor. Aber der Trieb beruhigt sich nicht, wieder neue Krallen erscheinen an der Spitze, und immer schwingt die Pflanze weiter aus. Endlich wirft sie der Wind an einen andern Stamm. Sofort schlagen die Krallen wie Enterhaken in die Rinde, Wurzeln wachsen heraus, und die Liane wandert auf den neuen Stamm hinüber, vom alten eine lange Girlande nachziehend.

Schlingpflanzen, die ihren Namen am besten zur Geltung bringen, sind die, bei denen der Stamm selbst den Stützbaum umschlingt und schlangengleich sich um ihn herumwindend, in die Höhe strebt. Von solchen schlingenden Lianen ist der Urwald voll, und sie sind es, die ihm den fremdartigen Eindruck geben. Manche Liane ist an einem ganz dünnen Stützbaum in die Höhe gewachsen, ja vielleicht an einem Rohr oder selbst einem Grashalm, von dem aus sie dann den Ast eines Baumes erreicht. Hier findet sie den Halt, den sie braucht, und der Stamm kann dicker und dicker werden, behält aber seine Windungen bei, unter denen die zarte Stützpflanze vollkommen verschwindet. Schließlich legen sich die Windungen fest aneinander, und es entsteht ein gedrehtes Seil von Armesdicke. Das sind die »Buschtaue«. Sie verstärken den Eindruck des Mechanischen, der verhaltenen Kraft des Urwaldes.

Noch unheimlicher würde dieses pflanzliche Leben im Urwalde wirken, wenn der Mensch den allmählichen Bewegungen der Pflanzen folgen könnte. Denn die Triebe der Schlingpflanzen wachsen nicht nur nach oben, sondern auch schräg oder gar waagrecht zur Seite, und zwar drehen sie sich dabei, bis ihre Spitzen schließlich einen vollständigen Kreis beschrieben haben. Man hat diese kreisende Bewegung des in der Luft schwebenden Sproßendes mit der Bewegung des Zeigers in der Uhr verglichen. Legt man unter den Trieb ein Blatt Papier, so kann man am Schatten die Fortbewegung des Sproßendes sehen, das im Durchschnitt zur Vollendung des Kreises eine bis zwei Stunden braucht.

Die neuere Technik hat verstanden, diese Bewegung noch besser zu veranschaulichen. Man macht nämlich von einer Windenranke in kurzen Zeitabständen auf dem Bande eines Filmes Aufnahmen. Läßt man nun das Band abschnurren, so zieht sich der Vorgang von Stunden zu Minuten zusammen, und nun sieht unser Auge die Bewegung. Wie nach einer Beute suchende Polypenarme scheinen sich die Sprossen zu bewegen. Jetzt stößt einer an einen Stock, und sofort wirft er sich wie ein Lasso um ihn herum, während sein anderer Teil sich korkenzieherartig einrollt. Das Schauspiel ist überaus fesselnd, die Grenze zwischen Tieren und Pflanzen scheint gefallen. Wie würde aber erst der Eindruck werden, wenn jemand im tropischen Urwald solche Ketten von Aufnahmen machte! ...

An dieser Stelle angekommen, versank ich in Nachdenken, und besprach die Sache tags darauf mit Bittner. Er war anfangs sehr skeptisch; vor allem darüber, wie und wo wir die Kamera zu derartigen Aufnahmen placieren sollten, denn naturgemäß würde die Pflanze ihre Suchtriebe ja nur in einer gewissen Höhe über dem Erdboden aussenden. Immerhin stimmte er schließlich zu, daß die Idee einen Versuch wert wäre, und so machten wir sie Manuelo klar und beauftragten ihn, fortan jede Katzenkralle, auf die er im Walde stieß, auf ihre filmischen Möglichkeiten hin zu prüfen.

Auch Ruth, die sich im Verlaufe der folgenden Zeit mit immer zunehmender Selbständigkeit im Urwald herumtrieb, hielt dauernd Ausschau nach einem günstig stehenden Exemplar. Noch lieber wäre sie allerdings ständig bei unserer Aufnahmetätigkeit zugegen gewesen, doch in letzter Zeit ließ der Operateur immer deutlicher merken, daß ihm die regelmäßige Mitarbeit einer Frau unerwünscht war. Wie weit da bei ihm Berufs- oder noch primitiverer Männerstolz im Spiel war oder aber ein Wunsch von Frau Paulas Seite, blieb mir unergründlich.

