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Am Tiberufer

Paul Heyse: Am Tiberufer - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleAm Tiberufer
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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Die Unterhaltung stockte, als er eintrat; seine Braut stand auf, ging ihm entgegen und gab ihm herzlich die Hand. Er ließ einen kurzen, dringenden Blick auf dem edlen Gesicht ruhen, das unbefangen zu ihm aufsah, und näherte sich dann der Mutter, die ihm freundlich einen Gruß entgegenrief, und sich vorneigte in dem seidnen Sessel, ihm ebenfalls die Hand zu schütteln. Sie war, wie auch die Tochter, noch immer schwarz gekleidet, nur daß sie ihr Haar unter einer grauen Florhaube trug, während ein schmales schwarzes Band über der Stirn die braunen Locken des Mädchens zusammenhielt. Auch der Vater empfing ihn freundlich und stellte ihn einigen Herren vor, die um den lichterhellen Tisch saßen. Es waren zwei englische Herren, Brüder, alte Freunde des Hauses, die vor kurzem aus England gekommen waren. Den Fremden zu Liebe sprach man englisch.

Ihr seid spät gekommen, lieber Theodor, sagte die Mutter. Ihr habt uns gefehlt, als wir unsern würdigen Freunden von den letzten Stunden unseres Edward erzählten. Meine armen Augen thaten damals nur schwach ihren Dienst, und der Vater und Mary waren krank, wie Ihr wißt. Wir verloren Alle mehr als Ihr, denn Ihr kanntet ihn kaum. So hattet Ihr am meisten Fassung, und könnt ergänzen, was uns wie ein schrecklich zerrissener Traum, noch jetzt fast unglaublich, in der Erinnerung steht.

Theodor war unfähig zu sprechen; die Stille im Zimmer, die Stimmung der Erschütterung, in die er eintrat, fremde Gesichter und fremde Sprache beklemmten ihn aufs höchste. Und hier in diesem Augenblick, nachdem er kurz zuvor einem wonnevollen Leben ins Gesicht geschaut, sollte er Unbekannten vom Todbette des armen Edward erzählen. Ein Schauer überlief ihn und senkte ihn in jenen Zustand hellseherischer Dumpfheit zurück, der ihn vorher in der Schenke überkommen. Sein Herz hob sich wieder aus den festen Schranken, in denen es sich selbst begnügt und gebunden hatte, und fühlte sich über und außer ihnen. Es war nur ein frevelhafter Traum ohne Antheil des wachen Willens. Aber das Bild desselben trat auch im Wachen zwischen ihn und Alles, was er bisher am Herzen gehalten hatte, und das Band, das ihn daran knüpfte, schien ihm morsch, seit der Traum es zerrissen hatte.

Sie Gesellschaft gab es seiner Trauer Schuld, daß ihm jede Antwort versagte. Er hatte sich neben Marien gesetzt und sah lange auf ihre feine, blasse Stirn. Das stille Weiß beunruhigte ihn. Die blauen Augen, die ihm klar und glücklich und ernsthaft entgegenschienen, hatten heut keine Gewalt über ihn. Er empfand es deutlich als seine eigene Unfähigkeit, daß er sich heut dieser adligen Gestalt nicht freuen konnte wie sonst, von diesen reizenden Lippen nicht begierig jedes Wort verschlang und jedes Lächeln sich bis ins Herz dringen fühlte. Er kämpfte eine Weile gegen diese Kühlheit an, die ihm sehr weh that. Es war umsonst.

Sie ward es inne, daß er etwas zu bekämpfen hatte. Aber die Gegenwart der Andern wehrte ihr, mit vertraulicher Inbrunst der Leidenschaft das Herz festzuhalten, das sich ihr entzog.

