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Am Tiberufer

Paul Heyse: Am Tiberufer - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleAm Tiberufer
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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Als er erwachte, brach helles Tageslicht durch die Spalten des Ladens, daß eine sonnige Dämmerung um ihn war. Er sah den Burschen an seinem Bett und den Arzt und hörte, daß Theodor am frühen Morgen, da der Bursch gekommen, in die Stadt hinunter gegangen sei, ohne ein Wort von Wiederkommen zu sagen.

Den halben Tag verbrachte er so, unruhig, sinnend, hinaushorchend nach dem Flur. Ein paar Mäuse, die er gezähmt und für die er sonst in aller Noth und Drangsal Aufmerksamkeit hatte, kamen bis in die Mitte des Zimmers, blinzten ihn an, pfiffen und schwänzelten, ohne daß er einen Blick auf sie warf. Der Bursch, der es nicht wußte, daß sie Hausrecht hatten, verscheuchte sie. Es pochte einer, der einen Auftrag vom Kunsthändler brachte auf ein Paar Ohrringe in rother Muschel. Er ließ ihn ohne Bescheid abweisen. Nicht anders einen Bildhauer seiner Bekanntschaft, dem das Gerücht des furchtbaren Abenteuers zu Ohren gekommen, und der gutherzig genug war, den Einsamen aufzusuchen.

Indessen war Theodor schon ziemlich früh die steinernen Stufen eines großen Hauses hinaufgestiegen, in dem Mariens Eltern wohnten. Der alte Diener öffnete ihm. Die Herrschaften haben Euch lange erwartet gestern Abend, sagte er. Ich wurde nach Eurer Wohnung geschickt, aber Ihr waret nicht nach Hause gekommen. Miß Mary meinte, wenn Euch nur kein Unglück zugestoßen sei, da Ihr zu Pferde gewesen! Gottlob, Ihr seid ja wohlauf.

Theodor antwortete nicht. Er hörte von innen Musik, eine Beethoven'sche Sonate. Plötzlich brach sie ab, ein Sessel wurde geschoben, ein Kleid rauschte. Als er eintrat, stand er vor Marien, die in der Richtung nach der Thür mitten im Zimmer stehen geblieben schien. Sie suchte nach Worten, ihre Wangen glühten. Da ergriff er hastig ihre Hand mit beiden Händen und sah nun, daß ihre Augen verweint waren. Marie, sagte er, ich höre, daß ich Ihnen mehr abzubitten habe, als ich dachte. Sie hatten Unruhe um mich! –

Sie versuchte zu lächeln. Ich freue mich, daß es unnöthig war, sagte sie. Sie werden verhindert worden sein; es war thöricht, sich gleich das Schlimmste zu denken. Ich will meine Eltern rufen.

Er hielt sie dringend zurück. Sie haben geweint, Marie –

Es ist nichts; ich hatte eine schlechte Nacht, und eben hat mich die Musik in allen Nerven erschüttert.

Er ließ ihre Hände los, sie blieb auf derselben Stelle und stützte sich auf die Lehne des Stuhls. Ein paarmal durchmaß er das Zimmer, dann blieb er ihr gegenüber stehn. Er nahm wieder ihre Hände, er stammelte ein Wort, dann umschlang er sie heftig. Sie ruhte weinend, innig und selig in seinen Armen.

Wir wollen zu den Eltern gehn, sagte Marie, als sie sich aus dem Sturm der ersten Umarmung wieder aufrichtete. Komm!

Sie faßte ihn sanft bei der Hand. Er wäre gern geblieben; es dünkte ihm, als werde sie ihm wieder entrissen, wenn sie unter Andern wären. Doch ließ er sich führen. Sie fanden die Eltern zusammen im Cabinet der Mutter. Als er eintrat, war es ihm, als müsse er seine Geliebte bitten zu verschweigen, was zwischen ihnen vorgegangen war. Er fühlte sich unfähig, darüber Rede zu stehn und Andern als ihr selbst in seiner Trunkenheit zu begegnen. Da hatte sie schon das Wort gesagt. Die Mutter, eine große, feierliche Frau, schloß ihn herzlich in die Arme. Wie sie auch sonst ein wenig förmlich war, konnte sie auch jetzt das freudige neue Schicksal nicht ohne einige würdige Segensworte entgegennehmen, die, so herzlich sie gemeint waren, in Theodors Stimmung fremd hineinklangen. Der Vater sagte nichts; er drückte seinem Eidam immer wieder die Hand und küßte die Stirn seiner Tochter.

Theodor erzählte nun die Ereignisse des letzten Abends. Marie lehnte an seiner Brust und schlang, als er von dem Kampf erzählte, den Arm ängstlich um ihren Geliebten, wie um sich zu versichern, daß Alles vorbei sei und sie ihn ja sicher besitze. Die Mutter gab ihr einen Wink, der dem jungen Manne nicht entging. Da entzog sie ihm den Arm und saß nun neben ihm, ohne ihn zu berühren. Er empfand es peinlich; er fühlte auch, als er nach einigen Stunden gehen mußte und sie an der Schwelle der Thür noch einmal von Herzen küßte, daß sie es Scheu erwiederte und ihm zuerst ihre Lippen entzog. Er ging mit einem wunderlichen Gefühl, einen Druck auf dem Herzen, eine widerwillig gedämpfte Glut in allen Pulsen. Draußen stand er unter der Pforte still. Die Straße war menschenleer; er kühlte sich die Stirn an dem steinernen Pfosten, streckte die Arme aus, als wolle er ein Stück des Himmels herabziehen und an seine Brust pressen, und ging dann etwas ruhiger den Weg zum Tritonen.

