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Am See und im Schnee

Heinrich Seidel: Am See und im Schnee - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWeihnachtsgeschichten
authorHeinrich Seidel
year1995
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-739-9
titleAm See und im Schnee
pages83-108
created20031119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2

Im Schnee

Nach einem schönen Herbste kam ein frühzeitiger Winter, der schon im November die Seen mit Eis und die Felder mit Schnee bedeckte, und bis gegen Weihnachten nahm die Kälte immer noch zu. Zuweilen war dazwischen ein milderer, trüber Tag, der aber nur neuen Schnee brachte; und hatten die Flocken dann genug gestäubt und gewimmelt, so stieg eines Morgens die Sonne aus rotem Nebeldunst; es folgten wieder klare, kalte und blendende Tage, wo die unendliche Schneewüste ringsum nur belebt war durch vereinzelte hungrige Krähen oder hie und da durch einen Schlitten, der einsam durch die Landschaft klingelte.

Am 24. Dezember wurde Fritz in Wildingshagen erwartet, und Herr Dieterling fuhr selber mit einem Schlitten nach der vor einem halben Jahre erst eröffneten Bahnstation, um seinen Sohn abzuholen. Diese Stadt war dieselbe, die, nicht weit von Braunsberg gelegen, diesem Orte zum Absatze seiner Produkte und zur Versorgung mit Waren diente. Kurz hinter dem Walde von Wildingshagen, dem Seebusch, vereinigten sich die Wege, die zu beiden Gütern führten, die gemeinsame Straße lief dann auf einer Brücke über die Wacknitz und weiter durch einen ausgedehnten Hohlweg zu dem großen Bauerndorfe Büchtingshagen, wo der Anschluß an die Chaussee erreicht ward.

Den ganzen Tag und die ganze Nacht vorher hatte es bei stiller Luft geschneit, und überall lag lose und wollig der frische Schnee, bog in dicken Ballen die Äste der Fichten, saß nesterweise in dem feinverzweigten Buschwerk, zeichnete schimmernd die dunklen Linien der Äste nach und hielt jedes welke Blatt mit einem kleinen weißen Polster bedeckt.

Der Schlitten des Herrn Dieterling klingelte munter in unberührtem Schnee durch den Seebusch. Zwischen den Stämmen des eingeschneiten Waldes lag ein zartvioletter Dämmer, und seltsam hob sich das schwere Dunkelgrau des gleichmäßig bewölkten Himmels gegen den weißen Silberschimmer der Erde ab. Es fißelte ein wenig, wie man dortzulande sagt, aber es war kaum festzustellen, ob dieser feine, leichte Schneestaub aus den Wolken kam oder durch einen leisen Luftzug von den Bäumen geweht wurde.

Krischan, der brave Kutscher, räusperte sich ein wenig auf seinem Vordersitz, deutete dann mit der Peitsche auf den tiefgrauen Himmelsausschnitt am Ende der langen Schneise, in der sie fuhren, und sagte mit einer halben Wendung rückwärts zu seinem Herrn: »Dor sitt noch väl Snei inne Luft, Herr.«

»Lat'n sitten«, antwortete dieser behaglich aus dem hochaufgeschlagenen Kragen seines Pelzes heraus. Krischan grinste ein wenig, halb respektvoll, halb ungläubig. »Ja, dei«, sagte er dann, »dei ward nich lang mihr täuben. Un Wind kümmt ok. Oll Großvadder Römpagel hett hüt morn seggt, hei sitt em all in dei Knaken. Un wenn dei Oll dat seggt, denn hett dat noch ümmer stimmt, bäter as'n Premeter. Ja, ja.«

»Lat'n susen«, antwortete hierauf Herr Dieterling, der gesonnen schien, sich auf nichts einzulassen, sondern alles der historischen Entwickelung zu überlassen. Krischan aber fuhr unbeirrt fort: »Dat künn uns äwer doch äklich begriesmulen in den ollen Hollweg an dei Wacknitz. Dor sall'n jo nu all knapp dörchkamen känen. Verläden Woch hebben's all mal den Regelinschen Baron dor rutschüffelt.«

»Na, wi warden jo seihn«, sagte Herr Dieterling. Krischan zuckte die Achseln und wandte seine Aufmerksamkeit wieder ausschließlich den Pferden zu.