Der eine der Fremden fragte nach dem Denkmal, das dem Verstorbenen bestimmt sei. Theodor ermannte sich und erzählte, daß er eben heut auf den Wunsch der Eltern die Arbeit einem Freunde übertragen habe, von dessen Wesen und Schicksalen er kurz die Umrisse hinwarf. Mariens Eltern wußten mehr von ihm. Den Fremden aber schien das flüchtige gezeichnete Bild nicht anzusprechen.

Es wäre zu wünschen, sagte er, daß dieser Mann einen Hauch von Edwards inniger Natur in sich selber spürte, daß er die zarte Gestalt unseres Theuern und sein kurzes gesegnetes Leben in sich aufnehmen könnte, wie etwas Geliebtes. Er scheint, wie Ihr ihn schildert, ein heftiger, starrer Mensch, dem nichts verschlossener sein muß, als diese Art unsers Edward, nur für die Seinen zu leben, den letzten Athemzug zu einem Glückwunsch für seine Geliebten zu machen.

Er ist rauh und energisch, erwiederte Theodor, aber das Schöne rührt ihn und das Edelste nimmt er mit Scheu und Ehrfurcht auf. Ich sah es, als ich ihm aus Homer vorlas, wie ihn die idyllischen, ich möchte sagen die weiblichen Stellen des Gedichts ergriffen.

Vielleicht, weil sie seiner künstlerischen Stimmung fruchtbarer begegneten, als die wüste Einförmigkeit von Kampf und Gefahr. Und dann ist es doch ein Anderes, ein Gemüth haben, für gewisse gemeinsame, natürliche, heidnische Rührungen empfänglich, und eines, das den Segnungen unserer Religion geöffnet ist. Edward war Christ; Euer Freund ist höchstens ein äußerlicher Katholik.

Ich läugne nicht, nahm die Mutter das Wort, ich habe mir auch schon darüber Gedanken gemacht. Ehe man diesem Unbekannten ein Werk überträgt, das uns Allen am Herzen liegt, würde es wenigstens wünschenswerth sein, eine Skizze zu sehen, über die man reden und entscheiden könnte.

Ich kenne ihn, theure Mutter, sagte Theodor mit Nachdruck. Wäre es seine Art, den ersten Gedanken auf ein Blättchen zu werfen, so wäre es natürlich, über den Entwurf mit ihm zu verhandeln. Er liebt es aber, gleich in Thon und in einiger Größe zu entwerfen, und hat sich besonders ausgebeten, diesmal eine Zeitlang arbeiten zu dürfen, ohne sich mitzuteilen. Daß es auf Eure Entscheidung ankommt, weiß er.

Darauf ward eine Stille, in der die etwas lebhaft gesprochenen Worte des jungen Mannes empfindlich nachtönten. Marie trat zum Flügel und begann die Verstimmung mit Musik zu besprechen. Nur bei Theodor gelang es nicht. Das einfache Lied vermochte nichts über ihn, in dessen Ohr der hastig rasende Ton des Tamburin spukhaft wieder erwachte und das wunderliche Lied des Sängers die gegenwärtige Stimme überbrauste. Er sah Bianchi's sichern Blick auf sich gerichtet und hörte wieder die Worte: Ein Wunder will sich begeben. Um ihn her war ihm Alles fremd, nüchtern und wunderlos.

Nachdem sie gesungen, setzte sich Marie wieder zu ihm; sie sprach deutsch mit ihm, sie fragte nach seinem Tage, nach seinen Arbeiten, nach Bianchi. Er sprach zerstreut, und so auch halb in Zerstreuung, als spräche er mit sich selbst, erzählte er von der Osterie und dem Tanze des Mädchens. Als er dann zufällig aufsah, bemerkte er eine dunkle Spannung über den feinen Brauen. Das Gespräch zwischen ihnen stockte. Der Vater fragte nach englischen Familien, über die die Gäste bereitwillig Rede standen. Sie waren Theodor fremd, und so war er von neuem seinen wühlenden Gedanken überantwortet. Er ging endlich. Die Fremden hatten eine Wohnung bei Mariens Eltern angenommen. So kam es ihm vor, als ob er auf einmal unselig aus diesem Kreise, der ihm sonst gehörte, verdrängt worden sei, zwiefach, durch sich und Andere.