Eine leidenschaftliche Röthe schlug in Bianchi's erloschenen Wangen auf, als er Theodors Schritt draußen vernahm. Er richtete sich auf und sah ihm fest und voll entgegen, da er eintrat, größer und männlicher, als er ihm gestern erschienen. Theodor näherte sich dem Kranken und sagte: Ihr seid erholt, Bianchi, und der Arzt ist zufrieden. Haltet Euch ruhig, ich bitt' Euch. Mich laßt ein wenig auf und ab gehn; meine Gedanken sind noch in Tumult, und meine Sinne wollen sich treiben.

Er sagte ihm nicht, von wo er kam, nicht, daß er vor wenigen Stunden sein Schicksal an ein Weib gebunden hatte. Aber es lag eine Glorie um ihn, von der Bianchi die Augen nicht abwenden konnte. Er hatte den Hut abgelegt und den Mantel über die eine Schulter geschlagen. Der Kopf stand frei auf der breiten Brust, die kurzen, krausen Haare ein wenig gesträubt, die Stirn ausgearbeitet und edel. So den Blick nach Innen gewendet, die Arme überm Mantel zusammengelegt, schien er fast die Absicht seines Besuchs zu vergessen, ging auf und nieder, stieß mit dem Fuß an die brennenden Scheiter und sah ins Feuer. Endlich wandte er sich und Sagte: Erzählt mir von Euch, Bianchi!

Was wollt Ihr wissen?

Der Ton dieser Frage, zweifelhaft, fast argwöhnisch, und doch ergeben und willfährig, berührte Theodors feines Ohr. Er schob einen Stuhl neben das Lager, faßte Bianchi's Hand und sagte: Nichts will ich wissen, als wie Ihr Euch fühlt; und wenn Ihr zum Sprechen keine Laune habt, so sagt mir's Eure Hand, die nur einen gelinden Rest von Fieber verräth.

Er fühlte den Druck dieser Hand, die sich ihm darauf verlegen entzog.

Ihr werdet bald so weit sein, daß wir auf Niewiedersehn von einander gehn können. Vorläufig findet Euch noch in meine Zudringlichkeit; denn Ihr müßt wissen, daß ich nicht gesonnen bin, einen Künstler, wie Ihr seid, durch einen plumpen Burschen umbringen zu lassen.

Wie ich bin! und er lachte schmerzhaft. Wißt Ihr, wie ich bin? Wer weiß es? Ein Tagelöhner bin ich, der in Muscheln schnitzelt mit Weibergeduld für Weiber, daß sich seine gesunden Arme schämen, wenn sie einem Stück Marmor begegnen. Nun, es ist vielleicht gestern dafür gesorgt worden, daß die armen Krüppel sich nichts mehr vorzuwerfen haben.

Ihr redet wunderlich. Als ob nicht auf zwei Zollen Raum genug für den Geist wäre, der sich in zwei Worten offenbaren kann.

Für den Geist vielleicht; aber schwerlich für die Form.

Ihr müßt das erfahren haben, sagte Theodor. Aber seid Ihr gezwungen, zu thun, was Euch widerstrebt?

Der Kranke warf einen ruhigen Blick auf die nackten vier Wände und sagte: An so viel Luxus, als Ihr da seht, bin ich gewöhnt. Ich habe freilich schon einmal gedacht, draußen auf dem Platz ein großes Stück anzufangen, am Brunnen Mittags meine Artischocken zu essen und Nachts zu Füßen meines Werks zu schlafen. Aber man ist weichlich und scheut das Wetter, und feige und scheut das Gerede. Ueberdies kann ich den Wein nicht entbehren, noch die Weiber.

Wenn Euch aber Gelegenheit würde, Euch mit aller Sorglosigkeit an einen Marmor zu machen? –

