Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
August Strindberg: Am Meer - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAugust Strindberg
titleAm Meer
publisherInsel-Verlag
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080303
projectid39c360a5
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Als der Inspektor am nächsten Morgen bei seiner Braut am Kaffeetisch saß, nachdem er ohne weiteres als Schwiegersohn empfangen worden war, empfand er von neuem den gemischten Eindruck stillen Wohlseins, in einen kleinen Kreis aufgenommen zu sein, wo gemeinsame Interessen alle zu unbeschränktem Vertrauen vereinten, und gleichsam eine Angst, gezwungen zu sein, seine Individualität den mannigfaltigen Rücksichten gegenüber aufgeben zu müssen, die Sympathie und verwandtschaftliche Verhältnisse im Gefolge haben. Der gestrige Abend war in sein Leben hineingestürmt, hatte Großes und Kleines von dem, was das Leben darbietet, zusammengemischt; seine ganze Liebesgeschichte, die er sich mit offenen Augen erträumt hatte, war dennoch mit bewußt verbundenen vor sich gegangen. Er hatte sich blind gemacht gegen die erheuchelte oder eingebildete Krankheit des jungen Mädchens, hatte die Augen so fest geschlossen, daß er sich selbst beschwatzt hatte, sie ernsthaft zu nehmen; denn hätte er das nicht getan, sondern von Anfang an geradeheraus gesagt: stehen Sie auf und seien Sie gesund, Sie sind nur in Ihrer eigenen Einbildung krank, dann hätte sie ihn ihr ganzes Leben lang gehaßt, und sein Ziel war ja, ihre Liebe zu gewinnen. Jetzt hatte er sie vielleicht gewonnen, weil sie möglicherweise glaubte, ihn überlistet zu haben; also stand seine Liebe in direktem Verhältnis zu seiner Leichtgläubigkeit, und als er nun am Morgen immer von neuem die Frage wiederholte: glaubst du an Maria? übersetzte sein jetzt ausgeschlafener Verstand diese folgendermaßen: bin ich sicher, daß ich dich überlisten kann? Nein, es gab keine Liebe mit offenen Augen; eine Frau durch Offenheit zu gewinnen, war unmöglich, sich ihr mit erhobener Stirn zu nähern, mit reinen, klaren Worten, hieß sie von sich stoßen. Er war mit einer Lüge in das Verhältnis eingetreten und mußte mit Verstellung fortsetzen. Jetzt, wo sich die Unterhaltung spielend zwischen Kleinigkeiten und Gefühlsausdrücken hinschlängelte, war indessen keine Zeit zum Grübeln, und das Wohlsein, das der Aufenthalt in einem Heim zwischen zwei Frauen erzeugte, war so glatt und weich, daß er sich dem Genuß hingab, der Verhätschelte zu sein, das Kind, der Kleine, der Sohn der Schwiegermutter. Dabei bemerkte er aber nicht, wie die Tochter, die der Mutter schon über den Kopf gewachsen war, die du zu ihr sagte und sie wie ihr Kind behandelte, durch eine leichte Wendung allmählich einen überlegenen Ton ihm gegenüber annahm, der die ihr Ebenbürtige Schwiegermutter nannte. Aber dieser Umschlag in der Ordnung der Natur belästigte ihn, er hatte beständig das Bild des Riesen vor Augen, der die Kinder drei Haare aus seinem Bart zupfen ließ, aber nur drei.

Aber während sie so bei den Kaffeetassen saßen und plauderten, vernahmen sie plötzlich einen Lärm von den Leuten unten am Strande.

Von den Fenstern aus sahen sie die Bevölkerung auf den Hafenmolen versammelt, zuweilen ohne sich zu bewegen, zuweilen mit den Füßen trippelnd, als brenne die Erde unter ihnen, oder als könnten sie vor Unruhe nicht stillstehen.

»Das ist das Wunder«, rief Maria und eilte hinaus, gefolgt von der Mutter und ihrem Verlobten.

Als sie hinausgekommen waren, blieben die Frauen wie von Schreck gelähmt stehen, denn mitten am sonnenhellen Morgenhimmel sahen sie einen leichenblassen, kolossalen Mond stehen, der über einem Friedhof mit schwarzen Zypressen auf der Meeresfläche schwamm.

Der Inspektor, der die Wirkung von diesem Aussichtspunkt nicht berechnet hatte, verstand nicht sogleich den Zusammenhang, sondern wurde selbst leichenblaß infolge der Gemütsbewegung, die immer von etwas Unnatürlichem, etwas Unerwartetem in der sonst so an Gesetze gebundenen Natur hervorgerufen wird. Er eilte an den Damen vorüber, die versteinert dastanden, ohne sich rühren zu können, und kam an den Strand hinab, wo die Bevölkerung versammelt war. In einem Nu fand er die Lösung des Rätsels. Sein Marmorpalast war nämlich unfreiwillig auf der einen Seite von einer vorspringenden, gekrümmten Klippenwand eingefaßt worden und auf der andern Seite von der Krone einer Tanne, so daß die Kalkplatte ein zirkelrundes Aussehen erhielt und mit den viel zu schwach aufgemalten Fenstern der Karte auf der Scheibe des Mondes glich.