Ruth zog jedenfalls bald die Konsequenzen aus seiner zunehmenden Einsilbigkeit und Verdrossenheit, sie fuhr zwar nach wie vor allmorgendlich mit uns nach Utinga hinaus, schlug sich aber meistens schon nach einer Viertelstunde, ein Schmetterlingsnetz in der einen, ein scharf geschliffenes Buschmesser in der andern Hand, ihre Rolleiflex und eine kleine Ledertasche über der Schulter, seitwärts in die Büsche. Neben einer Taschenapotheke führte sie ständig auch eine Ampulle Schlangenserum samt der zugehörigen Injektionsspritze bei sich, und im übrigen kannte ich die erstaunliche Courage und Energie, die diese so kindlich anmutende Frau entwickeln konnte, recht gut. Nichtsdestoweniger war mir nicht immer sehr wohl zumute, sie auf diesen Streifereien völlig allein zu wissen, denn schließlich war es nicht der Berliner Grunewald, der uns hier umgab. Nachdem sie schon mehrfach nicht über Mittag daheim erschienen war und einmal erst in tiefer Nacht mit einem arg geschundenen und geschwollenen Knie angehinkt kam, schlug ich ihr vor, sich doch nach irgendeiner Begleitung auf ihren Fahrten umzuschauen. Aus naheliegenden Gründen vielleicht einer weiblichen. Sie sah die Ratsamkeit wohl ein, hatte aber mit ihrem Hinweis recht, daß hierzulande ein weibliches Wesen mit der gleichen abenteuerlichen Veranlagung und der gleichen Wurstigkeit demgegenüber, was die andern Geschlechtsgenossinnen dazu sagen, schwerlich zu finden sein würde.

Dann leistete sie sich aber eines Tages eine geradezu haarsträubende Sache, die mich zu einem der in unserm Zusammenleben sehr selten vorkommenden ernstgemeinten Vetos veranlaßte, und die durch die besoffene Geschwätzigkeit von Lucys Mann außerdem zum nachträglichen Stadtgespräch von Parà wurde. Zum überwiegend abfälligen natürlich, und das leider nicht ganz mit Unrecht. Und die darüber hinaus noch ein paar blutige und dramatische Szenen zur Folge haben sollte.

Ruth kam an jenem Tage etwas später als Bittner und ich, mit einem Löwenhunger, zerfetzt und schweißgebadet wie gewöhnlich, aber voll von neuen Erlebnissen und Eindrücken, zu Mittag angeschlendert, legte mir ihr zu einem Bündel zusammengeknüpftes Taschentuch auf den bereitliegenden frischen Anzug, warf sich in meine Hängematte und platzte mit ihrem Bericht los.

»Was hast du da drin?« fragte ich in ihre Erzählung hinein und tat das Bündel beiseite.

»Ach so, das hätte ich beinahe vergessen! Ein entzückendes Schlänglein! Wir müssen das arme Ding irgendwo unterbringen. – Es ist eine junge Korallenschlange, eine von der ungiftigen Art natürlich. Ich habe sie heute vormittag um zwei Milreis draußen am Kanal von dem alten Schnapsbruder gekauft, der uns damals das Faultier angebracht hat. – Da sieh, ist sie nicht reizend!?«

Damit knüpfte sie das Tuch auf, eine zusammengerollte kleine Schlange von prächtiger, schwarz-roter Färbung lag darin. Sie erhob den Kopf, und angesichts dieses Kopfes schlug ich entsetzt die nach ihr ausgestreckte Hand meiner Frau beiseite und riß sie mit einem Ruck aus der Hängematte heraus –! Der Kopf des Reptiles war von so scharf dreieckiger Form und ihr Schwanz so abgestumpft, daß ich mir sofort im klaren war, es hier nicht mit einem jungen Exemplar der größeren, harmlosen Korallenschlange, sondern mit einem ausgewachsenen der tödlichgiftigen andern Art zu tun zu haben. Ich rief den alten Alfredo, der draußen auf der Pujada herumschaffte, herein, und obgleich er offenbar ziemlich angesäuselt war, prallte auch er sogleich mit dem Ausruf zurück: »Gracos Deus, uma cobra coral!«

Auf seine erschrockene Frage, ob die Senhora das Reptil etwa selbst gefangen hätte, berichtete ihm die verdatterte Ruth den Hergang und setzte unklugerweise auch hinzu, daß sie in ihrer Ahnungslosigkeit bei der Tramfahrt das Bündelchen mit der Schlange auf einem freien Platz neben sich liegen gehabt hatte. Worauf Alfredo, der gerade seine quartalmäßige Saufperiode absolvierte, die Historie von der Senhora, die mit einer Korallenschlange Tram gefahren war, unverzüglich dem Kreise seiner Cajasbrüder verzapfte.