Der Kranke richtete sich ungestüm auf. Wißt Ihr, was Ihr anrichtet mit Eurer leichtsinnigen Frage? rief er und seine Augen funkelten. Da seht in die Ecke! Dahin hab' ich Alles über einander geworfen, was mir zuweilen mit solchen Fragen kam. Der Staub begräbt diese vorlauten Schreier nach und nach, und meine Augen wissen schon, daß ich's ihnen nicht vergeben kann, wenn sie da herumgehen. Und ich war Narr genug und ließ mich wieder gelüsten, da es hieß, man solle Entwürfe einliefern zum Monument des verstorbenen Papstes. Ein paar Wochen seh ich und sinn' ich nichts anders und bring' es zu Stande mit allem Feuer und war selbst zufrieden mit meiner Sache. Ich Narr, mir was einzubilden! Das war gestern. Ich schlag' es in ein Tuch und trag' es selbst den weiten Weg zum Cardinal Staatssecretair; denn meine Seele hing dran und ich sorgte, ein Andrer möcht's zu Falle kommen lassen. Nun muß ich erst dem Schlingel von Bedienten gute Worte geben und meinen letzten Scudo, daß er mich nur vorläßt. Drinnen war es dann schwarz und roth und violett von geistlichen Strümpfen, und besehn mich von oben bis unten, weil ich so im einfachen Rock aus der Werkstatt weggerannt war. Ich denke: Laß sie gaffen! mache mir einen Muth und trete mit meinem Compliment und Werk vor die Eminenz. Ich sehe gleich, daß er ungnädig ist und seine Nächsten schon die Mißlaune gekostet haben. Nun erklär' ich kurz, um was ich gekommen, und bitte, meine Skizze zeigen zu dürfen. Der Alte nickt, wie's seine Art ist, wirft einen halben Blick auf die Figuren, die mir unter den Schranzen doppelt anständig schienen, und sagt: Nicht übel: aber geht nicht, geht nicht! fehlt die Noblesse, mein Sohn, und der Hinblick auf die heilige Kirche! Tragt es heim und schmelzt es um. Der Thon ist ja noch naß! – Ich stand wie in einem Tollhaus. Umschmelzen, als ob meine festen Gedanken Brei wären! – Indem ich so keines Wortes mächtig bin, treten die Monsignori heran, setzen die gelehrte Brille auf und tadeln hinten und vorn, daß keines Nagels Breite ohne Schimpf besteht, wie wenn der alte Wolf ein Schaf halb todt gebissen hat und läßt es danach seinen Jungen, daß sie ihre Milchzähne dran durchbeißen. Hätt' ich reden können und sagen, was mir Alles während des Arbeitens durch den Kopf gegangen, vielleicht daß der Alte andere Augen gemacht hätte, denn es soll ein guter Verstand in ihm sein. Nur war er gerade um die Stunde grämlich aufgelegt und ließ Alles über mich ergehen. Es ward mir endlich des Schwatzens zu viel, dieses Geschwirrs von bunten Kinderbolzen, von denen keiner die Sache traf und jeder den Mann; denn es prickelte mich wie lauter Nadeln. Ein Andrer hätte sich sacht geschüttelt und vielleicht das Feld behauptet. Ich aber – woher soll ich's haben? Mein Vater machte nicht viel Redens über seine Cameen, und wie er todt war, war's in Rom nicht lauter und nicht stiller. Und ich bin immer den Gelehrten aus dem Wege gegangen. So macht' ich mich auch diesmal von ihnen fort und verschwor's, je wieder mit ihnen anzubinden. Wie ich nach der Ripetta hinunterkam, grimmte mich's und ich warf meine Skizze in den Tiber. Der mag sie umschmelzen, sagt' ich, und war erleichtert in mir, daß mich's trieb, spazieren zu gehen in die Campagne. Da habt Ihr mich gefunden.

Ihr sollt den Gelehrten nicht entgehen, sagte Theodor nach einer Pause scherzend, um den Andern, der in ein Brüten versank, wieder auf die Gegenwart zurückzulenken. Ihr hattet ein sichres Gefühl, als Ihr Euch gegen meine Nähe sträubtet. Denn ich bin hier in Rom, um in Pergamenten zu kramen und verschollene Dinge auszugraben, denen Wenige nachfragen, Geschichten der alten Städte Italiens, Staatsverhandlungen und Rechtsurkunden. Und so sind wir doppelt geschiedene Leute.

Ihr mögt sein und thun was Ihr wollt, sagte Bianchi lebhaft und halb für sich. Ihr seid gut und schön und ein Deutscher.

Ihr kennt die deutsche Gelehrsamkeit nicht. Sie ist weit entsetzlicher, als die römische. Mir selber graut gelegentlich davor. Schwache Seelen kann sie so furchtbar anblicken, daß sie davon versteinern, wie jene armen Schelme, die der Meduse ins Gesicht sahen.

Der Meduse?

Ihr müßt sie ja besser kennen, als ich. Habt Ihr sie nicht auch dort in den Winkel geworfen, und vielfach angefangen und halb vollendet in Muschel geschnitten auf dem Tische liegen?

Ich weiß nicht viel davon. Schon als Knabe gab mir mein Vater eine Paste, danach ich arbeitete. Ich liebte den Kopf, weil ich wenig Freude hatte und mich der finstre Tod in dem schönen Weibe lockte. Hernach sah ich das Rundbild in Villa Ludovisi und hatte nicht Ruhe, bis ich's zu Haus, so gut ich's behalten, nachgeformt hatte. Es ist menschlicher und heftiger dort, als bei den Griechen, wo's zur Larve geworden ist. Ich habe nie danach gefragt, was sie davon fabeln, und lesen widersteht mir.

Wenn es Euch recht ist, les' ich Euch die Geschichte vor, wie sie ein alter Poet erzählt hat.

Thut's, und bald, und – wann kommt Ihr wieder? fragte er, als Theodor aufstand.