Hinter dem Seebusch, wo der Weg von Braunsberg einmündete, waren ganz frische Spuren sichtbar, vor kurzem mußte ein von diesem Dorfe kommender Schlitten dort vor ihnen her gefahren sein. Krischan räusperte sich wieder, deutete mit der Peitsche auf die neuen Geleise im Schnee und dann mit dem Stiel über die Schulter weg nach Braunsberg und sagte: »Dei Brunsbarger stiegen in'n Erbgroßherzog af, sall ich bi Stadt Hamburg vorführen?« Herr Dieterling grunzte etwas, das wie eine Beistimmung klang, und unter Schweigen ging die Fahrt weiter. Nun man aus dem Walde heraus war, konnte man bemerken, daß der Schnee nicht von den Bäumen wehte, sondern aus der Luft kam und sich langsam vermehrte, so daß er die Ferne bereits mit einem feinen, wimmelnden Dämmer erfüllte. Zugleich nahm der Wind zu und begann die schon gefallenen losen Flocken über den Boden hinzutreiben.

Als die Reisenden hinter der Brücke über die Wacknitz in den Hohlweg gelangten, sahen sie, daß der ihnen vorangefahrene Schlitten schon seine Not gehabt hatte, durch den hier besonders hoch aufgetürmten Schnee zu gelangen, jedoch zum Vorteil für das folgende Gefährt, das in den zurückgelassenen Spuren fahrend die Schwierigkeiten leichter überwand. Endlich war das Dorf Büchtingshagen erreicht, und nun bot der übrige Teil des Weges auf dem ziemlich hoch gelegenen Damme der Chaussee keine besonderen Schwierigkeiten mehr. Es waren noch zwei Stunden bis zur Ankunft des Zuges, die Herr Dieterling in dem behaglich durchwärmten Gastzimmer der Stadt Hamburg durch ein kräftiges Frühstück ausfüllte, während sich draußen das Schneetreiben vermehrte und die Flocken an die vereisten Fenster prickelten. Der Wirt, nach Weise dieser Leute so guten Kunden gegenüber ein zerfließendes Gemisch von Wohlwollen und Hochachtung, kam mit sanften Katerschritten herbei, rieb die Hände zart umeinander und knüpfte eine kleine Unterhaltung an über das Schneetreiben, die Kornpreise und die ungeheure Zukunft, der das gute Zernin durch die Anlage dieser neuen Eisenbahn entgegengehe, und war bereit, Herrn Dieterling in jeder Hinsicht recht zu geben, wenn er auch noch soeben der ganz entgegengesetzten Ansicht gewesen zu sein schien. Es gehörte zu seinen Geschäftsprinzipien, immer ganz der Meinung des geehrten Herrn Vorredners zu sein.