*

Nirgends sind unreine Stimmungen, halbe Verhältnisse und unentschlossene Wünsche widerwärtiger und empörender, als in Rom. Die großen Umgebungen, voller Zeugnisse reiner Menschenkraft und sicheren Wollens, sind nur ohne Neid und Schmerz zu ertragen, wenn man sich auch im engsten Bereich des eigenen Wirkens seiner Gesundheit und Lauterkeit freuen kann. Wem es dort nicht gelingt, die halben und schiefen Stimmungen mit Gewalt von sich zu stoßen, dem wachsen sie wie eine Krankheit unglaublich schnell über den Kopf und verschlingen seine ganze Ruhe. Denn an Beschönigen und Betrügen vor sich selbst soll er nicht denken, wo ihn jeden Augenblick die ganze Offenheit, das unbekümmerte Bekenntniß einer genialen Vorwelt niederschlägt und beschämt.

Und doch können wir nichts von uns ablösen, was ein Recht auf uns hat, ohne uns in neuen Streit mit uns selbst zu stürzen und mit unserm Gewissen zu zerfallen, da wir früher nur mit unsern Meinungen und Wünschen entzweit waren. Uns zu retten, bedarf es der Ueberzeugung. Und Theodor war nicht überzeugt; nur zweifelhaft und erschüttert. In lichteren Stunden wiederholte er sich die alte Weisheit, daß Eines nicht für Alle tauge. Bianchi's Art zu sein und zu leben, die ihm oft als die menschlichste, nothwendigste und reinste erschien, kam ihm dann fast niedrig vor. Er schämte sich, daß er ihn hatte beneiden können. Ein zarter Glanz breitete sich wieder um die lieben Gestalten seiner nächsten Angehörigen. Er sprang dann auf und stürzte mit übervollem Herzen zu ihnen. Fand er aber dort Die er suchte in der ruhigen, würdevollen Umgebung, die ihn verhinderte, sein Inneres auszuschütten, mußte er seine leidenschaftliche Hingebung zu einem gleichmütigen Gespräch über fremde Dinge herabstimmen und ersah kaum die Gelegenheit, seine Geliebte beim Weggehen flüchtig an sich zu pressen: so gerieth er in der Einsamkeit von neuem außer sich und brach in stürmische Anklagen der Lauheit, des Zwanges und der Unnatur aus. Dann konnte er stundenlang am Ufer der Tiber vor Bianchi's Thür auf und ab gehn, hinüberstarren, wo sich Sanct Peter mächtig über die breite Masse des Vatican erhebt, den Fluß verfolgen, der unter Gebüsch weit in die Landschaft hinaus läuft, und dann zu der Thür seines Freundes flüchten, ohne den Klopfer zu rühren. Trat er wirklich ein, so ließ freilich die ziellose Qual von ihm. Aber die gereizte Fröhlichkeit, die ihn dann ergriff, die Begeisterung, die aus ihm sprühte, wenn er in der Werkstatt auf und abging und von Dingen der Kunst redete, waren weit von Gesundheit entfernt.

Bianchi entging der seltsam gärende Zustand seines Freundes nicht. Aber er vermied es, den Grund aus ihm herauszulocken, wie er überhaupt Gesprächen über persönliche Verhältnisse und innere Erlebnisse auswich. Gerade dies unruhige Gebahren fesselte ihn täglich mehr an Theodor. Er selbst war seit der Krankheit zahmer und freudiger in allem Thun und Reden. Wenn er Theodors Klopfen vernahm, deckte er ein Tuch über seinen großen Entwurf und öffnete hastig. Er war noch immer sparsam mit den geringsten Liebesbezeigungen. Aber sein Gesicht konnte nicht verläugnen, daß die Gegenwart seines Freundes ihm mehr als Alles war. Er saß dann bei seinen Muscheln am offenen Fenster, das Gesicht kaum einmal zu Theodor gekehrt, und arbeitete rüstig, während sie sprachen oder ein Buch Beide erquickte. Er hatte durch Theodors Vermittelung Käufer für seine Arbeiten gefunden, die ihm das Doppelte zahlten, was der Händler bisher gegeben; doch war seine neue Wohnung in nichts reicher ausgestattet als die frühere. Freilich vergoldete die Sonne die nackte Wand, an der das Rundbild der Meduse hing, und vor dem Fenster lag die entzückende Ferne. – –