Heute Nacht, sagte der junge Mann. Aber nicht um vorzulesen. Denn Ihr seid noch nicht aus der Cur. Ich will nichts hören; ich weiß, was Ihr sagen wollt. Aber ein Kranker hat keinen Willen. – –

Als er auf die Nacht wiederkam, fand er Wein auf dem Tisch und einen bequemen gepolsterten Sessel am Kamin. Bianchi schlief, und der Bursch flüsterte Theodor zu, daß er den Wein aus der Osterie holen und den Sessel von einer Nachbarin habe entlehnen müssen. Erst als Beides angeschafft, habe sich der Herr beruhigt und sei eingeschlafen.

*

Am folgenden Abend las Theodor aus einem italienischen Ovid, wie er versprochen hatte. Er sah zuweilen übers Buch weg nach Bianchi, dessen Augen still an der Decke hingen. Kein Wort gab er von sich. Die ruhige Stimme Theodors schien ihn zu bezaubern, die Märchen, die er hörte, ihn im Innersten aufzuregen. So las der Andere immer fort. Als er dann aufstand, seufzte Bianchi und rief: Ihr geht? Ihr wißt nicht, wie ich genossen habe. Diese Geschichten waren mir wie verstümmelte alte Steinfiguren, die Glieder verzettelt, der Kopf weit vom Rumpfe und alle Umrisse verwittert oder zerstört. Während Ihr laset, fügte sich's von selber zusammen und steht nun ganz vor mir. Hätt' ich meine heilen Glieder! Es zuckt mir in den Fingern, ein Stück Thon zu kneten. Aber das soll nicht sein, und Ihr geht – Ihr lächelt? Ich rathe, wohin Ihr geht. Genießt denn Eure Jugend. Aber ich bedenke nun erst, um was für Nächte ich Euch gebracht habe!

Sie waren einsamer als hier, und wohin ich gehe, rathet Ihr nur halb, Bianchi. Ich mache zwei alten Leuten den Hof, und nur dann und wann streift die weiche Hand ihrer schönen Tochter heimlich meinen Arm. All mein Genuß ist Schauen und Hoffen.

Und Ihr könnt das so gelassen eingestehn und knirscht nicht vor Ungeduld und Verlangen? Ich hatt' einmal so eine fruchtlose Verliebtheit. Wie ein Wurm wand ich mich am Boden und verfluchte meine Augen, die mir den Possen gespielt hatten.

Ich segne sie, und wenn ich ähnliche Tollheiten in meinem Blute spüre, lüfte ich meine dumpfen Sinne im Freien, das Forum auf und ab, oder zu den Capuzinern hinauf, wo nun Schnee um den Stamm der Palme liegt. Sie muß den Winter auch überstehen, so gern ihr sommerlich zu Muthe wäre.

Könnt Ihr's läugnen, daß es Euch dennoch mehr plagt und verzehrt, als der ganze Bettel werth ist? Es macht uns müßig und weibisch, und das ist das Schlimmste. Wenn wir nicht die Narren wären, uns gerade ins Unmögliche zu vergaffen – Alles wäre gut, Eine so gut wie die Andere, wenn sie hübsch wäre und zu haben.

Ich denke nicht. Ich brauch' eine Andere, als jeder Andere, wenn ich ihr nicht um jeder Andern willen davonlaufen soll.

Wer spricht auch davon?

Ich denke wir Beide.

Ich nicht, erwiederte Bianchi. Ich konnte mir nicht einfallen lassen, daß Ihr Euch so schlecht auf Euren Vortheil versteht, mit diesem Gesicht und diesen Jahren.

Darauf schwieg er verstimmt. Lassen wir das sein, wie es sein will, sagte Theodor heiter, und Jeder sorge für sich und freue sich, wenn der Andere auf seine Weise sich ein gutes Leben schafft.

Sie sprachen in Zukunft nicht wieder über diesen Punkt; Bianchi schien ihn durchaus vergessen zu haben, Theodor rührte ihn nicht an. Die alte Herbigkeit und Wildheit des Kranken kam ihm wieder, je mehr die Wunden heilten, und jene einzelnen Spuren von Weichheit, die er seinem Freunde gezeigt, vergingen für immer. Er vermied es, ihm die Hand zu reichen, er sprach nie von sich selbst und seinen Stimmungen, fragte nie nach Theodors Thun und Treiben und seinem früheren Leben und nannte ihn kaum einmal bei Namen. Doch wehrte er nichts von Theodors Seite ab, nicht sein häufiges Kommen, nicht die kleinen Erfrischungen, die er ihm brachte. Nur einmal, als er in einem Körbchen Früchte sah unter den ersten Veilchen, mit jener Aufmerksamkeit geordnet, wie sie nur eine Frauenhand solchen Dingen zuwendet, stellte er das Geschenk kalt und ohne ein Wort zu sagen auf den Sims des Kamins neben jene unsaubern Figürchen. Theodor schwieg; aber als er ging, nahm er den Korb zu sich, wie er ihn gebracht hatte.

