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August Strindberg: Am Meer - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAugust Strindberg
titleAm Meer
publisherInsel-Verlag
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080303
projectid39c360a5
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Fünftes Kapitel

Eine halbe Stunde später saß der Inspektor in dem Segelboot der kleinen Gesellschaft, seine eigene Jolle im Schlepptau, und hatte schon seine Stellung als Begleiter der beiden Damen angetreten, die aus Gesundheitsrücksichten eine Sommerwohnung auf Fiskeskär gemietet hatten und folglich seine Nachbarn sein würden. Die Unterhaltung schlängelte sich angenehm zwischen den drei neuen Bekannten, mit dem etwas überstürzten Eifer, der bei ersten Begegnungen, durch den Wunsch, sich von der vorteilhaftesten Seite zu zeigen, hervorgerufen wird. Am wenigsten Mühe gab sich in dieser Beziehung die alte Dame, die sich Borg als die Mutter der jungen Schönheit vorgestellt hatte. Sie schien nämlich ein Stadium vollendeter Harmonie und Resignation erreicht zu haben, hatte alle scharfen Ecken abgeschliffen, lebte in der Erinnerung und betrachtete deswegen mit halber Gleichgültigkeit das, was sich um sie her bewegte; nichts von außen her erwartend, vorbereitet auf alles, was das Leben an Gutem und Schlechtem bringen konnte, wirkte sie anziehend durch ihr gleichmäßiges sanftes Wesen.

Zwischen dem jungen Mann und dem jungen Mädchen war schon ein Kontakt eingetreten; sie schien zu genießen, indem sie empfing, und er, der so lange darauf gewartet hatte, geben zu können, fühlte seine Kräfte wachsen, als der so lange aufgestaute Überschuß einen Ablauf erhielt. Er teilte denn auch im Laufe einer halben Stunde mit verschwenderischer Hand alles aus, was er an Auskünften gesammelt hatte, soweit sie Interesse für sie haben konnten, die unbekannt waren mit den Verhältnissen, in denen sie eine Zeitlang leben sollten. Er schilderte ihnen alle Vorteile und Mängel der Schäre und malte das Leben dort so lockend, wie es sich ihm in diesem Augenblick abspiegelte – jetzt, wo er nicht mehr allein war. Und das junge Mädchen, das die Schäre noch nicht gesehen hatte, empfing ihre ersten bestimmten Eindrücke von derselben durch seine Schilderungen; sie sah in Gedanken das rote Haus, in dem sie mit ihrer Mutter wohnen sollte, so nett und einladend, wie er wünschte, daß sie es sehen sollte, um sich dort zu gefallen und wohlzufühlen. Und während er sprach, war es ihm, als empfange er etwas Gutes und Stärkendes zurück, als höre er neue Gedanken, neue Gesichtspunkte von diesen Lippen tönen, die halb geöffnet waren, nicht als verschlängen sie, was er bot, sondern als sprächen sie selbst; und wenn diese beiden großen, treuherzigen Augen so bewundernd und staunend zu ihm aufsahen, glaubte er, daß alles, was er sagte, wahr sei, und fühlte mit steigender Selbstachtung neue Kräfte erwachen und alte an Stärke und Ausdauer zunehmen. Und als das Boot gegen den Strand stieß, fühlte er sich wirklich dankbar, wie nach empfangenen Wohltaten in schweren Zeiten, so daß er unwillkürlich einen herzlichen Dank aussprach, während er den Damen aus dem Boot half und ihre Reisetaschen an Land trug.

Das junge Mädchen beantwortete die Artigkeit mit einem »Keine Ursache«, aber auf eine Weise, als ob sie aus ihrem Reichtum ihm etwas geschenkt habe, das nur etwas Unbedeutendes war im Verhältnis zu dem, was sie noch besaß.