Eines Abends, im heißen Mai, als es draußen am Tiberufer einsam war und die Mücken überm Gesträuch ungestört spielten, klang der Klopfer an Bianchi's Thür rascher und lauter als sonst. Er stand von der Arbeit auf, vor der er sinnend gesessen hatte, und deckte nicht wie sonst das Tuch darüber. Er mag's heute sehen, sagte er für sich, wenn er's wirklich ist, der so unbändig lärmt. – Damit ging er zu öffnen.

Der junge Mann trat ungestüm ein, sein Gesicht war lebhaft geröthet, seine Augen strahlten. Bianchi, rief er, Bianchi, ich komme von ihr, ich habe sie gesehen, gesprochen, das Wunder ist mir wieder bis ins Mark gedrungen. Und Ihr, Lieber, Böser, sagtet Ihr nicht damals, sie sei fort, ins Gebirge zurück, der Alten entflohen und wie das Märchen weiter lautete? Oder ward es Euch wirklich erzählt? Denn sie ist hier, keinen Fußbreit aus Rom hinausgekommen die zwei Monate lang. Redet, Bianchi; wag sagt Ihr? Preiset mein Schicksal, das mich ihr an die Seite führte, wodurch ich noch wie von Sinnen bin!

Er stürmte das Gemach hin und her, ohne umzublicken. Er sah nicht, daß Bianchi todtenblaß in der Thür stehen geblieben war und seinen Irrgängen mit durchdringendem Blick folgte. Caterina? brach es endlich von seinen Lippen.