Uebrigens fuhr er fort, ihm vorzulesen, Dichter der Alten, Stücke aus Dante und Tasso, endlich auch aus Macchiavelli. Es fiel ihm auf, als sie auf politische Dinge zu reden kamen, daß Bianchi sich mit Heftigkeit zu tyrannischen Grundsätzen bekannte, wie Alle thun, die an sich wenig Freude haben und die Menschen verachten. Sie stritten dann leidenschaftlich und unfruchtbar. Um so näher begegneten sich ihre Meinungen und Gefühle, sobald es sich um künstlerische Dinge handelte. Bianchi konnte nun schon wieder am Stock sich bis zum Tische schleppen und seine Arbeiten wieder aufnehmen. Während er dort saß und seine Köpfe schnitt oder eigene kleine Compositionen in Wachs bildete, um sie nachher zu schneiden, las ihm Theodor aus dem Homer. Die Götter, deren Bilder, im weiten Rom verstreut, ihm so lange nur schöne Leiber gewesen, von verworrenen Begriffen dürftig belebt, wachten nun klar in ihm auf. Es war, als fasse er jetzt erst die Welt, in der er im Traum herumgegangen, offen ins Auge. Und nun wuchs die Begier, wieder hinauszugehen und das Alles leibhaftig aufzusuchen, was er sich in der Phantasie neu und zum ersten Mal angeeignet hatte. –

Die Mandeln blühten rötlich in den Gärten am Monte Pincio, als er zuerst wieder an der Brüstung stand und über das weite Rom zu den Höhen hinübersah. Unten lag die Stadt laut und sonnig, der Strom blinkte herauf, von der Engelsburg flatterten die großen Wimpel der Standarten im Winde, der weich vom Meer herüberkam, und über der Runde spannte sich das zarte, feine Blau des römischen Märzhimmels. Bianchi stützte sich auf den Stock und sah finster unter den Augenbrauen hervor, wie er that, wenn er sich gegen sein eignes Herz wehrte. Auch Theodor stand in tiefen Gedanken. Endlich wandte er den Blick von der Ferne ab, sah Bianchi ernsthaft an und sagte: Ihr seid wieder genesen: noch wenige Tage, so werdet Ihr da unten in der Ripetta in Euer neues Studio ziehen, und ich denke, wir bleiben wohl noch ein Stück Zeit zusammen, wenn ich auch meine Arbeiten nachdrücklicher weiter führen und die Freude, mit Euch zu sein, beschränken muß. Es fügt sich nun, daß mir ein Vorwand kommt, Euch öfter aufzusuchen, als sonst vielleicht erlaubt wäre; wenn Ihr anders darauf eingehen wollt, das neue Studio mit einem Werk einzuweihen, an dem mir selbst viel gelegen ist. Die Sache ist diese. Eine Familie, der ich befreundet bin, hat sich hier niedergelassen, vielleicht auf immer. Der Mann, ein Deutscher, lebte früher in England, heirathete eine Engländerin und sie brachte ihm zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn, der an der Schwindsucht litt, sollte hier das Letzte zu seiner Rettung versuchen, und so siedelte die Familie über. Ich habe den jungen Menschen geliebt, wie Alle, die ihn kannten, und kann es noch nicht verwinden, daß ich so viel Reiz und Adel drüben bei der Cestius-Pyramide in die Erde versenken sah. Das war im vorigen Winter. Nun wollten die Eltern ihm einen Stein am Hügel aufrichten mit einem Bildwerk, das sein Wesen bezeichnet und sein Andenken ehrt. Ich wüßte Keinen, dem ich dies Werk lieber anvertraute, als Euch.

Ihr könnt auf mich rechnen, Teodoro, sagte der Bildhauer. Ich will sehn, was ich kann.

Wollt Ihr nicht die Eltern kennen lernen und ihnen abhören, in welchem Sinne sie das Denkmal ausgeführt wünschen?

Der Andere schwieg eine Weile. Nein, sagte er dann ruhig, ich mag keine Bekanntschaften und keine Thränen. Ihr habt ihn lieb gehabt, das ist genug; ich mach' es für Euch. – Ihr dürft mir das nicht verdenken, fuhr er nach einer Pause fort: ich tauge da nicht hin. Wer mich haben will, muß mich überfallen wie den Bären in der Grube; wo ich nicht entrinnen kann, setz' ich mich fast manierlich auf die Hinterfüße und brumme mein Wort mit drein. Aber auch das verhütet noch. Laßt mich machen. Ich will nichts sagen und zeigen, bis der Entwurf so weit gediehen ist, daß auch Laien einen Eindruck haben. Hernach mögen sie kommen.

Sie sprachen von andern Dingen; Bianchi wurde immer heller und fast übermüthig, während auf Theodors Gesicht ein Schatten lag. So blieben sie den Tag zusammen, und es war Beiden wie Abschied zu Muth; denn zum ersten Mal umgab sie der offene gemeinsame Tag, Lärm der Wagen und Gewühl lachender Spaziergänger. Bianchi nahm Theodors Arm nicht an. Langsam ging er neben ihm, Frauen und Mädchen musternd, deren Viele ihn zu kennen schienen, und hie und da einem Bekannten zunickend, ohne zum Anreden einzuladen. War er vorüber, so blieben die Leute stehn, flüsterten, zeigten nach ihm, und sahen ihm mit einer Miene, in der sich Mitleid, Respect und eine Art von Grauen mischten, eine Strecke weit nach. Er selbst schien das nicht zu gewahren; er sah nur voraus, oft über die Menschen fort nach den Villen vorm Thor und der Campagne dahinter, und seine Augen blitzten. Woran denkt Ihr? fragte Theodor. – Ich denke, wie meine Mäuse das Schicksal überstehen werden, daß ihnen der Palazzo überm Kopf abgetragen wird und über kurz der Himmel in ihre Heimlichkeiten und Schlupflöcher eindringt. Ich weiß, sie haben Familie bekommen. Arme Tröpfe! das lebt so lange unter Einem Dach mit einem, ohne einem was abzulernen. Wie mir zu Muth ist, daß ich arm und frei und allein bin und meinen Umzug auf einem Karren zu Stande bringen kann! – Er streckte seine Arme aus und wiegte sie so in der Höhe, als biete er sie jeder Last, die ihrer warte. Er sah jünger und frischer aus als je.