Als der Inspektor die Damen nach ihrer neuen Wohnung begleitet hatte, die sich als Ömans Haus erwies, brach die junge Dame, die noch unter dem Einfluß von Borgs verlockender Schilderung stand, in einen Strom von Bewunderung aus. Das verfallene Haus hatte etwas außerordentlich Malerisches in seinem Äußern, denn da war nicht eine gerade Linie vorhanden. Sturm, Salzwasser, Frost, Regen hatten jeden rechtlinigen Umriß gebrochen, und nachdem sich die Mauerbekleidung von dem Schornstein gelöst hatte, glich dieser einem großen Tuffstein. Und noch angenehmer wurde die Überraschung durch das trauliche, altmodisch behagliche Innere. Die beiden Zimmer lagen jedes auf einer Seite des Vorplatzes mit der Küche dazwischen. Die beste Stube oder der Saal war ein geräumiges Zimmer mit dunkelbrauner Tapete, der Rauch und Alter einen sanft wohltuenden Ton verliehen hatten, zu dem alle Farben paßten. Die niedrige Decke, die keinen größeren Tummelplatz für Phantasien frei ließ, zeigte die Balken, die das Bodengeschoß trugen. Zwei kleine Fenster mit angelaufenen alten Scheiben, von der Größe einer Viertelelle, gewährten Aussicht auf das Meer und den Hafen, und die große Lichtmasse von außen wurde angenehm gedämpft durch weiße Tüllgardinen, die Außenstehende hinderten, in die Stube hineinzusehen, ohne das Tageslicht auszuschließen, und die als leichte Sommerwolken über Balsaminen und Geranien in alten englischen Fayencetöpfen mit Königin Viktoria und Lord Nelson in Gelb und Grün herabhingen. Die Möbel bestanden aus einem großen, weißen Klapptisch, einem gustavianischen Bett mit mehreren Schichten schwellender Eiderdaunkissen, einem weißgestrichenen, hölzernen Sofa, einer Schlaguhr von Morafabrikat, einer Kommode aus Birkenholz mit einem Toilettenspiegel aus Erlenwurzel, umgeben von einem Brautschleier, und angefüllt mit einer Menge von Porzellangegenständen. Auf der Kommode stand ein ausgestopfter Papagei unter einer Glasglocke, und an der Wand hingen bunte Lithographien von alttestamentlichen Bildern, unter denen ein paar über dem Bette in weniger passender Absicht aufgehängt zu sein schienen, da das eine Simson und Delila in ziemlich unbekleidetem Zustand, das andere Joseph und Potiphars Frau darstellte. In einer Ecke nahm eine offene Feuerstätte einen ziemlich bedeutenden Platz ein und würde ungemütlich gewirkt haben, wenn nicht der schwarze Schlund mit einer weißen Zuggardine verhüllt gewesen wäre.

Da war Traulichkeit, Idyll und Reinlichkeit.

Die zweite Stube war ebenso wie die erste, enthielt aber zwei Betten und einen Waschtisch und war mit Leistenteppichen ausgelegt, die mit buntem Farbenspiel ein Album von Erinnerungen aus Großvaters Jacke, Großmutters Mantel, Mutters Baumwollkleid und Vaters Uniform aus der Lotsenzeit bildeten. Hier sah man die roten Strumpfbänder der Töchter, gelbe Galons aus der Soldatenzeit der Söhne, blaue Schwimmhosen der Sommerfrischler, Düffel und Englischleder, Baumwollstoff und Beiderwand, Wolle und Jute, aus allen möglichen Moden und Garderoben, von armen wie von reichen Leuten.

Und da drinnen stand ein weißer Schrank mit Malereien auf den Türfeldern: merkwürdige kleine Landschaften, umrahmt von Efeuranken in unechter Bronzefarbe, da waren kornblumenblaue Meeresbuchten, Schilfgruppen und Segelboote, Bäume unbekannter Art aus dem Paradiesgarten oder der Steinkohlenperiode, erregte See mit Wellen so gleichmäßig wie die Pflugfurchen auf einem Kartoffelfelde, ein Leuchtfeuer wie ein Pfeiler auf einem Felsen aus Treppenstein. Alles so naiv wie die Auffassung eines Kindes von der reichen Natur unendlicher Mannigfaltigkeit an Formen und Farben, die nur das ausgebildete Auge sehen kann.

Aber all dies Altmodische, Einfache war gerade der Hauptbestandteil der Kur für das müde Gehirn, das Ruhe in dem Vergangenen suchen sollte. Das ausgeleierte Uhrwerk sollte eine Weile stilliegen und die Feder ihre Spannung entbehren lassen, um wieder Kraft zu gewinnen. Der Verkehr mit den niederen Klassen, der nicht zum Wettstreit in dem Kampf um die Macht anspornte, sondern selbst jeden Tag, jede Stunde die Höherstehenden an ihren teuer erkauften Standpunkt erinnerte, würde die Anspornung vermindern und die Machtbegierigen einlullen in dem Gedanken, daß es doch schon zurückgelegte Stadien gab.

Borg hatte durch seine Beschreibungen die Fremden in dem Grade empfänglich für dies alles gemacht, daß sie ihrer Zufriedenheit mit der neuen Wohnung gar nicht genug Ausdruck verleihen konnten und so davon in Anspruch genommen waren, die Zimmer zu untersuchen, daß sie nicht bemerkten, als sich ihr Begleiter entfernte, um nicht zu stören.


Der Inspektor saß, am Sonntagnachmittag an seinem Fenster und beobachtete, wie die beiden Damen unten in ihrer Wohnung einräumten. Wenn er mit dem Blick ihren weichen und unregelmäßigen Bewegungen folgte, war es ihm, als höre er Musik. Dieselben Modulationen, die eine Reihe zusammenklingender Töne auf dem Trommelfell hervorrufen und auf das Nervensystem verpflanzen, dieselben weichen Vibrationen wurden jetzt durch das Auge geboren und klangen durch die weißen Saiten, die vom Schädel über den Resonnanzboden des Brustkastens gespannt sind, und verpflanzten die Schwingungen durch die Unterlage der ganzen Seele. Ein Gefühl von Wohlsein durchströmte ihn, als er die Wellenlinien dieser Frauenhände während des Auspackens der Reisetaschen sah, aus denen Kleinigkeiten auf Tische und Stühle gelegt wurden, und das dem groben Auge unmerkbare, aber so elastische Heben und Senken der Schultern. Und wenn das junge Mädchen durch das Zimmer ging, entstanden dennoch keine geraden Linien, keine Ecken und Kanten, wenn sie sich umdrehte, keine Winkel, wenn sie sich bückte.

