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Amazonasfahrt

Artur Heye: Amazonasfahrt - Kapitel 10
Quellenangabe
authorArthur Heye
titleAmazonasfahrt
publisherBüchergilde Gutenberg Zürich
year1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180104
projectid4c6e3be8
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9

Am folgenden Vormittag gegen neun Uhr, als das direkte und reflektierte Sonnenlicht am günstigsten auf das Gebüsch mit dem Kolibrinest fiel, unterbrachen wir die Arbeit am Saùvabau und nahmen im Verlauf von etwa anderthalb Stunden hundertzwanzig Meter Film von der vor ihrem Nest schwebenden Vogelmutter auf. Es ging alles nach Wunsch, das Tierchen ließ sich durch das Rattern des Mechanismus überhaupt nicht mehr beirren, und so machte ich zuletzt Bittner den Vorschlag, die Kamera noch näher an das Nest heranzubringen, Ruth, die sich sofort dazu bereit erklärte, dahinter zu placieren und sie in voller Sicht bis zum Abend leer drehen zu lassen. Ging auch das gut, so war die Möglichkeit gegeben, tags darauf auch noch einige Zeitlupenaufnahmen von dem fütternden Vögelchen zu machen.

Bittner war sehr skeptisch, ließ es aber auf den Versuch ankommen. So installierte sich Ruth knapp drei Meter vor dem Objekt, wir beide gingen zu unsern mühevollen Insektenaufnahmen zurück und schafften im Schweiße, nicht nur unseres Angesichts, bis gegen zwölf Uhr daran. Ruth war nicht zu bewegen, ihren Posten zu verlassen und mit zum Mittagessen nach Hause zu kommen, so ließen wir sie allein im Wald zurück und schickten ihr, daheim angekommen, durch Manuelo einen Imbiß hinaus.

Ursprünglich hatten wir beabsichtigt, nach dem Essen sogleich wieder in Utinga mit unserer Arbeit fortzufahren, aber der Operateur, der schon am Vormittag immer wieder mißtrauisch die von ihm konstruierte »optische Bank« untersucht hatte, die wir zu diesen bodennahen Insektenaufnahmen benutzten, kehrte auf einmal mit den Worten um: »Ich weiß nicht, ich hab so'n komisches Gefühl bei den Saùvaaufnahmen. Kommen Sie, wir wollen doch lieber erst mal in die Dunkelkammer gehen und ein Probestück entwickeln.«

Eine Viertelstunde darauf erscholl drunten in der stickigen Düsternis unserer Dunkelkammer ein Duett von erlesenen Kraftausdrücken: die vielen hundert Meter Film, die wir seit gestern mit Ameisenaufnahmen belichtet hatten, waren verdorben, alles erwies sich als hoffnungslos verwackelt! Wie wir an der Tatsache feststellten, daß die auf dem Stativ gedrehten Kolibriaufnahmen tadellos waren, lag die Ursache an der Konstruktion von Bittners optischer Bank, ihr Gefüge war beim Kurbeln in leise Vibration geraten, und das hatte genügt, um alle Bilder unscharf zu machen.

»So ein kreuzweis verfluchtes Pech!« knirschte der Operateur, schlenkerte sich wütend den Schweiß vom Gesicht, nahm nochmals die Lupe vors Auge und betrachtete kopfschüttelnd die winzigen Bildchen auf dem Probestück. »Nischt zu machen, alles unrettbar versaut! Jetzt müssen wir die ganze Scheiße noch einmal drehen. Und das schlimmste ist, daß wir für die Aufnahmen von dem Außenbetrieb erst einen andern Bau ausfindig machen und freilegen müssen, da wir den bisherigen ja aufgerissen haben! – Ich weiß nicht, wie das möglich gewesen ist, ich habe das gottverdammte Ding von Bank doch verstrebt und verschraubt, daß man denken sollte, ein Schnellzug könnte drüber fahren, ohne daß es sich rührt! Bloß ein Glück, daß der Schöps, der Sepp, nicht dabei war; der hätte den glatten Verlust von dreihundert Reichsmark sieben Jahre lang nicht verwinden können. Aber daß nun auch all die Schinderei vergebens gewesen ist –!«

Er war von dem Mißerfolg derart deprimiert, daß ich befürchtete, er würde seinen Kummer wieder in zahlreichen Gemäßen mit »Hellem« ertränken, sobald ich ihn aus den Augen ließ. So drängte ich, sofort nach Utinga hinauszufahren, das Unglücksmöbel von optischer Bank hereinzuholen und es gemeinschaftlich umzubauen, so daß wir im Laufe des nächsten Tages wenigstens die Aufnahmen vom Innern des Baues wiederholen konnten, Manuelo mit seinen Leuten aber gleichzeitig zu beauftragen, sich auf die Suche nach einem andern geeigneten Saùvabau zu begeben und unverzüglich an das Auslichten der Umgebung zu gehen, so daß wir den Schneidebetrieb filmen konnten.

Mein Zureden half, wir machten uns sogleich auf den Weg und hatten, am Pumpenhause angekommen, das Glück, eine Gruppe von Arbeitern anzutreffen, die soeben mit einer Draisine abfahren wollte und uns bereitwillig mitnahm.