Auf dem Bahnhofe traf Herr Dieterling zur rechten Zeit ein, allein der mit Weihnachtsreisenden stark besetzte Zug hatte wegen des ungewohnt großen Verkehrs und des Schneewetters eine halbe Stunde Verspätung, und als der Gutsbesitzer seinen Sohn aus dem Knäuel von küssenden und umarmenden Söhnen, Töchtern, Eltern, Tanten, Onkeln, Bräuten, Bräutigämmern, Freunden und Freundinnen glücklich herausgefischt und in den Schlitten befördert hatte, da war das Wetter draußen fast stürmisch geworden, und der Schnee jagte durch die Straßen, als seien die Hunde hinter ihm. Krischan begnügte sich, in einem triumphierenden Hinblick auf Großvater Römpagels prophetische Knochen, mit der Peitsche auf dieses Schauspiel hinzuweisen, und fort klingelte der Schlitten durch die engen Straßen der kleinen Stadt, über deren Giebeln der Schnee hintanzte, an deren Dachvorsprüngen er wie Rauch entlang fegte. Auf der Chaussee, wo der Wind ringsum über freie Feldfläche dahinjagte, konnte man kaum die Augen geöffnet halten, denn nicht allein, daß der Schnee vom Himmel unablässig herniederwimmelte, nein, auch der früher schon gefallene war in Bewegung, sauste in mächtigen Wolken über die Ebene dahin, füllte jeden Graben, jede Vertiefung und häufte an jedem Hindernis mächtige Wehen empor. Glücklicherweise war aber wegen ihrer erhabenen Lage auf einem Damme die Bahn auf der Chaussee selbst glatt und eben. So gelangte man nach Büchtingshagen, in dessen tiefer gelegenen Dorfstraße das Fortkommen schon schwieriger ward, denn an jedem Hause, jedem Zaun, ja überhaupt jedem geeigneten Ort hatten sich mächtige Schneewehen aufgetürmt, die zu überwinden den Pferden manche Anstrengung kostete. Trotzdem war es an schnell verwehenden Spuren bemerklich, daß kurz vorher ein anderer Schlitten denselben Weg gemacht haben mußte. Als das Gefährt an dem stattlichen Dorfkruge von Büchtingshagen vorüber war und die letzten Häuser des Dorfes passierend in den Weg gegen die Wacknitzbrücke zu einlenkte, wendete Krischan sein verschneites Haupt halb zur Seite gegen seinen Herrn und sprach bedächtig: »Sall mi doch mal wunnern, Herr, un bün doch nieglich, wo wi hüt Heiligabend fiern warden.«

»Ach, wat«, antwortete dieser, »man tau, Krischan, dörch den Hollweg möt't wie un nahst hett dat nix mihr to seggen. Du sühst doch dei Sledentraden vor uns. Wo dei anner dörch kümmt, dor warst du doch woll nich hacken blieben.«

Krischan grinste fast unmerklich: »Jeja«, sagte er, »dei ward dor woll all insitten as'n Proppen inné Buddel.« Damit wandte er sich wieder und trieb seine mutigen Pferde hinein in das weiße Schneegewimmel. Zuerst ging es wohl, da sich der Weg in gleicher Fläche mit seinen Ufern dahinzog, als sich diese aber zu beiden Seiten zu erhöhen begannen, da wuchs auch zugleich die Menge des Schnees, der sich hinter dem Ufer an der Gegenwindseite aufgehäuft hatte, die Pferde waren genötigt, ihre Gangart zu mäßigen, und stampften schnaubend und zuweilen sich mächtig schüttelnd im Schritt daher.

Fritz Dieterling war, nachdem er die notwendigsten Fragen und Antworten mit seinem Vater ausgetauscht hatte, den ganzen Weg über in Gedanken und Grübeleien versunken gewesen. Insbesondere lag es ihm am Herzen, wie bei solchem wahnsinnigen Wetter die für morgen, den ersten Weihnachtstag, verabredete Zusammenkunft am Vogelsang zustande kommen solle. Selbst wenn sich dieses Schneetreiben bald legen würde, sah er die Möglichkeit nicht ein, da alle Wege so gut wie ungangbar waren, noch dazu für ein zartes, junges Mädchen. Und der zweite Gedanke war einer, der ihn in diesem ganzen Vierteljahre kaum einen Tag verlassen hatte, nämlich der, wie unsinnig doch die Feindschaft dieser beiden Väter sei, deren Familien sonst durch jahrelange Freundschaft verbunden gewesen waren. O, wie viele herrliche Versöhnungsreden hatte er in Gedanken schon gehalten, und auch jetzt, mitten in dem großen Schneegestöber wirbelten solche Worte in seinem Kopfe wie Schneeflocken umher und ließen ihn alles andere kaum beachten.