Bereits am Abend darauf kam Frau Landsberger ziemlich atemlos angehetzt und erkundigte sich, ob tatsächlich etwas an dem in der ganzen Stadt verbreiteten Gerücht sei, daß »das Gind« gestern mit einem Bündel, in dem sich ein bis zwei Dutzend der gefährlichsten Reptilien Amazoniens befanden, mit dem Tram von Utinga hereingefahren wäre ...

Auf welche Frage hin ich in rascher Erkenntnis des Zusammenhanges ins Souterrain hinunterstieg, den in der Gerätekammer schnarchenden Alfredo aufrüttelte und ihn fragte, wie er in Teufels Namen dazu käme, über unsere Angelegenheiten in der Stadt herumzuklatschen –! Er sah mich mit einem stieren Blick an, und es dauerte eine Weile, bis sein benebeltes Gehirn erfaßt hatte, worum es sich handelte. Dann aber raffte er statt einer Antwort plötzlich sein Buschmesser auf und führte ohne weiteres einen Hieb nach mir, der mir den Schädel gespalten hätte, wenn ich nicht blitzschnell beiseite- und zur Tür hinausgesprungen wäre. Doch der schnapstolle Kerl kam mir, brüllend vor Wut und wild das Messer schwingend, nachgestolpert. Ich ergriff eine an Jackys Käfig lehnende Schaufel und hielt ihn mir damit vom Leibe, und auf sein Geheul hin kamen Manuelo und seine Schwester herausgestürzt. Gemeinsam drangen wir dann auf ihn ein und konnten ihn auch schließlich überwältigen. Wie wir aber danach mit Schrecken sahen, hatte er seiner Tochter bei der Katzbalgerei einen Hieb über den Unterarm versetzt, der fast bis auf den Knochen durchgegangen war.

Ruth legte dem Mädchen, das eine bewunderungswürdige Gefaßtheit bewahrte, einen Notverband an und brachte es, begleitet von Manuelo, ins Spital, und Bittner und ich sperrten den Betrunkenen, der auf einmal zusammengesackt war und alles apathisch hinnahm, in die Gerätekammer ein. Eine Viertelstunde nachher kam Lucy ahnungslos von einem Ausgang zurück. Als ich ihr das Vorgefallene mitteilte, wurde das schwarze Gesicht der alten Negerin aschgrau, am ganzen Leibe zitternd, sank sie auf einen Stuhl nieder. Als sie jedoch vernahm, daß ihre Tochter dabei schwer verletzt und ins Spital gebracht worden war, begann sie, Schreie auszustoßen wie ein Tier, rannte schließlich, immer noch schreiend, zum Haus hinaus und, taub gegen alles Zureden, die Straße zum Hospital hinunter.

Mit den wilden Szenen dieses Abends war jedoch die Verkettung von aufregenden Ereignissen, die durch Ruths Korallenschlange in Gang gekommen war, noch nicht beim letzten Glied angelangt, denn als wir zwei am andern Morgen beim Frühstück saßen, hörten wir auf einmal Manuelos Stimme aus dem Souterrain laut und aufgeregt nach uns rufen, und gleich darauf kam Bittner mit den Worten hereingestürzt: »Schnell, Heye, schnell, den Verbandkasten! Alfredo hat sich die Pulsadern aufgeschnitten!«

Wir fanden ihn ohnmächtig und schon halb verblutet vor. Manuelo berichtete uns, daß er heute früh seinen Vater wachgeklopft und durch die verschlossene Tür ihm über seine Aufführung von gestern Abend Vorwürfe gemacht hatte. Der Alte hätte ihn nur immer wieder gefragt, ob das wirklich wahr sei; er schien wirklich keine Ahnung zu haben, was er angerichtet hatte. Manuelo war dann zu dem Operateur hinaufgegangen, um ihn zu bitten, die Türe aufzuschließen, doch als sie beide in die Gerätekammer kamen, fanden sie zu ihrem Schrecken den Alten in einer Blutlache liegend vor. Bei der völlig grenzen- und bedingungslosen, leidenschaftlichen Liebe, mit der der Brasilianer an seinen Kindern hängt, war ihm das Bewußtsein seiner Tat schlechthin unerträglich gewesen. – Der Arzt, den wir sofort herbeiriefen, machte ein sehr bedenkliches Gesicht und ließ den Verwundeten unverzüglich ins Krankenhaus überführen.