Er war so gänzlich in Anspruch genommen von diesem Beobachten, daß er einen Lärm draußen auf dem Boden, das Knarren von Treppenstufen und das Öffnen von Türen lange nicht beachtete. Er war vertieft in den Anblick der jungen Dame, deren Äußeres ihm so vollendet erschien, freilich mit Ausnahme eines Punktes, an den er sein Auge zu gewöhnen suchte, um ihn nicht zu sehen. Ihr Kinn war nämlich einige Linien zu groß und deutete einen Unterkiefer an, der zu stark war für jemand, der aufgehört hatte, rohes Fleisch zu packen und zu zerreißen; und betrachtete er das Profil, so konnte er in Gedanken eine Hexenphysiognomie zeichnen, wenn einstmals die Zähne der alten Frau sich lösten, die Lippen einfielen und einen stumpfen Winkel bildeten, während die Nase über das vortretende Kinn herabsank. Aber er suchte diese Ähnlichkeit mit dem Raubtier zu überwinden, er verfolgte das Gesicht mit seinem Blick, zeichnete es in der Phantasie um und zwang das Auge, es als Ganzes zu sehen.

Da hörte er Fußtritte und Rufe unten auf dem Hügel, und in wilder Verwirrung erschien Ömans Frau mit einer Schar von Weibern, die im Triumph das zurückeroberte Fischnetz nach den Garnpfählen hinabtrugen.

Er fühlte sofort seine Autorität verletzt, stülpte den Hut auf und ging zu dem Kontrolleur herunter, um seine Hilfe anzurufen, die zu leisten dieser infolge seiner Beamtenstellung verpflichtet war.

Der Zöllner saß am Kaffeetisch und hatte wie gewöhnlich, wenn Vestman auf Fischfang aus war, den Arm um die Taille der Schwägerin geschlungen. Als der Inspektor ins Zimmer trat, ließ er sie los und zeigte, aus Furcht verraten zu werden, größeres Entgegenkommen, als er sonst an den Tag gelegt haben würde. Nachdem er seine Mütze mit dem goldenen Streif aufgesetzt hatte, ging er hinaus, und um sich so recht als der Gerechte zu zeigen, stürmte er auf den Weiberhaufen zu und ergriff das Netz.

»Ihr verdammtes Weibspack, wißt ihr nicht, daß Zuchthaus darauf steht, wenn man Schloß und Siegel des Staates erbricht!«

Die Weiber antworteten im Chor mit einem Strom von Schimpfworten, gleichmäßig auf den Inspektor und den Kontrolleur verteilt; sie scherten sich den Teufel um Schloß und Siegel des Staates, und die beiden Herren wären von einer solchen Beschaffenheit, daß sie selbst zu jeder Zeit ins Zuchthaus kommen könnten.

Jetzt wurde indessen der Kontrolleur allen Ernstes wütend und rief einem Zolldiener zu, er solle den Amtsvorsteher holen.

Bei dem Wort »Amtsvorsteher« strömte Volk zusammen, aus Hütten und Schlupfwinkeln hervorkriechend wie Ameisen, wenn man in einem Haufen wühlt.

Die Bevölkerung schien sofort bereit, Partei für die Weiber zu nehmen, und es fielen drohende Worte. Aber der Inspektor hielt jetzt die Zeit zum persönlichen Eingreifen für gekommen, wenn er nicht unter den Schutz eines Untergeordneten geraten wollte. Er ging deswegen auf den Volkshaufen zu und fragte, was sie wünschten.

Als er keine Antwort erhielt, wandte er sich an die Weiber und sprach in einem höflichen aber bestimmten Ton zu ihnen:

»Da ich euch früher bereits darüber aufgeklärt habe, daß der Reichstag, eure von euch selbst gewählten Vertreter, beschlossen hat, daß die Fischerei zu eurem und eurer Nachkommen Besten geschützt werden soll durch das Verbot, Gerätschaften zu benutzen, die die Fischerei ruinieren, ohne euch irgendwelchen Vorteil einzubringen, und da ihr drei Jahre Frist gehabt habt, um die alten Netze aufzubrauchen, euch aber trotzdem neue angeschafft habt, die im Widerspruch mit dem Gesetz stehen, so habe ich im Namen des Staates die gesetzwidrigen Geräte konfiszieren müssen. Trotz des geltenden Verbots habt ihr jetzt Schloß und Siegel des Staates erbrochen, was Zuchthausstrafe über euch bringen kann. Ich will aber dessenungeachtet Gnade für Recht ergehen lassen, wenn ihr euch fügt und mir gehorcht. Ich frage euch deswegen zum letztenmal: Wollt ihr das Netz gutwillig ausliefern?«

Die Antwort der Weiber war ein erneuter Spektakel und eine Flut von Schimpfworten.