Doch auf halbem Wege kam uns in Gestalt von Ruth eine neue Hiobsbotschaft entgegen. Daß es eine solche war, ersah ich schon an ihrer ganzen Haltung; mit gesenktem Kopfe kam sie angetrabt, ein Büschel mit bunten Federchen in der Hand, und mit zuckenden Lippen berichtete sie dann, wie heute mittag, direkt vor ihren Augen, unsere Kolibrimutter, als sie fütternd vorm Nest schwebte, von einem großen schwarzen Vogel in blitzschnellem Vorbeischießen erfaßt und mitgenommen worden war. Das Ganze hatte sich in solcher Geschwindigkeit abgespielt, daß sie anfangs dachte, sie wäre das Opfer einer Sinnestäuschung gewesen und noch fast eine Stunde in verzweifelter Hoffnung hinter ihrer Kamera auf das Wiedererscheinen des kleinen Geschöpfes geharrt hatte. Doch es war nicht mehr gekommen, und unter dem Nest hatte sie schließlich diese paar herabgestäubten, blutüberperlten Federchen gefunden.

»Wenn wir nicht die zwei großen Bäume vor dem Nest gefällt hätten, wäre dem armen kleinen Ding und seinen Jungen nichts passiert, denn dann hätte es der Räuber nicht von oben erspähen und auf es herunterstoßen können«, sagte sie leise, und die Tränen tropften ihr auf das bunte Federbüschelchen in der Hand nieder. »Ich geh jetzt heim, ich mag nicht mehr.«

Damit trottete sie niedergeschlagen weiter, und mir wurden auf der Weiterfahrt die zahllosen ähnlichen Enttäuschungen, die ich auf meinen einsamen Kamerafahrten in den Weiten der afrikanischen Steppen erlebt hatte, wieder in fast schmerzvoller Weise lebendig. Wie Sir Geodfrey Burton, der Mann, der mich einst auf die Fährten der Kinder der Wildnis gesetzt hatte, einmal sagte, erkannte er die Adepten dieses ebenso faszinierenden wie harten Berufes schon an ihren Gesichtern. Sie wären wie zusammengezogen von der unendlichen Mühsal und der unendlichen Bitterkeit der tausendfältigen Enttäuschungen, aus denen dieser verrückteste aller Berufe bestünde.

Am Ziele angekommen, bauten wir auf der kleinen Lichtung schweigend die Kamera ab, und bevor wir gingen, trat ich an das verwaiste winzige Nestgebilde mit den zum Hungertod verurteilten Jungen heran und zerdrückte es mit abgewandtem Gesicht zwischen den Fingern.

Als wir in Begleitung von zwei Arbeitern, die die optische Bank trugen, auf dem Rückweg das Maschinenhaus passierten, wurden wir von dem Oberaufseher begrüßt. In seiner gewohnten ausgesuchten Höflichkeit erkundigte er sich nach unserm Befinden und nach dem Fortschritt unserer Arbeiten, aber als er von dem Pech hörte, das uns betroffen hatte und uns zur Ausfindigmachung einer neuen Saùva-Verkehrsstraße zwang, brachte er unerwarteterweise eine glänzende Idee zutage. Er führte uns zu der von zwei gewaltigen Bäumen beschatteten Schmiedewerkstatt der Anlage hin und zeigte hier triumphierend auf zwei lebendige Bänder, ein hellbraunes und ein grünliches, die wie bei einem Paternosterwerk an dem Stamm eines der Riesen auf- und niederstiegen.

»Sehen Sie hier, Senhores, hier sind auch Saùva. Ihre Straße windet sich zwischen den Luftwurzeln dieses Ficus hin, überquert dann jenen halbversunkenen alten Stamm, und führt dort auf einem Brückchen, das sicherlich zu diesem Zweck von den Ameisen selbst errichtet worden ist, über das kleine Rinnsal! Ich glaube, daß das im Bild besonders eindrucksvoll sein wird. Sehen Sie, Senhores? – Und, was die Hauptsache ist, Sie können sich hier die Mühe des Freischlagens sparen, denn ich kann Ihnen leicht ein Stromkabel von der Schmiede herauslegen lassen, so daß Sie die Aufnahmen beim Licht ihrer großen Studiolampen machen können.«

Der Gedanke war wirklich genial, Bittner dankte ihm in seinem besten Portugiesisch, und ich kam auf den glücklichen Einfall, den Caballero mit dem leicht entflammbaren Herzen zum Abendessen in unser Haus einzuladen. Er bedankte sich in überschwenglicher Weise und bot uns zu unserer freudigen Überraschung beim Abschiede außerdem noch an, eine alte ausrangierte Draisine wieder instand setzen zu lassen und uns zur dauernden Verfügung zu stellen. Er bestätigte meine stille Vermutung selbst mit dem Hinweis, daß die »reizende junge Dame, die ein solch bewunderungswürdiges, tapferes Interesse für unsere Arbeit und für die Schönheit von Utinga zeigte«, nicht immer den langen ermüdenden Weg zu Fuß zurücklegen müsse.