»Das ist doch, als wenn der Teufel drin wäre – jetzt wird nun schon der dritte aus unserm Hause ins Spital geschafft«, sagte Bittner kopfschüttelnd, als die Bahre hinausgetragen wurde. »Wenn das so weitergeht, wird bald die ganze Bude leer sein.«

Ein paar Tage später mußte er, seiner schwärenden Wunden am Rücken wegen, selber den gleichen Weg antreten. Dafür kam allerdings Vetter Sepp am selben Morgen zurück. Er schien noch ziemlich wacklig auf den Beinen zu sein, und sein gedunsenes Gesicht war von käsiger Blässe. Ich hatte mich bei seinem Anblick schon darauf gefaßt gemacht, in nächster Zeit ganz allein weiterarbeiten zu müssen, doch angesichts der Geld- und Zeitverluste, die wir durch seine eigene und Bittners Erkrankung, vor allem durch dessen anfängliches Herumsumpfen und nun wiederum durch die Arzt- und Spitalkosten für Alfredo und seine Tochter zu verbuchen hatten, wurde unserm Junior so bange um den weiteren Verlauf unseres Unternehmens, daß er sich plötzlich in ganz unvermuteter, fast heroisch zu nennender Weise selbst bezwang und fortan brav mit Hand anlegte.

Trotz seiner offensichtlichen Schwäche begleitete er mich schon am andern Morgen nach Utinga und half mir den ganzen Tag hindurch bei meinen Versuchen, drei Exemplaren der Katzenkralle, die wir uns in der vergangenen Woche vorgemerkt hatten, mit der Kamera beizukommen. Doch die Standorte von den drei Pflanzen erwiesen sich als so ungünstig, daß trotz all unserer verzweifelten Bemühungen nichts zu erreichen war. Verstochen, geschunden und zerfetzt und fast aufgelöst in unendliche Ströme von Schweiß, fuhren wir gegen Abend unverrichteter Dinge wieder heim.

Manuelo hatte am gleichen Tage auf eigene Faust ein weiteres Exemplar des faszinierenden Gewächses aufgespürt, mit dem wir am folgenden Morgen einen neuen Versuch unternahmen. Die Sache schien anfangs recht aussichtsreich, denn die Liane wand sich an einem Baum empor, der in leidlich guter Sicht dicht am Rande einer schmalen Lagune stand. Von einem wildverwachsenen Haufen übereinandergestürzter Stämme am andern Ufer aus, konnten wir in stundenlanger Beobachtung wirklich die Bewegung von einem der unheimlichen Suchtriebe des Gewächses feststellen, worauf wir, knietief im Morast watend und von ganzen Wolken von Moskitos und Stechfliegen gepeinigt, unsere Apparatur herbeischleppten und auf dem faulenden Haufen, in den wir immer wieder bis zu halbem Leibe einbrachen, mit schwerer Mühe postierten. Die Distanz bis zum andern Ufer erwies sich als möglich, und die Beleuchtung als recht gut; es handelte sich nur noch darum, die Draperien einer prächtig blühenden Winde, die von einem ausladenden Aste desselben Baumes herabhingen, aus dem Blickfelde zu entfernen.

Manuelo erbot sich sofort, hinüber zu schwimmen und die störenden Planken wegzuschlagen; doch nachdem er eine Weile mit kritischem Blick das dunkle Wasser der Lagune betrachtet hatte, schüttelte er mit einem lakonischen »Pyranhas, Senhores!« den Kopf, arbeitete sich ein Stück am Ufer entlang und kreuzte dann das Wasser weiter unterhalb an einer noch schmäleren und seichteren Stelle. Wir sahen ihn bald danach uns gegenüber im Vegetationsgewirr auftauchen und erst mit einer langen Stange versuchen, das Windengehänge herunterzureißen. Er schien nicht damit zu Rande zu kommen, so rief ihm Sepp schließlich zu, er solle doch einfach auf den Baum hinaufsteigen. Was Manuelo darauf antwortete, konnten wir nicht verstehen, er schien Einwände zu haben, aber zuletzt machte er doch den Versuch, an dem Stamm emporzuklettern.