»Nun ja!« endete der Inspektor. »Da ich kein Polizist bin und ihr die Vielen seid, muß ich den Kontrolleur beauftragen, nach dem Amtsvorsteher und seinen Gehilfen zu schicken und gleichzeitig einen Verhaftungsbefehl gegen Ömans Frau ausstellen zu lassen.«

Als er die letzten Worte ausgesprochen hatte, fühlte er zwei warme, weiche Hände seine Rechte umfassen, zwei große kindliche Augen in die seinen sehen, und er hörte eine, Stimme mit dem Tonfall einer Mutter, die um Gnade für ihr Kind fleht.

»Um Gottes willen, seien Sie barmherzig gegen eine unglückliche, arme Frau und tun Sie ihr kein Leid an!« flehte das junge Mädchen, das beim Anfang des Auftrittes aus dem Hause herausgekommen war.

Der Inspektor wollte sich frei machen und sich von den großen Augen abwenden, denen er nicht widerstehen konnte, aber da fühlte er seine Hand fester und fester umschlossen und gegen einen weichen Busen gepreßt, hörte Worte mit einem schmelzenden Tonfall, so daß er schließlich völlig überwunden der Schönen zuflüsterte: »Lassen Sie mich los, dann will ich die Sache fallen lassen!«

Sie gab nun seine Hand frei, und der Inspektor, der in weniger als einem Augenblick seinen Plan gemacht hatte, nahm den Kontrolleur beim Arm und führte ihn nach dem Zollgebäude hinauf, als wolle er ihm einige Befehle geben. An der Tür angelangt, sagte er kurz und bestimmt mit einem Ton, als habe er einen neuen Entschluß gefaßt:

»Ich werde selbst schriftlich mit dem Hardesvogt verhandeln. Haben Sie Dank für Ihre Hilfe.«

Und dann ging er auf sein Zimmer hinauf.

Als er allein geblieben war und seine Gedanken gesammelt hatte, mußte er einräumen, daß seine letzte Handlung die Äußerung niedriger Beweggründe war, indem seine geschlechtlichen Impulse in so hohem Maße bestimmend gewesen waren, daß er sich hatte verleiten lassen, eine gesetzwidrige Handlung zu begehen. Denn es konnte ja keine Rede sein von Mitleid mit diesen verhältnismäßig wohlgestellten Leuten, die Häuser und Fischgründe, Boote und Gerätschaften zu einem Wert von vielen hundert Kronen besaßen und außerdem Steuern von erspartem Kapital bezahlten und von Häusern, die sie vermieteten. Die falsche Vorstellung, daß es eine Frau war, die ihn besiegt hatte, ließ er jedoch nicht Einpaß gewinnen, denn er war sich völlig klar darüber, daß er seiner eigenen Leidenschaft erlegen war, dem Wunsche, etwas bei dieser Frau zu erreichen. Aber der Volksmenge gegenüber war es vorbei mit seiner Autorität, sein Ansehen war erschüttert, und es würde in Zukunft kein Fischerweib, keinen Jungen mehr geben, die sich ihm nicht überlegen glaubten. Das konnte ihm freilich gleichgültig sein, da er kein weiteres Gewicht darauf legte, ob er Macht über diese Menschen besaß oder nicht. Schlimmer erschien es ihm, daß dies Mädchen, welches er, das fühlte er, an sich knüpfen mußte, um glücklich zu werden, vom ersten Augenblick an die Auffassung haben würde, daß sie die Stärkere war, wodurch das Gleichgewichtsverhältnis in einer künftigen Verbindung erschüttert werden würde.

Er hatte wohl früher mancherlei Verliebtheiten und Verbindungen mit Frauen gehabt, aber das Bewußtsein von der Überlegenheit des Mannes über die Mittelform zwischen Mann und Kind, die Frau genannt wurde, hatte er nie lange verbergen können, und daher waren seine Verbindungen nur von kurzer Dauer gewesen. Er wollte von einer Frau geliebt werden, die zu ihm als zu dem Stärkeren aufsehen sollte, er wollte angebetet werden, nicht anbeten, er wollte der Stamm sein, in den der schwache Schoß hineingepfropft werden sollte. Aber er war in einer Periode voll geistiger Krankheiten geboren, in der das weibliche Geschlecht von epidemischem Größenwahnsinn verheert wurde, hervorgerufen durch entartete, kranke Männer und durch politische Unbedeutendheiten, die bei den Abstimmungen der Massen bedurften. Daher war er der Einsame geblieben. Wohl wußte er, daß in der Liebe der Mann der Gebende sein mußte, daß er sich nasführen lassen mußte und daß die einzige Art, wie man sich einer Frau nähern konnte, auf allen Vieren war. Er hatte hin und wieder gekrochen, und solange er kroch, war alles gut gegangen, aber wenn er sich dann schließlich aufrichtete, war die Geschichte vorbei und stets mit einer Menge von Vorwürfen, daß er falsch gewesen, daß er Unterwerfung geheuchelt, daß er nie geliebt habe und so weiter.