Am Abend bat er Theodor, ihn in eine Schenke zu begleiten, in der er vor seiner Verwundung manche Nacht zugebracht habe. Ihr sollt erfahren, was gute römische Gesellschaft ist und ein Rest besserer Geschlechter, sagte er. Sie sind ein wenig mißtrauisch gegen fremde Elemente, die so hineinschneien, ohne zu wissen, was sie wollen, oder gar es nur zu gut wissen. Das soll ja in vornehmen Häusern nicht viel besser sein. Laßt sie treiben, was sie wollen, und trinkt Euren Wein, ohne viel Wesens zu machen. Mir geht Manches hin, auch wenn ich einen Deutschen mitbringe, denn sie halten was auf mich.

Er führte ihn einige Gassen weit vom Tritonen nach der prächtigen Wasserkunst des Bernini, der Fontana di Trevi, hinunter. Gegenüber der hohen Grotten- und Nischenfasade, in deren Mitte der Wassergott über den künstlichen Felsen steht und die Bäche beherrscht, die von allen Seiten in die tiefe Schale vorbrechen, stand ein niedriges altes Haus, über der Thür eine trübe Laterne. Sie traten in den geräumigen Flur ein, der die ganze Breite des Hauses einnahm und zum Schenkzimmer hergerichtet war. Hinten schlug das Herdfeuer vor der geschwärzten Wand auf, und zur Rechten führte eine Treppe nach dem obern Geschoß. An Geräth war nichts zu sehen als Bänke und Tische, deren sich eine bunte, schweigsame Gesellschaft bemächtigt hatte. Ein Bursch trug die Schüsseln mit gerösteten Fischen, Salat und Maccaroni auf und verschwand von Zeit zu Zeit durch eine Falltür, aus der er mit frisch gefüllten Flaschen wieder auftauchte.

Ein freudiger Ausruf schallte aus der Tiefe der Halle herüber, als die Beiden eintraten. Eccolo! rief eine stattliche Frau und drängte sich durch bis zur Thür, die Hände an der Schürze trocknend, eccolo! Tausendmal willkommen, Sor Carlo! und sie reichte ihm herzlich die Hand. Ein Mezzo vom Frascati, Checo, vom neuen, der gestern angekommen. Sieh, sieh, Sor Carlo! Von wem glaubt Ihr, daß ich eben mit meinem Domenico gesprochen habe, eben in diesem Augenblick, und sagte ihm: Domenicuccio, sagt' ich, du bist ein Bärenhäuter und Taugenichts, daß du nicht einmal nachfragst, wie es unserm Sor Carlo geht. Denn ich, wie du weißt, habe alle Hände voll, und Kinder, Gäste und dich selber zu bedienen, du Tölpel. Aber es dünkt mich tausend Jahr, bis ich ihn wiedersehe – der brave Junge, der er ist. – Lalla mia, sagt' er, morgen will ich hinauf, und, sagt' er, wenn du willst, Lalla, eine Kleinigkeit von dem neuen Wein würd' er nicht verschmähen, so ein Bariletto, sagt' er. – Ich aber: Nun, sag' ich, Cuccio, das ist noch der gescheiteste Einfall, den du die zehn Jahre, daß wir verheiratet sind, gehabt hast, und eben tritt der Girolamo, der Carretiere, dazu, und sagt, daß er Euch heut auf dem Pincio gesehn, und ich sage noch: Gelobt sei Gott! so dauert's nicht lang und wir sehn ihn auch! – da macht Ihr die Thür auf und steht vor mir, und wahrhaftig, es hat Euch gut gethan, Ihr seid schöner geworden, Sor Carlo; ich wollt's dem Girolamo nicht glauben, aber die Madonna hat ein Wunder gethan, ich habe nicht umsonst meine Rosenkränze für Euch gebetet.

Also Euch hab' ich's zu danken, Sora Lalla, daß mich die Tollwuth verschont hat und Alles nur auf ein bischen Lahmheit hinausgelaufen ist. Ihr habt die bravste Frau in Rom, Domenico eine Heilige, einen wahren Schatz von Gnaden-Gaben! Ja, da bin ich wieder! und er schüttelte dem Wirth, einem etwas schwerfälligen, zuthulichen Burschen kräftig die Hand. Und hier der Herr, daß Ihr's wißt, ist mein Freund, der mich den Bestien aus dem Rachen geholt hat. Aber hola! da drüben sitzt mein edler Gigi und ißt und trinkt und kann seine Kehle nicht einmal zu einem »guten Abend« abmüßigen. Schämt Euch, Gigi; alte Freunde, und eine so kalte Manier sich wiederzusehn, wenn einer wie San Lazzaro auferstanden ist von den Todten!