In der nächsten Minute erlebten wir aber leider mit unserer hoffnungsvollen Teufelskralle etwas ganz Ähnliches wie Bittner damals vor sechs Jahren mit seinem Kolibrinest: der anscheinend absterbende Baum brach unter Manuelos Gewicht zusammen, in sein Geäst und das Netzwerk von Winden- und Teufelskrallenranken verstrickt, stürzte er herunter und in das hochaufspritzende Wasser der Lagune hinein. Er war zwar mit erstaunlicher Geschwindigkeit und offenbar völlig unversehrt wieder heraus, aber uns beiden war doch für einen Moment gewesen, als ob uns der Herzschlag aussetzte – wir wußten, was es mit Pyranhas auf sich hatte!

Diese übelbeleumdete Raubfischart stand ohnehin als eine der nächsten Nummern auf unserm Kurbelprogramm, und vielleicht stellte gerade dieses, nicht weit von der Feldbahn entfernte Gewässer die geeignetste Örtlichkeit für die geplanten Aufnahmen dar, aber ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, vorerst unbedingt einmal die züngelnden Arme einer Teufelskralle zu filmen, und da nun auch diese mitsamt ihrem Stützbaum zum Teufel gegangen war, mußten wir uns wiederum auf die Suche nach einem andern Exemplar begeben. Es war eine Sache, bei der es sehr auf einen glücklichen Zufall, aber auch darauf ankam, daß möglichst viele Augen Ausschau hielten.

Ruth hatte sich vom ersten Tag an bei der Jagd auf ein geeignetes Exemplar beteiligt, als ich ihr aber nach jenem Stück mit der Korallenschlange zu verstehen gegeben hatte, daß sie weiteres alleiniges Herumstreifen nur gegen meinen ausdrücklichen Willen unternehmen würde, war sie zwei Tage lang schmollend daheim geblieben. Ich wußte, welch großen Verzicht das für sie bedeutete, hatte auch dauernd nachgegrübelt, wo ein geeigneter Begleiter für sie herzunehmen wäre, aber erst, als wir nach unserm neuerlichen Mißerfolg heimfuhren, kam ich auf einen naheliegenden Gedanken.

Da der hungrigen Mäuler in unsern Glaskästen daheim immer mehr geworden waren, hatten wir uns allmählich eine ganze Anzahl von kindlichen Hilfskräften zur Herbeischaffung von Futter verpflichten müssen. Unter dieser ziemlich disziplinlosen Rotte, mit der es neben manchem Spaß auch immer wieder recht viel Ärger gab, befand sich ein ungefähr zwölfjähriger, sehr aufgeweckter Bub namens Pedro. Er stand in irgendeinem unentwirrbaren Verwandtschaftsverhältnis zur Familie Vanderbilt, das heißt natürlich zu unserer schwarzen und nicht etwa zu der weißen, millionengesegneten im fernen Neuyork! – Der kleine Kerl bildete unter seinen Genossen eine rühmliche Ausnahme in puncto Zuverlässigkeit, und außerdem hatte er vom ersten Tage an eine schwärmerische Verehrung für Ruth gezeigt.