Laut einem zu Hause zurückgelassenen Zettel war die reizende junge Dame zu einem Besuch ihres Vetters ins Spital gegangen; wir beide begaben uns sofort an den Umbau des Unglücksgerätes, schafften mit Verbissenheit bis in die Nacht daran, machten dann bei Lampenlicht im Atelier noch verschiedene Probeaufnahmen damit und nahmen erst, nachdem wir sie entwickelt und für tadellos befunden hatten, in dem schlafenden Hause ein ehrlich verdientes, mitternächtiges Abendessen ein.

Mit Hilfe unserer Jupiterlampen bewerkstelligten wir am andern Vormittag binnen zwei Stunden eine neue wunderschöne Aufnahmenserie vom Transportwesen der Saùva; die Hauptattraktion darin bildete die kunstvolle Brücke, die diese unglaublichen Insekten über das kleine Rinnsal geschlagen hatten. Anschließend zogen wir sogleich wieder zu dem freigelegten Bau unter der Bromelia hinaus und drehten im Verlaufe von zwei Tagen alle Aufnahmen seines geheimnisvollen Innenlebens noch einmal. Die Probestücke, die wir allabendlich davon entwickelten, erwiesen sich nunmehr samt und sonders als einwandfrei.

Die liegende Stellung, die wir bei dieser Arbeit fast stundenlang einnehmen mußten, hatte natürlich den vielgestaltigen Beißern und Blutsaugern des Urwaldes ideale Angriffsmöglichkeiten geboten. Die wenigen Stellen, die von ihnen verschont geblieben waren, wurden dann, wenn wir in dem aufgewühlten Saùvabau herumstocherten, von dessen rachsüchtigen Bewohnern attackiert; wie wir abends im Bade feststellten, sahen wir beide aus wie die geschundenen Raubritter. Am Morgen des letzten Tages der Saùvaaufnahmen bemerkte ich auf meinem linken Unterarm und Handrücken je eine kleine, heftig juckende Anschwellung, die sich im Laufe des nächsten Tages zu einer feuerroten und höllisch schmerzenden Beule entwickelte.

»Mensch, das ist so ein gemeines Vieh von Dasselfliege gewesen«, rief Bittner aus, als ich den Karbunkel wieder einmal seufzend betastete. »Gucken Sie doch übrigens mal meinen Rücken an. Hier und hier tut's mir ganz niederträchtig weh. Sehen meine Buckel etwa auch so aus wie Ihre?«

»Ganz genau so. Und Sie haben sogar drei davon erwischt.«

»O Gott, o Gott!« jammerte er. »Na, wenn die Dinger reif sind, können wir was erleben! Diese Art von Volksbelustigung kenne ich schon von damals her!«

»Was sind Dasselfliegen?« fragte ich.

»Ich weiß es auch nicht. Der alte Landsberger nannte sie jedenfalls so. Daß man die Saubiester gar nicht sieht und spürt, wenn sie einen stechen, ist ja eben die Gemeinheit. Es entsteht nämlich nicht bloß ein Eiterpfropfen in dem Geschwür, sondern auch ein Wurm unter der Haut, so lang wie ein erwachsener Regenwurm. Ich kann Ihnen sagen: wenn der dann rausgezogen wird, hören Sie alle Engel pfeifen. Glücklicherweise versteht sich unser Manuelo auf die Operation aus dem Effeff.«

Er hatte in keiner Weise übertrieben. Mir war es tatsächlich, als ob ich alle Heerscharen jubilieren hörte, als mir Manuelo ein paar Tage darauf die zwei Maden herauszog, die wirklich so lang wie normale Regenwürmer waren. Als erstes preßte er den Eiter aus den Furunkeln heraus, und dann träufelte er zu meinem Entsetzen ein wenig Tabaksbeize, die hierzulande das Universalheilmittel gegen Insekten zu sein schien, in die Löcher. Wenn es mir nicht um die Würde des weißen Mannes zu tun gewesen wäre, hätte ich dabei aufgejault wie ein getretener Hund. So begnügte ich mich, ein paar Minuten lang Sprüchlein vor mich hinzumurmeln, die nicht im Gebetbuch stehen, und dabei Grimassen zu schneiden wie ein alter Gorilla.

Dann fühlte ich mit gesträubtem Haar, wie sich etwas im Fleisch meines Unterarmes regte, worauf der bereitstehende Manuelo mit zwei Zündhölzern energisch in die blutende Wunde hineinfuhr, darin etwas packte und daran zu ziehen anfing. Was vor meinen ungläubigen Augen schließlich herauskam, war ein gelblichweißer Wurm, so dick wie eine Stricknadel und gut acht Zentimeter lang. Mir trat bei der Prozedur das Wasser in die Augen, es war infernalisch schmerzhaft, denn des ekelhafte Vieh von Wurm sträubte sich noch dazu nach Kräften gegen die Ausquartierung und stemmte sich mit einer Unzahl von hakenkrummen Beinen in die Wunde ein. Obgleich mir nunmehr auch das andere Teufelsbiest unter der Wirkung des Tabaksaftes wie toll im Fleisch rumorte, boxte ich, halb von Sinnen vor Schmerz, Manuelo vor den Magen, als er wieder mit seinen Streichhölzern zufahren wollte, und beauftragte die teilnehmend zuschauende Lucy, mir vorerst einmal einen stärkenden Schluck Cajas zu bringen. Ich glaube, ich hätte sonst bei der zweiten Extraktion einfach schlapp gemacht.