Caterina! rief Theodor; sie selbst, sie selbst, schön und still und Himmel und Hölle in den Augen, wie an jenem ersten unvergeßlichen Abend, nur nicht jene bitterliche Schwermuth um die Lippen, und in römischen Kleidern. Denkt, wie es kam. Ich sitze zu Haus in der Schwüle unlustig über den Büchern, und es treibt mich endlich hinaus. Einige Gassen weit, so gerath' ich in einen Schwall geputzter Menschen, die es eilig haben, und frage einen: wohin? Auf Monte Pincio, heißt es, das Wettrennen und die Wagen zu sehn. Ich hatte keinen eigenen Weg und lasse mich treiben und gelange gedankenlos mit auf die Höhe. Ihr habt die Gerüste gesehen, die sie gestern noch zimmerten. Heut die weiten Schranken Kopf an Kopf gefüllt, daß ich Mühe hatte, einen Platz zu finden, und unbequem genug, wie ich im ersten Moment dachte, denn die Sonne stand mir gegenüber, daß mir's, über die Bahn blickend, vor den Augen flimmerte. Wie ich nun bedenke, ob ich gehen oder wie mich schützen soll, und stehe noch an meinem Platz, seh' ich nach unten und entdecke einen seidenen Sonnenschirm und ein bezauberndes Stück Hinterhaupt und Nacken darunter. Im Nu saß ich, und unter den Schirm mich bückend, frag' ich meine Nachbarin, die sich abgewendet hatte, ob ich die Wohlthat ihres Schattens mitgenießen dürfe. Sie wendet sich, und es war, als juckte mir der Blitz mitten durchs Herz, da ich sie erkannte. Sie schien mich auch wiederzuerkennen und blieb mir die Antwort schuldig. Indeß kam nun auch die Alte neben mir zum Vorschein, war gesprächig und höflich und befahl Caterinen, den Schatten mit mir zu theilen. Bianchi, wie sie das that, den Schirm in der kleinen Hand regierend, halb verlegen, halb zutraulich und dann auf meine zudringlichen Fragen bescheiden und klar antwortete mit jener süßen dunkeln Stimme – es ist über alle Worte! Ich saß hingerissen, blind für Alles umher, unter dem kleinen Dach wie mit ihr allein, und baute es zu einem Haus für uns um, in dem ich Stunden, Tage und Jahre an mir vorbeirinnen fühlte, so gleichgültig, als gehörte ich schon der Ewigkeit an. Wie hätt' ich Augen für die Spiele gehabt! Aber ich folgte dem Eindruck, den die wilde Jagd auf Caterinen machte, wie ihr die Freude hoch aufschlug, wenn eine kühne Wendung geschah oder ein Wagen den andern weit voraus sausend um die Ecke bog, wie sie frohlockte, wenn eins der schönen Thiere, rauchend und schäumend vom Siege, im Triumph nahe vorübergeführt wurde. Heilige Natur! rief ich in mir aus, wie lachst du unverfälscht und unverbildet aus diesen Augen! Wie muß Der mit Leib und Seele dir wieder zugewendet werden, den diese Augen anlachen! Laß mich verschweigen, was ich weiter in mir raste und jubelte. Es nahm ein Ende. Das Volk verließ die Schranken, meine Nachbarinnen standen auf. Als ich mich erbot, sie durch den Strudel der Menschen nach Hause zu führen, lehnte es die Junge ruhig, aber bestimmt ab. Die Alte machte mir hinter ihrem Rücken mit Augenwinken und Grinsen Zeichen, die ich nicht völlig verstand. Ich aber hielt mich in einiger Ferne hinter ihnen und ging die Höhe hinunter ihnen nach in die Stadt. Es schien mir, als verdoppelte Caterina ihre Schritte, nachdem die Alte sich einmal nach mir umgewendet. Endlich in Via Margutta traten sie in ein Haus. Ich wagte nicht zu klopfen, stand dort eine halbe Stunde wie angewurzelt und sah die Vorhänge wehen, aber keine Gestalt. Nur die widerliche Fratze der Alten erschien einmal am Fenster. Sie sah mich nicht, da ich mich im Schatten der Häuser barg, und so riß ich mich endlich hinweg und hier bin ich, wenn es hier sein heißt, daß mir der Boden unter den Sohlen brennt und mein Sinn wie verriegelt ist, eines andern Menschen Gegenwart wirklich zu empfinden.

Er warf sich auf einen Stuhl; er beachtete es nicht, daß Bianchi noch immer in der Thür stand, nicht, daß er keinen Laut von sich gab. Er sah vor sich hin. Heute zuerst, fing er wieder an, nach schweren Wochen des Druckes und Kleinmuthes einen vollen Zug Leben gesogen, eine Stunde genossen, die mich über mich selbst hinaushebt! Wer so immer hinschwimmen könnte mit vollen Segeln ins offne Meer hinaus! Aber an den Küsten hinkriechen im geflickten Boot, sich winden und krümmen, wie dem Ufer die Laune steht, um doch endlich an einem Kiesel zu scheitern – erbärmliche Feigheit!

Mit diesen Worten schlug er die Augen auf und begegnete dem Relief ihm gegenüber. Der Abend schien roth durchs Fenster, und die scharf umrissenen Figuren wurden deutlich genug. Man sah einen Jüngling am Ufer des Flusses, an dem der Vordertheil eines Nachens und die wilde Gestalt des greisen Fährmanns harrten. Den Fuß hatte der Scheidende schon auf den Bord gesetzt. Aber das Haupt und der grüßende Arm waren nach der andern Seite gewendet, wo eine blühende weibliche Gestalt, durch ein Füllhorn bezeichnet, unter einem fruchtbaren Baume saß, in edler Geberde des Schmerzes, das Haupt niedergesenkt. Ein Genius der Liebe lehnt an ihrer Seite, die Fackel umgekehrt, daß er ihr Leben erfüllte, mit den Augen an dem Jüngling hangend, ob es möglich sei, ihn zurückzuhalten. Aber zwischen ihnen stand ernst und abwehrend das Schreckbild der Parze.