Dieser Dom Pedro, wie wir ihn nach dem letzten Kaiser von Brasilien nannten, stieg mit einem Kessel voll Daphnien und anderem lebenden Fischfutter zufällig in den von mir benutzten Tramwagen ein, und in einer plötzlichen Eingebung fragte ich ihn, ob er es nicht künftighin als seine Hauptaufgabe betrachten wolle, Frau Ruth auf allen ihren Exkursionen zu begleiten und Futter und sonstige zoologische Objekte nur noch nebenbei zu sammeln. Mit aufleuchtenden Augen und stammelnd vor Glückseligkeit stimmte der Bub sogleich zu, und er hat seine übernommene Aufgabe bis zum letzten Tage seines kurzen Lebens geradezu mit rührender Treue und Gewissenhaftigkeit ausgeführt. Wie ein Schatten folgte er fortan seiner Senhora bei jedem Schritt, ließ sie kaum eine Sekunde aus den Augen, war auf den beschwerlichen Wegen durch die Dickichte unermüdlich in kleinen Hilfeleistungen und Hinweisen auf all die Fährlichkeiten und verhängnisvollen Irrtümer bereit, die dem Unerfahrenen hier ständig zustoßen können. Darüber hinaus lernte Ruth natürlich bei dem dauernden Zusammensein mit dem Buben, der auf einer kleinen Hazienda mitten in den Wildnissen des oberen Tocandins aufgewachsen und sozusagen selber ein Geschöpf der Wildnis war, ein gut Teil der vieltausendfältigen Lebensformen des Urwaldes kennen, und außerdem machte sie dabei nunmehr erstaunlich rasche Fortschritte in der Landessprache.

Die Ernennung Dom Pedros zum Leibwächter meiner Frau brachte aber auch mir selbst schon zwei Tage darauf das unverhoffte Glück, endlich die tastenden Polypenarme einer Teufelskralle filmen zu können. Und zwar unter geradezu idealen Umständen, was Licht und Bequemlichkeit der Position betraf.

Auf einem Streifzuge durch die Wildnis jenseits der südlichen Grenze des Utinga-Reviers war der Bub, den Ruth über den Gegenstand meines rastlosen Herumsuchens im Urwald unterrichtet hatte, auf einmal neben einem phantastisch übereinandergetürmten Chaos von frischgefallenen Bäumen stehengeblieben und hatte mit den Worten: »Ist es das, was Senhor Arturo sucht?« auf ein zerrissenes Flechtwerk von Ranken, Luftwurzeln und armdicken Lianenstämmen am Rande der kleinen Lichtung gezeigt. Und aus dem Wirrwarr griffen einige frischgrüne, krallenbewehrte Triebe, in leisem Luftzug hin und her schwingend, heraus. Von dem sterbenden Urwaldriesen, unter dessen aus dem Boden gewuchteten ungeheuren Wurzelstock die beiden standen, war bei seinem Sturz eine ganze Reihe benachbarter Stämme mit in den Untergang gerissen worden, und anscheinend hatte sich darunter auch einer der Stützbäume dieser »Bignonica unguiscati« befunden. Ihre rasch hervorgesprossenen Krallentriebe waren nunmehr bemüht, einen neuen Halt zu finden. Ein waagrecht herausragender und mehr als meterdicker Ast des niedergebrochenen Urwaldgiganten bot eine ausgezeichnete Plattform für die Kamera dar, und von dort oben aus bis zu den suchenden Krallen der Liane betrug die Entfernung noch keine vier Meter. Das beste aber war die Flut von Licht, die sich durch den beim Sturz des Baumgiganten im Kronendach entstandenen Riß hier in die ewige Dämmerung des Waldes ergoß.

Die beiden machten sofort kehrt, hasteten nach Hause und teilten mir, glühend vor Freude, ihre Entdeckung mit. Ohne noch das Essen einzunehmen, das soeben serviert werden sollte, und trotz der höllischen Hitze der Mittagsstunde, brachen Sepp und ich unter Führung der zwei unverzüglich auf. Nach fast dreistündigem, unbeschreiblich anstrengendem Vorwärtskriechen durch völlig pfadlose Waldgründe kamen wir auf der kleinen Lichtung an, und brachten unter weiterer harter Mühsal die Kamera droben auf der natürlichen Bühne des Astes in Position.

Das Filmen selbst war dann nur noch eine Spielerei, und bei der besonders stickigen Atmosphäre dieses Tages sogar eine willkommene Erholungspause für uns. Sie kostete allerdings viel Zeit, und wir waren noch keine halbe Stunde auf dem Rückwege, als die Nacht und mit ihr ein Gewitter über uns hereinbrach. Doch schlimmer als all dieses traf uns die Erkenntnis, daß wir bei der Hast unseres Aufbruches unsere Taschenlampen vergessen hatten.