Da mit einemmal stand der Schlitten. Die Pferde, bis an die Brust im Schnee, dampften und vermochten ihn nicht mehr von der Stelle zu bewegen. Krischan sah sich um: »Je, Herr, nu 's 't ut.«

Der Hohlweg machte hier eine kleine Biegung, und an diesem Orte hatte sich der Schnee ganz besonders angehäuft. »Wenn wi utstiegen«, sagte Herr Dieterling, »denn mag't jo noch gahn.« Vater und Sohn kletterten aus ihren Fußsäcken in den tiefen Schnee und auf das Ufer an der Windseite, wo der Boden ziemlich rein gefegt war. Als sie dort oben standen, bemerkten sie gleich hinter der Biegung des Hohlweges dicht vor sich einen zweiten Schlitten in derselben Lage, nur noch tiefer in den Schnee verfahren. Auch dessen beide Insassen waren im Begriff auszusteigen und das Seitenufer zu gewinnen, das an jener Stelle ziemlich steil war. Da eine in Pelze und Mäntel gehüllte Dame dabei war, so eilte Fritz schnell hinzu, um ihr behilflich zu sein, und als er niederkniend die Hände hinabreichte, durchzuckte ihn ein vergnügter Schreck, denn in diesem Augenblicke wehte der Wind den Schleier beiseite, und Hellas Antlitz schaute ihm, von verstohlener Freude lieblich gerötet, entgegen. Er half ihr das Ufer ersteigen und leistete dann auch dem dicken Maifeld den nötigen Beistand. Von hier oben übersah man gleich, daß es ein aussichtsloses Unternehmen war, in diesen Hohlweg noch weiter einzudringen, denn an seinem vorderen Ende, wo er am tiefsten und dem Unwetter am heftigsten ausgesetzt war, befand er sich fast gestrichen voll Schnee.

Herr Maifeld übersah dies mit Feldherrnblick und traf seine Anordnungen. »Johann«, brüllte er mit einer Stimme, die gewohnt war, über Felder und Wiesen hinweg Befehle zu erteilen, »mit dei beiden Brunen kümmst du noch dörch, wenn du sei äwer dat Äuwer lerrst. Denn seit di up dat Sadelpierd un mak, dat du na Hus kümmst, un denn bring so väl Lühr mit Schüffeln mit, äs jichtens tau kriegen sünd. Wi gähn so lang nach Büchtingshagen in'n Kraug!«

Herr Dieterling, der die Befreiung seines Schlittens aus dieser mißlichen Lage natürlich nicht seinem Feinde verdanken wollte, gab seinem Krischan unverweilt denselben Auftrag, und so haspelten sich die beiden Kutscher mit den abgespannten Pferden nach rückwärts, leiteten sie auf dem ziemlich schneefreien Ufer der Windseite einen Fußweg entlang, brachten sie auf diesem Umwege glücklich den Abhang an der Wacknitz hinab und zuckelten dann, alsbald im Schneegestöber verschwindend, davon, um ihre Aufträge zu erfüllen.

Unterdes hatte auch Maifeld natürlich seinen Gegner erkannt, Fritz hatte sich nach geleisteter Hilfe wieder respektvoll zu seinem Vater zurückgezogen, und während nun die beiden Paare kämpfend mit Wind und Schneetreiben in gemessener Entfernung voneinander dem Dorfe Büchtingshagen zustrebten, bewegten die mannigfachsten Gedanken ihre Gemüter. Hella war erfüllt von Bangigkeit, wie diese Sache ablaufen würde, und zugleich von Glück über das unvermutete Wiedersehen mit ihrem Geliebten. Freilich, ob es so ganz unvermutet war, das konnte man wohl ein wenig in Frage stellen. Denn da sie ganz genau wußte, an welchem Tage und mit welchem Zuge Fritz in Zernin ankommen mußte, so traf es sich höchst merkwürdig, daß sie gerade um diese Zeit ganz notwendige und unaufschiebliche Besorgungen in der Stadt zu machen hatte, wieder einer jener Zufälle, die oft von ungeahnten Folgen sind.