Außerdem hatte er, der im Besitz der höchsten intellektuellen Genüsse war und sich als Ausnahmemensch fühlte, kein großes Verlangen nach den niedern Affekten gehabt hatte, nie danach getrachtet, die Grundlage für einen Parasiten zu werden, hatte nie gewünscht, einmal Konkurrenten zu erzeugen, und sein kräftiges Ich hatte sich dagegen aufgelehnt, nur das Mittel für eine Frau zur Fortpflanzung ihres Stammes zu werden, eine Rolle, die er fast alle seine Altersgenossen hatte spielen sehen.

Aber nun stand er trotzdem wieder dem Dilemma gegenüber: eine Frau zu assimilieren, indem er sich assimilieren ließ. Sich zu verstellen oder sein Äußeres ausdrücken zu lassen, was er nicht fühlte, das konnte er nicht; aber er besaß eine bedeutende Fähigkeit, sich seinem Verkehr anzupassen, sich in das Gedanken- und Gefühlsleben anderer hineinzuversetzen, denn bei andern fand er nie etwas anderes als zurückgelegte Stadien, die er selbst durchgemacht hatte, und brauchte infolge davon nur zu Erinnerungen und Erfahrungen seine Zuflucht zu nehmen und seine eigene vorwärtsschreitende Bewegung zu vermindern. Er hatte das Zusammensein mit Frauen stets wie eine Ruhe und Zerstreuung genossen, so wie der Verkehr mit Kindern verjüngt und zerstreut, wenn er nicht zu langwierig wird oder in Anstrengung ausartet.

Nun hatte er den Beschluß, diese Frau zu besitzen, wachsen gefühlt, aber obwohl er Forscher war und wußte. daß der Mensch ein Säugetier ist, so war er sich doch völlig klar darüber, daß die menschliche Liebe so wie alles andere sich entwickelt und Bestandteile höherer seelischer Art in sich aufgenommen hatte, ohne die sinnliche Grundlage zu verlassen. Er wußte genau, wieviel ungesunde Verhimmelung, eingeschmuggelt durch die Reaktion des Christentums gegen das rein Tierische, wegreduziert werden mußte, und er glaubte nicht an Prüderie, ebensowenig wie er einräumte, daß das Ehebett das einzige Ziel für eine eheliche Vereinigung sei. Er erstrebte eine innige, körperliche und seelische Vereinigung, in der er als die stärkere Säure die passive Vase neutralisieren wollte, nicht um, wie in der Chemie, einen neuen indifferenten Stoff zu bilden, sondern im Gegenteil, um einen Überschuß von freier Säure zu schaffen, die der Vereinigung stets ihren Charakter verleihen und bereitliegen sollte, um jeden Befreiungsversuch von der Grundlage zu neutralisieren, denn die menschliche Liebe war nicht eine chemische Verbindung, sondern eine physische, organische und glich der ersteren nur in gewissen Beziehungen. So erwartete er keinen Zuwachs für sein Ich, keinen Zuschuß zu seiner Stärke, nur eine Erhöhung seiner Lebenslust, und statt eine Stütze zu suchen, erbot er sich selbst als Stütze, um seine eigene Stärke zu fühlen und den Genuß zu haben, seine Kraft auszumessen, von seiner Seele in reichstem Maße zu geben, ohne deswegen schwächer zu werden.

Während er in diese Gedanken vertieft dasaß, ließ er den Blick zum Fenster hinausgleiten, und er begegnete sogleich derjenigen, die er suchte, denn das junge Mädchen stand draußen in der Haustür und nahm Händedrücke von Männern und Frauen in Empfang, streichelte Kindern die Köpfe und schien überwältigt von den Gefühlen, die so viele und so öffentliche Sympathie hervorrief.

Welche eigentümliche Sympathie für Verbrecher, dachte der Inspektor, welche Liebe zu den geistig Armen! Und wie gut verstanden sie ihre gegenseitigen Triebe, die sie prahlend Gefühle nannten und die sie für weit besser hielten als klare, ausgetragene Gedanken.

Die ganze Szene war ein solches Gewebe von Absurdität, daß sie nicht erklärt werden konnte, sie spiegelte das Chaotische ab, das die ersten schwachen Versuche zum Erwägen bei diesen Gehirnen und Rückenmarken erzeugte.