Lucy legte mir dann eine kühlende Salbe auf und erschien fortan alltäglich zweimal, um die Wunden zu reinigen und zu verbinden. Aber, wie ich schon befürchtet hatte, dauerte es bei den ätzenden Schweißströmen, die einem hier Tag und Nacht am Körper herabrinnen, einige Wochen, bis sich die Löcher geschlossen hatten, und mittlerweile war ich bereits wieder von einer andern dieser heimtückischen Fliegen am Oberschenkel gestochen worden. Mit dieser neuen Wunde aber sollte es mir noch trübseliger ergehen; es war, als ob der Teufel dabei die Hand im Spiele hätte. Insofern, als Manuelo den besonders rabiaten Wurm beim Herausziehen erst einmal auseinanderriß, so daß ein Schnitt gemacht werden mußte, um das steckengebliebene Ende zu entfernen. Und als die ziemlich lange und tiefe Wunde dann endlich Miene machte, zu heilen, wurde sie mir von Jacky, einem Mitgliede unseres Privatzoos, beim Spielen wieder aufgekratzt. Da Jacky immerhin ein Raubtier war, nämlich ein Ozelot, wie der einheimische Name der brasilianischen Wildkatzenart lautet, und ich von Afrika her nur allzugut wußte, was es mit Raubtierwunden auf sich hat, brauste ich unverzüglich per Taxi ins Spital, wo mir die Schmarre in der ganzen Länge wiederum aufgeschnitten, mit allerlei teuflischen Tinkturen ausgeätzt und mir zum Schluß noch eine Injektion verpaßt wurde, die ich ebenfalls von Afrika her noch in grauslicher Erinnerung hatte.

Dennoch eiterte die Wunde beinahe zwei Monate lang. Sie ließ mich manche Nacht nicht schlafen und Wochen hindurch nur humpelnd gehen, ehe sie sich endlich schloß. – Wobei ich aber immer noch besser weggekommen war als mein Leidensgefährte Bittner. Die Löcher in seinem Rücken dachten überhaupt nicht ans Heilen, sie wurden nur immer größer, machten ihn allmählig völlig arbeitsunfähig und sahen schließlich so bösartig aus, daß er sich ins Spital aufnehmen lassen mußte. Er ging gerade an jenem Tage hinein, an dem Vetter Sepp entlassen wurde, und blieb drei Wochen darin. Auch in dieser Zeit schlossen sich die Wunden nicht vollständig; sie brachen in den folgenden Monaten immer aufs neue auf, und soviel ich weiß, sind sie bei seiner so ungeahnt bald eintretenden tödlichen Erkrankung noch ständig mitbehandelt worden.

Jacky, der Ozelot, stellte die dritte Erwerbung unserer Menagerie dar. Ihr Stamminsasse war der Leguan, den Manuelo damals auf jener märchenhaften Bootsfahrt angeschossen und den Ruth dann wieder gesund gepflegt hatte. Er war sehr zahm geworden, sie liebte ihn zärtlich und dichtete ihm die erstaunlichsten Eigenschaften an. Abgesehen von seiner Fähigkeit, mit dem einen Auge lauernd eine Fliege und mit dem andern ausgesprochen mißbilligend meine Person anzuschielen, wenn sie sich ihm näherte, und die unwahrscheinlichsten Färbungen anzunehmen, wenn man ihn neckte, betrachtete ich ihn meinerseits als einen ziemlich stumpfsinnigen Gesellen. Sein Standquartier war Ruths Zimmer; natürlich unternahm er aber ständig Jagdexkursionen auf Insekten im ganzen Hause. Sobald er sich jedoch in der Küche sehen ließ, wurde er von Lucy mit einem nassen Lumpen und unter ungeheurem Geschrei umgehend wieder hinausgeprügelt. Obgleich sie sich damit in Widerspruch zu allen Erkenntnissen der Zoologie setzte, behauptete sie, daß er ihr die Eier aussöffe.

Unsere zweite Erwerbung war ein Faultier. Es wurde uns eines Abends von einem alten Waldarbeiter ins Haus gebracht, der durch die Maschinisten von jener verunglückten Fangexpedition Sepps gehört hatte. Im Beisein des Alten steckte ich das Tier, das keinerlei Widerstand leistete und dem alles auf der Welt vollkommen Wurst zu sein schien, in einen meiner selbstgezimmerten Käfige. Es hockte darin gelassen, blinzelte mich mit einem Auge an, hob dann in feierlich langsamer Bewegung eine Pfote und begann sich im selben bedachtsamen Tempo den Kopf zu kratzen.

»Also, diese Brüder tragen ihren Namen wirklich mit Recht! So was von Trägheit ist ja nicht mitanzusehen!« sagte Ruth, streckte vorsichtig die Hand aus und half dem Faulpelz, den Kopf zu kraulen. Und er ließ sich nicht nur das ruhig gefallen, sondern auch, daß sie ihn einfach um und um drehte, und ihm unter entzückten Ausrufen über die samtartige Weichheit seines Felles auch noch Brust und Bauch und Rücken kraulte.