Theodor starrte wortlos noch immer den Kopf des Jünglings an, dessen Züge ihn unbezwinglich demüthigten. Er hatte Bianchi ein Bildniß Edwards verschafft, von Mariens Hand wenige Tage vor dem Tode gezeichnet. Es zeigte die edlen Züge schon in aller Feinheit der nahen Verklärung, und besonders die Augen waren rührend frei und groß. Zugleich, da alles Zufällige abgestreift war, sah man die Aehnlichkeit der Geschwister schlagend, und fast beunruhigend für die Ueberlebende. Zum ersten Mal empfand dies Theodor. Er sah Marien in Stunden des Schmerzes oder einer hohen Bewegung, wo ihre Augen dunkler aus dem zarten Gesicht herausleuchteten und der ernsthafte Mund sich leise öffnete, wie hier der aufseufzende ihres Bruders. Es litt ihn nicht länger auf dem Sitz. Er trat dicht vor das Bildwerk; er kämpfte nicht mehr in sich, mit Einem Schlage glaubte er Alles entschieden, alle Gefahr angesichts dieser Hoheit und Anmuth bezwungen für jetzt und immer. Er blieb so, bis das Abendroth erlosch und das Gesicht sich in den raschen Dämmerungen ihm entzog. Dann ging er, ohne ein Wort zu sagen, nach der Thür, in der Bianchi noch immer stand; er haschte nach der Hand des Freundes; drückte sie, ohne zu empfinden, wie welk und kalt sie war, und ging hinaus.

Bianchi zuckte zusammen, als die Thür ins Schloß fiel. Er sah verstört mit abwesenden Gedanken umher. So verharrte er an die Wand gelehnt, unfähig sich zu regen; denn entschlossen war er längst. Aber die Glieder waren dem Willen widerspenstig. Die Nacht kam; er konnte sich endlich aufrichten und stand, das Zittern niederkämpfend, das ihn überfiel, die geballten Fäuste gegen die Augen gedrückt. Darauf stieß er einen einzigen, dumpfen Schrei heraus, und es war, als sei er nun wieder Herr über sich. Er ging mit ruhigen Schritten aus dem Haus; keinem der vielen Spaziergänger, welche die Nachtkühle genossen, fiel er auf; so gleichgültig sah er umher. Er betrat endlich die Via Margutta und klopfte, ohne zu zaudern, an einem kleinen Hause. Die Thür gab nach, und er trat in den Flur. Er sah die Steintreppe hinauf, über die ein Lichtstreif hinunterglitt. Oben mit der Lampe stand Caterina.

Der Mann weidete sich einen Augenblick an der vollkommenen Bildung des jungen Weibes, das am Geländer lehnte, die Lampe weit vor sich hingestreckt, mit der lieblichsten Geberde der Freude bemüht, unten im Schatten das bekannte Gesicht zu erkennen. Sie nickte und lächelte und grüßte hinunter. Komm, komm! rief sie, als er unten verzog. Er stieg langsam die Stufen hinan. Als aber die Lampe sein Gesicht beschien, starb ihr Lächeln und Freude von den Lippen weg. Carlo, um Gotteswillen, du bist krank! rief sie ihm entgegen. Er drängte sie sanft zurück und schüttelte den erhobenen Zeigefinger abwehrend hin und her. Laß! sagte er. Komm hinein, Caterina, komm!