Da stand sie, die ihn verlockt hatte, eine Gesetzesübertretung zu begehen, wie ein Engel und nahm Anbetung entgegen. Selbst wenn nun auch die Gesetzesübertretung vom Gesichtspunkt des Volkes aus eine schöne, edle Handlung war, so gebührte doch wohl ihm der Dank dafür, daß er Gnade für Recht ergehen ließ. Aber das fand der Haufe nicht, der wußte, daß der Grund zu seiner Handlung nicht Wohlwollen für die Verbrecher war, sondern vielmehr zärtliche Gefühle für ein junges Mädchen, Galanterie oder die Hoffnung, sie zu gewinnen. Ja, aber der Grund zu ihrem Auftreten konnte ja in diesem Fall der Wunsch gewesen sein, die Sympathie der Menge zu gewinnen, sich beliebt zu machen, Händedrücke einzuheimsen; und der Haufe spielte hier dieselbe Rolle wie das Publikum im Ballsaal, wie die Spaziergänger auf der belebten Promenade. Und sie hatte, vielleicht unschuldig, vielleicht mit Berechnung, wahrscheinlich ein wenig von beidem, ihn durch körperliche Berührung verlockt, eine schlechte Handlung zu begehen, und dafür wurde sie jetzt angebetet. Aber er mußte sie gewinnen und deswegen alle Erwägungen über dies Verhältnis über Bord werfen, und er sah sofort ein, daß er durch dies Medium seine Anschauungen und Pläne in den Haufen hinabverpflanzen, durch diese Leitung mit den Massen in Berührung kommen, ihnen seine Wohltaten aufzwingen, sie zu seinen Vasallen machen konnte. Nachher konnte er dann dasitzen und wie eine Gottheit über ihre Torheit lachen, wenn sie sich einbildeten, selbst ihr eigenes Glück geschaffen zu haben, obwohl sie doch von seinen Gedanken, seinen Plänen erfüllt waren und die Treber von seinem Bräu aßen, dessen starken Malztrunk sie nie genießen sollten. Denn was kümmerte es ihn, wieweit diese öden Schären einem halbverhungerten, überflüssigen Volksstamm Nahrung gewährten oder nicht; welch Mitleid konnte er wohl mit seinen natürlichen Feinden haben, die die unbewegliche Masse vertraten, die erstickend auf seinem Leben gelastet, sein Wachstum gehindert hatte, die selbst jeder Spur von Mitleid untereinander ermangelte und die mit dem Haß des wilden Tieres ihre Wohltäter verfolgte, deren Rache nur in neuen Wohltaten bestand.

Es sollte sein großer Genuß werden, unbemerkt, als Narr betrachtet, dazusitzen und das Schicksal dieser Menschen zu lenken, während sie glaubten, daß sie ihn unterjocht, ihm die Hände gebunden hatten. Er wollte sie mit Blindheit schlagen, den Toren das Gesicht verdrehen, so daß sie sich einbildeten, daß sie ihm überlegen waren und er ihr Diener sei.

Während diese Gedanken geboren wurden und zu einem starken Beschluß heranwuchsen, pochte es an die Tür, und auf Borgs »Herein« erschien der Kontrolleur, um eine Einladung der Damen zu einer Tasse Tee zu überbringen.

Der Inspektor dankte und versprach zu kommen.

Nachdem er Toilette gemacht und darüber nachgedacht hatte, was er sagen und nicht sagen sollte, ging er hinab.

Im Beischlag begegnete er Fräulein Maria, die mit übertriebener Wärme seine Hände ergriff, sie drückte und gerührt sagte:

»Haben Sie Dank für das, was Sie für eine arme Frau taten! Das war edel! Das war groß!«

»Nein, mein gnädiges Fräulein, es war nichts von beiden,« entgegnete der Inspektor sofort, »denn es war von meiner Seite eine schlechte Handlung, die ich bereue, und nur die Artigkeit gegen Sie hat sie mir eingegeben.«

»Sie machen sich selbst schlecht, aus lauter Höflichkeit«, erwiderte das Fräulein, da die Mutter im selben Augenblick herzukam.

»Ach, Sie sind ein guter Mensch!« sagte diese mit der unerschütterlichsten Überzeugung und lud den Inspektor in die beste Stube, wo der Tee angerichtet war.

Ohne sich weiter auf grundlose Fragen einzulassen, trat er ein. Und nun sah er mit einem Blick, wie die einfache Einrichtung der Fischerstube mit dem Abfall eines abgenutzten städtischen Luxus gekreuzt war. Da waren vergilbte Alabastervasen auf die Kommode gekommen, Photographien in das Fenster zwischen die Blumen, ein gepolsterter Lehnstuhl mit Kretonne und Messingnägeln in die Ecke bei der Feuerstätte, und einige Bücher auf einen Sofatisch um eine Moderateurlampe.

Es war sehr nett angeordnet, aber mit einer ängstlichen, mathematischen Genauigkeit, alles symmetrisch, aber trotzdem ein wenig schief und krumm, wo das Gegenteil beabsichtigt worden war. Das Teeservice aus altem sächsischen Porzellan mit Goldrändern und kirschrotem Namenszug war hier und da gesprungen und am Kannendeckel gekittet. Nachdem er das Bild des verstorbenen Familienvaters betrachtet hatte, entdeckte er leicht – ohne fragen zu brauchen –, daß der Selige Beamter gewesen war, und er verstand, daß die Damen der Klasse »pauvres honteux« angehörten.