Um mich auch meinerseits mit ihm anzufreunden, war ich in die Küche gegangen und hatte Lucy ein Stück Palmkohl weggenommen. Es ist übrigens kein Kohl, sondern das frevlerischerweise herausgeschnittene Wipfelherz einer Palme; als Gemüse schmeckt es herrlich, aber es hat natürlich dem ganzen Baume das Leben gekostet. Es half mir jedoch nichts, daß ich dem neuen Hausgenossen die Delikatessen immer dichter und dichter vor die Nase hielt, sein gleichgültig-dummer Gesichtsausdruck wurde um keinen Deut interessierter. Der Alte, der ihn angebracht hatte, begann daraufhin eifrig auf mich einzureden, da wir aber von seinem zahnlosen Gemurmel so gut wie gar nichts verstanden, holte ich Lucy zum Dolmetschen herbei, und von ihr vernahmen wir zu unserer sprachlosen Verblüffung, daß Faultiere nichts anderes als das Laub von zwei oder drei ganz bestimmten Baumarten fräßen und daß der Alte sich erbot, gegen ein Monatsgehalt von sechzig Milreis in unsere Dienste zu treten, um die tägliche Futterration für den eingelieferten Gefangenen herbeizuschaffen!

Ich verspürte auf diese Unverfrorenheit nicht übel Lust, ihn samt seinem Faultier zur Tür hinauszuwerfen, und er vermerkte seinerseits meine Ablehnung seines Ansinnens so übel, daß er das Tier ergriff und mit ihm wieder fort wollte. Doch dabei stieß er auf Ruths energischen Widerstand, und nach längeren Verhandlungen kam sie mit dem eigensinnigen alten Papa überein, daß er allabendlich einen Arm voll Futter hier im Hause abliefern und dafür einen halben Milreis in Empfang nehmen sollte. Eine Woche lang hielt er die Abmachung inne, doch dann ließ er sich drei Tage hintereinander nicht mehr sehen. Besorgt um ihren fastenden Faulpelz, fragte Ruth den Oberaufseher nach dem Verbleib des Alten, und erhielt die Auskunft, daß er als notorischer Säufer bekannt und jetzt wahrscheinlich damit beschäftigt sei, den Erlös für das gelieferte Futter in Cajas umzusetzen. Worauf fortan Manuelo oder, wenn er keine Zeit hatte, sein Vater die Verproviantierung des diffizilen Kostgängers übernehmen mußte.

Das gerade Gegenteil von ihm, was Temperament, Intelligenz und Ernährungsansprüche betraf, war Jacky, die dritte Bereicherung unseres Tierparkes. Zu ihm kam ich durch einen bloßen Zufall, der freilich recht turbulent verlaufen sollte. Es war so, daß ich eines Vormittags, als ich mir beim Coiffeur das Haar schneiden ließ, im Spiegel einen jungen Menschen zur Tür hereintreten sah, der eine Pelzboa um den Hals trug. Erst als ich zur näheren Betrachtung dieses unglaublichen Phänomens hier unterm Äquator die Brille aufsetzte, sah ich, daß die Boa lebendig war und aus großen gelben Katzenaugen erstaunt ihr Konterfei im Spiegel betrachtete. Der junge Mann nahm wartend Platz, auf seinem Schoß, mit einem zufriedenen tiefen Mauzlaut der gefleckte Riesenkater. Ich konnte vom ersten Moment an den Blick nicht mehr von ihm wenden.

Ich habe, wie man mir zu Hause sagte, schon als kleines Kind für Katzen eine besondere Zuneigung gezeigt und mir diese Vorliebe für alle Sippen der »Felidæ« bis heute bewahrt. Soweit ich mich erinnern kann, bin ich während meiner Seefahrtszeit an Bord jedes neuen Schiffes immer mit einem Kätzchen unterm Arm gekommen, habe dann als Tierwärter in den Vereinigten Staaten und noch später als Tierphotograph in Afrika nacheinander eine ganze Anzahl junger Löwen, Tiger, Leoparden und Geparden betreut oder selber besessen, habe unendlich viel Freude an ihnen erlebt und bin mit manchem dieser Geschöpfe, die für die meisten Menschen doch den Inbegriff der »Wildheit« vorstellen, in ein ungewöhnlich inniges Vertrauensverhältnis gekommen. Während einer der schwersten Zeiten meines Lebens, als ich in Ostafrika durch eine Blutvergiftung monatelang ans Haus gefesselt war, habe ich dann auch unendlich viel Geduld darauf verwendet, junge Exemplare der verschiedenen afrikanischen Wildkatzenarten zu zähmen. Doch bei ihnen war alle Liebesmühe umsonst, sie erwiesen sich samt und sonders als ebenso rabiate und unbeeinflußbare Giftnickel wie junge Leoparden. Und hier im Spiegel dieses brasilianischen Barbiersalons bekam ich zum ersten Male ein Exemplar der amerikanischen Wildkatzen zu Gesicht, und das schien so zahm und harmlos zu sein wie ein Hausbüsi!