Er hat mehr als Alle nach Euch gefragt, Sor Carlo, flüsterte die Wirthin, und könnt' eine Woche lang nicht ein Glas 'runterbringen, wenn auf Euch die Rede kam. Er scheute sich nur, Euch zu besuchen.

Der, von dem die gute Frau sprach, saß an einem der mittleren Tische, fest gegen die Wand gelehnt, und schob große Bissen in den Mund. Er war wohlbeleibt, der kahle Kopf mit einem Käppchen bedeckt, sein schwarzer Rock bis an den Hals zugeknöpft, sein Benehmen von einer gewissen Feierlichkeit, die ihn unter den Andern auszeichnete, ohne daß er sich überhob.

Bianchi trat zu ihm und grüßte über den Tisch mit Händewinken. Theurer Sor Gigi, sagte er, laßt Euch nicht stören! wir kennen einander. – Er sah nun erst, daß die Augen des würdigen Mannes feucht schimmerten und daß er nur im Essen fortfuhr, um seine verlegene Freude nicht offenbar zu machen. Er ist ein Sänger, raunte Bianchi seinem Begleiter zu, der sich zu den Kirchen hält und bei Festen mitsingt. Sie haben ihn scheeren wollen, weil er Bildung hat und was vorstellt; aber er hat ihnen die Feige geboten. Das sind Alles freie Leute, so viel hier sitzen. Kommt, mein Freund Gigi macht uns Platz neben sich.

Indessen kam der Bursch, fegte mit einem nicht sehr saubern Tuche die Tischplatte und stellte die große offene Flasche vor die Beiden. Theodor nahm Platz, während Bianchi noch hie und da Hände zu drücken und neugierigen Fragen zu antworten hatte. Eine qualmende Messinglampe leuchtete mit ihren drei rothen Flämmchen über den Tisch. Der junge Mann brauchte einige Zeit, sich an den Dunst und Tabaksdampf, durch den der Geruch des siedenden Oels hinzog, zu gewöhnen. Bald aber vergaß er Alles über dem Anblick eines auffallenden Paars, das ihm gegenüber am Tisch saß. Es war ein junges Mädchen in der Tracht derer von Albano; die rothe Jacke umschloß knapp den eben erst gereiften Busen, darüber war das Spitzentuch gefaltet und große silberne Nadeln hielten über den Flechten das flache weiße Tuch fest, das die Form des Kopfes nicht verbarg. Das Gesicht stand im ersten Flor der Jugend, Schönheit und Gesundheit, den drei Grazien, die in jenen Gegenden gern zusammenhalten; nur war der Ausdruck des Mundes von einer scheuen Weichheit und Hingebung, fast willenlos und schmerzlich, und die großen Augenlider bedeckten die Augen ganz, daß nur ein schmaler funkelnder, schwarzer Streif verrieth, daß sie wachten.

Sie aß von dem Teller vor ihr, langsam und theilnahmlos, und trank ein wenig vom Wein, und ihre braune Wange glühte immer in gleichem Feuer fort. Neben ihr saß eine Alte in römischer Tracht, lebhaft um sich blickend, aber schweigsam und ganz mit ihrem Wein und Essen beschäftigt, das sie gierig genoß. Sie hatten nicht das Geringste mit einander gemein und schienen doch zu einander zu gehören.

Als Bianchi endlich dazu kam, sich auf seinen Platz zu setzen, und eben das erste Glas geleert hatte, fuhr er mit einem fast komischen Erstaunen zurück und rief: Madonna santa! welch' eine Schönheit! Wie kommt Ihr zu solch einer Nachbarin, Sor Gigi! Eine Nichte von Euch? Oder gar ein vergessenes Kind, das Euch eines schönen Tags vor die Augen gekommen? Gesegnet sei ihre Mutter!

Chè, chè! sagte der Sänger ernsthaft. Ich wollte, Ihr hättet Recht. Fragt sie selbst, woher sie kommt. Mir hat das Zuckermündchen nicht Rede stehn wollen.

Bianchi warf einen scharfen Blick auf die Alte und brummte vor sich hin: So! so! Ich denke, wir kennen uns. Die Alte ward es inne und sagte, indem sie den Rest ihrer Flasche in ihr Glas goß: Ein blödes Ding, meine Herren, ein armes, blödes Waisenkind, war bei schlechten Leuten drüben im Gebirg, als ich sie dort fand, und mich dauerte der jungen Creatur. Wie leicht wird eins verdorben, wenn es in unrechte Hände kommt! Ich nahm es denn mit nach Rom, um Jesu Barmherzigkeit willen, und halt' es hier, so gut's eine arme Alte kann, in allen Ehren und Tugenden, das arme Ding! Schlag die Augen auf, Caterina, wenn die Herren mit dir reden wollen.