Die Unterhaltung berührte zuerst all das Äußere, auf das das Auge fallen konnte, ging darauf zu dem Ereignis des Tages über und kam dabei zu der Bevölkerung. Der Inspektor hörte sogleich heraus, daß sich die Damen für die Angelegenheiten anderer interessierten und in einer krankhaften Unruhe für das Wohl der niederen Klassen lebten. Da er gemerkt hatte, daß die Damen durch seine Aufrichtigkeit ein wenig beleidigt worden waren, und da es nicht seine Absicht war, sie zu verletzen, indem er seine eigenen Anschauungen hervorhob, drehte er sogleich bei und ließ sich mit dem Strom treiben. Zuweilen leistete sein innerer Mensch Widerstand, und da wollte er eine kleine Gegenbemerkung oder Aufklärung wagen, aber dann war es, als ob sich ein Paar weiche Hände auf seinen Mund legten, als schlängen sich ein Paar runde Arme um seinen Hals, so daß das Wort erstickt wurde. Und im übrigen waren die Anschauungen hier so felsenfest, alles war so abgemacht, alle Fragen so durchgearbeitet, und die Damen lächelten nur freundlich, mild nachsichtig, wenn sie bei ihm einen Zweifel über ihre Grundsätze lasen, die so anerkannt waren, daß sie der Beweise nicht bedurften. Aber dann glitt die Unterhaltung auf den moralischen und geistigen Zustand der Bevölkerung über, und hier war der Inspektor auf der Höhe der Situation. Er schilderte mit Wärme die Roheit, die Trunkenheit und die Prügelei am Vormittage, beklagte den großen Mangel an Aufklärung und erzählte schließlich Auftritte, die auf das vollständigste Heidentum hindeuteten. Er erwähnte, wie die Fischer auf Steinen Opfer darbrachten, Büchsen mit Blei von den Kirchenfenstern luden, von Thors Böcken sprachen, wenn es donnerte, und von Odins wilder Jagd, wenn die Wildgänse im Frühling gezogen kamen, wie die Bevölkerung tiefer drinnen auf den Inseln die Elstern ungestört ihren Kücken den Garaus machen ließ, weil sie es nicht wagte, die Elsternnester herunterzureißen aus Angst vor Rache.

»Ja,« warf die Kammerrätin ein, – so ließ sie sich auf einer Reisetasche nennen, die noch unter einem der Tische stand, – »ja, das ist nicht ihr Fehler, hätten sie nicht einen so langen Weg zur Kirche, so würde es ganz anders aussehen.«

So weit waren die Gedanken des Inspektors nicht gekommen, aber plötzlich ging es ihm auf, welche Großmacht er zum Bundesgenossen bekommen konnte, und indem er den Gedankensamen entwickelte, der heute morgen beim Anblick des Gottesdienstes an Bord des Kanonenbootes in ihm gekeimt war, rief er mit wahrer Begeisterung aus:

»Nun, man kann ja aber ein Missionshaus zu sehr billigem Preis bekommen. Was meinen Sie, wenn ich an den Vorstand der Mission schriebe?«

Die Damen ergriffen den Gedanken mit großem Eifer; sie wollten selbst an die Innere Mission und an einige Vereine schreiben, machten den Vorschlag, einen Basar zu veranstalten, kamen aber wieder davon ab, da es hier draußen kein tanzendes Publikum gab.

Der Inspektor räumte indessen alle Schwierigkeiten aus dem Wege, erbot sich, das Geld vorzuschießen und das Gebäude zu bestellen, das man fix und fertig aus einer Fabrik beziehen konnte, wenn die Damen nur einen Laienprediger schaffen wollten; man sollte doch, fügte er hinzu, namentlich im Anfang, versuchen, einen Mann von der scharfen Sorte zu bekommen, der die Bevölkerung ordentlich in die Mache zu nehmen und eine erweckende Bewegung ernstester Art ins Leben zu rufen vermochte – etwas Halbes würde hier durchaus nicht am Platze sein.

Die Damen machten einige schwache Einwendungen und empfahlen liebevollere Mittel, aber der Inspektor bewies, daß die Furcht das Grundelement sei, auf das die erste Erziehung aufgebaut werden müsse, später könne man mit Liebe kommen.

Ein großes gemeinsames Interesse hatte diese Seelen zusammengeschweißt, während sie an der großen Liebesesse geglüht wurden, und sie redeten sich allmählich in eine überwältigende Barmherzigkeit mit allem Lebenden hinein, drückten sich die Hände und schieden unter Segnungen und Glückwünschen in Anlaß dessen, daß das Schicksal drei gute Menschen zusammengeführt hatte, die in Einigkeit für das Wohl der Menschheit arbeiten wollten.

Als der Inspektor herauskam, schüttelte er sich, als wolle er sich von Staub befreien; er hatte dasselbe Gefühl, das er einmal gelegentlich eines Besuchs in einer Mühle gehabt hatte: ein gewisses Wohlbehagen, alle Gegenstände mit einem weichen, halbweißen Mehlton überzogen zu sehen, der Eisen, Holz, Leinwand, Glas zu einem Akkord zusammenstimmte, dasselbe Gefühl von Wollust wie beim Berühren von Schlössern, Geländern, Säcken, die wie alles mit glattem Mehlstaub überpudert waren; aber gleichzeitig wurde es ihm so schwer zu atmen, er hatte das Bedürfnis zu husten, das Taschentuch zu benutzen.