Daß dieses Prachtgeschöpf dem Burschen verkäuflich war, glaubte ich zwar nicht, auf jeden Fall wollte ich ihn aber fragen, und ich suchte in Gedanken schon die notwendigen Vokabeln zusammen, als ich hörte, daß jemand zur Tür hereinkam, und gleichzeitig im Spiegel beobachtete, wie sich auf einmal der getupfte Rücken des Tieres duckte und straffte und schon im nächsten Moment der geschmeidige Katzenkörper wie eine wegschnellende Stahlfeder hoch- und durch die Luft flog. Mit einem Schlage war der ganze Coiffeursalon zu einem einzigen wilden Geschrei und Getümmel geworden. Mein Haarkünstler hatte sich mit einem verzweifelten Sprunge in die äußerste Ecke gerettet, mein Stuhl einen Stoß erhalten, daß er beinahe hinterrücks umkippte, und auf dem Boden wälzte sich ein tumultuöser Knäuel herum. Die unterste Lage bestand aus einem entsetzlich kreischenden Bündel bunter Federn, darauf lag das Büsi, und das gab jetzt plötzlich Töne von sich, die gar nicht mehr zahm und harmlos klangen, auf dem Katzentier sein brüllender Herr und Meister, der gleichzeitig wild nach oben und unten drosch, und zuoberst eine schwarzgekleidete Gestalt mit langen silbernen Locken und einem noch längeren silbernen Patriarchenbart, die mit zwei knochigen Fäusten auf den Kater und seinen Besitzer einhämmerte und dabei eine Serie von englischen Flüchen abfeuerte, wie ich sie seit dreißig Jahren nicht mehr so kernig und bildhaft gehört hatte.

»I say, that won't du, old man!« sagte ich, packte mit der Rechten die des Patriarchen am Handgelenk und mit einem blitzschnellen Griff der Linken den Kater im Genick und riß ihn hoch. Zwischen seinen Vorderpranken hielt er das blutüberströmte bunte Federbündel unentwegt fest. Es gab noch einen letzten Krächzer von sich und hing dann still und schlaff an den weißen Krallen der Katzenpfote.

»What the bloody hell –!« hub der streitbare alte Recke an, versuchte mit einem rasenden Ruck seine Rechte frei zu bekommen und schwang gleichzeitig die Linke zu einem gewaltigen Kinnhaken. Er hätte mich unfehlbar knockout geschlagen, wenn er nicht von dem wild hin und her schnellenden Körper des Katers abgelenkt worden wäre.

Der Alte mit den wasserblauen Trinkeraugen und der knallroten Kartoffelnase schäumte vor Wut, und die Sache hätte nicht anders als mit einer wüsten Keilerei oder noch Schlimmerem enden können, wenn nicht auf einmal, ich weiß nicht woher, eine junge schlanke Kreolin auf der Walstatt erschienen und unter einem hervorgesprudelten Wortschwall dem Greis ohne weiteres in den Prophetenbart gefahren wäre. Der junge Bursche, dem die Nase blutete, sprang jetzt keuchend vom Boden auf, sah sich mit wilden Blicken um und griff nach einem der bereitliegenden Rasiermesser des Coiffeurs. Worauf ich den schuldhaften Kater loslassen und, um weiteres Unheil zu verhüten, nunmehr den rachedürstigen Jüngling packen und zur Tür hinausdrängen mußte.

Hausbewohner und Straßenpassanten liefen jetzt herzu und halfen mir, den Burschen beschwichtigen, der alte Kämpe im Barbierladen war plötzlich in einem Stuhle zusammengesunken und wurde von der Kreolin mit Kölnisch Wasser behandelt; der Verschönerungsrat kam schlotternd aus seiner Ecke hervor und hub ein Jammergeheul über den entstandenen Sachschaden an, und in einer andern Ecke des Salons saß das Büsi und verzehrte, so als ob nichts geschehen sei, mit behaglichem Knurren seinen erlegten Papagei.

Bei meinem kläglichen Portugiesisch war mir der Hergang der ganzen Moritat bis jetzt selber noch nicht völlig klar geworden, da entdeckte ich in dem Volksauflauf den Syrier vom Grand Hôtel, und durch ihn erfuhr ich, daß der kinnhakenausteilende Jubelgreis der Geistliche der hiesigen englischen Kirche und außerdem der Besitzer des aufgefressenen Papageis war. Und die Kreolin einfach seine »Scharmuda«. Eine Übersetzung dieses arabischen Wortes erübrigt sich wohl. – Wie immer hatte der Papagei während des Spazierganges auf der Schulter des Priesters gesessen, beim Anblick des Katers vermutlich losgeschimpft und mit den Flügeln geschlagen und gerade damit sein jähes und blutiges Ende herbeigeführt.