Das Mädchen gehorchte und ließ ihre großen, stillen Augen einen Moment auf Bianchi ruhen, um sie sogleich wieder zu senken. Der Künstler hob sich halb empor auf seinem Sitz und bog sich zu ihr hinüber.

Du heißest Caterina? sagte er.

Ja, Herr! erwiederte sie mit einer tiefen, aber weichen Stimme.

Wie alt bist du?

Achtzehn Jahr.

Du wirst einen Liebsten in Albano zurückgelassen haben, oder mehr als Einen.

Sie schüttelte den Kopf. Was Ihr redet! fiel die Alte heftig ein, eine Jungfer ist's, sag' ich Euch, und sie nickte bekräftigend, ja, ja, ein Ding so unschuldig wie Christi Blut. Hätt' ich mich sonst ihrer angenommen?

Nun, nun! wenn ich's glaube, glaub' ich's ihrem Gesicht und nicht Eurem, Mutter. Kann sie tanzen? Der Herr hier ist ein Fremder, und ich gönnt' es ihm, daß er einen braven Saltarello kennen lernte.

Theodor sagte einige Worte, daß ihm ein Gefallen geschehen würde. Die Alte winkte der Wirthin; Caterina stand stillschweigend auf. Bald waren die nächsten Tische zurückgeschoben, daß ein geringer Raum frei wurde, und Lalla brachte das Tamburin. Während die Alte sich in einem Winkel damit zurechtsetzte, die übrigen Gäste der Schenke einer nach dem andern herankamen und der Bursch, der die Gäste bedient hatte, sich zum Tanz anschickte, flüsterte Bianchi dem Freund ins Ohr: Seht diese Gestalt und die Feinheit der Hände und Füße, und wie sie steht! ein vollkommnes Gewächs, wie ich keines sah, tadellos bis zu den allerliebsten Ohren, und weiß noch nicht viel von sich. Daß ich's dem Checo lassen muß, mit ihr zu tanzen! ich verstand es sonst wohl leidlich. Aber nun beschwör' ich Euch, thut Alles auf, was Auge an Euch ist. Ein Wunder will sich begeben.

Theodor bedurfte der Erinnerung nicht. Er lehnte gegen einen Tisch und verwandte keinen Blick von Caterina. Bei den ersten heftigen Tönen des Tamburin begann das Mädchen den Tanz. Lalla stand neben der Alten und klapperte und schnalzte mit den Castagnetten; Sor Luigi, der Sänger, saß unbeweglich hinter seinem Tisch und begann schon nach den ersten Tacten eine Melodie zu summen. Bald sang er das Lied und die Worte voll heraus. Die Worte, die Theodor nicht verstand, die fieberhafte Unruhe der eintönigen Instrumente und mehr als Alles der hohe Zauber der Tänzerin verwirrten ihm allmählig die Gedanken, daß er drein sah, wie in eine fremde Welt. Das Bekannte, Eigne, Theuerste trat in eine nichtige Dämmerung zurück, die es aller Farbe entkleidete. Menschen, Gedanken, Wünsche und Hoffnungen wälzten sich in diesem Halbtraum nach dem Tact des dumpfen Tamburin durch seine Seele wie zu einer großen Musterung; er verwarf sie alle; es war ihm, als hörte er in sich rufen: Ihr seid wertlos und scheintodt. Hier ist Leben und Seligkeit!

Mit dem Ende des Tanzes erwachte er und sah verstört um sich. Er griff nach seinem Hut. Ihr wollt fort? schon? heute? fragte Bianchi betroffen. Ich sehe, es gefällt Euch nicht unter diesen meinen Freunden.

Ihr verkennt mich ganz und gar, erwiederte Theodor und sah düster vor sich hin. Wie gern bliebe ich, wie gern! Aber ich habe ein Versprechen gegeben, ich muß in eine Gesellschaft; wir sehen uns morgen, Bianchi!

Oh, murmelte Bianchi, schade, schade! Nun, Ihr werdet Euch unterhalten, Euch und die Andern. Schade, schade!

Er lächelte scharf und bitter, als Theodor den Rücken gewendet: doch schien es ihm nicht geradezu unlieb, daß er ging.

Draußen stand der junge Mann den Cascaden gegenüber und sog den Hauch des Wassers und das lebendige Rauschen seines Sturzes in die verwirrten Sinne ein. Der Mond beschien dem Wassergott das Haupt und einen Theil der Brust. Unten blitzten nur Tropfen aus der Dunkelheit auf. Er stieg hinunter und trank, als wollte er den Rausch des Gemüts von sich thun, und saß dann eine Weile am Rande des Beckens. Die Sage fiel ihm ein, wer aus dieser Quelle getrunken, sei dem Heimweh nach Rom verfallen; da verlor er sich in peinliches Sinnen. Erst als drüben aus der Osterie das Tamburin von neuem klang, stieg er fast erschrocken aus der Tiefe auf. Mühsam zwang er sich, der Thür wieder vorüberzugehn und eine der Seitenstraßen einzuschlagen. Als er von fern zuletzt noch einmal den gedämpften Ton hörte, stand er einen Augenblick und kämpfte wieder. Dann ging er entschlossen tiefer in die Stadt hinunter nach Mariens Hause.

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