Und doch war es ein angenehmer Abend gewesen. Diese unmerkliche Wärmestrahlung von der Mutter, die die Gedanken auftaute, dieser Dunstkreis von Innigkeit und Barmherzigkeit bei dem jungen Mädchen, der ihn verjüngte, dieser Kinderglaube an das, was in seiner Jugend das naive Ideal der Zeit war: das, was daniederlag, zu heben, das Verkrüppelte, das Kranke und Schwache zu beschützen, alles etwas, das, wie er wußte, sich in direktem Widerspruch mit dem befand, was zum Glück und Fortschritt der Menschheit diente, und das er instinktiv haßte, da er sah, wie alles Starke, jede Äußerung von Originalität von den stiefmütterlicher behandelten Naturen verfolgt wurde. Und nun sollte er einen Bund mit ihnen eingehen gegen sich selbst, an seinem eigenen Untergang arbeiten, sich zu dem Niveau des Erbfeindes herabsenken, Teilnahme für ihn heucheln, die Kriegskasse des Feindes füllen!

Der Gedanke an die Genüsse, die diese Kraftprobe spenden würde, berauschte ihn, und er ging an den Strand hinab, um in Einsamkeit sich selbst wiederzufinden. Und wählend er in der stillen, warmen Sommernacht im Sande wanderte, wo er seine Fußspuren von früheren Spaziergängen wiederfand, wo er jeden Stein kannte, wußte, wo die und die Pflanze stand, fühlte er, daß das alles ein ganz anderes Aussehen gewonnen, eine neue Gestalt angenommen hatte, ganz andere Eindrücke hervorrief, als da er am Tage vorher denselben Weg gegangen. Es war eine Veränderung eingetreten, etwas Neues war hinzugekommen. Er konnte nicht mehr das große Einsamkeitsgefühl hervorrufen, in dem er sich gleichsam allein der Natur und der Menschheit gegenüber befand, denn es stand jemand neben ihm, jemand hinter ihm. Die Isolierung war aufgehoben, er war an die banale Wirklichkeit festgelötet, es hatten sich Fäden um seine Seele gesponnen, Rücksichten begannen seine Gedanken zu binden, und die Angst, andere Anschauungen zu nähren, als seine Freunde nährten, schlug ihre Klauen in ihn. Und das Glück auf einer unwahren Grundlage aufzubauen, wagte er nicht, denn nachdem er das Haus bis an den Dachfirst aufgebaut hatte, konnte ja alles auf einmal zusammenstürzen, und dann wurde der Fall größer, der Schmerz tiefer; und doch mußte das geschehen, wenn er sie gewinnen wollte, und das wollte er mit der ganzen felsenbrechenden Kraft des Mannesalters. Sie zu sich emporheben? Wie sollte das zugehen? Er konnte sie nicht aus einer Frau in einen Mann umwandeln, sie nicht von unüberwindbaren Trieben befreien, die ihr Geschlecht in sie niedergelegt hatte; er konnte ihr ja auch nicht seine eigene Erziehung geben, die einen Zeitraum von über dreißig Jahren gewählt hatte, ihr nicht die Entwicklung schenken, die er durchgemacht, die Erfahrungen, die Studien, die er sich erkämpft hatte. Aber dann mußte er sich ja zu ihr herabsenken, und der Gedanke an dies Hinabsteigen quälte ihn als das größtmögliche Übel: sinken, zurückgehen, wieder von vorne anfangen, was übrigens unmöglich war. So blieb ihm denn nur übrig, sich doppelt zu machen, sich zu spalten, eine leichtfaßliche und ihr zugängliche Persönlichkeit zu schaffen, den verblendeten Liebhaber zu spielen, ihre Unterlegenheit bewundern zu lernen, sich in eine Rolle hineinzugewöhnen, so wie sie sie haben wollte, um dann in der Stille sein anderes halbes Leben heimlich für sich selbst zu leben, mit dem einen Auge zu schlafen und das andere offen zu halten.

Ohne es zu bemerken, war er auf die Höhe hinaufgekommen und sah nun die Lichter unten im Fischerdorf schimmern, hörte wilde Schreie, Jubelgegröle über den besiegten Feind, der die Kinder und Kindeskinder der Schreier aus der Armut hatte herausheben, ihre Arbeit verringern, ihnen mehr Genüsse hatte geben wollen. Und im selben Nu erwachte wieder das Begehren in ihm, diese Wilden gezähmt zu sehen, die Thoranbeter die Knie beugen zu sehen vor dem weißen Christus, die Riesen von den lichten Asen besiegt zu sehen. Der Barbar muß das Christentum wie ein Fegefeuer durchmachen, muß Ehrerbietung vor der Macht der andern lernen; die Völkerwanderung mußte ihr Mittelalter haben, ehe sie zu der Renaissance des Denkens und der Revolution des Handelns hindurchgelangen konnte.

Hier auf der höchsten Bergkuppe der Schäre sollte die Kapelle errichtet werden, ihre kleine Turmspitze sollte über den Ausguckturm und die Flaggenstange emporragen und aus weiter Entfernung den Seefahrenden einen Gruß bringen, um sie daran zu erinnern, daß ...

Hier hielt er inne und besann sich. Und ein Lächeln glitt über sein bleiches Gesicht, als er sich herabbeugte und vier Gneisbrocken aufsammelte, die er in einem Rechteck von Osten nach Westen hinlegte, nachdem er dreißig Schritt in der Länge und zwanzig in der Breite ausgemessen hatte.

Welch vorzügliches Landmal für die Seefahrenden, dachte er, als er hinabging, um Ruhe zu suchen.

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