Wie der Syrier dann zu meiner freudigen Überraschung von dem Burschen erfuhr, war dieser heute früh in unserm Hause gewesen, um uns das Tier zum Kauf anzubieten, hatte aber außer Lucy niemand angetroffen und von ihr erfahren, daß ich zum Haarschneiden gegangen war. Er versicherte uns, der Ozelot wäre Menschen gegenüber wirklich völlig harmlos, er habe ihm nur noch nicht abgewöhnen können, gelegentlich andere Tiere, und zwar besonders Vögel, zu attackieren. Er hätte fünfzig Milreis für ihn haben wollen, aber – der Alte da drin verlange jetzt fünfhundert für seinen Papagei! – »Was soll ich nun machen, Senhor?« schloß der Jüngling, dem die Tränen in den Augen standen, bekümmert. »Würden Sie einmal hineingehen, mit dem alten Senhor reden und meinen Ozeloten herausbringen? Ich wage es nicht, der Senhor ist für seine Gewalttätigkeit berüchtigt.«

Das war er sogar bei mir schon, denn es war sicher derselbe, der damals Manuelo gerammt hatte, als er mit der Riesenschlange im Kanu ankam. Mir lag nichts daran, mit ihm nochmals in irgendwelche Auseinandersetzungen zu geraten, aber um so mehr lag mir an dem Ozeloten, so ruppig er sich auch vorhin benommen hatte.

So ging ich hinein, ergriff vor allem das Katertier, dem noch immer eine Papageienkeule aus dem mit blutigen Federn verklebten Rachen hing, reichte es seinem Besitzer hinaus und trat dann mit ausgestreckter Hand und den Worten: »Lassen Sie uns den Zusammenstoß vergessen, Sir, und vernünftig miteinander reden!« auf den Alten zu.

Mir kam vor, als ob sich ihm bei meinem Anblick sogleich wieder der Bart sträube; mit schneeweißem Gesicht und die Hand auf die Brust gepreßt, unterstützt von der Kreolin, erhob er sich mühsam aus dem Barbierstuhl, aber dann siegte wohl doch eine schon halbvergessene gute Erziehung und der angeborene englische Sinn für »Fairness« in ihm, und er ergriff die angebotene Hand.

Auf meine Frage, ob seine Forderung an den Burschen ernst gemeint war, winkte er mit einem geflüsterten: »Oh, nonsens!« ab. »Davon wird meine Mary auch nicht wieder lebendig. Hab sie achtzehn Jahre gehabt. Verdammtes Katzenbiest!« Schweratmend bat er mich noch um die Gefälligkeit, ihm doch ein Taxi herbeizurufen. Sein Herz sei nicht mehr ganz in Ordnung.

Was ich natürlich gern tat. Nachdem ich dem strahlenden Besitzer des »verdammten Katzenbiestes« bedeutet hatte, daß die Angelegenheit in Ordnung sei, und er mit ihm in unser Haus gehen und dort auf mich warten sollte, stieg ich selbst mit in das Taxi, begleitete den streitbaren Diener Gottes heim und brachte ihn, zusammen mit seiner »Scharmuda«, die eine ebenso vernünftige wie resolute Frau zu sein schien, zu Bett, das heißt in die Hängematte. Ob ich wollte oder nicht, mußte ich noch daneben sitzend einen Whisky mit ihm trinken, und er selber konsumierte derweilen drei. Wir schieden zuletzt als die besten Freunde, und ich mußte ihm versprechen, zusammen mit meiner Frau demnächst einen Abend bei ihm zu verbringen. Es war eigentlich abgemacht gewesen, daß ich sie und Bittner noch im Laufe des Vormittags draußen in Utinga treffen sollte, aber ich konnte und konnte mich einfach nicht von dem getupften Katzentier daheim, zu dem ich auf so merkwürdige Weise gekommen war, trennen. Es akzeptierte mich ohne weiteres als Spielkameraden. Natürlich färbte seine angestammte Wildheit auch auf die Art seines Spielens ab. Als mir meine Verabredung dann endlich wieder einfiel, wurde ich von Lucy darauf aufmerksam gemacht, daß ich so doch unmöglich nach Utinga fahren könne. Worauf mir erst bewußt wurde, daß ich ja immer noch mit einem nur zur Hälfte geschorenen Kopfe herumlief und ich mich zur Vollendung des Werkes schleunigst wieder zum Coiffeur begab.

Jacky, wie ich den Kater taufte, war schätzungsweise drei Monate alt, inklusive Schwanz einen Meter zwanzig lang und etwa zwölf Kilo schwer. Bei der reichlichen Fleisch- und Fischration, die ich ihm persönlich jeden Tag verabreichte, wuchs er rapide und hatte schon zwei Monate später bereits zwanzig Zentimeter an Länge und zirka sechs Kilo an Gewicht zugenommen. Sooft irgendein jagdbares Geschöpf dem Gehege in der Hofecke, in dem ich ihn untergebracht hatte, zu nahe kam, erwachten zwar regelmäßig die Lebensgesetze seiner Urwaldheimat in ihm und das Abwürgen von Papageien schien geradezu seine Spezialität zu sein, denn lange Zeit später, als ich längst Haus und Firma verlassen hatte, hörte ich, daß er, einmal aus seinem Gehege entkommen, als erstes die beiden Kreischer von Frau Paula umgebracht hatte. Worauf ihn die Firma mit dem nächsten Schiff an einen Zoo in Deutschland verfrachtete. Sonst war er jedoch ein ausgesprochen gutartiger und stets gutaufgelegter Bursche. Wenn ich mich seinem Käfig näherte, um ihn zu seiner Spielstunde herauszunehmen, fegte er, wie rasend vor Freude, mit langen geschmeidigen Sätzen hin und her und gab dabei ein sonderbares, tiefgurgelndes Mauzen von sich. Ebenso schien er Manuelo zugetan zu sein, während er merkwürdigerweise Ruth und Bittner, obgleich sie sich sehr um seine Gunst bemühten, kaum beachtete.