Die Bevölkerung, die vorbereitet worden war, daß das Wunder zu der von dem Inspektor festgesetzten Zeit sichtbar werden würde, betrachtete den hervortretenden Mond mit erschreckten, aber ehrerbietigen Blicken, und die Männer lüfteten gegen die Gewohnheit die Mützen.

»Nun, was sagt ihr denn zu meiner Luftspiegelung?« fragte er scherzend.

Niemand antwortete, aber der Oberlotse, der der Mutigste war, zeigte zu der nordwestlichen Himmelsgegend empor, wo der wirkliche Mond bleich im ersten Viertel hing.

So wirkte das Wunderwerk vernichtend, und der mächtige Eindruck, den die beiden Monde bereits hervorgerufen hatten, war zu tief, um durch eine Erklärung ausgelöscht zu werden. Und als der Inspektor einen Versuch machte, dessen Anfang niemand Beachtung schenkte, wohingegen die Leute gleichsam verliebt in ihr Grauen dem Unbekannten gegenüber stehen blieben, gab er es auf, ihren Glauben erschüttern zu wollen. Er hatte ihnen einen Beweis dafür geben wollen, daß weder er noch die Natur die Gesetze brechen könnten, und ein Zufall hatte ihn dennoch zum Zauberer gemacht.

Als er sich umwandte, fand er seine Braut in einem exaltierten Zustand, auf die Mutter gestützt; aber als er sich näherte, riß sie sich los, fiel auf die Knie und rief mit halb wahnsinnigen Gebärden und Worten, die ihm irgendeiner spiritistischen Versammlung entliehen schienen:

»Mächtiger Geist, wir fürchten dich! Nimm unsere Angst von uns, daß wir dich lieben können!«

Die Sache hatte bereits eine bedenkliche Wendung genommen, und der Inspektor wandte seine ganze Beredsamkeit an, um das Wunder zu erklären, das er so unfreiwillig heraufbeschworen hatte, aber vergebens. Der Genuß, betört zu sein, die Lähmung, die die Furcht bewirkt hatte, und das dahinter lauernde falsche Ehrgefühl, das ihr nicht gestattete, den Sinnenbetrug einzugestehen, hatten sich des jungen Mädchens derartig bemächtigt, daß weder Vorstellungen noch Versicherungen halfen. Die Mutter schien mit ihrem unerschütterlichen, ruhigen Gleichmut die Situation nicht zu verstehen und hatte über das beunruhigende Benehmen der Tochter die Naturerscheinung völlig vergessen.

Durch Fräulein Marias Geschrei und Gebärden war die Aufmerksamkeit der Volksmenge unten am Strande von dem Schauspiel draußen auf der See abgelenkt worden; und als sie das junge Mädchen vor dem weißgekleideten Mann mit dem tiefen, finstern Blick, der barhäuptig draußen auf dem Berge stand, knien sahen, mußte ihnen wohl eine Erinnerung aus der biblischen Geschichte von einem jungen Manne vorgeschwebt haben, der Wunder verrichtete, denn plötzlich steckten sie die Köpfe zusammen, fingen an zu flüstern, und auf Aufforderung des Oberlotsen eilte eine der Frauen in die Hütte nebenan und kehrte mit einem dreijährigen Kinde zurück, das eine offene Krebswunde auf der Wange hatte. Mit der Fähigkeit, Luftspiegelungen hervorzurufen, sollte also eine übernatürliche Kraft, Krankheiten zu heilen, im Gefolge stehen.

Die Rolle, die man jetzt dem Inspektor aufzwingen wollte, begann ihn über alle Maßen zu plagen, und als er Fischer, Lotsen und Zollbeamte ihre Beschäftigungen verlassen, Zimmerleute und Tischler mit der Arbeit an der Kapelle innehalten sah, um seinen Worten wie Prophezeiungen mit wundertätiger Kraft zu lauschen, befiel ihn eine Angst wie vor einer Naturkraft, die er selbst heraufbeschworen hatte, aber nicht zu bändigen vermochte. Der Augenblick war indessen gekommen, wo er sich äußern mußte, bestimmt und deutlich, wo er um sich schlagen mußte.

»Ihr guten Leute!« begann er. Aber dann fand sich die Überlegung ein: wie sollte er anfangen, welche Worte sollte er anwenden, da jeder Ausdruck eine Erklärung forderte, die wiederum Vorkenntnisse erheischte, an denen es gebrach. Und in den Sekunden, die verstrichen, während er darüber nachdachte, welch Abgrund zwischen diesen Menschen und ihm lag, hörte er Schritte sich nähern, wandte sich um und sah einen Mann, der einem älteren Seemann auf Urlaub glich.