Fritz dagegen war von stürmischen Gedanken erfüllt, die einander drängten und jagten. Dieser glückliche Zufall, der die beiden feindlichen Männer zum erstenmal nach zehn Jahren an einen Ort führte, wo sie sich nicht entrinnen konnten, dieser vielleicht niemals wiederkehrende Augenblick durfte nicht ungenutzt vorübergehen. Aber wie? das war die Frage.

Die beiden Väter aber ärgerten sich, verdammten diesen häßlichen Zufall und schnauften, da sie beide wohlbeleibt waren und in schweren Pelzen steckten, mit Anstrengung durch den hohen Schnee dahin. Es war Nachmittag, die Dämmerung machte sich bereits bemerklich, und ehe die Hilfe von den Dörfern kam und Bahn in den Schnee geschaufelt war, konnten einige Stunden vergehen. Und so lange mußten sie in der sogenannten Herrenstube des wohleingerichteten Dorfkruges von Büchtingshagen miteinander aushalten. Eine Partie Whist mit dem Strohmann bildeten sie allerdings gerade, aber daran war ja gar nicht zu denken. Verdammte Geschichte!

Dieterling und sein Sohn langten zuerst an und nahmen von dem alten Roßhaarsofa an dem einen Ende des Zimmers Besitz, Maifeld und Tochter ließen sich am andern Ende auf dem neuen glanzledernen nieder. Zwischen beiden Parteien herrschte Schweigen und Dämmerung. Die freundliche Wirtin kam herein, bedauerte redselig das Schicksal der im Schnee Steckengebliebenen und nahm deren Bestellungen entgegen, während eine Magd den alten, schwarzen Kachelofen bis an den Rand voll Holz stopfte, so daß bald ein mächtiges Gebuller anhub und der Feuerschein auf dem Fußboden des dämmerigen Zimmers tanzte. Draußen prickelte noch immer der Schnee an die Scheiben, doch hier drinnen wäre es ganz behaglich gewesen, hätte nicht das Gespenst eines alten Haders zwischen beiden Parteien gestanden.

Fritz Dieterling, der still und brütend in seiner Ecke gesessen hatte, schien endlich seinen Plan fertig zu haben, er stand leise auf und ging hinaus. Drinnen wurde es allmählich dunkler, denn Licht hatten sich die beiden Herren einstweilen noch verbeten. Sie fühlten sich wohler, wenn sie einander nicht sahen. Beide rauchten in schweigendem Brüten »äs wenn 'n lütt Mann backt«, und jeder sah die Zigarre des andern wie einen Glühwurm aus dem Dunkel leuchten. Die beiden Männer saßen in ihren Ecken wie zwei Gewitterwolken; und wenn sie in der Wucht der Gedanken, die sie bedrängten, stärker an ihren Zigarren zogen, so wetterleuchtete es auch, während ihr zeitweiliges Räuspern wie entfernter Donner klang. So saßen sie eine lange Weile, bis es ganz finster war. Da machte sich draußen auf der Diele ein Geräusch bemerklich, und ein heller Lichtstreif wanderte durch die Türritze auf dem Fußboden hin. Plötzlich öffnete sich die Tür, und ein Strom von Helle ergoß sich in das Zimmer, denn die Wirtin trat herein, in jeder Hand eine Lampe. Hinterher folgten zwei stämmige Dienstmädchen und trugen einen für vier Personen gedeckten Tisch mit lauter guten Sachen besetzt. Dann kam Fritz mit einer mächtigen Bowle Weinpunsch, die ringsum herrlichen Duft verbreitete. Diese setzte er mitten auf den Tisch, die Wirtin stellte die Lampen daneben und ging mit ihren beiden Gehilfinnen eilends wieder hinaus. Eine dumpfe Stille war ringsum verbreitet, die beiden Väter sahen starr und drohend aus, und Hella war blaß geworden wie draußen der frischgefallene Schnee. Auch Fritz schien ein wenig bedrückt von der Schwere dieses bedenklichen Augenblicks, denn er atmete tief und preßte die Lippen aufeinander. Dann aber faßte er sich, stützte leicht die Fingerknöchel auf den Tisch und sprach mit klarer, vernehmlicher Stimme:

»Verehrte Anwesende, ich bitte nur um wenige Augenblicke Gehör für eine ganz kleine Geschichte, die ich erzählen will. Es waren einmal zwei Männer, die beide ihr Vaterland innig liebten und bemüht waren, zu seinem Gedeihen so viel beizutragen, als nur in ihren Kräften stand. Über die Wege zu diesem Zwecke aber waren sie nicht einig, und da jeder glaubte, der seine sei der einzig richtige, so gerieten sie darüber in ein Zerwürfnis, und sie, deren Familien in ererbter Freundschaft durch viele Jahre miteinander verbunden waren, die Trauer und Freude, Leid und Lust bis dahin miteinander geteilt hatten, betrachteten sich mit Haß und Verachtung und lebten fortan in Feindschaft. Jahre vergingen, da kam plötzlich wie aus blauer Luft ein gewaltiger Krieg in das Land mit einem alten und mächtigen Feinde. Das Land, in Parteien vielfach zersplittert, vergaß seine politischen Kämpfe, Nord und Süd, die sich soeben noch feindlich gegenübergestanden hatten, reichten sich brüderlich die Hände, aller Hader war vergessen, alle Feindschaft vorbei, der einen großen, gemeinsamen Gefahr gegenüber. Vereinigt gingen sie Schulter an Schulter gegen den Feind und warfen in unglaublich kurzer Zeit seine gewaltige Macht zu Boden. Ungeheurer Jubel herrschte in dem geeinigten Lande, Träume der Sehnsucht gingen in Erfüllung, die alte Kaiserkrone strahlte in neuem Glanze, und die goldene Zeit war da, eher, als irgend jemand geglaubt oder geahnt hatte. Die beiden Männer jedoch, deren ich vorhin erwähnte, trugen ihren alten Groll hinüber in das neue Reich, das glorreich, mächtig und einig dasteht, eine Bürgschaft des Friedens. Das war nicht gut, und darum kommt einer der jungen, der selber mitgeholfen hat in diesem Kampfe, er kommt mit der herzlichen Bitte an die beiden Männer, sie möchten ihren alten verjährten Groll hinüberwerfen auf die andere Seite, wo Haß und Hader, Zank und Streit begraben liegen, hoffentlich für ewige Zeit. Der liebe Gott zeigte ihnen so sichtlich den Weg, er sendete einen gewaltigen Schneesturm und führte dadurch die beiden Männer zusammen an einen Ort, er tat dies am Heiligen Abend vor Weihnachten, zu einer Zeit also, die im ganzen deutschen Lande und weit hinaus, überall, wo nur Deutsche wohnen, den freundlichen Empfindungen der Liebe, der Freundschaft und des Wohlwollens geweiht ist. –

Keine bessere Stunde könnten sie finden, den alten Hader zu begraben und sich versöhnlich die Hände zu reichen, als diese, in der einst die Engel sangen: ›Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!‹«

Eine tiefe Stille herrschte, als Fritz seine Rede beendigt hatte; da setzten draußen wie auf Verabredung die Kirchenglocken ein, das Weihnachtsfest einzuläuten – langsam anschwellend tönten die feierlichen Klänge durch die stille Winternacht. Fritz nahm zwei gefüllte Gläser, das eine reichte er Hella mit den leise geflüsterten Worten: »Bring's meinem Vater!«, das andere gab er Herrn Maifeld, der sich vor Rührung gewaltig räusperte und dem wahrhaftig eine dicke Träne über die gebräunte Wange lief. Herr Dieterling erhob sich schwerfällig vor der jungen Dame, die ihn so lieblich flehend ansah; auch in seinem Gesichte zuckte und arbeitete es wunderlich, und als sie seine Hand ergriff und ihn führte, da folgte er wie willenlos. Maifeld, von Fritz geleitet, kam ihm entgegen, sie stießen an mit den Gläsern und drückten sich die Hände, stumm, aber gewaltig. Endlich gewann Herr Maifeld Macht über sich und fand seine Sprache wieder:

»Ein famoster Kerl, dein Sohn!« sagte er, »solchen möcht' ich woll haben!«

»Na, und so'n schönes, liebes Töchting!« erwiderte Herr Dieterling, »das ließ ich mir auch woll gefallen.«

O wie hell horchte Fritz auf, als er diese Worte hörte! Mit einemmal war er an Hellas Seite, zog sie, die den Kopf an seine Brust schmiegte, an sich und rief: »Dieser Wunsch, liebe Väter, kann auf der Stelle in Erfüllung gehen – wir haben nichts dagegen!«

Die beiden Männer waren ganz starr vor Verwunderung und sahen erst sich, dann das schöne Pärchen an.

»Ne, so'n Racker!« sagte Herr Maifeld endlich.

»So'n Jesuwiter!« fügte Herr Dieterling hinzu, wobei jeder den eigenen Sprößling meinte. Aber was sollten sie machen, überrumpelt waren sie nun einmal, und da die alte Feindschaft plötzlich zu Ende war, so lag auch nicht der geringste Grund dagegen vor. Sie schenkten also die Kinder einander zum Weihnachten, setzten sich behaglich an die reichbesetzte Tafel, und es herrschte Friede und Wohlgefallen.

Nach einiger Zeit kamen der biedere Krischan und der brave Johann, und nachdem sie ihrer Verwunderung Herr geworden, als sie die beiden Parteien so friedlich und einig beieinander fanden, da meldeten sie, daß in einer Stunde etwa die Schlitten vorfahren würden, da dann die Arbeit der Säuberung des Hohlweges beendet sein würde. »Einundtwintig Kierls hebben wi dor bi krägen«, sagte Krischan, »dat schafft! Un dat sniet nich mihr un is ganz stiernklor un barborschen kolt!«

Als die Wirtin zufällig eintrat, da rief Herr Dieterling vergnügt: »Gaud, dat Sei rinkamen, Fru Nägendank, nu gahn S' mal bi un nehmen S' wat Ehr gröttst' Pott is, und den'n maken S' mal vull Krock von Rum, äwer nich tau stark von Water, un'n poor Gläs' bi, un dat geben S' Krischan'n mal mit. Un Krischan, du seggst dei Lühr, sei süllen Herrn Maifelden sin Gesundheit drinken!«

»Un Fru Nägendank«, rief dann Herr Maifeld, »denn nehmen S' mal glik Ehren annern gröttsten Pott und maken S' em vull Krock von Arak, äwer ok nich tau stark von Water, un 'n poor Glas' bi, un dat geben S' minen Johann mit. Un du, Johann, seggst dei Lühr, sei süllen Herrn Dieterling leben laten!«

Die beiden Kutscher grinsten und versprachen diese Aufträge zur Zufriedenheit zu erfüllen.

Nach einer Stunde etwa klingelten die mit frischen Pferden bespannten Schlitten vor der Haustür, die Versöhnten und die Verlobten hüllten sich in Mäntel und Pelze, stiegen in ihre Fußsäcke und fuhren hinaus in die kalte, sternklare Winternacht. Als sie an das Ende des Hohlweges kamen, da standen die Wildingshäger Leute auf der einen, die Braunsberger auf der anderen Seite des Ufers, und die Frau Wirtin mußte wohl zu den Kutschern einiges geschwatzt haben, denn die Männer präsentierten ihre Schaufeln und brüllten, so laut sie konnten:

»Dei jung' Herr sall leben, un dat Frölen ok dorneben, vier Faut hoch!«

»Vier Faut«, sagten sie, denn also übersetzten sie Vivat in ihr geliebtes Plattdeutsch. Aber die, denen dieses Hoch galt, lebten ja viel höher in dem seligen Reiche der Hoffnung und Erwartung holden Glückes. Und ob sie nun auch bald getrennt dahinfuhren durch die blaue, funkelnde Winternacht und den silberglänzenden Schnee, sie trugen in ihren Herzen den jungen Frühlingsmorgen mit rosigem Gewölk und dem Gesange jauchzender Lerchen.

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