Sie folgte ihm in athemloser Angst. Das Zimmerchen war niedrig, aber sauber und wohlausgestattet. Blumen standen an den Fenstern, ein Vogel hing im Bauer davor und schmetterte gerade jetzt, als der Lampenschein ihn beunruhigte; auf dem Tisch lag eine blanke Guitarre. Die Alte hatte mit einer Arbeit daneben gesessen. Sie stand nun auf, den Eintretenden begrüßend, unterwürfig und dreist. Guten Abend, Sor Carlo! rief sie. Wie geht's? Ihr kommt zur rechten Zeit. Das arme thörichte Ding da, kein Liedchen wollt' ihm glücken, keine Saite stimmte; der Schelm, der Vogel, den sie doch auch von Euch hat, sang ihr zu laut; Tochter, sagt' ich, er kommt ja, den du lieber hast, als deine Augen, Närrchen, das du bist! – Nenna, sagte sie, mir bangt so; und, sagte sie, das Herz schlägt mir so, ich weiß nicht wovon. – Still! Still! sagt' ich, du bist ein Kind. Einen Herrn zu haben, der dich auf Händen trägt, sagt' ich, der dich hegt und pflegt wie sein eigen Herz –

Und der dich in die Hölle schicken wird, verruchte Hexe! schrie Bianchi und trat hart an sie heran. Du Gift! du Niedertracht! dank' es deinen grauen Haaren, daß ich dich meine Fäuste nicht empfinden lasse. – Er schüttelte sie heftig bei der Schulter, die Ader an der Stirn lief ihm glühend an. Die Alte fuhr zusammen und blinzte ihn an. Macht nicht so schlechte Späße mit einer alten Frau, sagte sie stotternd. Ihr habt mich erschreckt, daß ich die Gicht davon haben werde. Was ? Redet sänftlich, Sor Carlo, und führt nicht so unchristliche Worte im Mund, daß man sich kreuzen und segnen möchte! Was habt Ihr mit der armen Nenna?

Was ich habe? schäumte Bianchi und stieß sie von sich, daß sie in die Kniee sank. Sie kann fragen, die Nichtswürdige? Mir ins Gesicht die heilige Unschuld spielen, nachdem sie mich betrogen? Hab' ich dir nicht bei deinem Leben gedroht, zu thun, was ich sage und nicht, was dir der Teufel einbläst? Und nun kitzelt sie Habsucht und Kuppelgelüst, daß sie nur das Mädchen verderben will, und muß mit ihr unter die Leute, sie zu zeigen und auszubieten, ob sie nicht einem gefiele, der reicher ist, als Bianchi, der Bildhauer, der von seinem Schweiß lebt und Euch zu leben giebt? Fort! aus dem Haus, und das ohne Zögern und Winseln! Denn ich kenne dich und ich hätt' es wissen sollen, daß du kein Schutz bist und der Verrath in deiner vertrockneten Brust nistet mit allen Ränken der Hölle!

Die Alte hatte sich erhoben und stand lauernd mit erkünstelter Demuth einige Schritte von ihm beim Fenster. Ihr habt Recht, Sor Carlo, sagte sie, ich hätt' es nicht thun sollen. Aber mich jammerte der armen einsamen Creatur, wie sie von der Welt Sonn- und Werkeltage nichts zu sehn kriegt, als die Dächer gegenüber, oder um Mitternacht, wenn Ihr einmal mit ihr ausgeht, dunkle Gassen und das bischen Sternenhimmel. Kind, sagt' ich, er ist so gut, er kann nicht böse werden, wenn du ihm heut Abend erzählst, daß du das Rennen mit angesehn hast. Sie wollte nicht, armes Ding; aber ich sah ihr's an, daß sie's gern hätte, und so redete ich ihr zu. Was ist's nun weiter? Wenn Ihr nicht den Lärm darum machtet, so hätte sie auch einmal ein Vergnügen gehabt. Und steht sie nicht da, wie sie war, kein Härchen anders? Denn was Ihr da sagt, Sor Carlo, solltet Ihr Euch Schämen zu sagen, einer armen, ehrlichen Alten ins Gesicht, die keinen Gedanken hat, als Euch gefällig zu sein und Caterina.