Es schien sich nunmehr herumgesprochen zu haben, daß wir Tiere ankauften, denn in den folgenden Wochen vergrößerte sich der Bestand unserer Menagerie fast mit jedem Tag. Wenn wir abends von Utinga heimfuhren, freuten wir beide uns schon immer im voraus auf die verwegen aussehenden Gestalten, die gewöhnlich vor unserer Haustür hockten und uns die sonderbarsten Vertreter der amazonischen Fauna verhökern wollten. In der Hauptsache war es natürlich kleineres Getier wie Käfer, Schmetterlinge, Ameisen und andere Insekten, Eidechsen und Giftschlangen, Schildkröten, Molche, Frösche und Fische, die uns in schier unerschöpflicher Zahl und Vielfältigkeit angeboten wurden, und von denen jedes in seiner Weise ein fesselndes und staunenswertes Wunder der Natur darstellte. Auf diese Art waren unsere vorhandenen Aquarien und Terrarien rasch gefüllt, ständig machte sich die Anschaffung von weiteren notwendig, und bald war nicht nur die »Pujada« in ihrer ganzen Länge, sondern auch das Atelier, Bittners Zimmer und jede andere Ecke im Hause, in die einigermaßen Licht fiel, mit langen Reihen von Behältern besetzt, in denen sich hundertfältiges geheimnisvolles Leben regte.

Dazwischen kamen wir jedoch nach und nach auch zu einer ganzen Anzahl recht stattlicher neuer Hausgenossen. Die Mehrzahl bildeten natürlich die reinen Handelsobjekte unserer Firma, die Riesenschlangen und Kaimane. Es war ein immer wieder verblüffender Anblick, wenn irgendein Waldmensch bei unserm Kommen von der Türschwelle aufstand und sich gelassen drei, vier oder auch fünf Meter Boa oder Anakonda wie eine Schärpe vom Leibe abwickelte. Und ein erschütternd komischer, wenn der profitliche Vetter Sepp dann mit einem Bandmaß eine gekrümmte Linie als eine gerade zu vermessen, der Verkäufer jedoch durch krampfhaftes Ziehen am Schwanzende seiner Ware das Gegenteil zu erreichen trachtete.

Die angekauften Großreptilien wurden von uns, schon um an Wartung und Unterkunftsraum zu sparen, gewöhnlich mit dem nächsten Dampfer nach Europa spediert; Lucys Gatte war späterhin fast ausschließlich damit beschäftigt, die Tiere zu betreuen, Transportkästen für sie zu bauen und sie zum Hafen zu befördern. Neben verschiedenen Arten von Vögeln und Affen, zwei weiteren Faultieren, drei jungen Tapiren und zwei wunderschönen halberwachsenen Jaguaren, von denen ich mich nur sehr schwer wieder trennen konnte, erwarben wir eines Tages auch ein junges Wasserschwein. Es war ein Zuwachs, über den wir uns in der folgenden Zeit ebenso oft amüsierten wie erbosten. Das Tierchen wurde bald ungemein zahm und rührend anhänglich, erwies sich aber, wohl aus unabweisbarem Geselligkeitsbedürfnis heraus, als ein notorischer Ausbrecher und nächtlicher Unfugstifter.

Ich hatte ihm das Gehege neben Jacky angewiesen, unverzeihlicherweise aber nicht bedacht, daß ein »Pecari« eben von Natur aus ein Wühler und Erdarbeiter ist, und so wurden wir schon in der zweiten Nacht durch ein schrilles, nervenzerreißendes Gequieke geweckt, das aus dem dunkeln Hof her auf drang. Als ich zwischenhinein auch ein mir schon wohlbekanntes dumpfes Knurren vernahm, wußte ich, was los war, stürzte, gefolgt von Ruth und Bittner und Manuelo; in den Hof hinunter, fuhr in Jackys Käfig hinein und konnte ihn gerade noch rechtzeitig verhindern, unserm »Pecari« die Kehle durchzubeißen. Das dumme kleine Ding hatte sich unter der Zwischenwand durchgegraben, um dem Kater einen freundnachbarlichen Besuch abzustatten. Als in seinem Käfig auf einmal Kopf und Hals eines unzweifelhaften Beuteltieres erschien, hatte sich der still lauernde Tückebold natürlich prompt darauf gestürzt.

Die Verletzungen durch seine Pranken heilten bald; in Richtung dieses bösen Nachbars hin grub das »Pecari« zwar niemals mehr, aber, so fest und tief ich auch sein Gehege im Boden verankerte, doch immer wieder in den Hof hinaus. Dann begann es mit seinen kleinen, trappelnden Hufen auf der Pujada entlang und in allen zugänglichen Räumen zu rumoren, jeden Schläfer durch einen Stoß an die Hängematte aufzuschrecken und alles im Zimmer durcheinanderzuwerfen. Und was ihm auch an den dicken Kopf flog – es entwich aufquiekend, war aber in der nächsten Viertelstunde wieder da.

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