Der Mann grüßte, indem er einen runden Filzhut lüftete, und sah anfänglich ein wenig verlegen aus; aber dann kam er näher, nahm sich zusammen und wollte gerade etwas sagen, als ihn der Inspektor von der Verlegenheit befreite, indem er fragte:

»Sind Sie etwa der Prädikant von der Mission, den man hier draußen erwartet hat?«

»Ja, der bin ich!« antwortete der Angekommene.

»Wollen Sie nicht ein paar Worte zu den Leuten sagen, die in hohem Maße erregt sind anläßlich eines Naturphänomens, das sie sich nicht erklären lassen wollen und dessen Ursache ich in diesem Augenblick nicht angeben kann«, sagte der Inspektor in seinem Eifer, aus dieser falschen Stellung herauszukommen.

Der Prädikant erklärte sich sogleich bereit, strich seinen langen Bart und zog eine Bibel aus der Tasche.

Als die Leute das schwarze Buch sahen, ging eine Bewegung durch die Menge, und mehrere von den Männern entblößten die Köpfe.

Der Prädikant blätterte eine Weile in dem Buch, räusperte sich und begann zu lesen:

»Und ich sehe, daß es das sechste Siegel auftat; und siehe, da ward ein großes Erdbeben, und die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack, und der Mond ward wie Blut. Und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, gleich wie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von großem Winde bewegt wird. Und der Himmel entwich wie ein zusammengerolltes Buch; und alle Berge und Inseln wurden von ihren Plätzen versetzt. Und die Könige auf Erden und die Großen und die Reichen und die Hauptleute und die Gewaltigen und alle Knechte und alle Freien verbargen sich in den Klüften und Felsen an den Bergen und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallet auf uns und verberget uns vor dem Angesichte des, der auf dem Thron sitzet, und vor dem Zorn des Lammes! Denn der große Tag seines Zorns ist gekommen, und wer kann bestehen?«

Der Inspektor, der sofort bemerkte, welche drohende Wendung die Sache nahm, hatte halb mit Gewalt seine Braut aus der gefährlichen Nachbarschaft weggeführt, hatte sie an den Strand hinabgeleitet und wollte, indem er sie auf einen passenden Aussichtspunkt stellte, ihr zeigen, daß es kein Mond war, der vom Himmel herabgefallen, sondern nur die italienische Landschaft, die er versprochen hatte zu ihrem Geburtstag aufzubauen.

Aber jetzt war es zu spät. Ihr inneres Auge hatte bereits das Wunder in seiner ersten Gestalt gesehen, und die aufregende Auslegung des Prädikanten ätzte die erste Augenverblendung ein. Er hatte mit den Naturgeistern gespielt und, wie er glaubte, einen Feind zu seiner Hilfe heraufbeschworen, und dann waren alle zu dem Feind übergegangen, so daß er jetzt allein stand.

Während Maria noch dastand, den Blick auf den Prädikanten oben auf der Felsklippe gerichtet, wandte er sich versuchsweise an die Mutter und flüsterte:

»Helfen Sie uns hier heraus! Kommen Sie mit uns auf die Schäre hinaus und überzeugen Sie sich, daß es nur eine Spielerei, ein Geburtstagsscherz ist.«

»Ich kann nicht urteilen in dieser Sache, und ich will nicht urteilen«, erwiderte die Kammerrätin. »Aber ich glaube... ihr solltet bald heiraten.«

Dies war ein Rat, ein nüchterner, praktischer, aber von dieser alten Frau, die selbst Mutter war, klang er so klug, namentlich da er seinem eigenen scharfen Verstande zusagte, obwohl er die Lösung ziemlich einfach fand. Aber dem Wink folgend, den er empfangen hatte, ging er geradeswegs auf Maria zu, legte seinen Arm um ihre Taille, sah ihr mit einem Lächeln in die Augen, das sie nicht mißverstehen konnte, und küßte sie gerade auf den Mund.

Im selben Augenblick schien sie befreit von dem Zauberer oben auf der Klippe, und ohne Widerstand, sich auf den Arm des Freundes lehnend, kehrte sie fast tanzend mit ihm in das Haus der Mutter zurück.

»Hab Dank!« flüsterte sie, ihren Blick in dem seinen, »Hab Dank, daß du – wie soll ich es sagen...«

»Dich von dem Bergkobold befreite«, ergänzte Borg.

»Ja, von dem Kobold!«

Und dann wandte sie sich zurück, um die überstandene Gefahr zu sehen.

»Nicht zurücksehen!« warnte der Verlobte und zog Maria durch die Tür, während ein losgelöster Wortstrom von dem Prädikanten durch den Wind zu ihm hinabgeführt wurde.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.