Du gehst, sagte Bianchi mit unerbittlicher Ruhe, und weiter kein Wort mit dir!

Die Alte sah ihn scharf an, während er am Tische stand, auf die Platte niedersah und die Faust dagegenstemmte, als dächte er an Anderes. Sie schlich zu dem Mädchen, das auf einem Schemel in der Ecke saß mit gesenkten Augen. Tochter, flüsterte sie, bitte du ihn! – Caterina warf einen Blick auf Bianchi's Gesicht und schüttelte bann den Kopf. Es hilft nichts, sagte sie.

Laßt mich wenigstens diese Nacht hier, bat die Alte und trat dem Manne einen Schritt näher. Wo soll ich mein Haupt niederlegen? Wie mein bischen Habe zusammenraffen? Um der allerheiligsten Jungfrau willen, Sor Carlo, stoßt mich nicht aus wie –

Du gehst, wiederholte der Mann. Habe? Du hast keine, als von mir. Du gehst, oder –

Er hob seine Faust. Das Weib schrak zusammen. Flüche, Bitten, Drohungen wüst durcheinander murmelnd verließ sie leise das Gemach.

Caterina, sagte der Mann langsam, ohne aufzublicken, es ist aus. Du siehst mich von heute an nicht wieder. Frage mich nicht, warum, und mach dir keine Sorgen, daß du mich erzürnt hättest. Ich hab' es nur mit jener Teufelin, die eben davongegangen. Du bist gut und es soll dir wohl gehn, auch wenn du mich nicht siehst. Ein Anderer wird kommen und an dein Haus klopfen, derselbe, der heut beim Schauspiel neben dir gesessen hat. Oeffne ihm und begegne ihm, als wenn ich's wäre, und habe ihn lieb und – sei ihm treu. Du darfst ihm nicht sagen, daß du mich kennst; du darfst ihm meinen Namen nicht nennen. Aber halt dich nach wie vor zu Haus, und solltest du ja ausgehen, so vermeide den Theil der Stadt unten nach dem Tiber zu. Versprich mir das Alles, Caterina!

Er harrte der Antwort. Statt ihrer brach ein Schluchzen aus der Ecke vor, das ihm in die Seele schnitt. Weine nicht, sagte er so ruhig er konnte; du hörst, es ist nicht im Zorn, daß ich von dir gehe, und du wirst glücklich sein, du wirst es besser haben als bisher, du wirst den Andern lieber haben als mich.

Nie! stöhnte es von den Lippen der Armen. Das Weinen faßte sie gewaltsam. Aber der eine Ton sprach ein langes, heftiges Bekenntniß grenzenloser Neigung aus. Bianchi's düstere Miene lichtete sich jäh; er sah freudig auf, er wandte sich und trat ihr näher. Außer sich stürzte sie auf ihn zu, und er empfing sie, die wie bewußtlos ihn an sich riß, in seinen Armen. Er küßte sie auf die Stirn. Still! sagte er, du und ich, wir müssen uns fassen. Es ist nun so gut, und besser. Wer weiß, ob ich das Andere überstanden hätte. Aber es darf dennoch nicht so bleiben, es darf nicht, oder ich gehe daran zu Grunde. Komm, sagte er, mach' ein Bündel von deinen besten und liebsten Sachen und was du brauchst zur Reise. Eil dich, Caterina. Ich denke, wir werden uns wiedersehn, aber hier nicht. Habe Geduld!

Sie sah ihn groß an, sie begriff nichts, ihr ahnte nichts. Mechanisch that sie, was er befohlen hatte. Wohin gehn wir? fragte sie schüchtern, als Alles bereit war. Komm! sagte er. Er löschte das Licht. Der Vogel draußen im Bauer flatterte heftig gegen die Drähte, die Guitarre gab einen klingenden Ton, als er im Dunkeln daran stieß; den beiden Menschen pochte das Herz laut. So gingen sie.

*

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