Der kaum von schwerer Krankheit aufgestandene Sepp war begreiflicherweise der erste, der auf diesem Heimwege durch krachende, brüllende, von blendenden Feuerstrahlen durchzuckte, von herniederstürzenden Wassermassen durchrauschte Urwaldfinsternis schlapp machte. Ruth faßte ihn unter und brachte ihn noch ein Stück vorwärts, doch zu meiner ingrimmigen Beschämung war dann ich selber der zweite, der nicht mehr weiter konnte. Ich hatte mich, wie immer vor Witterungsumschlägen, schon seit Mittag in zunehmender Weise matt und übel gefühlt und zum ersten Male seit Wochen wieder ein bedrohliches Rumpeln in des Leibes Mitte bemerkt; die Überanstrengung dieses Marsches gab mir nun vollends den Rest.

Unter den obwaltenden Umständen war nicht mehr daran zu denken, daß wir heute nacht noch heimkamen, und hier bei dieser Gelegenheit erkannten wir zum ersten Male recht, welch einen wertvollen Gefährten wir in dem kleinen Dom Pedro gewonnen hatten. Die Sicherheit und Schnelligkeit, mit der er in der rabenschwarzen triefenden Finsternis, die uns umgab, einen Schlupfwinkel zwischen den zwei Meter hohen Pfeilerwurzeln eines Riesenbaumes gefunden, ihn notdürftig gesäubert und darüber dann auch noch ein leidlich regendichtes Schutzdach aus großblättrigem Gezweig errichtet hatte, war für uns schier unfaßbar.

Es war ein kurzes, aber dafür um so wilderes Gewitter. Dicht aneinander gedrängt hockten wir in dem engen Raum der Höhlung, beobachteten, wie die abgespannten Gesichter der Gefährten ringsum und die phantastischen Wirrnisse der Vegetationsformen draußen in unaufhörlichem raschen Wechsel in jähe Helligkeit heraus- und wiederum in tiefe Schwärze zurücksprangen, zuckten bei besonders nahen, schmetternden Einschlägen stets aufs neue zusammen und rauchten dabei aus lauter Nervosität zahllose Zigaretten. Mir fiel zwar immer wieder ein, daß ich mit solchem Tun meine Gallenbeschwerden nicht gerade milderte, und warf dann die eben angezündete Giftnudel wieder weg, stellte aber ein paar Minuten darauf ärgerlich fest, daß ich mir gedankenlos bereits wieder eine neue angesteckt hatte, und verfluchte dabei, ich weiß nicht zum wievielten Male innerhalb von sechzehn Jahren, jenen Tag im fernen Uganda, an dem ein Blitzschlag eine grausige Szene rund um mich ausgelöst und damit meinem Nervensystem einen Schock versetzt hatte, der wohl nicht mehr reparabel ist.

Schon nach einer Stunde ließ das Toben über unsern Köpfen nach, rollten die Wogen des Donners dumpfer, flackerte der Widerschein der Blitze fahler in unsern feuchten Schlupfwinkel herein. Das wuchtigbrausende Gießen ringsum verwandelte sich in sanfteres Rauschen und verebbte allmählich zu millionenfachem schwerem Tropfen und Träufeln. Durch eine einzelne Ritze in dem nachtdunkeln triefenden Gewölbe über uns blitzte das weiße Licht eines Sternes herab; wie mit einem Schlag setzte darauf der Gesang der Zikaden wieder ein, dröhnte als mächtige Sinfonie durch die Urwaldnacht, und Schwaden von schwülem, modrigem Dunste stiegen aus dem Boden auf. Diesem weichen, schwarzen, feuchtigkeitgesättigten Boden, den einst, vor Jahrhunderttausenden, die uferlosen Wasser des Amazonas hier abgelagert, aus dem sich seither in unendlicher Folge Generation auf Generation von Urwald emporgekämpft hatte und nach ihrer Zeit wieder hinabgesunken, vermodert und zerfallen war zu metertiefen Schichten von lebensträchtigem Humus.

Rauschend fuhr ein Windstoß durch den dunkeln Dom der Laubgewölbe, Tropfenschauer sprühten klingend herab in die schwarzen Massen stummwuchernder Vegetation, und mit dem leisen Verrauschen der Luftwelle drang das dumpfe Murren eines jagenden Pumas durch die brütende Stille. Hell antwortete der Schrei eines Nachtaffen droben in den finsteren Kronen; wie eine Antwort des ewig triumphierenden Lebens auf die ewige Drohung des Todes stieg der Schrei zum sternenflammenden Äquatorhimmel empor.

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